Am 18. September lud die Professur für Chemiedidaktik interessierte Osnabrücker:innen zur Experimentiermeile 2026 auf den Ledenhof ein. Neben zahlreichen Projekten aus den Naturwissenschaften waren auch das am IMIS angesiedelte Projekt “FuturMig – Wissenschaftsraum ‘Zukünfte der Migration'” und das Transferprojekt des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” vertreten und gewährten den Besucherinnen und Besuchern Einblicke in die Arbeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer.
Foto: Johannes Pufahl.
Mehr als 40 Stände reihten sich am 18. September auf dem Ledenhof aneinander, betreut von Experimentierfreudigen aus Kindertagesstätten und Schulen über die Universität bis hin zu Osnabrücker Unternehmen. Unter dem Motto “Getragen von der ganzen Stadt” zeigten die Aktiven Experimente für alle Altersgruppen und ließen die Besucher:innen auch selbst Hand anlegen.
FuturMig präsentierte unter dem Titel “OUT of the Box” die Lebensgeschichten von fünf Personen. Anhand von Gegenständen, die Umbruch, Halt und Zukunft symbolisieren, diskutierten Vera Hanewinkel, Feline Engling Cardoso und Philipp Schäfer mit den Besucher:innen darüber, was ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Lebensgeschichten verbindet, und wie eine gerechte Zukunft für alle aussehen könnte. Auf einer gemeinsamen Pinnwand konnten die Besucher:innen ihre konkreten Forderungen und Visionen miteinander teilen.
Links: Annika Heyen im Gespräch mit SFB 1604-Kollegin Helen Schwenken. Rechts: Tim Ott mit Lukas Hennies beim VR-Experiment (Fotos: Jessica Wehner).
Das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” hatte seine VR-Brillen im Gepäck und ließ die Besucher:innen der Experimentiermeile an seinem Experiment “Changing Places” teilhaben. In diesem bekommen Proband:innen digitale Versionen des Osnabrücker Friedenssaals in Virtual Reality zu sehen. Das Experiment geht der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung und das Identifikationspotenzial von historisch aufgeladenen Orten verändern, wenn sie anders aussehen als gewöhnlich.
Weitere Möglichkeiten zur Teilnahme am VR-Experiment bieten sich jeweils mittwochs am 7. Oktober, 21. Oktober und 28. Oktober von 12 bis 18 Uhr im Foyer des Studierendenzentrums (StudZ) auf dem Campus Innenstadt. Eine Terminbuchung ist hier möglich.
Einladungsflyer zum VR-Experiment “Changing Places” am 7.10., 21.10. und 28.10., jeweils von 12 bis 18 Uhr (Grafik: Annika Heyen).
Am 27. und 28. Juni waren beim NGHM-Team Kolleg:innen aus Wien, Graz und Nottingham zu einem SFB 1604-Workshop unter dem Titel „Forced Migrants, Agency and the Production oder Migration“ zu Gast. Nachdem bereits im April bei einem ersten Meeting gegenwärtige Agency-Modelle und historische Perspektiven auf die Handlungsmacht von Geflüchteten und Zwangsmigrant:innen diskutiert worden waren, diente dieses zweitägige Treffen unter Leitung von Prof. Dr. Kerstin von Lingen (Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien) und Prof Dr. Christoph Rass (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien & SFB 1604 der Universität Osnabrück) einem vertieften Austausch über die Konzeptualisierung von Agency bei der Produktion von (Zwangs-)Migration im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Die gemeinsame Tagung der Arbeitsgruppen aus Wien und Osnabrück spiegelt eine enge Kooperation im geteilten Forschungsfeld der globalen Displacement-Krise im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Möglich wurde das Treffen durch Unterstützung seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Österreichischen Fonds für Wissenschaft und Forschung, der ERC Research Group GLORE (Wien) sowie des SFB 1604 (Osnabrück).
Den Aufschlag machte Dr. Philipp Strobl (Universität Wien) am Donnerstag Abend, 27. Juni, mit seinem öffentlichen Gastvortrag „Navigating Through Refugee Agency: Methodological Considerations from a Historical Perspective“. Am Beispiel jüdischer Flüchtlinge in Australien von den 1930ern bis in die 1950er Jahre ging er der Frage nach, wie verschiedene Konzepte von Agency in der historischen Fluchtforschung zum Einsatz kommen können. Seine Fallstudie zeigte die individuelle, kollektive und „Proxy“-Dimension der Agency von Geflüchteten bei der Aushandlung ihres (Aufenthalts-)Status und ihrer weiteren Lebensperspektiven auf.
Dr. Philipp Strobl während seiner Guest Lecture “Navigating Through Refugee Agency: Methodological Considerations from a Historical Perspective” (Foto Jessica Wehner)
Am Freitag, 28. Juni, lag der Fokus auf der Diskussion von Beiträgen für eine gemeinsam geplante Special Issue, die von Prof. Dr. Kerstin von Lingen, Dr. Philip Strobl (beide Universität Wien) sowie Prof. Dr. Christoph Rass herausgegeben wird. Nach einer kurzen Begrüßung durch Prof. Dr. Kerstin von Lingen und Prof. Dr. Christoph Rass, eröffnete letzterer den Tag mit einem Beitrag zu „Conceptualizing the Agency of Forced Migrants Past and Present: A Dialogue across Disciplines“. Im Anschluss erhielt Annika Heyen mit ihrem Vortrag „Production of non-action as an Expression of Agency within the emerging Modern Refugee Regime: The Bermuda Conference“ die Möglichkeit zu zeigen, dass Agency nicht nur in Handlung, sondern auch in dem bewusstem Unterlassen bzw. Vermeiden von Handeln sichtbar werden kann.
Panel Nr. 1: Christoph Rass, Annika Heyen und Kerstin von Lingen (Fotos NGHM)
Franziska Lamp (Universität Wien) untersuchte in ihrem Vortrag „Negotiating Different Layers of Agency in DP-Camps in Post-war Austria: The Interactions between Displaced Persons and UNRRA/IRO-Staff“, wie DPs als „DP-Workers“ Einfluss auf ihre Lebensumstände nehmen konnten. Jessica Wehner schloss sich mit der Vorstellung der Biographie des in Osnabrück lebenden als muslimisch gelesenen DP Abdulkhalik Aleskerow an, dem es über Veränderungen seines Narrativs über seine Herkunft und seine Überlebensstrategie während des Krieges – Kollaboration als mit dem NS-Regime – gelungen war, sich in den 1950ern gegen seine Abschiebung aus Deutschland zu wehren und sich Bleibeperspektiven zu erstreiten („Disputed (non)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945 to 1956“).
Im Gegensatz dazu zeigte sich der Versuch von Akteur:innen, durch widersetzliches Handeln und eigenständige Mobilität Einfluss auf ihre Lebensverläufe zu nehmen, in Samantha Knaptons (University of Nottingham) Fallstudie zu „Voting with their Feet: The (attempted) Return of Polish Displaced Children to UNRRA camps in Occupied Germany“.
Panel Nr. 2: Samantha Knapton, Franziska Lamp und Jessica Wehner (Fotos NGHM)
In ihrem Beitrag „Jewish Refugees and Trafficking in Girls After 1945“ unternahm Susanne Korbel (Universität Graz) den Versuch, rekurrierende, antisemitisch gefärbte Topoi über “Mädchenhändler” mit der Präsenz jüdischer Flüchtlinge in Österreich zu verknüpfen. Jiayi Tao (Universität Wien) brachte eine außereuropäische Perspektive in die Diskussion ein, indem sie in ihrem Vortrag „From Patriots to Unwanted Refugees: Strategies of Displaced Non-Elite Chinese in Second World War China“ die Agency chinesischer Displaced Persons in der Aushandlung von Kategorien und Kategorisierungspraktiken aufzeigte.
Konstantin Schischka (Universität Wien) schloss mit seinem Beitrag „The Interwar Legacy: A Spatial Perspective on Shifting Borders, Displacement, Refuge, and Resettlement“ die Vorträge des Workshops ab. Mit einer datengestützten Visualisierung diskutierte sein Vortrag Zusammenhänge zwischen den Herkunftsorten von Displaced Persons im Territorium des vormaligen Österreichisch-Ungarischen Imperiums, ihren Wegen durch das DP-Lagersystem nach 1945 und den Ambiguitäten ihrer Kategorisierung in diesem Migrationsregime.
Panel Nr. 3: Susanne Korbel, Jiayi Tao und Konstantin Schischka (Fotos NGHM)
In der abschließenden Diskussion arbeiteten die Teilnehmenden als Bilanz der beiden Workshoptage die zentrale Erkenntnis heraus, dass die die Agency von Akteur:innen in der Produktion von (erzwungener) Migration verschiedene und zum Teil unerwartete Formen annehmen kann. Ausgangspunkt sind nicht selten erfolgreiche Versuche durch Handeln, Verweigerung oder Resilienz und ein Lesen der Organisationen und kollektiven Akteure in Migrationsregimen durch die forced migrants navigieren. Der Dialog zwischen klassischen Agency-Modellen, neueren Perspektiven der Flucht- und Flüchtlingsforschung sowie en Perspektiven der Historischen Migrationsforschung erweist sich bei der Analyse dieser Zusammenhänge durchaus als produktiv. Als Desiderate für kommende Workshops zeigten sich einerseits ein schärferer Fokus auf die in Organisationen der Mobilitätsregulierung arbeitenden Individuen, andererseits eine eingehendere Reflexion von Kategorien und Sprache in multilingualen Migrationsverhältnissen und einer internationalisierten Migrationsforschung.
Links: Rundgang über den Uni Campus; Rechts: produktives Denken und Diskutieren über die Agency von Flüchtlingen und Migrant:innen; Unten: Die Teilnehmer:innen des Workshops (Fotos: Kerstin von Lingen und NGHM)
Der Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück