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Willamette Depesche #3 | Wer benennt wen? Salem, Woodburn und Portland.

Die dritte Woche meiner Archivreise führte mich von Salem über Woodburn nach Portland: zwei Archive und zwei Gespräche. Auf die Frage dieser Reise, wer Arbeitsmigration wie, wann, warum und mit welchen Folgen benennt und so die ›Figuren der Migration‹ produziert, hat die Woche drei Antworten gebracht. In Salem werden die Menschen als Rechtsfigur und als Kostengröße benannt: ›alien workers‹. In Woodburn erklärt sich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen die so Bezeichneten selbst sprechen. Und in Portland liegt ein staatlicher Bericht von 1957, der festhält, mit welchen Wörtern die unterschiedlichen Gruppen von Landarbeiter:innen der Latino/Latina-Community einander in den 1950er Jahren belegten.

Die Arbeit im Staatsarchiv von Oregon beginnt (cr).

Die zweite Depesche endete in Corvallis, in den Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes der Oregon State University, der in Oregon das Bracero-Programm administrativ organisiert hat, die von 1942 bis 1964 laufende Anwerbung mexikanischer Landarbeiter über ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Von der ausführenden Behörde geht es nun auf die politische Ebene, auf der über solche Programme entschieden wurde, von der Frage also, wie eine Kategorie im Vollzug aussieht, zu der Frage, wer darüber entscheidet, welche Kategorien prozessrelevant werden sollen. Für den Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹, einen Osnabrücker Forschungsverbund zur Entstehung und Wirkung von Migrationskategorien, verfolge ich dabei die Figuren, unter denen Arbeitsmigration verwaltet, bestritten und erinnert wird, also Zuschreibungen wie ›bracero‹, ›guest worker‹ oder ›alien worker‹.

Salem: ›Alien Workers‹

Der Montagvormittag gehörte dem Staatsarchiv von Oregon in Salem, einer Abteilung im Amt des Secretary of State, das trotz des Titels natürlich kein Außenressort ist: Der Amtsinhaber wird in Oregon direkt gewählt und verantwortet neben Wahlen und Rechnungsprüfung auch das Archivwesen. Bestellt hatte ich zahlreiche Archivkartons aus den Akten der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt; den zweiten Bestand konnten mir die Archivarinnen vor Ort gleich vollständig digital zum Download zur Verfügung stellen!

Einen ersten spannenden Befund bietet das Frühjahr 1979. Das Büro des Gouverneurs verhandelt damals eine Gesetzesinitiative, die den Gouverneuren die Feststellung übertragen soll, ob einheimische Arbeitskräfte verfügbar sind, jene Feststellung also, von der die Zulassung ausländischer Arbeitskräfte in die Landwirtschaft abhängig gemacht werden soll. Die Akte bezeichnet die Menschen, um die es geht (vor allem Zuwandernde aus Mexiko), durchgehend als ›temporary alien workers‹. Bob Oliver, der Rechtsberater des Gouverneurs, stellt am 30. April 1979 in einem Memo mit dem Betreff ›Alien Workers‹ zwei Dinge gegeneinander, den Ärger mit den Gewerkschaften und den Zugewinn an Zuständigkeit für den Bundesstaat:

»On the one hand, you as Governor would be accepting a hot potato — a responsibility which might cause you to take actions displeasing to organized labor. On the other hand, my philosophy is that we should seize every opportunity to exercise authority at the state or local level.«

Atiyeh schreibt drei Tage später an Mark O. Hatfield, den Senator Oregons im Kongress, er selbst billige das Konzept, und ergänzt eine Verfahrensbitte: Es fehle eine Regelung, nach welcher Methode ein Gouverneur die Verfügbarkeit einheimischer Kräfte festzustellen habe, wünschenswert wären »uniform methods among the states«. Das Thema des Vorgangs ist nicht, wer kommt und unter welchen Bedingungen, sondern wer den Bedarf für die Rekrutierung feststellt und nach welchem Verfahren.

Der zweite Befund liegt drei Jahre später. 1982 verhandelt der Kongress über den Entwurf von Senator Alan Simpson und dem Abgeordneten Romano Mazzoli, der neben Arbeitgebersanktionen bei Beschäftigung illegalisierter Arbeitskräfte und einer Legalisierung von deren Aufenthalt auch neue Regeln für befristete ausländische Landarbeit vorsah; die Initiative scheitert in diesem Anlauf, die Reform der Migrationsgesetzgebung der USA sollte erst 1986 als Immigration Reform and Control Act zum Gesetz werden. Am 4. November 1982 schreibt derselbe Bob Oliver in diesem Zusammenhang ein Memo an Gerry Thompson im Büro des Gouverneurs:

»Estimates of the number of illegal aliens in the United States vary from 3 to 12 million, and in Oregon from 6,000 to 50,000. Up to now, this issue has directly impacted the Governor’s office primarily on occasions when the Immigration and Naturalization Service attempts to round them up, and we are contacted by ranchers and farmers, and other employers, who express concern about ›harrassment‹ of their workers who are legal residents. …«

Die Hauptsorge benennt das Memo selbst: »I believe our main concern ought to be fiscal impact on state government«. Unter der Annahme von 20.000 im Bundesstaat lebenden ›illegal aliens‹ rechnet die Sozialverwaltung im Fall einer Legalisierung für den Zweijahreshaushalt 1983 bis 1985 mit 3,2 Millionen Dollar an Sozialhilfe- und Bildungskosten im General Fund, dem allgemeinen Landeshaushalt. Ihre für die Sozialhilfe zuständige Abteilung, die Adult and Family Services Division, empfiehlt im beiliegenden Briefing Paper die Ablehnung, »because of the substantial financial burden that it will present to the state and local governments«. In der Zuarbeit an den Gouverneur läuft die Linie 1982 damit auf ein Nein zu Simpson-Mazzoli hinaus, begründet allein mit den Kosten für die Inklusion legalisierter Eingewanderter in die Sozialsysteme.

Ein drittes Schlaglicht zeigt, wie die Verwaltung ihre Grenzen definierte. 1979 rät die Employment Division, die Arbeitsverwaltung des Bundesstaates, davon ab, dass dieser das CETA-303-Programm in eigener Regie übernimmt, mit dem der Bund die Arbeitsförderung für Wander- und Saisonarbeitskräfte finanzierte. Der Vermerk begründet das damit, dass viele der Betroffenen spanischsprachig seien und solche Programme traditionell Organisationen getragen hätten, deren Mitarbeiter:innen einen ähnlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund hätten wie die Menschen, um die es gehe: »The Employment Division has no such identification«. Die Behörde hält damit selbst aktenkundig fest, dass sie die spanischsprachige Bevölkerung nicht erreicht, während in Woodburn seit 1977 eine Organisation dieses Typs arbeitet, das Willamette Valley Immigration Project.

Woodburn: die Risberg Hall

Am Nachmittag desselben Montags habe ich in Woodburn mit Larry Kleinman und Ramón Ramírez gesprochen, zwei der Gründer von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen in Oregon. Wir saßen in der Risberg Hall, einem Saal der Gewerkschaft, und schon der Ort erzählt Organisationsgeschichte: Er trägt den Namen von Kleinmans Großeltern Edward und Sonia Risberg. Beide waren Mitglieder des International Workers Order, einer linken Selbsthilfe- und Versicherungsorganisation von Einwanderer:innen.

PCUN ging aus ebenjenem Willamette Valley Immigration Project von 1977 hervor und wurde 1985 als Gewerkschaft gegründet. Die Entscheidung, mit der Rechtshilfe zu beginnen und erst danach gewerkschaftlich zu organisieren, fiel am Colegio César Chávez in Mount Angel, dem ersten akkreditierten, von Chicanos getragenen vierjährigen College in den Vereinigten Staaten, das die zweite Depesche kurz thematisiert hat.

Der Besuch im PCUN-Hauptquartier in Woodburn, OR, ein Höhepunkt der Archivreise (cr).

Larry Kleinman hat den Rahmen der Gewerkschaftsarbeit der PCUN im Gespräch so beschrieben: Landarbeiter:innen seien (nach wie vor) vom nationalen Tarifrecht ausgenommen, und Oregon kenne kein Verfahren, das Agrarbetriebe zur kollektiven Tarifverhandlung verpflichte. Eine Organisation, die unter diesen Bedingungen arbeite, erzeuge Druck über Boykotte, Öffentlichkeit, Prozesse und Gesetzgebung; für ihre Stellung gebe es inzwischen einen eigenen Ausdruck, ›labor adjacent‹, eine Organisation also, die wie eine Gewerkschaft arbeitet, ohne deren Verfahrensrechte zu haben. In der Phase, die für meine Fragestellung vorrangig relevant ist, von den 1980er bis zu den frühen 2000er Jahren, trugen erst das Immigration Project und dann PCUN den regionalen Widerstand gegen die Anläufe, ein Anwerbeprogramm für die Landwirtschaft neu einzurichten. Seit 2011 liegen die Akten der Bewegung an der University of Oregon in Eugene, wo ich meine erste Archivwoche verbracht habe. Dass es diesen Bestand gibt, führen Ramírez und Kleinman auf ihren Mitstreiter Cipriano Ferrel zurück, der früh darauf bestanden habe, dass die Gruppe Geschichte mache und sich entsprechend verhalten müsse; das erfordere die Bildung eines eigenen Archivs. Das ist der Befund der Woche für die zweite Frage dieser Reise: Neben den Wörtern verfolge ich, wie Bestände zu Migration und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen überhaupt entstehen, in Archive gelangen und zugänglich werden.

Auch auf die Frage der ersten beiden Depeschen, mit welchen Wörtern diese Arbeitsmigration bezeichnet wurde und wer die Wörter setzte, haben meine beiden Gesprächspartner eine spannende Antwort: Dass die Bewegung in den 1980er Jahren ›bracero‹ auf die Schilder schrieb und nicht ›guest worker‹, erklärte Kleinman aus der gelebten Erfahrung: ›Bracero‹, das Wort für die so angeworbenen Vertragsarbeiter, sei greifbar gewesen und habe in der Community einen Widerhall gehabt. Ramírez ergänzte, die Erinnerung an das Programm sei in den Familien geblieben, denn die Betroffenen seien die Väter und Großväter derer gewesen, die in Oregon geboren wurden und den Kampf gegen Diskriminierung in den 80er und 90er Jahren weiter trugen. Die Parole einer Kundgebung von 1997, ein ›guest worker program‹ sei legalisierte Sklaverei, erscheint von hier aus weniger als Zuspitzung denn als der entlarvende Verweis darauf, dass ein reines Relabeling rassistische Praktiken und Zuschreibungen nicht beseitigt, sondern nur tarnt.

Portland: die Oregon Historical Society

Das letzte Archiv im Arbeitsplan gehört der Oregon Historical Society (cr).

Von Dienstag bis Freitag habe ich in der Research Library der Oregon Historical Society (OHS) gearbeitet, der Bibliothek eines privaten, gemeinnützigen Geschichtsvereins von 1898, der zugleich die größte Sammlung zur Geschichte des Bundesstaates verwahrt (Engeman 2026). Für die Archivstudie interessiert mich an diesem Haus vor allem, wie es mit seiner eigenen Sammlungsgeschichte umgeht. Auf der Bestandsseite der Bibliothek steht dazu das Wesentliche: Die frühen Erwerbungen hätten »the pioneer, settler-colonial experience« in den Mittelpunkt gestellt, und »the biases and omissions of our early collecting continue to remain evident across the library’s collections«.

Dagegen setzt die Bibliothek zweierlei: eine Erwerbungspolitik, die künftig eine größere Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven abbilden soll, und die Überarbeitung der Verzeichnung, also der Beschreibungen, über die ein Bestand auffindbar wird. Für diese Überarbeitung gilt der Ausdruck ›reparative cataloging‹, und sie verlangt, mit den Communities zu klären, wie sie sich selbst bezeichnen, und den Zugang zur Überlieferung gegen mögliche Verletzungen abzuwägen.

Wie weit die Historical Society die eigene Position reflektiert, zeigt exemplarisch eine zweite Entscheidung. Zwei Wochen nach dem rassistischen Doppelmord in einer Portlander Stadtbahn im Mai 2017 beschloss der Beirat der Oregon Historical Quarterly, mit den Mitteln der Zeitschrift auf das zu antworten, was die Zeitschrift selbst als Zunahme öffentlich auftretender Ansprüche auf Weiße Vorherrschaft beschrieb. 2019 erschien das Themenheft White Supremacy & Resistance, herausgegeben von Darrell Millner und Carmen Thompson. Dem Beirat, der den Band begleitete, gehörte neben anderen Natalia Fernández an, die Kuratorin der Oregon Multicultural Archives, mit der ich in der Vorwoche in Corvallis gesprochen habe. »The OHQ special issue is not neutral on the subject of White supremacy«, heißt es dazu in einem Blogbeitrag des Hauses ausdrücklich, und seit Februar 2021 stehen die zwölf Aufsätze des Bandes frei im Netz.

Am Freitag habe ich mit Brian Stauffer, dem Library Director, über Sammlungspolitik, Öffnung und diese besondere Trägerschaft gesprochen. Die Auswertung dieses Gesprächs gehört in meine Archivstudie und wird in mein Buch über Archive in Migrationsgesellschaften einfließen.

Die Akten des Stella Maris House

Der stärkste Portland-Befund liegt in der Sammlung des Stella Maris House, einer katholischen Laienorganisation für soziale Arbeit in Portland (Mss 1585), die am Donnerstag auf den Tisch kam, nachdem ich einen zweiten Tag in Salem gestrichen hatte. Ihre Mappen vermittelten mir Einblicke in die Situation der 1950er und 1960er Jahre.

Die Akten des Oregon AFL-CIO liegen ebenfalls bei der OHS, blieben aber für meine Studie weitgehend befundlos (cr).

Die älteste Schicht ist ein Bericht des Oregon Bureau of Labor, der Arbeitsbehörde des Bundesstaates, aus dem Jahr 1957: ›Vamonos pal Norte (Let’s Go North). A Social Profile of the Spanish Speaking Migratory Farm Laborer‹. Er dankt namentlich Landarbeiter:innen, die Auskunft gegeben haben, darunter »Susana R. Luckenbough, Portland University student, who has been a migrant farm worker for the past 20 years«. Für 1957 zählt er eine spanischsprachige Wanderarbeiterschaft von 11.000 bis 12.000 Personen in Oregon, dazu für das zurückliegende Jahr 800 über ein internationales Abkommen angeworbene ›Mexican Nationals‹. Er unterscheidet durchgehend zwischen ›imported laborer‹, den über das Abkommen Angeworbenen, und ›domestic laborer‹, den im Land ansässigen spanischsprachigen Landarbeiter:innen, und er hält fest, mit welchen Wörtern die beiden Gruppen einander belegten:

»The imported laborer and the Spanish-speaking laborer working in the same area frequently create a general feeling of antagonism and jealousy. This is essentially based in the following contributing factors: (1) imported laborer appears to have better living and working conditions (2) imported laborers develop or inspire more community interest and acceptance (3) domestic laborer calls imported labor ›surumatos‹ which is a derogatory term to describe the people from interior Mexico. And, imported laborer calls domestic labor ›pochos‹ which is also derogatory term for natives or residents of Spanish-speaking background …«

Die zweite Depesche hat gezeigt, wie eine Behörde die Menschen nach Herkunft und Rechtsstatus sortiert. Hier stehen die Wörter, mit denen die Bezeichneten einander bezeichnen: ›surumatos‹ für die aus dem Inneren Mexikos Angeworbenen, ›pochos‹ für die schon in den USA Ansässigen, Sortierungen nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit, die neben den staatlichen Kategorien herlaufen und eigene Kriterien haben. Und die Rangfolge, die der Bericht festhält, verläuft umgekehrt zu der, die später gegen Anwerbeprogramme ins Feld geführt wird, wonach gerade die Vertragsarbeiter die Rechtlosesten auf dem Feld sind: Den Vertragsarbeitern werden hier die besseren Unterkünfte und die größere Aufmerksamkeit der Gemeinden zugeschrieben, während die Einheimischen das Nachsehen haben.

Fünf Jahre jünger ist ein Rundbrief des National Advisory Committee on Farm Labor vom Februar 1962. Das Komitee, eine nationale Reformkoalition mit Sitz in New York, erklärt darin, warum es im Nordwesten kaum noch Vertragsarbeiter unter Public Law 78 gibt, dem Gesetz, das seit 1951 die Grundlage des Bracero-Programms bildete:

»Ten years ago the employment of Mexican workers under Public Law 78 in the Pacific Northwest was widespread. Wages were very low and living conditions in many places were intolerable. This changed as state and federal employment officers began making concerted efforts to ensure that farm employers were actually trying to attract domestic workers. … As wages rose, the ›shortage‹ of domestic labor disappeared and bracero labor in the Northwest became rare.«

Das ist, rund drei Jahrzehnte früher, das ökonomische Argument der Kampagnen, mit denen die Bewegung in den 1990er Jahren gegen neue Anwerbepläne stritt: Der behauptete Mangel an einheimischen Arbeitskräften verschwindet, sobald der Lohn steigt. Auf der einen Seite steht die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auf der anderen die Beschaffung ausbeutbarer Arbeitskräfte.

Warum Oregon in diesem System eine Sonderstellung hatte, erklärt ein Mitarbeiterblatt des Oregon Employment Service, der staatlichen Arbeitsvermittlung, von 1964. Roscoe West, in der Behörde für die Vermittlung von Landarbeit zuständig, referiert darin eine nationale Farm-Labor-Konferenz vom Februar 1964, auf der das Auslaufen von Public Law 78 angekündigt wurde; 1963 waren noch »almost 187,000 Mexican nationals, or braceros« ins Land gekommen. West wendet sich an die Erzeuger des eigenen Bundesstaates: Oregon habe zuletzt nur etwa 350 Vertragsarbeiter im Jahr beschäftigt, sei aber Jahr für Jahr auf fast 20.000 einheimische Wanderarbeiter:innen angewiesen. Sie kämen aus genau den Staaten, die am stärksten Braceros beschäftigt hätten, und diese Staaten würden künftig stärker um ihre eigenen Arbeitskräfte werben, also mit Oregon konkurrieren. »Oregon may be at the end of the chain, but the chain reaction will still affect the last link.«

Eine weitere Schicht von Befunden verbindet Portland mit Salem. In einer Sammlung von Pressemeldungen liegen drei Artikel des Oregonian, der Portlander Tageszeitung, vom 2. Mai 1967 nebeneinander: zum Mindestlohnentwurf, zur Inspektionspflicht für Wanderarbeiterlager und zu Arbeitsminister Willard Wirtz, der die Ausnahme der Landarbeiter:innen vom Tarifrecht »an affront to the American principle of equal justice under the law« nennt. Den Mindestlohnentwurf bringt in der ersten Meldung ein Staatssenator namens Victor Atiyeh durch den Ausschuss, derselbe Atiyeh, dessen Gouverneursakten zwölf Jahre später in Salem über ›alien workers‹ verhandeln.

Atiyeh, 1923 in Portland geboren, war selbst das Kind von Eingewanderten aus dem Osmanischen Reich, aus dem heutigen Syrien und dem Libanon, und mit ihm bekleidete zum ersten Mal ein ›Arab American‹ ein Gouverneursamt in den Vereinigten Staaten (Moore 2025). In den Salemer Vorgängen, die ich gesehen habe, kommt davon nichts vor; Herkunft ist dort eine Kategorie für die Verwalteten.

Jobs with Justice, 2006

Ein Sprung um vier Jahrzehnte, und in einen anderen Bestand der Oregon Historical Society: die Akten von Portland Jobs with Justice, einem Bündnis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die dessen Zusammenarbeit mit Einwandererorganisationen für die Jahre 2006 bis 2014 dokumentieren. Hier hat der Ausdruck ›guest worker‹, dem diese Reise gilt, seine Bedeutung verändert. Eine undatierte Zusammenstellung von Themen, Zielen und Prioritäten für den Dialog mit Community Organizations nennt »Overcoming divisions around guest worker programs« und, unter den bundespolitischen Vorhaben, »Creating guest worker programs where undocumented workers are treated fairly«. Eine E-Mail vom Juni 2006 sammelt Einwände für Workshops mit Gewerkschaftsmitgliedern, darunter den Satz, ein solches Programm setze nur die Strategie der Reagan-Jahre fort, den Arbeitsmarkt mit Arbeitskräften zu fluten und die Gewerkschaften zu brechen. Was ein Jahrzehnt zuvor als Anklage auf den Schildern der PCUN stand, wird hier als eine Position unter mehreren geführt, die in moderierten Gesprächen zu bearbeiten ist.

Ein erster Eindruck

Der Ertrag der Woche verweist auf die Strukturierung der Überlieferung. Der Staat verhandelt die Sache als Verfahrens- und Kostenfrage und führt die Menschen als ›alien workers‹, als Rechtsfigur und Haushaltsposten. Die Bewegung bewahrt ihre Unterlagen auf und schafft sich damit ihre eigene Überlieferung und eine Stimme in der Produktion von Geschichte; den Anstoß gab Cipriano Ferrels Beharren darauf, dass die eigenen Quellen wichtig sind. Der Geschichtsverein hält, was zwischen diesen beiden Akteuren liegt, von der katholischen Sozialarbeit bis zur Gewerkschaftskoalition, und arbeitet öffentlich an den Lücken und Biases, die seine eigenen Anfänge im Archiv festgeschrieben haben.

Der Bericht von 1957 fügt dem die Erweiterung hinzu, die für die Frage nach der ›Produktion von Migration‹ die wichtigste dieser Woche ist: Die Kategorienarbeit endet nicht an der Grenze der Community. ›Surumatos‹ und ›pochos‹ sortieren dieselben Felder, die der Staat mit ›Mexican Nationals‹ und ›alien workers‹ ordnet, nur nach eigenen Kriterien, nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit statt nach Rechtsstatus. Wer die Figuren der Migration untersucht, hat es deshalb nicht nur mit einer Verwaltung zu tun, die kategorisiert, und einer Bevölkerung, die kategorisiert wird, sondern mit einem Feld, auf dem viele Akteure ›Figuren der Migration‹ produzieren.

Abschied von Oregon

Mein letztes Bild dieser Reise zeigt den Scanner, mit dem ich drei Wochen gearbeitet habe, auf einem leeren Tisch. Alle Akten gelesen? Kaum. Drei Wochen bin ich dem Ausdruck ›guest worker‹ nachgegangen, und am wenigsten stand er dort, wo das Anwerbeprogramm verwaltet wurde: In den Mappentiteln des Extension Service in Corvallis fehlt er, und ›bracero‹ fehlt dort ebenfalls, obwohl derselbe Dienst das Programm ausgeführt hat; im Büro des Gouverneurs in Salem heißen die Menschen ›alien workers‹. Die Bewegung, die in den 1980er Jahren gegen die Pläne für ein neues Anwerbeprogramm kämpfte, identifizierte indes ›guest worker‹ schon früh als eine Übersetzung aus Europa, die einem Relabeling der Zuwanderung aus Mexiko dienen sollte. PCUN selbst gebrauchte die Kategorie nie für die Bezeichnung von Arbeitsmigrant:innen; die Gewerkschaft verweigerte genau jene sprachliche Finte, deren sich die Politik im politisch-medialen Diskurs rund um die Reform der Migrationsgesetze bedienen wollte. ›Guest worker‹ wird 1997 mit voller Wucht zur Vokabel im politischen Kampf, als Anklage auf einer Kundgebung gegen ein neues Reformpaket: ein solches Programm sei legalisierte Sklaverei. Ein knappes Jahrzehnt darauf führt ein Bündnis von Gewerkschaften und Einwandererorganisationen in Portland denselben Ausdruck in seinen Arbeitspapieren, und zwar zweifach: als Ziel, ein solches Programm fair einzurichten, und als Einwand, es setze nur die Lohndrückerei der Reagan-Jahre fort. Ob sich dieser Weg des Ausdrucks in den Beständen so nachzeichnen lässt, wie es die ersten Schlaglichter aus drei Wochen hektischer Archivarbeit nahelegen, entscheidet die Lektüre der Akten in Osnabrück.

Die Vielstimmigkeit, um die die Bibliothek in ihrer Verzeichnung ringt, ist übrigens im Museum des Hauses schon zu besichtigen. Die Dauerausstellung ›Experience Oregon‹, eröffnet im Februar 2019, hat die Oregon Historical Society gemeinsam mit neun indigenen Nationen des Bundesstaates erarbeitet. Deren Vertreter:innen stellten dabei eine Bedingung, die den Rundgang prägt: Am Anfang der Ausstellung zu stehen, weil sie zuerst da gewesen seien, genüge nicht, denn sie seien immer noch da. Seither kehrt die Erzählung immer wieder zu ihren Stimmen zurück. Die Ausstellung zeigt auch, was schmerzt, eine Kapuze des Ku-Klux-Klan etwa, hinter Glas. »Our job is to tell the truth. We’re not the tourism bureau«, hat Direktor Kerry Tymchuk diese Haltung gegenüber der Presse zusammengefasst.

Vor dem Haus, auf den South Park Blocks, ist auch etwas Bemerkenswertes zu sehen. Dort stand seit 1922 ein Reiterstandbild Theodore Roosevelts; im Oktober 2020 haben Demonstrierende es bei einer Protestaktion zum Indigenous Peoples Day niedergerissen, ebenso wie ein Standbild Abraham Lincolns wenige Schritte weiter. Roosevelt ist seither eingelagert; das Lincoln-Standbild wurde 2025 restauriert und wartet auf die Wiederaufstellung. Die Stadt hat entschieden, beide an ihre alten Standorte zurückkehren zu lassen, aber mit neuen Tafeln zur Einordnung. Über deren Inhalt wird 2026 noch öffentlich beraten.

Ich habe die Leerstelle fotografiert, denn sie führt vor, was der Sonderforschungsbereich in seinem Transferprojekt mit DOMiD, dem Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, digital erprobt: In einer Anwendung dieses Projekts, dem ›Place Changer‹, gestalten Nutzer:innen reale Orte am Bildschirm um, um auszuprobieren, wie Erinnerungslandschaften anders aussehen könnten und wer über sie bestimmt. In Portland ist dieses ›place changing‹ keine Simulation. Eine Stadtgesellschaft verhandelt am Ort selbst, wen sie im öffentlichen Raum erinnert, und die Leerstelle ist der Stand der Verhandlung.

Literatur

  • Engeman, Richard: Oregon Historical Society, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 6. Februar 2026 (dort die Rechtsform des Hauses).
  • Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024 (dort die Einordnung des College).
  • Moore, Jim: Victor Atiyeh (1923–2014), in: The Oregon Encyclopedia, Stand 7. März 2025.
  • Millner, Darrell / Thompson, Carmen (Hg.): White Supremacy & Resistance, Themenheft der Oregon Historical Quarterly, Winter 2019 (seit Februar 2021 frei zugänglich).
  • The Oregon Historical Society Refuses to Gloss Over the Ugly Parts of the State’s Past, in: Willamette Week, 10. Februar 2021 (dort die Angaben zur Entstehung von ›Experience Oregon‹ und das Zitat von Kerry Tymchuk).
  • City of Portland: What’s happening with the City’s monuments?, portland.gov, Stand August 2026 (dort der Stand zu den Standbildern Roosevelts und Lincolns).
  • Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
  • Rass, Christoph: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis, in: NGHM@UOS, 15. August 2026, DOI 10.58079/16ny4.

Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis.

Auf dem Campus der OSU in Corvallis (cr)

Die zweite Woche meiner Reise führte nach Corvallis. Im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University liegen die Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der das Bracero-Programm in Oregon verantwortet hat. Zwischen 1942 und 1947 kamen über dieses Programm 15.136 Männer aus Mexiko in den Bundesstaat, während die Anwerbung bundesweit bis Ende 1964 lief. Der amerikanische ›guest worker‹ ist eine Übersetzung des deutschen ›Gastarbeiter‹, und geläufig wurde der Ausdruck in den Vereinigten Staaten erst um 1980, als er gebraucht wurde, um zugewanderte Menschen aus Mexiko neu zu kategorisieren, nämlich als Arbeitskräfte auf Zeit, die keine Einwanderer sein sollten. Diese neue Figur der Migration wurde dabei in zwei Richtungen in Stellung gebracht: für die Programme, über die in den 1980er Jahren gestritten wurde, und zugleich rückwirkend als Projektion auf das Bracero-Programm, das nun ›guest worker program‹ heißen sollte. Für den Sonderforschungsbereich 1604 in Osnabrück arbeite ich an diesem Verhältnis zwischen der Sache und ihren Benennungen, die die soziale Wirklichkeit der Migration stets koproduzieren, und in Corvallis liegen die Akten aus der Zeit, in der um ebendiese Wirklichkeit schon gerungen wurde, nur unter anderen Namen.

Der Bestand

Wichtigster Bestand, die Akten des Extension Service (cr)

Meinen Besuch an der OSU hat Natalia Fernández vorbereitet, die am Special Collections and Archives Research Center die Oregon Multicultural Archives kuratiert. Am 24. Juni schrieb sie mir den Satz, mit dem die Arbeitshypothese für die Woche gesetzt war: In Oregon habe der Extension Service das Programm verwaltet, »however, Bracero Program related materials were not labeled as such, and this collection is quite large (137 cubic feet)«. Das sind, einen Archivkarton je Kubikfuß gerechnet, gut vierzig laufende Meter Regal, in denen der Gegenstand nicht ausgewiesen ist. Wer ihn sucht, muss also lesen, was die Behörde stattdessen geschrieben hat.

Vor der Anreise konnten mir die Archivar:innen schon zwei Bände des Hop Press digital zugänglich machen, eines Newsletters für Hopfenfarmer, den der Extension Service »for the convenience of County Agents« zusammenstellte, also für die Beratungsstellen in den Counties, über die er die Betriebe erreichte.

1951: Mexican nationals

Die Ausgabe vom 3. Juli 1951 warnt unter der Überschrift »FOOLING WITH FIRE« davor, sich auf Arbeitskräfte ohne Vertrag einzulassen, und erinnert an die geregelte Anwerbung der Kriegsjahre:

»Mexican nationals, some years ago, rendered admirable assistance to hop growers in Oregon and elsewhere. It should be remembered, however, that they were recruited under inter-governmental pacts insuring ›prevailing wage,‹ housing, insurance, and other emoluments.«

Für die Menschen, die auf diese Weise ins Land kamen, hat dieser Artikel eine einzige Bezeichnung: Mexican nationals, also ihre Staatsangehörigkeit. Der Artikel stellt dieser Bezeichnung die ungeregelte Anwerbung seiner Gegenwart gegenüber, nachdem die staatlich organisierte Vermittlung nach Oregon 1947 zunächst ausgelaufen war (Garcia 2023):

»Proponents of the peons say they do not argue, agitate, or complain and labor long for as low as 20 cents an hour.«

Peons heißen hier die Landarbeiter:innen aus Mexiko, die ohne Vertrag eingereist sind, und die Stelle lässt sich so lesen, dass die versprochene Fügsamkeit durch ihren unsicheren, oft illegalisierten Rechtsstatus bedingt ist. Ein weiterer Beitrag desselben Jahrgangs zitiert die Corvallis Gazette-Times vom 22. Juni 1951: »300 ›Wetbacks‹ Get Boot From Northwest.« ›Wetback‹ ist in dieser Zeit das gängige, rassistisch konnotierte Schimpfwort für illegalisierte Arbeitskräfte aus Mexiko. Herkunft und Arbeit sind dieselben wie bei den zuvor Angeworbenen; der veränderte Rechtsstatus ermöglicht Ausbeutung und rassistisches Labeling.

Wieder ist der Dokumentenscanner wichtigster Ausrüstungsgegenstand (cr)

Fünf Merkmale liegen damit 1951 beisammen, die drei Jahrzehnte später den ›guest worker‹ ausmachen werden: zwischenstaatliche Anwerbung, garantierter Lohn, gesicherte Unterkunft, Versicherung, dazu die Trennung der Vertragsarbeit von der illegalisierten Arbeit. Ein Wort dafür gibt es im amerikanischen Sprachgebrauch zu diesem Zeitpunkt nicht. Auf die Arbeitsmigration ins eigene Land wird ›guest worker‹ erst seit den späten 1970er Jahren angewendet, und in die amtliche Sprache kommt der Ausdruck 1980, als ein Regierungsbericht ihn als »a literal translation of the German word Gastarbeiter« einführt (Rass 2023: 18 und 39). 1951 ist die Sache präsent, nicht aber schon die Bezeichnung; die Figur hat noch andere Benennungen.

1953: Mexican help

Die Ausgabe vom 20. Mai 1953 allerdings gibt eine Meldung des Hermiston Herald weiter, aus dem Osten des Bundesstaates, denn das Rundschreiben bediente die Hopfenbetriebe in ganz Oregon. Fünfunddreißig Männer sind mit dem Bus in Hermiston angekommen, abgeholt am 1. April in Mexicali, angeworben für die Hopfengärten; die Zeitung nennt sie »swarthy«, dunkelhäutig. Das Verfahren wird wieder in allen Einzelheiten beschrieben: ein Vertrag zwischen der amerikanischen und der mexikanischen Regierung, ein Stundenlohn von etwa neunzig Cent einschließlich aller Leistungen, eine staatlich vorgeschriebene Versicherung, dazu die Begründung, kurzfristig seien keine Arbeitskräfte zu bekommen gewesen. Für die Männer selbst hält die Meldung drei Ausdrücke bereit, Mexican Nationals in der Schlagzeile, dazu Mexican laborers und Mexican help, und ein Verb: Die Farm habe »imported Mexican help«. Benannt werden die Neuankömmlinge über Herkunft, sozialen Stand und, erneut rassifizierend, über die Hautfarbe.

Das Findbuch

Das vorläufige Findbuch der Extension Service Records, das rund 2.500 Mappentitel für die Jahre 1903 bis 2011 verzeichnet, führt die Nomenklatur dieser Verwaltung vor. Die Arbeit benennt sie über Jahrzehnte hinweg: ›Farm Labor‹ für 1943, ›Farm labor emergency: General‹ für die Jahre 1943 bis 1947, ›Annual Report, Extension Farm Labor‹ für 1944, ›Agricultural labor‹ für 1966 bis 1973. In keinem dieser Titel steht, woher die Menschen kamen, die diese Arbeit verrichtet haben, denn Mexican, bracero, Hispanic, Latino und immigrant kommen unter den Mappentiteln des Findbuchs überhaupt nicht vor.

Die Arbeitenden erscheinen als Gruppe in genau sechs Titeln, die alle zwischen 1965 und 1975 liegen: ›Rural Areas Poverty Programs: Migrant Programs‹ von 1965, ›Valley Migrant League‹ für 1965 bis 1968, ›Chicano-Indian Study Center of Oregon‹ für 1971 und 1972, ›Migrant labor (housing)‹ von 1972, dazu ›Migrant programs‹ und ›Minorities‹, beide von 1975. Drei davon nennen ein Programm oder eine Einrichtung beim Namen, die Armutsprogramme für ländliche Räume, die Valley Migrant League und das Chicano-Indian Study Center. Eine eigene Mappe bekommen diese Menschen also dann, wenn ein Bundesprogramm sich an sie richtet und Rechenschaft verlangt. Ohne einen solchen Anlass führt der Dienst sie nicht als eigene Größe. Nach 1975 kommt kein solcher Titel mehr.

Einschlägige Sachakten laufen weiter, bis 1998, unter ›Civil Rights Act of 1964, Counties‹ und unter einem ›Cooperative Extension System National Center for Diversity‹. Im Inneren der Mappen kommen die Menschen weiterhin vor, in Berichten und in Statistiken, als Betreff verschwinden sie. Ein ›Civil Rights and Equal Employment Opportunity Data Form‹ vom August 1974 zeigt, in welcher Gestalt dabei Rechte erscheinen: als Nachweispflicht gegenüber einer vorgesetzten Stelle, als auszufüllende Erhebung und nicht als Anspruch, den jemand erhebt. Das ist zunächst ein Befund über die Ablage einer Behörde und nicht über das Archiv, denn die Titel eines Behördenbestands stammen in der Regel aus dessen eigener Registratur. Wie viel davon in Corvallis später hinzugesetzt wurde, gehört zu den Fragen, die ich mitnehme.

Eine Fotosammlung

Bilder dieser Männer gibt es dennoch, und sie stammen aus dem Extension Service selbst. Wer heute nach Aufnahmen von ›braceros‹ in Oregon sucht, findet eine Online-Sammlung der Universität, seit Oktober 2002 im Netz. Lawrence Landis, der die Digitalisierung vorgeschlagen hat, und Natalia Fernández beschreiben sie zehn Jahre später so: »The Braceros in Oregon Photograph Collection is an artificial collection«, damals mindestens 102 identifizierte Aufnahmen, für die Digitalisierung aus fünf Fotobeständen herausgesucht (Landis/Fernández 2012: 22 f.). Als Bestand hat es diese Sammlung nie gegeben.

Derselbe Aufsatz nennt die Herkunft der Bilder. Um das Programm durchzusetzen und Befürchtungen in der Bevölkerung zu zerstreuen, habe der Extension Service Werbematerial und sogar Radiosendungen produziert, woran Landis und Fernández den Satz knüpfen: »It was in part due to these efforts that we now have a printed and photographic record of Braceros in Oregon« (ebd.: 22).

Damit ist diese Überlieferung zweimal hergestellt worden, in den 1940er Jahren als Werbung für das Programm und sechs Jahrzehnte später als digitale Sammlung. Was von diesen Männern heute am leichtesten zu sehen ist, verdankt sich zum Teil der Kampagne für das Programm, das sie geholt hat.

Natalia Fernández

Am Nachmittag des 12. August habe ich mit Natalia Fernández über diese Sammlung gesprochen. Sie betreut die Oregon Multicultural Archives seit Ende 2010, ein Archiv, das 2005 eingerichtet wurde und nach seiner Selbstbeschreibung die Geschichten der »African American, Asian American, Latino/a, and Native American communities« Oregons dokumentieren soll.

Sie nennt die Fotosammlung eine kuratorische Entscheidung und verweist darauf, dass im Findmittel vermerkt werde, wenn eine Sammlung künstlich zusammengestellt worden ist. Zwischen passivem und aktivem Sammeln unterscheide sie ausdrücklich, denn ein Archiv wie die Oregon Multicultural Archives einzurichten heiße, künftig Überlieferung herzustellen. Sie bezieht die eigene Position ein: Archivar:innen verfügten über erhebliche Macht, und wäre die Stelle anders besetzt, sähen die Bestände anders aus.

Was sie über das Sammeln sagt, reicht bis in die Verzeichnung: Auch die Betreffe, unter denen die Behörde ihre Akten ablegte, hat jemand vergeben, und nach welchen Kriterien, ist nirgends vermerkt. Zuletzt trifft es meine eigene Arbeit. Bestellt habe ich die Kartons mit den Suchwörtern meines Fachs, ›bracero‹, ›Mexican‹, ›immigrant‹; gefunden habe ich das Material erst, als ich stattdessen mit den Wörtern der Behörde gesucht habe, mit ›farm labor‹ und seinen Verwandten. Dass die Begriffe der Migrationsforschung an diesem Bestand ins Leere laufen, ist deshalb kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache, in der wir heute nach diesen Menschen fragen, ist nicht die Sprache, in der die Verwaltung sie geführt hat, und eben dieser Abstand ist auch ein Gegenstand meines Projekts.

Fehlanzeigen

Auf 632 Seiten Hop Press steht weder ›bracero‹ noch ›guest worker‹. Bei ›guest worker‹ ist das erwartbar, bei ›bracero‹ nicht, denn mit diesem Wort, das vom spanischen brazo für Arm kommt, wurden die angeworbenen Arbeiter schon während des Programms bezeichnet (Garcia 2023), und bis heute ist es der Schlüsselbegriff der Erinnerung an sie; die digitale Sammlung der Universität trägt es im Namen. Die Erinnerung führt also ein Wort, das die Registratur nicht kennt. Wer von der Sammlung zu den Akten wechselt, muss das Vokabular wechseln, und diese Lücke gehört zum Befund über eine Behörde, die das Wort für die Menschen nicht führte, deren Arbeit sie organisierte. Die Auszählung folgt demselben Verfahren, mit dem wir im Sonderforschungsbereich die zwischen 1960 und 2010 erschienene deutschsprachige Fachliteratur zu Migration, Diversität und Bildung erschließen: Texterkennung, eine Matrix der einschlägigen Begriffe, Konkordanzen.

Dem Colegio hat die OSU vor einigen Jahren eine eigene Ausstellung gewidmet (cr)

Zwei weitere Bestellungen haben wenig erbracht. RG 128, die Akten des Departments für Agrar- und Ressourcenökonomie, hatte ich wegen der Berichte zum ländlichen Strukturwandel ausgehoben, und zur Fragestellung enthalten sie bislang nichts. Die Sammlung des Colegio César Chávez, der ersten akkreditierten vierjährigen Hochschule unter Leitung von Chicanos in den Vereinigten Staaten, die von 1973 bis 1983 in Mount Angel bestand (Knutson/Hyatt-Evenson 2024), lieferte ein einziges einschlägiges Stück, einen Zeitungsartikel über eine Champignonfabrik, in dem viermal ›illegal alien‹ steht. Auch dort, wo die Presse spricht, sortiert also der Rechtsstatus.

Die Gegenprobe

Die Gegenprobe lag in der Woche davor auf dem Tisch, denn in den Akten der Landarbeiter:innen-Gewerkschaft PCUN in Eugene geht es um dieselbe Arbeit in der gleichen Region, nur stehen dort die Wörter, die im Rundschreiben der Hopfenberatung fehlen. Ein Analysepapier der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan überträgt 1981 den Ausdruck ›guest worker‹ rückwirkend auf das Bracero-Programm, und sechzehn Jahre später stehen auf Pappschildern in Medford »NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST« und »GUEST Worker IS Legalized Slavery«. Rassismus und Ausbeutung werden in diesen Quellen klar benannt, und das ist kein Zufall der Überlieferung: Die Begriffe stehen dort, wo gestritten wird, denn der Streit um Benennungen setzt voraus, dass die Bezeichneten und ihre Verbündeten widersprechen können, und genau dafür ist eine Gewerkschaft da. Das Verfahren des Beratungsdienstes hält für einen Interessengegensatz dagegen keine Form bereit; wo Rechte bei ihm erscheinen, erscheinen sie als Formular, wie in jenem Data Form von 1974.

Dass die eine Seite Konfliktakten hinterlässt und die andere Jahresberichte, ist deshalb keine Störgröße. Die Aufzeichnungspraxis der Institution ist ausschlaggebend: Eine Gewerkschaft, die Ansprüche durchsetzen will, sammelt Verstöße, ein Dienst, der Betriebe berät, dokumentiert Fortschritte. Vergleichen lässt sich die Konstruktion des Gegenstands gerade deshalb, etwa am Beispiel der Unterkünfte für Landarbeiter:innen, über die der eine Bestand ebenso häufig schreibt wie der andere. In den Gewerkschaftsakten ist dieselbe elende Baracke ein Zustand, der eine Norm verletzt und deshalb einklagbar ist, beim Beratungsdienst eine Praxis, die sich verbessern lässt und deshalb beratungsfähig ist. Entsprechend stehen nach einem ersten Durchgang in den Akten in Eugene Mangel und Beschwerde um ein Mehrfaches häufiger neben der Baracke, während in den Dokumenten in Corvallis Hilfe und Schulung überwiegen.

Die Valley Library der OSU beherbergt auch das Archiv (cr)

Auch die Grammatik der Bestände unterscheidet sich. In Eugene stehen farmworkers, wirkliche Personen, häufiger als der abstraktere Begriff farm labor, in Corvallis liegt das Verhältnis andersherum. Auch dieser Unterschied passt zu den Institutionen: Wer die ländliche Welt als Feld erziehbarer Praxis führt, rechnet in Betrieben, und Arbeit ist darin ein Faktor, der knapp werden, aber nicht streiken kann; wer sie als Feld durchsetzbarer Ansprüche führt, rechnet in Personen, weil Ansprüche einzeln zustehen und Individuen Missbrauch und Diskriminierung erfahren. Welche Wirkung solche Kategorien entfalten, sobald sie in Umlauf sind, gehört zu den Fragen, an denen wir im SFB 1604 auch theoretisch arbeiten (Rass/Holst, in Vorbereitung).

Mein erster Eindruck

Corvallis zeigt eine Verwaltung, die das Verfahren benennt und die Menschen nicht, denn die Arbeit hat über drei Jahrzehnte hinweg einen Betreff. Damit aber werden die zugewanderten Menschen und ihre Lebensverhältnisse geradezu unsichtbar, und Missstände, wie die Gewerkschaftsüberlieferung sie später dokumentiert, bleiben in diesen Akten weitgehend außer Sicht.

Auf der deutschen Seite verläuft die Geschichte auf verblüffende Weise parallel, nur mit einem schon vorhandenen Wort. ›Gastarbeiter‹ ist seit Max Weber belegt (Weber 1921: 12 und 126 f.), die NS-Propaganda macht es ab 1941 groß (dazu der Long Essay vom 24. März 2025), und nach 1945 verliert es für gut anderthalb Jahrzehnte seine Konjunktur, ohne ganz zu verschwinden. Dann regelt das Abkommen, das die Bundesregierung im Dezember 1955 mit Italien schließt, die Anwerbung und Vermittlung italienischer ›Arbeitskräfte‹, ohne ein Kompositum mit ›Gast‹ zu verwenden. Aber wenige Jahre darauf überschreitet die Figur wieder die Wirksamkeitsschwelle und wird populär, als im Juni 1961 Ludwig Kroeber-Keneth in der Frankfurter Allgemeinen und Werner Höfer in der Neuen Illustrierten den ›Gastarbeiter‹ wieder aufrufen und in Umlauf bringen, und den Zugewanderten damit einen temporären, segregierten und prinzipiell ausgeschlossenen Ort in der sozialen Wirklichkeit zuweisen (Rass 2023: 18–20 und die Fundstücke vom 1. März 2025).

Beide Verwaltungen leisten damit dasselbe: In Oregon fehlt das Wort 1951 noch, in Bonn wird es 1955 nicht gebraucht, und in beiden Fällen ist die Produktion der Figur schon angelegt, bevor sie ihre Benennung erfährt. Die Figur entsteht jeweils außerhalb der Verwaltung, in der Bundesrepublik in der Publizistik, in den Vereinigten Staaten im politischen Streit, in dem auch die Bezeichneten sprechen, und sobald sie in der Welt ist, gehört sie zur Sache selbst, denn Regeln, Kritisieren und Erinnern laufen fortan in ihren Begriffen. Genau in diesem Sinn sprechen wir im Sonderforschungsbereich von der ›Produktion von Migration‹: Kategorien bilden Migration nicht einfach ab, sie stellen sie mit her.

Salem und Portland

In der kommenden Woche folgt nun Archivarbeit in Salem und Portland, im Staatsarchiv von Oregon und in der Oregon Historical Society, und damit der Übergang von der ausführenden Behörde zu denen, die über ihre Aufträge entschieden haben, von der Frage also, wie eine Kategorie entsteht, zu der Frage, was sie bewirkt.

Literatur

  • Gamboa, Erasmo: Mexican Labor and World War II. Braceros in the Pacific Northwest, 1942–1947, Austin 1990 (Neuausgabe Seattle 2000; die Standarddarstellung zum Programm im Nordwesten).
  • Garcia, Jerry: Bracero Program, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 8. November 2023 (dort die Zahl der nach Oregon angeworbenen Männer und das Ende der Anwerbung im Bundesstaat 1947).
  • Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024.
  • Landis, Lawrence A. / Fernández, Natalia: Documenting Oregon’s Latino Heritage. The Braceros in Oregon Photograph Collection, in: OLA Quarterly 18 (2012), H. 3, S. 21–27.
  • Rass, Christoph / Holst, Hajo: When Categories Come Alive. Theorizing Generative Dynamics in ›Figures of Migration‹, Manuskript, in Vorbereitung.
  • Rass, Christoph: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics, IMIS Working Paper 17, Osnabrück 2023.
  • Rass, Christoph: Fundstücke | ›Gastarbeiter‹ – ›Gastarbeitnehmer‹. Ein Moment der Kopräsenz, in: NGHM@UOS, 1. März 2025, DOI 10.58079/13emy.
  • Rass, Christoph: Long Essay | ›Gastarbeiter‹ in der NS-Presse. Formative Jahre eines migrationspolitischen Schlüsselbegriffs, in: NGHM@UOS, 24. März 2025, DOI 10.58079/13k66.
  • Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
  • Weber, Max: Hinduismus und Buddhismus (= Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 2), Tübingen 1921.

A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian

Even supposedly well-researched objects of history can generate new knowledge if considered from a new perspective. But how far can a researcher go in this regard while still valueing the established historiography? The following essay is an experiment of thought that explores two questions: First, how far can I go in my analysis of the 1943 Bermuda Conference from the perspective of historical migration studies, and how far can I deviate from established research in the field of Holocaust studies without telling a counter-history of the events? And second, what implications does this new perspective have for our understanding of the Bermuda Conference?

In April 1943, three delegates each from the United Kingdom and the United States of America met in Bermuda to discuss what they framed as the “refugee problem,” a problem at the heart of which were the persecuted Jews of Europe. However, in the midst of war, neither government was willing to change its existing restrictive refugee policies or divert resources from the war effort to the rescue of strangers, least of all Jews. Therefore, the Bermuda Conference concluded without any groundbreaking decisions being made; another failure after the 1938 Évian Conference, now in the face of systematic murder by the millions. At least, that is the narrative presented by the existing historiography covering the events of April 1943, a narrative that has been very much shaped by the perspective of Holocaust research.

Left to right: George Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US) and Osbert Peake (UK). Photo: USHMM.

The first written accounts of the subject appeared as early as the final phase of the Second World War and the immediate postwar period, within the sphere of Jewish organizations that had worked to save the Jews of Europe and therefore took a keen interest in the Bermuda Conference.1 In the late 1960s, historians first gained access to the previously unpublished documents from the conference and began a more in-depth examination of the conference, which continued from the 1970s into the 1980s.2 Since then, the Bermuda Conference has repeatedly been cited as an example of the Allies’ failure to rescue the Jews. Although the Bermuda Conference bears the title “on the refugee problem,” migration scholars have so far neglected the topic. If at all mentioned, the only references to the conference are to the findings of the aforementioned research in Holocaust Studies, but there are no thorough examinations from the perspective of Historical Migration Research.3 How can an approach situated in this field produce new insights into a topic that historians have already engaged with for decades?

Cover of Arieh Tartakower and Kurt Grossmann’s “The Jewish Refugee”, one of the earliest writings that mention the 1943 Bermuda Conference. Photo: Biblio.

First of all, considering the Bermuda Conference through the lens of Migration History allows us to shift the analytical focus from the ever-pending question in existing literature of “why were the Jews not rescued?” to “how did states manage, restrict, classify, and govern mobility a) under wartime conditions and b) in view of humanitarian catastrophe?” By doing so, we widen our perspective in two ways. On the one hand, we are able to see beyond the image of the “failed conference” to consider the individual and collective agency of a broadened variety of actors – governmental as well as non-governmental – involved. On the other hand, by considering the Bermuda Conference as part of the development of a refugee and migration regime over the span of the 20th century, not just the Holocaust and the events of the Second World War, longer path dependencies become visible, some of which continue to shape our present. Consequently, the Bermuda Conference shifts from a one-dimensional event of humanitarian failure to a nexus of multiple historical streams spanning the 20th and into the 21st century.

To take these approaches seriously means to read the Bermuda Conference against the grain. While still paying attention to the existing research, this demands an emancipation from established knowledge on the topic in question. To consider the Bermuda Conference as part of a Migration Regime4 in perpetual development, rather than a short-handed response to catastrophe, sheds a different light on one of its main aspects: its purpose. From their experiences gained throughout the First World War and its aftermath, the US and UK were well aware that the “refugee problem” would only increase once the fighting was over. While in 1918 the necessary structures to address the mounting crisis were only in their infancy and – due to member states’ adherence to state sovereignty and rising interwar nationalism, which led to a lack of robust enforcement powers – never developed into a fully functioning system.5 Reinterpreting the 1943 Bermuda Conference as an attempt to preempt chaos already looming on the horizon – in the spring of 1943, the question was not if the Allies would win the war but when – shifts its focus from the problem of the conference’s present to laying the foundation for future action.

“a great place in the post-war picture”? United States Delegation: Bermuda Conference Minutes Morning Conference, April 23, 1943. Source: National Archives and Records Administration (NARA), RG 59, Lot File no. 52 D 408, Box 3.

This reinterpretation allows us to recontextualize the conference’s outcome not as “meager results” and “failure” but as the starting point for long-term developments and institutional as well as conceptual path dependencies that only became visible years after the conference ended. The re-establishment and revision of the Intergovernmental Committee on Refugees in the context of the Bermuda Conference, its care and maintenance for refugees together with the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) from this perspective appear as strategic rather than accidental and of long-term consequence with the transfer of responsibility first to the International Refugee Organization (IRO) in 1947 and ultimately to the office of the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) in 1951.6

  1. i.e., World Jewish Congress officials Arieh Tartakower and Kurt Grossmann: A. Tartakower and K. Grossmann, The Jewish Refugee (New York, NY 1944); K. Grossmann, ‘The Final Solution,’ The Antioch Review 15, 1 (1955), 55–72. ↩︎
  2. A.D. Morse, While Six Million Died (New York, NY 1968), 37–64; H.L. Feingold, Politics of Rescue: The Roosevelt Administration and the Holocaust 1938–1945 (New York, NY 1970), 167–207; S.S. Friedman, No Haven for the Oppressed: United States Policy Toward Jewish Refugees, 1938–1945 (Chicago, IL 2017), 155–80; Y. Bauer, The Holocaust in Historical Perspective (Seattle, WA 1978), 26–28, 84, 131–132, 151; M.N. Penkower: The Jews were expendable. Free World Diplomacy and the Holocaust (Urbana, IL 1983), 98–21; M.N. Penkower, ‘The Bermuda Conference and Its Aftermath: An Allied Quest for ‘Refuge’ during the Holocaust’, in M. Marrus (ed) The Nazi Holocaust. Part 8. Bystanders to the Holocaust, Vol. 1 (Berlin 1989), 413–32; H. Druks, The Failure to Rescue (New York, NY 1977), 39–47; D.S. Wyman, The Abandonment of the Jews: America and the Holocaust, 1941–1945 (New York, NY 2007), 104–23; D.S. Wyman, America and the Holocaust. A Thirteen Volume Set Documenting the Editor’s Book The Abandonment of the Jews. Volume 3: The Mock Rescue Conference: Bermuda (New York, NY 1990). ↩︎
  3. A sample in alphabetical order: I. Abella and H. Troper, None Is Too Many: Canada and the Jews of Europe, 1933–1948 (Toronto 1991); Y. Bauer, Jüdische Reaktionen auf den Holocaust (Berlin 2012); R. Breitman and A.M. Kraut, American Refugee Policy and European Jewry, 1933–1943 (Bloomington, IN 1987), 139; D. Dwork and R.J. van Pelt, Flight from the Reich: Refugee Jews, 1933–1946 (New York, NY 2009); R. Erbelding, Rescue Board: The Untold Story of America’s Efforts to Save the Jews of Europe (New York, NY 2018); T. Kushner, Refugees in an Age of Genocide: Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century (London 1999); T. Kushner, ‘The Western Allies and the Holocaust’, Holocaust and Genocide Studies, 5, 4 (1990), 381–402; P.A. Levine, ‘Attitudes and Action: Comparing the Responses of Mid-Level Bureaucrats to the Holocaust’, in D. Cesarini and P.A. Levine (eds) Bystanders to the Holocaust. A Re-Evaluation (Hoboken, NJ 2014), 212–36; L. London, Whitehall and the Jews, 1933–1948: British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holocaust (Cambridge 2003); M. Marrus, Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert (Berlin 1999); M. Marrus, The Holocaust in History (Hanover, NH 1987); R. Medoff, The Jews Should Keep Quiet (Lincoln, NE 2019); S. Musch, ‘Zwischen Bermuda und Palästina: Arieh Tartakowers und Kurt R. Grossmanns Suche nach Rettung für jüdische Flüchtlinge 1944’, Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History, 15 (2018), 576–582; J. Newman, Nearly the New World: The British West Indies and the Flight from Nazism, 1933–1945 (New York, NY 2019); A. Patt, ‘No Place for the Displaced: The Jewish Refugee Crisis before, during and after the Second World War’, in S.T. Katz and J. Wetzel (eds) Refugee Policies from 1933 until Today. Challenges and Responsibilities (Berlin 2018), 97–121; G. Schubert, Der Fleck auf Uncle Sams Weißer Weste: Amerika und die jüdischen Flüchtlinge 1938–1945 (Frankfurt am Main 2003); M. Sompolinsky, Britain and the Holocaust: The Failure of Anglo-Jewish Leadership? (Brighton 1999); B. Taylor, Refugees in Twentieth-Century Britain: A History (Cambridge 2021); G. Wallance, ‘The World Jewish Congress during World War II’, in M. Rosensaft (ed) The World Jewish Congress, 1936–2016 (New York, NY 2017); B. Wasserstein, Britain and the Jews of Europe, 1939–1945 (London 1999). Recently, the present author, together with Sebastian Musch, tried to break up this narrative; see S. Musch and A. Heyen, ‘The Bermuda Conference in April 1943: Allied Politics, Jewish Organizations, and the Emergence of the International Migration Regime’, Holocaust Studies, 30, 2 (2024) 290–307. ↩︎
  4. C. Rass und F. Wolff, ‘What is in a Migration Regime? Genealogical Approach and Methodological Proposal,’ A. Pott et al. (eds.), Was ist ein Migrationsregime?/What is a Migration Regime? (Wiesbaden 2018), 19–64. ↩︎
  5. M. Mazower, Governing the World. The History of an Idea (London 2012), 199. ↩︎
  6. Musch and Heyen, ‘The Bermuda Conference’, 2024. ↩︎

NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993)

Lässt sich das nationalsozialistische Konzentrationslager als eigenständige soziale Ordnung beschreiben – und was ändert sich, wenn man es nicht als Bruch mit der Moderne liest, sondern als eines ihrer Ergebnisse? Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors, der zwölfte Titel der NGHM-Leseliste, stellt genau diese Frage an eine Gewaltgeschichte, die sich lange gegen soziologische Zugriffe gesperrt hatte.


Sofskys Buch erscheint 1993 bei S. Fischer und wird im selben Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Es ist die Arbeit eines Soziologen, der sich einem Gegenstand nähert, den die Geschichtswissenschaft längst als ihren beansprucht hatte – und der genau dadurch eine Debatte auslöst, die weit über die eigene Disziplin hinausreicht. Die Jury würdigt das Buch in ausdrücklicher Anknüpfung an Eugen Kogons SS-Staat von 1946: Seither, so die Begründung, habe die Forschung zum NS-Lagersystem nicht aufgehört, doch Versuche zu einer umfassenden Erklärung seines Funktionierens seien selten geblieben. Sofskys Studie schließt genau diese Lücke – und provoziert zugleich einen scharfen, aber produktiven akademischen Streit.

Der argumentative Zugriff des Buches ist strukturanalytisch, nicht chronologisch. Sofsky rekonstruiert das Lager nicht als Institutionengeschichte, sondern als soziales Machtsystem, dessen Ordnungsprinzip er ›absolute Macht‹ nennt. Dabei stützt er sich vor allem auf Häftlingsberichte – eine Quellenwahl, die selbst schon eine Setzung ist. Nicht die Perspektive der Täter organisiert das Buch, sondern das, was sich aus den Aufzeichnungen der Überlebenden über die Funktionsweise des Systems rekonstruieren lässt. Aus diesen Berichten arbeitet Sofsky die Dimensionen heraus, entlang derer sich absolute Macht organisiert: Raum und Zeit, soziale Strukturen – sowohl die des SS-Personals als auch die der Häftlingshierarchien -, Arbeit, schließlich Gewalt und Tod.

Was er beschreibt, ist die systematische Zerstörung einer sozialen Welt. Zugleich zeigt er, dass diese Destruktion nicht chaotisch verläuft, sondern rational organisiert ist: als Verstümmelung der persönlichen Identität, als Veränderung des Raum- und Zeitsinns, als allmähliche Auflösung des Grundvertrauens in den Fortbestand einer sozialen Welt. Erniedrigung und psychische Nötigung sind keine Nebenprodukte, sondern Instrumente. Die Destruktionsmacht der NS-Politik wirkt bis in die verästelte Häftlingsgesellschaft hinein und macht die Opfer selbst zu Trägern eines Systems, das ihre Vernichtung betreibt.

Hier liegt die schmerzliche Pointe des Buches.

Für Sofsky fällt das Konzentrationslager keineswegs aus dem Rahmen moderner Zivilisation heraus, es ist vielmehr ein Bestandteil der Moderne, ein Ergebnis des Vernichtungswillens absoluter Macht und technischer Großorganisation. Diese These ist es, die den Streit auslöst. Sie verschiebt das Lager aus dem Bereich der Anomalie, des Zivilisationsbruchs, des Ausnahmezustands in den Bereich dessen, was moderne Organisationsrationalität hervorbringen kann. Wolfgang Benz nennt das Buch im Spiegel eine Bereicherung der Kenntnis vom Wesen menschlicher Natur, der Organisation von Herrschaft, der Ausübung von Gewalt; Jan Philipp Reemtsma spricht in der Zeit von einem ›unverzichtbaren Standardwerk‹.

Zu finden in der UB UOS. Signatur: 4565-865 3.

Zugleich stößt das Buch früh auf scharfe Kritik. Der Sozialpsychologe Harald Welzer gehört zu den ersten, die Sofskys Zugriff angreifen. Seine Kritik trägt die Debatte über Jahre und wird in einer späteren Relektüre von Maja Suderland in Medaon wieder aufgenommen. Der Streit dreht sich, kurz gesagt, um die Frage, was ein strukturanalytischer Zugriff auf das Lager leisten kann und wo er an seine Grenzen stößt: Reicht die soziologische Perspektive, um das Handeln der Häftlinge und der Täter zu erfassen, oder überschreibt sie es? Es ist eine Frage, die bis heute in der Forschung nachwirkt.

Ein Bezug zwischen Sofsky und unserer Arbeit im Bereich der Konfliktlandschaftsforschung in Osnabrück lässt sich produktiv diskutieren: Wo Sofsky das Lager als soziale Ordnung rekonstruiert, arbeiten archäologische und historische Zugänge an denselben Orten mit ihren materiellen Spuren. Beide Zugänge treffen sich an dem Punkt, an dem Gewalt als organisierter Vollzug lesbar wird – und nicht als Ausnahme dessen, was moderne Institutionen können. Wer Sofsky liest, wird später in dieser Reihe an Snyders Bloodlands denken, das dieselbe Frage nach der Ordnung nationalsozialistischer Gewalt anders, geographisch und komparativ, stellt.

Sofskys Buch zwingt seine Leser:innen dazu, die begriffliche Selbstverständlichkeit aufzugeben, mit der ›das Lager‹ oft als Anderes der Moderne behandelt wird. Was bleibt, ist eine Analyse, die den Preis dieser Verschiebung nicht verschweigt: dass sich absolute Macht als Struktur beschreiben lässt, ohne dass sie dadurch weniger unbegreiflich wird.


Osnabrücker Studierende finden Sofskys Die Ordnung des Terrors im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4565-865 3 (OPAC).

Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main: S. Fischer 1993.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997.

Auf dem Campus der UO in Eugene (cr)

Seit dem 3. August bin ich für drei Wochen in Oregon, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck. Die Reise gehört zum Teilprojekt A3 des SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und führt über Eugene und Corvallis nach Salem und Portland. Sie ist Teil meiner Arbeit über die Figur des ›guest worker‹ und ihre Herkunft aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹. Wie diese Figur im amerikanischen Einwanderungsdiskurs hergestellt wurde, steht in ›Inventing the Guestworker‹, dem Buch, das Julie Weise und ich derzeit in den Druck begleiten. Hier suche ich, was aus dieser Figur im Willamette Valley geworden ist.


Vorgeschichten

Die Wurzeln meiner Forschungsfrage reichen weit zurück. Ein Teil der Forschung datiert ›Gastarbeiter‹ auf die NS-Zeit, ein anderer auf die Anwerbeabkommen der Bundesrepublik. Beides ist zu spät. Geprägt hat den Begriff Max Weber, in der ›Wirtschaftsethik der Weltreligionen‹, geschrieben im Ersten Weltkrieg und 1916 erschienen. Weber spricht dort von ›Gasthandwerkern‹, von ›Gastvölkern‹ und schließlich von ›Gastarbeitern‹, und er bezeichnete damit Gruppen in Randstellungen im alten Indien und in Palästina. Zwanzig Jahre zuvor, in seiner Untersuchung über die Landarbeit im östlichen Deutschland, hatte er von ›Wanderarbeitern‹ gesprochen. Warum er die Figur wechselte, ist offen (Rass 2023: 11).

Warum ›Gast‹ und nicht ›Fremd‹? Im juristischen Deutsch des 19. Jahrhunderts standen beide Wörter oft nebeneinander. In den Schriften zum Fremdenrecht trug ›Gast‹ jedoch zweierlei zugleich: die Befristung des Aufenthalts und die Pflicht der ›Gastgeber‹, die Ankommenden schonend zu behandeln. Diese Doppelung hat der Begriff nie verloren, und sie erklärt einen Teil seiner Anziehungskraft (Jordans 1838: 291; Rass 2023: 12).

Benannt wird damit von Anfang an keine Herkunft, sondern eine Stellung: von außen gekommen, auf Zeit geduldet, für gering geachtete Arbeit vorgesehen, ohne Aussicht auf Zugehörigkeit (Rass 2023: 12). Deshalb lässt sich das Wort verschieben. Die NS-Propaganda zum ›Ausländereinsatz‹ macht es zum Standardvokabular, die Bundesrepublik nimmt es zwei Jahrzehnte später auf, seit den 1960er Jahren wandert es als Lehnwort in rund dreißig Sprachen. Ein Ausdruck, der eine exkludierende soziale Ordnung produziert, lässt sich überallhin mitnehmen. Auch die 50.000 Menschen aus Mexiko, die nach dem Reagan-Plan von 1981 jährlich in die USA kommen sollten, waren für eine solche Kategorisierung vorgesehen: der gerade aus Deutschland importierte Begriff ›Gastarbeiter‹ sollte als eine neue Bezeichnung dienen, um zu signalisieren, dass es für diese Immigranten keine Bleibe- oder Zugehörigkeitsperspektive geben sollte.

Diese transnationale Genealogie und ihre historische Semantik zu rekonstruieren, ist seit Jahren ein wichtiger Teil meiner Forschung; wie aus ›Gastarbeiter‹ im amerikanischen Einwanderungsdiskurs ›guest worker‹ wurde, steht in meinem Working Paper von 2023.

Daneben läuft eine zweite Linie, die nicht das Wort betrifft, sondern ein Instrument. In ›Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt‹ (2010) ging es nicht um eine Figur der Migration, sondern um einen Vertragstyp, der solche Figuren sie den ›Gastarbeiter‹ brauchte und koproduzierte – ohne das je selbst in den Vertragstexten klar zu benennen: die bilateralen Wanderungsverträge, mit denen europäische Staaten zwischen 1919 und 1974 die internationale Mobilisierung von Arbeitskraft regelten. Die Frage war, wie eine solche Institution mit eigener Logik entsteht, und wie wie über lange Zeiträume hinweg wirkt. Gemeinsam mit Julie Weise habe ich diese Linie über den Atlantik verlängert. ›Migrating Concepts‹ führt die transatlantischen Ursprünge des Bracero-Programms bis in die zwischenstaatliche Vertragspraxis der Zwischenkriegszeit zurück (Weise/Rass 2024). Es wandert also nicht nur der Name, sondern auch das Instrument. Beide bewegen sich aber nicht im selben Takt und erfahren eine eigene Translation.

Diese Linien lassen sich zunächst aus Akten von Regierungen, Ministerien und Kommissionen rekonstruieren. Solche Akten zeigen, wie eine Figur von oben hergestellt wird. Was mit der Figur geschieht, sobald sie in einer Agrarregion ankommt und dort in Gewerkschaftsbüros, Beratungsstellen und Redaktionen aufgegriffen wird, steht in diesen Akten nicht. Nach diesen Prozessen suche ich auf dieser Archivreise.

Die PCUN Records in Eugene

Die Special Collections and University Archives der University of Oregon verwahren die Überlieferung von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen aus Woodburn. ‘Coll 335’ umfasst 79,5 laufende Fuß in 58 Containern, Laufzeit 1952 bis 2012.

Diese 79,5 Fuß Aktenmaterial sind ein Ergebnis und kein Ausgangspunkt. 1999 ordnen PCUN-Beschäftigte, Studierende der University of Oregon und die Anthropologin Lynn Stephen das Archiv der Gewerkschaft in Woodburn. Anlass war damals ein Buchprojekt, für das auch vierzehn Interviews entstehen. Elf Jahre später, im Dezember 2010, fährt eine Delegation der SCUA nach Woodburn und nimmt auf, was dort an Dokumenten liegt: rund 240 laufende Fuß, Aktenordner, Audiokassetten, Videobänder, Fotografien und Negative, Plakate, Ephemera. Am 6. Juni 2011 unterzeichneten der Präsident der Universität, Richard Lariviere, und der Präsident von PCUN, Ramón Ramírez, in der Knight Library einen Deed of Gift.

Das Archiv der PCUN in den Special Collections des Universitätsarchivs (cr)

Wie werden aus 240 Fuß Material rund 80 Fuß Archivalien? Die Erwerbungsgeschichte, die zwei der Beteiligten 2014 publiziert haben, macht den Prozess transparent. Die Gewerkschaft hatte Gründe, Unterlagen zurückzuhalten: Notizen aus Tarifverhandlungen, Strategiesitzungen, alles, was den Aufenthaltsstatus von Mitgliedern berührt. Bis der Bestand benutzbar wurde, dauert es noch einmal drei Jahre. Anfang 2013 existiert dann ein unveröffentlichtes Inventar. Im September 2013 begann Sonia de la Cruz ein neunmonatiges Fellowship und erstellte ein zweisprachiges Findmittel. Am 7. Mai 2014 öffnet der Bestand mit einem Open House, im selben Lesesaal, in dem ich diese Woche sitze.

Was ich heute lese, ist kein ungefiltertes Abbild der Gewerkschaftsgeschichte. Es ist das Ergebnis einer Kette von Entscheidungen: was 1999 geordnet wurde, was 2010 aufgenommen, was 2011 übergeben, was zurückbehalten, was 2014 erschlossen wurde. Für ein Projekt über die Produktion von Kategorien ist das selbst schon Teil des Befundes.

Das Material

Dreizehn Kartons konnte ich in den ersten Tagen durcharbeiten. Der eine Teil sind Sachakten: Immigration und Farm Labor in Box 1 und 2, H-2A-Unterlagen von 1980 bis 1998, eine Mappe zum Bracero-Programm, die Kampagnenakten gegen den Smith-Wyden-Entwurf von 1998. In Box 54 liegen die Akten zur Gegnerschaft gegen H-2A von 1980 bis 2002, in Box 55 die Mappe gegen den Smith-Graham-Entwurf von 1999, in Box 8 ein Zeitungsartikel von 2004 über ein ›nuevo programa bracero‹.

Der Dokumentscanner macht die Arbeit im Archiv erst effizient (cr)

Der andere Teil ist ergiebiger. Box 3 der PCUN Sammlung enthält die Korrespondenz von 1977 bis 2002, Box 10 Plakate und Flugblätter, Box 13 die Bewegungspresse. Die Kartons 16, 18 und 41 sind Fotoserien von Demonstrationen zwischen 1977 und 1998. Dazu ein Karton aus den John Little Papers mit Unterlagen des Colegio César Chávez und Akten der Valley Migrant League. Kampagnensprache steht selten in Sachakten. Sie steht in Newslettern, auf Flugblättern und auf Schildern.

Ein Fundstück aus 1981: Die Gleichsetzung im Typoskript

In Box 54 liegt eine Mappe mit Unterlagen der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan, Laufzeit 1981 bis 1982. Darin ein zweiseitiges Typoskript ohne Tagesdatum, „Summary and Analysis of the Reagan Plan”, mit einem Postfach in Portland und einer Telefonnummer in Woodburn. Das Papier geht Punkt für Punkt das Einwanderungsprogramm durch, das die Regierung Reagan am 30. Juli 1981 vorgestellt hatte. Begründet hatte sie es mit dem Satz „we have lost control of our borders”. Hinter jedem Punkt des Papiers steht ein Absatz „Analysis”.

Punkt eins lautet:

„Creation of an ″experimental guest worker program″ to bring 50,000 Mexicans to the U.S. each year. Workers could not bring their families and would be ineligible for social services.”

Die Analyse dazu:

„Reagan seeks to revive the ″Bracero″ program which had been terminated in 1964. During its twenty-two year existence, the Bracero Program created slave-like conditions for ″guest workers″, depressed farmworker wages and was used to break strikes.”

Auffällig ist der Umgang mit dem Wort. „Experimental guest worker program” wird in Anführungszeichen aus der Regierungssprache übernommen, nicht übersetzt und nicht erläutert. Im Analyseabsatz kommt der Ausdruck wieder, immer noch in Anführungszeichen, jetzt als Bezeichnung für die Braceros der Jahre 1942 bis 1964. Die Gleichsetzung wird nicht behauptet. Sie wird über die Zeichensetzung vollzogen: ein fremdes Wort, gesetzt von der Gegenseite, das die Koalition mitführt, um es zu entkräften.

Was das Papier zurückweist, ist aus demselben Jahr in einem Anhörungsprotokoll nachzulesen. In den gemeinsamen Anhörungen der Einwanderungsunterausschüsse von Senat und Repräsentantenhaus im Mai 1981 hält Senator Alan K. Simpson aus Wyoming der Vertretung der AFL-CIO entgegen, er komme

„from an area of the Nation where the bracero program was used and the very term is offensive to the Hispanic people, the term ›bracero‹. That is why we use terms like guest workers” (Committee on the Judiciary 1981a: 91; Rass 2023: 43).

Simpson bringt im Jahr darauf gemeinsam mit dem Abgeordneten Romano Mazzoli den Gesetzentwurf ein, gegen den die PCUN bis 1986 kämpfen wird. Hier begründet er die Wortwahl als Rücksichtnahme: ›guest worker‹ ist der Ausdruck, der niemanden kränkt. Genau diese scheinbare Rücksichtnahme, die tatsächlich einer rassifizierenden und exkuldierenden Figur nur einen neuen Figurenbegriff mit gleicher Funktionalität verschaffen soll, verweigert das Papier aus Box 54. Es nimmt das neue Wort und legt es auf das alte Programm zurück.

Ein Fundstück aus 1997: Die Gleichsetzung auf dem Plakat

Sechzehn Jahre später steht dieselbe Gleichung auf Pappschildern. Box 41, Folder 37 enthält Aufnahmen einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford. Das Datum, der 20. September 1997, steht im Findmittel und als Aufdruck der Kamera auf den Bildern. Anlass war H.R. 2377, der Temporary Agricultural Worker Act of 1997, eingebracht von Bob Smith.

Auf den Schildern steht, englisch und spanisch nebeneinander:

„GUEST Worker IS Legalized Slavery” „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST” „ABAJO CON HR 2377″ „SOMOS MEXICANOS EXIGIMOS RESPET[O]”

Zwei Nationalflaggen sind nebeneinander aufgespannt, die mexikanische und die US-amerikanische, eine Person hält ein Bild der Virgen de Guadalupe hoch, in der ersten Reihe stehen Kinder und ältere Frauen. Medford liegt im Rogue Valley, weit im Süden des Bundesstaates. Auch das gehört zum Befund, denn die Auseinandersetzung ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf die Anbauregion um Woodburn beschränkt. 1981 stand die Gleichsetzung in einem Typoskript. 1997 machen die Betroffenen den Kategorisierungsversuch der Politik auf ihren Picketing-Signs öffentlich!

Das Korpus

Die Aufnahmen aus dem Lesesaal werden Teil eines größeren Korpus: Texterkennung, Begriffsmatrix, Auszählung nach Bild, danach Konkordanzen und, soweit das Material trägt, Kollokationen. Das Verfahren stammt aus Teilprojekt A3, wo knapp sechstausend deutschsprachige Fachtexte zu Migration, Diversität und Bildung aus den Jahren 1960 bis 2010 auf drei Ebenen gelesen werden, nach Struktur, nach Inhalt und nach Bedeutung (Celikten u. a. 2026, forthcoming). Der Grundsatz gilt für die Kartons in Eugene wie für die Bibliographien in Osnabrück: Kategorien in prozessgenerierten Daten spiegeln die Verhältnisse nicht, sie bringen sie hervor. Gezählt wird deshalb, welche Kategorie in welcher Dichte und mit welchen Bedeutungszuschreibungen im Umlauf war. Dass ich die Kartons nach genau diesen Kategorien bestellt habe, gehört zu diesem Befund und arbeitet nicht gegen ihn – dies zu reflektieren gehört zu unserer Arbeit im SFB 1604.

Ein Befund zeichnet sich bereits ab. ›Bracero‹ steht in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138. ›Trabajadores huéspedes‹ steht in vier. In der spanischsprachigen Teilmenge verhält sich die Selbstbezeichnung zur Übersetzung wie 66 zu 4. Diese Funde zu interpretieren wird der nächste Schritt des Projekts nach meiner Rückkehr nach Osnabrück.

El Foro, Mai 1980: die Herkunft wird mitgeliefert

Der Fund, der die beiden Fundstücke zusammenführt, ist eine Zeitung. In Serie 5 liegt El Foro vom Mai 1980, darin ein Artikel von John Alvarez über das ›guest worker‹-Programm und die Frage, wem es dient. Der Text nennt den spanischen Ausdruck beim Namen:

„El término trabajador huesped es netamente un eufemismo para ‘trabajador temporal’, puesto que estos trabajadores son destinados a la larga, a regresar a su país de origen.”

Die Herkunft liefert er gleich mit, in der englischen Parallelfassung:

„The term ‘guest worker’ comes from immigrant labor programs in Western Europe where the governments of West Germany, France, Switzerland, Holland, England, Sweden and several other countries in the post-World War II period, organized programs to import millions of workers…”

Das ist im Mai 1980 gedruckt. Dieselbe Herkunft wird zur selben Zeit in Washington, D.C. benannt, nur ohne Kritik. In einem Bericht des Justizausschusses von 1980 heißt es, ›guestworker‹ sei „a literal translation of the German word Gastarbeiter”, und der Ausdruck betone, dass ausländische Arbeitskräfte „temporary ›guests‹” seien (Committee on the Judiciary 1980a: 84; Rass 2023: 39). Im April desselben Jahres schlägt der neue amerikanische Botschafter in Mexiko, Julian Nava, ein Programm vor, ausdrücklich „similar to those currently operating in Europe” (Del Olmo 1980: 21; Rass 2023: 40). Neu ist die Gegenrede aus den Akten der PCUN.

Die Figur trifft auf Organisierende, die wissen, woher sie kommt und welche social facts sie etablieren soll.

Wie ein Archiv entsteht

Heute treffe ich Dr. Lynn Stephen. Sie ist Philip H. Knight Chair und Professorin für Anthropologie an der University of Oregon und hat 2012 gemeinsam mit PCUN die Geschichte der Organisation erarbeitet. Die Transkripte der Interviews gingen vor der Niederschrift an die Interviewten zurück, und die Gewerkschaft hat den Text geprüft und mehrfach überarbeitet. In ihrer Darstellung läuft die Kampagne der frühen 1980er Jahre nicht unter ›guest worker‹, sondern unter der Losung „Stop Reagan’s Bracero Program”.

Das ist kein Detail. Es spricht dafür, dass die Bewegung den Begriff nie übernommen, sondern durchgehend durch einen anderen ersetzt hat, der eine Erinnerung aufruft, statt eine Kategorie zu setzen. Sollte hier ein eupemistisches Überschreiben verhindert werden? Ob das eine bewusste Entscheidung war, wer sie traf und ob sie je in Frage stand, steht nicht in den Akten.

Das Universitätsarchiv ist wichtiger Akteur bei der Sicherung der Überlieferung marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen (cr)

Was 1999 in Woodburn geordnet wurde, hat mitbestimmt, was 2010 erfassbar war und 2011 übergeben werden konnte, was sich heute im Archiv findet – die Überlieferungsbildung war in diesem Fall ein komplexer und sensibler Prozess. Die Bewertung fand nicht erst im Magazin statt, sondern elf Jahre davor, in den Räumen einer Gewerkschaft, mit denjenigen, die die übergebenen Akten betreffen und unter Beteiligung einer Forscherin. Eine wichtige Frage ist, die mich im Rahmen eines aktuellen Beuchprojekts beschäftigt ist, wie in den USA solche Sammlungen erschlossen, gesichert und archiviert werden, und wie dabei die Interessen und Rechte der Depositgebenden respektiert werden.

Weiter nach Corvallis

Am Dienstag und Mittwoch geht es für zwei Tage nach Corvallis, an die Oregon State University, in das Special Collections and Archives Research Center. Dort liegen die Akten des Extension Service mit den Unterlagen zur Valley Migrant League und zu den Migrant Programs der 1960er und 1970er Jahre, dazu Jahresberichte einzelner Landkreise aus den 1940er Jahren zum Emergency Farm Labor Program. Der Katalog in Corvallis kennt weder ›guest worker‹ noch ›H-2A‹, kein einziger Treffer. Genau deshalb fahre ich hin. Dort liegt die Erfahrungsschicht, auf die sich die Auseinandersetzungen der 1980er und 1990er Jahre berufen konnten.

Literatur

Celikten, Ahmet/Hoops, Maik/Rass, Christoph/Yildirim, Lale (2026): Reflecting on Process-Generated Data and Categories of Practice. Migration Research as Its Own Object [im Erscheinen; Verfassende in alphabetischer Reihenfolge].

Committee on the Judiciary (1980a): Temporary Worker Programs, Background and Issues. A Report. Washington: U.S. Government Printing Office.

Committee on the Judiciary (1981a): Final Report of the Select Commission on Immigration and Refugee Policy. Joint Hearings before the Subcommittee on Immigration and Refugee Policy of the Senate Committee on the Judiciary and Subcommittee on Immigration, Refugees, and International Law of the House Committee on the Judiciary, Ninety-Seventh Congress. Washington: U.S. Government Printing Office.

Del Olmo, Frank (1980): Nava Foresees Mexican ›Guest Worker‹ Program. In: Los Angeles Times, 4. April.

Jordans, Sylvester (1838): Gastrecht (Fremdenrecht). In: von Rotteck, Carl/Welcker, Karl Theodor (Hg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Leipzig: Brockhaus.

Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974. Paderborn: Schöningh.

Rass, Christoph (2023): ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17. Osnabrück: IMIS.

Stephen, Lynn (2012): The Story of PCUN and the Farmworker Movement in Oregon. Eugene: CLLAS, University of Oregon.

Weise, Julie/Rass, Christoph (2024): Migrating Concepts. The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42. In: American Historical Review, 129.

Woken, David/de la Cruz, Sonia/Kays, Stephanie (2014): Latino History Is Oregon History. Preserving Oregon’s Latino Heritage through the Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste Archive. In: Who Are We Really? Papers of the Fifty-Ninth Annual Meeting of SALALM, S. 58–70.

Fortsetzung folgt in Willamette Depesche #2.

History@SFB 1604 | »Die Place Changer«: Podcast-Aufnahmen bei der 180 Grad Wende in Köln-Kalk.

Es gibt Orte, an denen sich die Frage, was Migration eigentlich ist, nicht theoretisch stellt, sondern jeden Tag praktisch beantwortet werden muss. Die Kalk-Mülheimer Straße in Köln ist so ein Ort. Am 28. Juli haben Christoph Rass und Leonie Stoll dort Aufnahmen für den Podcast des SFB 1604, »Production Site«, gemacht, gemeinsam mit dem Verein 180 Grad Wende, dessen Beraterinnen und Berater in Kalk und Mülheim seit dreizehn Jahren mit jungen Menschen arbeiten.

Die Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer«, und der Titel ist wörtlich gemeint. ›Place‹ bezeichnet zweierlei: den Ort und die Stelle, die jemand in einer Gesellschaft einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung. Genau das macht der Verein, und genau deshalb kehrt die Folge die gewohnte Richtung um: Nicht die Forschung erklärt hier die Praxis, sondern die Praxis wird gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.

Ein Verein, der aus dem Stadtteil kommt

Unter dem Motto »Niemanden zurücklassen: Gemeinsam Chancen schaffen« setzt sich 180 Grad Wende seit 2012 für die Chancengleichheit junger Menschen aus, wie es in der Sprache der Förderprogramme heißt, ›marginalisierten Communities‹ ein. Die Initiative arbeitet inzwischen auch international; ihr Schwerpunkt liegt gleichwohl dort, wo alles angefangen hat. In Kalk bietet der »Wendepunkt« eine Anlaufstelle, an der junge Menschen nicht nur zu Bildungsweg, Berufseinstieg und anderen Zukunftsfragen beraten werden, sondern auch an Empowerment- und Präventionsworkshops teilnehmen können.


Logo des Vereins 180 Grad Wende. Seit 2012 setzt sich die Initiative für Chancengleichheit junger Menschen ein und berät Jugendliche und junge Erwachsene in Kalk und Mülheim (Logo: 180 Grad Wende).

Der Kontext dieser Arbeit lässt sich beziffern: Im Stadtbezirk Kalk wächst rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut auf, der höchste Wert der neun Kölner Stadtbezirke (Kölner Kommunalstatistik). Wer über Perspektiven junger Menschen in diesem Quartier spricht, spricht immer auch über Verteilung.

Wer aufgenommen hat, und wofür

Die Folge entsteht im Transferprojekt »Reflexive Migrationsforschung im Museum« in Kooperation mit 180 Grad Wende. Leonie Stoll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt A2 »Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen«; sie bringt die Frage mit, wie zivilgesellschaftliche Akteure Kategorien der Diskriminierung nicht nur erleiden, sondern selbst hervorbringen und verschieben. Christoph Rass leitet gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt A3 »Ihr seid Gastarbeiterkinder« sowie das Transferprojekt.

Matthias Milberg von der Podcastfabrik und Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS beim Rundgang durch das Quartier (Foto: Annika Heyen).

Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik begleitete die Aufnahmen, insbesondere im Freien: An der belebten Kalk-Mülheimer Straße war einiger Aufwand nötig, damit die Stimmen der Sprechenden deutlich hörbar blieben. Das Interview mit Mimoun Berrissoun entstand anschließend im Kölner Studio Sounds Fresh, das uns für die Aufnahme seine Räume und seine Technik zur Verfügung stellte. Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück hielt den Tag filmisch fest; das Material soll in einen kurzen Dokumentarfilm über die Arbeit des Transferprojekts einfließen, Arbeitstitel: »Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen«.

Erster Teil: ein Stadtteil in Gegensätzen

Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll von Alparslan Korkmaz, Projektkoordinator des Programms »Azubi Buddy«, und von Samir Abrar, Projektmitarbeiter und Berater, durch das Quartier führen. Was dabei hängen blieb, war ein Eindruck von Gegensätzen.

v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen).

Korkmaz und Abrar beschreiben Kalk als lebenswerten und offenen Stadtteil, in dem die Menschen Freud und Leid miteinander teilen; zugleich erzeugen Überwachungskameras auf der Hauptstraße ein Gefühl der Unsicherheit. Auf den ersten Blick ist infrastrukturell alles vorhanden, was es zum Leben braucht, von Kindergärten über Schulen bis zum Krankenhaus. Auf den zweiten Blick fehlt es an Ausbildungsplätzen und Arbeit für junge Menschen. Dass Heranwachsende sich unter diesen Bedingungen abgehängt fühlen und mangels Alternativen abrutschen, ist dann keine Frage individueller Neigung, sondern eine Frage der Gelegenheiten.

Die Beraterinnen und Berater setzen dem eine Arbeitsweise entgegen, die sich leicht sagt und schwer durchhalten lässt: bedürfnisorientierte Hilfe ohne Zwang, auf Augenhöhe, ob bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, beim Ausfüllen behördlicher Formulare oder bei anderen alltäglichen Hürden. Dass dieser Ansatz wirkt, zeigt sich an unscheinbaren Zeichen: Klientinnen und Klienten empfehlen den Verein weiter, werden teilweise selbst aktiv, oder kommen mit ihren Familien und einem kleinen Dankeschön vorbei, um Erfolge mitzuteilen.

Zurück im “Wendepunkt” sprechen Alparslan Korkmaz, Samir Abrar und Leonie Stoll über die Beratungsarbeit der 180 Grad Wende (Foto: Annika Heyen).

Zweiter Teil: Vertrauen, das man nicht beantragen kann

Im zweiten Teil sprach Christoph Rass bei Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, Gründer und Geschäftsführer des Vereins, über die Anfänge und über die Widerstände der vergangenen dreizehn Jahre.

v.l.n.r.: Mimoun Berrissoun, Christoph Rass und Annika Heyen im Studio “Sounds Fresh” in Köln (Foto: Matthias Milberg).

Was 180 Grad Wende von anderen Präventionsangeboten unterscheide, die in Kalk und in anderen als ›Problemviertel‹ wahrgenommenen Quartieren verfügbar sind, sei das Vertrauen, das die Aktiven des Vereins genießen. Berrissoun und seine Kolleginnen und Kollegen kennen den Stadtteil und seine Bewohnerinnen und Bewohner, und sie sind dort bekannt. Vertrauen dieser Art lässt sich nicht ausschreiben und nicht beantragen: Es entsteht über Jahre, an einem Ort, durch Personen.

Genau darin liegt allerdings ein struktureller Widerspruch. Der Verein arbeitet daran, dauerhafte Strukturen zu schaffen, ist dabei aber selbst auf befristete Fördermittel angewiesen. Die meisten Mitarbeitenden sind projektförmig angestellt, sodass Zeit und Personal immer wieder in die Beantragung der nächsten Finanzierung fließen, statt in die Arbeit selbst. Beziehungsarbeit braucht Dauer, Projektförderung gewährt sie nicht. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, wäre die Voraussetzung dafür, dass eingespielte Akteure wirksamer arbeiten können. Das Ziel des Vereins formuliert er als Aussicht auf die eigene Entbehrlichkeit: so viele junge Menschen »mit Gutem anzustecken«, dass er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich allmählich zurückziehen können.

Was die Folge fragt

Für den SFB 1604 ist dieser Besuch mehr als eine Reportage. Der Verbund untersucht, wie Migration hergestellt wird: nicht die Wanderung selbst, sondern ihre Bedeutung, also die Frage, wer als Migrantin oder Migrant gilt, wessen Schwierigkeiten auf Herkunft zurückgeführt werden und wer sich erklären muss. Solche Zuschreibungen entstehen in Statistiken, in Debatten, in Förderprogrammen. Sie entstehen auch in Quartieren wie Kalk.

Die Arbeit von 180 Grad Wende setzt an denselben Zuschreibungen an, meist allerdings in umgekehrter Richtung: Sie versucht, jungen Menschen Etiketten wieder abzunehmen. Was solche Etiketten anrichten, sehen die Beraterinnen und Berater früher als die Forschung, nämlich an denjenigen, die damit nicht weiterkommen. Tatsächlich stellt der Verein damit eine Kategorie in Frage, mit der die Migrationsforschung selbst arbeitet: Wenn junge Menschen der dritten Generation, hier geboren und aufgewachsen, an dieselben Wände stoßen wie neu Zugewanderte, erklärt ›Migration‹ wenig. Es stellt sich dann eher die Frage, warum bestimmte Zuschreibungen so hartnäckig überleben.

Diese Umkehrung ist der Kern der Folge, und sie trifft die Beteiligten auf beiden Seiten. Auch Forschung arbeitet befristet und förderabhängig; die Logik, über die der Verein spricht, ist der Wissenschaft nicht fremd. Im abschließenden Gespräch werden Leonie Stoll und Christoph Rass genau darüber sprechen: über das, was sie in Kalk gehört haben, und über das, was es mit den eigenen Begriffen macht.

Ausblick

»Die Place Changer« ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant. Ein Veröffentlichungsdatum steht noch nicht fest. Die Folgen der ersten Staffel, darunter »Die Vorreiterin« mit der Migrationsforscherin der ersten Stunde Czarina Wilpert und »Der Grenzgänger« mit dem Journalisten Gerhard Kromschröder, sind hier online zu hören: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast

Der Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” soll in eine zweite Staffel gehen. Die erste Staffel umfasst sechs Folgen und steht bereits online (Foto: SFB 1604).

NGHM-Tracker (8/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.

Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.

Im Rahmen der Exkursion wurde auch der jüdische Friedhof in Neuenhaus besucht (Foto: Sebastian Musch)

Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein:
Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.

Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.

Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.

Foto: Sebastian Musch

Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.

Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.

Foto: Christoph Rass

In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.

Notizen

(Foto: Gero Leege)

Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen. 

(Foto: Bjarne Groß/ Gero Leege)

Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.

(Foto: Bjarne Groß)

Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.

Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.

Blogbeiträge im Juli

Ausblick & aktuelle Termine

Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.

Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.

Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei? 

Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.

Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden. 

INSIDE.NGHM | Sebastian Musch

Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.

In der fünften Ausgabe berichtet Sebastian Musch über seine Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UOS.

(Foto: privat)

Sebastian Musch ist seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig sowie Mitglied des Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und des Sonderforschungsbereichs 1604 “Die Produktion von Migration.” Seit 2021 ist er zudem Alfred Landecker Lecturer und forscht in dem Projekt “The Holocaust Migration Regime.” Im Sommersemester 2026 vertritt er die Professur.


Lieber Sebastian, in diesem Semester vertrittst du die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Wie bist du eigentlich Historiker geworden?

Tja, wie so oft im Leben war das eine Mischung aus Plänen, die man so schmiedet, Chancen, die sich daraus ergeben, und auch einer Prise Zufall. Ich habe ja eigentlich gar nicht Geschichte studiert, sondern in Heidelberg mit der Fächerkombination Jüdische Studien und Semitistik angefangen, habe dann aber schnell die Semitistik durch Philosophie ersetzt.

Auf die Idee, mich mit Jüdischen Studien zu beschäftigen, bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich nach dem Abitur als Ersatzdienst ein Jahr lang mit autistischen Kindern in Ra’anana, einem Vorort von Tel Aviv, gearbeitet habe. Ich bin dort fleißig jeden Tag zum Hebräisch-Unterricht gelaufen, zusammen mit vor allem Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran. Nach einem Jahr konnte ich ziemlich gut Hebräisch – eine zugegebenermaßen doch nur in wenigen Bereichen sinnvoll einsetzbare Fähigkeit –, sodass ich bei meiner Studienwahl letztendlich bei den Jüdischen Studien gelandet bin. Eine Entscheidung, die ich bis heute nie bereut habe.

Sebastian Muschs Dissertation als Buch bei Palgrave (Foto: Palgrave)

In Heidelberg habe ich dann, wie gesagt, Jüdische Studien an der Hochschule für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Heidelberg studiert. Zwischendurch war ich noch als Austauschstudent ein Jahr in Mailand, habe dort Philosophie studiert und Italienisch gelernt und mich schon bei meiner Magisterarbeit auf jüdische Ideengeschichte fokussiert. Danach wurde mir angeboten zu promovieren, ebenfalls mit dem Schwerpunkt Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen beschäftigt – auch ein Thema, auf das ich eher zufällig gestoßen bin. Über mehrere Ecken bin ich nach meinem M.A.-Abschluss in Sri Lanka gelandet und habe dort an der Uva Wellassa Universität Deutsch als Fremdsprache und Deutsche Geschichte unterrichtet. Da Sri Lanka eine buddhistisch geprägte Insel ist, habe ich mich gefragt, wie eigentlich deutsch-jüdische Denkerinnen und Philosophen auf den Buddhismus blicken, und bin so bei meinem Dissertationsthema gelandet. Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber trotzdem beschäftigt mich das Thema immer noch: 2022 hatten wir dazu ein Projekt an der University of Oxford gestartet und erst vor Kurzem habe ich einen Überblicksartikel zum Thema geschrieben: https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-51

Ich habe meine Promotionszeit als eine Periode großer Freiheit in Erinnerung. Ich hatte keine Stelle an der Universität, sondern habe mich mit Stipendien und Nebenjobs durchgeschlagen. Das war natürlich einigermaßen prekär und ich habe viel Zeit mit Bewerbungen verloren. Der Vorteil war aber: So konnte ich die fünf Jahre, die ich letztlich gebraucht habe, an ganz unterschiedlichen Orten verbringen: erst in Heidelberg, dann ein Jahr in Haifa, ein Jahr in Berlin und ein Jahr in Berkeley (USA) und anschließend, nach einer Station am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in Gent (Belgien). Währenddessen habe ich meine Dissertation geschrieben; das war eigentlich eine sehr tolle Zeit.

Sebastian Musch (Foto: Annika Heyen)

Kurz bevor ich fertig war, bekam ich die Chance, nach Osnabrück zu kommen, um in einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekt an einer Biografie über Hermann Helfgott/Zvi Asaria zu arbeiten. So bin ich hier gelandet. Jetzt bin ich schon einige Jahre am Osnabrücker Historischen Seminar und kann mich mittlerweile mit Fug und Recht als Historiker bezeichnen. Nach dem Projekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria bin ich seit 2021 als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle zwischen Migrationsgeschichte und Holocaustforschung tätig. Ich bin nach all den Jahren immer noch voll zufrieden, in einem so dynamischen und spannenden Umfeld arbeiten zu dürfen.

Wozu forschst Du gerade?

Sebastian Musch bei der fünften Ausgabe des Tiny-Desk-Kolloquiums (Foto: Jessica Wehner)

Ich forsche vorrangig zur jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zurzeit beschäftige ich mich intensiv mit jüdischer Migrationsgeschichte, besonders an der Schnittstelle von Holocaust- und Migrationsforschung. Meines Erachtens rückt ein migrationsgeschichtlicher Blick auf das 20. Jahrhundert – sowohl für die Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung als auch für die Nachkriegszeit – Aspekte in den Fokus, die bislang in der Forschung unterrepräsentiert sind. Gerade Migrationskonferenzen rücken hier in den Fokus. Wir forschen seit einigen Jahren ja zu Konferenzen, z.B. der Bermuda Konferenz im April 1943, als Ort an denen zentrale Kategorien des damaligen und auch heutigen Verständnisses von Migration gebildet werden. Seit 2024 gibt es ja in Osnabrück den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration”, der Migration nicht als gegebenes Phänomen behandelt, sondern fragt, wie sie überhaupt hergestellt wird. Genau an dieser Stelle werden jüdische Geschichte und Holocaustforschung anschlussfähig. Wer zwischen 1933 und 1945 als ›refugee‹, als ›Staatenloser‹ oder nach 1945 als ›displaced person‹ galt, für den stand keine Verwaltungsformalie zur Debatte, sondern der Zugang zu Visa, Quotenplätzen, Unterstützungsleistungen und im Extremfall die Frage des Überlebens. Diese Figuren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden in Konsulaten, in Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen hergestellt. Der SFB spricht von ›Figuren‹ und von ›Infrastrukturen‹, und diese Begriffe passen erstaunlich genau auf mein Material.

Die Chance liegt für mich in beiden Richtungen. Die Holocaustforschung gewinnt ein analytisches Vokabular, mit dem sich Verfolgung und Flucht nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Produkt von Ordnungsarbeit beschreiben lassen. Der Verbund wiederum gewinnt historische Tiefe: Die Kategorien, mit denen heute über Migration entschieden wird, haben eine Vorgeschichte in den 1930er und 1940er Jahren und in der Nachkriegsordnung, die daraus hervorgegangen ist. Dass sich das hier nicht im Alleingang, sondern mit Geograph:innen, Soziolog:innen und Rechtswissenschaftler:innen an einem Tisch diskutieren lässt, ist ein Luxus, den es an vielen anderen Orten nicht gibt.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt seit einigen Jahren auf der Erforschung von Flucht und Fluchtnetzwerken während des Zweiten Weltkriegs, einerseits nach Süd- und Ostasien, und andererseits unter Einbeziehung humanitärer Fragestellungen. 2024 habe ich am United States Holocaust Memorial Museum in Washington einen zweiwöchigen Workshop zu diesem Thema mitorganisiert ; dieses Jahr bin ich Teil eines Teams, das eine internationale Tagung zu dem Thema The Age of Humanitarianism. Jewish and Other Global Migrations Between Empire and Decolonisation organisiert. 

Warum bist Du gerne Historiker?

Sebastian Musch während einer Gastprofessur in Mailand (Foto: privat)

Ich glaube, es ist ein extremes Privileg, dass man – trotz der Gehetztheit des universitären Betriebs mit all seinen Macken – immer noch Raum findet, interessengeleitet zu forschen. Das Tollste an meinem Job ist eigentlich, dass ich sagen kann: Das interessiert mich, da möchte ich mal ein Buch drüber lesen und etwas drüber schreiben. Dass man sich immer wieder neue Wissensgebiete erschließen kann und sich durch Lektüre und Nachdenken selbst in dem gesammelten Wissen zu einem Gebiet positionieren kann, sich argumentativ eindenken kann und muss, ja, sich eigentlich in einen Diskurs einschreibt, all das mag ich sehr. Letztendlich ist das ja ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Es gibt, immer mehr zu erlesen, zu erlernen und zu erdenken.

Gleichzeitig mag ich, dass es eben nicht nur eine Vita contemplativa, sondern auch eine Vita activa mit immer neuen Herausforderungen ist. Natürlich sitze ich viel am Computer und beantworte E-Mails oder schreibe, aber trotzdem gibt es viel Abwechslung. Wenn dann noch die Lehre und die Organisation von Veranstaltungen dazukommen, dann stimmt das Bild vom Gelehrten in seinem stillen Kämmerchen, das man so oft mit den Geisteswissenschaften verbindet, nicht mehr. Und ständig muss ich Dinge zum ersten Mal machen, wie jetzt etwa eine semesterlange Vorlesung zur Geschichte der jüdischen Migration halten – also irgendetwas tun, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Das ist auch immer wieder herausfordernd, aber dadurch auch nie eintönig. Ständig lerne ich neue Menschen kennen, erhalte neue Aufgaben und kann an neue Orte reisen. Deswegen: Augen auf bei der Wahl des Forschungsschwerpunkts! Durch meinen Schwerpunkt zum Buddhismus bin ich viel in Süd- und Ostasien unterwegs gewesen, durch meinen Fokus auf jüdische Geschichte oft in den USA und in Israel. Bis jetzt ist mir in all den Jahren als Historiker in Osnabrück oder anderswo noch nie langweilig geworden.

Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die Historiker:innen werden wollen?

Sebastian Musch während eines Aufenthalts an der Harvard University (Foto: privat)

Lernt Sprachen, geht ins Ausland und lest Bücher – und damit meine ich nicht unbedingt nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch Belletristik. Warum ich Sprachen sage, ist klar: Als Historiker:in ist die Sprache das Instrument, mit dem wir uns ausdrücken müssen, und gleichzeitig auch unsere Grenze. Wofür wir keine Sprache haben, können wir Dinge nur schwer ausdrücken; gleichzeitig müssen wir auch Quellen und Texte lesen können, die nicht auf Deutsch sind. Und heutzutage müssen wir in der Wissenschaft sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch auf wissenschaftlichem Niveau argumentieren und publizieren können. Jede weitere Sprachkenntnis erweitert den Rahmen dessen, was wir verstehen können, erheblich.

Der junge Sebastian Musch in einen buddhistischen Kloster in China (Foto: privat)

Das Gleiche gilt für meinen zweiten Rat: Geht ins Ausland! Es geht nicht nur darum, dort idealerweise eine Fremdsprache zu lernen – darum natürlich auch –, sondern auch ein anderes universitäres System kennenzulernen und zu merken, dass es woanders anders läuft als in Deutschland. Ich denke, dass man sich dabei selbst besser kennenlernt, daran wächst und den eigenen Horizont erweitert – alles Dinge, die eine:n gute:n Historiker:in ausmachen. Wissenschaft ist heute global, deswegen müssen Wissenschaftler:innen bis zu einem gewissen Grad auch Weltbürger:innen sein.

Mein dritter Ratschlag: Bücher lesen. Klar, wissenschaftliche Bücher und Aufsätze, so viel wie möglich neben all den anderen Anforderungen des Alltags. Aber unbedingt auch schöne Literatur! Als Historiker:innen beschäftigen wir uns mit der Wirklichkeit. Aber, um es mit Robert Musil zu sagen: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Ich glaube, dass Literatur uns befähigt, diesen Möglichkeitssinn zu entwickeln und ein Gespür für die Kontingenz historischer Abläufe zu bekommen. Deswegen: unbedingt die Klassiker lesen, aber auch Gegenwartsliteratur.

Welche Interessen und Hobbys hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?

Die Arbeit als Wissenschaftler:in ist schon zeitlich fordernd und man muss da schon mit Leib und Seele dabei sein. Meine Frau ist auch Wissenschaftlerin und wir haben zwei kleine Kinder (6 und 3 Jahre alt), da bleibt nicht mehr so viel Zeit für Anderes. Deswegen gilt: Freizeit ist bei mir Familienzeit. Ansonsten lese ich natürlich gerne – wenig überraschend –, koche auch viel und oftmals auch etwas aufwendiger. Sehr zur Enttäuschung meiner Kinder, die am liebsten immer nur Nudeln mit Tomatensoße essen wollen.


Fundstücke | »Guests of the Reich«. Eine amerikanische Replik auf das NS-Schlagwort ›Gastarbeiter‹, 1943

Am 23. Juli 1943 druckt The Oconee Enterprise, ein Wochenblatt aus Watkinsville im ländlichen Georgia, auf seiner Meinungsseite eine kurze, aus einem anderen Blatt übernommene Glosse (gezeichnet »—Exchange«) unter der Überschrift »GUESTS OF THE REICH«.

Der Artikel zitiert den Brief eines nach Berlin verschleppten belgischen Arbeiters an seine Familie und läuft auf das Satzpaar zu, das das eigentliche Fundstück bildet: »No amount of wages can make up for this loss. Nor any amount of new Hitler tosh about Germany’s ›guest workers‹.« In einem Provinzblatt der amerikanischen Heimatfront blitzt damit, schlaglichtartig, das nationalsozialistische Propagandawort ›Gastarbeiter‹ in seiner englischen Übersetzung auf, und es ist im selben Moment als durchschaute Lüge entlarvt.

Warum verdient ein solcher Beleg Aufmerksamkeit? Er fügt der Begriffsgeschichte von ›Gastarbeiter‹ einen Knoten an unerwarteter Stelle hinzu, den die bisherige Rekonstruktion nicht verzeichnet hat. Ihn gilt es in die Genealogie des Begriffs einzuordnen und zu fragen, was er für ein Forschungsprogramm bedeutet, das nach der Produktion der ›Figuren der Migration‹ fragt.

The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.

›Gastarbeiter‹ ist nicht, wie vielfach vermutet, eine Erfindung der frühen Bundesrepublik. Den Begriff geprägt hat bereits Max Weber im frühen 20. Jahrhundert, als soziologische Kategorie für eine Arbeitskraft, die ökonomisch integriert, sozial aber ausgeschlossen bleibt: Anwesenheit ohne Zugehörigkeit (Rass 2010, 2023, 2026). Die nationalsozialistische Presse übernahm dieses Wort zwischen 1933 und 1945 und setzte es zu Propagandazwecken ein. Ab 1941 rahmte sie mit ihm den ›Ausländereinsatz‹, das System der Zwangsarbeit, das die Kriegswirtschaft trug (Herbert 1985; Amenda/Rass 2012). Die im Wortbestandteil ›Gast‹ mitschwingende Semantik des legitimen Austauschs diente der Beschönigung von Verschleppung, Gewalt und Ausbeutung. Die Figur des ›Gastarbeiters‹ diente als Euphemismus, der den Zwang als Gastverhältnis lesbar machen sollte und zugleich jede Zugehörigkeit kategorisch ausschloss: Sie half, die soziale Ordnung des nationalsozialistischen Migrationsregimes zu produzieren. Ihren propagandistischen Höhepunkt erreichte diese Umdeutung 1943 und 1944.

Genau an dieser Naht setzt die Glosse aus Georgia an, allerdings auf Englisch: Sie belegt damit zugleich eine der frühesten Übersetzungen dieser Kategorie, ins Englische und ins Land des Kriegsgegners. Als früheste greifbare amerikanische Wahrnehmung galt bislang ein Eintrag aus dem 1944 in den USA zusammengestellten Wörterbuch »Nazi-Deutsch«, das ›Gastarbeiter‹ mit »foreign worker« übersetzte (Paechter 1944: 31), daneben vereinzelte Erwähnungen in der deutschsprachigen Exilpresse (Rass 2010). Die eigentliche amerikanische Karriere des Begriffs begann in den späten 1960er Jahren und erreichte in den frühen 1980er Jahren einen ersten Höhepunkt. Die Datierung knüpft an eine erste greifbare Medienspur in einer Meldung der Associated Press von 1962 an; das Wissen um seine nationalsozialistische Vorgeschichte lieferte Edward Homze wenige Jahre später in seiner Studie von 1967 (Rass 2023).

Dieser Fund rückt die früheste Marke zurück, und er verschiebt zugleich ihren Ort. Denn schon im Sommer 1943, ein Jahr vor dem »Nazi-Deutsch«-Glossar und ein Vierteljahrhundert vor Homze, stand das Propagandawort nicht in einem Fachbuch, sondern in einem Wochenblatt für Farmer, und es stand dort bereits als Propaganda markiert: »Hitler tosh«, hitlerschen Unsinn, nennt es die Glosse, und die ironische Überschrift »GUESTS OF THE REICH« nimmt die Gastmetapher beim Wort, um sie zu entlarven.

Das Gegenbild, an dem der Euphemismus zerbricht, steht im selben Text. Der verschleppte Belgier schreibt aus Berlin:

»Out of 14 men in our room three have been sent to prison for indiscipline or sabotage. Four others have mysteriously disappeared. Did they escape? Have they been locked up in a concentration camp? I don’t know.«

Dem als ›Gast‹ Etikettierten stehen Gefängnis, Verschwinden und die Angst vor dem Konzentrationslager gegenüber; erst danach fällt der Satz, mit dem das Blatt die Propaganda abweist.

The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.

Deutlich wird an diesem kurzen Text, dass die amerikanische Kriegsöffentlichkeit die euphemistische Ladung des Begriffs erkennen konnte, lange bevor er als scheinbar neutrale migrationspolitische Kategorie ins US-amerikanische Vokabular einwanderte und ab den 1980er Jahren auf die mexikanische Arbeitsmigration projiziert wurde (Rass 2023). Als Nachdruck aus dem Blätteraustausch (»Exchange«) war die Glosse überdies zur Weiterverbreitung bestimmt: Das Propagandawort und seine Zurückweisung waren im US-Mediendiskurs der Kriegsjahre prinzipiell verfügbar.

Für unsere Arbeit im Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604, die nach der Produktion von Migration und ihren Figuren fragt, liefert ein solcher Datenpunkt ein neues Detail: Kategorien wie ›Gastarbeiter‹ beschreiben Migration nicht bloß, sondern stellen sie her: Sie machen Menschen als Migrant:innen einer bestimmten Art lesbar, anwesend und gebraucht, aber nicht zugehörig. ›Guest worker‹ ist in dieser Perspektive eine Figur der Migration, die im nationalsozialistischen Kontext Zwang in Gastfreundschaft übersetzt und den markierten Menschen auf drei Ebenen einer sozialen Ordnung positioniert: propagandistisch als ›Gastarbeiter‹ privilegiert, gelesen durch die dem Begriff eingeschriebene Ausschlussklausel und im wirklichen Leben dem NS-Zwangsarbeitssystem ausgeliefert. Die Glosse hält den seltenen Moment fest, in dem diese Figur bei ihrer eigenen Herstellung ertappt und zurückgewiesen wird: Sie verweigert dem Wort ›Gast‹ seine Wirkung und liest die Kategorie gegen den Strich.

Begriffsgeschichte ist, so verstanden, keine Chronik von Wortbedeutungen, sondern eine Geschichte der Institutionalisierung von Kategorien, der Subjektivierung durch deren Zuweisung und der unmittelbaren Transformation solcher Figuren der Migration durch ihre Aneignung und Dekonstruktion.

Nun lässt sich zunächst wenig darüber sagen, ob der zitierte Brief echt ist oder ob der Artikel seinerseits Teil us-amerikanischer Informationspolitik war. Die Zeitungsseite teilt jedenfalls die Notiz mit Beiträgen zum Krieg gegen das Kaiserreich Japan im Pazifik sowie einem Artikel, der für die US-Marineinfanterie wirbt. Zugleich wissen wir nicht, in welcher Sprache das mögliche Original des Briefes das Wort ›guest worker‹ oder ›Gastarbeiter‹ verwendet hat und wie und durch wen die Übersetzung ins Englische erfolgt ist. Belegt ist nun allerdings, dass in den USA um die Mitte des Zweiten Weltkrieges Wissen über die Produktion der Figur des ›Gastarbeiters‹ durch die Europa-Propaganda des NS-Regimes als Teil seines Zwangsarbeitsregimes präsent und verfügbar war. An einer entlegenen Stelle – und wahrscheinlich ohne bedeutende Wirkung – gelang es einer Zeitungsglosse, mit diesem Wissen ein fait social des NS-Regimes – eine Figur der Migration, deren weitere Karriere nach 1945 im Schatten ihrer inhaltlichen Aufladung durch den NS-Staat steht – durch einfache und authentische Aneignung und Benennung zu demontieren.


The Oconee Enterprise (Watkinsville, Georgia), Ausgabe vom 23. Juli 1943, Seite 2. Georgia Historic Newspapers, Digital Library of Georgia. URL: https://gahistoricnewspapers.galileo.usg.edu/lccn/sn89053667/1943-07-23/ed-1/seq-2/ (abgerufen am 23. Juli 2023).

In dieser Reihe (NGHM@UOS): »Gastarbeiter«. Zur Geschichte eines Schlüsselbegriffs der Produktion von Migration (2020) · Neue Fundstücke zur Geschichte eines Unworts (2021) · Weitere Fundstücke zur Geschichte eines Unworts (2022) · Fundstücke | »Gastarbeiter« – »Gastarbeitnehmer«. Ein Moment der Kopräsenz (2025) · Long Essay | »Gastarbeiter« in der NS-Presse.

Bezug: Christoph Rass: ›Gastarbeiter‹ in the Nazi Press (1933–1945). IMIS Working Paper 22 (2026); ders.: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17 (2023).

Weitere Literatur: Amenda, Lars/Rass, Christoph (2012): Fremdarbeiter, Ostarbeiter, Gastarbeiter. Semantiken der Ungleichheit und ihre Praxis im »Ausländereinsatz«, in: Kramer/Nolzen (Hg.): Ungleichheiten im »Dritten Reich«, Göttingen, S. 90–117. · Herbert, Ulrich (1985): Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn. · Paechter, Heinz (1944): Nazi-Deutsch. A Glossary of Contemporary German Usage, New York: Ungar. · Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974, Paderborn: Schöningh. · Rass, Christoph (2012): Staatsverträge und »Gastarbeiter« im Migrationsregime des »Dritten Reiches«, in: Oltmer (Hg.): Nationalsozialistisches Migrationsregime und »Volksgemeinschaft«, Paderborn, S. 159–183.

Team NGHM in Tutzing | Conference “From Geneva to Schengen”

Jessica Wehner und Annika Heyen während der Tagung (Foto: Marcel Berlinghoff)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Annika Heyen während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Annika Heyen stellte ihren Ansatz, die bisher nur aus der Perspektive der Holocaustforschung und der Jüdischen Studien untersuchte Bermuda-Konferenz von 1943 aus einem migrationshistorischen Blickwinkel zu betrachten, zur Diskussion. Anhand einer Fallstudie zum Mandat der Konferenz selbst sowie das vorgeschlagene Mandat ihres Hauptprodukts, dem wiederbelebten Intergovernmental Committee on Refugees, präsentierte sie unter dem Titel „‚In Limited Terms‘: The 1943 Bermuda Conference on the ‚Refugee Problem‘ and the Emergence of the Post-War Refugee Regime“ ihre These, dass die Konferenz zwar als Reaktion auf den öffentlichen Druck auf die Regierungen der USA und des Vereinigten Königreichs infolge des „Problems“ der verfolgten Jüdinnen und Juden Europas stattfand, jedoch den Blick bereits auf die Zukunft richtete. Ihre These stützte sich auf die Beobachtung, dass die Alliierten aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs ableiten konnten, dass das eigentliche „refugee problem“ erst nach Ende der Kampfhandlungen beginnen würde, und, dass sie im Verlauf der Konferenz versuchten, mit der Wiederbelebung des IGCR internationale Strukturen zu schaffen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Zu diesem Zweck waren Reformen des Komitees nötig, die ihm die nötige Flexibilität verliehen, um auf jede neue Entwicklung im Hinblick auf die Flüchtlingskrise flexibel reagieren zu können. Während die Teilnehmer der Bermuda-Konferenz also über eine relativ kleine Gruppe von gerade einmal 56.000 Personen sprachen, für die sie auch unter Kriegsbedingungen Lösungen zu finden hofften, schlugen sie ein offener formuliertes Mandat für das IGCR vor. Es solle Schritte unternehmen

“… to preserve, maintain and transport those persons displaced from their homes by their effort to escape from areas where their lifes and liberty are in danger on account of their race, religion or their political beliefs.“ (US and UK Delegations to the Bermuda Conference, Final Report to the Governments of the United Kingdom and the United States of America, May 20, 1943, National Archives UK, National Archives UK, FO 371/36725.)

Jessica Wehner während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Jessica Wehner thematisierte in ihrem Beitrag aktuelle Ergebnisse aus ihrem Dissertationsprojekt “Normen, Praktiken und Marginalität. Aushandlungen an den Rändern des Displacement-Managements der International Refugee Organization (1946-1952)”. Zentral dabei ist die Bedeutung von Whiteness in verschiedenen Aushandlungen im Migrationsregime der Nachkriegszeit, bei denen forced migrants durch Statuszuweisungen kategorisiert werden sollten. Anhand von Beispielen als “muslimisch” bzw. “asiatisch” gelesener Personen innerhalb der Großkategorie “Displaced Persons” diskutierte Wehner, welche Herausforderungen die Gruppen bei der Aushandlung des DP-Status und von Resettlement-Optionen bewältigen mussten und wie die Ergebnisse der Aushandlung Mobilitätschancen öffneten oder verschlossen. Der Vortrag berührte dabei Fragen nach rassifizierenden Zuschreibung und damit einhergehender (Un-)Erwünschtheit als nicht-westlich gelesener Personen.

v.l.n.r.: Marcel Berlinghoff, Annika Heyen und Jessica Wehner (Foto: Akademie Tutzing)

Dabei waren auch zahlreiche Kolleg:innen und Freund:innen von Team NGHM. Ein weiteres Gesicht aus den Reihen des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” war Isabella Löhr, PI im Projekt A5 “›Flüchtlinge‹ und andere: Die Produktion fluchtbezogener Figuren seit den 1970er Jahren” mit ihrem Vortrag “Being a Refugee in Post-War Germany: The Internationalisation and Political Belonging of a Contested Figure.” IMIS-Kollege Marcel Berlinghoff referierte über “Humanitarian Admission and Political Constraints: The Ambivalent Resettlement of Vietnamese Boat Refugees in Europe.” Darüber hinaus gab es ein Wiedersehen unter anderem mit Matti Välimäki, der sich Anfang des Jahres als Gast am IMIS aufgehalten hatte, und Philipp Strobl, mit dem die NGHM über die letzten Jahre eng im Bereich der DP-Forschung zusammengearbeitet hat.

NGHM liest | 11 | Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken (1980)

Was tut der rassifizierende Blick mit denen, die er trifft — und wie werden aus kolonialen Verhältnissen psychische Strukturen? Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken, der elfte Titel der NGHM-Leseliste, diesmal aus dem Feld postkolonialer Theorie und Kritik, beantwortet diese Fragen mit einem Buch, das Psychiatrie, Philosophie und antikoloniale Analyse in einer Weise verschränkt, die drei Jahrzehnte später zum Gründungstext der Postcolonial Studies wurde.


Zum Zeitpunkt der Niederschrift war Frantz Omar Fanon Ende zwanzig. Geboren 1925 in Fort-de-France auf Martinique, hatte er im Zweiten Weltkrieg in den Forces françaises libres gekämpft, danach in Lyon Medizin und Philosophie studiert und sich 1951 als Psychiater qualifiziert. Das Manuskript, aus dem Peau noire, masques blancs hervorging, war ursprünglich als Dissertation gedacht — die psychiatrische Fakultät wies es als zu politisch und methodisch unorthodox zurück. Für seinen Medizinabschluss reichte Fanon 1951 stattdessen eine engere, neurologische Arbeit ein. 1952 erschien es bei Éditions du Seuil in Paris; 1953 übernahm Fanon eine leitende Position an der psychiatrischen Klinik Blida-Joinville in Algerien, und ab 1956 arbeitete er für die algerische Befreiungsfront FLN, später auch als deren Botschafter in Ghana. Er starb 1961 in den USA an Leukämie, sechsunddreißig Jahre alt.

Frantz Omar Fanon (1925–1961), französischer Psychiater, Politiker, Philosoph und Autor von Schwarze Haut, weiße Masken (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Das Buch entstand also am Übergang: zwischen Ausbildung und antikolonialem Engagement, zwischen Klinik und Manifest.

Fanons Argument setzt bei einer Beobachtung an, die zugleich autoethnographisch und klinisch ist: In der kolonialen Situation sehen sich Schwarze mit einer weißen ›Maske‹ konfrontiert, an der sie sich zwangsläufig zu messen suchen. Rassismus erscheint dabei nicht als Vorurteil oder Nebeneffekt, sondern als konstitutive, komplementär-neurotische Struktur, die Kolonisierte in eine Position der Unterlegenheit und Kolonisatoren in die der Überlegenheit drängt. Diese koloniale Situation gleicht, in Fanons Worten, einer ›Konstellation des Deliriums‹. Ausgehend von Sprache und Anerkennungsverhältnissen — den Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen farbigen Frauen und weißen Männern und umgekehrt — arbeitet er einen ›Minderwertigkeitskomplex‹ heraus, der nicht individualpsychologisch, sondern als Effekt der kolonialen Ordnung selbst zu lesen ist. In seiner theoretischen Auseinandersetzung setzt er Marx, Hegel, Sartre und die Existenzialisten mit Freud, Jung, Adler und Lacan in Beziehung; Lacans Spiegelstadium und Sartres Phänomenologie des Blicks gewinnen dabei besonderes Gewicht.

Im Zentrum steht die berühmte Straßenszene aus dem Kapitel über die ›gelebte Erfahrung des Schwarzen‹: »Sieh mal, ein N_!« […] »Mama, schau doch, der N_ da, ich habe Angst!« In dieser Szene fasst Fanon phänomenologisch, was seine theoretische Analyse strukturell entfaltet: das Moment, in dem der rassifizierende Blick des anderen die eigene Existenz von außen festschreibt. Der Schlussteil wendet sich der Frage von Anerkennung und Befreiung zu — und grenzt sich zugleich von einer als rückwärtsgewandt empfundenen Négritude ab.

Zu finden in der UB UOS. Signatur: 6179-168 8.

Die Rezeption verlief in Wellen. In den 1960er Jahren, im Kontext linker und antikolonialer Bewegungen, wurde Fanon intensiv gelesen; die 1970er Jahre brachten eine Abschwächung, bevor er ab den 1980er Jahren für die entstehenden Postcolonial Studies wiederentdeckt wurde. Als Schlüsseltext dieser Wiederentdeckung gilt Homi K. Bhabhas Vorwort »Remembering Fanon« zur englischen Neuausgabe von 1986, das Schwarze Haut, weiße Masken gleichsam zum Gründungsmanifest der Postcolonial Studies erhob. Stuart Hall, Paul Gilroy und Achille Mbembe rezipieren Fanon weiter; Jean-Paul Sartre hatte ihn schon früh, im Vorwort zu Die Verdammten dieser Erde, breit bekannt gemacht. Kritik kam von unterschiedlichen Seiten: Die damals an der Uni Köln tätige Historikerin Barbara Lüthi argumentierte auf dem Historikertag 2016, Fanon sei »nicht unbedingt hilfreich für eine Analyse konkreter historischer Konstellationen« — könne aber den Blick für die epistemische Dimension kolonialer Gewalt schärfen. Aus liberal-konservativer Perspektive wiederum wird Fanon bis heute als problematischer Bezugspunkt adressiert, etwa mit Blick auf das in Die Verdammten dieser Erde entfaltete Argument, der Nationalsozialismus habe koloniale Gewaltmethoden auf ›Weiße‹ angewandt — ein Gedanke, den bereits Aimé Césaire in Discours sur le colonialisme (1950) formuliert hatte.

Bleibend ist die begriffliche Verschränkung selbst: Rassismus wird als Struktur erfasst, die Subjektbildung tief prägt, nicht als Einstellung, die sich korrigieren ließe. Fanons Kategorien — Maske, Blick, Anerkennung, Manichäismus der kolonialen Welt — sind in der Rassismusforschung, der Migrationsforschung und der kritischen Theorie fest etabliert. Auf dem NGHM-Blog wird Fanon in der Vorstellung der Leseliste ausdrücklich als einer jener Autoren genannt, deren Schriften nur vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Psychiater und antikolonialer Aktivist verstehbar sind, und er wird der postkolonialen Traditionslinie zugeordnet, die unsere Arbeitsgruppe mit Holocaust- und Migrationsforschung in Dialog bringen möchte. Wenn später in dieser Reihe mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgt, die die Frage nach Kategorie und Repräsentation methodisch verschiebt, wird sichtbar werden, worin Fanons Analyse besteht: darin, wie der Blick des anderen zur eigenen inneren Struktur wird — noch bevor die Kategorien, in denen dieser Blick operiert, historisch aufgeschlüsselt sind.

Bemerkenswert bleibt die zeitliche Verschiebung der deutschen Rezeption: Zwischen dem französischen Original und der ersten deutschen Übersetzung durch Eva Moldenhauer (1980) liegen fast drei Jahrzehnte, knapp zwei Jahrzehnte nach Fanons Tod — eine Verspätung, die selbst zum Gegenstand der Rezeptionsgeschichte gehört.


Osnabrücker Studierende finden Fanons Schwarze Haut, weiße Masken in der Bereichsbibliothek Alte Münze unter der Signatur NSF B 6179-168 8 (OPAC).

Frantz Fanon (1925–1961), Schwarze Haut, weiße Masken, Frankfurt am Main: Syndikat 1980.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 10 | Detlev Peukert: Die Weimarer Republik (1987)

War Weimar eine gescheiterte Demokratie, oder der Höhepunkt einer Epoche, die sich selbst delegitimierte? Detlev Peukerts Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne – der zehnte Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Deutsche Zeitgeschichte – verschob bei seiner Publikation im Jahr 1987 den Blick auf die erste deutsche Demokratie weg von einer bloßen Deutung als Vorgeschichte des Nationalsozialismus. An ihre Stelle trat die Sozial- und Kulturgeschichte einer Gesellschaft, in der die Modernisierung selbst pathogene Züge entfaltete.

Als das Buch im Suhrkamp-Verlag erschien, war Peukert wissenschaftlicher Assistent an der Universität Essen, wo er seit 1978 bei Lutz Niethammer gearbeitet hatte. 1988 übernahm er die Leitung der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, ein Jahr später wurde er zum Professor in Essen berufen. 1990 verstarb er, noch nicht 40 Jahre alt, an den Folgen von Aids. Promoviert hatte er 1979 bei Hans Mommsen über die KPD im Widerstand, habilitiert hatte er sich 1984 bei Niethammer mit einer Arbeit zur Geschichte der deutschen Jugendfürsorge. Bis 1978 Mitglied der DKP, danach der SPD, gehörte Peukert zu jener Generation westdeutscher Historiker:innen, die das Verhältnis von Wissenschaft und Holocaust als Frage der Moderne selbst zu stellen begann. Aus der Alltagsgeschichte kommend, entwickelte er einen Zugriff, der Sozialdisziplinierung, Sozialstaat und Aussonderung als Seiten desselben Prozesses lesbar machte.

Das Cover des Sammelbandes zum Werk von Detlev Peukert zeigt dessen Portrait – Rüdiger Hachtmann / Sven Reichardt (Hrsg.), Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015).

Peukert liest die Republik nicht als Niedergangsgeschichte, sondern als Höhepunkt und zugleich Krisenphase der ›Klassischen Moderne‹, deren Epochenzuschnitt er bewusst nicht deckungsgleich mit der politischen Periode 1918–1933 setzt: Sie reicht für ihn von der Jahrhundertwende bis um 1930. Die Weimarer Republik steht in dieser Deutung unter dem Vorzeichen einer allgemeinen Krise dieses Umbruchs. Dabei kennzeichnet die Epoche keinen zaghaften, sondern einen beschleunigten Wandel: Sozialstaat, Massenkultur, Geschlechterordnungen und politische Konflikte entfalten sich gleichzeitig und delegitimieren sich gegenseitig. Die Republik wurde, so Peukert, schließlich von bestimmten Kräften zum Scheitern gebracht, ohne dass dieses Scheitern zwingend determiniert gewesen wäre.

Methodisch verbindet Peukert dabei politische Strukturanalyse mit Sozialpolitik-, Alltags- und Kulturgeschichte. Den ›mittleren Jahren‹ der Republik, etwa zwischen 1924 und 1929, gibt er besonderes Gewicht: An ihnen zeigen sich bei Peukert Krisenanfälligkeit und Belastbarkeit des Gemeinwesens zugleich. Eine seiner Charakterisierungen der Weimarer Kultur, die das mondäne und atemlose Durchspielen aller Möglichkeiten der Moderne in einer Bewegung beschreibt, in der die Stilarten erprobt und nahezu gleichzeitig wieder verworfen werden, ist über das Buch hinaus zur Formel geworden: Norbert Lammert hat sie in seinem Festvortrag vor der Shakespeare-Gesellschaft 2009 in Weimar aufgegriffen.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6209-598 5.

Das Buch gilt bis heute als Standardwerk. Helmut Walser Smith würdigt Peukert in einer Rezension des von Rüdiger Hachtmann und Sven Reichardt herausgegebenen Sammelbandes Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015) als einen der produktivsten deutschen Nachkriegshistoriker und das Weimar-Buch als verblüffende Synthese. Allerdings setzte auch die Kritik früh ein. Smith und andere Beiträger:innen des Bandes problematisieren den Begriff der ›Klassischen Moderne‹ als zu vage. Ähnlich grundsätzlich kritisiert Frank Bajohr in seinem Beitrag, dass Peukert nahezu ohne internationale, vergleichende Perspektive arbeitete und dass der Bezug zum Antisemitismus und zur konkreten Praxis der NS-Politik in seinem Werk unterbelichtet blieb. Auf einer anderen Ebene setzten Moritz Föllmer und Rüdiger Graf an: Sie befragten die enge Verknüpfung von ›Weimar‹ und ›Krise‹ als historiografisches Narrativ, deren Ergebnisse 2005 in dem Sammelband Die ›Krise‹ der Weimarer Republik erschienen. Christoph Thonfeld ordnet die Studie 2016 in Krisenjahre revisited historiografisch ein: Sie sei rasch stilbildend für einen sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff auf die Weimarer Republik geworden, habe aber, so seine Bilanz nach rund zwei Jahrzehnten Forschung, letztlich mehr Fragen aufgeworfen als sie beantwortet habe.

Denn die Inkongruenz zwischen Peukerts Epochenzuschnitt der Klassischen Moderne und der politischen Periode 1918–1933 ist kein Webfehler des Buches, sondern sein analytisches Programm. Wer die Republik nicht aus 1933 zurückliest, sondern in einen längeren Bogen ambivalenter, destruktiv-pathogener Modernisierung stellt, gewinnt den Blick auf Konfliktlinien, die in einer Niedergangserzählung verschwinden würden. Peukerts Weimar ist eine Gesellschaft, die mit ihrer eigenen Modernität nicht zurechtkommt, weil sie zu viel davon zugleich erlebt.

Wer in den ersten Beiträgen dieser Reihe Foucaults Argument folgt, dass moderne Macht produktiv wirkt, also Subjekte, Wissen und Kategorien hervorbringt, kann Peukerts Zugriff als eine zeitgeschichtliche Anwendung dieses Arguments verstehen: Sozialstaat und Sozialdisziplinierung, Fürsorge und Aussonderung erscheinen in der Klassischen Moderne dann nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten desselben Prozesses.

Später in dieser Reihe wird mit Ulrich Herberts Das Dritte Reich ein Werk besprochen, das Peukerts Frage nach der Moderne als Bedingung des NS in andere methodische Bahnen lenkt. Zugleich lässt sich eine Nebenspur des Werks so deuten, dass die Frage nach den Schattenseiten der Moderne für Peukert keine ausschließlich deutsche war: Zwischen 1984 und 1987 publizierte er mehrere Arbeiten zur Geschichte Lateinamerikas, darunter 1986 unter der hispanisierten Form seines bürgerlichen Namens, Detlev Julio K. Peukert, im Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas einen spanischsprachigen Beitrag über die wiederholten Annexionsangebote der Dominikanischen Republik an die USA im 19. Jahrhundert.


Osnabrücker Studierende finden Peukerts Die Weimarer Republik in der Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LQO 6209-598 5 (OPAC).

Detlev Peukert (1950–1990), Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

Watching a Register Move | An Animated Card Index and the Production of Migration

This essay follows an animated visualization built from Osnabrück’s historic foreigners’ registration index to ask, from the perspective of CRC 1604 ‘Produktion von Migration’, whether a bureaucratic register merely records migration — or helps produce it.

On the screen (see animation below), the year 1943 burns in two colors. Blue points drift in from the west, green points from the east, and both settle into a dark map of Osnabrück that slowly fills with light wherever an address gathers many people at once. During the years of World War II and Nazi rule, the points do not represent ‘migrants’ but deportees, forced laborers brought to the city from the territories the ‘Third Reich’ occupied. A decade later, the palette turns. From the late 1950s, the incoming points run red, yellow, and orange: people moving to Osnabrück now hail from Spain, Italy, Portugal, Yugoslavia, or Turkey, from the UK or the Commonwealth. Labor migration under bilateral recruitment schemes and mobility tied to the large British garrison paint the picture.

Yet, no marker on the screen is a person. Each point is a record, an entry that a municipal office once made about someone it classified as a ‘foreigner’, and what we are watching is not migration but its administrative trace set in motion. We can watch it at all because the entire card index has since been reconstructed as machine-readable data, card by card, in an NGHM-research project at Osnabrück University.1

1943 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).
1974 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).

This is the center of what follows: an animation built from the Ausländermeldekartei of the city of Osnabrück, the foreigners’ registration index that the city administration kept on paper cards from 1930 to 1980, before its registration system was digitized.1 The animation belongs to a longer line of work at Osnabrück on the datafication of bureaucracy. Its digitization and analysis are the work of the project “Massendatenbasierte Langzeitmodelle migrationsinduziert wachsender Diversität im urbanen Kontext”, directed by Christoph Rass and Andreas Pott at the University of Osnabrück, funded by the Lower Saxony Ministry of Science and Culture and carried out together with the Niedersächsisches Landesarchiv and the city of Osnabrück.

In 2026, I read this data from the conceptual program of the Collaborative Research Centre 1604, Produktion von Migration. My argument moves from the image to the data behind it, from the data to the project that produced them, from there to the theoretical claim that a register does not record migration but helps produce it, and finally to the question that any such visualization must answer: how does one map an administrative apparatus without reprinting its categories as truth? The animation, I will argue, is most useful precisely where it refuses to behave like a conventional migration map.

Movements to and from and within Osnabrück by inhabitants of non-German nationality 1938-1980 as recorded in the municipal “Ausländermeldekartei” [(c) crass].

What moves on the screen

The animation derives from the digitized registration index an event model of residential movement. Every card records a sequence of addresses with dates; each transition between two addresses becomes one documented movement. The model reconstructs 207,325 such movements for 70,294 people: arrivals in Osnabrück, moves within the city, and departures. More than nine in ten of these movements carry exact coordinates. Osnabrück addresses are placed on the official municipal geocodes, transformed from the UTM grid to latitude and longitude; foreign places are deliberately resolved only to the level of the country.

A word on the period, since the data are uneven. The index was kept between 1930 and 1980, and the movement data became continuously reliable only from about 1938. The animation therefore runs from 1938 to 1980, and it states its window on screen at every moment. A further caution concerns the word ‘migration’ itself, because the index flattens what it gathers. The bright inflows of the war years are not migration in any ordinary sense. Between 1939 and 1945 the cards (partially) register the National Socialist forced-labor system already glimpsed above: the conscripted are fixed to registered addresses dominated by the forced-labor camps erected across the city.1

What follows is again distinct. The post-war growth records the survivors of that system, first as ‘displaced persons’ and, from 1950, as ‘homeless foreigners’ (Heimatlose Ausländer), the administrative aftermath of a violence-induced mobility rather than a fresh departure. Only from the late 1950s does the index document recruited labor migration, the ‘guest workers’ of the bilateral agreements, a euphemism the National Socialist state had already used to dress coercion as ordinary recruitment.2 To let coercion, displacement, and recruitment run under a single heading, as one field of moving points must, is already a category effect: they share an apparatus, not a phenomenon.

The visual grammar of the map animation is austere by design. Each datapoint represents a registered person as a small resting dot at their current address; where many people share an address, a company dormitory, say, the points pile into a bright node, so that brightness reads as occupancy. When someone moves, the point flies along a curved arc to the new address. Around the city sits a ring of countries of origin, arranged roughly by compass direction: arrivals fly inward from the ring, departures fly outward, as two separate, oppositely curved arcs. Color encodes the region of origin throughout. No connecting lines are drawn at all. Density and flow emerge only from the superimposition of many points, in the manner of the particle-flow maps that Max Galka and others made familiar, while the ring borrows the idea of directed in- and out-streams from the circular migration diagrams popularized by Guy Abel and Nikola Sander.3

From card to dataset: the Osnabrück registration project

The animation would be unreadable without the project that turned a drawer of cards into a research dataset. The digitized index comprises some 56,613 mostly double-sided cards holding information on around 70,000 people, and it is the first mass card index of its kind made accessible to research as a digitized dataset.4 For the operating period, the digitized dataset documents 66,111 arrivals in Osnabrück, 51,421 departures, and 99,264 changes of address across 10,720 distinct addresses.5

The extraction itself was done in 2020 with the AI-service provider omni:us, whose systems read strongly structured documents.6 Computer vision built on convolutional neural networks recognized document structure, and here the index posed a particular obstacle: twenty-five different form versions had to be identified before any field could be read. Natural-language processing characterized documents by word markers; recurrent neural networks read the handwritten entries. The raw tables were then rebuilt into a relational database that allows the growth of the index to be simulated over time and individual cards to be reconstructed as digital images, and the Osnabrück addresses were geocoded in cooperation with the city’s geodata service. Automated extraction proved not only faster and cheaper than manual capture but, against expectation, less error-prone, with every data point tied back to the card image for correction.

The pioneer project that led to this outcome is our work on the Osnabrück Gestapo index, which Sebastian Bondzio and I analyzed in a DFG-funded project as a ‘mass data store and world model’ (Massendatenspeicher und Weltmodell): the first attempt to extract by machine the entire data content of an analogue mass index, and an argument that such a card index is less a source about individuals than a body of historical mass data.7 The card index, on this reading, was a datafication technology long before the digital era. Data never represent an objective, observer-independent world model, and they never simply speak for themselves.8

Our published findings show what the dataset affords. In a 2021 study, we read the index through four cases: the dispersed settlement of arrivals in the mid-1950s, which fits no simple model of ‘arrival quarters’; the sharp post-war growth of those classified as ‘homeless foreigners’ among the displaced; the Latvian ‘watchmen’ whose wartime records were rewritten into employment with the British Army of the Rhine; and more than 3,800 cards for Italians between 1930 and 1980, tracing the fluid passage from ostensibly temporary labor to permanent family settlement.9 A separate study followed Spanish migration to Osnabrück between 1960 and 1980.10 This animation does not replace these close readings, it sets them in motion.

The register does not mirror migration: it produces it

Why insist that the points are records rather than people? Because the conceptual stakes of the CRC 1604 turn on exactly this distinction. Our research program proceeds from the premise that migration is socially produced rather than naturally given, and it borrows Durkheim’s fait social to treat migration, once produced, as a real social fact with effects beyond any actor’s intention.11 It speaks deliberately of production rather than mere construction: it is not only that ideas about migration are socially shaped, but that the reality itself is practically brought about, through apparatuses, procedures, and concrete administrative work. Migration, in this account, is produced through three coupled media: figures (the categories and types through which people are sorted), infrastructures, and spaces.

This is where all three media converge. The Ausländermeldekartei is a data infrastructure, an institutional and material arrangement that enables and constrains action, and at the same time a machine for producing figures, the condensed and socially effective categories through which people are addressed and sorted. It records one figure above all, the ‘Ausländer’, and it records it spatially: the registered are fixed to addresses and tracked through the recorded categories of movement and dwelling, so that the index composes the city itself as a sorted space. Figure, infrastructure, and space meet on a single card. The category ‘Ausländer’ is the clearest case. As the project team noted, it functions only within the logic of the nation-state, by setting the foreigner against the citizen; migration thereby becomes a category of difference, a marker of belonging and non-belonging.12

The index does not find foreigners in the world and record them. It is one of the instruments through which ‘the foreigner’ is made administrable in the first place. What we find on the cards are process-generated categories: in Rogers Brubaker’s terms, categories of practice, the working labels administrators use to sort people, rather than categories of analysis, the neutral concepts a scholar would choose. They are bureaucratically produced labels of the kind Roger Zetter described for ‘refugee’, and they operate, as Martina Tazzioli puts it, through a politics of counting.13

The history of one word shows how far this reaches. The term ‘guest worker’ (Gastarbeiter) is, as I have argued elsewhere, no innocent word.14 Max Weber used the term in the 1921 volume Hinduismus und Buddhismus of his Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, and may even have introduced it into German scholarly usage, though the attribution is a cautious one; the idea he attached to it was an impossibility of belonging founded on ‘foreignness’.15 By around 1940 the term had settled into the vocabulary of the National Socialist labor deployment, alongside ‘foreign worker’ and ‘Eastern worker’, as a racialized category of difference. The Osnabrück index registered the people these words were used to sort. To animate the index is therefore to animate a vocabulary, and the points that arrive after 1955 carry a label with a long and compromised past.

The trouble with migration maps

A register of movement invites an obvious visual form: arrows from there to here, flows scaled by volume, a choropleth of origins. That form is a trap. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy have shown how the conventional ‘invasion arrow’ of migration cartography slides from a neutral sign for movement into the iconography of military invasion, composing a threat where it claims only to describe.16 The straight, smooth, unidirectional arrow assumes a single destination and erases the lived geography and the broken time of actual journeys. The point predates the migration debate. In J. B. Harley’s deconstruction, the map is never a neutral mirror: its rules of objectivity are themselves an exercise of power-knowledge, and the silences of a map are as eloquent as its marks.17

The most influential modern migration graphic, the circular flow plot that Abel and Sander published in 2014, is elegant and widely imitated, and it is exactly the template one might lay over the Osnabrück data.18 Yet a chord, a band linking two points on the ring, or an arrow between two places, states a magnitude and a direction while saying nothing true about the path, and it converts an estimate or an administrative tally into a clean, authoritative band. At the same time, the danger for a registration index is specific. Its fields — nationality, occupation, reason for residence — look like hard facts; rendered as flows, they would harden further into a picture of migration as such when they are, in fact, the output of one office’s classifying work.

Designing against the arrow

The animation addresses these objections in its construction rather than in a caption, which is what makes it an argument rather than an illustration. It draws no lines. Movement appears only as points that fly and fade, so that the image never resolves into the false authority of a vector. What looks like density is the superimposition of many resting points, and density measures the frequency of documentation, not historical reality: a bright corridor means a path that was often recorded by an office under a regime of registration. Johanna Drucker’s distinction is the right one here. These are not data, Latin for ‘the given’, but capta, ‘the taken’: constructed, partial, the product of an act of observation, and a humanistic visualization should carry that constructedness rather than smooth it away.19

Two further choices follow the same logic. The index data available to us ends around 1980, which means that people who left afterward have not had a recorded departure and remain forever ‘present’ in the research dataset: the occupancy field fills up toward the end and never empties. The animation does not correct this artifact, the statistician’s right-censoring, a record cut off before its end, into a tidier curve. It shows the effect and marks it on screen from 1979, because the silence of the source is part of what the source is. And the points stay anonymous. The internal person identifier never leaves the project; only an anonymized movement identifier enters the image, and the animation deliberately declines to reproduce the individual visibility that the registration apparatus was built to achieve. Whose categories are being shown, and who is rendered (in)visible by them, are not incidental questions, as Catherine D’Ignazio and Lauren Klein have argued for data work in general.20 One quarter of the registered persons have no clear region of origin; rather than forcing them into a category, the animation lets them remain dimmed and unresolved.

What becomes visible, and what does not

Within these limits, the moving image makes patterns legible that a table holds only in latent form. Arrivals are dominated by southern Europe throughout the period, with a pronounced peak in 1970, the year of some 4,250 recorded arrivals. The net balance of arrivals over departures runs positive through the boom years and then turns negative in the recession years of 1966–67 and again in 1975, the very years West German recruitment collapsed. Recorded departures swell as the economy contracts: the cyclical steering of labor migration leaves its mark in the registrations themselves. A composition view sharpens the same story into a number. A diversity index, on a scale where 1.0 means many origins evenly mixed and 0 a single dominant group, stands near 0.90 in the early, mixed years, falls to about 0.72 in 1973 as Spanish southern-European dominance concentrates in the inner city, and recovers to about 0.82 by 1980 as Turkish and Yugoslav arrivals re-diversify the picture; in the dense core, orange mixes into red, a handover made visible.

Migrants moving through the collective housing facility at Weidenstraße 15.

The clearest structural finding concerns how movement inside the city was organized. Intra-urban moves are not diffuse. They are channeled through a few dormitory nodes, the guest-worker residences of the Karmann car factory, and the network analysis identifies the Bohmter Straße 52 as the dominant bridge, a single node through which a disproportionate share of moves passed.

The Weidenstraße 15 (see animation above), the largest of these residences, is the clearest case, and a companion animation follows this single address. In the event model, 4,979 people passed through it, of whom 4,154, more than eight in ten, had their prior registered residence in Spain, above all in Madrid, Valencia, Andalusia, and the small towns of Extremadura; the animation turns this into a visible rhythm, points streaming in from that recruitment geography, gathering at the one address, and then dispersing. It was not a place to live but a place to pass through, an entrance and a junction: of those who moved on, roughly 1,460 stayed in Osnabrück, first in the other Karmann dormitories and then in private flats across the city, while 1,045 returned to Spain and some 1,294 went elsewhere in Germany. It is the guest-worker system in miniature. Its designers intended a rotation, labor that would arrive, work, and leave again, and the building was the architecture of that intention. The dispersal, however, tells another story: the step from the dormitory into the city’s ordinary housing is the quiet beginning of settlement, of the families and futures the rotation principle was meant to prevent, and what the register caught at this address was therefore not transience as such but its conversion into residence, even as the label ‘guest worker’ traveled on with them. The same wave can be watched across the whole city, building and then dissolving, Spanish around 1964, then Turkish in the Südstraße and the Konrad-Adenauer-Ring from 1972–73, a density that migrates through the streets and changes color as it goes.

The “Wohnheim” in Weidenstraße 15 as “Gate” to the city? (Visualization: crass)

A second animation sets this case against another, and the comparison is the argument. The Osningstraße, in the Schölerberg quarter, was also a Karmann address, and its dormitory at number 18 housed a comparable, albeit smaller core of Spanish metalworkers passing through; the median stay there, about eleven months, is all but identical to that of the Weidenstraße. By the measure the register makes easiest, duration, the two streets are twins. Yet the Osningstraße (see animation below) is two worlds in one street. Alongside the company dormitory ran a fabric of private tenancies, and through it moved a more mixed population, Spanish but also Portuguese and Yugoslav and, from the early 1970s, increasingly Turkish, with a markedly higher share of women. Here the cards record what the Weidenstraße almost never shows: across the street, some 139 families and 306 children, nearly a quarter of them born in Osnabrück, and a wave of children registered ‘with their parents’ that swells precisely after the recruitment stop of 1973. The same eleven-month rotation, in other words, housed two different futures. At the Weidenstraße it stayed rotation; in the Osningstraße, which will be the subject of one of my coming case studies, it began, quietly, to become settlement, a “second generation” entering the register as foreigners in the city of their birth. The comparison shows what a single figure cannot: that identical administrative durations can hold entirely different social processes, and that the index marks the difference only at its margins, in an entry of ‘Hausfrau’ against an occupation, in a child whose address is given as its parents’.

Mobility profile of the Osningstraße (Visualization: crass).

What the image cannot show is as important as what it can, and its limit is a legal category, not a place. The index holds only those who, at a given moment, lacked German citizenship, and people leave it by changing category as much as by moving away. Naturalization is the clearest case: a registered ‘Spaniard’ who was naturalized became, in the register, a ‘German’ and simply dropped out of the data, without changing address. The gendered citizenship law of the period drew the same line in its own way: until 1953, a foreign woman who married a German man acquired German nationality automatically, and vanished from the index without moving a step. The boundary even ran against birth and descent: before the reform of 1975, a child born in Osnabrück to a German mother and a foreign father was a foreigner too, and so entered the index, not as an absence but as a record. Whether any of this changed how a person was seen on the street, whether the naturalized ‘Spaniard’ stopped being a ‘Spaniard’ to her neighbors, is another question, and one the register cannot answer. Foreign origins, in any case, resolve only to the country, never to the town, and nothing exists after 1980. The animation is, ultimately, a portrait of a registration practice and its reach, complete with the practice’s own blind spots.

The visualization as production

The reflexive consequence is unavoidable, and it should be stated rather than hidden. An analysis of this kind stands inside the process it depicts. To geocode, to assign a region, to color a point by nationality is to extend the classifying work of the office whose cards we are reading, and the scholarship that studies the production of migration also, in a small way, takes part in it. This is why the design choices are not cosmetic: a responsible visualization of an administrative register is one that keeps its own operations visible. The companion argument about large-scale digitization and the silences of the archive, developed for the Paris keynote and published separately on this blog, addresses the same problem from the methodological side.21

You may find this animation beautiful, and the beauty is precisely the risk. What looks like a city breathing, alive with diversity, is a city producing it. The light dots are not people arriving. They are a city learning to write down who it would call a foreigner.


Notes

  1. Sebastian Bondzio, Linda Ennen-Lange, Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980. Potenziale als Quelle der Stadt- und Migrationsgeschichte,” Osnabrücker Mitteilungen 126 (2021): 137–193. The paper frames the 1939–1945 entries as the National Socialist forced-labor system and the post-war registrations as displaced persons and “homeless foreigners,” the aftermath of a “gewaltinduzierte[n] Mobilität.” On the latter, see also Lukas Hennies, Sebastian Huhn and Christoph Rass, “Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen: ‘Displaced Persons’ in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg,” Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018): 183–232. ↩
  2. Christoph Rass, “Staatsverträge und ›Gastarbeiter‹ im Migrationsregime des ›Dritten Reiches‹. Motive, Intentionen und Kontinuitäten,” in Jochen Oltmer, ed., Nationalsozialistisches Migrationsregime und ›Volksgemeinschaft‹ (Paderborn: Schöningh, 2012), 159–183, DOI 10.30965/9783657773343_010. The Third Reich used bilateral treaties and the euphemism ›Gastarbeiter‹ to cast its wartime deployment of foreign workers as regulated labor migration, even as their treatment converged on that of forced laborers. ↩
  3. Max Galka, “Here’s Everyone Who’s Immigrated to the U.S. Since 1820,” Metrocosm (blog), 3 May 2016, metrocosm.com/animated-immigration-map (archived 16 December 2016: Wayback Machine); Will Geary, “TransitFlow,” 2017. On the circular migration diagram: Guy J. Abel and Nikola Sander, “Quantifying Global International Migration Flows,” Science 343, no. 6178 (2014): 1520–1522, DOI 10.1126/science.1248676. ↩
  4. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the number of cards (some 56,613) and persons (around 70,000) and on its standing as the first machine-readable mass card index of its kind. ↩
  5. Ibid. Figures from the digitized dataset for the operating period 1930–1980: 66,111 arrivals, 51,421 departures, 99,264 changes of address, 10,720 addresses. ↩
  6. Janine Wasmuth and Christoph Rass, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei. Vom Karteigut zum Forschungsdatensatz,” Archiv-Nachrichten Niedersachsen 27 (2023): 42–61. On the extraction with omni:us, the relational database and the geocoding. ↩
  7. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Allmächtig, allwissend und allgegenwärtig? Die Osnabrücker Gestapo-Kartei als Massendatenspeicher und Weltmodell,” Osnabrücker Mitteilungen 124 (2019): 223–260. ↩
  8. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Big Data und die Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jahresbericht 2021 (Celle, 2022), 16–21; Christoph Rass and Sebastian Bondzio, “Next Stop Big Data? Erfahrungen mit der Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Paul Thomes and Tobias Drewes, eds., Vergangenheit analysieren – Zukunft gestalten, Aachener Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte 20, Düren: Shaker, 2020, 13–50). In the original: data “repräsentieren niemals ein objektives, d. h. ein beobachterunabhängiges Weltmodell” (never represent an objective, i.e. observer-independent, world model). ↩
  9. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), the case studies by Pochadt, Ennen-Lange, Hennies and Wasmuth. ↩
  10. Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Migration aus Spanien nach Osnabrück zwischen 1960 und 1980 im Spiegel der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Mobilität, Ankunft und Sozialprofil,” Osnabrücker Mitteilungen 128 (2023): 295–322. ↩
  11. Collaborative Research Centre (SFB) 1604 “Produktion von Migration”, University of Osnabrück (funded by the German Research Foundation, DFG). The premises summarized here — production rather than construction, and the triad of figure, infrastructure and space — follow the CRC’s research program. ↩
  12. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the category ‘Ausländer’ as a category of difference within the logic of the nation-state. ↩
  13. Rogers Brubaker, Ethnicity without Groups (Cambridge, MA, 2004), on categories of practice versus categories of analysis; Roger Zetter, “Labelling Refugees: Forming and Transforming a Bureaucratic Identity,” Journal of Refugee Studies 4, no. 1 (1991): 39–62, DOI 10.1093/jrs/4.1.39; Martina Tazzioli, “Assembling traces of border violence. Counter-mapping as counter-archiving,” Environment and Planning D: Society and Space (2025), DOI 10.1177/02637758241303367 (on the “politics of counting”). ↩
  14. Christoph Rass, “‘Gastarbeiter’. Zur Geschichte eines Schlüsselbegriffs der Produktion von Migration,” NGHM@UOS (blog), 14 June 2020, DOI 10.58079/sbwd. ↩
  15. Ibid.; quoted there from Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie (Hinduismus und Buddhismus), Tübingen 1921, 126 f. Rass states the attribution cautiously (“scheint … eingeführt zu haben,” “vielleicht geprägt”: seems to have introduced it, perhaps coined it). ↩
  16. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy, “The migration map trap. On the invasion arrows in the cartography of migration,” Mobilities 15, no. 2 (2020): 196–219 (online 2019), DOI 10.1080/17450101.2019.1676031. ↩
  17. J. B. Harley, “Deconstructing the Map,” Cartographica 26, no. 2 (1989): 1–20, DOI 10.3138/E635-7827-1757-9T53. ↩
  18. Abel and Sander, “Quantifying Global International Migration Flows” (2014). ↩
  19. Johanna Drucker, “Humanities Approaches to Graphical Display,” Digital Humanities Quarterly 5, no. 1 (2011); ead., Graphesis: Visual Forms of Knowledge Production (Cambridge, MA, 2014; metaLABprojects). ↩
  20. Catherine D’Ignazio and Lauren F. Klein, Data Feminism (Cambridge, MA: MIT Press, 2020). ↩
  21. Cf. the companion post on the DHIP Paris keynote, NGHM@UOS (2026), nghm.hypotheses.org/47456. ↩

Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes

(Foto: Jessica Wehner)

Das jüngste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung versammelte unter Leitung von Dr. Sebastian Musch fünf Beiträge, die von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über die digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen reichten. Trotz ihrer thematischen Heterogenität teilten die Beiträge ein gemeinsames Interesse: die Frage, wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen historisch hergestellt werden.


Einmal in jedem Semester bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit diesem Format die Gelegenheit, Abschlussarbeiten, Forschungsperspektiven und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Das TDK-Format führt dabei fünf bis sechs Referent:innen zu 15-minütigen Kurzvorträgen mit knapper Fragerunde zusammen, die ganze Veranstaltung dauert weniger als drei Stunden.



Glaubwürdigkeit und die Kategorie »kriminell« in NS-Prozessen

(Foto: Jessica Wehner)

Im ersten Vortrag stellte Lennart Blömer Befunde aus seiner Bachelorarbeit vor, in der er ein Verfahren der westdeutschen Nachkriegsjustiz zum Strafvollzug im Nationalsozialismus untersuchte. Dabei rückte er die prozessuale Konstruktion von Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit, so der Befund, wurde systematisch demjenigen zugeschrieben, dessen Aussage das gewünschte Narrativ stützte. Der Fall fügt sich in das strukturelle Problem der »wilden Urteile« der frühen Bundesrepublik ein, ohne dass sich daraus eine generelle Aussage über den strategischen Einsatz von Zeugenaussagen in NS-Prozessen ableiten ließe. Die Untersuchung arbeitete zugleich heraus, wie stark die Zuschreibung »kriminell« von unterschiedlichen rechtlichen und zeitlichen Kontexten abhing, etwa der Kategorie des »Berufsverbrechers« nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz von 1934, und verwies auf weitere Verfahren zur Strafanstalt Celle als Anschlussperspektive.

In der Diskussion wurde die Ausdifferenzierung des Kriminalitätsbegriffs vertieft, ebenso die Frage nach Klasse und sozialer Stigmatisierung; deutlich wurde dabei, dass die nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz Inhaftierten bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt sind.

Die digitale Ausstellung zum Vareler »Altersheim« für Displaced Persons

(Foto: Jessica Wehner)

Stellvertretend für eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück stellten im Anschluss Lea Horstmann und Jannik Singer die im April eröffnete digitale Ausstellung zum größten europäischen »Altersheim« für Displaced Persons vor, das zwischen 1950 und 1959 auf einem ehemaligen Kasernengelände in Varel bestand und aus einem über mehrere Semester angelegten Projektseminar von Dr. Sebastian Huhn in Kooperation mit dem Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel hervorging. Im Zentrum standen weniger der Inhalt der Ausstellung als das »Making of«: die systematische Digitalisierung und Auswertung der im Archiv des Heimatvereins verwahrten Meldekartei mit über 1.450 Personen, die redaktionelle Zusammenführung sehr heterogener Texte von Studierenden und Schüler:innen sowie die Möglichkeiten, die das digitale Format gegenüber einer klassischen Ausstellung eröffnet: geringe Kosten, permanente Korrigierbarkeit und Erweiterbarkeit. Vorgestellt wurde auch eine im Kontext einer Digital-History-Übung entstandene WebApp, die die Geburtsorte und Migrationswege der Bewohner:innen auf einer animierten Karte visualisiert und so die Datengrundlage zugänglich macht.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Die Diskussion kreiste um den schmalen Grat zwischen quellengetreuer Genauigkeit und ansprechender Vermittlung, insbesondere bei der Kartendarstellung, die Zwischenstationen der Verfolgung notwendig vereinfacht, sowie um Fragen des Datenschutzes, die durch die Publikation der Namen in den Arolsen Archives teilweise vorentschieden waren.

Displaced Persons als Studierende an der Universität Göttingen

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) präsentierte im ersten wissenschaftlichen Vortrag unter dem Titel »Unter besonderen Bedingungen« Ergebnisse eines Ausstellungsprojekts zu Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten. Die besondere Quellengrundlage bildet die Questur der Universität, die die DP-Studierenden ab dem Sommersemester 1946 gesondert verzeichnete, sodass sich rund 460 Studierende mit DP-Status rekonstruieren lassen, deren nationale Zusammensetzung, Fächerwahl und Wohnsituation Rode differenziert nachzeichnete. Sie betonte die semantische Trennung zwischen der empathisch besetzten deutschen »Vertreibungsgeschichte« und der lange marginalisierten DP-Geschichte und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit zu machen, statt sie zu übergehen.

In der Diskussion wurde auf die Übereinstimmung der nationalen Verteilung mit den von Henning Borggräfe für die IRO nachgewiesenen Mustern hingewiesen sowie auf ergänzende Bestände wie die Review-Board-Files, die Personen an den Rändern des DP-Status sichtbar machen.

Das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. David Templin (SFB 1604, Teilprojekt C1) verschob den Fokus ins späte 20. Jahrhundert und stellte eine Fallstudie zum 1989 gegründeten Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMkA) vor, verortet in der Frage nach der Bedeutung der kommunalen Ebene für die Entwicklung lokaler Migrations- und Integrationspolitiken. Templin skizzierte die »eigentümlich breite Koalition« der Multikulturalismus-Debatte, ordnete das AMkA zwischen Anerkennungspolitik, Kulturalisierung und Symbolpolitik ein und zeigte anhand des Quellenmaterials, wie das Amt über bilaterale Kontakte, bundesweite Vernetzung mit Ausländerbeauftragten und eine europäische Konferenz von 1991 versuchte, ein Gegengewicht zur restriktiven Bundespolitik zu bilden, während sich seine Kompetenzen in der kommunalen Praxis als begrenzt erwiesen.

Die Diskussion fragte nach der Semantik der Benennung als »Amt« im Unterschied zum »Zentrum«, nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus in der Begriffsprägung sowie nach der linken Kritik am Multikulturalismus, die vor allem dessen kulturalisierende Ausblendung struktureller Ungleichheit ins Visier nahm.

Das »gefährliche Archiv«: die verhinderte Geschichte der IRO

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Sebastian Huhn stellte abschließend eine gemeinsam mit Christoph Rass entwickelte Projektskizze zum Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes vor. Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Befund aus den IRO-Beständen der Archives nationales in Paris: Die zunächst von der History Unit erarbeitete offizielle, bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA hin gestoppt, das Team entlassen und die Aufgabe an Louise Holborn übertragen, deren 1956 erschienenes Werk seither als unhinterfragtes Referenzwerk fungiert. Mit Michel-Rolph Trouillot deutete Huhn diesen Vorgang als »Silencing of the Past« in Reinform und hob hervor, dass mit dem unveröffentlichten Hacking-Manuskript eine verhinderte Gegenerzählung für einen quellenkritischen Vergleich vorliegt.

Die Diskussion verband dies mit korpuslinguistischen Verfahren des Textvergleichs, mit denen sich Fortschreibungen, Umdeutungen und Auslassungen zwischen den Versionen systematisch nachweisen lassen, und richtete den Blick auf die noch offene Frage nach Warrens eigentlichen Motiven sowie auf die auffällige Semantik der Buchtitel zwischen geschichtswissenschaftlichem Anspruch und Rechenschaftsbericht.

Die Organisator:innen und Referent:innen des sechsten Tiny Desk Kolloquiums (v.l.n.r.: Lennart Blömer, Christoph Rass & Jessica Wehner (Organisation), David Templin, Maria Rhode, Sebastian Musch (Moderation) und Sebastian Huhn, es fehlen Lea Horstmann und Jannik Singer) (Foto: Annika Heyen)

Zur nächsten Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums laden wir Ende des Wintersemesters 2026/2027 ein!

NGHM liest | 09 | Eric J. Hobsbawm: The Age of Extremes (1994)

Lässt sich ein Jahrhundert, das man selbst durchlebt hat, mit den Mitteln der Geschichtsschreibung fassen, und wenn ja, um welchen Preis? Eric J. Hobsbawms The Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914–1991, der neuteTitel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Globalgeschichte und Sozialgeschichte, beantwortet diese Frage mit einer Periodisierung, die Schule gemacht hat, und einer pessimistischen Diagnose, die bis heute Widerspruch hervorruft.

Eric John Ernest Hobsbawm (1917–2012), britischer Historiker und Autor von The Age of Extremes (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als Hobsbawm 1994 bei Michael Joseph in London den Schlussband seiner Tetralogie zur Geschichte des langen 19. und kurzen 20. Jahrhunderts vorlegte, war er Mitte siebzig. 1936 war er als Student in Cambridge der Communist Party of Great Britain beigetreten, 1991, beim Ende der Partei, ließ er die Mitgliedschaft halbherzig erlöschen. Drei Jahre später erschien das Buch, dessen letztes Kapitel die Bilanz des ›Realen Sozialismus‹ enthält. Niall Ferguson, dessen politische Position weit von Hobsbawm entfernt ist, hat die Tetralogie als beste Einführung in die moderne Weltgeschichte in englischer Sprache bezeichnet, eine Würdigung, die zeigt, wie weit die Leserschaft des Werks ihre disziplinären und ideologischen Grenzen längst überschritten hat.

Die Architektur des Buches ist streng. Auf ein einleitendes Überblickskapitel folgen drei Teile: ›The Age of Catastrophe‹ für die Jahre 1914 bis 1950, ›The Golden Age‹ für die Jahre 1950 bis 1973 und ›The Landslide‹ für die Zeit von 1973 bis 1991. Die neunzehn Kapitel sind weitgehend eigenständig komponiert und behandeln den totalen Krieg, die Russische Revolution, die Weltwirtschaftskrise, das Ende des Liberalismus und den Aufstieg der Diktaturen, die Anti-Faschismus-Allianz, die Dekolonisation, das Goldene Zeitalter, die Krise der 1970er Jahre und das Ende des ›Realen Sozialismus‹. Eigene Kapitel zu Kunst, Kultur und Naturwissenschaften erweitern den Zugriff über eine Politik- und Wirtschaftsgeschichte hinaus.

Hobsbawm schreibt keine Ereignisgeschichte. Vielmehr will er drei große Veränderungen seiner Lebenszeit erklären: den Niedergang europäischer Vormacht, die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹ durch die Revolution in Kommunikation und Transport sowie den Zerfall früherer sozialer Beziehungsmuster. Aus dieser Trias entwickelt sich eine globale Erzählung, in der die Krise ab den frühen 1970er Jahren nicht bloß als ökonomisches Phänomen erscheint, sondern als Erschütterung der institutionellen und ideologischen Grundlagen aller Regime. Im Schlusskapitel diagnostiziert Hobsbawm einen Verlust an staatlicher Steuerungsfähigkeit. Damit kündigt er nicht den Triumph des demokratischen Kapitalismus an, den die zeitgenössische Publizistik nach 1989 ausrief, sondern eine drohende Anarchie. In seiner Analyse der Russischen Revolution formuliert er pointiert, dass der Kapitalismus sich an seinen Rändern leichter überwinden ließ als in seinen Stammländern: eine Spannung, in der das ganze Werk seine Position hält, nämlich die Anerkennung der Stabilität des Kapitalismus dort, wo der Marxist Hobsbawm ihn am liebsten überwunden gesehen hätte.

Genau hier setzt die Kontroverse an, die das Buch bis heute begleitet. Lawrence Freedman würdigte in seiner Rezension Hobsbawms umfassende Analyse und seinen weiten Bogen und erklärte den Band zum Maßstab für Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Zugleich hielt er Hobsbawms Sicht auf den Kapitalismus als unbändige und intrinsisch extremistische Kraft sowie seine Sorge vor einer triumphierenden Anarchie für nicht überzeugend. Auch die Etiketten der Periodisierung stießen in der Rezeption auf Vorbehalte: Die Zeit nach 1973 als ›Landslide‹ zu beschreiben, als seien die Dinge seitdem stetig bergab gerollt, erschien mehreren Kritikern kaum überzeugend – Tony Judt überschrieb seine Besprechung nicht zufällig mit ›Downhill All the Way‹. Die durchgängig unsympathische Behandlung der USA führe, so Freedman, zu einem unzureichenden Verständnis der globalen Anziehungskraft des ›American way‹. Eine andere Kritiklinie betrifft die Quellenbasis: Das Buch stützt sich fast ausschließlich auf Sekundärliteratur, deren Grenzen gelegentlich sichtbar werden, und der Raum, den Hobsbawm dem Sozialismus einräumt, lässt eigene Voreingenommenheiten erkennen. Von links wiederum las die Internationalist Communist Review das Buch als Ausdruck einer Wandlung Hobsbawms vom Stalinisten zum Verteidiger ›demokratischer Werte‹: ein Vorwurf aus entgegengesetzter Richtung.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 4595-484 9.

Trotz dieser Vorbehalte ist die zentrale Setzung des Buches in das Vokabular der Globalgeschichte eingegangen. Mit dem ›kurzen 20. Jahrhundert‹, als Pendant zum ›langen 19. Jahrhundert‹, hat Hobsbawm eine bis heute prägende Periodisierung etabliert. Die Dreiteilung in Katastrophe, Goldenes Zeitalter und Landslide strukturiert die Erzählung der Epoche weit über das eigene Werk hinaus. Wer die Geschichte des Westens nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern in den ungleichen Schüben von Kapitalismus und Klassenbildung sowie in der Wucht des Nationalismus erzählen will, kann hinter diesen Zugriff kaum zurück.

An einer Stelle bleibt das Buch dabei eigentümlich blass: Migration. Hobsbawm registriert die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹, ohne die Bewegungen von Menschen, also Vertreibungen, Arbeitsmigrationen, Fluchten, Displaced Persons der Nachkriegszeit, als eigenständigen Strang seiner Erzählung zu führen. Mit Wymans DPs, dem ersten Titel zur Flüchtlingsgeschichte auf unserer Liste, wird sichtbar, was bei Hobsbawm strukturell unterbelichtet bleibt: dass die Produktion von Migrationsregimen kein Nebenphänomen des kurzen 20. Jahrhunderts war, sondern einer seiner Kernprozesse.

Was bleibt, ist eine Periodisierung, die ihr eigenes Datum trägt: 1991 als Endpunkt, geschrieben von einem Historiker, der diesen Endpunkt selbst als Zäsur seiner politischen Biografie erlebt hatte.


Osnabrücker Studierende finden Hobsbawms The Age of Extremes im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4595-484 9 (OPAC).

Eric J. Hobsbawm (1917–2012), The Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1914–1991, London: Michael Joseph 1994.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

Der Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück