Research Revisited | Zwölf Jahre Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück

Konfliktlandschaften in Osnabrück:
Zwischenbilanz nach zwölf Jahren

Im Frühjahr 2026 läuft das Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history” auf Hochtouren seinem Abschluss entgegen. Das Vorhaben baut auf einer Vorarbeit auf, die zwischen 2020 und 2022 im BKM-Programm „Jugend erinnert” geoarchäologische Untersuchungen an emsländischen Lagerstandorten umfasste, und es markiert zugleich einen Stand: den einer Arbeit, die an der Universität Osnabrück seit 2014/15 systematisch betrieben wird. Genau diese Verschränkung von laufender Forschung, universitärer Lehre und öffentlicher Vermittlung gibt den Anlass, einen Rückblick auf zwölf Jahre Konfliktlandschaftsforschung zu unternehmen.

Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) in sechs Schritten. Im Folgenden werden zunächst aktuelle Formate forschenden Lernens skizziert, sodann das laufende Emslandlager-Projekt im Detail vorgestellt. Ein dritter Abschnitt geht in die Genese der IAK seit 2014/15 zurück und zeichnet ihre konzeptionelle Grundlegung und ihre Kooperationsstruktur nach. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Zugriffs, der die Osnabrücker Position im Feld der conflict landscape studies markiert. Ein chronologischer Überblick über Projekte, Tagungen und Publikationen zwischen 2014 und 2025 schließt sich an. Eine Bilanz schließt den Beitrag und fragt nach den institutionellen Bedingungen, unter denen sich der Osnabrücker Ansatz in Forschung, Lehre und Vermittlung verstetigen lässt.

Mitarbeiterinnen bei der Digitalisierung im Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation.” (Imke Selle)

I. Forschendes Lernen 2025/26

Die Konfliktlandschaftsforschung an der Universität Osnabrück ist konsequent in Lehrveranstaltungen eingebunden, die vermitteln, wie Gewaltereignisse ihre Schauplätze überformen und wie sich daraus in der longue durée die Produktion von Deutung und Bedeutung, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwickelt. Eine Reihe von Formaten aus den Jahren 2025 und 2026 macht das exemplarisch sichtbar.

Im März 2025 führte eine Tagesexkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover. Im Juni 2025 erprobten Imke Selle und ihr Team im Rahmen eines Digital-Public-History-Workshops in der Gedenkstätte Esterwegen mit Schüler:innen des Georgianum Lingen ein 360°-Angebot über die fünfzehn ehemaligen Lagerstandorte und die neun Lagerfriedhöfe. Am 28. November 2025 folgte eine weitere Tagesexkursion nach Esterwegen, ebenfalls unter Leitung von Imke Selle.

Im Wintersemester 2025/26 thematisierte Christoph Rass die Perspektiven der Konfliktlandschaftsforschung an der NGHM-Professur in der Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Holocaust”. Aus der Vorlesung heraus folgte eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren. Am 19. Januar 2026 wurde im Bürgerhaus Ibbenbüren der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano gezeigt, der das Schicksal von Anna Strishkowa rekonstruiert, die als knapp Vierjährige im Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau registriert wurde. Am 27. Januar 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren ins Kulturhaus Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ein. Vorgesehen war ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaustüberlebender aus Kiew; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, stand erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt. Christoph Rass übernahm die historische Einführung. Das Format des Zeitzeugengesprächs bot eine andere Rahmung als die Filmvorführung am 19. Januar: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm stand das direkte Gespräch im Vordergrund, sodass die Studierenden beide Vermittlungsformate erleben und miteinander vergleichen konnten.

Eine ebenfalls im Januar 2026 durchgeführte zweistufige Exkursion unter Leitung von Imke Selle führte die Studierenden zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme: am 16. Januar war eine Gruppe vor Ort mit Führung und kritischer Auseinandersetzung mit der Ausstellung zur Lager-SS, am 23. Januar folgte eine zweite Exkursion digital durch die Audio-Rundgänge und 360°-Touren der vollständig digitalisierten Gedenkstätte. Das Format prüft die analoge und die digitale Erschließung eines Gewalt- und Erinnerungsortes nicht als Alternativen, sondern als Komplemente.

Forschendes Lernen gehört zum Profil der IAK seit ihren Anfängen. Die Karya-Prospektion im Frühjahr 2023 wurde als Exkursion von Studierenden mitgetragen, das aktuelle Emslandlager-Projekt ist um ein Projektseminar herum angelegt. Posterpräsentationen, Tagesexkursionen zu Gedenkstätten und die Tiny Desk Kolloquien bilden stehende Formate, in denen Forschung, Vermittlung und Lehre nicht nacheinander, sondern ineinander wirken.

II. Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation

Das aktuell laufende Projekt operiert auf einer Fläche, die sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt: Fünfzehn Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager existierten zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Die meisten Standorte sind heute weder als Gedenkort markiert noch oberirdisch sichtbar. Sie sind Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohngebiet. Genau hier setzt das Projekt an: Es dokumentiert die Transformation dieser Orte über neunzig Jahre hinweg digital, von der Gründung der Lager bis zur Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen, die als einzige Erinnerungsinstitution stellvertretend für das gesamte Lagersystem steht.

Aufnahme des Lagers Börgermoor am ehemaligen Lagerstandort (Imke Selle).

Methodisch verbindet das Vorhaben 360°-Panorama, 3D-Scan, UAV-Photogrammetrie und geoarchäologische Prospektion mit forschendem Lernen in der universitären Lehrer:innenbildung. Die Digitalisierungskampagnen begannen im März 2024 mit ersten Aufnahmen an mehreren Standorten; im Mai und Juni 2024 wurden die Lager IX Versen und XI Groß-Hesepe auf den Geländen der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen systematisch erfasst; 2025 folgten weitere Standorte sowie eine zweite Studierendenexkursion zu den Lagern Neusustrum, Oberlangen, Dalum, Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) und Wietmarschen. Die Bündelung der Daten in einer digitalen Public-History-Infrastruktur dient zweierlei: einer empirischen Rekonstruktion der ›Emslandlager‹ als Verwaltungs- und Gewaltraum, und einer didaktischen Übersetzung, die Studierende, Schüler:innen und die regionale Öffentlichkeit als Adressat:innen mitdenkt.

Das Projekt entstand an der Universität Osnabrück und wird seit dem Wechsel von Lale Yildirim an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 2024 als Kooperation zwischen ihr und Prof. Dr. Christoph Rass an beiden Standorten und mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen umgesetzt. Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstätte bearbeiten gemeinsam ein Vorhaben zwischen Forschung, Lehre und Vermittlung.

III. Konzeptionelle Grundlagen seit 2014

Die IAK formiert sich 2014/15 als interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Geschichte (epochenübergreifend), Historische Migrationsforschung, Archäologie, Geoarchäologie, Fernerkundung und digitale Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt werden. Sie entstand damals auf der Grundlage von mehr als zwei Jahrzehnten Kooperation des Historischen Seminars mit seiner Professur für Archäologie der römischen Provinzen mit dem Museum und Park Kalkriese am Ort der Varus-Schlacht. Aus der Forschung dort stammt ein Befund, den die IAK in ihre Arbeit übernimmt und weiterführt: die These, dass post-battle processes, also die langfristigen Überformungen eines Gewaltortes nach dem unmittelbaren Kampfgeschehen, für das Verständnis historischer Konfliktlandschaften nicht weniger relevant sind als die Ereignisrekonstruktion selbst.

Die IAK übersetzt diesen Befund in ein eigenständiges Programm. Während battlefield archaeology einen Ort als Rekonstruktion des militärischen Geschehens liest, weitet der Osnabrücker Ansatz den Begriff in zwei Richtungen aus: zeitlich, indem nicht nur der Ereignishorizont, sondern auch die diskursive, materielle und erinnerungskulturelle Transformation des Ortes über die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) hinweg untersucht wird, und thematisch, indem nicht nur ›Schlachtfelder‹ im engeren Sinne adressiert werden, sondern auch Lagerlandschaften, Vernichtungsorte der Shoah, Besatzungsräume, Grenzregime und Orte der Zwangsarbeit. Christoph Rass umreißt die Arbeit der IAK mit einem Satz: „Wir untersuchen gewaltüberformte Orte als Konfliktlandschaften mit einem integrierten Methodenspektrum, das von den Naturwissenschaften bis zu den Geistes- und Kulturwissenschaften reicht.”

Andreas Stele (Physische Geographie) erklärt den Teilnehmer:innen der Herbstschule in Aschendorfermoor (Projekt ‘Boden|Spuren’) die Funktionsweise des Georadars.

Institutionell ist die Gruppe derzeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung angesiedelt. Mit der Neubesetzung der Professur für Archäologie geht die Leitung an Prof. Dr. Marcus Zagermann über. Seit 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler:innen im Verbund mitgearbeitet oder mit der Gruppe kooperiert. Die Kerngruppe innerhalb der Universität Osnabrück umfasste in den Jahren 2014 bis 2024 beispielsweise Joachim Härtling und Andreas Stele (Physische Geographie), die jeweiligen Vertreter der Archäologie, Björn Waske, Thomas Jarmer und Marcel Storch (Fernerkundung und Digitale Bildanalyse, Informatik), Andreas Brenne (Kunstpädagogik) sowie, bis zum Wechsel an die CAU Kiel im Jahr 2024, Lale Yildirim (Geschichtsdidaktik). Eine Übersicht über Mitglieder und Kooperationen dieser Phase ist auf der Webseite der Gruppe zugänglich.

Außerhalb der Universität Osnabrück sind aus dieser Zeit zahlreiche Kooperationsstränge gewachsen, die je einen analytischen Konvergenzpunkt markieren. Die längste, andauernde Zusammenarbeit besteht mit der Geschichtswerkstatt Minsk und Aliaksandr Dalhouski: Die gemeinsame Arbeit ist auf die Untersuchung der Konfliktlandschaften aus deutscher Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus gerichtet, von Maly Trostenez über die ›verbrannten Dörfer‹ bis zur ›Bandenbekämpfung‹, die in mehreren Projekten und in Lehrkooperationen ausgreift. Mit Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) bündelt sich die Griechenland-Arbeit: Schneiders Datenbank zu deutschen Militär- und paramilitärischen Einheiten in Griechenland 1941–1944/45 ist ebenso wie das App-Projekt Pan-history und das Karya-Vorhaben ein gemeinsamer Bezugspunkt. Mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group an der TU Dortmund konvergiert die Zusammenarbeit auf der Verknüpfung von maschinellem Lernen und historischen Quellenkorpora, zuletzt in der gemeinsamen Publikation des CM1-Datasets auf der ICDAR 2025. Mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen liegt der gemeinsame Bezugspunkt zunächst in „Boden|Spuren” (2020–2022) und dann im aktuellen Emslandlager-Projekt, das die Konfliktlandschaft Emsland in den Mittelpunkt rückt. Weitere abgeschlossene Projektkooperationen schließen an: die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin im Karya-Verbund (2022–2024), der Landschaftsverband Rheinland im Hürtgenwald-Projekt (2020–2024), die Universität Göttingen, die Universität Lettlands in Riga und das Museum Friedland im Vorhaben „In Stein gemeißelt?” (2022–2023).

IV. Methodenkette, Disziplinverbund, Feldforschung

Methodisch verbindet die Konfliktlandschaftsforschung ein Set nicht-invasiver und geophysikalischer Verfahren mit Quellenarbeit, Kartographie und digitaler Public History. LiDAR-Fernerkundung, Magnetometrie, Georadar und Geoelektrik dienen der Detektion unterirdischer Strukturen; UAV-Photogrammetrie und 3D-Scanning erfassen Oberflächenbefunde in hoher Auflösung; 360°-Aufnahmen dokumentieren den heutigen Zustand der Orte und machen ihn in virtuellen Rundgängen erfahrbar. Die so erzeugte Evidenz tritt in einen analytischen Dialog mit Archivquellen, Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Satellitenbildern aus der Nachkriegszeit, Zeitzeugenberichten und kartographischer Überlieferung. Erst wenn diese Multimodalität robust ist, kommen invasive Verfahren (Bohrungen, Sondagen, Grabungen) überhaupt in Betracht. Die methodische Reihenfolge ist nicht bloß forschungsökonomisch begründet. Sie nimmt eine ethische Position gegenüber Orten ein, an denen Menschen verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Aus dieser Praxis hat die IAK eine Typologie entwickelt, die neuzeitliche Konfliktlandschaften in drei Klassen einteilt: Typ 1 weist bauliche Überreste auf, Typ 2 ist durch deutliche Oberflächenbefunde gekennzeichnet, Typ 3 besitzt weder offenkundige bauliche Überreste noch Oberflächenspuren. Diese Klassifikation ist nicht nur eine akademische Sortierordnung. Sie hat Folgen: Sie strukturiert die Wahl der Verfahren, sie bestimmt, was als Befund überhaupt entstehen kann, und sie macht sichtbar, dass viele Gewaltorte des 20. Jahrhunderts heute zur dritten Klasse gehören, also Orte ohne Marker sind, an denen die Forschung erst die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass sie als Erinnerungsorte überhaupt diskutiert werden können.

Die fünf seit Gründung der Gruppe beteiligten Disziplinen (Physische Geographie, Archäologie, Informatik, Geschichtswissenschaft, Künstlerische Gestaltung) verstehen sich dabei weder als additive noch als konkurrierende Sichten, sondern als sich wechselseitig bereichernde Zugänge in ständigem Austausch. Das ist eine Form von Interdisziplinarität, die über eine bloße Nebeneinander-Stellung disziplinärer Befunde hinausgeht. Sie verlangt eine gemeinsame Arbeit am Gegenstand und produziert eine Evidenzform, die in keinem der beteiligten Fächer allein entstünde.

V. Projekte, Tagungen, Publikationen

Frühphase 2015–2017: Verortung des Ansatzes

Die epochenübergreifende Ausrichtung der Gruppe dokumentieren zwei interepochale Exkursionen, die ihr Profil sichtbar machen. Im Jahr 2015 führt eine gemeinsame Exkursion Christoph Rass und Christiane Kunst (Alte Geschichte) in die Troas im Nordwesten der heutigen Türkei und liest die Region unter dem Titel „Die Troas zwischen Antike und Erstem Weltkrieg” als gestaffelte Konfliktlandschaft, in der sich die Schlacht am Granikos (334 v. Chr.), die troianischen Mythen und die Kämpfe um die Dardanellen 1915 überlagern. Aus dieser Exkursion geht 2018 Christiane Kunsts Sammelband Alexander der Große am Granikos hervor; ein zugehöriger Aufsatz von Kunst und Anna Katharina Romund eröffnet 2022 unter dem Titel „Granikos. Die Schlacht im Kopf” auch Band 1 der Reihe Konfliktlandschaften. Zwei Jahre später, 2017, folgt eine zweite interepochale Exkursion von Christoph Rass, Christiane Kunst und Thomas Vogtherr (Mittelalter) nach Malta, in eine Insellandschaft, deren konfliktgenetische Schichten von der Antike über die Belagerung von 1565 bis zu den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs reichen. Beide Exkursionen unterlegen den Anspruch, Konfliktlandschaften nicht epochenspezifisch zu denken, mit konkreter Feldforschung, die sich wiederum mit der universitären Lehre verschränkt.

Bereits im Juni 2016 zeigt die IAK in der Kunsthalle Osnabrück gemeinsam mit der Forschenden Kunst erste Ergebnisse ihrer multiperspektivischen Betrachtung unter dem Titel „Konfliktlandschaften erkunden: Eine Spurensuche zwischen Grund und Gründen”, bezeichnenderweise als Workshop mit Ausstellung, also in einem Format, das die künstlerische Auseinandersetzung gleichrangig neben die wissenschaftliche stellt. Im November 2016 folgt ein zweiter Workshop in Kalkriese, der die Kooperation mit dem Museum vertieft.

Konsolidierungsphase 2018–2019

Eine erste Konsolidierungsphase erreicht die Gruppe 2018/19. Im Oktober 2018 richtet sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Museum Kalkriese die Jahrestagung „Konfliktlandschaften. Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog” aus.

Im Oktober 2019 folgt mit dem Landschaftsverband Rheinland in Köln die internationale Fachtagung „Konfliktlandschaft Hürtgenwald”, im November 2019 in Osnabrück ein Methodenworkshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der den Einsatz konfliktarchäologischer Verfahren für die Dokumentation von Massengräbern der Shoah ausleuchtet. Parallel laufen ab 2017 das EVZ-geförderte Projekt zu transnationalen Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit und Migration, ab 2018 die Prospektion Schärpenburg in Heede, ab 2019 die Kooperation in einer Datenbank zur deutschen Besatzung Griechenlands 1941–1944/45.

Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im Hürtgenwald (Mirjam Adam).
Hochphase 2020–2024: Drei parallele Forschungsfelder

Die Jahre 2020 bis 2024 bilden eine besonders dichte Phase. Drei zentrale Stränge laufen parallel: erstens der Hürtgenwald, zweitens die ›Emslandlager‹, drittens die osteuropäischen Vernichtungsorte.

Hürtgenwald. Im Hürtgenwald führt die IAK von 2020 bis 2024 das vom LVR geförderte Projekt „Lernort ›Schlachtfeld‹? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald” durch. Eine Kampagne im August 2020 dokumentiert anthropogene Eingriffe entlang des Kall-Trails und macht Raubgrabungen sowie Re-enactor-Aktivitäten sichtbar; weitere Feldforschungen im März 2023 ergänzen die Aufnahme; im November 2023 schließt die Abschlusstagung „Lernort Schlachtfeld? Der Hürtgenwald im Blick interdisziplinärer Forschung und kritischer Vermittlung” die Arbeit ab. Das Vorhaben verbindet Feldforschung und Vermittlung mit der Analyse einer problematischen lokalen Geschichtskultur, in der Militaria-Literatur und Re-enactment revisionistische Narrative reproduzieren. Eine Reihe digitaler Ausstellungen zu zentralen Orten dieser Konfliktlandschaft ist öffentlich zugänglich:

https://konfliktlandschaften.nghm-uos.de

Die Hürtgenwald-Forschung der IAK ist auch in den dokumentarischen Diskurs hineingewachsen. 2019 kooperierte die Arbeitsgruppe mit National Geographic an der Reihe „Buried Secrets of WWII”; in der Folge „America’s Bloodiest Battle” (Staffel 1 Folge 4, 24. September 2019) untersuchen Pete Kelsey und Martin K.A. Morgan den Hürtgenwald mit Mitteln digitaler 3D-Modellierung. In eine weitere Episode der Reihe zur ›Vergeltungswaffe‹ V2 gingen magnetometrische Befunde der IAK an Einschlagstellen in Südengland und ein LiDAR-Geländemodell des Standortes des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora ein. Im Februar 2020 sendete der WDR Carsten Günthers Dokumentation „Die Schlacht im Hürtgenwald” aus, in der Christoph Rass Befunde der IAK als historischer Kommentator einordnet.

Emsland. Im emsländischen Kontext kooperiert die IAK ab 2020 im BKM-geförderten Programm „Jugend erinnert” mit der Gedenkstätte Esterwegen im Projekt „Boden|Spuren”, parallel mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten „Boden erinnert”. Im August 2020 detektiert ein Team unter Einsatz von Drohnen-LiDAR die Lage von Grabstellen auf der Kriegsgräberstätte Dalum, wo zwischen 8.000 und 16.000 Opfer der NS-Gewaltherrschaft beigesetzt sind: die Größenordnung allein zeigt, in welchen Dimensionen von Gewalt diese Projekte oft arbeiten. Im Dezember 2022 gehen erste Projektergebnisse online; im November 2022 schließt die dritte Herbstschule in Esterwegen das Projekt didaktisch ab.

Osteuropa und Südosteuropa. In Osteuropa und im südosteuropäischen Raum entstehen zwischen 2021 und 2024 vier zusammenhängende Projekte. Das Auswärtige Amt fördert von 2021 bis 2023 die „Geoarchäologische Detektion und Dokumentation von Vernichtungsorten der Shoah in der Ukraine”. 2021/22 entsteht in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Minsk und unter EVZ-Förderung im Programm „Jugend erinnert” die digitale Erschließung des Vernichtungsortes Maly Trostenez, 2022 der „Virtuelle Lernort Malyj Trostenez/Maly Trascjanec”. Von 2022 bis 2024 läuft, ebenfalls mit der EVZ und mit Minsk, das Projekt „Гвалт і памяць — Mapping the Co-Presence of Violence and Memory in Belarus”, das die Geschichte der ›verbrannten Dörfer‹ und der nationalsozialistischen ›Bandenbekämpfung‹ im Zentrum hat und in mehreren Publikationen, zuletzt im Sammelband Verbrannte Dörfer (Berlin 2024) und in Ost-West 26/4 (2025), seinen Niederschlag findet.

Teilnehmer:innen der Herbstschule in Dalum im Projekt “Boden|Spuren”.

Karya. Im griechischen Karya wird zwischen 2022 und 2024 ein öffentlichkeitswirksames Projekt der jüngeren Geschichte der Gruppe umgesetzt. Im Frühjahr 1943 hatten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland verschleppt, um sie unter tödlichen Bedingungen einen mehr als 20 Meter tiefen Hangeinschnitt graben zu lassen. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 führte ein Team der IAK unter Leitung von Christoph Rass am Ort eine geoarchäologische Prospektion durch.

Die Ergebnisse fließen in die dreisprachige Wanderausstellung „Karya 1943 — Zwangsarbeit und Holocaust” sowie in den 2026 erschienenen gleichnamigen Katalog ein, herausgegeben vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Stiftung Denkmal und der Universität Osnabrück. Die Ausstellungswebsite macht die Ergebnisse zugänglich:

https://karya1943.eu

Im IAK Working Paper 3 sind Methodik und Befunde der Prospektion dokumentiert, im IAK Working Paper 4 der zugehörige Erfahrungsbericht. Parallel produzierte die IAK in Zusammenarbeit mit dem VirtUOS einen halbstündigen Dokumentarfilm über die Arbeiten in Karya.

Dokumentarfilm zur Prospektion.

Methodisch-programmatische Projekte und Tiny Desk

Parallel laufen zwischen 2023 und 2024 zwei kleinere, methodisch programmatische Projekte. „Pan-history”, gemeinsam mit Norbert de Lange (Umweltinformatik, Universität Osnabrück) und Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) und gefördert durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programmbereich Europäische und internationale Zusammenarbeit, entwickelt eine App für ein crowdsourcing-basiertes Langzeitmonitoring von Konfliktlandschaften und erprobt sie 2023 im Field-Test an Gewaltorten in Griechenland. Daneben läuft „In Stein gemeißelt? Digital erfahrbare Erinnerungsdiskurse im Stadtraum von Niedersachsen und Osteuropa” im Programm Zukunftsdiskurse, gemeinsam mit der Universität Göttingen, der Geschichtswerkstatt Minsk, der Universität Lettlands in Riga und dem Museum Friedland. 2023 kommt das Projekt „Von der ›Grünen Hölle‹ zum ›Grünen Band‹. Gedenkort ›Juliushütte‹” der Stiftung Naturschutz Thüringen hinzu, das unter Leitung von Dr. Frank Wolff einen Außenposten des KZ Mittelbau-Dora an der einstigen innerdeutschen Grenze adressiert. Im März 2023 findet zudem das gemeinsam mit Kalkriese veranstaltete Tiny Desk Kolloquium „Conflict Landscapes: Archäologie, Landschaftskonzeptionen, Narrative und Public History” statt.

Publikationen

Begleitet wird diese empirische Arbeit von einer wachsenden Zahl von Publikationen. Im Juli 2022 erscheinen die ersten beiden Bände der Reihe Konfliktlandschaften bei V&R/Brill, herausgegeben für die Arbeitsgruppe von Christiane Kunst, Christoph Rass, Thomas Vogtherr und Lale Yildirim. Band 1 versammelt 16 Beiträge zu Gewaltorten von der Antike bis in die Gegenwart, vier davon mit ersten Befunden zum Hürtgenwald-Projekt; Band 2 ist Frank Möllers Analyse revisionistischer Militaria-Literatur über die ›Schlacht im Hürtgenwald‹. Die Bände 3 und 4 sind in Vorbereitung. Aufsätze in Antiquity (zum Vossenack Ridge 2021 und zum Kall-Trail 2022), im Journal of Conflict Archaeology (zu post-battle processes 2011), in Zeithistorische Forschungen (zu GIS-Anwendungen 2022) sowie eine eigene Working-Paper- und Short-Report-Reihe (IAK WP 1–4, IAK SR 1–4) dokumentieren die einzelnen Stränge.

Publikationen

VI. Die Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung im Forschungsfeld

Aus mehr als zehn Jahren Arbeit ist insgesamt ein Zugriff hervorgegangen, der nicht in einem einzelnen Ort und nicht in einer einzelnen Epoche aufgeht. Die Arbeit der Gruppe legt nahe, dass „Konfliktlandschaft” als analytischer Begriff dann tragfähig wird, wenn er drei Eigenschaften verbindet: ereignisübergreifende Temporalität, also die systematische Mitanalyse der Transformationen nach dem unmittelbaren Gewaltgeschehen; methodische Mehrebenheit, also die Verschränkung geophysikalischer, geoarchäologischer, kartographischer, historiographischer, kulturwissenschaftlicher sowie didaktischer Verfahren; und reflexive Auseinandersetzung mit der Produktion von Erinnerungsorten durch wissenschaftliche, museale und politische Praktiken. Die in Osnabrück entwickelte Klassifikation der drei Konfliktlandschaftstypen ist gerade an Orten ohne sichtbare Spuren von forschungspraktischer Bedeutung: Sie führt zu einem anderen Blick auf die Produktion von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sensibilisiert für die Bedingungen der Produktion von Erinnerbarkeit.

Die Geschichte der IAK ist zugleich eine Geschichte ihrer Kooperationen. Ohne die langjährige Bindung an Kalkriese wäre der Methodentransfer von der Provinzialarchäologie in die Zeitgeschichte nicht in dieser Tiefe möglich gewesen; ohne die andauernde Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk, ohne die Verbünde mit der Gedenkstätte Esterwegen, der Stiftung Denkmal und dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, dem LVR und ohne die Bindungen an Valentin Schneider in Athen und Gernot A. Fink in Dortmund wären die größeren Projekte nicht durchzuführen gewesen. Die IAK ist insofern weniger ein abgeschlossener Forschungsverbund als eine Plattform: ein Knoten in einem Netz, das in unterschiedlichen Konstellationen mal aktiv, mal ruhend, mal neu geknüpft wird.

Genau hier liegt die Frage, die sich aus dem aktuellen Emslandlager-Projekt ergibt. Die Arbeit von Imke Selle und ihrem Team an den fünfzehn Lagerstandorten ist nicht nur die digitale Dokumentation eines historischen Lagersystems. Sie ist auch ein Test , ob die in der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung entwickelten Verfahren in einer Konstellation tragen, in der Forschung, Geschichtsdidaktik und Public History strukturell ineinandergreifen müssen, also über zwei Hochschulstandorte und eine Gedenkstätte hinweg, in der Lehrer:innenbildung wie in der Citizen Science, im Archiv wie im Feld. Was 2014 als interdisziplinäre Werkstatt begann, steht 2026 vor der Aufgabe, Studierende, Promovierende und Lehrende so in die laufende Arbeit einzubinden, dass sich die Methode als interdisziplinärer und epochenübergreifender Ansatz etabliert. Ob das gelingt, hängt nicht allein vom analytischen Anspruch ab, sondern davon, dass die institutionellen Bedingungen für diese Art von Forschung und Lehre weiter bestehen.


Aktivitäten, Exkursionen und Projekte der IAK werden laufend auf NGHM@hypotheses dokumentiert; eine Übersicht über Mitglieder, Tagungen, Working Papers und die Buchreihe findet sich auf den Seiten der NGHM-Professur.


NGHM liest | 05 | Michel Foucault: Surveiller et punir (1975)

Wie wurde aus dem Spektakel der Marter die stille Routine der Zelle? Michel Foucaults Surveiller et punir, der fünfte Titel der NGHM-Leseliste und ein Beispiel aus dem Bereich der sozialtheoretische Grundlagen, beantwortet diese Frage mit einer Gegenerzählung: die Abschaffung der öffentlichen Folter markiert keinen Fortschritt der Menschlichkeit, sondern den Übergang zu einer neuen, weitreichenderen Form der Macht, einer Macht, die nicht mehr auf den Körper des Verurteilten zielt, sondern auf die Normierung aller Körper.

Michel Foucault (1926-1984), französischer Philosoph und Autor von Surveiller et punir. (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia)

Als das Buch im Februar 1975 bei Gallimard erschien, war Foucault nicht nur Akademiker. Am 8. Februar 1971 hatte er gemeinsam mit Jean-Marie Domenach und Pierre Vidal-Naquet das Groupe d’information sur les prisons (GIP) gegründet, eine Initiative, die Gefangenen eine öffentliche Stimme geben sollte. Seine Vorlesungen am Collège de France, Théories et institutions pénales (1971/72) und La société punitive (1972/73), bereiteten die Thesen des Buches vor. Surveiller et punir entstand also im Schnittpunkt von politischem Aktivismus und akademischer Forschung; der Philosoph, der die Genealogie des Gefängnisses schrieb, organisierte zugleich den Protest gegen die Zustände in französischen Haftanstalten. Foucault selbst formulierte in der Einleitung: „Que les punitions en général et que les prisons relèvent d’une technologie politique du corps, c’est peut-être moins l’histoire qui me l’a enseigné que le présent.”

Der Text eröffnet mit einem Kontrast, der sein gesamtes Argument trägt: die öffentliche Hinrichtung des Königsattentäters Damiens im Jahr 1757, minutiös in ihrer Grausamkeit beschrieben, gegen den nüchternen Tagesablauf der Jugendstrafkolonie Mettray im 19. Jahrhundert. Zwischen beiden liegt keine humanitäre Reform. Was sich ändert, ist die Adresse der Macht.

Foucault entfaltet diese These in vier Teilen. Der erste analysiert die Marter als Ritual souveräner Macht, den Körper des Verurteilten als Schauplatz, auf dem die verletzte Autorität des Königs wiederhergestellt wird. Der zweite liest die aufklärerische Strafrechtsreform nicht als Humanisierung, sondern als Neuordnung: Effizienz statt Spektakel, Kalkül statt Ritual. Im dritten Teil, dem analytischen Zentrum des Buches, entwickelt Foucault die Begriffe, die sein Werk in den Kanon der Sozialtheorie eingeschrieben haben: die ›gelehrigen Körper‹, die durch Dressur und Zeitordnung geformt werden; die hierarchische Überwachung; die normierende Sanktion; und schließlich das Panopticon Jeremy Benthams als architektonisches Modell einer Macht, die sieht, ohne gesehen zu werden. Der vierte Teil argumentiert, dass das Gefängnis trotz seines programmatischen Scheiterns als Institution bestehen bleibt – nicht obwohl, sondern weil es ›Delinquenz‹ als nützliche Kategorie sozialer Kontrolle produziert. Das von Foucault am Schluss skizzierte „carcéral” durchzieht weite Bereiche der Gesellschaft: Schule, Kaserne, Fabrik, Klinik.

Die Rezeption setzte sofort ein. 1977 löste der Historiker Jacques Léonard mit seinem Beitrag „L’historien et le philosophe” (Annales historiques de la Révolution française 228, 1977, S. 163–181) eine Debatte aus, in der die methodischen Differenzen zwischen historischer und philosophischer Arbeit am Gefängnisthema sichtbar wurden. Den Anstoß hatte Maurice Agulhon, damals Präsident der Société d’histoire de la Révolution de 1848, schon 1976 auf der Jahresversammlung der Gesellschaft gegeben, als er vorschlug, einen Vortrag Michelle Perrots durch eine Table ronde mit Foucault zu ergänzen. Diese Table ronde fand am 20. Mai 1978 statt, mit Foucault, Léonard, Agulhon, Perrot, Arlette Farge, Carlo Ginzburg, Jacques Revel und weiteren Beteiligten. Das gesamte Dossier – Léonards Aufsatz, Foucaults Replik „La poussière et le nuage”, Perrots Vortrag, das Protokoll der Table ronde und ein Nachwort Agulhons – erschien 1980 bei Seuil unter dem Titel L’Impossible Prison. Perrot, die Foucaults Gefängnisforschung als „cycle carcéral” einordnete, gehörte zu den produktivsten Vermittlerinnen des Werks. Hayden White rezensierte das Buch im Juni 1977 in der American Historical Review; Clifford Geertz verfasste am 26. Januar 1978 in der New York Review of Books unter dem Titel „Stir Crazy” eine eigene Besprechung. Im angelsächsischen Raum beeinflusste die englische Übersetzung von 1977 (Alan Sheridan, Pantheon/Allen Lane) maßgeblich die Critical Criminology, die Surveillance Studies und die Gouvernementalitätsforschung.

Die Kritik indes blieb ebenfalls substanziell. Peter Gay warf Foucault und der von ihm beeinflussten ›social control‹-Schule in The Cultivation of Hatred (1993) vor, das Motiv politischer Kontrolle zu überschätzen und Faktoren wie demokratische Reformen, authentischen Idealismus sowie die schiere Unsicherheit oder Inkompetenz der Machthaber zu unterschätzen. David Garland fasste die zahlreichen Einwände in Punishment and Modern Society (1990) auf abstrakterer Ebene zusammen: Surveiller et punir biete eine konsistente Erklärung über Macht, oft auch dort, wo andere Historikerinnen und Historiker zusätzliche Faktoren in Rechnung stellen würden. C. Fred Alford wandte ein, Foucault verwechsle den Diskurs über Gefängnisse mit der tatsächlichen Praxis: Die Abbildungen im Buch zeigten Pläne idealer Gefängnisse, die nie gebaut wurden. Aus marxistisch informierter Perspektive wurde moniert, der Fokus auf die Disziplinargesellschaft vernachlässige ökonomische Strukturen; Nancy Fraser fragte in „Foucault on Modern Power” (1981, wiederabgedruckt 1989), ob Foucault nicht stillschweigend liberale Werte wie Freiheit voraussetze, die seine eigene Analyse nicht begründen könne.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 4145-385 2

Gerade in dieser Spannung liegt die Produktivität des Buches. Begriffe wie ›Disziplinarmacht‹, ›Panoptismus‹ und ›gelehrige Körper‹ sind zum Standardvokabular weit über die Strafrechtsgeschichte hinaus geworden – in der Bildungsforschung, der Organisationssoziologie und der Architekturtheorie. Die Grundeinsicht, dass Macht nicht nur repressiv wirkt, sondern auch Subjekte, Wissen und Institutionen produktiv hervorbringt, bleibt ein zentrales analytisches Werkzeug. Zugleich warnen Kritikerinnen wie Petra Gehring vor einer vorschnellen Übertragung des Panoptismus-Modells auf die algorithmische Überwachung: Die digitale Kontrollgesellschaft funktioniert nach anderen Prinzipien als Benthams architektonische Utopie.

Wer Carrs Frage aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, wer eigentlich entscheidet, was als ›historisches Faktum‹ gilt, findet bei Foucault eine radikale Weiterführung: Nicht nur die Auswahl der Fakten, sondern auch die Wissensordnungen selbst, die Kategorien, in denen Gesellschaften unterscheiden, klassifizieren und normieren, sind Produkte von Machtbeziehungen. Später in dieser Reihe wird Michel-Rolph Trouillots Silencing the Past diese Frage auf die Geschichtsschreibung selbst anwenden und fragen, an welchen Stellen des historiographischen Prozesses Schweigen produziert wird. Foucaults eigenes Verfahren liest sich im Nachhinein wie eine Anleitung dazu: die Sichtbarmachung der Muster, die im Vertrauten verborgen liegen.

Osnabrücker Studierende finden Foucaults Surveiller et punir im B-Magazin unter der Signatur 4145-385 2 (OPAC).


Michel Foucault (1926–1984), Surveiller et punir: Naissance de la prison, Paris: Gallimard 1975.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 04 | Barbara W. Tuchman: The Guns of August (1962)

Kann ein Geschichtsbuch einen Atomkrieg verhindern? Barbara W. Tuchmans The Guns of August, der vierte Titel der NGHM-Leseliste, gewählt aus dem Feld Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung, erzählt die ersten dreißig Tage des Ersten Weltkriegs als Geschichte von Fehlkalkulationen, institutioneller Trägheit und der Eigendynamik militärischer Pläne. Dass John F. Kennedy das Buch wenige Monate vor der Kubakrise las, macht es zu einem singulären Fall: einem historischen Text, dessen politische Wirkung sich datieren lässt.

Barbara Wertheim Tuchman (1912–1989), US-amerikanische Historikerin und Autorin von The Guns of August (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Mai 1910, London: Die Könige und Staatsoberhäupter Europas versammeln sich zum Begräbnis Eduards VII. Mit dieser Szene eröffnet Tuchman ihr Buch: ein letztes Gruppenbild der alten Ordnung, bevor vier Jahre später ebenjene Bündnisse, die diese Ordnung zusammenhielten, Europa in den Krieg reißen sollten. Von diesem symbolischen Endpunkt aus führt der Text durch die Kriegspläne der Großmächte: den Schlieffen-Plan, den französischen Plan XVII, die russische Mobilmachung, die Entsendung der britischen Expeditionsstreitkräfte. Dann schildert Tuchman den August 1914 selbst, die Kampfhandlungen um Lüttich, die Grenzschlachten, die Zerstörung Löwens, die Verfolgung der Kriegsschiffe Goeben und Breslau im Mittelmeer, Tannenberg an der Ostfront, bis zur Ersten Marneschlacht. Am Ende steht die These, dass diese dreißig Tage den Stellungskrieg und damit den weiteren Verlauf des Jahrhunderts determinierten.

Tuchman kam nicht aus der Universität. Sie kam aus dem Journalismus und einer politisch verflochtenen Familie, die selbst Teil der Geschichte war, die sie beschrieb. Geboren 1912 in eine einflussreiche New Yorker Familie (ihr Großvater Henry Morgenthau Sr. war US-Botschafter im Osmanischen Reich, ihr Vater Maurice Wertheim Bankier und Eigentümer von The Nation), erwarb sie 1933 am Radcliffe College einen Bachelor in History and Literature, arbeitete als Auslandskorrespondentin im Spanischen Bürgerkrieg und während des Zweiten Weltkriegs im Office of War Information. Ein Promotionsstudium schloss sie nie an, was sie später selbst als Befreiung von akademischen Zwängen beschrieb. Stattdessen verfolgte sie bewusst einen literarischen Zugang zur Geschichtsschreibung, recherchierte an der New York Public Library, der Library of Congress, dem British Public Record Office und der Bibliothèque Nationale und bereiste die Schlachtfelder Belgiens und Frankreichs mit einem gemieteten Renault. The Guns of August erschien Ende Januar 1962, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Die politische Wirkung trat wenige Monate später ein. Kennedy, der das Buch vor der Kubakrise gelesen hatte, verwies wiederholt auf Tuchmans Warnung vor der Eskalationsdynamik militärischer Mobilmachung. Zu seinem Bruder Bobby sagte er: „I am not going to follow a course which will allow anyone to write a comparable book about this time [and call it] The Missiles of October.” Auch der britische Premierminister Harold Macmillan, den das Buch nachhaltig beeinflusst hatte, widersetzte sich im Oktober 1962 dem amerikanischen Drängen auf eine sofortige NATO-Alarmbereitschaft. Graham Allison analysierte diesen Einfluss später in Essence of Decision.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 4501-311 7.

Die akademische Rezeption fiel gespalten aus. Das Buch gewann 1963 den Pulitzer Prize for General Nonfiction und wurde zum Bestseller; 1998 nahm die Modern Library es in ihre Liste der 100 Best Nonfiction des 20. Jahrhunderts auf. Allerdings kritisierten mehrere Historiker die Quellengrundlage: Ulrich Trumpener bemängelte im Journal of Modern History die unzureichende Nutzung von Primärquellen und urteilte, „as a scholarly contribution to the history of World War I” sei das Buch „less satisfactory”; Tuchman habe die maßgeblichen diplomatiegeschichtlichen Arbeiten von Sidney Fay, Luigi Albertini, Pierre Renouvin und anderen ignoriert und sich stattdessen auf Generalstabsgeschichten und kontroverse Memoiren gestützt. Michael Gordon (New York Times Book Review, 1963) warf ihr eine antideutsche Voreingenommenheit vor: Das Buch erwecke den Eindruck, der Krieg sei „half the result of the fecklessness of the Kaiser and half the result of the unbelievably vicious character of the German people”. Samuel R. Williamson Jr. vermisste im Sewanee Review eine Analyse von Zivil-Militär-Beziehungen und Allianzstrukturen. Sidney Fay fasste das Spannungsfeld zusammen: Tuchman habe die Geschichte falsch dargestellt, gleichwohl müssten Historiker:innen schreiben wie sie, oder sie seien „out of business”.

In Fays Diktum steckt die produktive Spannung, die das Buch für die Leseliste relevant macht. The Guns of August ist ein idealtypisches Lehrstück über die Spannung zwischen narrativer Eingängigkeit und wissenschaftlicher Komplexität: selektive Quellenverwendung, deterministische Kausalitätsannahmen, nationale Stereotype auf der einen Seite; auf der anderen ein Text, der ein Massenpublikum erreichte, politische Entscheidungen beeinflusste und eine Generation populärer Historikerinnen und Historiker prägte, darunter Margaret MacMillan, die 2014 von Tuchmans Erzählung schrieb, die Lektüre sei gewesen, als ginge Geschichte „from black and white to Technicolor”.

Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Tuchman einen Fall, der Carrs Argument zugleich bestätigt und auf die Probe stellt: Tuchmans Auswahl, der Fokus auf die Westfront, das Fehlen des serbisch-österreichischen Kriegsschauplatzes, die Dramatisierung einzelner Entscheidungsmomente formten nicht nur eine Erzählung, sondern ein politisches Werkzeug. Dass Kennedy aus dieser Erzählung eine Handlungsmaxime für die Kubakrise ableitete, zeigt, dass narrative Geschichtsschreibung politische Relevanz entfalten kann und dass die Frage, welche Vergangenheit erzählt wird, Konsequenzen für die Gegenwart hat, die über akademische Debatten hinausreichen. Später in dieser Reihe wird Eric Hobsbawms The Age of Extremes das ›kurze 20. Jahrhundert‹ analytisch rahmen, das bei Tuchman mit jenen dreißig Augusttagen begann.

Dabei bleibt ein Detail, das Tuchman erst Jahrzehnte nach der Veröffentlichung preisgab, eine Art Fußnote zur eigenen Methode: Als zweijähriges Kind befand sie sich im August 1914 auf einem italienischen Passagierdampfer im Mittelmeer, der die Verfolgung der Goeben und Breslau miterlebte, eine Episode, die sie im Buch beschrieb, ohne sich selbst als Augenzeugin zu erkennen zu geben.

Osnabrücker Studierende finden Tuchmans The Guns of August im B-Magazin unter der Signatur 4501-311 7 (OPAC).


Barbara W. Tuchman (1912–1989), The Guns of August, New York: Macmillan 1962.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM-Tracker (5/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der April brachte eine bemerkenswerte Dichte an Impulsen, die von Florenz bis Osnabrück reichten und dabei grundlegende Fragen der Geschichtswissenschaft berührten. Mit der neuen Reihe „NGHM liest” eröffnete das Team gleich zwei Fenster in die Geschichtstheorie und die Täterforschung. Was den Monat zusammenhält, ist eine gemeinsame Bereitschaft, unbequeme und offene Fragen nicht zu umgehen – in der Forschung, in der Lehre und im Dialog.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

Vom 23. bis 24. April 2026 nahmen Christoph Rass und Sebastian Huhn an der Konferenz des InechO-Projekts (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) am Alcide De Gasperi Research Centre des European University Institute in Florenz teil. Das von Kiran Klaus Patel und seinem Team an der LMU München entwickelte Projekt untersucht das Nachleben aufgelöster internationaler Organisationen.

Christoph Rass und Sebastian Huhn präsentierten ein Papier, das im Rahmen des SFB 1604 „Produktion von Migration” entstanden ist und die Auflösung der International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) in den Blick nimmt. Die IRO war insofern eine singuläre Institution, als sie Rechtsschutz, materielle Fürsorge und das Resettlement von Displaced Persons unter einem institutionellen Dach vereinte. Ihr Ende folgte weder dem Modell einer geordneten Nachfolge noch dem einer schlichten Auflösung. Sebastian Huhn und Christoph Rass schlagen dafür das analytische Konzept einer „functional disaggregation” vor: die gezielte Aufspaltung eines integrierten Mandats auf mehrere Nachfolgeorganisationen, von denen jede spezifische Funktionskomponenten erbte, während eine institutionelle Kontinuität gleichzeitig negiert wurde. Der UNHCR übernahm den Rechtsschutz mit minimalem Budget; das gut ausgestattete ICEM – heute IOM – erbte den operativen Transportapparat samt zwölf IRO-Schiffen. Begleitet wurde dieser Prozess von einer doppelten Amnesie: Beide Nachfolgeorganisationen distanzierten sich in sorgfältig kuratierten Archiven von ihren IRO-Ursprüngen.

Jessica Reinisch, Christoph Rass and Sebastian Huhn

Die Diskussion des Papiers durch Jessica Reinisch (Birkbeck, University of London) erwies sich als besonders produktiv: Sie wies darauf hin, dass das beschriebene Muster nicht nur das Ende, sondern bereits den Beginn der IRO kennzeichnet – auch die UNRRA war eine integrierte Organisation, deren Auflösung Funktionen ungleich auf Nachfolger verteilte. Diese Beobachtung verweist auf eine längere Kette internationaler Flüchtlingsorganisationen seit den 1920er-Jahren und legt nahe, dass funktionale Disaggregation kein singuläres Auflösungsereignis beschreibt, sondern einen wiederkehrenden Modus, in dem die internationale Gemeinschaft ihre Reaktion auf gewaltinduzierte Mobilität immer wieder neu organisiert hat. Das Papier wird als Beitrag in dem geplanten Sammelband des InechO-Projekts erscheinen.

Nicht ganz so weit in die Ferne ging es am 30. April:

An diesem Tag fand in der Aula des Lothar-Meyer-Gymnasium (LMG) in Varel die Eröffnung der digitalen Ausstellung über das größte Altersheim für Displaced Persons statt, das zwischen 1950 und 1959 auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmachtskaserne in der niedersächsischen Stadt Varel bestand. Das Ausstellungsprojekt entstand in einer ungewöhnlichen Kooperation: Sebastian Huhn (NGHM, Universität Osnabrück) und Christian Lütje (LMG Varel) führten über zwei Jahre hinweg Studierende und Schülerinnen und Schüler in einem gemeinsamen Forschungs- und Ausstellungsprojekt zusammen. Die Studierenden des Historischen Seminars der Universität Osnabrück erschlossen das kaum erforschte Thema auf Grundlage nationaler und internationaler Archivquellen, die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten biographische Skizzen einzelner Bewohnerinnen und Bewohner — darunter NS-Opfer, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Flüchtlinge vor dem Stalinismus aus mindestens dreizehn Ländern. Das Heim, in dem zeitgleich bis zu 1.000 Menschen lebten, steht exemplarisch für ein weitgehend vergessenes Kapitel der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte: den Umgang der frühen Bundesrepublik mit jenen Displaced Persons, denen ein Resettlement nicht gelungen war.

Den Abend eröffnete Sebastian Huhn mit einer Einführung in den historischen Kontext: von der Situation der über sieben Millionen Displaced Persons nach Kriegsende über die Arbeit der International Refugee Organization bis zur Übergabe der Versorgungsverantwortung an die frühe Bundesrepublik — und zur Frage, was deren Umgang mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern über die gesellschaftliche Verfasstheit dieser Zeit aussagt. Vom Osnabrücker Team nahmen auch Anna Louisa Asbrock, Timo Diener, Dirk Hobein, Lea Horstmann, Johannes Pufahl, Jannik Singer und Hannah Spille teil, die den sehr interessierten Gästen Einblicke in die Ausstellung gaben. Die Vernissage stieß auf großes öffentliches Interesse; auch die Nordwest-Zeitung berichtete.

Die Ausstellung ist ab sofort unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de zu besuchen.

Die Ausstellung ergänzt damit das umfangreiche Ausstellungsprogramm der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Weitere Ausstellungen zu folgenden Themen sind ebenfalls verfügbar:

Seit Anfang April 2026 bereichern zwei internationale Gastwissenschaftler die Forschungsgruppe von Prof. Dr. Christoph Rass am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

Morten Baarvig Thomsen und Matti Tapio Välimäki zu Gast am IMIS und in Team NGHM (Foto: Jessica Wehner)

Matti Tapio Välimäki von der Universität Helsinki und Morten Baarvig Thomsen von der Universität Süddänemark brachten unterschiedliche nationale Perspektiven und Epochen mit – und trafen sich doch auf einem gemeinsamen analytischen Terrain: der staatlichen Steuerung von Bewegung, Aufenthalt und Ausweisung. Im Mittelpunkt der Forschung Välimäkis stand das Konzept des „Non-Entry Regime” an Finnlands Ostgrenze. Seine These war historisch zugespitzt: Die vieldiskutierten Grenzschließungen der 2020er Jahre seien weniger ein Bruch als die Wiederherstellung einer jahrzehntelangen, administrativ stillen Praxis, die seit dem Kalten Krieg das finnisch-sowjetische Grenzverhältnis geprägt hatte. Scheinbare Krisen – von Überläufern des Kalten Krieges bis zu jüngsten „Instrumentalisierungsepisoden” – erschienen so als Momente, in denen ein eingespielter Konsens kurz sichtbar wurde. Baarvig Thomsen, Doktorand an der Universität Süddänemark, untersucht in seiner Dissertation die rund 34.000 sogenannten „nicht-deutschen” Displaced Persons, die zwischen 1945 und 1953 dänische Flüchtlingslager durchliefen. Statt administrative Strukturen von oben zu beschreiben, fragte er nach den alltäglichen Aushandlungsprozessen zwischen Flüchtlingen und dänischem Personal – und widersprach damit dem Bild passiver Hilfsobjekte in uniformen Wartesälen. Sein Aufenthalt in Osnabrück ist Teil seines von der New Carlsberg Foundation geförderten Promotionsprojekts.

Am 23. April stellte Matti seine derzeitigen Forschungsvorhaben auch im Kolloquium von Team NGHM vor.

Mitglieder der Arbeitsgruppe Negotiating Migration und des SFB 1604 gemeinsam mit unseren Gästen (Lukas Hennies, Anna Schlutter, Valentin Loos, Morten Baarvig Thomsen, Jonathan Roters, Jessica Wehner, Ahmet Celikten, Sebastian Musch, Matti Tapio Välimäki und Annika Heyen vlnr.; Foto: Hannah Spille)

Einen weiteren internationalen Gast durfte Team NGHM am 30. April begrüßen. Dr. Carl Mauzy, Marilena‑Laskaridis Visiting Research Fellow an der University of Amsterdam und Absolvent des King’s College London, arbeitet in der neueren griechischen Geschichte mit einem besonderen Fokus auf Fotografie und Bildgeschichte; in seinem Vortrag stellte er aktuelle Forschungen zu Amateurfotos deutscher Soldaten während der Besatzung Griechenlands 1941–1944 vor und zeigte, wie diese Bilder als „uneasy witnesses“ historische Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erinnerungskonstellationen transnational vermitteln.

Lukas Hennies bei der Präsentation (Foto: Imke Selle)

Am 8. April waren Mitarbeiter:innen von Team NGHM an die Technische Universität Dortmund, Fachbereich Informatik, eingeladen. Zur Auftaktveranstaltung der Master-Projektgruppe ‚Mustererkennung‘ an der Professur von Prof. Dr. Gernot Fink sprachen Imke Selle und Lukas Hennies über die im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, überlieferte Kartei der Emslandlager und deren Potenziale für eine automatisierte Erschließung mit informatischen Verfahren. Der Vortrag der beiden vermittelte Genese, Nutzung und Archivierung der unterschiedlichen Karteien der Emslandlager und erläuterte das Erkenntnisinteresse von Historiker:innen an diesem seriellen Bestand.

Die Zusammenarbeit der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der Arbeitsgruppe für Mustererkennung ermöglicht Studierenden damit zum zweiten Mal einen interdisziplinären Blick auf einen historischen Quellenbestand. Bereits 2025/26 hatte sich eine Master-Projektgruppe der Erschließung von personenbezogenen Massendaten aus den sog. ‚CM/1‘ Files der Arolsen Archives angenommen.

Am 12. April hielt Prof. Dr. Christoph Rass im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck einen Vortrag im Augustaschacht in Osnabrück unter dem Titel “Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig? Was die Osnabrücker Gestapokartei über NS-Herrschaft und Volksgemeinschaft erzählt.”

Am 26. März 1945, neun Tage bevor britische Truppen Osnabrück erreichten, legte ein Beamter der Gestapo-Leitstelle Osnabrück die letzte Karte einer Personenkartei an, die seit 1928 geführt wurde. Während die Ermittlungsakten der Leitstelle im Innenhof des Schlosses verbrannt wurden, nahmen die Beamten die Kartei auf die Flucht: zu wichtig, um sie den Flammen zu übergeben, zu belastend, um sie zurückzulassen. Mit 48.767 Karteikarten zu rund 48.000 Personen und 40.934 dokumentierten Vorgängen gehört sie heute zu den nur sechs noch substantiell erhaltenen Personenkarteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im ehemaligen Reichsgebiet. Anlass für die Wiederannäherung an dieses Quellenkonvolut bot eine Gedenkveranstaltung der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e.V. am Ort des ehemaligen AEL Ohrbeck, am Hüggel südwestlich von Osnabrück, in dessen Augustaschacht-Pumpenhaus die Gestapo zwischen Januar 1944 und März 1945 Tausende von ausländischen Zwangsarbeiter:innen disziplinieren ließ. Der hier vorgetragene Forschungsstand wurde von der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Rahmen des DFG-Projekts ›Überwachung. Macht. Ordnung. Personen- und Vorgangskarteien als Herrschaftsinstrument der Gestapo‹ (2018 bis 2021) erarbeitet, in dem die Osnabrücker Kartei als erste regionale Gestapo-Personenkartei vollständig digitalisiert und datenbankgestützt erschlossen wurde. Nun bot eine Gedenkveranstaltung Gelegenheit, die Gestapokartei noch einmal mit spezifischem Blick auf das AEL Ohrbeck auszuwerten. 

Drei Befunde des Vortrags lassen sich knapp zuspitzen: Erstens zeigt die Kartei eine institutionelle Transformation der Leitstelle, die in der bisherigen Forschung nur für einzelne regionale Fälle dokumentiert war: 86,5 Prozent der 4.719 benannten Haftereignisse fallen in die Phase IV (1942–1945), 77,1 Prozent betreffen Personen, die in der Kartei als Zwangsarbeiter:innen identifiziert sind. Zweitens macht die quantitative Auswertung das Haftsystem als reichsweite Infrastruktur sichtbar: 448 distinkte Haftorte, von Polizeigefängnissen in den besetzten Niederlanden über Konzentrationslager bis zu Zuchthäusern in Schlesien. Im Zentrum stehen zwei Arbeitserziehungslager, die zusammen 53 Prozent aller benannten Haftereignisse absorbierten: das AEL Ohrbeck im eigenen Bezirk und das von der Gestapo Köln verwaltete AEL am Flughafen Essen/Mülheim, in das die Osnabrücker Leitstelle mehr als eintausend Personen überstellte.  Drittens verschiebt die Kartei den Blick auf die ›Volksgemeinschaft‹ als Verfolgungspraxis. Mit 1.794 dokumentierten Ereignissen ist das Arbeitsamt der mit Abstand häufigste institutionelle Kooperationspartner der Leitstelle, gefolgt von Landräten (1.044), Firmen (1.102) und Bürgermeistern (175).

Christoph Rass beim Vortrag (Foto: Giulia Lambert/Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht)

History@SFB1604

Vom 14. bis zum 17. April nahmen Ahmet Celikten und Annika Heyen an der Spring School “Production of Migration” des Sonderforschungsbereichs 1604 teil. Abgesehen von den Doktorand:innen des Sonderforschungsbereichs nahmen 22 PhD Students aus 15 Ländern an der Veranstaltung teil. Zusätzlich reisten auch Nina Glick Schiller (University of Manchester) und Valentina Mazzucato (Maastricht University) für die Key Note Lectures sowie Nader Talebi (Humboldt University Berlin), Shahram Khosravi (Stockholm University), Janine Dahinden (University of Neuchâtel) und Stefan Manser-Egli für die Durchführung des Workshopprogramms an. Im Rahmen von Paper Presentations sprachen Ahmet Celicten über “The Production of the Turkey-Related ‘Other’: A Mixed-Methods Analysis of Migrantized Figures in Academic Discourse” und Annika Heyen über “Categories and Crisis: The Prodiuction of the ‘Refugee’ in the Context of the 1943 Bermuda Conference”.

Am 17. April unterstützten Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott vom Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” Sebastian Musch und Thea Kruse bei der im Rahmen der Spring School angebotenen Exkursion zur Baracke 35. Die einstmals als Teil eines Ausbildungslagers der Wehrmacht errichtete Baracke wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten als Kriegsgefangenenlager vor allem für serbische Offiziere genutzt. Nach Ende des Krieges wurden hier sogenannte ‘Displaced Persons’ vor ihrer Repatriierung bzw. vor ihrem Resettlement untergebracht. Der Verein, der die Baracke betreut, konzentriert seine Arbeit vor allem auf die Förderung von Frieden und anti-Kriegs-Bildung. Ziel der Exkursion war es, gemeinsam mit den Mitgliedern des Vereins “Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V.” über die migrationshistorischen Aspekte des Ortes zu diskutieren. Die Mitglieder des Transferprojekts demonstrierten darüber hinaus, wie digitale Werkzeuge dazu eingesetzt werden können, über einen Ort und seine Bedeutung neu nachzudenken.

Notizen

Im April startete die neue Reihe “NGHM Liest”, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Bereits online sind die folgenden Beiträge:

Prof. Dr. Christoph Rass war zu Gast im “Verhör” beim Zentrum Virtuos der Universität Osnabrück. In diesem Format befragen die Kolleg:innen vom Virtuos unterschiedliche Professor:innen rund um den Alltag von Forschung und Lehre.

Unter anderem erklärt Christoph Rass dort, wie die geschichtswissenschaftliche Praxis im Studium aussieht, welches Wort im Wortschatz von Historiker:innen nicht fehlen darf und welches Tier die Geschichtswissenschaft seiner Meinung nach wäre.

Sebastian Musch hat für Central European History die Monografie Österreich und der Buddhismus. Asiatische Abenteuer vom 16. Jahrhundert bis um 1960 von Hubert Weitensfelder rezensiert.

Zum 15. April konnten wir Gesa Landwehr im NGHM-Team begrüßen. Sie studiert Neueste Geschichte im Fachmaster und unterstützt nun als studentische Hilfskraft das Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”. Neben ihrer Tätigkeit bei uns arbeitet sie noch als Guide bei der Villa_ – Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte. Gesa interessiert sich für Geschichte aus einer Perspektive der Vermittlung. Sie findet besonders spannend, Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung außerhalb der Schule und mit digitalen Werkzeugen zu untersuchen. Beispielsweise entwickelte sie in der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” eine Web-App und berichtete davon im letzten Tiny Desk Kolloquium. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Mitte April verabschiedete sich das A3-Team des SFB 1604 von Elif Celik, die das Team in den vergangenen drei Monaten intensiv bei der Datenerhebung und Literaturrecherche unterstützt hatte. Wir danken ihr für ihre wertvollen Beiträge und wünschen ihr alles Gute und viel Erfolg für ihr Masterstudium.

Ende April verabschiedete Team NGHM außerdem Benjamin Look, der maßgeblich an der Tracker-Redaktion und der allgemeinen Blogredaktion beteiligt war. Diese Ausgabe des Trackers ist damit die letzte gemeinsam gestaltete Ausgabe. In Kürze wird Benjamin sein Masterstudium abschließen und Team NGHM wünscht ihm alles Gute für seinen beruflichen Werdegang!

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 12. Mai, 12.30 bis 13.30 Uhr, referieren Lukas Hennies und Jessica Wehner auf Einladung des Netzwerks Hochschule.digital Niedersachsen in der Reihe “KI Kompakt” zum Thema “Digitale Tools und KI-Nutzung in der Geschichtswissenschaft: Potenziale und Herausforderungen für die Lehre”.

Der Vortrag beleuchtet, wie im Rahmen des Geschichtsstudiums in die kritische Nutzung von generativer und nicht-generativer KI eingeführt werden kann. Konkret sollen Ansätze vorgestellt werden, die sowohl die (historische) Wissensproduktion als auch die Entwicklung von Vermittlungsformaten mit Hilfe von KI-Modellen betreffen. Anhand von Praxisbeispielen aus der Lehrtätigkeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) der Universität Osnabrück zeigt der Vortrag auf, welche Herausforderungen und Potentiale die technische Entwicklung von ‚Künstlicher Intelligenz‘ mit sich bringt und wie diese sinnvoll in die Lehre integriert werden kann. Abschließend soll diskutiert werden, wie eine kritisch-reflexive Nutzung digitaler Werkzeuge ausgestaltet werden kann.

Interessierte sind herzlich zum digitalen Vortrag eingeladen!