NGHM liest | 03 | Klaus J. Bade: Europa in Bewegung (2000)

Ist Migration die Ausnahme oder die Regel europäischer Geschichte? Klaus J. Bades Europa in Bewegung, der dritte Titel der NGHM-Leseliste, kommt nun aus dem Feld der Migrationsgeschichte und -theorie und beantwortet diese Frage mit einer umfassenden Synthese, die Wanderungsbewegungen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart als Strukturmerkmal der europäischen Moderne sichtbar macht, nicht als Störung, sondern als Normalfall.

Klaus Jürgen Bade (*1944), deutscher Historiker und Autor von Europa in Bewegung (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als das Buch 2000 bei C.H. Beck erschien, war Bade Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und Initiator des dort 1991 gegründeten Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Wissenschaft und kritische Politikbegleitung gingen bei ihm Hand in Hand: Der Historiker, der die europäische Migrationsgeschichte schrieb, hatte mit dem von ihm 1993 initiierten Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung und dem 1998 gegründeten Rat für Migration bereits vor Europa in Bewegung die bundesdeutsche Einwanderungsdebatte mitgeprägt. Eberhard Seidel empfahl den Band denn auch in der taz als „Begleitlektüre” für die Arbeit der rot-grünen Bundesregierung an einer neuen Einwanderungsgesetzgebung. Europa in Bewegung erschien in der internationalen Reihe „Europa bauen”, die Jacques Le Goff herausgab und die bei C.H. Beck, Basil Blackwell, Crítica, Laterza und Le Seuil gleichzeitig veröffentlicht wurde, ein Rahmen, der den europäischen Anspruch des Buches programmatisch unterstrich.

Die Kernthese: Migration gehört zur Conditio humana. Der ›Homo migrans‹, so Bades konzeptioneller Zugriff, ist ebenso alt wie der Homo sapiens. Wanderungen sind nüchtern als notwendige Reaktionen auf ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandel zu begreifen, nicht als Anomalie, die es zu regulieren oder zu verhindern gilt.

Von diesem Grundsatz aus entfaltet das Buch eine chronologisch gegliederte Darstellung: Arbeitswanderungen und Wanderhandel im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft; transnationale und transkontinentale Wanderungen einschließlich des Massenexodus in die ›Neue Welt‹ und kolonialer Migration; Flucht, Vertreibung und Zwangsarbeit in den beiden Weltkriegen; Wanderungspolitik im Kalten Krieg, von Displaced Persons über ›Gastarbeiter‹ bis zu Asylwanderungen; schließlich der Einwanderungskontinent Europa am Ende des 20. Jahrhunderts mit Fragen der ›Festung Europa‹, kultureller Vielfalt und illegaler Einwanderung. Durchgängig verbindet Bade den Blick auf den Alltag des Migrationsgeschehens mit der Analyse staatlicher Steuerungsversuche. Das zentrale historische Argument liegt im Kontrast: die relativ ungehinderten proletarischen Massenwanderungen des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite, die politisch reglementierten Wanderungsbewegungen des 20. Jahrhunderts auf der anderen. Europa wandelte sich, in Bades Lesart, vom Aus- zum Einwanderungskontinent. Die Politik hinkte dieser Transformation beständig hinterher.

Die Rezeption fiel breit und überwiegend positiv aus. Dieter Oberndörfer sprach von einem „Standardwerk”. Rolf W. Brednich nannte Bade in einer Besprechung auf H-Soz-Kult den „bedeutendsten deutschsprachigen Migrationshistoriker” und das Buch eine „transnationale Migrationstopographie”. Steve Hochstadt besprach es in der American Historical Review, Ludger Pries in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Karine Rance in der Revue de l’IFHA. Das Buch wurde ins Italienische (Laterza 2001), ins Französische (du Seuil 2002), ins Spanische (Critica 2003), ins Englische (Blackwell 2003) und ins Tschechische (Nakladatelstvi Lidové noviny 2005) übersetzt. Allerdings blieb Kritik nicht aus. Leo Lucassen monierte in der International Review of Social History, Bade greife für die Periode nach 1914 zu sehr auf Bekanntes zurück und lasse systematische Längsschnittanalysen zu zentralen Themenfeldern vermissen; ein stärker thematischer Ansatz hätte noch mehr erbracht. Brednich merkte an, der Sprachstil sei für ein an breite Kreise gerichtetes Buch manchmal zu kompliziert. Jürgen Schmidt kritisierte, die Darstellung nehme sich keine Zeit, auf die Schicksale hinter den ›Wanderungsexistenzen‹ zu blicken: Einzelne Migrationsbiographien fehlten nahezu völlig.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 5031-064.

In einer der seltenen persönlichen Passagen schildert Bade das Migrationsschicksal einer Vogelsberger Bauernfamilie, die nach Essen und Paris ging. Eine Fußnote verrät, dass die Ausführungen familiengeschichtlichen Quellen im Besitz des Verfassers entstammen. Der Strukturhistoriker, der sonst konsequent auf Einzelschicksale verzichtet, machte bei seiner eigenen Familie die einzige Ausnahme.

Was das Buch für die Leseliste bedeutet, liegt weniger in den einzelnen Befunden als in der Perspektivverschiebung, die es vollzieht. Bade legte damit die erste epochenübergreifende deutschsprachige Synthese der europäischen Migrationsgeschichte vor; international hatte nur Leslie Page Moch mit Moving Europeans (1992) einen vergleichbaren Anlauf genommen, dort allerdings auf Westeuropa seit 1650 begrenzt. Bade etablierte den Rahmen, in dem Migration als gesamteuropäisches Strukturphänomen analysierbar wurde, nicht als nationales Sonderproblem. Wer Carrs Einsicht aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Bade ein Anwendungsbeispiel von erheblicher Tragweite: Die Entscheidung, Migration als Normalfall statt als Krisenphänomen zu rahmen, verändert nicht nur die Darstellung, sie verändert, welche Quellen überhaupt als relevant gelten und welche Fragen gestellt werden. Später in dieser Reihe wird Mark Wymans DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 einen spezifischen Ausschnitt jener Nachkriegswanderungen behandeln, die bei Bade in den größeren Bogen der europäischen Migrationsgeschichte eingebettet sind.

Osnabrücker Studierende finden Bades Europa in Bewegung in der B Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LLN 5031-064 (OPAC).


Klaus J. Bade (1944–), Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck 2000.


Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 02 | Christopher R. Browning: Ordinary Men (1992)

Wer waren die Täter des Holocaust? Christopher R. Brownings Ordinary Men, der zweite Titel der NGHM-Leseliste, diesmal aus dem Feld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung gewählt, gibt eine Antwort, die bis heute irritiert: keine Dämonen, keine Fanatiker, sondern Hamburger Reservepolizisten mittleren Alters: Familienväter aus der Arbeiter- und unteren Mittelschicht, die unter dem Druck von Konformität und Gehorsam zu Massenmördern wurden.

Christopher Robert Browning (*1944), US-amerikanischer Historiker und Autor von Ordinary Men (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Geboren 1944 in Durham, North Carolina, studierte Browning Geschichte am Oberlin College und promovierte 1975 an der University of Wisconsin–Madison, wo George L. Mosse zu einem wichtigen Mentor für ihn wurde. Als er Ordinary Men 1992 veröffentlichte, lehrte er an der Pacific Lutheran University in Tacoma und hatte sich bereits mit The Final Solution and the German Foreign Office (1978) sowie The Path to Genocide (1992) als Holocaust-Forscher etabliert. Das Material, auf dem das Buch aufbaut, stammt aus einer Quelle, die erst die westdeutsche Justiz erschlossen hatte: Aussagen von Tätern in Vernehmungsprotokollen der Hamburger Staatsanwaltschaft aus den 1960er Jahren, in denen 210 ehemalige Angehörige des Reservepolizeibataillons 101 über ihre Einsätze im besetzten Polen sprachen. Browning las diese Protokolle nicht als Jurist, der nach strafrechtlicher Verantwortung fragte, sondern als Historiker, der verstehen wollte, wie Tötungsbereitschaft entsteht.

Das Buch setzt mit einer Szene ein, die das gesamte Argument trägt. Am 13. Juli 1942 erhielt das Bataillon in Józefów den Befehl, rund 1.500 jüdische Frauen, Kinder und Alte zu erschießen. Der Kommandeur, Major Wilhelm Trapp (von seinen Männern ›Papa Trapp‹ genannt), weinte vor der versammelten Truppe, als er den Befehl verlas. Er bot den älteren Männern an, sie von der Aktion befreien zu lassen. Von rund 500 Männern traten weniger als zwölf hervor. Trapp selbst blieb dem Massaker fern.

Von diesem Ausgangspunkt aus rekonstruiert Browning chronologisch die Einsätze des Bataillons zwischen Juli 1942 und dem ›Erntefest‹-Massaker im November 1943: mindestens 38.000 Jüdinnen und Juden erschossen und 45.000 nach Treblinka deportiert. Dabei identifiziert er drei Gruppen unter den Tätern: eine Kerngruppe eifriger Mörder, eine Mehrheit, die pflichtgemäß, allerdings ohne Initiative, tötete, und eine kleine Minderheit, die sich der Teilnahme entzog. Im abschließenden analytischen Kapitel zieht Browning sozialpsychologische Forschung heran: Milgrams Gehorsamsexperimente erklären den Mechanismus der Autoritätsbindung, und in Zimbardos Stanford-Prison-Experiment erkennt Browning eine ausdrückliche Parallele zu den drei Tätergruppen des Bataillons. Die Schlussfrage verdichtet das Argument: „If the men of Reserve Police Battalion 101 could become killers under such circumstances, what group of men cannot?”*

Die Gegenrede kam schnell, und sie fiel scharf aus. Daniel Jonah Goldhagen kritisierte Brownings Interpretation bereits im Juli 1992 in The New Republic und legte 1996 mit Hitler’s Willing Executioners eine Gegenthese vor: Nicht situative Dynamiken, sondern ein spezifisch deutscher ›eliminatorischer Antisemitismus‹ hätten die Täter angetrieben. Browning habe die Mörder fälschlicherweise als universell austauschbare ›ordinary men‹ dargestellt. Bei einem öffentlichen Symposium am United States Holocaust Memorial Museum im April 1996 trafen beide Positionen direkt aufeinander; die Fachwelt bewertete die Debatte überwiegend zugunsten Brownings. Historiker wie Hans-Ulrich Wehler, Yehuda Bauer und Norbert Frei kritisierten Goldhagens Buch grundlegend. Browning selbst reagierte 1998 mit einem Nachwort in einer Neuauflage.

Zu finden in der UB UOS unter der Signatur 6135-944

Gleichwohl endete die Debatte nicht mit dieser Replik. In seiner Rezension von Richard J. Evans’ Hitler’s People (2024) hatte Neal Ascherson Evans’ Befund über ideologisch geschulte Freiwillige in der Ordnungspolizei auf Brownings Forschungen angewendet und von einer Schwächung von Brownings Schlussfolgerungen gesprochen. Browning antwortete mit einem Leserbrief in der New York Review of Books vom 26. Juni 2025 und stellte klar, dass das Reservepolizeibataillon 101 gerade nicht dem Muster ideologisch vorselektierter Verbände entsprach, sondern aus nachgezogenen Wehrpflichtigen bestand — und damit die Generalisierbarkeit seiner These bestätigte, nicht widerlegte. Doris Bergen kritisierte in der Festschrift Beyond „Ordinary Men” (Thomas Pegelow Kaplan u.a. Hg., Schöningh 2019) die Vernachlässigung von Genderfragen bei der Analyse der Gewaltdynamiken. Allgemeiner wurde eingewandt, Brownings Fokus auf situative Erklärungsfaktoren riskiere, die individuelle Verantwortung der Täter zu relativieren.

Gerade die Einwände kennzeichnen die Produktivität des Textes. Ordinary Men gilt als ein Gründungswerk der modernen Täterforschung und hat die Geschichtsschreibung zum Holocaust grundlegend verschoben: weg von der Dämonisierung einer kleinen NS-Elite hin zur Frage, unter welchen Bedingungen ›ganz normale‹ Menschen töten. Eine internationale Konferenz zu Brownings 75. Geburtstag im Oktober 2019 in Münster würdigte das Buch als Meilenstein der Täterforschung; in der Polizeiausbildung wird es als Lehrmaterial eingesetzt. Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst nimmt, dass Historiker:innen nicht neutrale Sammler:innen von Fakten, sondern aktive Interpret:innen sind, findet bei Browning ein radikales Anwendungsbeispiel: Dieselben Vernehmungsprotokolle, die Browning als Beleg für situative Täterdynamiken las, las Goldhagen als Beleg für kulturellen Antisemitismus. Nicht die Quellen allein machen die Debatte, sondern die Fragen, mit denen Historiker:innen an sie herantreten.

Später in dieser Reihe wird Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors die Frage nach den Mechanismen von Gewalt aus einer soziologischen Perspektive stellen, wobei Brownings historische Rekonstruktion in eine andere analytische Sprache übersetzt wird. Brownings Text bleibt indes ein zentraler Ausgangspunkt, an dem sich die Täterforschung seit mehr als drei Jahrzehnten abarbeitet — nicht, weil seine Antworten unbestritten wären, sondern weil seine Frage so grundlegend ist.

Osnabrücker Studierende finden Brownings Ordinary Men im B-Magazin unter der Signatur 4645-746 8 (OPAC).

Christopher R. Browning (1944–), Ordinary Men: Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York: HarperCollins 1992.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden (Link öffnet in einem neuen Tab).


*Dank geht an Clemens Villinger für die aufmerksame Lektüre & seinen Hinweis zur Präzisierung des Beitrags.

Hidden Legacies, Untidy Endings. Notes from the InechO Conference in Florence.

What happens to an international organization after it has ceased to exist? On 23 and 24 April 2026, the Alcide De Gasperi Research Centre at the European University Institute in Florence convened a conference of the InechO project (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) on precisely this question.

The framework, developed by Kiran Klaus Patel and his research team at LMU Munich, traces the afterlives of discontinued international organizations along three vectors: people, ideas and practices, resources and objects.

Our work at NGHM on the figure of the ‘displaced person’ and the management of violence-induced mobility in the aftermath of the Second World War, situated within the SFB 1604 ‘Production of Migration’ at Osnabrück University, examines how the political and administrative categories of forced migration are produced and carried forward through the bureaucratic infrastructures, normative frameworks, and practices of international organizations. The IRO sits at the heart of that question. Our paper, which will appear as a chapter in the planned edited volume of the InechO project and was discussed in Florence, reconstructs how the IRO came to an end as an institution..

When we set out, we considered framing the work around the entire interwar network of refugee organizations, from the League’s High Commissioner for Refugees and the Nansen Office through the Intergovernmental Committee on Refugees and UNRRA. For the paper we finally narrowed the scope to the IRO to gain analytical depth in a paper limited in length. After Florence, that earlier framing returns as a necessity rather than an option.

Our Argument in Brief

The International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) was singular in form, combining legal protection and non-refoulement, material care, and the logistical mass resettlement of those classified as ‘displaced persons’ and ‘refugees’ under one institutional roof. Its end fits neither the model of orderly succession nor that of plain dissolution. We propose ‘functional disaggregation’ as a fourth termination type: the deliberate decomposition of an integrated mandate across several successor organizations, each inheriting a specific set of functional components while actively denying institutional continuity. The UNHCR took on legal protection on a minimal budget. The well-resourced ICEM, today’s IOM, received the operational transport apparatus and twelve IRO vessels. The split was not a byproduct of organizational decline. Rather, it was political design, driven above all by the United States. A ‘double amnesia’ accompanied the process: both successors disavowed their IRO origins in carefully curated archives and shifted founding narratives.

Comments by Jessica Reinisch: The Argument Travels Backward

Jessica Reinisch, Christoph Rass, and Sebastian Huhn at the InechO Conference, April 2026.

Jessica Reinisch’s (Director of Birkbeck’s Centre for the Study of Internationalism) discussion of our paper on Friday morning gave us an incisive analysis of our chapter and made, among a number of valuable comments, one decisive point. The pattern we describe for the IRO’s end already characterizes its beginning. UNRRA also had been an integrated organization whose dissolution distributed functions unequally across successors. The IRO is hence not only predecessor but successor as well. Indeed, the historiographical invisibility of the UNRRA-IRO continuity becomes legible through our own model, as an effect of the same curated amnesia we trace on the successor side. The intervention proves productive because the longer chain (High Commissioner for Refugees in 1921, Nansen Office, IGCR, UNRRA, IRO) was the framing we had originally pursued before narrowing it. Florence brought it back. Functional disaggregation does not describe a single termination event. It names a recurrent mode in which the international community has organized and reorganized its response to violence-induced mobility for the better part of a century.

Resonances Across the Programme

Five contributions to the conference resonated particularly closely with our argument. Jane Mumby’s analysis of buildings supplied the sharpest counter-image, and Geneva’s architectural geography turns out to map the geometry of disaggregation almost exactly. The IRO took up its headquarters at the Palais Wilson on the Rue des Pâquis, the lakeside hotel that had served as the League of Nations’ first home from 1920 until the League moved into the purpose-built Palais des Nations in Ariana Park in 1937. When the IRO arrived in 1947, it occupied offices in a building that had turned into a site representing an older order. The UNHCR, by contrast, was placed in 1951 in three rooms of the Palais des Nations itself, the active UN seat, and only moved into its own purpose-built headquarters on the Rue de Montbrillant in 1995. ICEM, and the IOM, the other partial successor of the IRO, never enjoyed that kind of placement: for more than three decades the organization rotated through low-profile rented addresses around Geneva, almost invisible in the city’s diplomatic landscape, until it acquired its own building on the Route des Morillons in 1984. Legal protection – even if modestly funded – was elevated to the symbolic core. Transport of labor migrants – otherwise well-funded – was kept at the urban periphery. The predecessor’s headquarters faded in a former hotel by the lake that turned into a Swiss administration building.

Alessandro Venieri’s paper on data and statistics in international organizations opened an adjacent axis. What outlasts an organization that was set up to solve an imminent crisis is often less a structure than a knowledge infrastructure: the categories, surveys, and statistical conventions that travel into successors regardless of formal succession. The IRO’s eligibility manuals, which migrated into UNHCR practice and from there into national asylum systems, sit on precisely this axis. So do the IRO case files, which continued to be used by successor and tracing organizations for decades after the IRO itself had ceased to exist. Nicole Albrecht described an ‘institutional dispersion’ of the League’s rural welfare programmes across WHO and UNICEF. The contrast with our case lies in agency: where the IRO was disaggregated from above, Albrecht’s Eastern European health experts deployed dispersion strategically, as a mode of survival for their professional networks. Miguel Bandeira Jerónimo introduced ‘institutional refraction’ for the transition from the late-colonial CCTA to the Organization of African Unity, a process in which legal arrangements, technical office routines, and European expert networks ran asynchronously into the successor, and pragmatic appropriation paradoxically carried colonial hierarchies into post-colonial projects. Marine Pierre traced a kindred politics of forgetting in the OEEC-to-OECD transition, where colonial baggage was rhetorically dissolved into the language of a global think tank.

What We Take Away

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

The two days in Florence confirmed that the architecture of contemporary ‘global governance’ is shaped, often invisibly, by such hidden legacies. The line between ‘refugees’ and ‘migrants’ that gives today’s international regime its basic geometry is not a natural fact but the direct outcome of a very specific production of migration, shaped by infrastructural, normative, praxeological, and spatial transformations, among those the formation of the modern ‘refugee regime’ by a lineup of international organizations that were set up and terminated from the 1920s to the 1950s. The disaggregation of the IRO was one event in that complex chain. Reinisch’s intervention, and the resonances across the programme, push the argument back into the longer history we had set aside for the paper we wrote: the interwar refugee organizations, their predecessors, and the recurrent logic by which integrated mandates are repeatedly decomposed and selectively forgotten. Functional disaggregation is hence not the description of an endpoint. It names a mode in which international institutions have ended and begun for the better part of a century, and it opens new avenues for understanding the production of migration in greater granularity.

NGHM liest | 01 | Edward Hallett Carr: What is History? (1961)

Mit Edward Hallett Carrs What is History? beginnt unsere Reihe „NGHM liest“ in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Carrs sechs Vorlesungen, 1961 in Cambridge gehalten und über BBC Radio ausgestrahlt, formulierten eine Frage, die seither jede Generation von Historiker:innen neu beantworten muss: Was genau tun wir, wenn wir Geschichte schreiben?

Edward Hallett Carr (1892–1982), britischer Historiker und Autor von What is History? (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Wer war der Mann, der diese Frage stellte? Edward Hallett Carr (1892–1982) kam nicht auf dem klassischen Weg zur Geschichtswissenschaft. Er studierte Classics am Trinity College, Cambridge, trat 1916 in den diplomatischen Dienst ein und nahm an der Pariser Friedenskonferenz 1919 teil. Ab 1936 lehrte er als Woodrow Wilson Professor of International Politics am University College of Wales, Aberystwyth; danach folgten Jahre als Assistant Editor bei The Times, eine Tutorship am Balliol College, Oxford, und schließlich die Rückkehr nach Cambridge als Fellow des Trinity College. Sein Hauptwerk ist die vierzehnbändige Reihe A History of Soviet Russia, die zwischen 1950 und 1978 erschien. Politisch hatte sich Carr über die Jahrzehnte hinweg nach links bewegt; intellektuell positionierte er sich als Gegner des naiven Empirismus. Als er im Januar 1961 die George Macaulay Trevelyan Lectures hielt, sprach also kein Theoretiker im Elfenbeinturm, sondern ein Diplomat, Journalist und Großprojekt-Historiker, der die Praxis seines Faches aus mehreren Perspektiven kannte.

Die Kernthese ist schnell formuliert, aber schwer zu widerlegen. Geschichte sei kein bloßes Sammeln objektiver Fakten, sondern ein fortlaufender Prozess der Interaktion zwischen Historiker:innen und ihren Quellen: ein unendlicher Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Carr unterscheidet dabei scharf zwischen ›facts of the past‹ und ›historical facts‹: Letztere werden erst durch die Auswahl und Interpretation der Forschenden zu solchen. Die berühmt gewordene Aufforderung im ersten Kapitel bringt das auf den Punkt: „Study the historian before you begin to study the facts.”

Ein echtes Buch: Signatur in der UB UOS Signatur 4093-643 5.

In sechs Kapiteln entfaltet Carr dieses Argument systematisch: vom Verhältnis der Historiker:innen zu ihren Fakten über die Wechselbeziehung von Individuum und Gesellschaft, die Frage, ob Geschichte eine Wissenschaft sei und welche Rolle moralischen Urteilen zukommt, das Problem historischer Kausalität bis hin zur Idee des Fortschritts als Grundlage des historischen Denkens. Das abschließende Kapitel synthetisiert die Thesen und plädiert für eine zukunftsgerichtete Geschichtswissenschaft, die die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt ernst nimmt. Dabei schlägt Carr einen Mittelweg ein: weder naiver Empirismus, der an die Objektivität der ›Fakten‹ glaubt, noch absoluter Relativismus, der jede Aussage über die Vergangenheit für beliebig erklärt.

Die Gegenrede ließ nicht auf sich warten. Geoffrey Elton attackierte in The Practice of History (1967) Carrs Unterscheidung zwischen ›historical facts‹ und ›facts of the past‹ als Ausdruck einer arroganten Haltung gegenüber der Vergangenheit; er sah in Carrs Fortschrittsidee eine säkulare Version mittelalterlicher Heilsgeschichte, in der ›Progress‹ die Rolle Gottes übernehme. Hugh Trevor-Roper griff in Encounter (1962) Carrs Desinteresse an kontrafaktischen Szenarien an und bezeichnete Historiker:innen, die nur die Sieger der Geschichte untersuchten, als „bad historians”. Isaiah Berlin kritisierte 1962 im New Statesman unter dem Titel „Mr Carr’s Big Battalions” Carrs Umgang mit individueller Motivation und moralischem Urteil. Spätere Generationen haben eine weitere Leerstelle markiert: die exklusiv maskuline Sprache des Buches und Carrs weitgehendes Desinteresse an Genderfragen.

Was bleibt? Carrs Einsicht, dass Historiker:innen nicht neutrale Sammler:innen objektiver Fakten, sondern aktive Interpret:innen sind, deren Auswahl von ihrer Gegenwart geprägt wird, gehört heute zum Grundbestand des historiographischen Denkens. Das Buch hat sich weltweit über eine Viertelmillion Mal verkauft. Richard J. Evans verortete es in seiner Einleitung zur Neuausgabe von 2001 im Kontext der epistemologischen Debatten des späten 20. Jahrhunderts; David Cannadine edierte 2002 den Nachfolgeband What is History Now?, in dem zehn Historiker:innen Carrs Frage für eine neue Generation beantworteten (darunter Alice Kessler-Harris mit dem Kapitel „What is Gender History Now?”, das gerade an Carrs Blindstelle ansetzt).

Gleichwohl steckt in Carrs Formel vom ›unendlichen Dialog‹ eine Spannung, die das Buch selbst nicht auflöst: Wenn die Gegenwart bestimmt, welche Fakten zu ›historischen Fakten‹ werden, wer entscheidet dann, welche Gegenwarten zählen, und welche Vergangenheiten schweigen? Wer Carrs Argument ernst nimmt, wird sich später in dieser Reihe fragen, was passiert, wenn Michel-Rolph Trouillots Silencing the Past genau an diesem Punkt ansetzt und die Machtförmigkeit jener Auswahl untersucht, die Carr noch als Dialog beschrieb.


Osnabrücker Studierende finden Carrs What is History? in deutscher Übersetzung in der Bereichsbibliothek Alte Münze (Freihand) unter der Signatur 4093-643 5 (OPAC).

Edward Hallett Carr (1892–1982), What is History? The George Macaulay Trevelyan Lectures Delivered in the University of Cambridge January–March 1961, London: Macmillan 1961 (Neuausgabe mit Einleitung von Richard J. Evans: Basingstoke: Palgrave Macmillan 2001).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück (Prof. Dr. Christoph Rass), in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann auch als Wissensgraph online erkundet werden.

IMIS Guests @ NGHM | Summer Semester 2026: Matti Välimäki (Helsinki) and Morten Baarvig Thomsen (Odense).

Since early April 2026, two visiting scholars have joined the Institute for Migration Research and Intercultural Studies (IMIS) at the University of Osnabrück as guests integrated into the NGHM Research Group (Prof. Dr. Christoph Rass)

Matti Tapio Välimäki (University of Helsinki) and Morten Baarvig Thomsen (University of Southern Denmark) work in different national archives and on different periods, but their projects converge on a shared analytical terrain: the nation-state’s management of movement, residence, and removal.

Välimäki will present his current work in the NGHM research colloquium on Thursday, 23 April 2026.

Matti Välimäki: The ‘Non-Entry Regime’ as Long-Term Continuity

Matti Välimäki, Associate Professor (Docent) in Contemporary History at the Centre for European Studies at the University of Helsinki, is a visiting scholar at IMIS in April and May 2026. His research sits at the intersection of contemporary history and critical migration studies, with a sustained interest in how Finnish authorities have shaped, discussed, and legislated on non-citizens across the nineteenth, twentieth, and twenty-first centuries.

Välimäki completed his PhD in Contemporary History at the University of Turku in 2019 with a study of Finnish political parties’ positions on immigration between 1973 and 2015 that traced refugee, labour migration, and integration policy across the political spectrum, from the left through the right to the radical right. His subsequent postdoctoral work, pursued at the Universities of Turku and Helsinki and in policy-oriented research at the Migration Institute of Finland and at E2 Research, ranges across the securitisation of migrants and refugees, the history of deportation and deportees, and the discourses and practices of labour migration, including recent work on regional integration policies, international students, highly skilled workers, digital nomads, and Ukrainian refugees.

This trajectory feeds into the collaborative project ‘Gatekeeping the Nation: Deportation at Finnish Borderscapes from the Cold War to Europeanisation’ (GATE, 2023-2027, Research Council of Finland / Suomen Akatemia, University of Helsinki), directed by Miika Tervonen and including Laura Sumari, Louis Clerc, and Välimäki. The project’s core question, how and why removal from a territory has become a central instrument of migration governance, sharpens an older concern of the discipline: the history of migration cannot be written without the history of those whom the state refuses, expels, or renders invisible. The team approaches this question through archives, interviews, and policy documents, tracing shifting practices, discourses, and logics of deportation since the 1950s, and treating removals of non-citizens as a form of selective nation-building that remains non-transparent and largely understudied. Foreign-policy mechanisms, often screened out of migration histories, enter the analysis as a constitutive dimension of deportation rather than as external context.

A thematic line in Välimäki’s recent work, which he will present in the colloquium on 23 April, concerns what he and Tervonen describe as the ‘non-entry regime’ at Finland’s eastern border. The argument is historical rather than presentist. The border closures of the 2020s, usually framed in public debate as an unprecedented response to ‘instrumentalisation’ by Russia, can also be read as an attempt to restore a decades-old arrangement that had structured Finnish-Soviet relations since the late 1940s. That arrangement rested on three mutually reinforcing pillars: a Cold War foreign-policy environment that subordinated asylum questions to bilateral stability; a body of aliens legislation (notably the 1958 and 1983 regulations) that left administrative discretion wide; and, most consequentially, a practice of externalisation through cooperation. Under the 1960 border agreement, Soviet authorities did not allow third-country nationals to approach the Finnish border without a visa or residence permit, so that entry was pre-filtered on the far side of the frontier. Seen through this lens, the public ‘crises’ that punctuate the record, the Cold War ‘defectors’ (loikkarit), the Somali arrivals of 1990-1991, the north-eastern border crossings of 2015-2016, the more recent episodes of ‘instrumentalisation’, appear less as ruptures than as moments at which a quiet, administrative consensus briefly became visible.

Välimäki’s broader output moves between several registers. In the European Review of History, he has recently argued together with Tervonen that modern deportation remains a historiographical blind spot in twentieth and twenty-first century Nordic history, sustained by non-transparent administrative procedures, opaque record-keeping, and the silences produced by the physical act of removing migrants from the territory. A Finnish-language article co-authored with Kivistö and Tervonen reconstructs how ‘voluntary return’ shifted from a refugee right into an instrument of removal policy, blurring the line between consent and coercion that voluntariness is supposed to draw. His work on refugee education, joint with Kaukko and Neuhaus and appearing in History of Education, compares a century of Finnish and Swedish practice and traces how the discourse on schooling refugee children shifted from Christian duty toward rationality, scarce resources, and security.

At IMIS, Välimäki intends to use the weeks in Osnabrück primarily to complete several articles currently in progress, among them two on the Finnish and Central-East European non-entry regimes between the Cold War and Europeanisation, and to advance preparatory work on an ERC Starting Grant project on silences in archives, politics, and administration, a thematic anchor that runs through much of his recent research.

Morten Baarvig Thomsen: Displaced Persons in Denmark and the Experience of Care

Morten Baarvig Thomsen, PhD fellow at the Department of Culture and Language Studies at the University of Southern Denmark (SDU, Odense), is spending 7 April to 26 June 2026 at IMIS. His stay forms part of the international research period that is part of his New Carlsberg Foundation-funded doctoral project (2024-2027) and continues an exchange that began with his guest lecture in the NGHM colloquium in 2025, ‘Danish Post-War Refufee Care’. Before starting his doctorate, Baarvig Thomsen worked as a project researcher at Sydvestjyske Museer (2023-2024) and has published, among other venues, in Fynske Årbøger.

His dissertation, ‘Experiences of the Danish Refugee Care System: Allied Displaced Persons in Denmark 1945-1953’, examines the institutional framework that Denmark established for the approximately 34,000 so-called ‘non-German’ refugees (Allied displaced persons in the Danish administrative vocabulary) who passed through a network of camps between liberation and the closure of the last facilities in the early 1950s. Rather than tracing administrative structures from above, the project asks how this system was produced in daily interaction: between refugees whose legal status oscillated between ‘allied’, ‘stateless’, and ‘to be repatriated’, and Danish employees whose mandate was less clearly defined than retrospective accounts suggest. The theoretical anchoring is explicit. Street-level bureaucracy theory, the history of experiences, and the growing body of work on refugee agency converge in the dissertation to displace the older narrative in which camps appear as uniform waiting-rooms and refugees as passive objects of aid. What emerges instead is a differentiated picture of interaction, negotiation, and quiet resistance within an institution whose documentary self-description rarely admits any of these.

Baarvig Thomsen will use his time in Osnabrück primarily for drafting central chapters of the dissertation and for consultation with colleagues at IMIS and NGHM on questions of source work, on the conceptual handling of the ‘DP’ category, and on comparative perspectives on post-war refugee administration in Northern and Central Europe.

Convergent Questions

The two research agendas meet at a problem that both scholars approach from opposite ends of the state’s machinery of movement: what does it mean, methodologically and historically, to write the history of those whose presence the state admitted only partially to the record? Välimäki traces the refusals, agreements, and silences through which a border was kept closed to asylum seekers for four decades. Baarvig Thomsen reconstructs the interior of a camp system that was itself the residue of a wartime Europe whose displaced populations no nation-state wished to claim as its own. In both cases the archives are not the same, but the challenge is: the administrative record systematically under-represents those it was designed to manage, and the analytical task begins with the recognition of that gap.

That both visits coincide at IMIS this summer term is a productive coincidence. Migration research in Osnabrück gains from Nordic perspectives that treat Finland and Denmark neither as peripheral cases nor as consensual Scandinavian models, but as sites where the contours of European migration regimes were shaped and tested. Whether the comparison that emerges from these months takes the form of a joint publication, a panel, or simply a denser set of questions in each project remains open. That openness is itself the point.

Morten Baarvig Thomsen and Matti Tapio Välimäki (Foto: Jessica Wehner)

HistOS lädt ein | Forum HistOS im Sommersemester 2026: Quo Vadis?!

Das „Forum HistOS – Mehr als nur Geschichte(n)” geht in sein drittes Semester. Seit seiner Gründung im Sommersemester 2025 hat es sich als ein epochenübergreifender Gesprächsraum des Historischen Seminars der Universität Osnabrück bewährt: ein Ort, an dem Studierende, Hilfskräfte und Mitarbeitende gemeinsam über das nachdenken, was die Geschichtswissenschaft ausmacht, was sie kann und was sie soll. Dabei hat das Forum bewusst auf Vielfalt gesetzt. Im Wintersemester 2025/26 reichte das Spektrum von Thomas Vogtherrs Vortrag zu mittelalterlichen Wissensorten in Osnabrück über eine Roundtable-Diskussion zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft (mit Barbara Hanke, Christiane Kunst, Christoph Mauntel, Christoph Rass und Siegrid Westphal) bis hin zu Markus Zagermanns Einblicken in die römerzeitliche Konfliktarchäologie. Vorträge, Diskussionsrunden, interne Gespräche: Diese Formatbreite war gewollt und ist es weiterhin.

Zugleich stellt sich nach mehreren Semestern eine grundsätzliche Frage: Wie soll es weitergehen? Genau hier setzt der Auftakt am 15. April 2026 an. Unter dem Titel „Was tun?! Perspektiven des Forums HistOS” lädt die erste Sitzung des Sommersemesters alle Interessierten ein, gemeinsam Bilanz zu ziehen und Perspektiven zu entwickeln: Welche Formate haben sich bewährt, welche nicht? Welche Themen sollte das Forum künftig aufgreifen? Wie lässt sich ein Raum gestalten, der ebenso für Erstsemester wie für langjährige Mitarbeitende produktiv ist? Es geht nicht um organisatorische Routinen. Es geht um die Frage, was ein solches Forum für ein Historisches Seminar leisten kann, das sich als akademische Lehr-, Lern- und Forschungsgemeinschaft begreift.

Zwei weitere Termine folgen am 20. Mai und am 17. Juni 2026. Alle Sitzungen finden mittwochs um 18:15 Uhr in Raum 15/130 statt.

Wer das Forum bislang nicht kennt oder bisher nur aus der Ferne beobachtet hat, findet am 15. April einen guten Einstieg. Gerade weil an diesem Abend nicht vorgetragen, sondern gemeinsam nachgedacht wird, sind neue Stimmen besonders willkommen. Insgesamt lebt das Historische Seminar davon, dass seine Angehörigen bereit sind, über den Rand der eigenen Epoche hinauszublicken, und das Forum HistOS schafft dafür den Rahmen. Wir freuen uns auf alle, die am 15. April dabei sind und mitdiskutieren.

NGHM-Tracker (4/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der März stand im Zeichen von Bewegung – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Gleich mehrere Beiträge kreisten um das Thema Exkursion: Studierende reisten nach Nürnberg, erkundeten die historischen Schichten einer Stadt, die wie kaum eine andere Mittelalter und Nationalsozialismus in sich trägt, und erprobten dabei erstmals eine eigens entwickelte WebApp als digitales Begleittool. Dass historisches Lernen auch ohne physische Anwesenheit gelingen kann, zeigte unterdessen eine hybride Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Neben diesen didaktischen Experimenten rückte Thomas Mann ins Zentrum: Eine Studierendenkonferenz widmete sich seinen BBC-Rundfunkansprachen an die „Deutschen Hörer” und fragte, was diese Quellen über Exil, Widerstand und erzwungene Migration aussagen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Märzausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Wintersemester 2025/26 führte Team NGHM ein Blockseminar durch, das Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen „Deutsche Hörer!” (1940–1945) als historisches Dokument der Exil- und Migrationsgeschichte erschloss. Am Ende der Lehrveranstaltung fand ein Workshoptag mit anschließender Studierendenkonferenz statt, bei der vierzehn Vorträge in vier thematischen Panels präsentiert wurden. Die Moderation übernahmen Annika Heyen, Sebastian Musch, Sebastian Huhn und Jessica Wehner; die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass.

Die Studierendenkonferenz fand in unterschiedlichen Panels statt und gab Studierenden und Lehrenden ausreichend Zeit für Diskussionen (Foto: Jessica Wehner)

Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Mann sprach seine Ansprachen in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der die enormen infrastrukturellen Anforderungen dieser Form von Widerstandskommunikation sichtbar machte. Die Studierenden näherten sich dem Quellenkorpus aus mediengeschichtlicher, rhetorischer, ideengeschichtlicher und soziologischer Perspektive. Besonders aufschlussreich war etwa die sogenannte „Spiegelthese”: Manns Holocaust-Berichterstattung folgte demnach weniger seiner individuellen Erkenntnislage als dem öffentlich verfügbaren Informationsstand in den USA. Ebenso produktiv erwies sich die Frage nach Manns Doppelrolle – zwischen institutioneller Einbindung in den BBC-Propagandaapparat und eigenem intellektuellem Anspruch.

Nach dem Blockseminar vor Ort ging es für einige Kolleg:innen des Teams NGHM gemeinsam mit Kolleg:innen von der Professur für die Geschichte des Mittelalters Richtung Süden:

Das Germanische Nationalmuseum. (Foto: Adrian Kuhnt)

Vom 17. bis 19. März 2026 unternahmen Studierende des Historischen Seminars der Universität Osnabrück eine dreitägige Exkursion nach Nürnberg – eine Stadt, die wie kaum eine andere historische Schichten verdichtet und permanent neu verhandelt. Geleitet wurde die Reise von Christoph Rass (Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung) und Christoph Mauntel (Geschichte des Mittelalters) – und begleitet von Lukas Hennies, Sebastian Huhn und Lara Jäger –, die bewusst eine interdisziplinäre Perspektive anlegten. Der rote Faden der Exkursion war dabei eine ebenso einfache wie verstörende Erkenntnis: Was in Nürnberg als historische Bausubstanz wahrgenommen wird, ist zu weiten Teilen nachgebaut. Die Frage nach Authentizität, Inszenierung und Rekonstruktion erwies sich als weit weniger selbstverständlich, als die pittoreske Oberfläche der Stadt vermuten ließ. An neun Stationen in Nürnberg und Fürth erkundeten die Studierenden die vielschichtige Geschichte der Stadt. Im Germanischen Nationalmuseum stand der Behaim-Globus von 1492/93 im Mittelpunkt – die älteste erhaltene Erddarstellung in Kugelform, die zugleich eine Welt ohne Amerika zeigte. Die Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300–1600” beleuchtete nicht nur die globalen Handelsverflechtungen der Stadt, sondern auch deren Schattenseiten: Nürnberger Handelshäuser waren am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. Ein Altstadtrundgang machte die Dimension der Zerstörung vom 2. Januar 1945 erfahrbar, als 90 Prozent der mittelalterlichen Altstadt in Schutt und Asche sanken. Auf der Kaiserburg zeigte eine Führung, wie die Nationalsozialisten mittelalterliche Symbolik gezielt zur Legitimation ihres Regimes instrumentalisierten. Das Reichsparteitagsgelände rückte wiederum einen lange vernachlässigten Aspekt in den Vordergrund: die Geschichte der dort eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Die Exkursion verband so mediävistische und zeithistorische Perspektiven zu einem produktiven Spannungsverhältnis – und stellte grundlegende Fragen darüber, wer Geschichte wie und für wen konstruiert.

Die Exkursionsgruppe vor dem Frauentor in Nürnberg (Foto: Adrian Kuhnt)

Eine etwas andere Art der Exkursion fand am 23. Januar 2026 statt: Eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück unternahm unter der Leitung von Imke Selle eine digitale Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplant, wurde das Format aufgrund von Schnee und Eis spontan in eine hybride Form umgewandelt – ein Umstand, der die Auseinandersetzung mit dem Ort keineswegs schmälerte. Den Einstieg bildete die gemeinsame Lektüre eines Textes von Detlef Garbe, der Neuengamme als zentrales Konzentrationslager des nordwestdeutschen Raums einordnete. Mit über 80 Außenlagern und mindestens 42.900 Todesopfern unter mehr als 100.000 Häftlingen stand die historische Dimension des Ortes schnell im Mittelpunkt. Besonders aufschlussreich war die Diskussion über die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime: Die Stadt hatte das Lager gezielt für die Produktion von Klinkern für ihre monumentalen Stadtumbaupläne genutzt. Im Zentrum der digitalen Begehung stand ein 360-Grad-Rundgang, der das weitläufige Gelände erfahrbar machte. Ergänzend kamen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz – ein Angebot, das die Studierenden zwar als innovativ bewerteten, aber auch kritisch reflektierten. Die überlebensgroße Darstellung in der VR-Umgebung wirkte dem angestrebten Präsenzgefühl eher entgegen und regte zur grundsätzlichen Frage an, ob technologische Immersion tatsächlich zu tieferem historischen Verstehen beiträgt. Besonderes Interesse weckte die Nachkriegsgeschichte des Geländes: Jahrzehntelang als Gefängnis genutzt, konnte eine angemessene Gedenkstätte erst durch den Druck von Überlebendenverbänden und den gesellschaftlichen Wandel der 1980er Jahre entstehen. Der Bericht von Jule Kumbrink zeigte eindrücklich, wie digitale Formate einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit ermöglichen können – ohne den physischen Besuch zu ersetzen.

Studierende bei einer digitalen Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Imke Selle)

Doch nicht nur Exkursionen, auch Feldforschung stand auf dem Plan von Team NGHM: Am 24. März 2026 brachen Lea Horstmann, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Ilka Schwerdtfeger unter Leitung von Imke Selle ins Emsland auf, um ergänzende Aufnahmen an den Standorten der 15 ehemaligen Emslandlager und 9 Lagerfriedhöfe im Rahmen des Projekts „Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer*innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ anzufertigen. Ziel war die Vervollständigung der historischen Dokumentation und Digitalisierung der ehemaligen Lagerstandorte.

Informatik meets Digital History: Workshop in Osnabrück

Am 22. März 2026 fand in Osnabrück ein eintägiger Workshop statt, bei dem Prof. Dr. Christoph Rass und Prof. Dr. Gernot A. Fink (AG Mustererkennung, TU Dortmund) die Zusammenarbeit ihrer Arbeitsgruppen vertieft haben. Die beiden Arbeitsgruppen kooperieren seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Informatik: Seit 2023 arbeiten sie an Verfahren, mit denen historische Großkarteien und andere massenhaft überlieferte personenbezogene Akten mithilfe von KI systematisch maschinenlesbar gemacht werden können. Im Sommersemester 2025 befasste sich bereits eine Dortmunder Masterprojektgruppe mit dieser Frage am Beispiel der CM/1-Akten aus den Arolsen Archives, einer zentralen Quelle für die vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Gewaltmigrationen. Aus dieser Kooperation ging auch eine gemeinsame Publikation auf der ICDAR 2025 hervor.

Der Workshop bereitete nun eine weitere Masterprojektgruppe vor, die sich im Sommersemester 2026 an der TU Dortmund mit der KI-gestützten Datenextraktion aus historischen Quellen befassen wird. Die Osnabrücker Geschichtswissenschaftler:innen begleiten die Projektgruppe erneut beratend und bringen ihre Expertise zu quellenkundlichen Fragen, zum Forschungskontext der historischen Massendaten sowie zu den inhaltlichen Anforderungen an die Tiefenerschließung ein. Damit setzt die Kooperation zwischen NGHM und der AG Mustererkennung einen Weg fort, auf dem die Möglichkeiten und Grenzen von LLMs und KI für die Arbeit im Archiv systematisch erprobt werden.

Annika Heyen und Vera Hanewinkel (Foto: Tim Ott)

Außerdem wirkten am 9. März Tim Ott und Annika Heyen an der Präsentation des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” durch Vera Hanewinkel im Rahmen der 21. LeLa-Jahrestagung mit und zeigten den Teilnehmenden digitale Werkzeuge aus dem Kontext des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum“. Die Präsentation des Sonderforschungsbereichs umfasste neben der Digital Public History-Station des T-Projekts eine Posterpräsentation zu verschiedenen Teilprojekten, assoziierten Projekten sowie dem ReflexLab und war Teil einer Exkursion, die auch das Landesarchiv und den Gestapokeller umfasste. Die LeLa-Tagung – kurz für “Lernort Labor” – ist ein Angebot des Bundesverbands der Schülerlabore. Insofern interessierten sich die Exkursionsteilnehmenden bei der Diskussion nicht nur für Fragen nach der Erzählung von Migrationsgeschichte und -gegenwart sowie der Beforschung derselben, sondern insbesondere auch für die Anwendbarkeit der digitalen Werkzeuge bei der Arbeit mit verschiedenen Gruppen. 

Für das Online-Portal Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, ein hybrides Publikationsprojekt der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts (LBI) und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ), Universität Potsdam, hat Sebastian Musch einen Beitrag zu deutsch-jüdischen Migrant:innen auf Sri Lanka geschrieben. In dem Beitrag zeigt er, wie Sri Lanka (damals British Ceylon), obwohl abseits der großen Migrationsbewegungen, die das deutsche Judentum im 20. Jahrhundert prägten, gelegen, als „heiliges Land des Buddhismus“ für deutsch-jüdische Migrant:innen ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort wurde. In dem Beitrag stellt er außerdem einige deutsch-jüdische Persönlichkeiten vor, die im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute prägen. Dazu gehören Nyanaponika Thera (Siegmund Feniger), ein ursprünglich aus Hanau stammender deutscher Jude, der auf der Insel als buddhistischer Mönch ordiniert wurde und zu einem der wichtigsten Denker des Theravada-Buddhismus im 20. Jahrhundert aufstieg, die buddhistische Mönchin Ayya Khema (Ilse Kussel), die Indologin Betty Heimann und die Schriftstellerin Anna Ranasinghe.

History@SFB1604

Christoph Rass, Lale Yildirim und Anna Kaim haben in der Reihe IMIS Working Papers unter dem Titel “Museen als Kontaktzone(n) der Migrationsgesellschaft?” eine neue Publikation veröffentlicht. Der Beitrag fragt danach, wie Museen als geschichtskulturelle Institutionen der Migrationsgesellschaft zu Orten werden können, an denen Migration nicht als Ausnahme oder Sonderfall, sondern als gesellschaftliche Normalität – als conditio humana – verhandelt wird. Dabei nehmen die Autor*innen zunächst eine begrifflich-konzeptionelle Verortung vor, die Migration als konstitutives Strukturmerkmal moderner Gesellschaften fasst und zugleich die Konstruktionsmechanismen von Differenzkategorien wie ‚Migrationshintergrund‘ kritisch reflektiert. In einem zweiten Schritt rückt das Museum als gesellschaftliche Institution und Bildungsort in den Blick, wobei sowohl seine historische Verstrickung in nationale Identitätserzählungen als auch sein Potenzial als Raum der Begegnung und Aushandlung – im Sinne einer von Nora Sternfeld vorgeschlagenen ‚Kontaktzone‘ – diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund analysiert der Beitrag bestehende Strategien der Musealisierung von Migration und legt offen, welche konzeptionellen Schwierigkeiten sich aus dem grundsätzlichen Widerspruch zwischen Migration als Prozess der Bewegung und dem Museum als Institution der Fixierung ergeben.

Als konkreten Beitrag zur Überwindung dieser Spannungen stellt der Aufsatz das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück seit 2014 entwickelte Workshopformat ‚Familiengeschichte als Migrationsgeschichte‘ vor, das durch einen lebensweltlichen, alle Teilnehmenden einbeziehenden Zugang über vier Generationen hinweg Mobilität und Migration als geteilte Erfahrung sichtbar macht. Die zwischen 2017 und 2019 in Kooperation mit dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven erprobte Übertragung dieses Formats in den musealen Kontext wird ebenso dargestellt wie die daraus abgeleiteten Potenziale für die museale Praxis – nicht zuletzt die Möglichkeit, räumliche Ebenen zu transzendieren, transkulturelles Lernen zu fördern und Ambiguitätstoleranz als Grundlage einer pluralen Erinnerungskultur zu stärken.

Notizen

Sebastian Musch hat für H-Soz-Kult das Buch „Nicht alles ist erlaubt, nicht alles ist verboten“. Die deutsch-israelischen Beziehungen in den Geisteswissenschaften (1950–1990) von Sharon Livne, Irene Aue-Ben-David und Silja Behre rezensiert. Das Buch zeichnet die Anfänge der israelischen universitären Institutionalisierung des Forschens zu deutscher Sprache, Literatur und Geschichte nach und ergänzt durch eine detaillierte Wissenschaftsgeschichte die Forschung zur Geschichte der (bundes-)deutsch-israelischen Beziehungen.

Gero Wollgarten, Doktorand der NGHM, publizierte seinen Beitrag “Ein Österreichischer Minsk-Prozess?« Biografische Zugänge zur österreichischen Strafverfolgung von NS-Tätern am Beispiel von Helmut Heiss (1913–1985) und Johann Kunz (1898–?)” im Sammelband “Biografien als Sonden der Transformation”. Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf einen Workshop an der Universität Wien im Jahr 2022 zurück.

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung verfolgt seit Jahren das Ziel, digitale Methoden nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil geschichtswissenschaftlicher Ausbildung zu etablieren. So auch zuletzt im Rahmen von Exkursionen: Für die Exkursion „Nürnberg zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus” im März 2026 entwickelte das NGHM-Team um Christoph Rass eine eigene WebApp, die Logistik, Kartenmaterial und historische Kontexte auf dem Smartphone bündelt. Statt WhatsApp-Gruppen, E-Mails und ausgedruckter Handouts stand den Teilnehmer:innen eine kartenbasierte Anwendung zur Verfügung, die alle Exkursionsstationen als verlinkte Informationsknoten auf einer OpenStreetMap-Karte darstellte. Farbcodierte Marker unterschieden Exkursionsstationen, Kontextorte und Infrastruktur; ein Zeitstrahl hob automatisch die aktuelle oder die nächste Station hervor. Das Herzstück der App bildeten historisch fundierte Einführungstexte zu neun zentralen Orten – von Nürnbergs Aufstieg zur Reichsstadt und der Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel über das Reichsparteitagsgelände bis zu den Nürnberger Prozessen und der Geschichte jüdischen Lebens in Franken. Besonders experimentell war die Integration eines photogrammetrisch erstellten 3D-Scans eines Kunstwerks der Straße der Menschenrechte, der „on the fly” in die App eingebunden wurde. Entwickelt wurde die Anwendung mit dem Ansatz des sogenannten „Vibe Codings” – KI-gestützter Programmierung im Dialog mit einem KI-System, ohne klassische Programmierkenntnisse. Dieser Ansatz knüpfte direkt an die Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” an, in der Studierende im Wintersemester 2025/26 eigene WebApps entwickelt und beim ersten NGHM-WebApp-Slam präsentiert hatten. Die Exkursions-App reiht sich damit in das wachsende Digital-History-Profil der Arbeitsgruppe ein – und zeigte im Feld, dass situativer Zugang zu Kontextwissen direkt am historischen Ort gelingen kann.

Ein Einblick in die WebApp

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 7. April beginnt das Sommersemester 2026 an der Universität Osnabrück. Team NGHM ist mit einem spannenden Lehrprogramm dabei, das wir in Kürze auch auf unserem Blog veröffentlichen!