Archiv der Kategorie: Gewalt und Gesellschaft

Gewaltorte, Spuren und digitale Geschichtskultur | »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück und Dalum, 24. und 25. September 2026.


Essay zur Einführung in die Tagung »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück, 24. September 2026.


Nördlich des Lagers XII Dalum, dessen Gelände heute größtenteils unter einem Gewerbegebiet liegt, legte die Wehrmacht im September 1941 auf einer Parzelle, die zuvor als Lager des Reichsarbeitsdienstes gedient hatte, einen Friedhof an. Bis zum Sommer 1943 bestattete sie dort die Toten, genauer: die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen aus fünf Lagern, aus Dalum, Groß Hesepe, Alexisdorf, Wietmarschen und Bathorn. Anfangs ließ sie Einzelgräber ausheben; als sie die Gefangenen in ihren Lagern zu Tausenden sterben ließ, ging sie zu Massengräbern über. Während die Schätzungen auf Grundlage der Gräberlisten zwischen acht- und sechzehntausend Toten schwanken, geht die Gedenkstätte Esterwegen nach dem heutigen Forschungsstand von etwa zehntausend Opfern aus, fast alle ohne Namen.1 Einen Obelisken mit Sowjetstern, den der Friedhof nach dem Krieg erhalten hatte, entfernte man bei der Neugestaltung in den 1950er Jahren wegen des Kalten Krieges wieder; wer dieses »man« war, gehört zu den Fragen, die der Friedhof bis heute aufgibt. Wer die amtlich als ›Kriegsgräberstätte‹ geführte Anlage heute betritt, sieht weder markierte Grablagen noch das Denkmal, das einmal an sie erinnerte. Der Friedhof Dalum präsentiert sich als vielfach überformter Ort, der vom Lager des Reichsarbeitsdienstes über den Lagerfriedhof und die Kriegsgräberstätte zum Gedenkort geworden ist und heute das Erscheinungsbild eines vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten Friedhofs trägt.

An dieser Differenz zwischen den unsichtbaren Spuren der Gewalt und dem, was ein Ort heute zeigt, setzt der Begriff der Konfliktlandschaft an, mit dem wir in der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück seit 2014/15 arbeiten. Er bildete den Ausgangspunkt der Einführung zu einer Tagung, auf der wir das Projekt »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« am 24. und 25. September 2026 in Osnabrück und Dalum vorgestellt und seine bisherigen Ergebnisse zur Diskussion gestellt haben.

Dieser Beitrag fasst das Argument der Einführung in drei Schritten zusammen. Zunächst bestimmen wir den Begriff der Konfliktlandschaft als analytische Kategorie und zeigen an zwei Schauplätzen, welche Perspektiven er eröffnet. Ein zweiter Schritt erklärt, weshalb er sich gerade an den Lagerstandorten bewähren muss, die unter dem Namen ›Emslandlager‹ zusammengefasst werden. Daraufhin wechselt die Perspektive zum Projekt, das diese Standorte digital erschließt und dabei in eben jene Geschichtsproduktion eingreift, die es untersucht.

Konfliktlandschaften als analytische Kategorie

Unser Interesse gilt dem Verhältnis zwischen der materiellen Überprägung eines Ortes durch Gewalt und der diskursiven Produktion seiner Bedeutung, vor allem aber den Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Eine Konfliktlandschaft verstehen wir deshalb als einen soziokulturell bestimmbaren Raum, den gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt haben und in dem deren Spuren materiell wie immateriell fortbestehen, während Menschen ihn fortwährend umgestalten und um seine Deutung ringen. Materielle Spuren sprechen dabei nicht für sich; zu Belegen werden sie erst, wenn Erzählungen, Benennungen und Gedenkpraktiken sie rahmen. Zugleich greift die Produktion von Geschichte in die Materialität des Schauplatzes ein, durch Umbettung und Neugestaltung, durch das Setzen und Entfernen von Denkmälern, durch Raubgrabungen oder das Einrichten von Gedenkstätten und selbstverständlich auch durch unsere eigene Arbeit, die einen Gewaltort deutet, sobald sie ihn vermisst, benennt und zeigt, und die dort, wo sie archäologisch vorgeht, auch seine Materialität verändert.

Die Beteiligung der Forschung gehört deshalb in den Befund. Der Begriff bezeichnet also keinen Ortstyp, den man auf einer Karte einkreisen könnte, sondern ein Verhältnis zwischen Raum, Spur und Deutung, das rekonstruiert werden will. In diesem Sinne lassen sich Konfliktlandschaften als dynamische Palimpseste lesen, in denen sich die Schichten der Gewalt, ihrer Nachgeschichte und ihrer jeweiligen Deutungen überlagern. Entwickelt haben wir diesen Ansatz in langjährigen Forschungen zum ›Hürtgenwald‹. Die Einsicht, dass das, was nach dem Ereignis mit einem Schauplatz der Gewalt geschieht, für sein Verständnis ebenso zählt wie das Ereignis selbst, verdankt er zugleich der langen Zusammenarbeit des Historischen Seminars mit Museum und Park Kalkriese am Ort der Varusschlacht, aus der 2014/15 die Arbeitsgruppe hervorgegangen ist.2

Der Hürtgenwald und die Bahnstation Karya

Zwei Gewaltorte, die wir in den vergangenen Jahren intensiv erforscht haben, zeigen, in welche Richtungen die Wechselwirkung von Materialität und Deutung ausschlagen kann. Im Hürtgenwald in der Nordeifel prägt die Deutung die Materie. Für eine Serie von Gefechten, in denen US-Armee und Wehrmacht zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen, setzte sich erst nach dem Krieg die Bezeichnung ›Schlacht im Hürtgenwald‹ durch. Der Wald war als Ort der Kämpfe schon damals präsent, von einer ›Schlacht‹ sprach jedoch keine der beteiligten Seiten. Seit den fünfziger Jahren verbreitete Militaria-Literatur, nicht selten von Wehrmachtsveteranen und ihnen nahestehenden Autoren verfasst, unter diesem Namen ein Narrativ, das Angehörige der Wehrmacht als Helden darstellte. Dieses Narrativ formt den Wald bis heute, und zwar ganz materiell. So legen Reenactors Stellungssysteme nach Fotografien an, welche die Literatur dem Hürtgenwald zuschreibt, die aber vom Kriegsschauplatz Italien stammen; nachfolgende Besucher:innen lesen diese Eingriffe in den Boden als authentische Spuren und gleichen sie mit eben jenem Foto ab, das sie zu beglaubigen scheint. Mit dem dritten Band der Buchreihe »Konfliktlandschaften«, die wir als Arbeitsgruppe im Universitätsverlag Osnabrück herausgeben, liegt der Abschluss dieser Arbeit vor; der Band ist Open Access zugänglich.3

Anders liegt der Fall in Karya in Mittelgriechenland. Dort zwang die Organisation Todt, die Bauorganisation des NS-Staates, im Frühjahr 1943 zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus Thessaloniki, welche die deutsche Besatzungsmacht verschleppt hatte, unter tödlichen Bedingungen einen mehr als zwanzig Meter tiefen Hangeinschnitt für ein Ausweichgleis auszuheben. Am ehemaligen Bahnhof sind nur einzelne Überreste der Bahnanlage und der Einschnitt im Hang geblieben. Hier trägt die Landschaft eine Geschichte, die sie allein nicht erzählen kann. Lesbar zu machen versuchten wir sie mit einer Prospektion, die wir im Frühjahr 2023 mit Studierenden durchgeführt haben, und mit der Ausstellung »Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust«, an der wir mitgewirkt haben.4 Nach ähnlichen Wechselwirkungen fragen wir an Stätten deutscher Vernichtungspolitik in Belarus, seit vielen Jahren gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Minsk, sowie an Orten der Shoah in der Ukraine.

Die Bahnstation Karya 2023 (Foto: UOS).

Das Lagersystem im Emsland

Unter dem Namen ›Emslandlager‹ werden fünfzehn Lager zusammengefasst, zwölf im heutigen Landkreis Emsland und drei in der Grafschaft Bentheim. Von 1933 an richtete die SS dort Konzentrationslager ein, die sie bis 1936 bewachte. Die Strafgefangenenlager, die von 1934 bis 1945 unter Aufsicht der Justizverwaltung standen, bewachte eine in den Justizdienst übernommene SA-Einheit, die sogenannte ›Moor-SA‹; die Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht bestanden von 1939 bis 1945. Nach den Angaben der Gedenkstätte Esterwegen hielten SS, Justiz und Wehrmacht dort etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene sowie weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene fest. Über 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern starben in den Lagern.5

Wie dicht sich die Verfügungsgewalt verschiedener Instanzen an einem einzigen Lagerstandort ablöste, zeigt wiederum Dalum. Die Justizverwaltung ließ das Lager im Mai 1939 für 1.500 Strafgefangene fertigstellen, belegte es bis zum Kriegsbeginn aber nicht mehr. Im September 1939 übernahm es die Wehrmacht als Kriegsgefangenenlager, 1942 richtete die Luftwaffe darin ein Gerätedepot ein, im Januar 1945 schließlich machte die SS es zum Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Nach 1945 setzte sich diese Reihe als Abfolge von Nutzungen fort, als in mehreren Lagern ›Displaced Persons‹ untergebracht wurden. Esterwegen diente den Briten bis 1947 als Internierungslager, danach bis 1951 als Strafanstalt der deutschen Justiz für NS-Täter, die Spruchgerichte der britischen Zone verurteilt hatten, von 1953 bis 1959 als Durchgangslager für Flüchtlinge aus der DDR und von 1963 bis 2001 als Depot der Bundeswehr.6

Wie weit Nutzung und Überformung die Lager unsichtbar gemacht haben, unterscheidet sich von Standort zu Standort. Auf dem Gelände des Lagers II Aschendorfermoor liegt heute ein Acker, in dessen Boden sich die Spuren des Lagers archäologisch nachweisen lassen. Über dem Lager Alexisdorf steht die Siedlung Neugnadenfeld, über dem größten Teil des Lagers Dalum ein Gewerbegebiet, in dem die Trafostation und das Wachgebäude seit 2023 als Erinnerungsort »Lager XII Dalum« zugänglich sind. In Versen und Groß Hesepe reicht die Abfolge der Nutzungen bis in die Gegenwart, weil dort Lagerbaracken auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen stehen. In Oberlangen informiert seit 2014 ein Gedenkpavillon auf dem früheren Lagergelände, in Esterwegen erschließt seit 2011 die Gedenkstätte den Ort, den zuvor die Bundeswehr genutzt hatte. Die Gedenkstätte Esterwegen arbeitet heute an allen Standorten und unterrichtet dort mit Informationstafeln über die jeweilige Lagergeschichte.7

Diese bis heute nicht abgeschlossene Abfolge von Verfügungsgewalt, Nutzung, Überformung und schließlich Inobhutnahme durch die Gedenkstätte meint der Titel unseres Projekts, wenn er von einer »Konfliktlandschaft in Transformation« spricht. An einem Lagersystem, dessen Spuren so ungleich sichtbar sind, muss sich zeigen, ob ein Begriff trägt, der das Verhältnis von Spur und Deutung erfassen will. Denn an vielen Standorten stellt sich die Frage, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugen kann. Dieser Frage gehen wir im Emsland seit dem Projekt »Boden|Spuren« nach, das wir von 2020 bis 2022 mit der Gedenkstätte Esterwegen durchgeführt haben und dessen digitale Ausstellung die Spuren einzelner Lagerstandorte erschließt.

Digitale Erschließung als Teil der Geschichtsproduktion

Das laufende Projekt, das die Universität Osnabrück gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Gedenkstätte Esterwegen durchführt und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programm PRO*Niedersachsen fördert, dehnt diese Erschließung auf das gesamte Lagersystem aus. In drei Kampagnen hat das Team um Imke Selle, die das Projekt als verantwortliche Mitarbeiterin umsetzt, alle fünfzehn Lagerstandorte und alle neun Lagerfriedhöfe in 360°-Aufnahmen dokumentiert, an mehreren Standorten zudem mit 3D-Scans und Drohnenbefliegungen. So liegt für ein weit verteiltes System, dessen Schauplätze im Gelände überwiegend nicht mehr als Lager zu erkennen sind, eine zusammenhängende digitale Anschauung vor. Das Vorhaben verbindet diese Forschung mit der Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer und mit der Gedenkstättenpädagogik, deren geschichtsdidaktische Seite Lale Yildirim vertritt.

Was eine solche Anschauung leistet und wo sie an Grenzen stößt, haben Schüler:innen der Jahrgänge 11 und 12 des Gymnasiums Georgianum in Lingen erarbeitet, die im Juni 2025 in der Gedenkstätte Esterwegen die Rundgänge erprobt und um eigene Texte erweitert haben. Die Rundgänge, so ihr Befund, hätten ihnen räumlich vorstellbar gemacht, wie viele Lager es gab, den Besuch der Gedenkstätte könnten sie aber nicht ersetzen.8 Das digitale Angebot erschließt damit ein System, das sich an keinem einzelnen Standort ablesen lässt, ohne dem Geschichtsort selbst seine Bedeutung abzusprechen.

Imke Selle mit den Schüler:innen in der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Niklas Eilers).

Diese Frage nach dem Verhältnis analoger und digitaler Zugänge hat Imke Selle im Januar 2026 weiterverfolgt, als sie mit Studierenden zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisierte, eine vor Ort, die andere als Online-Führung. In ihre Dissertation über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager« bezieht sie die Praktiken unseres eigenen Projekts ein, denn wer Lagerstandorte vermisst, digitalisiert und zu Rundgängen fügt, greift in ihre Deutung ein.

Wie geht es weiter?

Drei laufende und anlaufende Vorhaben unterstreichen, welche Bedeutung das Emsland als Forschungsgegenstand für die Osnabrücker Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung hat. Im Oktober 2026 beginnt gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste das Projekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« zur sozio-ökologischen Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Es fragt, unter welchen Bedingungen demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad verlassen, einen Pfad, in dessen Vorgeschichte die Lager gehören, weil SS, SA und Justizverwaltung die Gefangenen von 1933 an zur Arbeit im Moor zwangen. Mit dem Landkreis Emsland erarbeiten wir derzeit ein Handbuch zur Geschichte des Emslandes in der NS-Zeit, das 2028 erscheinen soll. Auch die nächsten drei Bände der Reihe »Konfliktlandschaften« widmen sich dem Emsland: Die Bände 4 und 5 werden aus dem Emslandlager- und dem Moorlandschaften-Projekt hervorgehen, Band 6 wird, in Absprache mit der Gedenkstätte Esterwegen, die Friedhöfe der Emslandlager behandeln.

Für den Begriff der Konfliktlandschaft ist das Emsland damit ein Prüfstand. Seine Lagerstandorte zeigen Überformungen jeder Art, vom Acker über das Gewerbegebiet bis zur Gedenkstätte, während das Projekt diese Überformung dokumentiert und ihr zugleich eine weitere, digitale Schicht hinzufügt. Ob der Begriff erklären kann, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugt und was eine digitale Anschauung neben dem Besuch am Ort zu leisten vermag, wird die Studie von Imke Selle zeigen, die sie voraussichtlich 2027 abschließt, wobei ihre Antwort auch die Rundgänge betreffen wird, die wir selbst hergestellt haben.


  1. Gedenkstätte Esterwegen: Kriegsgräberstätte Dalum, Abruf 24.09.2026. ↩
  2. Christoph Rass: Einleitung, in: ders. (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur (Konfliktlandschaften 3), Göttingen: V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück 2026; Research Revisited: Twelve Years of the Interdisciplinary Working Group Conflict Landscapes at the University of Osnabrück, Abruf 23.09.2026. ↩
  3. Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext (wie Anm. 2); Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext, NGHM@UOS, 14.09.2026; Frank Möller: »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?« Militaria-Literatur über den Zweiten Weltkrieg am Beispiel des Kriegsschauplatzes Nordeifel/›Hürtgenwald‹ (Konfliktlandschaften 2), Göttingen: V&R unipress 2022. ↩
  4. Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust, Abruf 23.09.2026. ↩
  5. Gedenkstätte Esterwegen: Die Emslandlager, Abruf 28.09.2026; Sebastian Weitkamp / Martin Koers (Hg.): Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945, Göttingen: Wallstein 2025; David Reinicke: Die ›Moor-SA‹. Siedlungspolitik und Strafgefangenenlager im Emsland 1934–1942, Göttingen: Wallstein 2022. ↩
  6. Gedenkstätte Esterwegen: Lager XII Dalum, Abruf 24.09.2026; Gedenkstätte Esterwegen: Nachkriegsnutzung ab 1945, Abruf 29.09.2026. ↩
  7. Lea Horstmann / Imke Selle / Lina-Sofie Winkler: Abschluss der Digitalisierungkampagne im Projekt »Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation« an den ehemaligen Lagerstandorten Versen und Groß-Hesepe, NGHM@UOS, 06.08.2024, https://doi.org/10.58079/12540; Boden|Spuren: Lager II Aschendorfermoor; Gemeinde Geeste: Erinnerungsort »Lager XII Dalum«; Gedenkstätte Esterwegen: VI Oberlangen und Die Emslandlager, Abruf 29.09.2026. ↩
  8. Imke Selle: Digital Public History-Workshop »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, NGHM@UOS, 29.07.2025, https://doi.org/10.58079/14g43. ↩

Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026

Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.

Durchgeführt wurde das Projekt als Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück und der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.

Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.

Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.

Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.

Programm:

Tag 1 | 24. September 2026

EW-Gebäude | Seminarstraße 20, 49074 Osnabrück | Raum 15/130

13:00–13:15 Ankunft
13:15–13:30  Begrüßung & Projektvorstellung
| Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)

13:30–14:30  Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)

14:30–15:00  Pause

15:00–15:45  Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)

15:45–16:15  Pause

16:15–17:15  Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)

17:15–18:00  Pause

18:00–20:00  Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes


Tag 2 | 25. September 2026

Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste

08:30  Treffpunkt am Bus

08:45–10:15  Fahrt nach Dalum

10:15–11:45  Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)

11:45–13:15  Rückfahrt nach Osnabrück

13:15–13:45  Mittagspause

13:45–15:15  Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour

15:15–15:45  Abschlussrunde

Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln

Die Tagung

Vom 18. bis zum 20. Juni 2026 hat der Dokumentations- und Lernort Bückeberg gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover nach Hameln in die Räume des Zedita geladen. Der Titel der Tagung stellte eine Frage: »Die NS-Gesellschaft als ›Volksgemeinschaft‹? Inszenierungen, soziale Praxis und Handlungsspielräume«. Das Fragezeichen war Programm.

Im Zentrum stand nicht der Begriff als Etikett, sondern die Prozesse hinter ihm: die propagandistischen Inszenierungen, die lokalen Handlungsspielräume, die soziale Praxis, in der aus einem Wort gesellschaftliche Wirklichkeit wurde. Dabei richtete sich die Tagung an ein bewusst breites Publikum: an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niedersächsischer Gedenkstätten und Erinnerungsorte, an Geschichtsinitiativen, an Forschende, Studierende sowie an Schülerinnen und Schüler. Geschichtswissenschaft und historisch-politische Bildung saßen drei Tage lang am selben Tisch.

Was an diesen drei Tagen zusammenkam, lässt sich hier nur in Ausschnitten nachzeichnen. Das Tagungsprogramm verzeichnet die Vorträge, die parallelen Workshops, das Podium und die Exkursionen vollständig, getragen von Beiträgen aus Forschung und Bildungsarbeit gleichermaßen; die folgenden Notizen greifen einzelne Fäden heraus.

Eine Besonderheit der Konferenz bestand in der Art und Weise, in der unser Tagungsort das Thema trug: Auf dem Bückeberg bei Hameln inszenierten die Nationalsozialisten von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹, eine der größten Massenveranstaltungen des Regimes: ein medial verwertbares Bild einer scheinbar geschlossenen ›Volksgemeinschaft‹, erzeugt, um die Gesellschaft zu spalten und auf den Krieg vorzubereiten. Wer über die Herstellung von Gemeinschaft sprechen will, findet hier ihre Landschaft gewordene Infrastruktur.

Auftakt und Rahmung

Drei Vorträge eröffneten die Tagung und markierten zugleich drei Achsen. Felix Berge (Universität der Bundeswehr München) unternahm unter dem Titel »Wozu ›Volksgemeinschaft‹? Eine historiographische Ortsbestimmung« die begriffliche Vermessung des Geländes. Linda Conze (Kunstpalast Düsseldorf) wandte sich mit »Das Fest und die Fotografie« der bildlichen Inszenierung zu. Und Bernhard Gelderblom (Freier Historiker, Hameln) zeichnete mit »Der lange Weg zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg« die lokale Achse nach, die Geschichte des Erinnerungsortes selbst.

Das Zedita im Bahnhof von Hameln – ein bemerkenswerter Tagungsort (Foto: Rass)

Den Rahmen für unseren Austausch setzte der erste Vortrag. Berge führte den Leitbegriff zurück zu seiner Entstehung im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik und zeichnete die Forschungsdebatten der zurückliegenden Jahrzehnte nach, von der frühen Sozialgeschichte bis zu jener Konjunktur, die die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis fasste und sich in den Sammelbänden um 2009 und 2013 verdichtete. Dabei wog er ab, was der Begriff bedeutet und wo er an seine Grenzen stößt. Seine Ausführungen konturierten ein Koordinatensystem für die kommenden Tage.

Ein Workshop zur Osnabrücker Gestapo-Kartei

Einen anderen Zugang zu denselben Fragen erprobte am selben Donnerstagnachmittag ein Workshop aus der Forschung des Verfassers: nicht über die Inszenierung, sondern über die Verwaltung. Gegenstand war die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück, heute im Niedersächsischen Landesarchiv, eine der nur sechs substantiell überlieferten Karteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im Deutschen Reich.

Die Kartei wurde allerdings bereits 1928 von der Politischen Polizei Preußens im Rahmen einer Verwaltungsreform angelegt. Erst 1933 übernahm die Gestapo das Instrument und führte die Kartei bis Kriegsende fort. Im DFG-Projekt »Überwachung. Macht. Ordnung.« konnten wir diese Kartei vollständig digital erschließen, sodass nun ein Datenmodell granulare Analysen nicht nur der in diesem Konvolut dokumentierten Opferschicksale, sondern vor allem auch des Täterhandelns ermöglicht. Der Workshop nutzte dieses Potential und bewegte sich zwischen der Interpretation einzelner Karten und der Einordnung der Befunde in die größeren Strukturen arbeitsteiliger Herrschaftsproduktion im Regierungsbezirk Osnabrück.

Nutzung des NS-Haftsystems durch die Gestapo Osnabrück (Abbildung: Christoph Rass)

Der Befund lenkt den Blick auf zwei dem Gestapo-Apparat vor- bzw. nachgelagerte Handlungsfelder. Vorgelagert werden Akteure sichtbar, die Zuarbeit leisteten: Das Verfolgungswissen kam nicht zuerst von der Partei oder aus dem Gestapo-Apparat selbst, sondern auch stark aus Verwaltung und Wirtschaft, vom Arbeitsamt, von Firmen, von Landräten und Bürgermeistern; die private Denunziation, in der Erinnerung oft das Sinnbild der Gestapo, rangiert dahinter. Als ebenso nachrangiger Akteur erweist sich die NS-Partei. Nachgelagert konnten wir den Vollzug von Haftstrafen beobachten und das Ineinandergreifen von Institutionen wie Polizeigefängnis, Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager dabei. Dazwischen positionierte sich die Osnabrücker Gestapo als Scharnier oder Schaltstelle. Sie erzeugte das Wissen nicht, sie sammelte es und machte es zur Grundlage ihres Verfolgungshandelns, das nicht selten durch Anforderungen dritter Akteure ausgelöst wurde. Das sich so ergebende Bild erwies sich zudem als stark dynamisch: In der Kriegsphase entfielen fast zwei Drittel der benannten Haftereignisse auf die Diskriminierung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern – aus der Geheimpolizei zur Verfolgung politischer Gegner wurde der Repressionsdienstleister des NS-›Arbeitseinsatzes‹.

Das ist mit ›doing Volksgemeinschaft‹ gemeint (Bondzio 2021). Die Verfolgten wurden nicht durch einen einzelnen, entfesselten Akteur in das System geschleust, sondern durch das Zusammenwirken einer ganzen Gesellschaft: Ämter, Betriebe, Kommunen, Nachbarn. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist hier keine Stimmung und kein Bekenntnis, sondern eine Praxis, und die Kartei verzeichnet sie Vorgang für Vorgang (Rass 2026). Auch die Form des Workshops folgte diesem Gedanken: Drei Gruppen erarbeiteten je eine Perspektive, die Zuarbeit, die Haftwege, die Sprache der Kartei, und erst im Plenum fügte sich das Bild zusammen.

Auf dem Bückeberg

Am Freitagnachmittag führte eine Exkursion an den Ort selbst. Was Bernhard Gelderblom im Eröffnungsvortrag als langen Weg zum Lernort beschrieben hatte, war nun zu begehen: das Gelände, auf dem von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹ inszeniert wurden. Unter der Leitung Albert Speers war der Hang in fünf Jahren zu einer gleichmäßig geneigten Fläche planiert worden, in der angedeuteten Form eines Amphitheaters: unten die Rednertribüne, oben die Ehrentribüne, dazwischen der Mittelweg, Hitlers ›Laufsteg‹ durch die Massen. Der Ort selbst ist das wichtigste Exponat, wie uns Jan Waitzmann und Aljoscha Napp im geführten Rundgang nachdrücklich verdeutlichten.

Blick über das ehemalige Festgelände (Foto: Rass)

Der Dokumentations- und Lernort, 2022 eröffnet, macht das sichtbar, ohne den historischen Ort nachzubauen. Der Grundsatz der Aufarbeitung ist Zurückhaltung: kein Gebäude, keine größeren Eingriffe, keine Rekonstruktion. Gemähte Graswege führen über rund 1,3 Kilometer zu sechs Informationsinseln; eine Gehölzpflanzung markiert den Standort der früheren Rednertribüne, über die Betonfundamente der Ehrentribüne führt ein begehbarer Steg. Wo das Regime monumentalisierte, dokumentiert der Ort; der zurückhaltende Entwurf erhielt 2022 eine Auszeichnung beim Niedersächsischen Staatspreis für Architektur.

Das ist mehr als eine gestalterische Entscheidung; es ist ein didaktisches Argument. Der Ort führt vor, was der Workshop an der Kartei und das Podium an den Begriffen verhandelten: dass ›Volksgemeinschaft‹ hergestellt wurde, hier mit Erdbewegungen, Tribünen und einer Choreografie der Massen. Wer die Herstellung von Gemeinschaft verstehen will, muss diesen Hang einmal hinaufgegangen sein.

Eine Podiumsdiskussion zieht Bilanz

Das Abschlusspodium begann nicht mit einer These, sondern mit einem Ausschnitt aus dem NDR. Am selben Wochenende, am 19. Juni 2026, hatte der AfD-Kreisverband Northeim seinen Kreisparteitag in der Stadthalle Moringen abgehalten, nur wenige Meter von der dortigen KZ-Gedenkstätte entfernt. Rund 600 Menschen protestierten, ein Aufzug führte bis zur Gedenkstätte. Der Kreisverband gilt als extrem rechts und pflegt enge Kontakte zu Björn Höcke. Die Aktualität der Auseinandersetzung liegt an diesem Nachmittag auf der Hand.

Moderiert von Aljoscha Napp, dem pädagogischen Leiter des Lernorts Bückeberg, fragte das Podium, wozu das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in der historisch-politischen Bildung überhaupt taugt. Drei Perspektiven trafen aufeinander, und sie ergänzten sich eher, als dass sie sich widersprachen.

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)

Elke Gryglewski, die die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet, machte den Einwand der Praxis stark. ›Volksgemeinschaft‹ sei ein anonymisierender und ein statischer Begriff: eine amorphe Masse, hinter der sich Verantwortung verbergen lasse, und ein Etikett, das Wandel und Handlungsspielräume schlecht abbilde. In der Bildungsarbeit brauche es Konkretisierung. Dabei sei Niedersachsen ein Glücksfall, weil sich die Radikalisierung der Verfolgungspolitik hier als Prozess an konkreten Orten zeigen lasse, nicht als Sprung von 1933 zum Massenmord. Und Täterschaft müsse aufgebrochen werden, bis zur Mitwisserschaft und zu den ganz alltäglichen Funktionen im Apparat. Wer Quellen nur zur Illustration benutze, ohne sie zu dekonstruieren, reproduziere am Ende die Bilder, die er erklären wollte.

Wiebke Hiemesch, Erziehungswissenschaftlerin und pädagogische Leiterin des ZeitZentrums Zivilcourage in Hannover, berichtete von einem Ort, der den Begriff bewusst meidet. Das ZeitZentrum rahmt seine Lebensgeschichten unter dem Titel ›hannoversche Stadtgesellschaft‹, nicht unter ›Volksgemeinschaft‹, und arbeitet mit der Leitfrage »mitmachen oder widerstehen«, ergänzt um die Frage, was überhaupt möglich war. Ihr Vorbehalt war doppelt: Der Begriff verführe zur Unterkomplexität, und er reproduziere womöglich genau den Mythos, den die Forschung gerade dekonstruiert. Zugleich erinnerte sie daran, dass ›Volksgemeinschaft‹ kein bloßer historischer Quellenbegriff ist, sondern eine Idee, die gegenwärtig Wirkung entfaltet. Und sie benannte einen quellenkritischen Preis: Wer über die Produktion von Gemeinschaft arbeite, erreiche die Perspektive der Ausgeschlossenen oft schwerer.


Die Professur NGHM hat unter der Leitung von Imke Selle und Jessica Wehner bereits mehrere Exkursionen zum Zeitzentrum Zivilcourage angeboten. Dabei wurden unter anderem die Ausstellung ausführlich besucht oder Workshops zu Radikalisierung und Rechtsextremismus durchgeführt.


Aljoscha Napp brachte aus der Bückeberg-Praxis den Zugang über den Gemeinschaftsbegriff ein: Mit jungen Menschen darüber zu sprechen, was Gemeinschaft verspricht, öffne oft erst den Weg zu der Frage, was an Figur und System des Nationalsozialismus eigentlich faszinierte.

Die dritte Stimme, die des Verfassers dieses Beitrags, kam von der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung und formulierte den Vorschlag, ›Volksgemeinschaft‹ nicht als Zustand zu prüfen, sondern als Ergebnis eines kontinuierlichen Herstellungsprozesses zu lesen, als Produkt von Kategorisierung, Verwaltung und Gewalt. Auf dem Podium blieb dieser Gedanke ein Angebot unter anderen. Der folgende Essay führt diese Überlegungen als Diskussionsbeitrag zur theoretischen Rahmung weiter aus.

Vom ›Doing‹ zur ›Produktion‹: Wie wird ›Volksgemeinschaft‹ gemacht?

Was die Forschung mit ›Volksgemeinschaft‹ adressiert, lässt sich noch einmal anders betrachten. Das Stichwort des Workshops, ›doing Volksgemeinschaft‹, weist diese Richtung; weitergedacht stellt sich für uns die Frage, wie sich Praktiken über den Ansatz der Produktion sozialer Fakten mit realweltlicher Wirkung lesen lassen. Im Osnabrücker Sonderforschungsbereich 1604 untersuchen wir die ›Produktion von Migration‹, nicht Migrantinnen und Migranten als gegebene Gruppen, sondern die Verfahren, Diskurse und Institutionen, die solche Gruppen überhaupt erst hervorbringen. Auf die ›Volksgemeinschaft‹ gerichtet, öffnet diese Herangehensweise einen anderen Blick.

Am Anfang einer solchen Annäherung steht eine Entnaturalisierung. Soziale Kategorien sind nicht vorgegeben, sondern Ergebnis von Diskursen, Verfahren und Institutionen. Damit verschiebt sich die Leitfrage. Die ältere Debatte stritt darüber, ob es die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Realität gegeben habe oder nur als Mythos. Beide Lager dieser Debatte teilten eine Annahme: Sie behandelten die Gemeinschaft als Gegenstand, dessen Realitätsgehalt sich bestimmen ließe. Verlassen wir diese Annahme, wird die ›Volksgemeinschaft‹ vom Erklärenden zum Erklärungsbedürftigen. Sie ist dabei kein Mythos, sondern ein Ideologem: eine Idee, die in bestimmter Weise hergestellt wurde, um Gesellschaft zu ordnen, und die sich sehr unterschiedlich mobilisieren ließ.

Hergestellt wurde damit soziale Ordnung nicht zuletzt über Figuren, die implizit oder explizit stets paarweise auftreten. Den ›Volksgenossen‹ und die ›Volksgenossin‹ gibt es nur gepaart mit der oder dem ›Gemeinschaftsfremden‹; beide entstehen im selben Akt und brauchen einander. Reinhart Koselleck hat solche asymmetrischen Gegenbegriffe beschrieben (Koselleck 1979): ein ›Wir‹, das sein ›Nicht-Wir‹ zugleich erzeugt und entwertet. Manchmal stehen beide Figuren ausdrücklich in den Quellen. Oft ist die eine nur als Schatten der anderen anwesend. Sie aber auch dort zu sehen, wo sie nicht genannt wird, gehört zu unserer Forschungsdisziplin. Denn dass diese Abwesenheit kein Zufall der Überlieferung ist, sondern hergestellt, hat Michel-Rolph Trouillot gezeigt: Das Verschweigen beginnt bereits dort, wo aus Geschehenem Quelle wird (Trouillot 1995), und genau deshalb gehört die ungenannte Figur nicht an den Rand, sondern in den Befund.

Auch an anderer Stelle kann uns der Ansatz der Produktion sozialer Ordnung helfen, den Blick zu schärfen, wenn wir Inklusion und Exklusion nicht als zwei Zustände lesen, die sich binär verorten, sondern als stets koproduzierte Abstufungen auf einem Kontinuum der Zugehörigkeit. Der Ausgeschlossene steht nicht außerhalb der Ordnung, er bleibt in sie eingeschlossen, gerade indem sie ihn ausschließt. Giorgio Agamben nennt diese Operation eine einschließende Ausschließung (Agamben 1995). Die Migrationsforschung fasst dieselbe Logik über Paul Mecherils ›natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit‹ (Mecheril 2003), eine Ordnung, die Menschen in ein ›Wir‹ und ein ›Nicht-Wir‹ sortiert und Zugehörigkeit prekär macht. Soziale Ordnung entsteht über Operationen, die ein- und ausschließen. Die Idee einer Gemeinschaft ist dabei ein mobilisierbarer Operator.

Die Produktion sozialer Ordnung wiederum braucht Apparate. Die ›Volksgemeinschaft‹ produzierte sich weder allein auf Parteitagen noch allein auf dem Bückeberg, der selbst Infrastruktur und Medium war. Sie wurde in Ämtern und auf Papier hergestellt: in Meldekarteien, Erbkarteien und Sippenakten, ebenso aber auch in Tagebüchern, Fotos und Denkmälern. Wie das praktisch aussieht, lässt sich an einem schlichten Vorgang zeigen. Eine Karteikarte, auf der eine Rubrik angekreuzt wird, macht in einem einzigen Verwaltungsakt aus der einen Person eine ›Volksgenossin‹ und aus der anderen eine ›Gemeinschaftsfremde‹. Nicht die Karte hält fest, wer dazugehört: Sie stellt die Zugehörigkeit erst her, und dieser Statusfestschreibung blieben Mobilisierbarkeit, Aufrufbarkeit. Ob jemand zum ›Volksgenossen‹ wurde, entschied sich also nicht allein im eigenen oder im kollektiven Zugehörigkeitsgefühl, sondern in einer Akte. Letztlich hat 1933 eine soziale Gruppe den Staat übernommen und mit ihm dessen Klassifikationsmacht (Bourdieu 1982); im NS-Staat wurde Teilhabe an dieser Macht, das Mitsortieren der anderen, zu einem Weg, um die eigene Zugehörigkeit zu reklamieren. Unter die Klassifizierenden eingeordnet zu werden, bot Potenzial für den Erwerb von sozialem Kapital, und zu klassifizieren stabilisierte die Zugehörigkeit.

Diese imaginierte Gemeinschaft der NS-Gesellschaft machte sich also selbst, letztlich mit brutaler Gewalt: Boykott, Denunziation, Pogrom, Mord waren nicht Folgen einer bereits bestehenden Gemeinschaft. Es waren die Akte, in denen sie sich überhaupt erst hervorbrachte. Wenn in der Forschung vom Mitmachen die Rede ist, meinen wir eine Mitmachveranstaltung mit tödlichem Ausgang.

Sich an diesem Prozess zu beteiligen oder ihm ausgeliefert zu sein, blieb nicht folgenlos. Es verändert nicht nur die soziale Position, sondern auch das Handeln. Ian Hacking hat das die Rückkopplung des ›making up people‹ genannt (Hacking 1986): Wer benannt wird, verändert sich, und die veränderten Menschen verändern wiederum die Kategorie. Das gilt für die Ausgeschlossenen ebenso wie für jene, die sich durch Akzeptanz, Zuschauen und Täterschaft positionierten. Auch sie wurden zugerichtet, in Rollen und Figuren, in die sie sich selbst hineinreklamierten.

Aus solchen Überlegungen ergeben sich rasch auch Ableitungen für unseren Umgang mit Sprache. Rogers Brubaker und Frederick Cooper unterscheiden zwischen Kategorien der Praxis und Kategorien der Analyse (Brubaker/Cooper 2000). ›Volksgemeinschaft‹ ist eine Kategorie der Praxis, ein Quellenbegriff, kein Analysebegriff. Das Wort gehört den Täter:innen. Die Aufgabe der Forschung ist die Analyse seiner Herstellung, nicht die reproduzierende Übernahme. Mit Émile Durkheim ließe sich formulieren: Der eigentliche soziale Tatbestand (Durkheim 1895) ist nicht die ›Volksgemeinschaft‹, sondern der Herstellungsprozess in seiner Macht.

Solche Überlegungen sind keine Begriffsgeschichte um ihrer selbst willen. Die Ideologeme der NS-Zeit begleiten uns noch immer, auch wenn sie sich in andere Begriffe kleiden. Armin Nassehi hat in seinem Briefwechsel mit Götz Kubitschek (geführt 2014, veröffentlicht 2015) den Kern rechten Denkens darauf zurückgeführt, dass menschliche Existenz nur noch als unhintergehbare Gruppenexistenz vorstellbar werde (Nassehi 2015). Über diesen Befund lässt sich zuspitzen: Diese Gruppe wird ethnisch, kaum verhüllt auch rassisch definiert, und sie funktioniert nach derselben Logik der einschließenden Ausschließung wie die historische ›Volksgemeinschaft‹.

Forschung und Vermittlung stehen damit vor einer gemeinsamen Herausforderung. Eine Produktionsperspektive bewährt sich erst dort, wo sie sich in eine Führung oder eine Unterrichtsstunde übersetzen lässt. Die Frage nach dem Apparat ist nichts anderes als quellennahe, konkrete Arbeit, wie die Gedenkstätten sie täglich leisten und wie sie der Workshop an der Osnabrücker Kartei vorgeführt hat; das Figurenpaar verlangt, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen, dort, wo nur der ›Volksgenosse‹ im Bild ist, ebenso wie dort, wo sein Opfer in den Blick genommen wird und der Täter abwesend scheint. Eine Schwierigkeit bleibt: Wer die Produktion von Gemeinschaft adressiert, kann Gefahr laufen, den Produzenten mehr Raum zu geben als den Ausgeschlossenen und der Stabilisierung sozialer Ordnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als deren Bruchstellen. Dagegen hilft ein ständiger Perspektivenwechsel. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist nicht das Erklärende, die Produktion sozialer Ordnung mit Hilfe dieses Ideologems ist das, was erklärt werden muss.

Literaturauswahl

  • Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002 (it. 1995).
  • Bondzio, Sebastian: Doing ›Volksgemeinschaft‹. In: Geschichte und Gesellschaft 47/3 (2021), S. 343–379.
  • Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982 (frz. 1979).
  • Brubaker, Rogers / Cooper, Frederick: Beyond „Identity“. In: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47.
  • Durkheim, Émile: Die Regeln der soziologischen Methode (frz. Les règles de la méthode sociologique, 1895).
  • Hacking, Ian: Making Up People. In: Thomas C. Heller u.a. (Hg.): Reconstructing Individualism. Stanford 1986.
  • Koselleck, Reinhart: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. In: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1979.
  • Mecheril, Paul: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster/New York 2003.
  • Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann, Hamburg 2015.
  • Rass, Christoph: Verfolgung als arbeitsteilige Praxis. Die Gestapo Osnabrück, das NS-Haftsystem und die ›Volksgemeinschaft‹ im Spiegel einer Karteiüberlieferung. In: Osnabrücker Mitteilungen (2026, eingereicht).
  • Trouillot, Michel-Rolph: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston: Beacon Press 1995.

›Twice Displaced‹: Queeres ›Displacement‹ im Europa der Nachkriegszeit, Vortrag vom 4. Juni

4. Alfred-Landecker-Lecture mit Samantha K. Knapton (University of Nottingham)

Als Pierre Seel, nach Lager und Wehrmacht 1945 ins Elsass zurückgekehrt, Jahrzehnte später über seine Befreiung schrieb, formulierte er einen ernüchternden Befund: Die wahre Befreiung habe nur den anderen gegolten, nicht ihm. Seel war als homosexueller Mann denunziert, verfolgt, interniert und zum Schweigen gebracht worden. Seine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung blieb zu Lebzeiten aus. Genau an diesem Bruch zwischen einem Kriegsende, das Befreiung verspricht, und einer Nachkriegsordnung, die fortgesetzte Verfolgung organisiert, setzt der Vortrag von Samantha Knapton an.

In der von Sebastian Musch eröffneten und gemeinsam mit dem IMIS und dem SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ ausgerichteten vierten Alfred-Landecker-Lecture entwickelte die Historikerin aus Nottingham, deren erste Monographie den polnischen ›Displaced Persons‹ im britisch besetzten Deutschland gilt (Knapton 2023), ein analytisches Konzept, das sie ›twice displaced‹ nennt. Der Vortrag entfaltete es in drei Bewegungen: einer begriffskritischen Bestimmung des doppelten ›Displacement‹, einer methodischen Reflexion über die Lesbarkeit queerer Geschichte im Archiv und einer mikrohistorischen Vertiefung am Fall Seel.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Die erste These ist zugleich eine Leerstelle: Eine Geschichte des queeren ›Displacement‹ in der unmittelbaren europäischen Nachkriegszeit existiert bislang kaum. Knapton füllt diese Lücke nicht nur durch das Auffinden bislang ungelesener Quellen, sondern durch eine begriffliche Operation. ›Twice displaced‹ meint, dass jene, die zugleich queer und von ›Displacement‹ betroffen waren, mit dem Kriegsende keineswegs an ein Ende ihres ›Displacement‹ gelangten. Die Rekonstruktionsordnung der späten 1940er und 1950er Jahre, von Zeitgenossen als Projekt einer ›Re-Zivilisierung‹ der Gesellschaft gerahmt, schloss sie ein zweites Mal aus: diesmal nicht aus einem Territorium, sondern aus der Anerkennung und aus dem eigenen Leben. Die 1950er Jahre, das ›straighteste‹ Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, errichteten eine Normalität, in der für queere Überlebende kein Ort vorgesehen war. Ihr ›Displacement‹ war also nicht allein physischer Natur, sondern verstetigte sich als dauerhafter Ausschluss aus den früheren Biografien.

Die zweite These betrifft das Archiv und trifft den Kern unserer eigenen methodischen Debatten in der historischen Migrationsforschung. Geschichten queeren ›Displacement‹ sind, so Knapton, nicht abwesend, sondern unlesbar: nicht, weil die Quellen fehlen, sondern weil die übliche empiristische Lektüre an ihnen scheitert. In den Akten erscheinen die Betroffenen als Kategorie der Repression: als ›asozial‹ oder ›politisch‹ in den Verzeichnissen der Konzentrationslager, als Devianz in medizinisch-psychologischen Gutachten, als Kuriosum oder Straftatbestand in den Unterlagen humanitärer Organisationen, alliierter Besatzungsbehörden und arbeitsmarktpolitischer Programme. Eine Bergung dieser Geschichten verlangt daher dreierlei: die ›Stimmen in der Mitte‹ (Fürsorgepersonal, Verbindungsoffiziere), die Rekonstruktion physischer Trajektorien und eine kulturhistorische Relektüre fast jeder Quelle. Wer diese Akten allein nach dem Maßstab klassischer Empirie behandelt, übt nach Knapton eine Form ›epistemischer Gewalt‹. Vielmehr gelte es, eine fragmentarische, lückenhafte und frustrierende Geschichte auszuhalten, eine Haltung, die sie mit Žižek als ›enthusiastische Resignation‹ beschreibt: Wir werden keine lineare Erzählung gewinnen, dürfen uns aber gleichwohl nicht aus dem Archiv zurückziehen.

Besonders prägnant wird die These dort, wo sie die Produktion administrativer Kategorien sichtbar macht. Der Status ›Displaced Person‹ war ein Eligibilitätsartefakt: kriegsbedingt displaced, nicht aus ehemaligem Feindgebiet stammend, anspruchsberechtigt gegenüber der internationalen Hilfe. Viele queere Verfolgte erreichten die Lager gar nicht erst, weil der nicht aufgehobene §175 sie weiter in Haft hielt. Die Alliierten setzten diesen Paragraphen nach 1945 nicht außer Kraft, sondern lasen ihn als Kontinuität des deutschen Strafrechts und verfolgten weiter auf dieser Grundlage bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, die den staus quo ebenfalls fortschrieben. Deutlich wird damit: Das Ausbleiben queerer Verfolgter in den ›DP‹-Lagern ist keine empirische Lücke, sondern ein Produkt der Kategorie selbst.

Am dichtesten verdichtet Knapton ihr Argument im Fall Pierre Seels. Als Sechzehnjähriger meldet Seel den Diebstahl einer Taschenuhr und gerät, weil der Tatort als queerer Treffpunkt bekannt ist, auf eine polizeiliche Liste. Nach der Annexion des Elsass und der Anwendung des §175 wird er 1941 von der SS verhaftet, gefoltert und im Lager Schirmeck interniert; dort wird sein Geliebter Jo vor seinen Augen ermordet, ein Ereignis, das sein Erinnern fortan organisiert. Seine Freilassung bindet das Regime an zwei Bedingungen: Schweigen und deutsche Staatsangehörigkeit. Als zwangsweise Eingebürgerter wird Seel in die Wehrmacht gezogen, ein ›Malgré-nous‹, dessen Erinnerungslücken an der Ostfront bis heute Fragen nach Täterschaft offenhalten. Erst in den frühen 1980er Jahren, angestoßen durch Heinz Hegers ›Die Männer mit dem rosa Winkel‹, bricht er sein Schweigen. Anerkennung durch den französischen Staat als wegen seiner Homosexualität Deportierter erhält er nie. Seel stirbt 2005, nach eigenem Verständnis staatenlos.

Knapton rahmt diesen Fall mit zwei Bezugspunkten, die auch unsere Diskussion trugen. Joanna Ostrowska zeigt für den polnischen Kontext, wie ›Zahl, Nationalität und Gewalt‹ mobilisiert werden, um queere Geschichten als nicht erzählenswert zu markieren, bis hin zur Umetikettierung ihrer eigenen Forschung als Soziologie oder Anthropologie, die der queeren Vergangenheit gerade die historische Existenz abspricht. Anna Hájková wiederum macht mit ihrem Konzept der ›historical citizenship‹ die Zeugenschaft zum konstitutiven Akt: Wer bezeugt, wird Bürger:in der Geschichte. Beide Perspektiven verschieben die Frage von der Quellenlage zur Lektüre, und beide treffen damit ein Anliegen, das die NGHM, das IMIS und der SFB 1604 teilen: die langfristigen, oft transgenerationalen Folgen erzwungener Mobilität gerade für marginalisierte Gruppen ernst zu nehmen.

Was Knapton vorführt, ist weniger ein abgeschlossener Befund als ein Programm. Ob ›Displacement‹ für beide Bewegungen, die kriegsbedingte Deportation und die nachkriegszeitliche soziale Schließung, denselben analytischen Dienst leistet, bleibt produktiv offen, ebenso wie die Frage, welches Kriterium eine disziplinierte Rekonstruktion vom Hineinlesen ins Schweigen scheidet. Gerade Seels Fall, Opfer und mögliches Werkzeug zugleich, ist die härteste Probe auf diese Methode. Wer solche Akten liest, als verlangten sie nichts als empirische Gewissheit, vergisst die Verfolgten ein zweites Mal.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Research Revisited | Zwölf Jahre Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück

Konfliktlandschaften in Osnabrück:
Zwischenbilanz nach zwölf Jahren

Im Frühjahr 2026 läuft das Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history” auf Hochtouren seinem Abschluss entgegen. Das Vorhaben baut auf einer Vorarbeit auf, die zwischen 2020 und 2022 im BKM-Programm „Jugend erinnert” geoarchäologische Untersuchungen an emsländischen Lagerstandorten umfasste, und es markiert zugleich einen Stand: den einer Arbeit, die an der Universität Osnabrück seit 2014/15 systematisch betrieben wird. Genau diese Verschränkung von laufender Forschung, universitärer Lehre und öffentlicher Vermittlung gibt den Anlass, einen Rückblick auf zwölf Jahre Konfliktlandschaftsforschung zu unternehmen.

Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) in sechs Schritten. Im Folgenden werden zunächst aktuelle Formate forschenden Lernens skizziert, sodann das laufende Emslandlager-Projekt im Detail vorgestellt. Ein dritter Abschnitt geht in die Genese der IAK seit 2014/15 zurück und zeichnet ihre konzeptionelle Grundlegung und ihre Kooperationsstruktur nach. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Zugriffs, der die Osnabrücker Position im Feld der conflict landscape studies markiert. Ein chronologischer Überblick über Projekte, Tagungen und Publikationen zwischen 2014 und 2025 schließt sich an. Eine Bilanz schließt den Beitrag und fragt nach den institutionellen Bedingungen, unter denen sich der Osnabrücker Ansatz in Forschung, Lehre und Vermittlung verstetigen lässt.

Mitarbeiterinnen bei der Digitalisierung im Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation.” (Imke Selle)

I. Forschendes Lernen 2025/26

Die Konfliktlandschaftsforschung an der Universität Osnabrück ist konsequent in Lehrveranstaltungen eingebunden, die vermitteln, wie Gewaltereignisse ihre Schauplätze überformen und wie sich daraus in der longue durée die Produktion von Deutung und Bedeutung, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwickelt. Eine Reihe von Formaten aus den Jahren 2025 und 2026 macht das exemplarisch sichtbar.

Im März 2025 führte eine Tagesexkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover. Im Juni 2025 erprobten Imke Selle und ihr Team im Rahmen eines Digital-Public-History-Workshops in der Gedenkstätte Esterwegen mit Schüler:innen des Georgianum Lingen ein 360°-Angebot über die fünfzehn ehemaligen Lagerstandorte und die neun Lagerfriedhöfe. Am 28. November 2025 folgte eine weitere Tagesexkursion nach Esterwegen, ebenfalls unter Leitung von Imke Selle.

Im Wintersemester 2025/26 thematisierte Christoph Rass die Perspektiven der Konfliktlandschaftsforschung an der NGHM-Professur in der Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Holocaust”. Aus der Vorlesung heraus folgte eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren. Am 19. Januar 2026 wurde im Bürgerhaus Ibbenbüren der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano gezeigt, der das Schicksal von Anna Strishkowa rekonstruiert, die als knapp Vierjährige im Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau registriert wurde. Am 27. Januar 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren ins Kulturhaus Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ein. Vorgesehen war ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaustüberlebender aus Kiew; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, stand erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt. Christoph Rass übernahm die historische Einführung. Das Format des Zeitzeugengesprächs bot eine andere Rahmung als die Filmvorführung am 19. Januar: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm stand das direkte Gespräch im Vordergrund, sodass die Studierenden beide Vermittlungsformate erleben und miteinander vergleichen konnten.

Eine ebenfalls im Januar 2026 durchgeführte zweistufige Exkursion unter Leitung von Imke Selle führte die Studierenden zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme: am 16. Januar war eine Gruppe vor Ort mit Führung und kritischer Auseinandersetzung mit der Ausstellung zur Lager-SS, am 23. Januar folgte eine zweite Exkursion digital durch die Audio-Rundgänge und 360°-Touren der vollständig digitalisierten Gedenkstätte. Das Format prüft die analoge und die digitale Erschließung eines Gewalt- und Erinnerungsortes nicht als Alternativen, sondern als Komplemente.

Forschendes Lernen gehört zum Profil der IAK seit ihren Anfängen. Die Karya-Prospektion im Frühjahr 2023 wurde als Exkursion von Studierenden mitgetragen, das aktuelle Emslandlager-Projekt ist um ein Projektseminar herum angelegt. Posterpräsentationen, Tagesexkursionen zu Gedenkstätten und die Tiny Desk Kolloquien bilden stehende Formate, in denen Forschung, Vermittlung und Lehre nicht nacheinander, sondern ineinander wirken.

II. Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation

Das aktuell laufende Projekt operiert auf einer Fläche, die sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt: Fünfzehn Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager existierten zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Die meisten Standorte sind heute weder als Gedenkort markiert noch oberirdisch sichtbar. Sie sind Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohngebiet. Genau hier setzt das Projekt an: Es dokumentiert die Transformation dieser Orte über neunzig Jahre hinweg digital, von der Gründung der Lager bis zur Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen, die als einzige Erinnerungsinstitution stellvertretend für das gesamte Lagersystem steht.

Aufnahme des Lagers Börgermoor am ehemaligen Lagerstandort (Imke Selle).

Methodisch verbindet das Vorhaben 360°-Panorama, 3D-Scan, UAV-Photogrammetrie und geoarchäologische Prospektion mit forschendem Lernen in der universitären Lehrer:innenbildung. Die Digitalisierungskampagnen begannen im März 2024 mit ersten Aufnahmen an mehreren Standorten; im Mai und Juni 2024 wurden die Lager IX Versen und XI Groß-Hesepe auf den Geländen der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen systematisch erfasst; 2025 folgten weitere Standorte sowie eine zweite Studierendenexkursion zu den Lagern Neusustrum, Oberlangen, Dalum, Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) und Wietmarschen. Die Bündelung der Daten in einer digitalen Public-History-Infrastruktur dient zweierlei: einer empirischen Rekonstruktion der ›Emslandlager‹ als Verwaltungs- und Gewaltraum, und einer didaktischen Übersetzung, die Studierende, Schüler:innen und die regionale Öffentlichkeit als Adressat:innen mitdenkt.

Das Projekt entstand an der Universität Osnabrück und wird seit dem Wechsel von Lale Yildirim an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 2024 als Kooperation zwischen ihr und Prof. Dr. Christoph Rass an beiden Standorten und mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen umgesetzt. Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstätte bearbeiten gemeinsam ein Vorhaben zwischen Forschung, Lehre und Vermittlung.

III. Konzeptionelle Grundlagen seit 2014

Die IAK formiert sich 2014/15 als interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Geschichte (epochenübergreifend), Historische Migrationsforschung, Archäologie, Geoarchäologie, Fernerkundung und digitale Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt werden. Sie entstand damals auf der Grundlage von mehr als zwei Jahrzehnten Kooperation des Historischen Seminars mit seiner Professur für Archäologie der römischen Provinzen mit dem Museum und Park Kalkriese am Ort der Varus-Schlacht. Aus der Forschung dort stammt ein Befund, den die IAK in ihre Arbeit übernimmt und weiterführt: die These, dass post-battle processes, also die langfristigen Überformungen eines Gewaltortes nach dem unmittelbaren Kampfgeschehen, für das Verständnis historischer Konfliktlandschaften nicht weniger relevant sind als die Ereignisrekonstruktion selbst.

Die IAK übersetzt diesen Befund in ein eigenständiges Programm. Während battlefield archaeology einen Ort als Rekonstruktion des militärischen Geschehens liest, weitet der Osnabrücker Ansatz den Begriff in zwei Richtungen aus: zeitlich, indem nicht nur der Ereignishorizont, sondern auch die diskursive, materielle und erinnerungskulturelle Transformation des Ortes über die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) hinweg untersucht wird, und thematisch, indem nicht nur ›Schlachtfelder‹ im engeren Sinne adressiert werden, sondern auch Lagerlandschaften, Vernichtungsorte der Shoah, Besatzungsräume, Grenzregime und Orte der Zwangsarbeit. Christoph Rass umreißt die Arbeit der IAK mit einem Satz: „Wir untersuchen gewaltüberformte Orte als Konfliktlandschaften mit einem integrierten Methodenspektrum, das von den Naturwissenschaften bis zu den Geistes- und Kulturwissenschaften reicht.”

Andreas Stele (Physische Geographie) erklärt den Teilnehmer:innen der Herbstschule in Aschendorfermoor (Projekt ‘Boden|Spuren’) die Funktionsweise des Georadars.

Institutionell ist die Gruppe derzeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung angesiedelt. Mit der Neubesetzung der Professur für Archäologie geht die Leitung an Prof. Dr. Marcus Zagermann über. Seit 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler:innen im Verbund mitgearbeitet oder mit der Gruppe kooperiert. Die Kerngruppe innerhalb der Universität Osnabrück umfasste in den Jahren 2014 bis 2024 beispielsweise Joachim Härtling und Andreas Stele (Physische Geographie), die jeweiligen Vertreter der Archäologie, Björn Waske, Thomas Jarmer und Marcel Storch (Fernerkundung und Digitale Bildanalyse, Informatik), Andreas Brenne (Kunstpädagogik) sowie, bis zum Wechsel an die CAU Kiel im Jahr 2024, Lale Yildirim (Geschichtsdidaktik). Eine Übersicht über Mitglieder und Kooperationen dieser Phase ist auf der Webseite der Gruppe zugänglich.

Außerhalb der Universität Osnabrück sind aus dieser Zeit zahlreiche Kooperationsstränge gewachsen, die je einen analytischen Konvergenzpunkt markieren. Die längste, andauernde Zusammenarbeit besteht mit der Geschichtswerkstatt Minsk und Aliaksandr Dalhouski: Die gemeinsame Arbeit ist auf die Untersuchung der Konfliktlandschaften aus deutscher Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus gerichtet, von Maly Trostenez über die ›verbrannten Dörfer‹ bis zur ›Bandenbekämpfung‹, die in mehreren Projekten und in Lehrkooperationen ausgreift. Mit Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) bündelt sich die Griechenland-Arbeit: Schneiders Datenbank zu deutschen Militär- und paramilitärischen Einheiten in Griechenland 1941–1944/45 ist ebenso wie das App-Projekt Pan-history und das Karya-Vorhaben ein gemeinsamer Bezugspunkt. Mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group an der TU Dortmund konvergiert die Zusammenarbeit auf der Verknüpfung von maschinellem Lernen und historischen Quellenkorpora, zuletzt in der gemeinsamen Publikation des CM1-Datasets auf der ICDAR 2025. Mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen liegt der gemeinsame Bezugspunkt zunächst in „Boden|Spuren” (2020–2022) und dann im aktuellen Emslandlager-Projekt, das die Konfliktlandschaft Emsland in den Mittelpunkt rückt. Weitere abgeschlossene Projektkooperationen schließen an: die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin im Karya-Verbund (2022–2024), der Landschaftsverband Rheinland im Hürtgenwald-Projekt (2020–2024), die Universität Göttingen, die Universität Lettlands in Riga und das Museum Friedland im Vorhaben „In Stein gemeißelt?” (2022–2023).

IV. Methodenkette, Disziplinverbund, Feldforschung

Methodisch verbindet die Konfliktlandschaftsforschung ein Set nicht-invasiver und geophysikalischer Verfahren mit Quellenarbeit, Kartographie und digitaler Public History. LiDAR-Fernerkundung, Magnetometrie, Georadar und Geoelektrik dienen der Detektion unterirdischer Strukturen; UAV-Photogrammetrie und 3D-Scanning erfassen Oberflächenbefunde in hoher Auflösung; 360°-Aufnahmen dokumentieren den heutigen Zustand der Orte und machen ihn in virtuellen Rundgängen erfahrbar. Die so erzeugte Evidenz tritt in einen analytischen Dialog mit Archivquellen, Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Satellitenbildern aus der Nachkriegszeit, Zeitzeugenberichten und kartographischer Überlieferung. Erst wenn diese Multimodalität robust ist, kommen invasive Verfahren (Bohrungen, Sondagen, Grabungen) überhaupt in Betracht. Die methodische Reihenfolge ist nicht bloß forschungsökonomisch begründet. Sie nimmt eine ethische Position gegenüber Orten ein, an denen Menschen verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Aus dieser Praxis hat die IAK eine Typologie entwickelt, die neuzeitliche Konfliktlandschaften in drei Klassen einteilt: Typ 1 weist bauliche Überreste auf, Typ 2 ist durch deutliche Oberflächenbefunde gekennzeichnet, Typ 3 besitzt weder offenkundige bauliche Überreste noch Oberflächenspuren. Diese Klassifikation ist nicht nur eine akademische Sortierordnung. Sie hat Folgen: Sie strukturiert die Wahl der Verfahren, sie bestimmt, was als Befund überhaupt entstehen kann, und sie macht sichtbar, dass viele Gewaltorte des 20. Jahrhunderts heute zur dritten Klasse gehören, also Orte ohne Marker sind, an denen die Forschung erst die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass sie als Erinnerungsorte überhaupt diskutiert werden können.

Die fünf seit Gründung der Gruppe beteiligten Disziplinen (Physische Geographie, Archäologie, Informatik, Geschichtswissenschaft, Künstlerische Gestaltung) verstehen sich dabei weder als additive noch als konkurrierende Sichten, sondern als sich wechselseitig bereichernde Zugänge in ständigem Austausch. Das ist eine Form von Interdisziplinarität, die über eine bloße Nebeneinander-Stellung disziplinärer Befunde hinausgeht. Sie verlangt eine gemeinsame Arbeit am Gegenstand und produziert eine Evidenzform, die in keinem der beteiligten Fächer allein entstünde.

V. Projekte, Tagungen, Publikationen

Frühphase 2015–2017: Verortung des Ansatzes

Die epochenübergreifende Ausrichtung der Gruppe dokumentieren zwei interepochale Exkursionen, die ihr Profil sichtbar machen. Im Jahr 2015 führt eine gemeinsame Exkursion Christoph Rass und Christiane Kunst (Alte Geschichte) in die Troas im Nordwesten der heutigen Türkei und liest die Region unter dem Titel „Die Troas zwischen Antike und Erstem Weltkrieg” als gestaffelte Konfliktlandschaft, in der sich die Schlacht am Granikos (334 v. Chr.), die troianischen Mythen und die Kämpfe um die Dardanellen 1915 überlagern. Aus dieser Exkursion geht 2018 Christiane Kunsts Sammelband Alexander der Große am Granikos hervor; ein zugehöriger Aufsatz von Kunst und Anna Katharina Romund eröffnet 2022 unter dem Titel „Granikos. Die Schlacht im Kopf” auch Band 1 der Reihe Konfliktlandschaften. Zwei Jahre später, 2017, folgt eine zweite interepochale Exkursion von Christoph Rass, Christiane Kunst und Thomas Vogtherr (Mittelalter) nach Malta, in eine Insellandschaft, deren konfliktgenetische Schichten von der Antike über die Belagerung von 1565 bis zu den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs reichen. Beide Exkursionen unterlegen den Anspruch, Konfliktlandschaften nicht epochenspezifisch zu denken, mit konkreter Feldforschung, die sich wiederum mit der universitären Lehre verschränkt.

Bereits im Juni 2016 zeigt die IAK in der Kunsthalle Osnabrück gemeinsam mit der Forschenden Kunst erste Ergebnisse ihrer multiperspektivischen Betrachtung unter dem Titel „Konfliktlandschaften erkunden: Eine Spurensuche zwischen Grund und Gründen”, bezeichnenderweise als Workshop mit Ausstellung, also in einem Format, das die künstlerische Auseinandersetzung gleichrangig neben die wissenschaftliche stellt. Im November 2016 folgt ein zweiter Workshop in Kalkriese, der die Kooperation mit dem Museum vertieft.

Konsolidierungsphase 2018–2019

Eine erste Konsolidierungsphase erreicht die Gruppe 2018/19. Im Oktober 2018 richtet sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Museum Kalkriese die Jahrestagung „Konfliktlandschaften. Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog” aus.

Im Oktober 2019 folgt mit dem Landschaftsverband Rheinland in Köln die internationale Fachtagung „Konfliktlandschaft Hürtgenwald”, im November 2019 in Osnabrück ein Methodenworkshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der den Einsatz konfliktarchäologischer Verfahren für die Dokumentation von Massengräbern der Shoah ausleuchtet. Parallel laufen ab 2017 das EVZ-geförderte Projekt zu transnationalen Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit und Migration, ab 2018 die Prospektion Schärpenburg in Heede, ab 2019 die Kooperation in einer Datenbank zur deutschen Besatzung Griechenlands 1941–1944/45.

Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im Hürtgenwald (Mirjam Adam).
Hochphase 2020–2024: Drei parallele Forschungsfelder

Die Jahre 2020 bis 2024 bilden eine besonders dichte Phase. Drei zentrale Stränge laufen parallel: erstens der Hürtgenwald, zweitens die ›Emslandlager‹, drittens die osteuropäischen Vernichtungsorte.

Hürtgenwald. Im Hürtgenwald führt die IAK von 2020 bis 2024 das vom LVR geförderte Projekt „Lernort ›Schlachtfeld‹? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald” durch. Eine Kampagne im August 2020 dokumentiert anthropogene Eingriffe entlang des Kall-Trails und macht Raubgrabungen sowie Re-enactor-Aktivitäten sichtbar; weitere Feldforschungen im März 2023 ergänzen die Aufnahme; im November 2023 schließt die Abschlusstagung „Lernort Schlachtfeld? Der Hürtgenwald im Blick interdisziplinärer Forschung und kritischer Vermittlung” die Arbeit ab. Das Vorhaben verbindet Feldforschung und Vermittlung mit der Analyse einer problematischen lokalen Geschichtskultur, in der Militaria-Literatur und Re-enactment revisionistische Narrative reproduzieren. Eine Reihe digitaler Ausstellungen zu zentralen Orten dieser Konfliktlandschaft ist öffentlich zugänglich:

→ https://konfliktlandschaften.nghm-uos.de

Die Hürtgenwald-Forschung der IAK ist auch in den dokumentarischen Diskurs hineingewachsen. 2019 kooperierte die Arbeitsgruppe mit National Geographic an der Reihe „Buried Secrets of WWII”; in der Folge „America’s Bloodiest Battle” (Staffel 1 Folge 4, 24. September 2019) untersuchen Pete Kelsey und Martin K.A. Morgan den Hürtgenwald mit Mitteln digitaler 3D-Modellierung. In eine weitere Episode der Reihe zur ›Vergeltungswaffe‹ V2 gingen magnetometrische Befunde der IAK an Einschlagstellen in Südengland und ein LiDAR-Geländemodell des Standortes des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora ein. Im Februar 2020 sendete der WDR Carsten Günthers Dokumentation „Die Schlacht im Hürtgenwald” aus, in der Christoph Rass Befunde der IAK als historischer Kommentator einordnet.

Emsland. Im emsländischen Kontext kooperiert die IAK ab 2020 im BKM-geförderten Programm „Jugend erinnert” mit der Gedenkstätte Esterwegen im Projekt „Boden|Spuren”, parallel mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten „Boden erinnert”. Im August 2020 detektiert ein Team unter Einsatz von Drohnen-LiDAR die Lage von Grabstellen auf der Kriegsgräberstätte Dalum, wo zwischen 8.000 und 16.000 Opfer der NS-Gewaltherrschaft beigesetzt sind: die Größenordnung allein zeigt, in welchen Dimensionen von Gewalt diese Projekte oft arbeiten. Im Dezember 2022 gehen erste Projektergebnisse online; im November 2022 schließt die dritte Herbstschule in Esterwegen das Projekt didaktisch ab.

Osteuropa und Südosteuropa. In Osteuropa und im südosteuropäischen Raum entstehen zwischen 2021 und 2024 vier zusammenhängende Projekte. Das Auswärtige Amt fördert von 2021 bis 2023 die „Geoarchäologische Detektion und Dokumentation von Vernichtungsorten der Shoah in der Ukraine”. 2021/22 entsteht in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Minsk und unter EVZ-Förderung im Programm „Jugend erinnert” die digitale Erschließung des Vernichtungsortes Maly Trostenez, 2022 der „Virtuelle Lernort Malyj Trostenez/Maly Trascjanec”. Von 2022 bis 2024 läuft, ebenfalls mit der EVZ und mit Minsk, das Projekt „Гвалт і памяць — Mapping the Co-Presence of Violence and Memory in Belarus”, das die Geschichte der ›verbrannten Dörfer‹ und der nationalsozialistischen ›Bandenbekämpfung‹ im Zentrum hat und in mehreren Publikationen, zuletzt im Sammelband Verbrannte Dörfer (Berlin 2024) und in Ost-West 26/4 (2025), seinen Niederschlag findet.

Teilnehmer:innen der Herbstschule in Dalum im Projekt “Boden|Spuren”.

Karya. Im griechischen Karya wird zwischen 2022 und 2024 ein öffentlichkeitswirksames Projekt der jüngeren Geschichte der Gruppe umgesetzt. Im Frühjahr 1943 hatten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland verschleppt, um sie unter tödlichen Bedingungen einen mehr als 20 Meter tiefen Hangeinschnitt graben zu lassen. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 führte ein Team der IAK unter Leitung von Christoph Rass am Ort eine geoarchäologische Prospektion durch.

Die Ergebnisse fließen in die dreisprachige Wanderausstellung „Karya 1943 — Zwangsarbeit und Holocaust” sowie in den 2026 erschienenen gleichnamigen Katalog ein, herausgegeben vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Stiftung Denkmal und der Universität Osnabrück. Die Ausstellungswebsite macht die Ergebnisse zugänglich:

→ https://karya1943.eu

Im IAK Working Paper 3 sind Methodik und Befunde der Prospektion dokumentiert, im IAK Working Paper 4 der zugehörige Erfahrungsbericht. Parallel produzierte die IAK in Zusammenarbeit mit dem VirtUOS einen halbstündigen Dokumentarfilm über die Arbeiten in Karya.

→ Dokumentarfilm zur Prospektion.

Methodisch-programmatische Projekte und Tiny Desk

Parallel laufen zwischen 2023 und 2024 zwei kleinere, methodisch programmatische Projekte. „Pan-history”, gemeinsam mit Norbert de Lange (Umweltinformatik, Universität Osnabrück) und Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) und gefördert durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programmbereich Europäische und internationale Zusammenarbeit, entwickelt eine App für ein crowdsourcing-basiertes Langzeitmonitoring von Konfliktlandschaften und erprobt sie 2023 im Field-Test an Gewaltorten in Griechenland. Daneben läuft „In Stein gemeißelt? Digital erfahrbare Erinnerungsdiskurse im Stadtraum von Niedersachsen und Osteuropa” im Programm Zukunftsdiskurse, gemeinsam mit der Universität Göttingen, der Geschichtswerkstatt Minsk, der Universität Lettlands in Riga und dem Museum Friedland. 2023 kommt das Projekt „Von der ›Grünen Hölle‹ zum ›Grünen Band‹. Gedenkort ›Juliushütte‹” der Stiftung Naturschutz Thüringen hinzu, das unter Leitung von Dr. Frank Wolff einen Außenposten des KZ Mittelbau-Dora an der einstigen innerdeutschen Grenze adressiert. Im März 2023 findet zudem das gemeinsam mit Kalkriese veranstaltete Tiny Desk Kolloquium „Conflict Landscapes: Archäologie, Landschaftskonzeptionen, Narrative und Public History” statt.

Publikationen

Begleitet wird diese empirische Arbeit von einer wachsenden Zahl von Publikationen. Im Juli 2022 erscheinen die ersten beiden Bände der Reihe Konfliktlandschaften bei V&R/Brill, herausgegeben für die Arbeitsgruppe von Christiane Kunst, Christoph Rass, Thomas Vogtherr und Lale Yildirim. Band 1 versammelt 16 Beiträge zu Gewaltorten von der Antike bis in die Gegenwart, vier davon mit ersten Befunden zum Hürtgenwald-Projekt; Band 2 ist Frank Möllers Analyse revisionistischer Militaria-Literatur über die ›Schlacht im Hürtgenwald‹. Die Bände 3 und 4 sind in Vorbereitung. Aufsätze in Antiquity (zum Vossenack Ridge 2021 und zum Kall-Trail 2022), im Journal of Conflict Archaeology (zu post-battle processes 2011), in Zeithistorische Forschungen (zu GIS-Anwendungen 2022) sowie eine eigene Working-Paper- und Short-Report-Reihe (IAK WP 1–4, IAK SR 1–4) dokumentieren die einzelnen Stränge.

→ Publikationen

VI. Die Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung im Forschungsfeld

Aus mehr als zehn Jahren Arbeit ist insgesamt ein Zugriff hervorgegangen, der nicht in einem einzelnen Ort und nicht in einer einzelnen Epoche aufgeht. Die Arbeit der Gruppe legt nahe, dass „Konfliktlandschaft” als analytischer Begriff dann tragfähig wird, wenn er drei Eigenschaften verbindet: ereignisübergreifende Temporalität, also die systematische Mitanalyse der Transformationen nach dem unmittelbaren Gewaltgeschehen; methodische Mehrebenheit, also die Verschränkung geophysikalischer, geoarchäologischer, kartographischer, historiographischer, kulturwissenschaftlicher sowie didaktischer Verfahren; und reflexive Auseinandersetzung mit der Produktion von Erinnerungsorten durch wissenschaftliche, museale und politische Praktiken. Die in Osnabrück entwickelte Klassifikation der drei Konfliktlandschaftstypen ist gerade an Orten ohne sichtbare Spuren von forschungspraktischer Bedeutung: Sie führt zu einem anderen Blick auf die Produktion von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sensibilisiert für die Bedingungen der Produktion von Erinnerbarkeit.

Die Geschichte der IAK ist zugleich eine Geschichte ihrer Kooperationen. Ohne die langjährige Bindung an Kalkriese wäre der Methodentransfer von der Provinzialarchäologie in die Zeitgeschichte nicht in dieser Tiefe möglich gewesen; ohne die andauernde Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk, ohne die Verbünde mit der Gedenkstätte Esterwegen, der Stiftung Denkmal und dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, dem LVR und ohne die Bindungen an Valentin Schneider in Athen und Gernot A. Fink in Dortmund wären die größeren Projekte nicht durchzuführen gewesen. Die IAK ist insofern weniger ein abgeschlossener Forschungsverbund als eine Plattform: ein Knoten in einem Netz, das in unterschiedlichen Konstellationen mal aktiv, mal ruhend, mal neu geknüpft wird.

Genau hier liegt die Frage, die sich aus dem aktuellen Emslandlager-Projekt ergibt. Die Arbeit von Imke Selle und ihrem Team an den fünfzehn Lagerstandorten ist nicht nur die digitale Dokumentation eines historischen Lagersystems. Sie ist auch ein Test , ob die in der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung entwickelten Verfahren in einer Konstellation tragen, in der Forschung, Geschichtsdidaktik und Public History strukturell ineinandergreifen müssen, also über zwei Hochschulstandorte und eine Gedenkstätte hinweg, in der Lehrer:innenbildung wie in der Citizen Science, im Archiv wie im Feld. Was 2014 als interdisziplinäre Werkstatt begann, steht 2026 vor der Aufgabe, Studierende, Promovierende und Lehrende so in die laufende Arbeit einzubinden, dass sich die Methode als interdisziplinärer und epochenübergreifender Ansatz etabliert. Ob das gelingt, hängt nicht allein vom analytischen Anspruch ab, sondern davon, dass die institutionellen Bedingungen für diese Art von Forschung und Lehre weiter bestehen.


Aktivitäten, Exkursionen und Projekte der IAK werden laufend auf NGHM@hypotheses dokumentiert; eine Übersicht über Mitglieder, Tagungen, Working Papers und die Buchreihe findet sich auf den Seiten der NGHM-Professur.


Osnabrücker Mitteilungen Bd. 130 erschienen | Team NGHM erneut vertreten

Im Dezember berichtete der Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück auf seinem Blog über das Erscheinen des neuesten Bandes der Osnabrücker Mitteilungen. In der diesjährigen Ausgabe ist die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zweifach vertreten. Die beiden Beiträge widmen sich zentralen Fragen sozialer Ausgrenzung, Herrschaft und Gegenhandeln im 20. Jahrhundert und sind zugleich eng mit aktuellen methodischen Debatten der Zeitgeschichtsforschung verbunden.

Simon Hellbaum (ehemals Team NGHM) untersucht in seinem Beitrag die Osnabrücker Obdachlosenunterkunft ‘Papenhütte’ als einen Ort sozialer Marginalisierung und kommunaler Ordnungspolitik im 20. Jahrhundert. Auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Recherchen zeigt er, wie Wohnungslosigkeit in Verwaltung, Öffentlichkeit und Stadtplanung verhandelt wurde und wie sich dabei Kategorien wie ‘Asozialität’ und ‘Würdigkeit’ von Fürsorge verfestigten. Die räumliche Konzentration von Obdachlosen an den Rändern des Stadtgebiets erscheint dabei als bewusste Strategie sozialer Ausgrenzung. Für die Zeit des Nationalsozialismus arbeitet Hellbaum heraus, wie bestehende Praktiken der Stigmatisierung radikalisiert und in das System rassistischer Verfolgung integriert wurden. Der Aufsatz macht deutlich, wie stark sich langfristige Kontinuitäten kommunaler Sozialpolitik über politische Zäsuren hinweg nachvollziehen lassen. Eine ausführliche Betrachtung der ‘Papenhütte’ in ihrer Gesamtgeschichte findet sich auf der NGHM-Online-Ausstellung.

Valentin Loos widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was unter ‘Widerstand’ gegen den Nationalsozialismus im lokalen Kontext eigentlich verstanden werden kann. Ausgehend von den kontroversen Debatten um enge und weite Widerstandsbegriffe analysiert er anhand der Osnabrücker Gestapo-Kartei, wie widerständiges Handeln quellenabhängig konstruiert wird. Der Aufsatz zeigt, dass unterschiedliche Widerstandsdefinitionen zu deutlich divergierenden Befunden führen – sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der sozialen Zusammensetzung der als widerständig identifizierten Akteur:innen. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Reflexion mit einer datenbasierten Auswertung eines zentralen Überlieferungskomplexes nationalsozialistischer Herrschaftspraxis. Loos plädiert damit für einen selbstreflexiven Umgang mit Widerstandsbegriffen und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von NS-Herrschaft und Verfolgung auf lokaler Ebene.

Am 15. Januar 2026 findet um 19 Uhr die offizielle Vorstellung des Bandes im Museumsquartier Osnabrück statt. Die Veranstaltung wird von Kurzvorträgen ausgewählter Autor:innen gerahmt und mit einem Empfang beschlossen. Valentin Loos gehört zu den Redner:innen und wird Schlaglichter seines Aufsatzes in einem fünfzehnminütigen Beitrag referieren.

NGHM fragt | Wo sind eigentlich Gedenkorte für Displaced Persons in Deutschland zu finden?

Warum diese Frage?

Archives Nationales, AJ43/1133

Nach der Befreiung im Mai 1945 befanden sich zwischen 6,5 und 11 Millionen „Displaced Persons” (DPs) auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Unter diese Kategorie fielen ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene sowie andere durch den Krieg und die NS-Verfolgung entwurzelte Personen. Jüdische Überlebende des Holocausts bildeten mit schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Personen eine vergleichsweise kleine, aber bedeutsame Gruppe.

Die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück befasst sich in mehreren Projekten mit der Geschichte der gewaltinduzierten Mobilität sogenannter „Displaced Persons”, ihrer Kategorisierung als „DPs” und der Folgeprozesse dieser Gewaltmigration bis weit in die Nachkriegszeit hinein.

Die Un-/Sichtbarkeit von Lagern in Osnabrück

Die Lagergeschichte Osnabrücks verdeutlicht ebenso die Kontinuitäten und Brüche zwischen der NS-Zeit und der Nachkriegszeit wie die Selektivität der Erinnerung und der Erinnerungsorte. Allein für Osnabrück erfasste Fisser-Blömer bereits 1982 über 50 Wohn- und Haftstätten für Zwangsarbeiter_innen und Kriegsgefangene unter nationalsozialistischer Herrschaft. Gander und Issmer erweiterten diese Aufstellung 2015 auf 169 einzelne Lager, einschließlich Haftstätten für Kriegsgefangene, das Arbeitserziehungslager „Augustaschacht” sowie zahlreiche Gemeinschaftslager der kleinen und großen Industriebetriebe in Osnabrück. Nach der Befreiung Anfang April 1945 wuchs die Anzahl der Überlebenden des NS-Terrors, die bald als „DPs” kategorisiert werden würden, in Lagern, die nun von der UNRRA übernommen beziehungsweise eingerichtet wurden, von etwa 4.500 auf über 20.000 Menschen um die Jahresmitte 1945. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich in Osnabrück eine weit verzweigte Lagerstruktur, teils in den vormaligen Kasernenanlagen wie der Winkelhausenkaserne sowie in den vormaligen Gefangenenlagern des NS-Staates wie dem Offiziers-Gefangenenlager der Wehrmacht (OffLag VIc) in der Eversheide oder dem ehemaligen Lager für Zwangsarbeitende „Fernblick”, das nun unter demselben Namen am Hauswöhrmannsweg/Berningshöhe in Osnabrück für DPs weiter betrieben wurde.

Eigene Darstellung, aus: Hennies, Lukas; Huhn, Sebastian; Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. ‘Displaced Persons’ in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen (123) 2018, S. 183-232.

Neben den genannten Untersuchungen mit Blick auf die Zwangsarbeiter_innen und Kriegsgefangenen blieb die Frage, was mit diesen Menschen nach der Befreiung geschah, lange kaum erforscht. In den vergangenen Jahren wurden einzelne Orte durch die Arbeit von zwei zivilgesellschaftlichen Initiativen sichtbar gemacht, so etwa das ehemalige OffLag VIc, das als Kriegsgefangenenlager der Internierung jugoslawischer Offiziere gedient hatte, oder die Etablierung einer Gedenktafel für das Lager „Fernblick”, in dem vor 1945 Zwangsarbeitende und nach 1945, teils dieselben Personen, als „DPs” untergebracht waren.

Weiten wir den Blick auf das weitere Umland Osnabrücks, ist das Dokumentationszentrum Haren/Mazków hervorzuheben, das seit 2020 die einzigartige Geschichte einer polnischen Exklave im Emsland zwischen 1945 und 1948 beleuchtet. Insgesamt bleiben die meisten Schauplätze dieser Episode der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der Millionen von Überlebenden in Deutschland ausharren, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren, in Drittstaaten weiterwandern oder sich dauerhaft als „heimatlose Ausländer” in Deutschland niederlassen können, eher unbeachtet und unsichtbar.

Ein lange Zeit „verschwundener” Ort aus diesem historischen Kontext in Norddeutschland steht im Zentrum eines aktuellen Forschungsprojekts der Arbeitsgruppe: Das größte „Altersheim” für DPs in ganz Europa befand sich im niedersächsischen Varel.

Das Heim wurde 1950 von der Control Commission for Germany (British Element) gegründet, kurz darauf in deutsche Verantwortung übergeben und bestand bis 1960. Insgesamt lebten in den 1950er-Jahren mehr als 1.500 ältere osteuropäische DPs in dieser größten Einrichtung ihrer Art, Menschen, die von den Nationalsozialisten aus ihren Lebenskontexten gerissen worden oder vor der Roten Armee geflohen waren. Das vorher von der Wehrmacht, nachher von der Bundeswehr genutzte Kasernengelände wurde 2017 abgerissen. An das DP-„Altersheim” erinnert vor Ort heute nichts mehr. Einen ersten Erinnerungsort schuf 2023 eine lokale Initiative, die die verbliebenen 63 Grabsteine in Varel verstorbener DPs restaurieren ließ und auf dem lokalen Friedhof wiederherrichtete. Die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und historische Migrationsforschung forscht nun in einem vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Projekt zur Geschichte des Heims und zu Varel als Mikrokosmos einer Migrationsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit Studierenden der Universität Osnabrück und Schülerinnen und Schülern des Vareler Lothar-Meyer-Gymnasiums entsteht eine virtuelle Ausstellung, die zum Gedenken an die Geschichte der „Displaced Persons” in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beitragen soll.

Die Gedenklandschaft zu diesem Thema ist in Deutschland nach wie vor fragmentarisch. Viele ehemalige DP-Lager sind heute kaum noch erkennbar oder durch spätere Bebauung verschwunden. Einige Beispiele verdeutlichen sowohl die Vielfalt der Erinnerungsorte als auch die bestehenden Lücken.

Gibt es weitere bedeutende Erinnerungsorte der DP-Geschichte? Natürlich, hier einige Beispiele.

Erinnerungsort Badehaus, Waldram (ehemals Föhrenwald)

Ort: Kolpingplatz, 82515 Wolfratshausen-Waldram, Bayern
Art der Einrichtung: Museum, Gedenkstätte und Bildungsort

Historischer Kontext:
Föhrenwald war das am längsten bestehende jüdische DP-Lager in Europa (Oktober 1945 bis Februar 1957). Ursprünglich 1939/40 als NS-Mustersiedlung für Rüstungsarbeiter errichtet, diente es nach Kriegsende zeitweise bis zu 6.000 jüdischen Holocaust-Überlebenden als Zuflucht. Die Bewohner entwickelten eine autonome Verwaltung mit Schulen, Synagogen, Mikwaot, Theater, Sportvereinen und jiddischsprachigen Zeitungen. Föhrenwald wurde zum ostjüdischen Schtetl im Land der Täter.

Gedenkarbeit:
Der 2012 gegründete Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald e.V.” rettete das historische Badehaus vor dem Abriss und eröffnete 2018 ein mehrfach ausgezeichnetes Museum (u.a. Obermayer-Award 2022). Die multimediale Dauerausstellung auf über 900 qm dokumentiert die drei Zeitschichten: NS-Rüstungssiedlung, jüdisches DP-Lager und Heimatvertriebenensiedlung. Das Museum basiert auf über 90 Zeitzeugeninterviews und umfangreicher Quellenarbeit. Der Erinnerungsort wird ehrenamtlich betrieben.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Föhrenwald ist in der Forschung gut dokumentiert (Königseder/Wetzel, Brenner, Krafft). Der Erinnerungsort bietet einen der wenigen Orte in Deutschland, wo die DP-Geschichte umfassend und didaktisch aufbereitet zugänglich ist.

Website: https://erinnerungsort-badehaus.de

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Ort: Anne-Frank-Platz, 29303 Lohheide, Niedersachsen
Art der Einrichtung: Gedenkstätte mit Dokumentationszentrum

Historischer Kontext:
Im Juli 1945 wurden in der ehemaligen Wehrmachtskaserne unweit des befreiten KZ Bergen-Belsen zwei DP-Camps eingerichtet: eines für polnische DPs (bis zu 10.000 Personen, aufgelöst 1946) und eines für jüdische Überlebende (bis zu 12.000 Personen, bestehend bis 1950). Bergen-Belsen war das größte jüdische DP-Camp in Deutschland und Zentrum jüdischen Lebens in der britischen Zone. Unter Vorsitz von Josef Rosensaft entstand hier das „Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone”. Die DPs entwickelten politische, kulturelle und religiöse Strukturen und kämpften für die Auswanderung nach Palästina.

Gedenkarbeit:
Die 1952 eingeweihte Gedenkstätte wurde 2007 durch ein neues Dokumentationszentrum erweitert. Die Dauerausstellung behandelt multiperspektivisch die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers, des KZ und des DP-Camps. Videointerviews mit Überlebenden bilden einen Schwerpunkt. Auf dem Kasernengelände befinden sich zwei historische Friedhöfe für DP-Verstorbene.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Bergen-Belsen ist in der internationalen Forschung gut erschlossen. Die Gedenkstätte gehört zur Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und bietet umfangreiche Bildungsangebote.

Website: https://www.bergen-belsen.de

Gedenkorte in Berlin (Ron Golz-Projekt)

Ort: Verschiedene Standorte in Berlin (Skutaristraße/Mariendorf, Kurstraße/Zehlendorf)
Art der Einrichtung: Informationstafeln im öffentlichen Raum

Historischer Kontext:
In Berlin existierten zahlreiche DP-Lager, darunter Camps in Mariendorf und im Bereich Schlachtensee/Zehlendorf, die von 1946 bis 1948 jüdische „Displaced Persons” beherbergten.

Gedenkarbeit:
Der Künstler Ron Golz hat seit 1998 in Kooperation mit der Wall AG Gedenkorte im öffentlichen Raum geschaffen. An Bus-Wartehallen wurden Informationstafeln installiert, die an die DP-Lager erinnern. Im September 2010 wurden zwei weitere Standorte in Mariendorf und Zehlendorf eingeweiht.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Diese Form der Erinnerung im öffentlichen Raum ist niedrigschwellig, aber die historische Aufbereitung ist begrenzt. Eine systematische wissenschaftliche Dokumentation der Berliner DP-Lager steht noch aus.

Website: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Online-Lernen/content/9174

DP-Lager Stuttgart (Reinsburgstraße)

Ort: Obere Reinsburgstraße (Hausnummern 189-224), Stuttgart-West
Art der Einrichtung: Historischer Ort ohne Gedenkstätte (Gebäude erhalten)

Historischer Kontext:
Von Herbst 1945 bis Juni 1949 befand sich in der oberen Reinsburgstraße eines der größten DP-Lager in der amerikanischen Zone für jüdische Überlebende, vor allem aus Radom. 39 mehrstöckige Wohnhäuser wurden beschlagnahmt. Das Lager verfügte über Schulen, Mikwe und koschere Küchen. Im März 1946 erschoss ein deutscher Polizist bei einer Razzia den Auschwitz-Überlebenden Samuel Danziger – ein international beachteter Skandal, der nie aufgeklärt wurde.

Gedenkarbeit:
Die Gebäude sind vollständig erhalten, doch es existiert keine Gedenkstätte oder Markierung vor Ort. Stadtführungen und Initiativen (Buch & Plakat, Die AnStifter) bieten gelegentlich historische Rundgänge an. Die fehlende Erinnerungskultur an diesem bedeutenden Ort ist problematisch.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Die Quellenlage ist gut (Yad Vashem, Stadtarchiv Stuttgart), aber eine systematische Aufarbeitung und öffentliche Sichtbarmachung fehlt weitgehend.

Website: https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/displaced-persons-im-deutschen-suedwesten

DP-Lager Frankfurt-Zeilsheim

Ort: Frankfurt am Main-Zeilsheim
Art der Einrichtung: Historischer Ort (heute Wohnsiedlung, keine Gedenkstätte)

Historischer Kontext:
Die amerikanische Militärregierung beschlagnahmte 1945 eine Werkssiedlung der I.G. Farben mit über 200 Häusern. Zeilsheim entwickelte sich zu einem wichtigen DP-Camp mit umfassender Infrastruktur: Synagoge, Jeschiwa, Schulen, Kindergarten, Theater, Sportvereine, Zeitung „Untervegs”. Es existierte eine eigene Fußball-Liga. Der renommierte Historiker Arno Lustiger sammelte hier erste journalistische Erfahrungen.

Gedenkarbeit:
Keine institutionalisierte Gedenkstätte. Das Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hat dokumentarische Arbeit geleistet.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Gut dokumentiert durch amerikanische und israelische Archivbestände. Die Geschichte wurde vom Nürnberger Institut wissenschaftlich aufgearbeitet.

Website: https://www.nurinst.org/das-displaced-persons-lager-zeilsheim/

Forschungsdesiderate

Die fragmentierte Erinnerungslandschaft wirft zentrale Fragen auf:

Fragmentierte Erinnerungslandschaft: Im Gegensatz zur umfassenden KZ-Gedenkstättenlandschaft fehlt eine systematische Aufarbeitung der DP-Geschichte im öffentlichen Raum.

Fehlende Markierungen: Die meisten ehemaligen DP-Lager sind heute unsichtbar. Gebäude wurden abgerissen oder umgenutzt, ohne dass Hinweise auf ihre Geschichte angebracht wurden.

Mehrfachbelegung: Viele Orte haben mehrere Bedeutungsschichten (NS-Lager, KZ, DP-Camp), wobei die DP-Phase häufig in den Hintergrund tritt.

Regionale Disparitäten: Bayern und Hessen verfügen über bessere Dokumentation als andere Bundesländer.

Begrenzte wissenschaftliche Aufarbeitung: Wolfgang Jacobmeyers Standardwerk (1985) hatte bereits das Forschungsdefizit festgestellt. Trotz neuerer Arbeiten (Königseder/Wetzel, Brenner, Hagen et al. 2022) bleibt die DP-Geschichte in vielen Feldern noch unzureichen bearbeitet .

Weiterlesen

Königseder, Angelika/Wetzel, Juliane: Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt a.M. 2004

Hagen, Nikolaus et al. (Hrsg.): Displaced Persons-Forschung in Deutschland und Österreich. Eine Bestandsaufnahme zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Berlin 2022

Arolsen Archives: Alphabetisches Verzeichnis der DP-Lager in der US Besatzungszone: https://digital-library.arolsen-archives.org/content/thumbview/7261971

Arolsen Archives: Register der DP Lager (mit Suchfunktion zum Download): https://arolsen-archives.org/aroa/documents/dp-camp_inventory_2023-10-26.xlsx

Eine Antwort?

Die Gedenklandschaft für „Displaced Persons” in Deutschland ist lückenhaft und steht in keinem Verhältnis zur historischen Bedeutung dieses Kapitels der Nachkriegsgeschichte. Während Föhrenwald/Waldram und Bergen-Belsen bereits nachhaltig Gedenkarbeit leisten, bleiben die meisten ehemaligen DP-Lager im öffentlichen Raum unsichtbar. Eine systematische Erfassung, Markierung und wissenschaftliche Aufarbeitung einer wachsenden Zahl von DP-Lager-Standorten bildet ein dringendes Desiderat der Erinnerungskultur in Deutschland.


Research Revisited: Digitale Ausstellungen zur Konfliktlandschaft Hürtgenwald

In der Rubrik Research Revisited stellt das NGHM-Team in lockerer Folge abgeschlossene Forschungsprojekte und ihre Ergebnisse vor. Den Anfang macht eine Rückschau auf digitale Ausstellungen, die wir in den vergangenen Jahren in unseren Projekten an der Schnittstelle zwischen Fachwissenschaft und Public History erarbeitet haben.


Die Projektergebnisse dokumentiert auch Band 1 der Reihe “Konfliktlandschaften” (2022).

Zwischen September 1944 und Februar 1945 wurde die Nordeifel zum Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Wehrmacht und U.S. Army. Die sogenannte “Schlacht im Hürtgenwald” kostete Tausende Soldaten das Leben und hinterließ Spuren, die bis heute in der Landschaft und in der regionalen Erinnerungskultur sichtbar sind. Diese Spuren, ihre Transformationen und die oft problematischen Deutungsmuster, die sich um sie ranken, standen im Mittelpunkt des von Prof. Dr. Christoph Rass geleiteten Forschungsprojekts “Lernort ‘Schlachtfeld’? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft im Hürtgenwald”, das von 2020 bis 2024 vom Landschaftsverband Rheinland gefördert wurde.

Aus diesem Projekt sind unter anderem digitale Ausstellungen hervorgegangen, von denen wir in diesem Beitrag drei noch einmal vorstellen möchten. Als Projektergebnis dokumentieren sie nicht nur historische Ereignisse, sondern zeigen auch, wie Orte der Gewalt zu Erinnerungslandschaften werden und welche Deutungskämpfe dabei ausgetragen werden.

Omeka als Werkzeug der Digital Public History

Die Ausstellungen wurden mit Omeka realisiert, einer Open-Source-Plattform für digitale Sammlungen und Ausstellungen. Omeka wurde vom Roy Rosenzweig Center for History and New Media der George Mason University in Washington D.C. entwickelt und hat sich in den letzten Jahren als wichtiges Werkzeug für Museen, Archive und historische Forschungsprojekte etabliert.

An der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück nutzen wir Omeka seit 2020 in Forschung und Lehre. Die Software ermöglicht es, digitale Objekte nach standardisierten Metadaten zu beschreiben, in Sammlungen zu organisieren und daraus narrative Ausstellungen zu entwickeln. Für die Arbeit mit Studierenden ist das besonders wertvoll, weil sie dabei nicht nur Quellenarbeit leisten, sondern auch lernen, historisches Wissen für eine breitere Öffentlichkeit aufzubereiten.

Drei Ausstellungen, drei Perspektiven

Mit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) der Universität Osnabrück hat Prof. Dr. Christoph Rass über vier Jahre hinweg unter Anwendung von Methoden der Geoarchäologie, der Fernerkundung sowie geschichtswissenschaftlicher Zugänge die Konfliktlandschaft Hürtgenwald erforscht. Die drei hier gezeigten Ausstellungen fokussieren sich auf Orte, die für die Erinnerungskultur in der Region zentral, aber auch problematisch sind.

Kriegsgräberstätte Hürtgen

Die erste Ausstellung widmet sich der Kriegsgräberstätte Hürtgen, die 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss eröffnet wurde. Heute ruhen dort 3.001 Tote, darunter 2.925 deutsche Soldaten. Die Ausstellung zeigt, dass über 20 Prozent der Bestatteten unbekannt geblieben sind und dass die meisten der hier beigesetzten Soldaten sehr jung waren, viele erst 18 Jahre alt. Besonders kurios war auch der sogenannte Gräberstreit zwischen den Gemeinden Hürtgen und Vossenack über die Anlage der Kriegsgräberstätten. Die Ausstellung macht deutlich, wie komplex und konfliktreich die Entstehung solcher Erinnerungsorte in der Nachkriegszeit verlief.

Kriegsgräberstätte Vossenack

Die zweite Kriegsgräberstätte in der Region wurde 1952 auf der strategisch bedeutsamen “Höhe 470” angelegt, nachdem man zunächst mit Bestattungen neben dem Gemeindefriedhof begonnen hatte. Heute ruhen hier 2.367 Wehrmachtsoldaten. Die Ausstellung dokumentiert nicht nur die Geschichte der Anlage, sondern auch die kontinuierlichen Umbettungen von Kriegstoten dorthin, die noch Jahrzehnte nach Kriegsende stattfanden. 1986 wurden beispielsweise noch 90 Kriegstote aus Lich-Steinstraß nach Vossenack überführt, weil ihr ursprünglicher Begräbnisort dem Braunkohletagebau weichen musste. Die Ausstellung verdeutlicht, dass Kriegsgräberstätten keine statischen Orte sind, sondern ebenfalls fortwährenden Transformationen unterliegen.

Kriegsgefangenenlager Hollerath

Die dritte Ausstellung befasst sich mit einem Ort, der lange Zeit nahezu vergessen war. Im Kreis Schleiden existierten während des Zweiten Weltkriegs mindestens 63 Lager mit über 6.500 internierten Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeiter*innen. Eines dieser Lager – für sowjetische Kriegsgefangene – befand sich in Hollerath. Am ehemaligen Standort dieses Lagers ist heute auf den ersten Blick nichts zu sehen, was an den Zweiten Weltkrieg und die NS-Herrschaft erinnern würde: wo bis Kriegsende die stacheldrahtumzäunten Unterkunftsbaracken standen, befindet sich eine Weide. Die Ausstellung zeigt jedoch, dass im Boden noch Spuren des Lagers und der dort internierten sowjetischen Kriegsgefangenen vorhanden sind. Mit geoarchäologischen Methoden hat die IAK diese unsichtbaren Überreste sichtbar gemacht und dokumentiert. Die Ausstellung thematisiert auch die fehlende Kenntlichmachung des Lagerstandorts in der lokalen Erinnerungskultur und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Interdisziplinäre Methoden und digitale Vermittlung

Diese Ausstellung verdeutlicht besonders gut die methodische Vielfalt der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung. Das Team der IAK hat nicht nur in Archiven gearbeitet, sondern auch mit Magnetometrie, Bodenradar, LiDAR-Scannern und 3D-Modellierung gearbeitet. Diese Methoden ermöglichen es u.a., Spuren im Boden zu detektieren, die obertägig nicht mehr sichtbar sind. Die digitalen Ausstellungen sind zudem mit weiteren Vermittlungsformaten verbunden: mit Digiwalks, die vor Ort genutzt werden können, mit 360-Grad-Rundgängen und mit 3D-Modellen von Denkmälern und Überresten.

Die Ausstellungen machen deutlich, wie produktiv die Verbindung von Geschichtswissenschaft, Archäologie, Geophysik und Digital Public History sein kann. Sie zeigen auch, wie wichtig es ist, gewaltüberformte Orte nicht nur zu erforschen, sondern ihre Geschichte und ihre problematischen Deutungen öffentlich zu thematisieren.

Credits

Die drei Ausstellungen sind das Ergebnis intensiver Teamarbeit. Unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass hat die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften der Universität Osnabrück über vier Jahre hinweg in der Region geforscht. Die Projektkoordinatorin Mirjam Adam, M.Ed., hat die Ausstellungen mit dem Projektteam umgesetzt.

Besonderer Dank gebührt unserem leider verstorbenen Kollegen Frank Möller, dessen fundierte Texte die Grundlage für die Ausstellungen zu den Kriegsgräberstätten Vossenack und Hürtgen bildeten. Franz Albert Heinen war mit seiner Grundlagenforschung und seinen wertvollen Hinweisen unverzichtbar für die Dokumentation des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Hollerath.

Zahlreiche studentische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bei den Feldforschungen, der Datenerfassung und der Aufbereitung der Materialien mitgewirkt. Ihre Beteiligung und Mitarbeit zeigen, wie wichtig die Integration von Forschung und Lehre für Projekte dieser Art ist.

Die drei Ausstellungen sind unter konfliktlandschaften.nghm-uos.de zugänglich. Sie markieren den Auftakt einer größeren Reihe von insgesamt neun digitalen Ausstellungen zur Konfliktlandschaft Hürtgenwald. Das Projekt zeigt eindrücklich, wie Digital Public History dazu beitragen kann, kritische Perspektiven auf problematische Erinnerungsorte zu entwickeln und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Hin und wieder zurück | Exkursion ins ZeitZentrum Zivilcourage Hannover

Zwischen Rätselraum und Erinnerungskultur: Rechtsradikalismus damals und heute. Eine Annäherung im ZeitZentrum Zivilcourage

Ein Exkursionsbericht von Manuel Büchner und Leonie Güneri

Rechtsradikale Tendenzen und demokratiefeindliche Positionen sind längst keine Randerscheinung mehr, sie zeigen sich in gesellschaftlichen Debatten, im Netz und auch in vielerlei Alltagssituationen. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, sich aktiv mit den Ursachen, Mechanismen und Auswirkungen von Rechtsradikalismus sowie mit Möglichkeiten zivilgesellschaftlicher Partizipation auseinanderzusetzen.

Mit dieser Motivation fand am 18. Juli zunächst eine Vorbesprechung zur geplanten Exkursion nach Hannover statt. Unter Anleitung von Imke Selle und Jessica Wehner setzten wir uns gemeinsam mit zentralen Fragen rund um das Themenfeld Rechtsradikalismus auseinander: Was verstehen wir darunter, wie begegnet uns rechte Gesinnung im Alltag, und welche Verantwortung tragen wir selbst? Besonders die Rolle persönlicher Handlungsspielräume und zivilgesellschaftlichen Engagements standen im Mittelpunkt unserer Überlegungen – ein Thema, das uns auch im weiteren Verlauf der Exkursion begleiten sollte.

Assoziationen der Exkursionsteilnehmer:innen rund um den Themenkomplex Rechtsextremismus

Am Morgen des 31. Juli trafen wir uns am Osnabrücker Hauptbahnhof und reisten gemeinsam mit dem Zug nach Hannover, um das ZeitZentrum Zivilcourage zu besuchen. Bereits auf der Fahrt entstand ein reger Austausch über unsere Erwartungen, unser Vorwissen und persönliche Berührungspunkte mit dem Thema. Vor Ort erwartete uns ein interaktiver und abwechslungsreicher Workshop, der Geschichte, Symbole und heutige Erscheinungsformen von Rechtsradikalismus anhand praktischer Beispiele und Gruppenaufgaben beleuchtete.

Nach der Ankunft im ZeitZentrum wurden wir von zwei pädagogischen Mitarbeiterinnen des ZeitZentrums begrüßt, die uns durch den Tag führten. Zum Einstieg positionierten wir uns zu verschiedenen Thesen, wie „Mir begegnet Rechtsradikalismus häufig im Alltag“. Schon hier zeigte sich, wie unterschiedlich unsere persönlichen Erfahrungen damit sind und wie relevant das Thema auch in unserem direkten Umfeld ist.

Das zentrale Element unseres Besuchs war die Teilnahme am Workshop “Meine Welt?”: Die Geschichte von Bex. Dieser Workshop beinhaltet ein sogenanntes „interaktives Jugendzimmer“, das auch als “Rätselraum” bezeichnet wird. Es ist wie ein Escape Room aufgebaut. Die Teilnehmer:innen müssen Rätsel lösen, um die Geschichte des Jugendlichen Bex nachvollziehen zu können, der in diesem Zimmer lebt und in die rechte Szene abdriftet. Die Bezeichnung ‘Escape Room’ wird dabei bewusst vermieden, um der Ernsthaftigkeit des Themas gerecht zu werden und einer möglichen Verharmlosung vorzubeugen.

Gemeinsam als Gruppe versuchten wir, die Radikalisierungs- und Deradikalisierungsgeschichte von Bex zu rekonstruieren. Im Laufe der Geschichte setzte Bex sich mit Johann Wilhelm “Rukeli” Trollmann auseinander, einem erfolgreichen Boxer und Sinto, der während der NS-Zeit aufgrund seiner Herkunft seinen Deutschen Meistertitel im Mittelgewicht verlor. Diese Begegnung wird für den Jugendlichen zum Wendepunkt: Sie konfrontiert ihn nicht nur mit den Konsequenzen von Ausgrenzung und rassistischer Diskriminierung, sondern bringt ihn auch dazu, sein eigenes Handeln kritisch zu überdenken und den Wunsch zu entwickeln, aus dem rechten Milieu auszusteigen.

Durch das Lösen von Rätseln und das Sammeln von Hinweisen gelang es uns schließlich, gemeinsam die Radikalisierung und den Ausstieg des Jugendlichen aus der rechten Szene nachzuvollziehen. Die genauen Details und Lösungen lassen wir an dieser Stelle bewusst offen, um anderen Gruppen das Erlebnis nicht vorwegzunehmen.

Die Studierenden im interaktiven Jugendzimmer (Foto: Imke Selle)

Im Anschluss an das “interaktive Jugendzimmer” reflektierten wir gemeinsam, welche rechten Symbole und Codes uns während des Spiels aufgefallen waren und wie sie zur Identifikation und Kommunikation innerhalb rechter Gruppierungen dienen. Außerdem diskutierten wir die emotionale Wirkung dieser Szenarien und sprachen über Mechanismen wie Gruppendruck, Vorbilder und die Rolle von Einsamkeit und Ausgrenzung beim Prozess der Radikalisierung.

Die Exkursionsgruppe bei der Nachbesprechung des “interaktiven Jugendzimmers” (Foto: Jessica Wehner)

Ein zweiter Schwerpunkt des Besuchs war die historische Arbeit im ZeitZentrum. Wir setzten uns mit den Biografien dreier ausgewählter Personen auseinander: Wanda Pranden, Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann, der bereits aus dem Rätselraum bekannt war, und Egon Kuhn. Anhand von Ausstellungsinformationen sollten wir kurze Biografien erarbeiten und drei Gegenstände auswählen, die zentrale Aspekte des jeweiligen Lebensweges symbolisieren. Die anschließenden Präsentationen verdeutlichten die unterschiedlichen Opfer- und Täterbiografien und zeigten, wie vielschichtig die Geschichte von Ausgrenzung, Anpassung, Mut und Widerstand ist. Nach jeder Gruppenphase bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Anmerkungen einzubringen oder Besonderheiten aus der eigenen Kleingruppenarbeit zu schildern. Dabei wurden verschiedene Beobachtungen, offene Fragen und individuelle Eindrücke geteilt.

Gegen 15:30 Uhr endete der offizielle Teil der Exkursion mit einer kurzen Nachbesprechung des Workshops zwischen den Teilnehmenden und den begleitenden Dozierenden. In diesem Rahmen wurden sowohl Stärken als auch Herausforderungen des didaktischen Konzepts im ZeitZentrum reflektiert. Dabei zeigte sich, dass die Mehrheit der Teilnehmenden den interaktiven Ansatz im ZeitZentrum als besonders gelungen empfand.

Die Exkursion ins ZeitZentrum Zivilcourage verband interaktive Methoden, historische Einordnung und persönliche Reflexion auf gelungene Weise. Besonders das Zusammenspiel aus dem Rätselraum, biographischer Arbeit und kritischem Austausch ermöglichte es uns, nicht nur Methoden und Signale des Rechtsradikalismus zu erkennen, sondern auch unsere eigenen Haltungen und Möglichkeiten zum Zeigen von Zivilcourage konkret zu hinterfragen.

Jessica Wehner und Imke Selle (erste Reihe, zweite und dritte Person von links) mit ihren Studierenden im Zeitzentrum Zivilcourage (Foto: Daniel Otten)

Einen Einblick in die letzte Exkursion von Team NGHM ins ZeitZentrum Zivilcourage finden Interessierte hier:

Hin und wieder zurück | Exkursion zum Zeitzentrum Zivilcourage in Hannover am 27. März 2025 

Von Malte Künne und Marvin Sonntag 

Die Professur für Neueste Geschichte und historische Migrationsforschung bot am 27. März 2025 eine Exkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover an. Ziel der Exkursion war es, sich vertieft mit dem Themenfeld Zivilcourage im Nationalsozialismus in der Landeshauptstadt auseinanderzusetzen und dabei verschiedene methodische Zugänge sowie Formen historisch-politischer Bildung kennenzulernen. An der Exkursion nahmen 18 Studierende unter der Leitung von Jessica Wehner und Imke Selle teil. Begleitet wurde die Exkursion vor Ort von Kim Brenneke, einer pädagogischen Mitarbeiterin des ZeitZentrums, die die inhaltlichen Schwerpunkte der Einrichtung näherbrachte.  

Bereits im Vorfeld der Exkursion hatte am 6. März ein vorbereitendes Treffen stattgefunden. In diesem Vorgespräch wurde das Konzept des ZeitZentrums vorgestellt und in den Kontext historisch-politischer Bildung eingeordnet. Ziel dieser Vorbesprechung war es, die Studierenden auf die Besonderheiten der Einrichtung aufmerksam zu machen und bereits erste thematische Fragestellungen zu entwickeln. Das Gespräch in der Vorbesprechung bereitete die Studierenden außerdem auf die interaktive Arbeit im ZeitZentrum vor und machte auf wichtige Fragen zum Thema Zivilcourage aufmerksam, sowohl in der Vergangenheit als auch in der heutigen Gesellschaft. 

Das ZeitZentrum Zivilcourage Hannover unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von einem klassischen Museum. Es handelt sich um einen innovativen Lern- und Erinnerungsort, der bewusst auf Interaktivität, Beteiligung und Gruppenarbeit setzt. Die Einrichtung ist regulär nur an Wochenenden für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich, richtet sich ansonsten gezielt an Schulklassen, Studierendengruppen und interessierte Gruppen aus anderen Einrichtungen. Der Besuch erfolgt in der Regel im Rahmen von Workshops, die jeweils an die Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmenden angepasst werden.  

Im Mittelpunkt des Besuchs im Rahmen der Exkursion stand eine interaktive Führung, die verschiedene Methoden der Vermittlung miteinander verband. Statt einer reinen Führung durch eine Ausstellung erhielt die Gruppe Gelegenheit, sich selbst aktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen und die Ausstellung eigenständig zu erkunden. Dabei setzten sich die Studierenden mit verschiedenen historischen Beispielen von Zivilcourage auseinander und erhielten Einblicke in aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Besonders spannend war die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Zivilcourage heute im Alltag sichtbar und wirksam werden kann, beispielsweise im Umgang mit Diskriminierung, Rassismus oder politischem Extremismus. 

Ebenfalls sehr beeindruckend war die Gestaltung der Lernräume, die durch mediale Elemente und interaktive Stationen zum Mitdenken und Mitgestalten einluden. Die offene Atmosphäre und die didaktisch durchdachte Struktur der Einrichtung ermöglichten es, sich in kurzer Zeit intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Ein besonderes Highlight war ein interaktiver Lernraum, der das Zimmer eines radikalisierten Jugendlichen darstellte und einen eindringlichen Bezug zur heutigen Welt und vermehrt auftretenden rechtsextremen Tendenzen herstellte. Diese Station regte besonders zum Nachdenken über aktuelle Formen der Radikalisierung und die Bedeutung von Zivilcourage in der Gegenwart an. 

Im Juli bietet die Professur für Neueste Geschichte und historische Migrationsforschung erneut eine Exkursion ins ZeitZentrum Zivilcourage an, bei der diese interaktive Lernraum nicht nur besichtigt, sondern im Rahmen eines Workshops aktiv zum Lernanlass wird. 

Insgesamt bot die Exkursion einen gelungenen Rahmen, um sich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit dem Begriff und der Bedeutung von Zivilcourage auseinanderzusetzen. Durch die Verbindung von historischer Bildung, interaktiver Methodik und gesellschaftspolitischem Bezug wurde ein eindrucksvoller Lernprozess angestoßen, der über den Tag hinaus zum Nachdenken und Weiterdiskutieren anregte. 

Die Exkursionsteilnehmer:innen mit Kim Brennicke (ganz links) und Imke Selle und Jessica Wehner (ganz links, vordere Reihe), Foto: Joely Thomas

Der Besuch verdeutlichte, wie wichtig es ist, aus der Geschichte Handlungsimpulse für die Gegenwart zu gewinnen. 

NGHM@UOS | Beiträge zum Programm 80 Jahre Kriegsende – Befreiung und Demokratie der Stadt Osnabrück

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung beteiligt sich am Programm der Stadt Osnabrück zum Thema  “80 Jahre Kriegsende – Befreiung und Demokratie” der Stadt Osnabrück.


Am 23. April findet um 18 Uhr der erste Vortrag “Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. ‘Displaced Persons’ und die ‘europäische Flüchtlingskrise’ in Osnabrück und Europa” von Jessica Wehner im Museumsquartier statt.

Nachdem die Alliierten 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich gewaltige Herausforderungen: Millionen Menschen, die während der NS-Herrschaft und während des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, und geflohen waren, befanden sich in Europa verstreut außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese „Flüchtlinge“ und „Displaced Persons“ (DPs) bildeten eine äußerst heterogene Gruppe aus Opfern des Nationalsozialismus, Osteuropäer:innen, die vor der Roten Armee geflohen waren und zum Teil auch Kollaborateuren. Die International Refugee Organization (IRO) kümmerte sich ab 1946 um die Versorgung und Verteilung dieser Personen.


Am 27. April, 15 Uhr, referiert Hannah Spille in der Gedenkstätte Augustaschacht zum Thema “Zwangsarbeit in Osnabrücker Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs am Beispiel sowjetischer Zwangsarbeiter der Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke”.

Nahezu in jedem Unternehmen mussten während des Zweiten Weltkrieges Personen zumeist aus den besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten. So auch in den Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerken (heute KME). In dem Vortrag nähert sich die Referentin Hannah Spille der Gruppe der vorwiegend ukrainischen, belarussischen und russischen männlichen Zwangsarbeiter an: Wie sahen ihre Arbeits- sowie Lebensbedingungen aus und welche Rolle nahm die Osnabrücker Gestapo bei der Durchsetzung der Zwangsarbeit gegenüber den verschleppten Menschen ein?


Zuletzt ist auch die Ausstellung #ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute, die vom 5. Mai bis zum 21. Juni 2025 in der Universitätsbibliothek Osnabrück (Standort Westerberg) zu sehen ist, Teil des Programms. Veranstalter vor Ort sind gemeinsam mit der Bundesstiftung Bundeskanzler Helmut Schmidt die Universitätsbibliothek und die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück.

Im Zentrum der Ausstellung steht der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt – als politische Figur, als Zeitzeuge und als biografischer Bezugspunkt für die Konflikte und Debatten der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren. Die Ausstellung schlägt allerdings auch eine Brücke aus der Geschichte zu gegenwärtigen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften. Sie versteht Demokratie nicht als Zustand, sondern als Challenge – eine, die tagtäglich neu verhandelt, gelebt, verteidigt und weiterentwickelt werden muss.

Die Eröffnung am Dienstag, 6. Mai 2025 um 19:00 Uhr in der Universitätsbibliothek Osnabrück (Nelson-Mandela-Platz 1, Westerberg) bietet dazu einen spannenden Auftakt.

Die Teilnahme an der Eröffnung ist ohne Anmeldung möglich. Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet.

Am 14. Mai 2025 diskutieren Dr. Patrice Poutrus vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, Prof.in Dr. Lale Yildirim, Geschichtsdidaktikerin von der Universität Kiel und Mitglied des Osnabrücker Sonderforschungsbereichs 1604, sowie Dr. Noa K. Ha, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), mit Magnus Koch über Herausforderungen und Chancen der Gestaltung einer inklusiven Migrationsgesellschaft gestern, heute und morgen.

Am 12. Juni 2025 sprechen verschiedene Generationen von Studierenden der Universität Osnabrück seit der Gründung der UOS mit Lisa Querner (BKHS) über die Rolle von Studierenden, Wissenschaft und Universitäten in Politik und Gesellschaft.

Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Programm finden Sie stets auf der Webseite der BKHS und auf dem Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung.

Wir freuen uns alle Interessierten bei den Veranstaltungen begrüßen zu dürfen!

Hin und wieder zurück | NGHM-Exkursion zur Gedenkstätte Esterwegen am 20. November 2024

Von Lina-Sofie Winkler, Lea Horstmann und Imke Selle

Im Wintersemester 2024/2025 beschäftigen sich Studierende im Projektseminar „Geschichts- und Erinnerungskultur in Zeiten der Digitalität. Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation digital erinnern“ von Imke Selle mit der Geschichte der sogenannten „Emslandlager“ sowie der Transformation der ehemaligen Lagerstandorte nach 1945. Das Seminar ist Teil des Projekts “Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von Lehrer*innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history”, einem durch das Programm Pro*Niedersachsen geförderten Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung und der Gedenkstätte Esterwegen.

Im Emsland und der Grafschaft Bentheim existierten von 1933 bis 1945 15 Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager, die über mehr als 100km verteilt sind. Sie sind heute Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohnsiedlung oder Gedenkstätte. Im Rahmen des Projektseminars wird ein digitales Angebot erstellt, das die räumliche Dimension der ehemaligen „Emslandlager“ sowie deren Transformation sichtbar macht. Zu diesem Zweck wurden die Studierenden in den Umgang mit digitalen Anwendungen eingeführt. Im Rahmen des Seminars fand am 20. November eine Tagesexkursion zur Gedenkstätte Esterwegen statt, um dort die digitalen Anwendungen zu erproben und die Geschichte der „Emslandlager“ zu vertiefen. Zunächst hielt Jacqueline Meurisch (Gedenkstätte Esterwegen) einen einführenden Vortrag, um den Studierenden einen Eindruck von der Geschichte des Lagerkomplexes zu verschaffen. Lea Horstmann (Gedenkstätte Esterwegen & Universität Osnabrück) führte die Gruppe anschließend über das Außengelände.

Studierende des Projektseminars bei der Führung von Lea Horstmann (Foto: Lina-Sofie Winkler)

Auf dem Außengelände konnten die Studierenden mit digitalen Methoden arbeiten. Die Teilnehmenden setzten sich mit Re:Photography sowie mit der Dokumentation von Objekten durch verschiedene 3D-Modellierungstechniken  und 360°-Aufnahmen auseinander und fertigten selbst Aufnahmen und 3D-Scans an.

Studierende führen einen 3D-Scan eines ehemaligen Springbrunnens aus der Lagerzeit auf dem Außengelände der Gedenkstätte Esterwegen durch (Foto: Lina-Sofie Winkler)

Nach der Führung über und der Digitalisierung des Außengeländes konnten die Studierenden eigenständig die Ausstellungsräume der Gedenkstätte Esterwegen erkunden bevor die Seminargruppe zur Begräbnisstätte Esterwegen/Bockhorst aufbrach. In der Grafschaft Bentheim und im Emsland existieren neun Lagerfriedhöfe für die in den Emslandlagern ermordeten Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlagerhäftlinge. Die Begräbnisstätte Esterwegen/Bockhorst war der zentrale Lagerfriedhof für die nördlichen Emslandlager und wurde in der Nachkriegszeit mehrfach umgestaltet. Diese dort sichtbaren Transformationen waren für die Gruppe und das Projekt besonders interessant. 

Die Seminargruppe auf der Begräbnisstätte Esterwegen/Bockhorst (Foto: Frank Wobig)

Für Januar 2025 ist im Rahmen des Projektseminars eine weitere Exkursion zu anderen ehemaligen Lagerstandorten geplant, die nicht als Gedenkstätte markiert worden sind, um die vielfältigen Transformationen der ehemaligen „Emslandlager“ für die Studierenden nachvollziehbar zu machen. Zusätzlich soll ein Lagerfriedhof im südlichen Emsland besichtigt werden.

„Beckmanns Tagebücher“ – Quellenedition seit einem Monat online

Am 14. Oktober 2024 haben der Glandorfer Heimat- und Kulturverein und die Arbeitsgruppe Neuste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Pfarrzentrum Glandorf das Projekt „Dorfgeschichte aus nationalsozialistischer Perspektive: Digitale Edition der Selbstzeugnisse des Glandorfer NSDAP-Organisationsleiters Bernhard Beckmann“ mit einer öffentlichen Präsentation der Ergebnisse abgeschlossen.

Gleichzeitig ging die in diesem Projekt erarbeitete Quellenedition „Beckmanns Tagebücher – vom Soldaten des Ersten Weltkriegs zum NSDAP-Funktionär“ online (glandorf.nghm-uos.de).

Seitdem stößt die Edition auf bemerkenswerte Resonanz:

Über 6.000 Besucher:innen haben im ersten Betriebsmonat auf die Website zugegriffen, die über 1.000 Seiten persönlicher Aufzeichnungen Beckmanns aus den Jahren 1914 bis 1945 zugänglich macht. In seinen Tagebüchern schreibt Beckmann über seine Erfahrungen, Wahrnehmungen und Gedanken als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, als Glandorfer Volksschullehrer in der Zwischenkriegszeit sowie NSDAP-Funktionär vor Ort seit 1933.

Diese Editionswebsite ist übersichtlich aufgebaut: Auf der linken Seite finden sich die Tranksripte der Tagebücher, rechts daneben Faksimiles (originalgetreue Digitalisate) der Tagebuchseiten, die sich durch Anklicken vergrößern lassen. Auf der rechten Seite biete das Menü einleitende Hinweise und eine Anleitung zur Nutzung der Edition sowie eine Übersicht der verschiedenen Tagebücher Beckmanns und deren Abschnitte in chronologischer Reihenfolge, wodurch sich spezifische Zeitabschnitte der Tagebücher gezielt ansteuern lassen.

Das große Interesse an der Edition zeigte sich bereits bei der Veranstaltung in Glandorf, an der mehr als 80 Besucher:innen den Beiträgen von Projektleiter Prof. Christoph Rass, Karl-Heinz Krützkamp (Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Glandorf), Andreas Pues (Enkel Beckmanns und ebenfalls Vorstandsmitglied) sowie Projektkoordinator und -bearbeiter Maik Hoops zum Projekt folgten.

Nachdem sich bei der Abschlussveranstaltung eine rege Diskussion über die Vor- und Nachtteile digitaler Editionen entfaltet hatte, konnten Interessierte nun seit einem Monat die Editionswebsite nutzen und sich praktische Eindrücke von ihrer Funktionsweise und ihren Inhalten verschaffen.

Im gefüllten Glandorfer Pfarrzentrum folgten über 80 Besucher:innen den Beiträgen von Andreas Pues, Karl-Heinz Krützkamp, Prof. Christoph Rass und Maik Hoops (v. l. n. r.). (Foto: Jessica Wehner)

Die als Digital Public History- und Citizen Science-Projekt erarbeitete Quellenedition stellt ein online und kostenfrei zugängliches und damit niedrigschwelliges Angebot nicht nur für die wissenschaftliche, sondern auch für die didaktische, kulturelle und private Weiternutzung dar.

Dabei können die Tagebücher Quellen für unterschiedliche Fragestellungen sein. Mit Blick auf Glandorf und sein Umland stellen sie (1) ein einzigartiges lokalhistorisches Quellenensemble dar. Auf der übergeordneten Ebene geben Sie etwa Aufschluss hinsichtlich (2) der Alltags- und Erfahrungsgeschichte in der NS-Diktatur und im Zweiten Weltkrieg, (3) die Praxis und Herstellung der sogenannten ‘Volksgemeinschaft’, (4) die Wahrnehmung entfernter, überregional bedeutsamer Geschehnisse, (5) die Rolle der NSDAP-Ortsgruppen im lokalen ländlichem Raum, (6) den durch die NS-Herrschaft bedingten Wandel von Sprach- und Denkmustern oder (7) die Geschichte der NS-Diktatur im ländlichen, katholischen Norddeutschland. In einer biografischen Betrachtung lässt sich anhand der Tagebücher (8) die Genese eines lokalen NSDAP-Funktionärs aus einem Soldaten des Ersten Weltkriegs nachverfolgen.

Weitere Einblicke in die Projektarbeit erhalten Sie in diesem Zwischenbericht.

Abendveranstaltung “Stimme der Geschichte. Erinnern für die Zukunft”. Zeitzeugengespräch mit Dr. Borys Sabarko und einer Begrüßung von Prof. Dr. Christoph Rass

Am 28. Oktober 2024 findet um 19 Uhr im Rahmenprogramm der Fotoausstellung “Gegen das Vergessen” – ein Projekt von Luigi Toscano – ein Zeitzeugengespräch unter dem Thema “Stimmen der Geschichte. Erinnern für die Zukunft” mit Dr. Borys Sabarko in der Kleinen Kirche, Domfreiheit 6, in Osnabrück statt.

Dr. Borys Sabarko ist ukrainischer Historiker und Holocaustüberlebender sowie Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager.

Im Gespräch mit Christoph Moormann und Barbara Kurlemann berichtet er sowohl über seine vergangenen als auch gegenwärtigen Erfahrungen mit Krieg und Flucht.

Die Begrüßung übernimmt Prof. Dr. Christoph Rass von der Universität Osnabrück; die Veranstaltung wird musikalisch begleitet von Schüler:innen des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums.

Abschlussveranstaltung zum Editionsprojekt der Tagebücher des Glandorfer NSDAP-Organisationsleiters Bernhard Beckmann

Am 14. Oktober 2024 ab 18:30 Uhr findet im Pfarrzentrum Glandorf (Kolpingstraße 4, 49219 Glandorf) die Abschlussveranstaltung zum Projekt „Dorfgeschichte aus nationalsozialistischer Perspektive: Digitale Edition der Selbstzeugnisse des Glandorfer NSDAP-Organisationsleiters Bernhard Beckmann – ein Digital Public History Projekt“ statt.

In diesem Projekt wurden etwa eintausend Seiten persönlicher Aufzeichnungen des Glandorfer Volksschullehrers Bernhard Beckmann aus und über die Jahre 1914-1918 und 1933-1945 wissenschaftlich aufgearbeitet und in Form einer frei zugänglichen digitalen Online-Edition für die Veröffentlichung aufbereitet.

In seinen Schriften dokumentierte Beckmann ausführlich seine Beobachtungen, Erlebnisse und Gedanken – zunächst als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, später als lokaler NSDAP-Organisationsleiter zuhause im nationalsozialistischen Glandorf. Dort prägte er als Hauptlehrer und lokaler Parteikader das Leben im Krieg und unter der nationalsozialistischen Diktatur wesentlich mit.

Die Edition bietet seltene und tiefe Einblicke in die lokale und regionale Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges in Glandorf und Umgebung. Auch gibt sie Aufschluss über die Entwicklung eines Mannes vom Soldaten des Ersten Weltkriegs zum lokalen Funktionär der NSDAP über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Das Projektteam um Projektleiter Prof. Christoph Rass (hintere Reihe rechts), Projektkoordinator Maik Hoops (vordere Reihe links) und die studentischen Hilfskräfte (v. l. n. r.) Valentin Loos, Vincent Jakubowski und Julia Grewe, es fehlt Johannes Pufahl.
Foto: Lukas Hennies

Auf der Abschlussveranstaltung werden u. A. die Projektergebnisse gemeinsam diskutiert und es wird einen gemeinsamen digitalen Gang durch die Online-Edition geben, die zum Ende live und vor Ort online geschaltet wird.

Bei dem Projekt handelt es sich um ein Kooperationsprojekt zwischen dem Heimat- und Kulturverein Glandorf und der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, das im November 2022 startete und von der VGH-Stiftung, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land sowie dem Kulturbüro des Landkreises Osnabrück.

Interessierte werden gebeten, sich vorab per E-Mail unter kultour-gut@web.de anzumelden.