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Gewaltorte, Spuren und digitale Geschichtskultur | »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück und Dalum, 24. und 25. September 2026.


Essay zur Einführung in die Tagung »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück, 24. September 2026.


Nördlich des Lagers XII Dalum, dessen Gelände heute größtenteils unter einem Gewerbegebiet liegt, legte die Wehrmacht im September 1941 auf einer Parzelle, die zuvor als Lager des Reichsarbeitsdienstes gedient hatte, einen Friedhof an. Bis zum Sommer 1943 bestattete sie dort die Toten, genauer: die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen aus fünf Lagern, aus Dalum, Groß Hesepe, Alexisdorf, Wietmarschen und Bathorn. Anfangs ließ sie Einzelgräber ausheben; als sie die Gefangenen in ihren Lagern zu Tausenden sterben ließ, ging sie zu Massengräbern über. Während die Schätzungen auf Grundlage der Gräberlisten zwischen acht- und sechzehntausend Toten schwanken, geht die Gedenkstätte Esterwegen nach dem heutigen Forschungsstand von etwa zehntausend Opfern aus, fast alle ohne Namen.1 Einen Obelisken mit Sowjetstern, den der Friedhof nach dem Krieg erhalten hatte, entfernte man bei der Neugestaltung in den 1950er Jahren wegen des Kalten Krieges wieder; wer dieses »man« war, gehört zu den Fragen, die der Friedhof bis heute aufgibt. Wer die amtlich als ›Kriegsgräberstätte‹ geführte Anlage heute betritt, sieht weder markierte Grablagen noch das Denkmal, das einmal an sie erinnerte. Der Friedhof Dalum präsentiert sich als vielfach überformter Ort, der vom Lager des Reichsarbeitsdienstes über den Lagerfriedhof und die Kriegsgräberstätte zum Gedenkort geworden ist und heute das Erscheinungsbild eines vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten Friedhofs trägt.

An dieser Differenz zwischen den unsichtbaren Spuren der Gewalt und dem, was ein Ort heute zeigt, setzt der Begriff der Konfliktlandschaft an, mit dem wir in der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück seit 2014/15 arbeiten. Er bildete den Ausgangspunkt der Einführung zu einer Tagung, auf der wir das Projekt »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« am 24. und 25. September 2026 in Osnabrück und Dalum vorgestellt und seine bisherigen Ergebnisse zur Diskussion gestellt haben.

Dieser Beitrag fasst das Argument der Einführung in drei Schritten zusammen. Zunächst bestimmen wir den Begriff der Konfliktlandschaft als analytische Kategorie und zeigen an zwei Schauplätzen, welche Perspektiven er eröffnet. Ein zweiter Schritt erklärt, weshalb er sich gerade an den Lagerstandorten bewähren muss, die unter dem Namen ›Emslandlager‹ zusammengefasst werden. Daraufhin wechselt die Perspektive zum Projekt, das diese Standorte digital erschließt und dabei in eben jene Geschichtsproduktion eingreift, die es untersucht.

Konfliktlandschaften als analytische Kategorie

Unser Interesse gilt dem Verhältnis zwischen der materiellen Überprägung eines Ortes durch Gewalt und der diskursiven Produktion seiner Bedeutung, vor allem aber den Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Eine Konfliktlandschaft verstehen wir deshalb als einen soziokulturell bestimmbaren Raum, den gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt haben und in dem deren Spuren materiell wie immateriell fortbestehen, während Menschen ihn fortwährend umgestalten und um seine Deutung ringen. Materielle Spuren sprechen dabei nicht für sich; zu Belegen werden sie erst, wenn Erzählungen, Benennungen und Gedenkpraktiken sie rahmen. Zugleich greift die Produktion von Geschichte in die Materialität des Schauplatzes ein, durch Umbettung und Neugestaltung, durch das Setzen und Entfernen von Denkmälern, durch Raubgrabungen oder das Einrichten von Gedenkstätten und selbstverständlich auch durch unsere eigene Arbeit, die einen Gewaltort deutet, sobald sie ihn vermisst, benennt und zeigt, und die dort, wo sie archäologisch vorgeht, auch seine Materialität verändert.

Die Beteiligung der Forschung gehört deshalb in den Befund. Der Begriff bezeichnet also keinen Ortstyp, den man auf einer Karte einkreisen könnte, sondern ein Verhältnis zwischen Raum, Spur und Deutung, das rekonstruiert werden will. In diesem Sinne lassen sich Konfliktlandschaften als dynamische Palimpseste lesen, in denen sich die Schichten der Gewalt, ihrer Nachgeschichte und ihrer jeweiligen Deutungen überlagern. Entwickelt haben wir diesen Ansatz in langjährigen Forschungen zum ›Hürtgenwald‹. Die Einsicht, dass das, was nach dem Ereignis mit einem Schauplatz der Gewalt geschieht, für sein Verständnis ebenso zählt wie das Ereignis selbst, verdankt er zugleich der langen Zusammenarbeit des Historischen Seminars mit Museum und Park Kalkriese am Ort der Varusschlacht, aus der 2014/15 die Arbeitsgruppe hervorgegangen ist.2

Der Hürtgenwald und die Bahnstation Karya

Zwei Gewaltorte, die wir in den vergangenen Jahren intensiv erforscht haben, zeigen, in welche Richtungen die Wechselwirkung von Materialität und Deutung ausschlagen kann. Im Hürtgenwald in der Nordeifel prägt die Deutung die Materie. Für eine Serie von Gefechten, in denen US-Armee und Wehrmacht zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen, setzte sich erst nach dem Krieg die Bezeichnung ›Schlacht im Hürtgenwald‹ durch. Der Wald war als Ort der Kämpfe schon damals präsent, von einer ›Schlacht‹ sprach jedoch keine der beteiligten Seiten. Seit den fünfziger Jahren verbreitete Militaria-Literatur, nicht selten von Wehrmachtsveteranen und ihnen nahestehenden Autoren verfasst, unter diesem Namen ein Narrativ, das Angehörige der Wehrmacht als Helden darstellte. Dieses Narrativ formt den Wald bis heute, und zwar ganz materiell. So legen Reenactors Stellungssysteme nach Fotografien an, welche die Literatur dem Hürtgenwald zuschreibt, die aber vom Kriegsschauplatz Italien stammen; nachfolgende Besucher:innen lesen diese Eingriffe in den Boden als authentische Spuren und gleichen sie mit eben jenem Foto ab, das sie zu beglaubigen scheint. Mit dem dritten Band der Buchreihe »Konfliktlandschaften«, die wir als Arbeitsgruppe im Universitätsverlag Osnabrück herausgeben, liegt der Abschluss dieser Arbeit vor; der Band ist Open Access zugänglich.3

Anders liegt der Fall in Karya in Mittelgriechenland. Dort zwang die Organisation Todt, die Bauorganisation des NS-Staates, im Frühjahr 1943 zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus Thessaloniki, welche die deutsche Besatzungsmacht verschleppt hatte, unter tödlichen Bedingungen einen mehr als zwanzig Meter tiefen Hangeinschnitt für ein Ausweichgleis auszuheben. Am ehemaligen Bahnhof sind nur einzelne Überreste der Bahnanlage und der Einschnitt im Hang geblieben. Hier trägt die Landschaft eine Geschichte, die sie allein nicht erzählen kann. Lesbar zu machen versuchten wir sie mit einer Prospektion, die wir im Frühjahr 2023 mit Studierenden durchgeführt haben, und mit der Ausstellung »Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust«, an der wir mitgewirkt haben.4 Nach ähnlichen Wechselwirkungen fragen wir an Stätten deutscher Vernichtungspolitik in Belarus, seit vielen Jahren gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Minsk, sowie an Orten der Shoah in der Ukraine.

Die Bahnstation Karya 2023 (Foto: UOS).

Das Lagersystem im Emsland

Unter dem Namen ›Emslandlager‹ werden fünfzehn Lager zusammengefasst, zwölf im heutigen Landkreis Emsland und drei in der Grafschaft Bentheim. Von 1933 an richtete die SS dort Konzentrationslager ein, die sie bis 1936 bewachte. Die Strafgefangenenlager, die von 1934 bis 1945 unter Aufsicht der Justizverwaltung standen, bewachte eine in den Justizdienst übernommene SA-Einheit, die sogenannte ›Moor-SA‹; die Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht bestanden von 1939 bis 1945. Nach den Angaben der Gedenkstätte Esterwegen hielten SS, Justiz und Wehrmacht dort etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene sowie weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene fest. Über 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern starben in den Lagern.5

Wie dicht sich die Verfügungsgewalt verschiedener Instanzen an einem einzigen Lagerstandort ablöste, zeigt wiederum Dalum. Die Justizverwaltung ließ das Lager im Mai 1939 für 1.500 Strafgefangene fertigstellen, belegte es bis zum Kriegsbeginn aber nicht mehr. Im September 1939 übernahm es die Wehrmacht als Kriegsgefangenenlager, 1942 richtete die Luftwaffe darin ein Gerätedepot ein, im Januar 1945 schließlich machte die SS es zum Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Nach 1945 setzte sich diese Reihe als Abfolge von Nutzungen fort, als in mehreren Lagern ›Displaced Persons‹ untergebracht wurden. Esterwegen diente den Briten bis 1947 als Internierungslager, danach bis 1951 als Strafanstalt der deutschen Justiz für NS-Täter, die Spruchgerichte der britischen Zone verurteilt hatten, von 1953 bis 1959 als Durchgangslager für Flüchtlinge aus der DDR und von 1963 bis 2001 als Depot der Bundeswehr.6

Wie weit Nutzung und Überformung die Lager unsichtbar gemacht haben, unterscheidet sich von Standort zu Standort. Auf dem Gelände des Lagers II Aschendorfermoor liegt heute ein Acker, in dessen Boden sich die Spuren des Lagers archäologisch nachweisen lassen. Über dem Lager Alexisdorf steht die Siedlung Neugnadenfeld, über dem größten Teil des Lagers Dalum ein Gewerbegebiet, in dem die Trafostation und das Wachgebäude seit 2023 als Erinnerungsort »Lager XII Dalum« zugänglich sind. In Versen und Groß Hesepe reicht die Abfolge der Nutzungen bis in die Gegenwart, weil dort Lagerbaracken auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen stehen. In Oberlangen informiert seit 2014 ein Gedenkpavillon auf dem früheren Lagergelände, in Esterwegen erschließt seit 2011 die Gedenkstätte den Ort, den zuvor die Bundeswehr genutzt hatte. Die Gedenkstätte Esterwegen arbeitet heute an allen Standorten und unterrichtet dort mit Informationstafeln über die jeweilige Lagergeschichte.7

Diese bis heute nicht abgeschlossene Abfolge von Verfügungsgewalt, Nutzung, Überformung und schließlich Inobhutnahme durch die Gedenkstätte meint der Titel unseres Projekts, wenn er von einer »Konfliktlandschaft in Transformation« spricht. An einem Lagersystem, dessen Spuren so ungleich sichtbar sind, muss sich zeigen, ob ein Begriff trägt, der das Verhältnis von Spur und Deutung erfassen will. Denn an vielen Standorten stellt sich die Frage, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugen kann. Dieser Frage gehen wir im Emsland seit dem Projekt »Boden|Spuren« nach, das wir von 2020 bis 2022 mit der Gedenkstätte Esterwegen durchgeführt haben und dessen digitale Ausstellung die Spuren einzelner Lagerstandorte erschließt.

Digitale Erschließung als Teil der Geschichtsproduktion

Das laufende Projekt, das die Universität Osnabrück gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Gedenkstätte Esterwegen durchführt und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programm PRO*Niedersachsen fördert, dehnt diese Erschließung auf das gesamte Lagersystem aus. In drei Kampagnen hat das Team um Imke Selle, die das Projekt als verantwortliche Mitarbeiterin umsetzt, alle fünfzehn Lagerstandorte und alle neun Lagerfriedhöfe in 360°-Aufnahmen dokumentiert, an mehreren Standorten zudem mit 3D-Scans und Drohnenbefliegungen. So liegt für ein weit verteiltes System, dessen Schauplätze im Gelände überwiegend nicht mehr als Lager zu erkennen sind, eine zusammenhängende digitale Anschauung vor. Das Vorhaben verbindet diese Forschung mit der Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer und mit der Gedenkstättenpädagogik, deren geschichtsdidaktische Seite Lale Yildirim vertritt.

Was eine solche Anschauung leistet und wo sie an Grenzen stößt, haben Schüler:innen der Jahrgänge 11 und 12 des Gymnasiums Georgianum in Lingen erarbeitet, die im Juni 2025 in der Gedenkstätte Esterwegen die Rundgänge erprobt und um eigene Texte erweitert haben. Die Rundgänge, so ihr Befund, hätten ihnen räumlich vorstellbar gemacht, wie viele Lager es gab, den Besuch der Gedenkstätte könnten sie aber nicht ersetzen.8 Das digitale Angebot erschließt damit ein System, das sich an keinem einzelnen Standort ablesen lässt, ohne dem Geschichtsort selbst seine Bedeutung abzusprechen.

Imke Selle mit den Schüler:innen in der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Niklas Eilers).

Diese Frage nach dem Verhältnis analoger und digitaler Zugänge hat Imke Selle im Januar 2026 weiterverfolgt, als sie mit Studierenden zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisierte, eine vor Ort, die andere als Online-Führung. In ihre Dissertation über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager« bezieht sie die Praktiken unseres eigenen Projekts ein, denn wer Lagerstandorte vermisst, digitalisiert und zu Rundgängen fügt, greift in ihre Deutung ein.

Wie geht es weiter?

Drei laufende und anlaufende Vorhaben unterstreichen, welche Bedeutung das Emsland als Forschungsgegenstand für die Osnabrücker Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung hat. Im Oktober 2026 beginnt gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste das Projekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« zur sozio-ökologischen Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Es fragt, unter welchen Bedingungen demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad verlassen, einen Pfad, in dessen Vorgeschichte die Lager gehören, weil SS, SA und Justizverwaltung die Gefangenen von 1933 an zur Arbeit im Moor zwangen. Mit dem Landkreis Emsland erarbeiten wir derzeit ein Handbuch zur Geschichte des Emslandes in der NS-Zeit, das 2028 erscheinen soll. Auch die nächsten drei Bände der Reihe »Konfliktlandschaften« widmen sich dem Emsland: Die Bände 4 und 5 werden aus dem Emslandlager- und dem Moorlandschaften-Projekt hervorgehen, Band 6 wird, in Absprache mit der Gedenkstätte Esterwegen, die Friedhöfe der Emslandlager behandeln.

Für den Begriff der Konfliktlandschaft ist das Emsland damit ein Prüfstand. Seine Lagerstandorte zeigen Überformungen jeder Art, vom Acker über das Gewerbegebiet bis zur Gedenkstätte, während das Projekt diese Überformung dokumentiert und ihr zugleich eine weitere, digitale Schicht hinzufügt. Ob der Begriff erklären kann, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugt und was eine digitale Anschauung neben dem Besuch am Ort zu leisten vermag, wird die Studie von Imke Selle zeigen, die sie voraussichtlich 2027 abschließt, wobei ihre Antwort auch die Rundgänge betreffen wird, die wir selbst hergestellt haben.


  1. Gedenkstätte Esterwegen: Kriegsgräberstätte Dalum, Abruf 24.09.2026. ↩
  2. Christoph Rass: Einleitung, in: ders. (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur (Konfliktlandschaften 3), Göttingen: V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück 2026; Research Revisited: Twelve Years of the Interdisciplinary Working Group Conflict Landscapes at the University of Osnabrück, Abruf 23.09.2026. ↩
  3. Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext (wie Anm. 2); Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext, NGHM@UOS, 14.09.2026; Frank Möller: »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?« Militaria-Literatur über den Zweiten Weltkrieg am Beispiel des Kriegsschauplatzes Nordeifel/›Hürtgenwald‹ (Konfliktlandschaften 2), Göttingen: V&R unipress 2022. ↩
  4. Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust, Abruf 23.09.2026. ↩
  5. Gedenkstätte Esterwegen: Die Emslandlager, Abruf 28.09.2026; Sebastian Weitkamp / Martin Koers (Hg.): Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945, Göttingen: Wallstein 2025; David Reinicke: Die ›Moor-SA‹. Siedlungspolitik und Strafgefangenenlager im Emsland 1934–1942, Göttingen: Wallstein 2022. ↩
  6. Gedenkstätte Esterwegen: Lager XII Dalum, Abruf 24.09.2026; Gedenkstätte Esterwegen: Nachkriegsnutzung ab 1945, Abruf 29.09.2026. ↩
  7. Lea Horstmann / Imke Selle / Lina-Sofie Winkler: Abschluss der Digitalisierungkampagne im Projekt »Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation« an den ehemaligen Lagerstandorten Versen und Groß-Hesepe, NGHM@UOS, 06.08.2024, https://doi.org/10.58079/12540; Boden|Spuren: Lager II Aschendorfermoor; Gemeinde Geeste: Erinnerungsort »Lager XII Dalum«; Gedenkstätte Esterwegen: VI Oberlangen und Die Emslandlager, Abruf 29.09.2026. ↩
  8. Imke Selle: Digital Public History-Workshop »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, NGHM@UOS, 29.07.2025, https://doi.org/10.58079/14g43. ↩

Leerstellen der Erinnerungskultur | Zwischen Gedenken und Verdrängung. Podiumsgespräch am 1. Oktober in der vhs Osnabrück.

Am Donnerstag, dem 1. Oktober 2026, findet um 18:00 Uhr im Vortragssaal der vhs|os in der Bergstraße 8 in Osnabrück das Podiumsgespräch »Leerstellen der Erinnerungskultur. Zwischen Gedenken und Verdrängung« statt. Die Volkshochschule Osnabrück veranstaltet es gemeinsam mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti, der Kunsthalle Osnabrück und dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Das Gespräch gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung »Aus Niedersachsen nach Auschwitz«, zu Gast sind Mario Franz und Kutlu Yurtseven.

Mario Franz ist Präsident des Niedersächsischen Verbands Deutscher Sinti und Geschäftsführer der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma. Er gehört dem Beirat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten an und hat das Konzept der Z-Projektion entwickelt, ein Analyseinstrument, mit dem sich die Mechanismen antiziganistischer Diskriminierung erfassen lassen. Als Komponist hat er das Stück »Unku« für Erna Lauenburger geschrieben, die 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Nachdem er 2007 Kontakt zur Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano aufgenommen hatte, gab die Gruppe mit ihr in 13 Jahren mehr als 900 Konzerte. Seit 2021 setzt Microphone Mafia diese Arbeit gemeinsam mit Esther Bejaranos Sohn Joram Bejarano fort. Kutlu Yurtseven engagiert sich zudem bei Herkesin Meydanı (Platz für alle), einer Initiative, die sich für einen Erinnerungsort an den Nagelbombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße vom 9. Juni 2004 einsetzt.

Moderiert von Christoph Rass folgt der Abend einer Überlegung des Anthropologen und Historikers Michel-Rolph Trouillot. In »Silencing the Past« (1995) hat er gezeigt, dass Geschichte nicht nur aus dem besteht, was geschehen ist, sondern auch aus dem, was davon aufgeschrieben, aufbewahrt und erzählt wird, und dass dazwischen Entscheidungen liegen, die Menschen mit unterschiedlicher Macht treffen. Geschichgte als Stille wird nach seiner Analyse an vier Stellen produziert: wenn Quellen entstehen, wenn Archive aufgebaut werden, wenn aus dem Archiv Erzählungen werden und wenn diesen Erzählungen später Bedeutung zugemessen wird. Als Beispiel dient ihm die Haitianische Revolution, die für die europäischen Zeitgenossen undenkbar war und deshalb lange kaum erzählt wurde.

Vor diesem Hintergrund fragt das Gespräch nach dem Genozid an Sinti und Roma sowie nach rassistischer Gewalt nach 1945, zwei Themen, die je ihre eigene Geschichte haben und zugleich Ähnlichkeiten aufweisen. Es geht darum, wer, wann, wie und warum an den vier Stellen entschieden hat und was sich an den Folgen dieser Entscheidungen für eine inklusive Erinnerungskultur ändern lässt. Die Leitfrage lautet, was die Erinnerung derjenigen in einer Gesellschaft wert ist, die nicht zu den privilegierten Akteuren der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur zählen.

Wir bewegen uns im Gespräch durch drei Felder. Im ersten fragen wir, welche Erinnerung an den Genozid an Sinti und Roma und an rassistische Gewalt nach 1945 im öffentlichen Raum sichtbar ist, welche fehlt und wer an ihrer Gestaltung beteiligt wird. Im zweiten diskutiert das Podium, wessen Wissen als Quelle zählt, wer über Archive und den Zugang zu ihnen entscheidet und welche Medien und Ausdrucksformen, vom Denkmal über den Straßennamen bis zu Musik, Kunst und digitalen Formen, als Erinnerung anerkannt werden. Im dritten betrachten wir das Verhältnis von Institutionen und Arbeit an der Basis und fragen, welche Ressourcen, welche geteilte Entscheidungsmacht und welche Bedingungen für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit gegeben sein müssen. Als Maßstab gilt dabei der Satz »Nothing about us without«.

Die Gäste auf dem Podium diskutieren etwa 60 Minuten. Danach sind die Zuhörer:innen im Saal für weitere 20 Minuten zu Fragen und Beiträgen eingeladen.

Auf einen Blick

TerminDonnerstag, 1. Oktober 2026, 18:00 Uhr
Ortvhs|os, Bergstraße 8, 49076 Osnabrück, Vortragssaal
GästeMario Franz (Niedersächsischer Verband Deutscher Sinti), Kutlu Yurtseven (Microphone Mafia, Herkesin Meydanı)
ModerationChristoph Rass (IMIS)
VeranstalterVolkshochschule Osnabrück, mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti, der Kunsthalle Osnabrück und dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück
Kursnummer26B7820
Eintritt und Anmeldung[frei]
AuskunftDr. Tobias Pischel de Ascensão, Telefon 0541 323-21 97; Leon Nicolaysen, Telefon 0541 323-41 73

NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt.

Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.

Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)

Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.

Transformationen einer Landschaft

Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.

Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)

Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.

Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.

Steuerung, Aushandlung, Beharrung

Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.

Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)

Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.

Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.

Akten, Netzwerke, Karten

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.

Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.

Nach der Sammlung Richard

Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.

Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.

Projektstart im Oktober 2026

Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.

Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)

Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.

Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.

Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)

Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.

 

Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026

Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.

Durchgeführt wurde das Projekt als Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück und der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.

Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.

Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.

Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.

Programm:

Tag 1 | 24. September 2026

EW-Gebäude | Seminarstraße 20, 49074 Osnabrück | Raum 15/130

13:00–13:15 Ankunft
13:15–13:30  Begrüßung & Projektvorstellung
| Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)

13:30–14:30  Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)

14:30–15:00  Pause

15:00–15:45  Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)

15:45–16:15  Pause

16:15–17:15  Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)

17:15–18:00  Pause

18:00–20:00  Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes


Tag 2 | 25. September 2026

Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste

08:30  Treffpunkt am Bus

08:45–10:15  Fahrt nach Dalum

10:15–11:45  Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)

11:45–13:15  Rückfahrt nach Osnabrück

13:15–13:45  Mittagspause

13:45–15:15  Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour

15:15–15:45  Abschlussrunde

NGHM liest | 09 | Eric J. Hobsbawm: The Age of Extremes (1994)

Lässt sich ein Jahrhundert, das man selbst durchlebt hat, mit den Mitteln der Geschichtsschreibung fassen, und wenn ja, um welchen Preis? Eric J. Hobsbawms The Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914–1991, der neuteTitel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Globalgeschichte und Sozialgeschichte, beantwortet diese Frage mit einer Periodisierung, die Schule gemacht hat, und einer pessimistischen Diagnose, die bis heute Widerspruch hervorruft.

Eric John Ernest Hobsbawm (1917–2012), britischer Historiker und Autor von The Age of Extremes (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als Hobsbawm 1994 bei Michael Joseph in London den Schlussband seiner Tetralogie zur Geschichte des langen 19. und kurzen 20. Jahrhunderts vorlegte, war er Mitte siebzig. 1936 war er als Student in Cambridge der Communist Party of Great Britain beigetreten, 1991, beim Ende der Partei, ließ er die Mitgliedschaft halbherzig erlöschen. Drei Jahre später erschien das Buch, dessen letztes Kapitel die Bilanz des ›Realen Sozialismus‹ enthält. Niall Ferguson, dessen politische Position weit von Hobsbawm entfernt ist, hat die Tetralogie als beste Einführung in die moderne Weltgeschichte in englischer Sprache bezeichnet, eine Würdigung, die zeigt, wie weit die Leserschaft des Werks ihre disziplinären und ideologischen Grenzen längst überschritten hat.

Die Architektur des Buches ist streng. Auf ein einleitendes Überblickskapitel folgen drei Teile: ›The Age of Catastrophe‹ für die Jahre 1914 bis 1950, ›The Golden Age‹ für die Jahre 1950 bis 1973 und ›The Landslide‹ für die Zeit von 1973 bis 1991. Die neunzehn Kapitel sind weitgehend eigenständig komponiert und behandeln den totalen Krieg, die Russische Revolution, die Weltwirtschaftskrise, das Ende des Liberalismus und den Aufstieg der Diktaturen, die Anti-Faschismus-Allianz, die Dekolonisation, das Goldene Zeitalter, die Krise der 1970er Jahre und das Ende des ›Realen Sozialismus‹. Eigene Kapitel zu Kunst, Kultur und Naturwissenschaften erweitern den Zugriff über eine Politik- und Wirtschaftsgeschichte hinaus.

Hobsbawm schreibt keine Ereignisgeschichte. Vielmehr will er drei große Veränderungen seiner Lebenszeit erklären: den Niedergang europäischer Vormacht, die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹ durch die Revolution in Kommunikation und Transport sowie den Zerfall früherer sozialer Beziehungsmuster. Aus dieser Trias entwickelt sich eine globale Erzählung, in der die Krise ab den frühen 1970er Jahren nicht bloß als ökonomisches Phänomen erscheint, sondern als Erschütterung der institutionellen und ideologischen Grundlagen aller Regime. Im Schlusskapitel diagnostiziert Hobsbawm einen Verlust an staatlicher Steuerungsfähigkeit. Damit kündigt er nicht den Triumph des demokratischen Kapitalismus an, den die zeitgenössische Publizistik nach 1989 ausrief, sondern eine drohende Anarchie. In seiner Analyse der Russischen Revolution formuliert er pointiert, dass der Kapitalismus sich an seinen Rändern leichter überwinden ließ als in seinen Stammländern: eine Spannung, in der das ganze Werk seine Position hält, nämlich die Anerkennung der Stabilität des Kapitalismus dort, wo der Marxist Hobsbawm ihn am liebsten überwunden gesehen hätte.

Genau hier setzt die Kontroverse an, die das Buch bis heute begleitet. Lawrence Freedman würdigte in seiner Rezension Hobsbawms umfassende Analyse und seinen weiten Bogen und erklärte den Band zum Maßstab für Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Zugleich hielt er Hobsbawms Sicht auf den Kapitalismus als unbändige und intrinsisch extremistische Kraft sowie seine Sorge vor einer triumphierenden Anarchie für nicht überzeugend. Auch die Etiketten der Periodisierung stießen in der Rezeption auf Vorbehalte: Die Zeit nach 1973 als ›Landslide‹ zu beschreiben, als seien die Dinge seitdem stetig bergab gerollt, erschien mehreren Kritikern kaum überzeugend – Tony Judt überschrieb seine Besprechung nicht zufällig mit ›Downhill All the Way‹. Die durchgängig unsympathische Behandlung der USA führe, so Freedman, zu einem unzureichenden Verständnis der globalen Anziehungskraft des ›American way‹. Eine andere Kritiklinie betrifft die Quellenbasis: Das Buch stützt sich fast ausschließlich auf Sekundärliteratur, deren Grenzen gelegentlich sichtbar werden, und der Raum, den Hobsbawm dem Sozialismus einräumt, lässt eigene Voreingenommenheiten erkennen. Von links wiederum las die Internationalist Communist Review das Buch als Ausdruck einer Wandlung Hobsbawms vom Stalinisten zum Verteidiger ›demokratischer Werte‹: ein Vorwurf aus entgegengesetzter Richtung.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 4595-484 9.

Trotz dieser Vorbehalte ist die zentrale Setzung des Buches in das Vokabular der Globalgeschichte eingegangen. Mit dem ›kurzen 20. Jahrhundert‹, als Pendant zum ›langen 19. Jahrhundert‹, hat Hobsbawm eine bis heute prägende Periodisierung etabliert. Die Dreiteilung in Katastrophe, Goldenes Zeitalter und Landslide strukturiert die Erzählung der Epoche weit über das eigene Werk hinaus. Wer die Geschichte des Westens nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern in den ungleichen Schüben von Kapitalismus und Klassenbildung sowie in der Wucht des Nationalismus erzählen will, kann hinter diesen Zugriff kaum zurück.

An einer Stelle bleibt das Buch dabei eigentümlich blass: Migration. Hobsbawm registriert die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹, ohne die Bewegungen von Menschen, also Vertreibungen, Arbeitsmigrationen, Fluchten, Displaced Persons der Nachkriegszeit, als eigenständigen Strang seiner Erzählung zu führen. Mit Wymans DPs, dem ersten Titel zur Flüchtlingsgeschichte auf unserer Liste, wird sichtbar, was bei Hobsbawm strukturell unterbelichtet bleibt: dass die Produktion von Migrationsregimen kein Nebenphänomen des kurzen 20. Jahrhunderts war, sondern einer seiner Kernprozesse.

Was bleibt, ist eine Periodisierung, die ihr eigenes Datum trägt: 1991 als Endpunkt, geschrieben von einem Historiker, der diesen Endpunkt selbst als Zäsur seiner politischen Biografie erlebt hatte.


Osnabrücker Studierende finden Hobsbawms The Age of Extremes im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4595-484 9 (OPAC).

Eric J. Hobsbawm (1917–2012), The Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1914–1991, London: Michael Joseph 1994.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln

Die Tagung

Vom 18. bis zum 20. Juni 2026 hat der Dokumentations- und Lernort Bückeberg gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover nach Hameln in die Räume des Zedita geladen. Der Titel der Tagung stellte eine Frage: »Die NS-Gesellschaft als ›Volksgemeinschaft‹? Inszenierungen, soziale Praxis und Handlungsspielräume«. Das Fragezeichen war Programm.

Im Zentrum stand nicht der Begriff als Etikett, sondern die Prozesse hinter ihm: die propagandistischen Inszenierungen, die lokalen Handlungsspielräume, die soziale Praxis, in der aus einem Wort gesellschaftliche Wirklichkeit wurde. Dabei richtete sich die Tagung an ein bewusst breites Publikum: an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niedersächsischer Gedenkstätten und Erinnerungsorte, an Geschichtsinitiativen, an Forschende, Studierende sowie an Schülerinnen und Schüler. Geschichtswissenschaft und historisch-politische Bildung saßen drei Tage lang am selben Tisch.

Was an diesen drei Tagen zusammenkam, lässt sich hier nur in Ausschnitten nachzeichnen. Das Tagungsprogramm verzeichnet die Vorträge, die parallelen Workshops, das Podium und die Exkursionen vollständig, getragen von Beiträgen aus Forschung und Bildungsarbeit gleichermaßen; die folgenden Notizen greifen einzelne Fäden heraus.

Eine Besonderheit der Konferenz bestand in der Art und Weise, in der unser Tagungsort das Thema trug: Auf dem Bückeberg bei Hameln inszenierten die Nationalsozialisten von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹, eine der größten Massenveranstaltungen des Regimes: ein medial verwertbares Bild einer scheinbar geschlossenen ›Volksgemeinschaft‹, erzeugt, um die Gesellschaft zu spalten und auf den Krieg vorzubereiten. Wer über die Herstellung von Gemeinschaft sprechen will, findet hier ihre Landschaft gewordene Infrastruktur.

Auftakt und Rahmung

Drei Vorträge eröffneten die Tagung und markierten zugleich drei Achsen. Felix Berge (Universität der Bundeswehr München) unternahm unter dem Titel »Wozu ›Volksgemeinschaft‹? Eine historiographische Ortsbestimmung« die begriffliche Vermessung des Geländes. Linda Conze (Kunstpalast Düsseldorf) wandte sich mit »Das Fest und die Fotografie« der bildlichen Inszenierung zu. Und Bernhard Gelderblom (Freier Historiker, Hameln) zeichnete mit »Der lange Weg zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg« die lokale Achse nach, die Geschichte des Erinnerungsortes selbst.

Das Zedita im Bahnhof von Hameln – ein bemerkenswerter Tagungsort (Foto: Rass)

Den Rahmen für unseren Austausch setzte der erste Vortrag. Berge führte den Leitbegriff zurück zu seiner Entstehung im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik und zeichnete die Forschungsdebatten der zurückliegenden Jahrzehnte nach, von der frühen Sozialgeschichte bis zu jener Konjunktur, die die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis fasste und sich in den Sammelbänden um 2009 und 2013 verdichtete. Dabei wog er ab, was der Begriff bedeutet und wo er an seine Grenzen stößt. Seine Ausführungen konturierten ein Koordinatensystem für die kommenden Tage.

Ein Workshop zur Osnabrücker Gestapo-Kartei

Einen anderen Zugang zu denselben Fragen erprobte am selben Donnerstagnachmittag ein Workshop aus der Forschung des Verfassers: nicht über die Inszenierung, sondern über die Verwaltung. Gegenstand war die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück, heute im Niedersächsischen Landesarchiv, eine der nur sechs substantiell überlieferten Karteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im Deutschen Reich.

Die Kartei wurde allerdings bereits 1928 von der Politischen Polizei Preußens im Rahmen einer Verwaltungsreform angelegt. Erst 1933 übernahm die Gestapo das Instrument und führte die Kartei bis Kriegsende fort. Im DFG-Projekt »Überwachung. Macht. Ordnung.« konnten wir diese Kartei vollständig digital erschließen, sodass nun ein Datenmodell granulare Analysen nicht nur der in diesem Konvolut dokumentierten Opferschicksale, sondern vor allem auch des Täterhandelns ermöglicht. Der Workshop nutzte dieses Potential und bewegte sich zwischen der Interpretation einzelner Karten und der Einordnung der Befunde in die größeren Strukturen arbeitsteiliger Herrschaftsproduktion im Regierungsbezirk Osnabrück.

Nutzung des NS-Haftsystems durch die Gestapo Osnabrück (Abbildung: Christoph Rass)

Der Befund lenkt den Blick auf zwei dem Gestapo-Apparat vor- bzw. nachgelagerte Handlungsfelder. Vorgelagert werden Akteure sichtbar, die Zuarbeit leisteten: Das Verfolgungswissen kam nicht zuerst von der Partei oder aus dem Gestapo-Apparat selbst, sondern auch stark aus Verwaltung und Wirtschaft, vom Arbeitsamt, von Firmen, von Landräten und Bürgermeistern; die private Denunziation, in der Erinnerung oft das Sinnbild der Gestapo, rangiert dahinter. Als ebenso nachrangiger Akteur erweist sich die NS-Partei. Nachgelagert konnten wir den Vollzug von Haftstrafen beobachten und das Ineinandergreifen von Institutionen wie Polizeigefängnis, Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager dabei. Dazwischen positionierte sich die Osnabrücker Gestapo als Scharnier oder Schaltstelle. Sie erzeugte das Wissen nicht, sie sammelte es und machte es zur Grundlage ihres Verfolgungshandelns, das nicht selten durch Anforderungen dritter Akteure ausgelöst wurde. Das sich so ergebende Bild erwies sich zudem als stark dynamisch: In der Kriegsphase entfielen fast zwei Drittel der benannten Haftereignisse auf die Diskriminierung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern – aus der Geheimpolizei zur Verfolgung politischer Gegner wurde der Repressionsdienstleister des NS-›Arbeitseinsatzes‹.

Das ist mit ›doing Volksgemeinschaft‹ gemeint (Bondzio 2021). Die Verfolgten wurden nicht durch einen einzelnen, entfesselten Akteur in das System geschleust, sondern durch das Zusammenwirken einer ganzen Gesellschaft: Ämter, Betriebe, Kommunen, Nachbarn. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist hier keine Stimmung und kein Bekenntnis, sondern eine Praxis, und die Kartei verzeichnet sie Vorgang für Vorgang (Rass 2026). Auch die Form des Workshops folgte diesem Gedanken: Drei Gruppen erarbeiteten je eine Perspektive, die Zuarbeit, die Haftwege, die Sprache der Kartei, und erst im Plenum fügte sich das Bild zusammen.

Auf dem Bückeberg

Am Freitagnachmittag führte eine Exkursion an den Ort selbst. Was Bernhard Gelderblom im Eröffnungsvortrag als langen Weg zum Lernort beschrieben hatte, war nun zu begehen: das Gelände, auf dem von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹ inszeniert wurden. Unter der Leitung Albert Speers war der Hang in fünf Jahren zu einer gleichmäßig geneigten Fläche planiert worden, in der angedeuteten Form eines Amphitheaters: unten die Rednertribüne, oben die Ehrentribüne, dazwischen der Mittelweg, Hitlers ›Laufsteg‹ durch die Massen. Der Ort selbst ist das wichtigste Exponat, wie uns Jan Waitzmann und Aljoscha Napp im geführten Rundgang nachdrücklich verdeutlichten.

Blick über das ehemalige Festgelände (Foto: Rass)

Der Dokumentations- und Lernort, 2022 eröffnet, macht das sichtbar, ohne den historischen Ort nachzubauen. Der Grundsatz der Aufarbeitung ist Zurückhaltung: kein Gebäude, keine größeren Eingriffe, keine Rekonstruktion. Gemähte Graswege führen über rund 1,3 Kilometer zu sechs Informationsinseln; eine Gehölzpflanzung markiert den Standort der früheren Rednertribüne, über die Betonfundamente der Ehrentribüne führt ein begehbarer Steg. Wo das Regime monumentalisierte, dokumentiert der Ort; der zurückhaltende Entwurf erhielt 2022 eine Auszeichnung beim Niedersächsischen Staatspreis für Architektur.

Das ist mehr als eine gestalterische Entscheidung; es ist ein didaktisches Argument. Der Ort führt vor, was der Workshop an der Kartei und das Podium an den Begriffen verhandelten: dass ›Volksgemeinschaft‹ hergestellt wurde, hier mit Erdbewegungen, Tribünen und einer Choreografie der Massen. Wer die Herstellung von Gemeinschaft verstehen will, muss diesen Hang einmal hinaufgegangen sein.

Eine Podiumsdiskussion zieht Bilanz

Das Abschlusspodium begann nicht mit einer These, sondern mit einem Ausschnitt aus dem NDR. Am selben Wochenende, am 19. Juni 2026, hatte der AfD-Kreisverband Northeim seinen Kreisparteitag in der Stadthalle Moringen abgehalten, nur wenige Meter von der dortigen KZ-Gedenkstätte entfernt. Rund 600 Menschen protestierten, ein Aufzug führte bis zur Gedenkstätte. Der Kreisverband gilt als extrem rechts und pflegt enge Kontakte zu Björn Höcke. Die Aktualität der Auseinandersetzung liegt an diesem Nachmittag auf der Hand.

Moderiert von Aljoscha Napp, dem pädagogischen Leiter des Lernorts Bückeberg, fragte das Podium, wozu das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in der historisch-politischen Bildung überhaupt taugt. Drei Perspektiven trafen aufeinander, und sie ergänzten sich eher, als dass sie sich widersprachen.

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)

Elke Gryglewski, die die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet, machte den Einwand der Praxis stark. ›Volksgemeinschaft‹ sei ein anonymisierender und ein statischer Begriff: eine amorphe Masse, hinter der sich Verantwortung verbergen lasse, und ein Etikett, das Wandel und Handlungsspielräume schlecht abbilde. In der Bildungsarbeit brauche es Konkretisierung. Dabei sei Niedersachsen ein Glücksfall, weil sich die Radikalisierung der Verfolgungspolitik hier als Prozess an konkreten Orten zeigen lasse, nicht als Sprung von 1933 zum Massenmord. Und Täterschaft müsse aufgebrochen werden, bis zur Mitwisserschaft und zu den ganz alltäglichen Funktionen im Apparat. Wer Quellen nur zur Illustration benutze, ohne sie zu dekonstruieren, reproduziere am Ende die Bilder, die er erklären wollte.

Wiebke Hiemesch, Erziehungswissenschaftlerin und pädagogische Leiterin des ZeitZentrums Zivilcourage in Hannover, berichtete von einem Ort, der den Begriff bewusst meidet. Das ZeitZentrum rahmt seine Lebensgeschichten unter dem Titel ›hannoversche Stadtgesellschaft‹, nicht unter ›Volksgemeinschaft‹, und arbeitet mit der Leitfrage »mitmachen oder widerstehen«, ergänzt um die Frage, was überhaupt möglich war. Ihr Vorbehalt war doppelt: Der Begriff verführe zur Unterkomplexität, und er reproduziere womöglich genau den Mythos, den die Forschung gerade dekonstruiert. Zugleich erinnerte sie daran, dass ›Volksgemeinschaft‹ kein bloßer historischer Quellenbegriff ist, sondern eine Idee, die gegenwärtig Wirkung entfaltet. Und sie benannte einen quellenkritischen Preis: Wer über die Produktion von Gemeinschaft arbeite, erreiche die Perspektive der Ausgeschlossenen oft schwerer.


Die Professur NGHM hat unter der Leitung von Imke Selle und Jessica Wehner bereits mehrere Exkursionen zum Zeitzentrum Zivilcourage angeboten. Dabei wurden unter anderem die Ausstellung ausführlich besucht oder Workshops zu Radikalisierung und Rechtsextremismus durchgeführt.


Aljoscha Napp brachte aus der Bückeberg-Praxis den Zugang über den Gemeinschaftsbegriff ein: Mit jungen Menschen darüber zu sprechen, was Gemeinschaft verspricht, öffne oft erst den Weg zu der Frage, was an Figur und System des Nationalsozialismus eigentlich faszinierte.

Die dritte Stimme, die des Verfassers dieses Beitrags, kam von der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung und formulierte den Vorschlag, ›Volksgemeinschaft‹ nicht als Zustand zu prüfen, sondern als Ergebnis eines kontinuierlichen Herstellungsprozesses zu lesen, als Produkt von Kategorisierung, Verwaltung und Gewalt. Auf dem Podium blieb dieser Gedanke ein Angebot unter anderen. Der folgende Essay führt diese Überlegungen als Diskussionsbeitrag zur theoretischen Rahmung weiter aus.

Vom ›Doing‹ zur ›Produktion‹: Wie wird ›Volksgemeinschaft‹ gemacht?

Was die Forschung mit ›Volksgemeinschaft‹ adressiert, lässt sich noch einmal anders betrachten. Das Stichwort des Workshops, ›doing Volksgemeinschaft‹, weist diese Richtung; weitergedacht stellt sich für uns die Frage, wie sich Praktiken über den Ansatz der Produktion sozialer Fakten mit realweltlicher Wirkung lesen lassen. Im Osnabrücker Sonderforschungsbereich 1604 untersuchen wir die ›Produktion von Migration‹, nicht Migrantinnen und Migranten als gegebene Gruppen, sondern die Verfahren, Diskurse und Institutionen, die solche Gruppen überhaupt erst hervorbringen. Auf die ›Volksgemeinschaft‹ gerichtet, öffnet diese Herangehensweise einen anderen Blick.

Am Anfang einer solchen Annäherung steht eine Entnaturalisierung. Soziale Kategorien sind nicht vorgegeben, sondern Ergebnis von Diskursen, Verfahren und Institutionen. Damit verschiebt sich die Leitfrage. Die ältere Debatte stritt darüber, ob es die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Realität gegeben habe oder nur als Mythos. Beide Lager dieser Debatte teilten eine Annahme: Sie behandelten die Gemeinschaft als Gegenstand, dessen Realitätsgehalt sich bestimmen ließe. Verlassen wir diese Annahme, wird die ›Volksgemeinschaft‹ vom Erklärenden zum Erklärungsbedürftigen. Sie ist dabei kein Mythos, sondern ein Ideologem: eine Idee, die in bestimmter Weise hergestellt wurde, um Gesellschaft zu ordnen, und die sich sehr unterschiedlich mobilisieren ließ.

Hergestellt wurde damit soziale Ordnung nicht zuletzt über Figuren, die implizit oder explizit stets paarweise auftreten. Den ›Volksgenossen‹ und die ›Volksgenossin‹ gibt es nur gepaart mit der oder dem ›Gemeinschaftsfremden‹; beide entstehen im selben Akt und brauchen einander. Reinhart Koselleck hat solche asymmetrischen Gegenbegriffe beschrieben (Koselleck 1979): ein ›Wir‹, das sein ›Nicht-Wir‹ zugleich erzeugt und entwertet. Manchmal stehen beide Figuren ausdrücklich in den Quellen. Oft ist die eine nur als Schatten der anderen anwesend. Sie aber auch dort zu sehen, wo sie nicht genannt wird, gehört zu unserer Forschungsdisziplin. Denn dass diese Abwesenheit kein Zufall der Überlieferung ist, sondern hergestellt, hat Michel-Rolph Trouillot gezeigt: Das Verschweigen beginnt bereits dort, wo aus Geschehenem Quelle wird (Trouillot 1995), und genau deshalb gehört die ungenannte Figur nicht an den Rand, sondern in den Befund.

Auch an anderer Stelle kann uns der Ansatz der Produktion sozialer Ordnung helfen, den Blick zu schärfen, wenn wir Inklusion und Exklusion nicht als zwei Zustände lesen, die sich binär verorten, sondern als stets koproduzierte Abstufungen auf einem Kontinuum der Zugehörigkeit. Der Ausgeschlossene steht nicht außerhalb der Ordnung, er bleibt in sie eingeschlossen, gerade indem sie ihn ausschließt. Giorgio Agamben nennt diese Operation eine einschließende Ausschließung (Agamben 1995). Die Migrationsforschung fasst dieselbe Logik über Paul Mecherils ›natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit‹ (Mecheril 2003), eine Ordnung, die Menschen in ein ›Wir‹ und ein ›Nicht-Wir‹ sortiert und Zugehörigkeit prekär macht. Soziale Ordnung entsteht über Operationen, die ein- und ausschließen. Die Idee einer Gemeinschaft ist dabei ein mobilisierbarer Operator.

Die Produktion sozialer Ordnung wiederum braucht Apparate. Die ›Volksgemeinschaft‹ produzierte sich weder allein auf Parteitagen noch allein auf dem Bückeberg, der selbst Infrastruktur und Medium war. Sie wurde in Ämtern und auf Papier hergestellt: in Meldekarteien, Erbkarteien und Sippenakten, ebenso aber auch in Tagebüchern, Fotos und Denkmälern. Wie das praktisch aussieht, lässt sich an einem schlichten Vorgang zeigen. Eine Karteikarte, auf der eine Rubrik angekreuzt wird, macht in einem einzigen Verwaltungsakt aus der einen Person eine ›Volksgenossin‹ und aus der anderen eine ›Gemeinschaftsfremde‹. Nicht die Karte hält fest, wer dazugehört: Sie stellt die Zugehörigkeit erst her, und dieser Statusfestschreibung blieben Mobilisierbarkeit, Aufrufbarkeit. Ob jemand zum ›Volksgenossen‹ wurde, entschied sich also nicht allein im eigenen oder im kollektiven Zugehörigkeitsgefühl, sondern in einer Akte. Letztlich hat 1933 eine soziale Gruppe den Staat übernommen und mit ihm dessen Klassifikationsmacht (Bourdieu 1982); im NS-Staat wurde Teilhabe an dieser Macht, das Mitsortieren der anderen, zu einem Weg, um die eigene Zugehörigkeit zu reklamieren. Unter die Klassifizierenden eingeordnet zu werden, bot Potenzial für den Erwerb von sozialem Kapital, und zu klassifizieren stabilisierte die Zugehörigkeit.

Diese imaginierte Gemeinschaft der NS-Gesellschaft machte sich also selbst, letztlich mit brutaler Gewalt: Boykott, Denunziation, Pogrom, Mord waren nicht Folgen einer bereits bestehenden Gemeinschaft. Es waren die Akte, in denen sie sich überhaupt erst hervorbrachte. Wenn in der Forschung vom Mitmachen die Rede ist, meinen wir eine Mitmachveranstaltung mit tödlichem Ausgang.

Sich an diesem Prozess zu beteiligen oder ihm ausgeliefert zu sein, blieb nicht folgenlos. Es verändert nicht nur die soziale Position, sondern auch das Handeln. Ian Hacking hat das die Rückkopplung des ›making up people‹ genannt (Hacking 1986): Wer benannt wird, verändert sich, und die veränderten Menschen verändern wiederum die Kategorie. Das gilt für die Ausgeschlossenen ebenso wie für jene, die sich durch Akzeptanz, Zuschauen und Täterschaft positionierten. Auch sie wurden zugerichtet, in Rollen und Figuren, in die sie sich selbst hineinreklamierten.

Aus solchen Überlegungen ergeben sich rasch auch Ableitungen für unseren Umgang mit Sprache. Rogers Brubaker und Frederick Cooper unterscheiden zwischen Kategorien der Praxis und Kategorien der Analyse (Brubaker/Cooper 2000). ›Volksgemeinschaft‹ ist eine Kategorie der Praxis, ein Quellenbegriff, kein Analysebegriff. Das Wort gehört den Täter:innen. Die Aufgabe der Forschung ist die Analyse seiner Herstellung, nicht die reproduzierende Übernahme. Mit Émile Durkheim ließe sich formulieren: Der eigentliche soziale Tatbestand (Durkheim 1895) ist nicht die ›Volksgemeinschaft‹, sondern der Herstellungsprozess in seiner Macht.

Solche Überlegungen sind keine Begriffsgeschichte um ihrer selbst willen. Die Ideologeme der NS-Zeit begleiten uns noch immer, auch wenn sie sich in andere Begriffe kleiden. Armin Nassehi hat in seinem Briefwechsel mit Götz Kubitschek (geführt 2014, veröffentlicht 2015) den Kern rechten Denkens darauf zurückgeführt, dass menschliche Existenz nur noch als unhintergehbare Gruppenexistenz vorstellbar werde (Nassehi 2015). Über diesen Befund lässt sich zuspitzen: Diese Gruppe wird ethnisch, kaum verhüllt auch rassisch definiert, und sie funktioniert nach derselben Logik der einschließenden Ausschließung wie die historische ›Volksgemeinschaft‹.

Forschung und Vermittlung stehen damit vor einer gemeinsamen Herausforderung. Eine Produktionsperspektive bewährt sich erst dort, wo sie sich in eine Führung oder eine Unterrichtsstunde übersetzen lässt. Die Frage nach dem Apparat ist nichts anderes als quellennahe, konkrete Arbeit, wie die Gedenkstätten sie täglich leisten und wie sie der Workshop an der Osnabrücker Kartei vorgeführt hat; das Figurenpaar verlangt, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen, dort, wo nur der ›Volksgenosse‹ im Bild ist, ebenso wie dort, wo sein Opfer in den Blick genommen wird und der Täter abwesend scheint. Eine Schwierigkeit bleibt: Wer die Produktion von Gemeinschaft adressiert, kann Gefahr laufen, den Produzenten mehr Raum zu geben als den Ausgeschlossenen und der Stabilisierung sozialer Ordnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als deren Bruchstellen. Dagegen hilft ein ständiger Perspektivenwechsel. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist nicht das Erklärende, die Produktion sozialer Ordnung mit Hilfe dieses Ideologems ist das, was erklärt werden muss.

Literaturauswahl

  • Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002 (it. 1995).
  • Bondzio, Sebastian: Doing ›Volksgemeinschaft‹. In: Geschichte und Gesellschaft 47/3 (2021), S. 343–379.
  • Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982 (frz. 1979).
  • Brubaker, Rogers / Cooper, Frederick: Beyond „Identity“. In: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47.
  • Durkheim, Émile: Die Regeln der soziologischen Methode (frz. Les règles de la méthode sociologique, 1895).
  • Hacking, Ian: Making Up People. In: Thomas C. Heller u.a. (Hg.): Reconstructing Individualism. Stanford 1986.
  • Koselleck, Reinhart: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. In: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1979.
  • Mecheril, Paul: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster/New York 2003.
  • Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann, Hamburg 2015.
  • Rass, Christoph: Verfolgung als arbeitsteilige Praxis. Die Gestapo Osnabrück, das NS-Haftsystem und die ›Volksgemeinschaft‹ im Spiegel einer Karteiüberlieferung. In: Osnabrücker Mitteilungen (2026, eingereicht).
  • Trouillot, Michel-Rolph: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston: Beacon Press 1995.

›Twice Displaced‹: Queeres ›Displacement‹ im Europa der Nachkriegszeit, Vortrag vom 4. Juni

4. Alfred-Landecker-Lecture mit Samantha K. Knapton (University of Nottingham)

Als Pierre Seel, nach Lager und Wehrmacht 1945 ins Elsass zurückgekehrt, Jahrzehnte später über seine Befreiung schrieb, formulierte er einen ernüchternden Befund: Die wahre Befreiung habe nur den anderen gegolten, nicht ihm. Seel war als homosexueller Mann denunziert, verfolgt, interniert und zum Schweigen gebracht worden. Seine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung blieb zu Lebzeiten aus. Genau an diesem Bruch zwischen einem Kriegsende, das Befreiung verspricht, und einer Nachkriegsordnung, die fortgesetzte Verfolgung organisiert, setzt der Vortrag von Samantha Knapton an.

In der von Sebastian Musch eröffneten und gemeinsam mit dem IMIS und dem SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ ausgerichteten vierten Alfred-Landecker-Lecture entwickelte die Historikerin aus Nottingham, deren erste Monographie den polnischen ›Displaced Persons‹ im britisch besetzten Deutschland gilt (Knapton 2023), ein analytisches Konzept, das sie ›twice displaced‹ nennt. Der Vortrag entfaltete es in drei Bewegungen: einer begriffskritischen Bestimmung des doppelten ›Displacement‹, einer methodischen Reflexion über die Lesbarkeit queerer Geschichte im Archiv und einer mikrohistorischen Vertiefung am Fall Seel.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Die erste These ist zugleich eine Leerstelle: Eine Geschichte des queeren ›Displacement‹ in der unmittelbaren europäischen Nachkriegszeit existiert bislang kaum. Knapton füllt diese Lücke nicht nur durch das Auffinden bislang ungelesener Quellen, sondern durch eine begriffliche Operation. ›Twice displaced‹ meint, dass jene, die zugleich queer und von ›Displacement‹ betroffen waren, mit dem Kriegsende keineswegs an ein Ende ihres ›Displacement‹ gelangten. Die Rekonstruktionsordnung der späten 1940er und 1950er Jahre, von Zeitgenossen als Projekt einer ›Re-Zivilisierung‹ der Gesellschaft gerahmt, schloss sie ein zweites Mal aus: diesmal nicht aus einem Territorium, sondern aus der Anerkennung und aus dem eigenen Leben. Die 1950er Jahre, das ›straighteste‹ Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, errichteten eine Normalität, in der für queere Überlebende kein Ort vorgesehen war. Ihr ›Displacement‹ war also nicht allein physischer Natur, sondern verstetigte sich als dauerhafter Ausschluss aus den früheren Biografien.

Die zweite These betrifft das Archiv und trifft den Kern unserer eigenen methodischen Debatten in der historischen Migrationsforschung. Geschichten queeren ›Displacement‹ sind, so Knapton, nicht abwesend, sondern unlesbar: nicht, weil die Quellen fehlen, sondern weil die übliche empiristische Lektüre an ihnen scheitert. In den Akten erscheinen die Betroffenen als Kategorie der Repression: als ›asozial‹ oder ›politisch‹ in den Verzeichnissen der Konzentrationslager, als Devianz in medizinisch-psychologischen Gutachten, als Kuriosum oder Straftatbestand in den Unterlagen humanitärer Organisationen, alliierter Besatzungsbehörden und arbeitsmarktpolitischer Programme. Eine Bergung dieser Geschichten verlangt daher dreierlei: die ›Stimmen in der Mitte‹ (Fürsorgepersonal, Verbindungsoffiziere), die Rekonstruktion physischer Trajektorien und eine kulturhistorische Relektüre fast jeder Quelle. Wer diese Akten allein nach dem Maßstab klassischer Empirie behandelt, übt nach Knapton eine Form ›epistemischer Gewalt‹. Vielmehr gelte es, eine fragmentarische, lückenhafte und frustrierende Geschichte auszuhalten, eine Haltung, die sie mit Žižek als ›enthusiastische Resignation‹ beschreibt: Wir werden keine lineare Erzählung gewinnen, dürfen uns aber gleichwohl nicht aus dem Archiv zurückziehen.

Besonders prägnant wird die These dort, wo sie die Produktion administrativer Kategorien sichtbar macht. Der Status ›Displaced Person‹ war ein Eligibilitätsartefakt: kriegsbedingt displaced, nicht aus ehemaligem Feindgebiet stammend, anspruchsberechtigt gegenüber der internationalen Hilfe. Viele queere Verfolgte erreichten die Lager gar nicht erst, weil der nicht aufgehobene §175 sie weiter in Haft hielt. Die Alliierten setzten diesen Paragraphen nach 1945 nicht außer Kraft, sondern lasen ihn als Kontinuität des deutschen Strafrechts und verfolgten weiter auf dieser Grundlage bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, die den staus quo ebenfalls fortschrieben. Deutlich wird damit: Das Ausbleiben queerer Verfolgter in den ›DP‹-Lagern ist keine empirische Lücke, sondern ein Produkt der Kategorie selbst.

Am dichtesten verdichtet Knapton ihr Argument im Fall Pierre Seels. Als Sechzehnjähriger meldet Seel den Diebstahl einer Taschenuhr und gerät, weil der Tatort als queerer Treffpunkt bekannt ist, auf eine polizeiliche Liste. Nach der Annexion des Elsass und der Anwendung des §175 wird er 1941 von der SS verhaftet, gefoltert und im Lager Schirmeck interniert; dort wird sein Geliebter Jo vor seinen Augen ermordet, ein Ereignis, das sein Erinnern fortan organisiert. Seine Freilassung bindet das Regime an zwei Bedingungen: Schweigen und deutsche Staatsangehörigkeit. Als zwangsweise Eingebürgerter wird Seel in die Wehrmacht gezogen, ein ›Malgré-nous‹, dessen Erinnerungslücken an der Ostfront bis heute Fragen nach Täterschaft offenhalten. Erst in den frühen 1980er Jahren, angestoßen durch Heinz Hegers ›Die Männer mit dem rosa Winkel‹, bricht er sein Schweigen. Anerkennung durch den französischen Staat als wegen seiner Homosexualität Deportierter erhält er nie. Seel stirbt 2005, nach eigenem Verständnis staatenlos.

Knapton rahmt diesen Fall mit zwei Bezugspunkten, die auch unsere Diskussion trugen. Joanna Ostrowska zeigt für den polnischen Kontext, wie ›Zahl, Nationalität und Gewalt‹ mobilisiert werden, um queere Geschichten als nicht erzählenswert zu markieren, bis hin zur Umetikettierung ihrer eigenen Forschung als Soziologie oder Anthropologie, die der queeren Vergangenheit gerade die historische Existenz abspricht. Anna Hájková wiederum macht mit ihrem Konzept der ›historical citizenship‹ die Zeugenschaft zum konstitutiven Akt: Wer bezeugt, wird Bürger:in der Geschichte. Beide Perspektiven verschieben die Frage von der Quellenlage zur Lektüre, und beide treffen damit ein Anliegen, das die NGHM, das IMIS und der SFB 1604 teilen: die langfristigen, oft transgenerationalen Folgen erzwungener Mobilität gerade für marginalisierte Gruppen ernst zu nehmen.

Was Knapton vorführt, ist weniger ein abgeschlossener Befund als ein Programm. Ob ›Displacement‹ für beide Bewegungen, die kriegsbedingte Deportation und die nachkriegszeitliche soziale Schließung, denselben analytischen Dienst leistet, bleibt produktiv offen, ebenso wie die Frage, welches Kriterium eine disziplinierte Rekonstruktion vom Hineinlesen ins Schweigen scheidet. Gerade Seels Fall, Opfer und mögliches Werkzeug zugleich, ist die härteste Probe auf diese Methode. Wer solche Akten liest, als verlangten sie nichts als empirische Gewissheit, vergisst die Verfolgten ein zweites Mal.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Research Revisited | Zwölf Jahre Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück

Konfliktlandschaften in Osnabrück:
Zwischenbilanz nach zwölf Jahren

Im Frühjahr 2026 läuft das Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history” auf Hochtouren seinem Abschluss entgegen. Das Vorhaben baut auf einer Vorarbeit auf, die zwischen 2020 und 2022 im BKM-Programm „Jugend erinnert” geoarchäologische Untersuchungen an emsländischen Lagerstandorten umfasste, und es markiert zugleich einen Stand: den einer Arbeit, die an der Universität Osnabrück seit 2014/15 systematisch betrieben wird. Genau diese Verschränkung von laufender Forschung, universitärer Lehre und öffentlicher Vermittlung gibt den Anlass, einen Rückblick auf zwölf Jahre Konfliktlandschaftsforschung zu unternehmen.

Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) in sechs Schritten. Im Folgenden werden zunächst aktuelle Formate forschenden Lernens skizziert, sodann das laufende Emslandlager-Projekt im Detail vorgestellt. Ein dritter Abschnitt geht in die Genese der IAK seit 2014/15 zurück und zeichnet ihre konzeptionelle Grundlegung und ihre Kooperationsstruktur nach. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Zugriffs, der die Osnabrücker Position im Feld der conflict landscape studies markiert. Ein chronologischer Überblick über Projekte, Tagungen und Publikationen zwischen 2014 und 2025 schließt sich an. Eine Bilanz schließt den Beitrag und fragt nach den institutionellen Bedingungen, unter denen sich der Osnabrücker Ansatz in Forschung, Lehre und Vermittlung verstetigen lässt.

Mitarbeiterinnen bei der Digitalisierung im Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation.” (Imke Selle)

I. Forschendes Lernen 2025/26

Die Konfliktlandschaftsforschung an der Universität Osnabrück ist konsequent in Lehrveranstaltungen eingebunden, die vermitteln, wie Gewaltereignisse ihre Schauplätze überformen und wie sich daraus in der longue durée die Produktion von Deutung und Bedeutung, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwickelt. Eine Reihe von Formaten aus den Jahren 2025 und 2026 macht das exemplarisch sichtbar.

Im März 2025 führte eine Tagesexkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover. Im Juni 2025 erprobten Imke Selle und ihr Team im Rahmen eines Digital-Public-History-Workshops in der Gedenkstätte Esterwegen mit Schüler:innen des Georgianum Lingen ein 360°-Angebot über die fünfzehn ehemaligen Lagerstandorte und die neun Lagerfriedhöfe. Am 28. November 2025 folgte eine weitere Tagesexkursion nach Esterwegen, ebenfalls unter Leitung von Imke Selle.

Im Wintersemester 2025/26 thematisierte Christoph Rass die Perspektiven der Konfliktlandschaftsforschung an der NGHM-Professur in der Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Holocaust”. Aus der Vorlesung heraus folgte eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren. Am 19. Januar 2026 wurde im Bürgerhaus Ibbenbüren der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano gezeigt, der das Schicksal von Anna Strishkowa rekonstruiert, die als knapp Vierjährige im Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau registriert wurde. Am 27. Januar 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren ins Kulturhaus Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ein. Vorgesehen war ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaustüberlebender aus Kiew; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, stand erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt. Christoph Rass übernahm die historische Einführung. Das Format des Zeitzeugengesprächs bot eine andere Rahmung als die Filmvorführung am 19. Januar: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm stand das direkte Gespräch im Vordergrund, sodass die Studierenden beide Vermittlungsformate erleben und miteinander vergleichen konnten.

Eine ebenfalls im Januar 2026 durchgeführte zweistufige Exkursion unter Leitung von Imke Selle führte die Studierenden zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme: am 16. Januar war eine Gruppe vor Ort mit Führung und kritischer Auseinandersetzung mit der Ausstellung zur Lager-SS, am 23. Januar folgte eine zweite Exkursion digital durch die Audio-Rundgänge und 360°-Touren der vollständig digitalisierten Gedenkstätte. Das Format prüft die analoge und die digitale Erschließung eines Gewalt- und Erinnerungsortes nicht als Alternativen, sondern als Komplemente.

Forschendes Lernen gehört zum Profil der IAK seit ihren Anfängen. Die Karya-Prospektion im Frühjahr 2023 wurde als Exkursion von Studierenden mitgetragen, das aktuelle Emslandlager-Projekt ist um ein Projektseminar herum angelegt. Posterpräsentationen, Tagesexkursionen zu Gedenkstätten und die Tiny Desk Kolloquien bilden stehende Formate, in denen Forschung, Vermittlung und Lehre nicht nacheinander, sondern ineinander wirken.

II. Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation

Das aktuell laufende Projekt operiert auf einer Fläche, die sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt: Fünfzehn Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager existierten zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Die meisten Standorte sind heute weder als Gedenkort markiert noch oberirdisch sichtbar. Sie sind Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohngebiet. Genau hier setzt das Projekt an: Es dokumentiert die Transformation dieser Orte über neunzig Jahre hinweg digital, von der Gründung der Lager bis zur Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen, die als einzige Erinnerungsinstitution stellvertretend für das gesamte Lagersystem steht.

Aufnahme des Lagers Börgermoor am ehemaligen Lagerstandort (Imke Selle).

Methodisch verbindet das Vorhaben 360°-Panorama, 3D-Scan, UAV-Photogrammetrie und geoarchäologische Prospektion mit forschendem Lernen in der universitären Lehrer:innenbildung. Die Digitalisierungskampagnen begannen im März 2024 mit ersten Aufnahmen an mehreren Standorten; im Mai und Juni 2024 wurden die Lager IX Versen und XI Groß-Hesepe auf den Geländen der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen systematisch erfasst; 2025 folgten weitere Standorte sowie eine zweite Studierendenexkursion zu den Lagern Neusustrum, Oberlangen, Dalum, Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) und Wietmarschen. Die Bündelung der Daten in einer digitalen Public-History-Infrastruktur dient zweierlei: einer empirischen Rekonstruktion der ›Emslandlager‹ als Verwaltungs- und Gewaltraum, und einer didaktischen Übersetzung, die Studierende, Schüler:innen und die regionale Öffentlichkeit als Adressat:innen mitdenkt.

Das Projekt entstand an der Universität Osnabrück und wird seit dem Wechsel von Lale Yildirim an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 2024 als Kooperation zwischen ihr und Prof. Dr. Christoph Rass an beiden Standorten und mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen umgesetzt. Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstätte bearbeiten gemeinsam ein Vorhaben zwischen Forschung, Lehre und Vermittlung.

III. Konzeptionelle Grundlagen seit 2014

Die IAK formiert sich 2014/15 als interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Geschichte (epochenübergreifend), Historische Migrationsforschung, Archäologie, Geoarchäologie, Fernerkundung und digitale Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt werden. Sie entstand damals auf der Grundlage von mehr als zwei Jahrzehnten Kooperation des Historischen Seminars mit seiner Professur für Archäologie der römischen Provinzen mit dem Museum und Park Kalkriese am Ort der Varus-Schlacht. Aus der Forschung dort stammt ein Befund, den die IAK in ihre Arbeit übernimmt und weiterführt: die These, dass post-battle processes, also die langfristigen Überformungen eines Gewaltortes nach dem unmittelbaren Kampfgeschehen, für das Verständnis historischer Konfliktlandschaften nicht weniger relevant sind als die Ereignisrekonstruktion selbst.

Die IAK übersetzt diesen Befund in ein eigenständiges Programm. Während battlefield archaeology einen Ort als Rekonstruktion des militärischen Geschehens liest, weitet der Osnabrücker Ansatz den Begriff in zwei Richtungen aus: zeitlich, indem nicht nur der Ereignishorizont, sondern auch die diskursive, materielle und erinnerungskulturelle Transformation des Ortes über die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) hinweg untersucht wird, und thematisch, indem nicht nur ›Schlachtfelder‹ im engeren Sinne adressiert werden, sondern auch Lagerlandschaften, Vernichtungsorte der Shoah, Besatzungsräume, Grenzregime und Orte der Zwangsarbeit. Christoph Rass umreißt die Arbeit der IAK mit einem Satz: „Wir untersuchen gewaltüberformte Orte als Konfliktlandschaften mit einem integrierten Methodenspektrum, das von den Naturwissenschaften bis zu den Geistes- und Kulturwissenschaften reicht.”

Andreas Stele (Physische Geographie) erklärt den Teilnehmer:innen der Herbstschule in Aschendorfermoor (Projekt ‘Boden|Spuren’) die Funktionsweise des Georadars.

Institutionell ist die Gruppe derzeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung angesiedelt. Mit der Neubesetzung der Professur für Archäologie geht die Leitung an Prof. Dr. Marcus Zagermann über. Seit 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler:innen im Verbund mitgearbeitet oder mit der Gruppe kooperiert. Die Kerngruppe innerhalb der Universität Osnabrück umfasste in den Jahren 2014 bis 2024 beispielsweise Joachim Härtling und Andreas Stele (Physische Geographie), die jeweiligen Vertreter der Archäologie, Björn Waske, Thomas Jarmer und Marcel Storch (Fernerkundung und Digitale Bildanalyse, Informatik), Andreas Brenne (Kunstpädagogik) sowie, bis zum Wechsel an die CAU Kiel im Jahr 2024, Lale Yildirim (Geschichtsdidaktik). Eine Übersicht über Mitglieder und Kooperationen dieser Phase ist auf der Webseite der Gruppe zugänglich.

Außerhalb der Universität Osnabrück sind aus dieser Zeit zahlreiche Kooperationsstränge gewachsen, die je einen analytischen Konvergenzpunkt markieren. Die längste, andauernde Zusammenarbeit besteht mit der Geschichtswerkstatt Minsk und Aliaksandr Dalhouski: Die gemeinsame Arbeit ist auf die Untersuchung der Konfliktlandschaften aus deutscher Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus gerichtet, von Maly Trostenez über die ›verbrannten Dörfer‹ bis zur ›Bandenbekämpfung‹, die in mehreren Projekten und in Lehrkooperationen ausgreift. Mit Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) bündelt sich die Griechenland-Arbeit: Schneiders Datenbank zu deutschen Militär- und paramilitärischen Einheiten in Griechenland 1941–1944/45 ist ebenso wie das App-Projekt Pan-history und das Karya-Vorhaben ein gemeinsamer Bezugspunkt. Mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group an der TU Dortmund konvergiert die Zusammenarbeit auf der Verknüpfung von maschinellem Lernen und historischen Quellenkorpora, zuletzt in der gemeinsamen Publikation des CM1-Datasets auf der ICDAR 2025. Mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen liegt der gemeinsame Bezugspunkt zunächst in „Boden|Spuren” (2020–2022) und dann im aktuellen Emslandlager-Projekt, das die Konfliktlandschaft Emsland in den Mittelpunkt rückt. Weitere abgeschlossene Projektkooperationen schließen an: die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin im Karya-Verbund (2022–2024), der Landschaftsverband Rheinland im Hürtgenwald-Projekt (2020–2024), die Universität Göttingen, die Universität Lettlands in Riga und das Museum Friedland im Vorhaben „In Stein gemeißelt?” (2022–2023).

IV. Methodenkette, Disziplinverbund, Feldforschung

Methodisch verbindet die Konfliktlandschaftsforschung ein Set nicht-invasiver und geophysikalischer Verfahren mit Quellenarbeit, Kartographie und digitaler Public History. LiDAR-Fernerkundung, Magnetometrie, Georadar und Geoelektrik dienen der Detektion unterirdischer Strukturen; UAV-Photogrammetrie und 3D-Scanning erfassen Oberflächenbefunde in hoher Auflösung; 360°-Aufnahmen dokumentieren den heutigen Zustand der Orte und machen ihn in virtuellen Rundgängen erfahrbar. Die so erzeugte Evidenz tritt in einen analytischen Dialog mit Archivquellen, Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Satellitenbildern aus der Nachkriegszeit, Zeitzeugenberichten und kartographischer Überlieferung. Erst wenn diese Multimodalität robust ist, kommen invasive Verfahren (Bohrungen, Sondagen, Grabungen) überhaupt in Betracht. Die methodische Reihenfolge ist nicht bloß forschungsökonomisch begründet. Sie nimmt eine ethische Position gegenüber Orten ein, an denen Menschen verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Aus dieser Praxis hat die IAK eine Typologie entwickelt, die neuzeitliche Konfliktlandschaften in drei Klassen einteilt: Typ 1 weist bauliche Überreste auf, Typ 2 ist durch deutliche Oberflächenbefunde gekennzeichnet, Typ 3 besitzt weder offenkundige bauliche Überreste noch Oberflächenspuren. Diese Klassifikation ist nicht nur eine akademische Sortierordnung. Sie hat Folgen: Sie strukturiert die Wahl der Verfahren, sie bestimmt, was als Befund überhaupt entstehen kann, und sie macht sichtbar, dass viele Gewaltorte des 20. Jahrhunderts heute zur dritten Klasse gehören, also Orte ohne Marker sind, an denen die Forschung erst die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass sie als Erinnerungsorte überhaupt diskutiert werden können.

Die fünf seit Gründung der Gruppe beteiligten Disziplinen (Physische Geographie, Archäologie, Informatik, Geschichtswissenschaft, Künstlerische Gestaltung) verstehen sich dabei weder als additive noch als konkurrierende Sichten, sondern als sich wechselseitig bereichernde Zugänge in ständigem Austausch. Das ist eine Form von Interdisziplinarität, die über eine bloße Nebeneinander-Stellung disziplinärer Befunde hinausgeht. Sie verlangt eine gemeinsame Arbeit am Gegenstand und produziert eine Evidenzform, die in keinem der beteiligten Fächer allein entstünde.

V. Projekte, Tagungen, Publikationen

Frühphase 2015–2017: Verortung des Ansatzes

Die epochenübergreifende Ausrichtung der Gruppe dokumentieren zwei interepochale Exkursionen, die ihr Profil sichtbar machen. Im Jahr 2015 führt eine gemeinsame Exkursion Christoph Rass und Christiane Kunst (Alte Geschichte) in die Troas im Nordwesten der heutigen Türkei und liest die Region unter dem Titel „Die Troas zwischen Antike und Erstem Weltkrieg” als gestaffelte Konfliktlandschaft, in der sich die Schlacht am Granikos (334 v. Chr.), die troianischen Mythen und die Kämpfe um die Dardanellen 1915 überlagern. Aus dieser Exkursion geht 2018 Christiane Kunsts Sammelband Alexander der Große am Granikos hervor; ein zugehöriger Aufsatz von Kunst und Anna Katharina Romund eröffnet 2022 unter dem Titel „Granikos. Die Schlacht im Kopf” auch Band 1 der Reihe Konfliktlandschaften. Zwei Jahre später, 2017, folgt eine zweite interepochale Exkursion von Christoph Rass, Christiane Kunst und Thomas Vogtherr (Mittelalter) nach Malta, in eine Insellandschaft, deren konfliktgenetische Schichten von der Antike über die Belagerung von 1565 bis zu den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs reichen. Beide Exkursionen unterlegen den Anspruch, Konfliktlandschaften nicht epochenspezifisch zu denken, mit konkreter Feldforschung, die sich wiederum mit der universitären Lehre verschränkt.

Bereits im Juni 2016 zeigt die IAK in der Kunsthalle Osnabrück gemeinsam mit der Forschenden Kunst erste Ergebnisse ihrer multiperspektivischen Betrachtung unter dem Titel „Konfliktlandschaften erkunden: Eine Spurensuche zwischen Grund und Gründen”, bezeichnenderweise als Workshop mit Ausstellung, also in einem Format, das die künstlerische Auseinandersetzung gleichrangig neben die wissenschaftliche stellt. Im November 2016 folgt ein zweiter Workshop in Kalkriese, der die Kooperation mit dem Museum vertieft.

Konsolidierungsphase 2018–2019

Eine erste Konsolidierungsphase erreicht die Gruppe 2018/19. Im Oktober 2018 richtet sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Museum Kalkriese die Jahrestagung „Konfliktlandschaften. Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog” aus.

Im Oktober 2019 folgt mit dem Landschaftsverband Rheinland in Köln die internationale Fachtagung „Konfliktlandschaft Hürtgenwald”, im November 2019 in Osnabrück ein Methodenworkshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der den Einsatz konfliktarchäologischer Verfahren für die Dokumentation von Massengräbern der Shoah ausleuchtet. Parallel laufen ab 2017 das EVZ-geförderte Projekt zu transnationalen Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit und Migration, ab 2018 die Prospektion Schärpenburg in Heede, ab 2019 die Kooperation in einer Datenbank zur deutschen Besatzung Griechenlands 1941–1944/45.

Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im Hürtgenwald (Mirjam Adam).
Hochphase 2020–2024: Drei parallele Forschungsfelder

Die Jahre 2020 bis 2024 bilden eine besonders dichte Phase. Drei zentrale Stränge laufen parallel: erstens der Hürtgenwald, zweitens die ›Emslandlager‹, drittens die osteuropäischen Vernichtungsorte.

Hürtgenwald. Im Hürtgenwald führt die IAK von 2020 bis 2024 das vom LVR geförderte Projekt „Lernort ›Schlachtfeld‹? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald” durch. Eine Kampagne im August 2020 dokumentiert anthropogene Eingriffe entlang des Kall-Trails und macht Raubgrabungen sowie Re-enactor-Aktivitäten sichtbar; weitere Feldforschungen im März 2023 ergänzen die Aufnahme; im November 2023 schließt die Abschlusstagung „Lernort Schlachtfeld? Der Hürtgenwald im Blick interdisziplinärer Forschung und kritischer Vermittlung” die Arbeit ab. Das Vorhaben verbindet Feldforschung und Vermittlung mit der Analyse einer problematischen lokalen Geschichtskultur, in der Militaria-Literatur und Re-enactment revisionistische Narrative reproduzieren. Eine Reihe digitaler Ausstellungen zu zentralen Orten dieser Konfliktlandschaft ist öffentlich zugänglich:

→ https://konfliktlandschaften.nghm-uos.de

Die Hürtgenwald-Forschung der IAK ist auch in den dokumentarischen Diskurs hineingewachsen. 2019 kooperierte die Arbeitsgruppe mit National Geographic an der Reihe „Buried Secrets of WWII”; in der Folge „America’s Bloodiest Battle” (Staffel 1 Folge 4, 24. September 2019) untersuchen Pete Kelsey und Martin K.A. Morgan den Hürtgenwald mit Mitteln digitaler 3D-Modellierung. In eine weitere Episode der Reihe zur ›Vergeltungswaffe‹ V2 gingen magnetometrische Befunde der IAK an Einschlagstellen in Südengland und ein LiDAR-Geländemodell des Standortes des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora ein. Im Februar 2020 sendete der WDR Carsten Günthers Dokumentation „Die Schlacht im Hürtgenwald” aus, in der Christoph Rass Befunde der IAK als historischer Kommentator einordnet.

Emsland. Im emsländischen Kontext kooperiert die IAK ab 2020 im BKM-geförderten Programm „Jugend erinnert” mit der Gedenkstätte Esterwegen im Projekt „Boden|Spuren”, parallel mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten „Boden erinnert”. Im August 2020 detektiert ein Team unter Einsatz von Drohnen-LiDAR die Lage von Grabstellen auf der Kriegsgräberstätte Dalum, wo zwischen 8.000 und 16.000 Opfer der NS-Gewaltherrschaft beigesetzt sind: die Größenordnung allein zeigt, in welchen Dimensionen von Gewalt diese Projekte oft arbeiten. Im Dezember 2022 gehen erste Projektergebnisse online; im November 2022 schließt die dritte Herbstschule in Esterwegen das Projekt didaktisch ab.

Osteuropa und Südosteuropa. In Osteuropa und im südosteuropäischen Raum entstehen zwischen 2021 und 2024 vier zusammenhängende Projekte. Das Auswärtige Amt fördert von 2021 bis 2023 die „Geoarchäologische Detektion und Dokumentation von Vernichtungsorten der Shoah in der Ukraine”. 2021/22 entsteht in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Minsk und unter EVZ-Förderung im Programm „Jugend erinnert” die digitale Erschließung des Vernichtungsortes Maly Trostenez, 2022 der „Virtuelle Lernort Malyj Trostenez/Maly Trascjanec”. Von 2022 bis 2024 läuft, ebenfalls mit der EVZ und mit Minsk, das Projekt „Гвалт і памяць — Mapping the Co-Presence of Violence and Memory in Belarus”, das die Geschichte der ›verbrannten Dörfer‹ und der nationalsozialistischen ›Bandenbekämpfung‹ im Zentrum hat und in mehreren Publikationen, zuletzt im Sammelband Verbrannte Dörfer (Berlin 2024) und in Ost-West 26/4 (2025), seinen Niederschlag findet.

Teilnehmer:innen der Herbstschule in Dalum im Projekt “Boden|Spuren”.

Karya. Im griechischen Karya wird zwischen 2022 und 2024 ein öffentlichkeitswirksames Projekt der jüngeren Geschichte der Gruppe umgesetzt. Im Frühjahr 1943 hatten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland verschleppt, um sie unter tödlichen Bedingungen einen mehr als 20 Meter tiefen Hangeinschnitt graben zu lassen. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 führte ein Team der IAK unter Leitung von Christoph Rass am Ort eine geoarchäologische Prospektion durch.

Die Ergebnisse fließen in die dreisprachige Wanderausstellung „Karya 1943 — Zwangsarbeit und Holocaust” sowie in den 2026 erschienenen gleichnamigen Katalog ein, herausgegeben vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Stiftung Denkmal und der Universität Osnabrück. Die Ausstellungswebsite macht die Ergebnisse zugänglich:

→ https://karya1943.eu

Im IAK Working Paper 3 sind Methodik und Befunde der Prospektion dokumentiert, im IAK Working Paper 4 der zugehörige Erfahrungsbericht. Parallel produzierte die IAK in Zusammenarbeit mit dem VirtUOS einen halbstündigen Dokumentarfilm über die Arbeiten in Karya.

→ Dokumentarfilm zur Prospektion.

Methodisch-programmatische Projekte und Tiny Desk

Parallel laufen zwischen 2023 und 2024 zwei kleinere, methodisch programmatische Projekte. „Pan-history”, gemeinsam mit Norbert de Lange (Umweltinformatik, Universität Osnabrück) und Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) und gefördert durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programmbereich Europäische und internationale Zusammenarbeit, entwickelt eine App für ein crowdsourcing-basiertes Langzeitmonitoring von Konfliktlandschaften und erprobt sie 2023 im Field-Test an Gewaltorten in Griechenland. Daneben läuft „In Stein gemeißelt? Digital erfahrbare Erinnerungsdiskurse im Stadtraum von Niedersachsen und Osteuropa” im Programm Zukunftsdiskurse, gemeinsam mit der Universität Göttingen, der Geschichtswerkstatt Minsk, der Universität Lettlands in Riga und dem Museum Friedland. 2023 kommt das Projekt „Von der ›Grünen Hölle‹ zum ›Grünen Band‹. Gedenkort ›Juliushütte‹” der Stiftung Naturschutz Thüringen hinzu, das unter Leitung von Dr. Frank Wolff einen Außenposten des KZ Mittelbau-Dora an der einstigen innerdeutschen Grenze adressiert. Im März 2023 findet zudem das gemeinsam mit Kalkriese veranstaltete Tiny Desk Kolloquium „Conflict Landscapes: Archäologie, Landschaftskonzeptionen, Narrative und Public History” statt.

Publikationen

Begleitet wird diese empirische Arbeit von einer wachsenden Zahl von Publikationen. Im Juli 2022 erscheinen die ersten beiden Bände der Reihe Konfliktlandschaften bei V&R/Brill, herausgegeben für die Arbeitsgruppe von Christiane Kunst, Christoph Rass, Thomas Vogtherr und Lale Yildirim. Band 1 versammelt 16 Beiträge zu Gewaltorten von der Antike bis in die Gegenwart, vier davon mit ersten Befunden zum Hürtgenwald-Projekt; Band 2 ist Frank Möllers Analyse revisionistischer Militaria-Literatur über die ›Schlacht im Hürtgenwald‹. Die Bände 3 und 4 sind in Vorbereitung. Aufsätze in Antiquity (zum Vossenack Ridge 2021 und zum Kall-Trail 2022), im Journal of Conflict Archaeology (zu post-battle processes 2011), in Zeithistorische Forschungen (zu GIS-Anwendungen 2022) sowie eine eigene Working-Paper- und Short-Report-Reihe (IAK WP 1–4, IAK SR 1–4) dokumentieren die einzelnen Stränge.

→ Publikationen

VI. Die Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung im Forschungsfeld

Aus mehr als zehn Jahren Arbeit ist insgesamt ein Zugriff hervorgegangen, der nicht in einem einzelnen Ort und nicht in einer einzelnen Epoche aufgeht. Die Arbeit der Gruppe legt nahe, dass „Konfliktlandschaft” als analytischer Begriff dann tragfähig wird, wenn er drei Eigenschaften verbindet: ereignisübergreifende Temporalität, also die systematische Mitanalyse der Transformationen nach dem unmittelbaren Gewaltgeschehen; methodische Mehrebenheit, also die Verschränkung geophysikalischer, geoarchäologischer, kartographischer, historiographischer, kulturwissenschaftlicher sowie didaktischer Verfahren; und reflexive Auseinandersetzung mit der Produktion von Erinnerungsorten durch wissenschaftliche, museale und politische Praktiken. Die in Osnabrück entwickelte Klassifikation der drei Konfliktlandschaftstypen ist gerade an Orten ohne sichtbare Spuren von forschungspraktischer Bedeutung: Sie führt zu einem anderen Blick auf die Produktion von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sensibilisiert für die Bedingungen der Produktion von Erinnerbarkeit.

Die Geschichte der IAK ist zugleich eine Geschichte ihrer Kooperationen. Ohne die langjährige Bindung an Kalkriese wäre der Methodentransfer von der Provinzialarchäologie in die Zeitgeschichte nicht in dieser Tiefe möglich gewesen; ohne die andauernde Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk, ohne die Verbünde mit der Gedenkstätte Esterwegen, der Stiftung Denkmal und dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, dem LVR und ohne die Bindungen an Valentin Schneider in Athen und Gernot A. Fink in Dortmund wären die größeren Projekte nicht durchzuführen gewesen. Die IAK ist insofern weniger ein abgeschlossener Forschungsverbund als eine Plattform: ein Knoten in einem Netz, das in unterschiedlichen Konstellationen mal aktiv, mal ruhend, mal neu geknüpft wird.

Genau hier liegt die Frage, die sich aus dem aktuellen Emslandlager-Projekt ergibt. Die Arbeit von Imke Selle und ihrem Team an den fünfzehn Lagerstandorten ist nicht nur die digitale Dokumentation eines historischen Lagersystems. Sie ist auch ein Test , ob die in der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung entwickelten Verfahren in einer Konstellation tragen, in der Forschung, Geschichtsdidaktik und Public History strukturell ineinandergreifen müssen, also über zwei Hochschulstandorte und eine Gedenkstätte hinweg, in der Lehrer:innenbildung wie in der Citizen Science, im Archiv wie im Feld. Was 2014 als interdisziplinäre Werkstatt begann, steht 2026 vor der Aufgabe, Studierende, Promovierende und Lehrende so in die laufende Arbeit einzubinden, dass sich die Methode als interdisziplinärer und epochenübergreifender Ansatz etabliert. Ob das gelingt, hängt nicht allein vom analytischen Anspruch ab, sondern davon, dass die institutionellen Bedingungen für diese Art von Forschung und Lehre weiter bestehen.


Aktivitäten, Exkursionen und Projekte der IAK werden laufend auf NGHM@hypotheses dokumentiert; eine Übersicht über Mitglieder, Tagungen, Working Papers und die Buchreihe findet sich auf den Seiten der NGHM-Professur.


Hin und wieder zurück | Digitale Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Ein Exkursionsbericht von Jule Kumbrink

Im Rahmen einer digitalen Tagesexkursion widmete sich eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück am 23. Januar 2026 der Geschichte und medialen Auseinandersetzung mit dem Konzentrationslager Neuengamme. Die von Imke Selle geleitete Exkursion stand unter besonderen Vorzeichen: Aufgrund des Wintereinbruchs mit Schnee und Eis wurde das ursprünglich geplante Format spontan in einer hybriden Form umgesetzt.

Der Einstieg in die Thematik erfolgte über eine literarische Vorbereitung. In Partnerarbeit wurde ein Text von Detlef Garbe1 diskutiert, in dem das Konzentrationslager Neuengamme als zentrales Konzentrationslager für den nordwestdeutschen Raum verortet wird. In diesem Zusammenhang wurde die historische Bedeutung des Ortes evident. Mit über 80 Außenlagern und einer Gesamtzahl von über 100.000 Häftlingen, von denen mindestens 42.900 Personen die Haft nicht überlebten,2 repräsentiert Neuengamme einen zentralen Schauplatz der NS-Verbrechen. In der Diskussion wurde insbesondere auf die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime hingewiesen. Die Stadt Hamburg verfolgte bereits seit dem Jahr 1935 Pläne für eine städtebauliche Neugestaltung des Altonaer Elbuferraums In diesem Rahmen war der Bau monumentaler Gebäude wie eines 250 Meter hohen Gauhochhauses und einer Volkshalle vorgesehen. Für diese Neugestaltung sollten in Neuengamme Klinkersteine hergestellt werden. Im Jahr 1940 schloss die Stadt einen Vertrag mit der SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) über den Bau eines großen Klinkerwerkes in Neuengamme. Im Rahmen der Exkursion reflektierten die Studierenden insbesondere die vielfältigen Zwangsarbeits-Einsätze, denen Häftlinge im KZ Neuengamme ausgesetzt waren: angefangen bei der schweren Erd- und Kanalbauarbeit an der Dove Elbe, über den Tonabbau und den Bau des Klinkerwerks bis hin zur Produktion in Rüstungsbetrieben. Diese schwersten körperlichen Arbeiten bei oft mangelnder Ernährung, langer Arbeitszeit und brutaler Bewachung machten die systematische Ausbeutung und das mit ihr verbundene Prinzip der “Vernichtung durch Arbeit” im KZ Neuengamme deutlich.

Das Klinkerwerk auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Frank Wobig)

Nach dieser theoretischen Grundlegung erfolgte die digitale Begehung des Lagers, welche in Form eines gemeinsamen 360-Grad-Rundgangs mit einem eher allgemeinen Fokus sowie mit einem Fokus auf sowjetische Kriegsgefangene in Neuengamme stattfand. Dieser Rundgang ermöglicht es, das heute weitläufige und baulich stark veränderte Gelände in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ein besonderes Angebot war die Begehung des Geländes mit Virtual Reality-Brillen für die vor Ort anwesenden Studierenden. Die Nutzung von VR-Brillen wurde zwar als innovatives und spannendes Angebot bewertet, jedoch wurde im Austausch auch eine kritische Distanz gewahrt. Die Studierenden berichteten, dass die Darstellungen in der Brille oft überlebensgroß wirkten, was dem angestrebten Gefühl, tatsächlich “vor Ort” zu sein, eher entgegenwirkte. Die Beobachtung verdeutlicht, dass Immersion in der Gedenkstättenpädagogik nicht per se zu einem besseren Verständnis führt, wenn die visuelle Skalierung eine Darstellung erzeugt, die eher eine ästhetische Wirkung als eine historisch reflektierte Rekonstruktion nahelegt.

Die VR-Brillen, mit denen die Studierenden das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme digital erkunden konnten (Foto: Imke Selle)

Auch hatten die Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen eines individuellen Rundgangs eigene Schwerpunkte innerhalb der digitalen Ausstellung zu setzen. Die digitale Ausstellung ist in zehn Kategorien unterteilt, die von der Geschichte des Standorts über den Alltag der Häftlingsgruppen bis hin zur Nachnutzung und heutigen Formen des Erinnerns reichen. Besonders hervorzuheben ist das Interesse vieler Studierender an der Nachnutzung des Geländes. Die Geschichte Neuengammes nach 1945 ist geprägt von einer langen Phase der Verdrängung. Nach dem Ende des Krieges wurde das Lager zunächst als Internierungslager durch die britischen Streitkräfte genutzt, bevor die Hamburger Justizbehörde dort 1948 ein Gefängnis eröffnete. Die Nutzung als Justizvollzugsanstalt Vierlande erstreckte sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und erschwerte den Aufbau einer angemessenen Gedenkstätte erheblich. Die Verlagerung des Gefängnisses und eine umfassende Neugestaltung des Areals konnten erst durch den Druck von Überlebendenverbänden wie der Amicale Internationale de Neuengamme und einen gesellschaftlichen Wandel in den 1980er Jahren durchgesetzt werden. Die Exkursionsgruppe erachteten diese komplexe Nachkriegsgeschichte als ein zentrales Element für das Verständnis heutiger Erinnerungskultur.

Haus des Gedenkens, die weißen Stoffbanden zeigen die Namen der Opfer nach Todesdatum aufgelistet (Foto: Frank Wobig)

Die Exkursion mündete in eine kooperative Phase, in welcher die Studierenden in Gruppenarbeit verschiedene Ausstellungsabschnitte vertieften und deren wesentlichste Merkmale präsentierten. Die Themen reichten von der Zwangsarbeit in der Ziegelproduktion über die Mobilisierung für die Kriegswirtschaft bis hin zur detaillierten Betrachtung deutscher und ausländischer Häftlingsgruppen sowie des Systems der Außenlager. Die Präsentationen verdeutlichten eindrucksvoll, in welchem Spannungsfeld das Konzentrationslager Neuengamme zu verorten ist.

Es lässt sich festhalten, dass die digitale Exkursion trotz – oder gerade wegen – ihrer hybriden Form eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort ermöglichte. Die Verbindung von theoretischer Vorbereitung durch die Texte Garbes, der individuellen Erkundung des 360-Grad-Rundgangs und der kritischen Reflexion technologischer Vermittlungsformen wie VR schärfte den Blick der Studierenden für die Komplexität der Gedenkstättenarbeit. Die digitale Begehung vermag die physische Erfahrung des Ortes nicht zu ersetzen, doch sie ermöglicht die Analyse historischer Strukturen, die vor Ort oftmals der emotionalen Wirkung des Geländes unterliegen. Ein digitaler Besuch des Lagers Neuengamme eröffnet die Möglichkeit, die historischen Narrative und ihre mediale Vermittlung kritisch zu analysieren. Auf diese Weise kann digitale Erkundung einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit im digitalen Zeitalter unterstützen.

  1. Garbe, Detlef: SS-Verbrechen in Norddeutschland. Das KZ Neuengamme, die Gedenkstätte und die Bewahrung der Erinnerung, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven, 5 (2001) S. 73-94. ↩︎
  2. Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. KZ‑Gedenkstätte Neuengamme: Geschichte, unter: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/. Zugriff: 2. März 2026. ↩︎

„Deutsche Hörer!” – Studierende entwickeln Perspektiven auf Thomas Manns Rundfunkansprachen

Studierendenkonferenz des Seminars „Deutsche Hörer! Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen als Quelle der Exil- und Migrationsgeschichte” im Wintersemester 2025/26.


Im Wintersemester 2025/26 haben Studierende der Universität Osnabrück in einem Blockseminar Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen ›Deutsche Hörer!‹ (1940–1945) nicht als literarisches Werk, sondern als historisches Dokument untersucht: als Quelle für die Geschichte erzwungener Migration und des Exils, als Material transnationaler Kommunikation unter den Bedingungen von Diktatur und Krieg, und als Gegenstand der Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Der dritte Seminartag hatte das Format einer Studierendenkonferenz: Vierzehn Vorträge, gegliedert in vier thematische Panels, präsentierten eigenständige Analysen desselben Quellenbestands und eröffneten dabei ein Spektrum an Zugriffen, das von mediengeschichtlicher Kontextualisierung über rhetorische Textanalyse und ideengeschichtliche Einordnung bis zur soziologischen Feldtheorie reichte. Der vorliegende Beitrag dokumentiert die Ergebnisse dieser Konferenz in drei Schritten: Zunächst verortet er das Seminar und seinen Gegenstand. Sodann gibt er die vierzehn Vorträge in der Reihenfolge des Programms wieder und versieht jeden Beitrag mit einer kurzen analytischen Einordnung. Daraufhin fasst er die übergreifenden Befunde zusammen, die sich aus der Zusammenschau der Beiträge ergeben.


Das Seminar und sein Gegenstand

Thomas Mann verließ Deutschland im Februar 1933 und kehrte von einer Vortragsreise nicht mehr zurück. Nach Jahren in der Schweiz emigrierte er 1938 in die Vereinigten Staaten; 1936 hatte ihm das NS-Regime die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Der Literaturnobelpreisträger von 1929 war damit zu dem geworden, was man damals als ›Emigranten‹ bezeichnete – ein Begriff, der die Perspektive der Vertreibenden übernahm und die Dimension erzwungener Migration verschleierte. Im amerikanischen Exil eignete sich Mann eine öffentliche Rolle an, die er zuvor nicht in dieser Form innegehabt hatte: Er wurde zur Stimme dessen, was er selbst und andere als das ›andere Deutschland‹ bezeichneten.

Im Herbst 1940 trat die BBC an Mann heran mit der Bitte, regelmäßig Ansprachen an die deutsche Bevölkerung zu halten. Die erste Sendung wurde am 18. Oktober 1940 ausgestrahlt; bis Mai 1945 folgten rund 55 weitere. Der Produktionsweg dokumentiert die materiellen Bedingungen dieser Form von ›Widerstandskommunikation‹: Mann sprach seine fünf- bis achtminütigen Ansprachen in einem Studio in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC auf Langwelle ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der zeigt, welche Infrastruktur notwendig war, um eine Stimme aus dem Exil in den geschlossenen Kommunikationsraum des sogenannten ›Dritten Reiches‹ zu bringen.

Das Seminar hat diese Quellengruppe bewusst aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung erschlossen. Die leitende Frage galt nicht der literarischen Qualität der Ansprachen, sondern ihrem Quellenwert für die Geschichte des Exils, der transnationalen Kommunikation und der politischen Rhetorik unter Kriegsbedingungen. Dabei stand die Spannung zwischen Ermöglichung und Begrenzung im Zentrum: Mann konnte aus dem amerikanischen Exil Dinge tun, die ihm im Reich unmöglich gewesen wären; zugleich musste er erfahren, dass seine Stimme nur unter bestimmten Bedingungen überhaupt ankommen konnte – wenn sie überhaupt ankam.

Der dritte Seminartag überführte die Ergebnisse der gemeinsamen Quellenarbeit in das Format einer Studierendenkonferenz. Das Programm gliederte die vierzehn Vorträge in vier thematische Panels: Annika Heyen moderierte das erste Panel zu Manns Wissen um den Holocaust und die alliierte Berichterstattung, Sebastian Musch leitete die ideengeschichtlichen Perspektiven des zweiten Panels, Sebastian Huhn führte durch das dritte Panel zu Demokratie, Realpolitik und Kriegsbegeisterung, und Jessica Wehner übernahm die Moderation des vierten Panels zu Rollenverständnissen und der Hörer-Redner-Beziehung. Die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass. Im Folgenden werden die Beiträge in der Reihenfolge des Programms dokumentiert.


Die Vorträge

Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung

Gesa Landwehr: „Deutsche Hörer!” als Teil des BBC German Service

Gesa Landwehr rekonstruierte den institutionellen Rahmen, in dem Manns Ansprachen entstanden, und verortete die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen im Kontext des BBC German Service als Propagandaapparat. Der Beitrag arbeitete die Doppelstruktur heraus, die Manns Position innerhalb der BBC kennzeichnete: Einerseits genoss er als Nobelpreisträger bemerkenswerte Freiheiten. Die BBC ließ ihm weitgehend freie Hand bei der inhaltlichen Gestaltung seiner Beiträge. Andererseits war er Teil einer institutionellen Struktur, die eigene propagandistische Ziele verfolgte und gelegentlich versuchte, besonders scharfe Formulierungen zu mildern. Zugleich zeigte Landwehr, dass BBC-interne Dokumente belegen, wie Manns ›Sonderstatus‹ – ein Begriff, der seine Stellung zwischen Instrumentalisierung und Autonomie markiert – immer wieder neu ausgehandelt werden musste.

Der Beitrag legte damit das institutionelle Fundament, auf dem alle weiteren Vorträge aufbauen konnten, und machte zugleich eine Spannung sichtbar, die für das gesamte Quellenkorpus konstitutiv ist: die Frage, inwieweit Mann Instrument alliierter Propaganda war und inwieweit er eine eigene Agenda verfolgte.

Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik”

Lea Horstmann untersuchte, wie Mann die nationalsozialistischen Verbrechen in seinen Ansprachen darstellte, und rekonstruierte dabei eine chronologische Entwicklung in vier Phasen – von einer zunächst abstrakten Darstellung der Verfolgung über die zunehmende Konkretisierung bis hin zur expliziten Dokumentation der Vernichtung. Die zentrale These des Vortrags lautete, dass Mann die NS-Verbrechen weniger dokumentarisch als vielmehr argumentativ einsetzte: als moralisches ›Exemplum‹, das die Hörerinnen und Hörer zur Einsicht und zum Handeln bewegen sollte. Die Grenze zwischen Aufklärung und Appell – so der Titel des Vortrags – erwies sich dabei als fließend.

Die Beobachtung, dass Mann Verbrechen nicht primär dokumentierte, sondern rhetorisch instrumentalisierte, ist ein Befund, der weit über die Quellenanalyse hinausweist und Fragen nach dem Verhältnis zwischen historischer Berichterstattung und politischer Überzeugungsarbeit aufwirft.

Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen

Felix Ruholl verfolgte die Entwicklung von Manns Holocaust-Berichterstattung chronologisch und identifizierte drei Phasen: eine Phase vager Andeutungen, eine Phase zunehmender Konkretisierung und schließlich eine Phase der direkten Konfrontation mit dem Ausmaß der Vernichtung. Der analytisch produktivste Befund lag in der sogenannten ›Spiegelthese‹: Ruholl argumentierte, dass Manns Berichterstattung nicht seiner individuellen Erkenntnislage folgte, sondern weitgehend den Informationsstand der amerikanischen Öffentlichkeit spiegelte – die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen wären demnach weniger ein Dokument exklusiven Wissens als vielmehr ein Gradmesser für die öffentlich verfügbare Information über den Genozid.

Die ›Spiegelthese‹ ist ein starkes Argument, das die Frage aufwirft, ob die Ansprachen als Quelle für die Wissensgeschichte des Holocaust gelesen werden können, und wenn ja, für wessen Wissen: das der amerikanischen Öffentlichkeit, das der Exilgemeinschaft oder das der BBC?

Anna Louisa Asbrock: „‚[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat’ – Die Darstellung des Nationalsozialismus”

Anna Louisa Asbrock analysierte Manns Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Systems und identifizierte drei analytische Zugriffe, die Mann in seinen Ansprachen miteinander verschränkt: die Kritik an der NS-Propaganda, die Dokumentation der Gewalt und die Personalisierung des Systems in der Figur Hitlers. Dabei zeigte der Vortrag, dass Mann den Nationalsozialismus nicht nur als politisches Regime, sondern als zivilisatorischen Bruch darstellte, eine Deutung, die das System als Ganzes delegitimierte, zugleich allerdings die Frage aufwarf, inwieweit Manns eigene Darstellungsstrategien – insbesondere die Personalisierung – den Strukturen ähnelten, die er am Regime kritisierte.

Die Beobachtung einer strukturellen Ähnlichkeit zwischen Manns rhetorischen Mitteln und denen der NS-Propaganda ist ein Befund, der in der Abschlussdiskussion der Konferenz eine zentrale Rolle spielen sollte.

Felix Ruholl, Lea Horstmann, Anna Louisa Asbrock, Gesa Landwehr und Annika Heyen im Gespräch mit dem Plenum (Foto: Jessica Wehner)

Panel II – Das „Böse”, die „Zivilisation” und der „Humanismus”: Ideengeschichtliche Perspektiven

Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische” – Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen

Gloria Sherif untersuchte, mit welchen sprachlichen Mitteln Mann das ›Böse‹ als analytische Kategorie in den Ansprachen konstruierte, und identifizierte drei rhetorische Strategien: Ironie, die Aneignung von ›Feindsprache‹ – also die bewusste Übernahme und Umcodierung nationalsozialistischer Begriffe – und eine Verurteilungsrhetorik, die das NS-Regime als Manifestation des schlechthin Teuflischen markierte. Dabei zeigte der Vortrag, dass Manns Konzeption des ›Bösen‹ nicht primär theologisch, sondern ästhetisch-moralisch grundiert war: Das Regime erschien als Perversion kultureller Werte, nicht als Ausdruck metaphysischer Mächte.

Der Befund, dass Mann das ›Böse‹ als ästhetische Kategorie fasste, verweist auf eine Denkfigur, die sich durch sein gesamtes politisches Denken zieht und die die Frage aufwirft, ob die Verschränkung von Ästhetik und Moral bei Mann nicht auch problematische Implikationen hat.

Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation – Humanismus und ›Judenfrage‹ in der BBC-Rede vom 27. September 1942

Daria Ivanov legte eine Close-Reading-Analyse der Rede vom 27. September 1942 vor – jener Ansprache, die von mehreren Beiträgen der Konferenz unabhängig voneinander als Schlüsseldokument identifiziert wurde. Der Vortrag zeigte, dass Mann in dieser Rede den Begriff ›Jude‹ 22 Mal verwendet – eine für das Gesamtkorpus einzigartige Häufung – und den Holocaust als Prüfstein des Humanismus rahmt. Dabei arbeitete Ivanov eine Transformation des Humanismusbegriffs heraus: Humanismus erschien in der September-Rede nicht mehr als Bildungsideal, sondern als ethische Haltung, deren Geltung sich an der Reaktion auf die Verfolgung der europäischen Juden zu erweisen hatte.

Die empirische Dichte dieses Beitrags machte ihn zu einem der analytisch stärksten der Konferenz; zugleich warf er die Frage auf, inwieweit Manns Humanismusbegriff die Opfer als eigenständige Subjekte adressierte oder sie primär als moralisches Argument für eine europäisch-humanistische Tradition in Anspruch nahm.

Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann

Timo Diener verfolgte die ideengeschichtliche Entwicklung von Manns Denken über den Gegensatz von ›Kultur‹ und ›Zivilisation‹, einem Begriffsfeld, das für das Verständnis der Ansprachen zentral ist, weil es auf die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ von 1918 zurückverweist. Die analytische Pointe des Vortrags lag in der These einer ›Funktionsäquivalenz‹: Während in den ›Betrachtungen‹ die ›Zivilisation‹ als Bedrohung der deutschen ›Kultur‹ erschien, nahm in den Rundfunkansprachen der Nationalsozialismus exakt die strukturelle Position ein, die zuvor die Zivilisation innehatte. Der Feind der Kultur hatte gewechselt, die Denkstruktur war geblieben.

Die Funktionsäquivalenz-These ist ein bemerkenswerter Befund, weil sie zeigt, dass Manns intellektuelle Biographie in den Ansprachen nicht einfach überwunden, sondern transformiert wurde – ein Ergebnis, das den Befunden von Rehfeld und Schmitz korrespondiert.

Daria Ivanov, Timo Diener, Gloria Sherif und Sebastian Musch (Foto: Jessica Wehner)

Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik

Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt

Luca Herrmann untersuchte die Darstellung Franklin D. Roosevelts in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen und argumentierte, dass Mann den US-Präsidenten nicht einfach als politischen Verbündeten würdigte, sondern systematisch als demokratisches Gegenbild zu Hitler aufbaute. Die zentrale These lautete, dass Mann den ›Führerbegriff‹ – einen zentralen Topos der NS-Propaganda – umcodierte, indem er Roosevelt als den ›wahren Führer‹ präsentierte: nicht als charismatischen Demagogen, sondern als demokratisch legitimierten Staatsmann. Der analytisch stärkste Befund des Vortrags betraf allerdings das, was Mann nicht sagte: Die Executive Order 9066 – Roosevelts Anordnung zur Internierung japanischstämmiger US-Bürger – wurde in den Ansprachen konsequent verschwiegen, obwohl Mann als Exilant im selben Land lebte und die Internierung hätte kennen müssen.

Die Beobachtung des bewussten Verschweigens ist analytisch produktiver als die Rekonstruktion des Gesagten, weil sie zeigt, dass Manns Roosevelt-Darstellung strategisch selektiv war – ein Befund, der die Grenze zwischen Überzeugung und Propaganda innerhalb der Ansprachen selbst markiert.

Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten?

Pieter Rehfeld zeichnete Manns Demokratieverständnis nach und argumentierte, dass sich Mann im Verlauf der Ansprachen von einer konservativ-kulturkritischen Position zu einem ›moralischen Demokraten‹ entwickelte, dessen Demokratiebegriff allerdings eine spezifische Signatur trug: Er definierte sich wesentlich ex negativo – aus der Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Rehfeld identifizierte drei Aspekte dieses Demokratieverständnisses: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und begrenzte Freiheit. Zugleich zeigte der Vortrag, dass Manns Demokratiebegriff nicht systematisch-theoretisch, sondern narrativ entwickelt wurde – in der Auseinandersetzung mit konkreten historischen Situationen.

Die These einer ex-negativo-Demokratie wirft eine Frage auf, die über die Quellenanalyse hinausweist: Was passiert mit einem Demokratiebegriff, der sich wesentlich aus der Abgrenzung zu einem Feind speist, wenn dieser Feind verschwindet?

Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege

Leon Schmitz dokumentierte den intellektuellen Bruch zwischen Manns Kriegsbegeisterung von 1914 – niedergelegt in den ›Gedanken im Kriege‹ – und seiner Position in den Rundfunkansprachen. Der Vortrag zeigte, dass Mann in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen seinen eigenen Militarismus von 1914 nicht explizit thematisierte, allerdings implizit – durch die Schärfe seiner Kritik am NS-Militarismus – eine Distanzierung vollzog, die der Beitrag als Selbstkorrektur ohne Selbstkritik charakterisierte.

Die Formel der ›Selbstkorrektur ohne Selbstkritik‹ ist analytisch treffend und verweist auf ein strukturelles Merkmal der Ansprachen: Mann sprach 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies je explizit zu machen.

Pieter Rehfeld, Luca Herrmann, Leon Schmitz und Sebastian Huhn (Foto: Jessica Wehner)

Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen

Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns

Alexander Pracht analysierte die Verwendung von ›Angst‹ und ›Furcht‹ als rhetorische Instrumente in den Ansprachen und rekonstruierte ein argumentatives Triptychon: In einer ersten Phase setzte Mann Angstrhetorik zur Mobilisierung ein. Die Hörer sollten die eigene Lage als bedrohlich erkennen. In einer zweiten Phase diente die Angstdiagnose der Situationsanalyse. Mann identifizierte die Angst der Deutschen als Symptom der Diktatur. In einer dritten Phase wandelte sich die Rhetorik zur Zuversicht. Die Angst des Regimes, nicht die der Bevölkerung, stand nun im Zentrum. Dabei zeigte Pracht, dass Mann eine Gegenrhetorik entwickelte, die biblische Wendungen – etwa die Formel ›Fürchtet euch nicht‹ – aufgriff und gegen die nationalsozialistische Angstproduktion wendete.

Die Beobachtung, dass Mann Angst nicht nur thematisierte, sondern als rhetorisches Instrument einsetzte – also Angst erzeugte, um Angst zu bekämpfen –, verweist auf die strukturelle Ähnlichkeit seiner Mittel mit denen der Propaganda, die er kritisierte.

Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!”

Emma Breulmann systematisierte Manns wechselnde Sprecherpositionen mit Hilfe der Feldtheorie Pierre Bourdieus und rekonstruierte vier Phasen des Rollenwandels: vom ›kulturellen Sprecher Deutschlands‹, der seine Legitimation erst begründen musste, über den ›Zeugen und Aufklärer‹, der über die nationalsozialistischen Verbrechen berichtete, zum ›Anwalt der Nation‹, der zwischen Anklage und Verteidigung eines ›anderen Deutschlands‹ vermittelte, bis hin zum ›historischen Deuter‹, der den Nationalsozialismus als Episode einordnete und eine Zukunftsperspektive entwarf. Der Beitrag arbeitete dabei heraus, wie Mann sein kulturelles und symbolisches Kapital – Nobelpreis, literarisches Werk, Exilstatus – strategisch in politisches Kapital konvertierte, um eine Position zu besetzen, für die er über keine originäre Legitimation – etwa ein politisches Amt – verfügte.

Die Übertragung der Feldtheorie auf Manns Exilsituation macht Dynamiken sichtbar, die eine rein textimmanente Analyse nicht erfassen würde; zugleich wirft sie die Frage auf, ob Bourdieus Kategorien – entwickelt für Felder mit eingespielten Regeln und Hierarchien – auf eine Situation übertragbar sind, in der die Zugehörigkeit zu den relevanten Feldern selbst prekär geworden war.

Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”

Jennifer Funk untersuchte die Hörer-Redner-Beziehung in Manns Ansprachen anhand eines methodisch dreigliedrigen Zugriffs: einer Wortfeldstudie zu den Anredepronomen, einer Analyse der Argumentationsstrategien und einer Kontrastierung mit den privaten Tagebucheinträgen. Die Pronomenanalyse ergab eine signifikante Verschiebung: von direkten, individuellen Anredeformen (›ihr‹, ›euch‹) hin zu kollektivierenden Verbindungen (›ihr Deutsche‹) und schließlich zur bloßen Anrede als ›Deutsche‹ – eine Entwicklung, die Funk als Bewegung von empathischer Nähe zu analytischer Distanz deutete. Zugleich rekonstruierte der Vortrag ein wiederkehrendes Fünfschritt-Argumentationsmuster – kultureller Bezug, Problemstellung, moralische Diagnose, Perspektivverschiebung, Appell –, das die Ansprachen bei aller inhaltlichen Variation strukturell verband. Der analytisch produktivste Befund lag allerdings in der Kontrastierung mit Thomas Manns Tagebüchern: Funk zeigte, dass Mann bereits 1940 privat an der Möglichkeit eines innerdeutschen Widerstands zweifelte, den er öffentlich beschwor, ein Befund, der die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer – im Anschluss an Benedict Anderson – als doppelt imaginiert erscheinen ließ: imaginiert nicht nur von den Hörern untereinander, sondern auch vom Redner selbst.

Die Verbindung von quantitativer Pronomenanalyse, rhetorischer Strukturanalyse und Tagebuchkontrastierung machte diesen Beitrag methodisch zu einem der vielschichtigsten der Konferenz; der Befund, dass Mann privat am Widerstand zweifelte, den er öffentlich beschwor, gehört zu den Ergebnissen, die unser Bild von Mann als moralischer Instanz grundsätzlich komplizieren.

Carlotta Pioch: Das Sprecherverständnis Thomas Manns – Zur rhetorischen Konstruktion einer Sprecherfigur

Carlotta Pioch setzte den dezidiert literaturwissenschaftlichen Akzent der Konferenz und fragte nicht nach der historischen Person Thomas Mann, sondern nach der rhetorisch konstruierten ›Sprecherfigur‹, die sich innerhalb der Texte formiert. Die analytische Prämisse lautete, dass Manns Autorität in den Ansprachen nicht vorausgesetzt, sondern performativ hergestellt wird, ein Befund, den Pioch anhand von fünf Stationen nachzeichnete: vom analytischen Beobachter (November 1940) über den moralisch-ästhetischen Kritiker (Februar 1941) und die Zäsur der eigenen Stimme (März 1941) – dem Moment, in dem Mann seine Ansprachen erstmals selbst einspricht und die Metapher der ›Stimme‹ eine leibliche Dimension gewinnt – zur historisch-ironischen Autorität (1942/43) und schließlich zum Deuter der ›deutschen Katastrophe‹. Besonders aufschlussreich war dabei die Beobachtung, dass Mann in einem doppelten Adressierungsfeld operierte: Er sprach zu den Deutschen, inszenierte sich allerdings zugleich vor einem amerikanischen Publikum; eine Konstellation, die die Sprecherfigur nicht auf einen Adressatenkreis hin konstruiert, sondern in einem Spannungsfeld zwischen mindestens zwei Publika situiert.

Die konsequente Unterscheidung zwischen der historischen Person und der rhetorisch konstruierten Sprecherfigur – narratologisch selbstverständlich, in der politikgeschichtlichen Forschung allerdings keineswegs immer beachtet – eröffnete einen analytischen Raum, in dem die performative Dimension der Ansprachen sichtbar wurde: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Der Beitrag bildete damit ein produktives Gegenstück zu Breulmanns soziologischem Zugriff. Beide erreichten von ganz verschiedenen Richtungen denselben Kernbefund.

Emma Breulmann, Carlotta Pioch, Jennifer Funk, Alexander Pracht und Jessica Wehner (Foto: Annika Heyen)

Die Befunde der Konferenz quer gelesen.

Christoph Rass fasst die Konferenzergebnisse zusammen (Foto: Jessica Wehner)

In seiner Abschlussanalyse zog Christoph Rass die übergreifenden Linien der Konferenz zusammen und fragte, was sich ergibt, wenn man vierzehn Perspektiven auf denselben Quellenbestand nebeneinanderlegt. In seinem Beitrag identifizierte er fünf Befunde.

Erstens: Die ›Deutschen Hörer!‹ sind ein Prozess, kein Text. Mindestens sieben Vorträge hatten chronologische Entwicklungslinien rekonstruiert: in der Holocaust-Berichterstattung, im Demokratieverständnis, in der Rollenentwicklung, in der Angstrhetorik, in der Höreransprache, in der Konstruktion der Sprecherfigur. Das Korpus dokumentiert nicht eine Position, sondern deren Wandel.

Zweitens: Die Grenze zwischen Aufklärung und Propaganda ist fließend. Landwehr hat gezeigt, dass die BBC Mann instrumentalisierte. Funk hat gezeigt, dass Mann selbst die Diskrepanz zwischen Privatüberzeugung und öffentlicher Botschaft managte. Asbrock, Sherif und Pracht haben gezeigt, dass seine rhetorischen Mittel – Personalisierung, Angsterzeugung, Begriffsumcodierung – strukturell den Mitteln ähneln, die er am Regime kritisierte. Das ist kein Einwand von außen, sondern ein Befund dieser Konferenz.

Drittens: Die intellektuelle Biographie reicht zurück. Diener, Rehfeld und Schmitz haben unabhängig voneinander gezeigt, dass man die Rundfunkansprachen nicht ohne die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ und anderer früherer Werke verstehen kann. Mann spricht 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies jedoch explizit zu machen.

Viertens: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Das ist ein Befund, den Pioch und Breulmann aus ganz verschiedenen Richtungen erreichen, Breulmann über die Kapitalkonversion im Sinne Bourdieus, Pioch über die performative Konstruktion der Sprecherfigur im Text. Mann spricht nicht als anerkannte Autorität, sondern muss seine Berechtigung in jeder Ansprache neu begründen. Dieses Ergebnis ist analytisch stark, weil es die Ansprachen als Orte der Autoritätsproduktion lesbar macht und weil es zeigt, dass die Bedingungen des Exils nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form der Kommunikation prägten.

Fünftens: Die Rezeption bleibt eine Leerstelle. Fast kein Vortrag konnte sagen, wer Mann hörte und wie die Ansprachen aufgenommen wurden. Funk hat das am schärfsten formuliert: Die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer ist doppelt imaginiert, auch für den Redner.

Rass schloss seine Analyse mit drei Fragen, die er der Konferenz zur Diskussion stellte: die Frage nach dem analytischen Unterschied zwischen Propaganda und Gegenpropaganda, wenn die rhetorischen Verfahren strukturell ähnlich sind; die Frage nach der Stellung der Opfer in Manns Reden, die als moralisches Argument erscheinen, selten allerdings als eigenständige Subjekte; und die Frage nach der Tragfähigkeit eines Demokratiebegriffs, der sich wesentlich ex negativo definiert.


Studierendenkonferenz Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer

Im Wintersemester 2025/2026 veranstaltet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung eine Studierendenkonferenz im Rahmen des Blockseminars “Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer”, durchgeführt von Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Huhn, Dr. Sebastian Musch, Annika Heyen und Jessica Wehner.

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.

Thomas Mann (1937)

Im Mittelpunkt des Semianrs stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Wir analysieren, wie Mann aus dem kalifornischen Exil versuchte, auf die deutsche Gesellschaft einzuwirken, welche Botschaften und Positionen er vermittelte und wie er die Entwicklungen des Krieges und der NS-Herrschaft kommentierte. Dabei untersuchen wir auch die praktischen Bedingungen der Rundfunkproduktion im Exil, die Zusammenarbeit mit der BBC und die Frage nach der tatsächlichen Hörerschaft im Reich.

Das Seminar arbeitet intensiv mit den Originalquellen und ordnet Manns Radioreden in den größeren Kontext der Exilpublizistik, des Kriegsverlaufs und der Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein. Methodisch verbinden wir medienhistorische, migrationsgeschichtliche und politikgeschichtliche Zugänge.

Am 16. Januar fand der erste Seminartag gemeinsam mit Dr. Anneke Thiel statt. Dabei stand eine erste Auseinandersetzung mit den Quellen und eine Einführung in das Leben und Werk Thomas Manns im Vordergrund.

Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)

Am 6. März fand ein gemeinsamer Workshop-Tag statt bei dem die Studierenden sich miteinander und den Lehrenden über ihre Themen und ihre Vorträge austauschen konnten.

Am 7. März, 9-17 Uhr findet dann in 15/130 die Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen!

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Programm

9:00 Uhr: Begrüßung (Christoph Rass)

9:10 Uhr: Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung (Moderation: Annika Heyen)

Gesa Landwehr: Deutsche Hörer! als Teil des German Service

Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik in Thomas Manns Radioansprachen ‚Deutsche Hörer!‘“

Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen „Deutsche Hörer!“

Anna Louisa Asbrock: „[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat.” – Die Darstellung des Nationalsozialismus in Thomas Manns “Deutsche Hörer”-Reden

10:50 Uhr: Pause

11:00 Uhr: Panel II – Das „Böse“, die „Zivilisation“ und der „Humanismus“: Ideengeschichtliche Perspektiven auf Thomas Mann (Moderation: Sebastian Musch)

Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische“. Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen in Thomas Manns „Deutsche Hörer!“

Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation: Humanismus und “Judenfrage ”in Thomas Manns BBC-Rede vom 27. September 1942

Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann

12:20 Uhr: Mittagspause

13:00 Uhr: Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik (Moderation: Sebastian Huhn)

Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt in „Deutsche Hörer!“

Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten? Thomas Manns Demokratieverständnis in den Rundfunkreden „Deutsche Hörer!“

Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege.

14:20 Uhr: Pause

14:30 Uhr: Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen (Moderation: Jessica Wehner)

Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns

Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!“

Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”

Carlotta Pioch: Rollenverständnis und Rollenvielfalt

16:10 Uhr: Abschlussdiskussion (Christoph Rass)

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Online Now | Zwei neue NGHM-Ausstellungen

Was lässt sich über lokale Geschichte erfahren, wenn wir Verwaltungsakten, Karteikarten und Erhebungsbögen nicht nur als Informationsträger lesen, sondern als Quellen, die selbst an der Produktion von Wissen über Bevölkerung, Zugehörigkeit und Ausschluss beteiligt waren?

Zwei neue digitale Ausstellungsprojekte von Studierenden der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung gehen dieser Frage nach. Beide sind aus Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass hervorgegangen und verbinden quellengestützte Analyse mit digitalen Präsentationsformen.

Nach einer abgeschlossenen wissenschaftlichen Redaktion durch Valentin Loos, M.Ed., machen die beiden Ausstellungen, die mit dem System Omeka S umgesetzt wurden, nun Ergebnisse aus Forschung und Lehre öffentlich zugänglich – und laden dazu ein, Osnabrücker Universitäts- und Stadtgeschichte nicht nur nachzulesen, sondern analytisch zu erkunden.


Die Universität Osnabrück – Gründung und Anfangsjahre

Am 17. April 1974 fanden an der neu gegründeten Universität Osnabrück die ersten offiziellen Lehrveranstaltungen statt. Doch die Geschichte unserer Hochschule reicht weiter zurück. Eine Vielzahl von Entwicklungen musste vor über fünfzig Jahren in Gang gesetzt und miteinander verwoben werden, um den Ort entstehen zu lassen, an dem wir heute studieren, lehren und forschen.

Die Ausstellung gliedert sich in sechs Themenschwerpunkte und nimmt ausgewählte gesellschaftliche, räumliche, didaktische und organisatorische Aspekte der Universitätsgründung in den Blick. Im Zentrum stehen unter anderem die politischen Konflikte, die den Gründungsprozess begleiteten – etwa die Auseinandersetzungen um die Entstehung des Campus am Westerberg. Darüber hinaus werden das Leben und die Selbstorganisation der Studierenden thematisiert, die Entwicklung zentraler Einrichtungen wie der Universitätsbibliothek nachgezeichnet und das Verhältnis von Wissenschaft und Emanzipation in der Frühphase der Universität befragt.

In den gewählten Themenfeldern spiegeln sich die Interessen der beteiligten Studierenden wider: Entscheidungen und Weichenstellungen, die vor fünfzig Jahren getroffen wurden, prägen den universitären Alltag bis heute. Die Gründungs- und Anfangsjahre sichtbar zu machen, kann dazu beitragen, gegenwärtige Strukturen einzuordnen und besser zu verstehen.

Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Universitätsarchiv Osnabrück und dessen Leiter Dr. Thorsten Unger. Das im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, angesiedelte Archiv verwahrt die zentralen Quellen zur Geschichte der Universität und ihrer Vorgängereinrichtungen und hat den Studierenden sowohl den Zugang zu den Beständen als auch die archivfachliche Beratung ermöglicht.


Die Lohstraße – Stadtgeschichtliche im Spiegel einer Straße

Das zweite Projekt nimmt eine einzelne Osnabrücker Straße in den Blick: die Lohstraße. Aus mikrohistorischer Perspektive fragt es danach, was sich über einen zunächst beliebig gewählten Ort und die Menschen, die dort lebten, erfahren lässt, wenn man systematisch verschiedene Quellenbestände miteinander verschränkt. Herangezogen wurden die Osnabrücker Gefallenenkartei, die Gestapokartei, die Ausländermeldekartei sowie die Erhebungsbögen der ersten Volkszählung in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jede dieser Quellen bildet die Lohstraße und ihre Bewohner:innen auf spezifische Weise ab – und erzeugt dabei jeweils eigene Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten. Die Gestapokartei erfasste andere Personen und Merkmale als die Ausländermeldekartei; die Volkszählungsbögen wiederum folgten einer ganz anderen administrativen Logik. Gerade in der Zusammenschau dieser unterschiedlichen Überlieferungen werden die Mechanismen erkennbar, durch die Verwaltungspraxis Kategorien wie ‚Ausländer’, ‚Gefallener’ oder ‚Verdächtiger’ nicht nur dokumentierte, sondern aktiv hervorbrachte.

Die Ausstellung macht so Stadtgeschichte auf eine Weise zugänglich, die über die Darstellung von Veränderungen im Stadtbild hinausgeht: Sie rückt die Lebenswelten der Menschen in den Mittelpunkt und zeigt, dass Migration, Mobilität und die Verwaltung von Bevölkerung keine Ausnahmephänomene waren, sondern längerfristige Bestandteile der Osnabrücker Stadtgesellschaft.

Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesarchiv. Die herangezogenen Quellenbestände werden in den Abteilungen Osnabrück und Hannover verwahrt, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Studierenden sowohl den Zugang zu den Archivalien als auch die fachliche Beratung bei der Quellenarbeit ermöglicht haben.

Digitale Ausstellungen als Format der Wissensvermittlung

Beide Projekte zeigen, was entstehen kann, wenn Studierende mit Quellenbeständen arbeiten und ihre Ergebnisse in digitalen Formaten aufbereiten. Die Verbindung von Lehrkontext und öffentlicher Präsentation schafft einen Raum, in dem Analyse nicht nur erarbeitet, sondern auch vermittelt wird. Zugleich machen beide Ausstellungen sichtbar, dass die Quellen, auf denen unser Wissen über die Vergangenheit beruht, selbst Produkte jener Praktiken sind, die wir in unseren Studien untersuchen.

Hin und wieder zurück | Stimme der Geschichte – Gedenken und Geschichtswissenschaft in Ibbenbüren

Am 27. Januar 2026 – dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ins Kulturhaus ein. Im Zentrum stand die Begegnung mit Anna Strishkowa, einer Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, die 1939 geboren wurde und als knapp vierjähriges Kind im Dezember 1943 an der Rampe von Birkenau registriert worden war. Christoph Rass (Universität Osnabrück) übernahm die historische Einführung – ein Anlass, über die Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Erinnerungsarbeit nachzudenken.

Für Studierende der Universität Osnabrück war der Besuch der Veranstaltung Bestandteil einer zweigliedrigen Exkursion, die sich mit schulbezogenen geschichtskulturellen Angeboten am Beispiel des Ibbenbürener Projekts befasst.

Ein Projekt lokaler Erinnerungskultur

Die Veranstaltung am 27. Najuar stand im Kontext eines längerfristigen Engagements, das der Schulseelsorger Christoph Moormann in Ibbenbüren aufgebaut hat. Im Herbst 2024 war zwischen der Erna-de-Vries-Gesamtschule und dem Johannes-Kepler-Gymnasium die Ausstellung „Gegen das Vergessen” des Fotografen Luigi Toscano gezeigt worden. Schülerinnen und Schüler beider Schulen hatten als Guides durch die Porträts von Holocaust-Überlebenden geführt und dabei mehr als fünftausend Menschen erreicht.

Aus dieser Ausstellungsarbeit entwickelte sich die Idee, eine/n der porträtierten Überlebenden persönlich einzuladen. Der ursprünglich angekündigte Dr. Boris Zabarko aus Kiew war leider erkrankt; an seiner Stelle kam Anna Strishkowa, ebenfalls aus der Ukraine, nach Ibbenbüren. Bürgermeister Dr. Marc Schrameyer begrüßte am Abend des 27. Januar die Gäste; Barbara Kurlemann und Christoph Moormann moderierten den Abend. Die musikalische Gestaltung lag in den Händen von Thilo Zwartscholten und Schülerinnen und Schülern des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums Osnabrück.

Anna Strishkowa: Eine Biographie zwischen Trauma und Rekonstruktion

Anna Strishkowa gehört zu jenen Überlebenden, deren Lebensgeschichte die Folgen von Vernichtungskrieg und Holocaust in besonderer Dichte verkörpert. Am 4. Dezember 1943 wurde sie – knapp vier Jahre alt – in Auschwitz-Birkenau registriert. Von ihrer Herkunftsfamilie weiß sie bis heute wenig Gesichertes: Eine ihrer Schwestern wurde im Lager ermordet, ihr einjähriger Bruder wurde bereits während der Deportation ermordet. Die Todesumstände der Mutter in Auschwitz lassen sich trotz intensiver Recherche bis heute nicht aufklären.

Nach der Befreiung gelangte Anna in eine ukrainische Pflegefamilie, die ihr die eintätowierte Häftlingsnummer entfernen ließ – ein Versuch, das Kind vor der Stigmatisierung zu schützen, die Überlebende noch Jahrzehnte nach Kriegsende erfuhren. Damit verschwand zugleich der einzige dokumentarische Hinweis auf ihre Identität.

Barbara Kurlemann, Anna Strishkowa, Emma Angnischock und Christoph Moormann im Gespräch (Foto: Pressedienst Stadt Ibbenbüren).

Erst die Arbeit des Filmemachers Luigi Toscano ermöglichte Recherchen, die das Schicksal von Anna Strishkowa aufklären konnten. In einem sowjetischen Dokumentarfilm aus der Nachkriegszeit war eine Häftlingsnummer auf dem Arm der kleinen Anna sichtbar gewesen – allerdings mit einem Zahlendreher. Dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg gelang es schließlich, die korrekte Nummer zu rekonstruieren. Auf dieser Grundlage konnte Luigi Toscano mit seinem Team zunächst die eigentliche Häftlingsnummer verifizieren und schließlich Familienangehörige ermitteln. Im November 2024 traf Anna Strishkowa erstmals ihre Verwandten, die Töchter ihrer älteren Schwester.

Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte Anna Strishkowa ein Studium und arbeitete als Mikrobiologin. Heute lebt sie mit ihrer Tochter Olga in Kiew. Als im Februar 2022 russische Raketen auf die Stadt fielen, weigerte sie sich lange Zeit, zu fliehen.

Geschichtswissenschaft und Zeitzeugenschaft.

Christoph Rass ordnete den Gedenktag historisch ein. Am 27. Januar 1945 erreichten Soldaten der 322. Schützendivision der Roten Armee das Stammlager Auschwitz und befreiten etwa siebentausend Menschen. In den Tagen zuvor hatte die SS rund 56.000 Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Westen getrieben; zwischen neun- und fünfzehntausend von ihnen kamen dabei ums Leben. Auschwitz war das Zentrum eines Verbrechens, bei dem sechs Millionen jüdische Menschen ermordet wurden.

Rass reflektierte das Verhältnis zwischen geschichtswissenschaftlicher Rekonstruktion und Zeitzeugenschaft. Die Historiographie stützt sich vielfach auf Dokumente, prozessgenerierte Daten und archivalische Überlieferung. Zeitzeugenberichte ergänzen diese Quellengrundlage um eine Dimension, die sich der dokumentarischen Erfassung entzieht: die subjektive Erfahrung von Verfolgung, Gewalt und Verlust. Die Berichte von Überlebenden wie Anna Strishkowa machen die abstrakte Dimension des Verbrechens konkret fassbar.

Zugleich thematisierte Rass die Frage nach historischer Kontinuität. Der Nationalsozialismus entstand nicht schlagartig und voraussetzungslos, sondern im Kontext einer funktionierenden – wenn auch krisenhaften – parlamentarischen Demokratie. Der Übergang von der Weimarer Republik zur totalitären Herrschaft war das Ergebnis politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Entwicklungen, nicht eines unausweichlichen Prozesses. Diese Einsicht begründet die fortwährende Relevanz der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und verweist auf die Notwendigkeit steter Wachsamkeit zum Schutz unserer heutigen Demokratie.

Mit dem absehbaren Ende der Zeitzeugenschaft stellt sich die Frage nach der Transformation der Erinnerung. Was als kommunikatives Gedächtnis begann – gestützt auf die lebendige Erzählung von Überlebenden –, muss in andere Formen der Vermittlung überführt werden. Die Arbeit in Ibbenbüren, wo Schülerinnen und Schüler als Vermittler der Geschichten von Überlebenden fungieren, ist ein Beispiel für diese Transformation.

Erinnerung als Praxis

Anna Strishkowa hat inzwischen vor Tausenden Menschen Zeugnis von den Verbrechen der Nationalsozialisten abgelegt und über ihr Leben in und nach Auschwitz gesprochen. Ihre Botschaft verbindet persönliche Erfahrung mit einer Forderung an die Gegenwart: dass die Erinnerung an die Opfer wachgehalten werde – nicht als Ritual, sondern als Orientierung für das eigene Handeln.

Die Veranstaltung in Ibbenbüren zeigt, dass die Übergabe dieser Erinnerung gelingen kann. Nicht als abstrakte Pflicht, sondern als konkrete Praxis: durch Begegnung mit Überlebenden, durch die Arbeit an ihren Geschichten, durch die Reflexion darüber, was diese Geschichten für die Gegenwart bedeuten. Die Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden verstummen. Die Aufgabe, sie zu hören und das Erfahrene weiterzutragen, bleibt.


Weitere Informationen zum Projekt „Gegen das Vergessen” und zum Film „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano: schwarzerzucker-rotesblut.com

Hin und wieder zurück | Exkursion zur Filmvorführung „Schwarzer Zucker – rotes Blut” und Begegnung mit Anna Strishkowa

Am 19. Januar 2026 nahmen Studierende der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an einer Filmvorführung im Bürgerhaus Ibbenbüren teil. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano über das Leben der Auschwitz-Überlebenden Anna Strishkowa. Die Exkursion bildete den ersten Teil einer zweiteiligen Veranstaltungsreihe, die am 27. Januar mit einem Zeitzeugengespräch fortgesetzt wird.

Kontext: Erinnerungskultur und historische Bildung

Über 1.500 Schüler:innen hatten die Möglichkeit an der Filmvorführung teilzunehmen (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)

Die Exkursion unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gegen das Vergessen” statt, die von Schulseelsorger Christoph Moormann und einem lokalen Organisationsteam getragen wird. Über 1.500 Schülerinnen und Schüler aus dem Tecklenburger Land sahen den Film an diesem Tag in zwei Vorführungen. Die Veranstaltung verdeutlicht, wie außeruniversitäre Vermittlungsformate historisches Wissen über die Shoah an unterschiedliche Zielgruppen weitergeben – und welche Rolle dabei die direkte Begegnung mit Überlebenden spielt.

Bürgermeister Dr. Marc Schrameyer begrüßte die Anwesenden und betonte die Bedeutung von Geschichtsvermittlung durch persönliche Lebensgeschichten. Er appellierte an die Jugendlichen, sich dem „blödsinnigen Gequatsche vom rechten Rand” zu widersetzen. Sylvia Löhrmann, Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, verwies auf die Zunahme antisemitischer Vorfälle in allen gesellschaftlichen Bereichen und unterstrich, dass hinter den Zahlen Menschen stünden.

Der Film: „Schwarzer Zucker – rotes Blut”

Im Gespräch mit Anna Strishkowa, Sylvia Löhrmann und Luigi Toscano (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)

Der 90-minütige Dokumentarfilm von Luigi Toscano, einem Mannheimer Fotografen und Filmemacher, erzählt die Geschichte von Anna Strishkowa. Am 4. Dezember 1943 stand sie als Kleinkind an der Rampe von Auschwitz – ohne ihre Familie, ohne Kenntnis der Namen ihrer Eltern, ohne zu wissen, wo sie geboren wurde. Sie überlebte das Kinderlager Potulice und Auschwitz. In den Nachkriegswirren nahm eine Familie sie auf, doch ihre Identität blieb über Jahrzehnte ungeklärt.

Erst im Zuge von Toscanos Fotoprojekt mit Holocaust-Überlebenden lernte er die heute 86-jährige Ukrainerin kennen und bat sie, nach ihrer Familie suchen zu dürfen. Mit Erfolg: Der Film dokumentiert diesen Prozess der Identitätsrekonstruktion, der zugleich die Frage aufwirft, wie Wissen über die eigene Herkunft durch die Gewalt des Nationalsozialismus systematisch zerstört wurde.

Der Film wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und war 2025 erstmals in Ibbenbüren zu sehen. Dass Anna Strishkowa nun erneut persönlich anwesend war, verdankt sich dem Engagement des lokalen Organisationsteams.

Die Begegnung: Zwischen Dokumentation und Weitergabe

Die Schüler:innen im Gespräch mit Anna Strishkowa (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)

Nach der Filmvorführung hatten die Anwesenden Gelegenheit, Anna Strishkowa Fragen zu stellen oder persönlich mit ihr zu sprechen. Viele Schülerinnen und Schüler nutzten die Möglichkeit, ihr die Hand zu schütteln, sich zu bedanken oder sie zu umarmen. Die 16-jährige Julia Hafner, die Strishkowa auf der Bühne umarmte, beschrieb die Begegnung als „krassen Impact”: „Ich habe sie umarmt, weil es mich so mitgenommen hat, sie zu sehen.”

Anna Strishkowa wandte sich an die Jugendlichen mit den Worten: „Ihr werdet zu Zweitzeugen.” Der Begriff ‚Zweitzeugen’ bezeichnet in der Gedenkstättenpädagogik jene Generation, die keine eigene Erfahrung der Shoah besitzt, aber durch die Begegnung mit Überlebenden deren Geschichten weiterträgt. Dieses Konzept gewinnt angesichts des fortschreitenden Alters der letzten Überlebenden zunehmende Bedeutung für die Frage, wie Erinnerung an die Shoah auch nach dem Ende der Zeitzeugenschaft aufrechterhalten werden kann.

Die Zeitzeugin, die aufgrund des Krieges in der Ukraine Kiew verlassen musste und nun in Norddeutschland lebt, beschrieb ihre Motivation für die fortgesetzten Auftritte trotz ihres Alters: „Als ich in Rente ging, habe ich mich gefragt, was ich jetzt machen kann, für die Zukunft, für die Menschen.” Ihr Anliegen sei es, ihre Geschichte weiterzugeben und den Kindern zu erzählen, „wie schrecklich das war”, damit sie verstehen könnten, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

Reflexion: Themen für die Auseinandersetzung

Die Veranstaltung in Ibbenbüren steht exemplarisch für ein Vermittlungsformat, das auf die emotionale Wirkung persönlicher Begegnungen setzt. Der Film fungiert dabei als Medium, das biografisches Wissen transportiert, während die anschließende Begegnung mit der Zeitzeugin eine andere Qualität der Auseinandersetzung ermöglicht. Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler – Umarmungen, Tränen, Applaus – verweisen auf eine affektive Dimension historischen Lernens, die sich von rein kognitiven Vermittlungsformen unterscheidet.

In ihren Reflexionstexten können sich die Osnabrücker Studierenden mit einer Reihe von Fragen auseinandersetzen, die sich aus der Exkursion ergeben:

Zur Vermittlung von Geschichte: Welche Rolle spielt die Emotionalisierung für die Weitergabe historischen Wissens? Wie verhalten sich individuelle Lebensgeschichten zur strukturellen Analyse von Verfolgung und Vernichtung? Welche Chancen und welche Grenzen hat die biografische Fokussierung in der Geschichtsvermittlung?

Zur Zeitzeugenschaft: Was bedeutet es, ‚Zweitzeuge’ zu werden, wenn die Möglichkeit direkter Begegnungen mit Überlebenden in absehbarer Zeit enden wird? Wie verändert sich Erinnerungskultur, wenn keine Zeitzeugen mehr leben? Welche medialen Formen – Film, Aufzeichnung, Virtual Reality – können die direkte Begegnung ersetzen, und welche Dimensionen gehen dabei verloren?

Zum Veranstaltungsformat: Wie unterscheiden sich schulische und universitäre Zugänge zur Geschichte der Shoah? Welche Funktion erfüllt die Anwesenheit politischer Repräsentanten bei solchen Veranstaltungen? Wie lässt sich die Spannung zwischen Gedenken und historischer Analyse produktiv bearbeiten?

Zur eigenen Position: Welche Erwartungen bringen Studierende der Geschichtswissenschaft an eine solche Veranstaltung mit? Wie verändert die direkte Begegnung mit einer Überlebenden das eigene Verständnis von Geschichte als Wissenschaft? Und welche Verantwortung erwächst daraus für die eigene Arbeit als Historiker:in?

Ausblick: Zeitzeugengespräch am 27. Januar 2026

Die Exkursion wird am 27. Januar 2026 – dem internationalen Holocaust-Gedenktag – mit einem Zeitzeugengespräch im Kulturhaus Ibbenbüren fortgesetzt. Ursprünglich war ein Gespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaust-Überlebender aus der Ukraine, geplant. Da er aus gesundheitlichen Gründen leider nicht aus Kiew anreisen konnte, wird erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt stehen. Prof. Dr. Christoph Rass wird die einleitenden Worte sprechen.

Das Format des Zeitzeugengesprächs am Gedenktag bietet eine andere Rahmung als die Filmvorführung: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm steht das direkte Gespräch im Vordergrund. Die Studierenden erhalten damit die Gelegenheit, beide Vermittlungsformate zu erleben und miteinander zu vergleichen.


Die Exkursion ist Teil des Lehrprogramms der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Wintersemester 2025/26.

Osnabrücker Mitteilungen Bd. 130 erschienen | Team NGHM erneut vertreten

Im Dezember berichtete der Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück auf seinem Blog über das Erscheinen des neuesten Bandes der Osnabrücker Mitteilungen. In der diesjährigen Ausgabe ist die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zweifach vertreten. Die beiden Beiträge widmen sich zentralen Fragen sozialer Ausgrenzung, Herrschaft und Gegenhandeln im 20. Jahrhundert und sind zugleich eng mit aktuellen methodischen Debatten der Zeitgeschichtsforschung verbunden.

Simon Hellbaum (ehemals Team NGHM) untersucht in seinem Beitrag die Osnabrücker Obdachlosenunterkunft ‘Papenhütte’ als einen Ort sozialer Marginalisierung und kommunaler Ordnungspolitik im 20. Jahrhundert. Auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Recherchen zeigt er, wie Wohnungslosigkeit in Verwaltung, Öffentlichkeit und Stadtplanung verhandelt wurde und wie sich dabei Kategorien wie ‘Asozialität’ und ‘Würdigkeit’ von Fürsorge verfestigten. Die räumliche Konzentration von Obdachlosen an den Rändern des Stadtgebiets erscheint dabei als bewusste Strategie sozialer Ausgrenzung. Für die Zeit des Nationalsozialismus arbeitet Hellbaum heraus, wie bestehende Praktiken der Stigmatisierung radikalisiert und in das System rassistischer Verfolgung integriert wurden. Der Aufsatz macht deutlich, wie stark sich langfristige Kontinuitäten kommunaler Sozialpolitik über politische Zäsuren hinweg nachvollziehen lassen. Eine ausführliche Betrachtung der ‘Papenhütte’ in ihrer Gesamtgeschichte findet sich auf der NGHM-Online-Ausstellung.

Valentin Loos widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was unter ‘Widerstand’ gegen den Nationalsozialismus im lokalen Kontext eigentlich verstanden werden kann. Ausgehend von den kontroversen Debatten um enge und weite Widerstandsbegriffe analysiert er anhand der Osnabrücker Gestapo-Kartei, wie widerständiges Handeln quellenabhängig konstruiert wird. Der Aufsatz zeigt, dass unterschiedliche Widerstandsdefinitionen zu deutlich divergierenden Befunden führen – sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der sozialen Zusammensetzung der als widerständig identifizierten Akteur:innen. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Reflexion mit einer datenbasierten Auswertung eines zentralen Überlieferungskomplexes nationalsozialistischer Herrschaftspraxis. Loos plädiert damit für einen selbstreflexiven Umgang mit Widerstandsbegriffen und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von NS-Herrschaft und Verfolgung auf lokaler Ebene.

Am 15. Januar 2026 findet um 19 Uhr die offizielle Vorstellung des Bandes im Museumsquartier Osnabrück statt. Die Veranstaltung wird von Kurzvorträgen ausgewählter Autor:innen gerahmt und mit einem Empfang beschlossen. Valentin Loos gehört zu den Redner:innen und wird Schlaglichter seines Aufsatzes in einem fünfzehnminütigen Beitrag referieren.