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NGHM-Tracker (9-10/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Nach einer kleinen Sommerpause meldet sich die Tracker-Redaktion mit einer August-September-Doppelausgabe des NGHM-Newsletters zurück.

Selten verdichteten sich so viele Dimensionen des historischen Arbeitens wie im August und September: Recherche- und Workshopreisen von Köln, London, Wien bis Oregon; die Kommunikation von Forschungsergebnissen in Form von Essays auf dem Blog oder neuen Büchern; der direkte Austausch mit Kolleg:innen auf Tagungen sowie der Neubeginn historischen Arbeitens in Form eines neuen Kooperationsprojekts. Was die Monate besonders prägte, war die Spannung zwischen dem Blick zurück – auf unsere Forschungsthemen Konflikte, Flucht, Vertreibung, verdrängte Erinnerung – und dem Blick nach vorn: auf neue Methoden, neue Kooperationen, neue Lesarten.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere August- und Septemberdoppelausgabe des Newsletters.

Einblicke

Anfang August brach Prof. Dr. Christoph Rass für eine Forschungsreise nach Oregon auf, die ihn für drei Wochen nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland führte. Die Reise war Teil des Teilprojekts A3 des SFB 1604 „Produktion von Migration” und verfolgte eine präzise Forschungsfrage: Was wurde aus der Figur des ›guest worker‹ im Willamette Valley – und wie reagierten die Betroffenen auf diesen aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹ importierten Begriff?

Relevant waren unter anderem die PCUN Records der University of Oregon – das Archiv von Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Landarbeitergewerkschaft aus Woodburn. Der Bestand entstand durch eine Ordnungsaktion 1999, eine Übernahme von rund 240 laufenden Fuß Material im Jahr 2010 und eine mehrjährige Erschließungsarbeit, die schließlich 2014 zur Öffnung des heute rund 80 laufende Fuß umfassenden Bestands führte. Für ein Projekt zur Produktion von Migrationskategorien war dieser Entstehungsprozess selbst bereits Bestandteil des Befundes. Einzelne Quellen stachen hervor: Beispielsweise ein undatiertes Typoskript aus dem Jahr 1981 zeigte, wie die Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan den neuen Begriff ›guest worker‹ in Anführungszeichen übernahm und ihn unmittelbar mit dem Bracero-Programm der Jahre 1942 bis 1964 gleichsetzte – nicht durch Argumentation, sondern durch Zeichensetzung. Sechzehn Jahre später, 1997, stand dieselbe Gleichung auf Picketing-Signs bei einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford: „GUEST Worker IS Legalized Slavery” und „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST”. Die Betroffenen machten den Kategorisierungsversuch der Politik öffentlich sichtbar.

Die Archivreise lieferte damit erste belastbare Befunde für ein größeres Korpus: ›Bracero‹ erschien in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138 – und ›trabajadores huéspedes‹ lediglich in vier. Die Interpretation dieser Verteilung steht noch aus und dürfte weitere Aufschlüsse über die Wege liefern, auf denen eine exportierte Figur auf organisierten Widerstand trifft.

Danach ging die Arbeit im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University in Corvallis weiter. Dort stand der Bestand des Oregon Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der zwischen 1942 und 1947 die Anwerbung von 15.136 mexikanischen Arbeitern im Rahmen des Bracero-Programms organisierte, im Zentrum. Der Bestand umfasst 137 Kubikfuß – rund vierzig laufende Regalmeter – und nennt das Programm darin an keiner Stelle beim Namen. Das war zugleich der Ausgangspunkt und das Ergebnis der Woche: Begriffe wie „bracero”, „Mexican” oder „immigrant” tauchen im Findbuch nicht auf. Wer das Material finden will, muss mit der Sprache der Behörde suchen – mit „farm labor” und seinen Varianten.

Eine wichtige Gesprächspartnerin war Natalia Fernández, Kuratorin der Oregon Multicultural Archives an der OSU. Sie reflektierte offen über die Machtdimension archivarischer Entscheidungen: Wer sammelt, entscheidet über Überlieferung. Die digitale Fotosammlung zu den Braceros in Oregon etwa sei eine künstliche, kuratorisch hergestellte Kollektion – zusammengestellt aus fünf verschiedenen Beständen, deren Bilder ursprünglich Werbematerial für das Programm waren. Was heute am leichtesten sichtbar ist, verdankt sich also zum Teil der Kampagne, die diese Männer ins Land geholt hat.

Den Kontrast lieferte der Vergleich mit den Gewerkschaftsakten der PCUN aus Eugene, die Rass in der Vorwoche gesichtet hatte. Dort standen Begriffe wie „guest worker”, „racist” und „slavery” – und echte Personen, nicht abstrakte Arbeitskräfte. Die unterschiedliche Grammatik der Bestände ist kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache der Migrationsforschung und die Sprache der Verwaltung klaffen auseinander – und genau dieser Abstand ist der eigentliche Gegenstand des Projekts im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1604 in Osnabrück.

Die dritte Woche der Archivreise lieferte gleich drei prägnante Antworten auf die zentrale Forschungsfrage: Wer benennt Arbeitsmigration, mit welchen Begriffen, und welche Konsequenzen hat das? Die Stationen Salem, Woodburn und Portland offenbarten dabei unterschiedliche Perspektiven auf die Produktion von Migrationskategorien – ein Kernthema des Sonderforschungsbereichs 1604 „Produktion von Migration” an der Universität Osnabrück.

Im Staatsarchiv von Oregon in Salem dominierte die Sprache der Verwaltung und des Rechts. In Akten aus dem Büro der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt tauchten Migrantinnen und Migranten – überwiegend Menschen aus Mexiko – konsequent als „temporary alien workers” auf. Besonders aufschlussreich war ein Memo des Rechtsberaters Bob Oliver aus dem Jahr 1982, das im Kontext des gescheiterten Simpson-Mazzoli-Gesetzentwurfs entstand: Die Hauptsorge des Gouverneursbüros galt nicht den Lebens- oder Arbeitsbedingungen der Betroffenen, sondern den fiskalischen Auswirkungen einer möglichen Legalisierung auf den Staatshaushalt. Ein weiterer Befund zeigte, dass die staatliche Arbeitsverwaltung selbst aktenkundig machte, die spanischsprachige Bevölkerung schlicht nicht zu erreichen.

In Woodburn traf Christoph Rass auf Larry Kleinman und Ramón Ramírez, zwei Gründungsmitglieder der Landarbeitergewerkschaft PCUN. Das Gespräch in der Risberg Hall – einem Saal, der nach Kleinmans Großeltern benannt ist – machte deutlich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen Migrantinnen und Migranten selbst zu Wort kommen: Der frühe Mitstreiter Cipriano Ferrel hatte darauf bestanden, dass die Bewegung Geschichte mache und deshalb ein eigenes Archiv brauche.

Die Wochen verdeutlichten damit eindrücklich, dass Migrationskategorien auf mehreren Ebenen gleichzeitig entstehen – in der Verwaltungssprache, in der politischen Interessenabwägung, im zivilgesellschaftlichen Widerstand und in den Communities selbst. Wer diese Schichten zusammenliest, versteht, warum Begriffe wie „guest worker” oder „bracero” nie neutral sind – und warum ihre Geschichte bis in die Gegenwart nachwirkt.

Zurück aus Oregon ging es für Christoph Rass weiter nach Wien: Auf der ICDAR 2026, der zwanzigsten Ausgabe der International Conference on Document Analysis and Recognition, hielt Christoph Rass am 1. September 2026 in Wien die zweite von drei Keynotes. Unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding« trat ein Historiker vor ein Plenum von Informatikerinnen und Informatikern – und stellte nicht historische Befunde in den Mittelpunkt, sondern die Frage, was Dokumentenverständnis im Kern bedeutet, wenn der Gegenstand Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts ist.

Der Beitrag war eingebettet in eine seit 2018 gewachsene Kooperation zwischen der NGHM und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund unter Gernot A. Fink. Ausgangspunkt war die maschinelle Erschließung historischer Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv – darunter die Osnabrücker Gestapo-Registratur mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Was zuvor Jahre erfordert hätte, ließ sich mithilfe von Handschriftenerkennung in Monaten bewältigen. Der Wechsel zu offenen, nicht-proprietären Lösungen war dabei keine technische Präferenz, sondern eine forschungspolitische Notwendigkeit: Historische Daten als kulturelles Erbe dürfen nicht hinter kommerziellen Abonnementschranken verschwinden.

Im Zentrum der Keynote standen drei Aspekte: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in maschinenlesbare Daten mit ihnen geschieht; an welchen drei Orten Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit wirksam werden; und schließlich ein konkreter Vorschlag, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten, behördlich hergestellten Kategorie unterscheiden kann. Letzteres markiert den entscheidenden Unterschied zwischen dem informatischen und dem historischen Kategorienbegriff: Während die Dokumentenanalyse nach einer ground truth fragt, interessiert sich die kritische Geschichtswissenschaft für den Herstellungsvorgang selbst – die Entscheidung, die ein Amt über einen Menschen getroffen und über Jahrzehnte reproduziert hat.

Sebastian Musch an der University of London (Foto: Sebastian Musch)

Sebastian Musch hingegen zog es nach London: Am 17. September hat er dort auf der Tagung Refugee Academics and their Networks, organisiert vom Research Centre for German & Austrian Exile Studies (University of London) und der Gesellschaft für Exilforschung e. V., einen Vortrag zum Thema „The Republic of Reference Letters: Community and Networking among German Refugee Classicists in the U.S.“ gehalten. Bereits 2024 hatte Sebastian Musch an der Harvard University im Rahmen der Veranstaltung „Refugees (Not) Welcome: European Exile Scholars at Harvard in the 1930s and 1940s“ zu dieser Exilbiografie referiert und setzt somit die damals begonnene Beschäftigung mit Werner Jaeger fort.

Außerdem hat Sebastian Musch am 7. September ein Webinar zum Thema „Refugees from Nazi Germany in British Ceylon. A Forgotten History“ durchgeführt. Damit setzt sich die Zusammenarbeit mit der Rajarata University fort. Bereits im Oktober 2024 war Manoj Samarathunga von der Rajarata University of Sri Lanka bei uns zu Gast und präsentierte in der Reihe „IMIS-Talks“ seine Forschungen zum Thema Transactional Intimacy and Migration Aspirations: Analyzing the Relationships Between Sri Lankan Beach Boys and Foreign Tourists. Die Flucht nach Südasien, insbesondere nach British Ceylon (seit 1948 Sri Lanka), während der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung steht seit einigen Jahren im Fokus der Forschung von Sebastian Musch. Sie war Thema eines Vortrags an der Cambridge University im Februar 2025 sowie seines Aufsatzes„Jewish Migration from Germany to British Ceylon in the Context of the Second World War: Orientalism and the Place of Ideas in the Migration Regime“. Daher freuen wir uns, dass wir unsere wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen aus Sri Lanka weiter ausbauen konnten.

Auch in Osnabrück selber stand der wissenschaftliche Austausch im Vordergrund mit einer Tagung:

Am 24. und 25. September fand die Abschlusstagung des Projekts „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation“ statt. Im Mittelpunkt standen die im Projekt erarbeiteten digitalen Angebote sowie die Frage, wie sich die historischen Orte der ehemaligen „Emslandlager“ und ihre Transformation digital dokumentieren und sichtbar machen lassen. In zwei Panels wurden die „Emslandlager“ als Konfliktlandschaft sowie die Möglichkeiten und Herausforderungen von Digitalität und Partizipation diskutiert. Zudem stellte Imke Selle zentrale Ergebnisse ihrer Dissertation vor. Im Mittelpunkt standen dabei die Praktiken von Studierenden, die im Rahmen des Projekts an der digitalen Dokumentation der ehemaligen Lagerstandorte gearbeitet haben.

Bei der Tagung kamen Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit zusammen. Bei einer öffentlichen Abendveranstaltung wurden die Projektergebnisse bei einem Posterwalk und an Medienstationen präsentiert.

Am zweiten Tag führte eine Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum und zum dortigen Lagerfriedhof. Im Fokus standen neben der Auseinandersetzung mit dem historischen Ort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation. Ein anschließender Workshop widmete sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu 360°-Rundgängen. Ein ausführlicher Bericht zur Tagung folgt in Kürze. Das Team dankt ganz besonders der Unterstützung unserer studentischen Mitarbeiter:innen – Gesa Landwehr, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Lennart Blömer – für die erfolgreiche Durchführung der Tagung.

Die Tagungsteilnehmer:innen bei der Exkursion (Foto: Johannes Pufahl)

Wo ein Projekt endet, fängt bei Team NGHM stets ein neues an: Ein neues Forschungsprojekt der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück fragt danach, wie Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad wieder verlassen – und wählt dafür einen ebenso konkreten wie aufschlussreichen Ort: das Bourtanger Moor im Emsland. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur bewilligte im August 2026 im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen das Vorhaben »Moorlandschaften als Interventionsräume«, das in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation dieser Landschaft zwischen 1945 und 2025 untersuchen wird. Kooperationspartnerin war das Emsland Moormuseum in Geeste, die Arbeit begann im Oktober 2026.

Dr. Tanja Hasselberg und Prof. Dr. Christoph Rass (Foto: Emsland Moormuseum)

Der historische Ausgangsbefund war so schlicht wie provokant: Was ein Jahrhundert lang als zivilisatorische Erschließung von »Ödland« galt – Entwässerung, Abtor­fung, Kultivierung –, gilt heute als Zerstörung einer zentralen Klimaressource. Moore bedecken nur drei bis vier Prozent der globalen Landfläche, binden aber rund ein Drittel des in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Das Bourtanger Moor hatte im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen: zunächst eine Phase massiver Erschließung, die mit dem Emslandplan nach 1950 ihren Höhepunkt erreichte, dann seit den 1970er Jahren eine Gegenbewegung aus Umweltbewegung, Naturschutzpolitik und Klimadebatte. Beide Bewegungen waren staatlich geplant, wissenschaftlich legitimiert – und dennoch historisch erklärungsbedürftig.

Theoretisch kombiniert das Projekt drei Ansätze: das Konzept der »Interventionslandschaft«, das bislang vor allem auf autoritäre Regime angewandt worden war und hier erstmals auf demokratische Planungsprozesse übertragen wird; den Ansatz der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, der die materielle und diskursive Ebene einer Landschaft verschränkt; sowie ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum Entwicklungspfade selbst dann fortbestehen, wenn ihre Voraussetzungen längst entfallen sind. Der Vergleich mit den Niederlanden, wo die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre einsetzte – also gut zwei Jahrzehnte früher als in Deutschland –, bietet dabei eine besonders scharfe analytische Linse.

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Projekt auf die rund 18.500 Objekte umfassende Sammlung des Emsland Moormuseums, auf Aktenbestände aus dem Kreisarchiv Emsland, dem Niedersächsischen Landesarchiv und dem niederländischen Drents Archief sowie auf Zeitzeugengespräche. Die Auswertung folgt drei aufeinander bezogenen Wegen: Diskursanalyse, Netzwerk- und Kollektivbiographie sowie GIS-gestützte Flächenrekonstruktion. Auf Seiten des Museums verantwortet Dr. Tanja Hasselberg, seit Juni 2025 Leiterin des Emsland Moormuseums, die Kooperation; im kommenden Wintersemester übernimmt sie zudem einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Universität Osnabrück.

Ob sich aus dem Emsland Bedingungen ableiten lassen, unter denen demokratische Gesellschaften eingeschlagene Wege tatsächlich verlassen – diese Frage reicht weit über die Regionalgeschichte hinaus und macht das Projekt zu einem Vorhaben mit Gegenwartsbedeutung.

History@SFB

Am 28. Juli reisten Christoph Rass, Annika Heyen und Leonie Stoll nach Köln, um dort Podcast-Aufnahmen für die zweite Staffel von »Production Site«, dem Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, zu machen. Die entstehende Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer« und ist in Kooperation mit dem Verein 180 Grad Wende entstanden – einer Initiative, die seit 2012 in den Kölner Stadtteilen Kalk und Mülheim mit jungen Menschen aus marginalisierten Communities arbeitet.

Der Titel der Folge war dabei wörtlich zu nehmen: »Place« bezeichnete sowohl den Ort als auch die gesellschaftliche Stellung, die jemand einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung – und genau das war die Leitfrage des Tages. Statt Forschung, die Praxis erklärt, wurde die Praxis gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.

v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen)

Der Aufnahmetag gliederte sich in zwei Teile. Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt Reflexive Migrationsforschung im Museum, von Alparslan Korkmaz und Samir Abrar durch das Quartier führen. Kalk zeigte sich dabei als Ort voller Gegensätze: ein lebendiger, offener Stadtteil, in dem zugleich rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut aufwächst – der höchste Wert aller neun Kölner Stadtbezirke. Ausbildungsplätze und Perspektiven fehlten, Überwachungskameras auf der Hauptstraße erzeugten ein Gefühl der Unsicherheit. Der Verein setzt dem eine bedürfnisorientierte, niedrigschwellige Beratung entgegen, deren Wirkung sich an unscheinbaren Zeichen zeigt: Klientinnen und Klienten empfehlen die Initiative weiter, werden selbst aktiv oder kehren zurück, um Erfolge zu teilen.

Christoph Rass und Mimoun Berrissoun bei der Aufnahme im Studio “Sounds Fresh” (Fotos: Annika Heyen)

Im zweiten Teil sprach Christoph Rass, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt Ihr seid Gastarbeiterkinder leitet, im Kölner Studio Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, dem Gründer und Geschäftsführer des Vereins. Berrissoun benannte dabei einen strukturellen Widerspruch: Die Beziehungsarbeit des Vereins brauche Dauer und Vertrauen, das über Jahre an einem Ort entsteht – doch die Finanzierung erfolgt über befristete Fördermittel, die immer wieder neu beantragt werden müssen. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, sei Voraussetzung für wirksameres Arbeiten.

Für den Aufnahmetag sorgten Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik für den Ton sowie Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück für die filmische Dokumentation, die in einen Kurzfilm über das Transferprojekt einfließen soll. Die fertige Folge ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant und verspricht, den Begriff ›Migration‹ selbst in Frage zu stellen – eine Einladung, die erste Staffel schon jetzt zu entdecken.

Am 18. September lud die Professur für Chemiedidaktik interessierte Osnabrücker:innen zur Experimentiermeile 2026 auf den Ledenhof ein. Neben zahlreichen Projekten aus den Naturwissenschaften waren auch das am IMIS angesiedelte Projekt “FuturMig – Wissenschaftsraum ‘Zukünfte der Migration’” und das Transferprojekt des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” vertreten und gewährten den Besucher:innen Einblicke in die Arbeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer.

Das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” – also Annika Heyen, Tim Ott und Johannes Pufahl – hatte seine VR-Brillen im Gepäck und ließ die Besucher:innen der Experimentiermeile an seinem Experiment “Changing Places” teilhaben. In diesem bekommen Proband:innen digitale Versionen des Osnabrücker Friedenssaals in Virtual Reality zu sehen. Das Experiment geht der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung und das Identifikationspotenzial von historisch aufgeladenen Orten verändern, wenn sie anders aussehen als gewöhnlich.

Am 23. September war das Team Transferprojekt gemeinsam mit dem Stadtteillabor in der Hustadt (Bochum) unter der Leitung von Christiane Falge zu Gast bei DOMiD in Köln. Im Rahmen des “Exhibition Building”-Workshops des Transferprojekts setzten sich die Teilnehmer:innen mit Themen der Ausstellungsgestaltung, der Sammlung von Objekten und dem Bilden von Narrativen bei der Erzählung von Geschichte und Gegenwart auseinander. Außerdem digitalisierten sie selbst mitgebrachte sowie aus den Beständen von DOMiD zur Verfügung gestellte Objekte und tauschten sich über die Geschichte(n) hinter den Gegenständen aus. Am Ende des Tages hatte die Gruppe angeleitet von Bebero Lehmann von DOMiD, den Studentischen Hilfskräften Johannes Pufahl, Denise Klaus und Jakob von den Driesch sowie Annika Heyen ein Konzept für eine neue VR-Anwendung erarbeitet, in deren Zentrum die Arbeit des Stadtteillabors sowie des Stadtteilgesundheitszentrums in der Hustadt steht. Mit dabei waren außerdem Timos Zdoupas vom VirtUOS, der den Tag filmisch festhielt, sowie Jens Schneider vom ReflexLab des SFB 1604, der das Geschehen beobachtete und auf diese Weise qualitative Daten für die Projektauswertung produzierte. 

Notizen

Im August erschien auf dem Blog der essayistische Beitrag “A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian” von Annika Heyen. Sie wagte in ihrem Blogbeitrag ein Gedankenexperiment: Sie betrachtete die Bermuda-Konferenz konsequent aus der Perspektive der Historischen Migrationsforschung – und stieß dabei auf überraschend neue Deutungsmöglichkeiten.

Der Beitrag stellte eine grundlegende methodische Frage in den Mittelpunkt: Wie weit kann sich eine Forscherin von etablierten Narrativen der Holocaustforschung entfernen, ohne in eine Gegengeschichte abzugleiten? Heyen argumentierte, dass der Wechsel der analytischen Linsе – weg von der Frage „Warum wurden die Juden nicht gerettet?” hin zu „Wie haben Staaten Mobilität unter Kriegsbedingungen reguliert und kontrolliert?” – den Blick auf ein breiteres Akteursfeld und längerfristige institutionelle Entwicklungen freigebe.

Neben den Publikationen auf dem Blog, gab es auch neue Bücher auf dem Schreibtisch:

Der dritte Band der Reihe „Konfliktlandschaften” war erschienen – und er stellte eine grundlegende Frage: Wie wird aus Gewalt Geschichte? Herausgegeben von Christoph Rass und verantwortet von der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, nahm »Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur« nicht die militärischen Operationen von 1944/45 selbst zum Gegenstand, sondern die nachträgliche Konstruktion der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ als Erzählung. Denn unter diesem Namen hatte niemand gekämpft – er entstand erst im Nachhinein, fügte eine Serie militärischer Einzeloperationen zu einem kohärenten Großereignis zusammen und lud einen Ort emotional auf, der seither als ›Verdun der Eifel‹ vermarktet wird.

Mit vierzehn Beiträgen in drei thematischen Teilen versammelte der Band ein breites Spektrum an Perspektiven. Der erste Teil widmete sich der Musealisierung von Krieg und Gewalt, der zweite der Ereignisgeschichte und Erinnerungspolitik rund um den Hürtgenwald, der dritte gab regionalen Akteuren eine Stimme, die sich vor Ort seit Jahren gegen revisionistische Narrative stemmen. Diese editorische Entscheidung veränderte den Charakter des Bandes: Aus externer akademischer Kritik wurde ein Dialog, der lokale Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutung ernst nahm und sichtbar machte.

Der Band markierte zugleich den Abschluss eines Forschungsprojekts und den Auftakt zu Neuem: Die Reihe wird mit Bänden zu den Emslandlagern und zu Moorlandschaften als Interventionsräumen fortgesetzt, an denen Imke Sofie Selle maßgeblich beteiligt ist. Wer verstehen möchte, unter welchen Bedingungen eine Gesellschaft ein über Jahrzehnte verfestigtes Geschichtsbild zu revidieren vermag – und wie schwer ihr das fällt –, findet in diesem Band eine unbequeme, aber erhellende Antwort.

Außerdem ist der von Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm herausgegebene Sammelband The Holocaust and Varieties of Migration bei De Gruyter erschienen und hier im Open Access zugänglich. Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die 2023 an der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See stattfand. Neben Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm sind Zofia Trebacz, Susanne Heim, Wendy Lower, Ayelet Eva Herbst, Hana G. Green, Edith Raim, Iris Helbing, Annika Heyen, Peter Gatrell und Tony Kushner mit Beiträgen vertreten. In ihrer Einleitung „Introduction: Forced Migration and Flight Before, During, and After the Holocaust“ fragen Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm, wie verschiedene Formen von Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung, Internierung und Nachkriegsmigration während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust nicht bloß Folgen der Gewalt waren, sondern in vielfältiger Weise zu deren Vorbereitung, Organisation und Durchführung gehörten. Von NGHM ist neben dem Mitherausgeber Sebastian Musch auch Annika Heyen mit ihrem Beitrag „‘Conceived Reluctantly, Brought to Birth Grudgingly, Straitjacked from Birth.’ The Bermuda Conference, the World Jewish Congress, and the Emergence of the Postwar Migration Regime“ in dem Band vertreten.

Für H-Soz-Kult hat Sebastian Musch das Buch Between Borders. The Great Jewish Migration from Eastern Europe von Tobias Brinkmann rezensiert. „Ein neues Standardwerk“, so sein Fazit.

Blogbeiträge in August und September

Eduard Usov & Jessica Wehner: NGHM-Tracker (8/26), 03. August 2026.
Annika Heyen: History@SFB 1604 | »Die Place Changer«: Podcast-Aufnahmen bei der 180 Grad Wende in Köln-Kalk., 05. August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997., 07. August 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993), 10. August 2026.
Annika Heyen: A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian, 11 August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis., 15. August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #3 | Wer benennt wen? Salem, Woodburn und Portland., 24. August 2026
Christoph Rass: NGHM liest | 13 | Scott: Gender and the Politics of History (1988), 27. August 2026.
Imke Selle & Team NGHM: Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026, 31. August 2026.



Christoph Rass: Keynote | ICDAR 2026 Wien | Geschichtswissenschaft und Dokumentenanalyse im Dialog, 04. September 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 14 | Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (2021), 07. September 2026.
Team NGHM: NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt., 10. September 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 15 | Wilkerson: The Warmth of Other Suns (2010), 11. September 2026
Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext., 14. September 2026.
Sebastian Musch: OUT NOW | The Holocaust and Varieties of Migration, 20. September 2026.
Team NGHM: Leerstellen der Erinnerungskultur | Zwischen Gedenken und Verdrängung. Podiumsgespräch am 1. Oktober in der vhs Osnabrück., 29.09.2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 16 | Ulrich Herbert: Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur (2016), 29.09.2026.
Annika Heyen: History@SFB 1604 | Das Transferprojekt mit seinem VR-Experiment “Changing Places” bei der Experimentiermeile 2026 auf dem Ledenhof, 30.09.2026.

Ausblick & aktuelle Termine

Im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” können Interessierte am 7. Oktober, 21. Oktober und 28. Oktober jeweils von 12 bis 18 Uhr im Studierendenzentrum (StudZ) am VR-Experiment “Changing Places” teilnehmen, in dem es um die Wahrnehmung historischer und historisch aufgeladener Orte geht, an denen Details verändert wurden. Eine Terminbuchung ist hier möglich. 

NGHM-Tracker (8/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.

Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.

Im Rahmen der Exkursion wurde auch der jüdische Friedhof in Neuenhaus besucht (Foto: Sebastian Musch)

Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein:
Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.

Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.

Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.

Foto: Sebastian Musch

Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.

Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.

Foto: Christoph Rass

In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.

Notizen

(Foto: Gero Leege)

Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen. 

(Foto: Bjarne Groß/ Gero Leege)

Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.

(Foto: Bjarne Groß)

Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.

Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.

Blogbeiträge im Juli

Ausblick & aktuelle Termine

Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.

Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.

Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei? 

Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.

Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden. 

NGHM-Tracker (7/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juni brachte eine bemerkenswerte thematische Dichte: Displacement, Erinnerung und die Frage, wessen Erfahrungen in der Geschichtsschreibung sichtbar werden – und wessen nicht. Im Zentrum stand der Vortrag von Samantha Knapton über queere Erfahrungen von Vertreibung im Nachkriegseuropa, der zugleich Anlass war, grundsätzlicher über die blinden Flecken klassischer Migrationsgeschichte nachzudenken. Hinzu kamen Einblicke in die Konferenzreisen von Team NGHM. Was die Beiträge und Ereignisse des Monats verband, war eine gemeinsame Frage, die selten so klar hervortrat: Wie entscheiden wir, welche Geschichten erzählt werden – und mit welchen Methoden lassen sie sich überhaupt fassen?

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juniausgabe des Newsletters.

Einblicke

Das NGHM-Team richtete gemeinsam mit IMIS und SFB 1604 am 4. Juni die vierte Alfred-Landecker-Lecture (organisiert von Dr. Sebastian Musch) aus. Samantha Knapton (Nottingham) sprach zu ihrem Konzept “twice displaced”: Queere NS-Verfolgte, die Lager überlebten, erfuhren mit Kriegsende keinen Ausschluss aus einem Territorium mehr, sondern aus Anerkennung und Historiographie – die Nachkriegsjahre bezeichnete Knapton als “straightestes” Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Anhand des Falles Pierre Seels zeigte sie, wie ein Betroffener nie staatliche Anerkennung erhielt und 2005 staatenlos starb.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Methodisch plädierte Knapton dafür, queere Leerstellen im Archiv nicht als Quellenlücke, sondern als Produkt der Kategorien selbst zu lesen (etwa des fortgeltenden §175). Eine rein empiristische Lektüre der Akten reproduziere epistemische Gewalt. In der Diskussion blieb offen, wo die Grenze zwischen disziplinierter Rekonstruktion und Hineinlesen ins Schweigen verläuft.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Christoph Rass nahm vom 18. bis zum 20. Juni an einer Tagung des Dokumentations- und Lernorts Bückeberg, der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten und der Leibniz Universität Hannover teil, die der Frage “Die NS-Gesellschaft als ‘Volksgemeinschaft’?” nachging. Im Zentrum standen soziale Praktiken statt Begriffsetiketten – am Tagungsort selbst, dem Schauplatz der “Reichserntedankfeste” (1933–1937).

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)
Das Wesertal als Kulisse der Inszenierung)

Der Workshop präsentierte Ergebnisse aus dem DFG-Projekt “Überwachung. Macht. Ordnung.”, das die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück digital erschlossen hat: Verfolgungswissen stammte demnach stärker aus Verwaltung und Wirtschaft als aus Partei oder Gestapo, private Denunziation spielte eine geringere Rolle. In der Kriegsphase betrafen fast zwei Drittel der Haftereignisse Zwangsarbeiter:innen. “Volksgemeinschaft” erscheint damit als arbeitsteilige gesellschaftliche Praxis, nicht als bloße Stimmung. Eine Exkursion zum Lernort sowie ein Podium mit Elke Gryglewski und Wiebke Hiemesch verbanden diese Befunde mit Fragen der Gedenkstättenarbeit.

Danach ging es für Christoph Rass weiter nach Paris: Dort hielt er die Keynote der Summer School ‘Doing Migration History with Digital Methods’, die vom 22. bis zum 26. Juni am German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) stattfand und von Prof. Dr. Mareike König gemeinsam mit dem Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg) organisiert wurde. Seine Keynote unter dem Titel “How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes” thematisierte die Möglichkeiten digitaler Methoden in einer reflexiven Migrationsforschung. In Kürze folgt eine gekürzte Version der Keynote als Blogbeitrag.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Jessica Wehner und Annika Heyen bei der anschließenden Diskussion des Panels Shaping the Refugee Regime before the Geneva Convention (Foto: Marcel Berlinghoff)

Nicht nur Team NGHM war auf Reisen, sondern auch die Studierenden: Derzeit findet erneut das Willy-Brandt-Seminar statt, das die NGHM jährlich in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin anbietet. Das von Frank Wolff geleitete Seminar mit Exkursion verbindet Forschung und Public History direkt. Zum einen erforschen die Studierenden anhand spannender und selten genutzter Quellen aus dem Nachlass Willy Brandts eigene Forschungsfragen. Zum anderen konzipieren sie sehr konkret, wie diese Inhalte in eine öffentliche Ausstellung übertragen werden können. In diesem Jahr beschäftigen sich die Teilnehmer:innen mit der Frage, welche Europakonzepte im Exil und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus entwickelt wurden, wie sie sich je nach politischer Ausrichtung unterschieden und welche Themen dabei im Vordergrund standen: Wie gelingt Frieden? Welches „Europa“ braucht es dafür? Wie verhindert man Imperialismus? Und wie stärkt und sichert man Rechte?

Seminarteilnehmer:innen in intensiver Diskussion im Forum Willy Brandt, Berlin.

Um dies lebendig zu gestalten, fuhren die Teilnehmerinnen vom 2. bis 5. Juni 2026 nach Berlin. Dort fand der Kernteil des Seminars erneut im eigens dafür für einige Tage reservierten Forum Willy Brandt, der Berliner Dauerausstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, statt. So konnten die Studierenden in intensiver Arbeit direkt „vor Ort“ Ideen entwickeln, wie sich Geschichte in die Öffentlichkeit bringen lässt. Komplettiert wurde das Seminar durch Exkursionen zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zum Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, bei denen die Seminarteilnehmerinnen durch besondere kuratorische Führungen Einblicke in das laufende Geschäft und hinter die Kulissen des Ausstellungsmachens erhielten.

Am 22. und 23. Juni 2026 fand unter Leitung von Sebastian Musch eine Exkursion nach Köln statt. Im Zentrum stand dabei die jüdische Geschichte Kölns. Die Domstadt am Rhein kann sich mit der seit dem Jahr 321 n. u. Z. verbürgten Ansiedlung jüdischer Menschen der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen rühmen.

Diese rund 1700 Jahre jüdischen Lebens sind geprägt von Verfolgung und Antisemitismus – vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus, als beinahe die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt vertrieben oder ermordet wurde. Daneben ist die jüdische Geschichte Kölns aber auch eine Geschichte von Resilienz, gesellschaftlichem Aufstieg und Wiederaufbau. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte das Kölner Judentum eine Periode der Prosperität und Anerkennung. Auf dem Programm standen ein Besuch des Doms, der Altstadt, der Synagoge, des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, des Lern- und Gedenkortes Jawne und des NS-Dokumentationszentrums. Ein gemeinsamer Exkursionsbericht der Teilnehmer:innen folgt auf diesem Blog.

Am 30.6. moderierte Sebastian Musch eine Podiumsdiskussion zum Thema “Antisemitismus heute” am Nussbaum Museum in Osnabrück. Es diskutierten Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Pastorin Dr. Daniela Koeppler, die Beauftragte f. christl.-jüd. Dialog im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte, Dr. Winfried Verburg von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück e.V. und Du’A Zeitun von der Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land MUJOS e.V. Es wurde eine lebhafte Diskussion, die vor allem die Notwendigkeit deutlich machte, in öffentlichen Räumen einen konstruktiven Rahmen für eben solche Debatten zu bieten. Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung Van den Yoden statt, die noch bis zum 30. August 2026 im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück zu sehen ist.

Am 24. Juni endete nach drei Monaten der Gastaufenthalt von Morten Baarvig Thomsen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und damit im Team NGHM. Morten nutzte die Zeit am Institut für den Austausch mit Kolleg:innen, die Begleitung von Lehrveranstaltungen und die vertiefte Arbeit an seinem Dissertationsprojekt ‘Experiences of the Danish Refugee Care System: Allied Displaced Persons in Denmark 1945-1953′.

History@SFB

Am 1. Juni war Christoph Rass im Rahmen des Transferprojekts des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” zu Gast im ReflexLab. Unter dem Titel “Revisiting Solingen and Hanau. The living memory of racist attack and the (potential) roles of migration researchers” ging er in den Austausch mit Mert Peksen und Emma Brahm mit ihrem ebenfalls am IMIS angesiedelten Projekt “GeRäuMig“. Die Gemeinsamkeit der beiden Projekte? Beide befassen sich unter anderem mit der lokalen Erinnerungskultur an den rassistisch motivierten Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in der Unteren Wernerstraße in Solingen in der Nacht vom 29. Mai 1993. Geleitet von der Frage nach dem Einfluss von Forscher:innen auf die Erinnerungskultur diskutierten sie mit Jens Schneider vom Reflex Lab über ihre Erfahrungen im Feld und die Grenzen dessen, was sie mit ihrer Arbeit erreichen können und sollten. 

Am 16. Juni begaben sich Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott gemeinsam mit unserem Kollegen Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung sprichwörtlich “ins Feld”. Marcel Storch digitalisierte mit Unterstützung durch das Team T-Projekt die mit zum Teil kniehohem Gras umgebene “Friedensbaracke” im Osnabrücker Landwehrviertel. Die Baracke wurde 1937 als Teil einer Ausbildungskaserne der Wehrmacht errichtet, diente ab 1940 als Kriegsgefangenenlager – ab 1941 vor allem für serbische Offiziere – sowie nach Kriegsende als Lager für sogenannte “Displaced Persons” und anschließend bis 2009 als Baracke der britischen Streitkräfte in Deutschland. Obwohl bislang vor allem konnotiert mit dem Thema Krieg und Frieden, hat dieser Ort also auch Bezüge zur Migrationsgeschichte, die jedoch auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. 

Bei der Scanaktion fanden zwei verschiedene Methoden Anwendung: Mithilfe einer Drohne wurde eine Reihe von Fotos aufgenommen, aus denen ein sogenanntes fotogrammetrisches Modell der Baracke zusammengesetzt werden kann. Der Terrestrische Laserscanner arbeitet hingegen mit LiDAR (Light Detection and Range), bei dem das Gerät für das menschliche Auge unsichtbare Laserstrahlen aussendet und misst, in welcher Entfernung diese Strahlen auf Widerstand treffen. Dadurch entsteht eine “Punktwolke”, aus der wiederum ein dreidimensionales, digitales Modell erstellt werden kann. Die Scanaktion verfolgte neben der Erstellung eines digitalen Zwillings der Baracke das Ziel, diese beiden Methoden anhand eines Objekts auf ihre Praktikabilität und die Qualität des am Ende generierten digitalen Modells miteinander zu vergleichen.

Notizen

Im Juni verabschiedete sich Team NGHM von Timo Diener. Timo war seit Anfang 2025 studentischer Mitarbeiter im Team und hat das Kernteam bei der Zuarbeit in Forschung und Lehre unterstützt. Ab Juli übernimmt Timo eine Volontariatsstelle und schließt seine Masterarbeit ab. Wir wünschen ihm alles Gute für seine berufliche Zukunft!

Zum 1. Juni begrüßte Team NGHM ein altbekanntes Gesicht: Eduard Usov, der bereits im A3-Team des SFB 1604 Teil der NGHM war und im Bachelor studiert, unterstützt nun die Redaktion des NGHM-Blogs auf Hypotheses. Zu ihm gibt es ein ausführliches Portrait.

Zum 15. Juni durfte das Team Lennart Blömer begrüßen. Lennart hat kürzlich seinen Bachelor mit einer Arbeit zur Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal abgeschlossen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wird er am 2. Juli auch im sechsten Tiny Desk Kolloquium vorstellen.

Am 30. Juni erschienen die ersten Podcastfolgen des SFB 1604 – Produktion von Migration. Die Reihe beginnt mit einem Porträt des Forschungszentrums und geht anschließend auf dessen Interviews ein. Unter den derzeit verfügbaren Folgen wurden zwei von Christoph Rass konzipiert und mitmoderiert, jeweils mit einer anderen Gesprächspartnerin: die erste mit Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), die zweite mit Lale Yildirim (Kiel). Beide gehen von der Frage aus, die das gesamte CRC leitet: Wie entsteht Migration? Nicht als natürliches Ereignis, das einfach geschieht, sondern als etwas, das geschaffen wird: durch Politik, durch Institutionen, durch Kategorien und nicht zuletzt durch die Wissenschaft selbst.

Blogbeiträge im Juni

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Juli findet das sechste Tiny Desk Kolloquium zum Thema “Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung” statt. Studierende bekommen zuerst die Gelegenheit Abschluss- und Projektarbeiten vorzustellen und im zweiten Teil folgen Kurzvorträge.

Alle Interessierten sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen!
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

NGHM-Tracker (6/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Mai zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt an Aktivitäten aus, die von Archivrecherchen in Paris bis hin zu Vorträgen und Diskussionen in Osnabrück und darüber hinaus reichten und zentrale Fragen der historischen Migrationsforschung berührten. Ob die Spurensuche nach Displaced Persons in den Beständen der International Refugee Organization, die Auseinandersetzung mit KI-gestützten Methoden in der Geschichtswissenschaft oder neue Perspektiven auf jüdische Migration und transnationale Wissenszirkulation – die Beiträge des Monats verbinden empirische Forschung mit methodischer Reflexion.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Huhn nutzte ein kurzes Zeitfenster im Mai, um, diesmal im frühlingshaften Paris, erneut im französischen Nationalarchiv den Akten der International Refugee Organization (IRO) nachzuspüren. Wie schon im Herbst 2024 ging er hier der Frage nach, wie es Anfang der 1950er-Jahre dazu kam, dass die britische Militärregierung und die IRO in der niedersächsischen Kleinstadt Varel das mit bis zu 1.000 Bewohner:innen größte „Altersheim” für jene Displaced Persons errichteten, die das Resettlement-Programm der IRO in Deutschland zurückgelassen hatte.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Sebastian Huhn vorm Besuch in den Archives Nationales in Paris (Foto: Sebastian Huhn)

Im Mai hat das NGHM-Team auch verschiedene Vorträge gehalten:

Am 19. Mai 2026 stellten Jessica Wehner und Lukas Hennies im Rahmen der Online-Reihe „KI.kompakt“ Überlegungen zur Nutzung digitaler Tools und künstlicher Intelligenz in der Geschichtswissenschaft vor. Der Beitrag knüpfte an die Arbeit der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an, in der KI-gestützte Methoden als logische Fortführung datengestützter Digital Humanities in Forschung und Lehre erscheint. Neben grundsätzlichen Fragen reflektierter und informierter KI-Nutzung wurde auch aus der Lehrpraxis berichtet: Im „NGHM Digital History Workshop“ realisierten Studierende mithilfe von KI-gestütztem Vibe Coding eigene datengestützte Webanwendungen zu historischen Themen. Gerade diese Verbindung von kritischer Reflexion und praktischer Anwendung machte deutlich, wie sehr der kompetente Umgang mit KI zur digitalen Handlungsfähigkeit beiträgt und Studierenden neue Formen eigenständiger Gestaltung im digitalen Raum eröffnet.

Sebastian Musch hat in einem Online-Workshop der Working Group on German Rabbis after 1933, geleitet von Cornelia Wilhelm (LMU München), einen Vortrag über den Rabbiner Zvi Asaria gehalten.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen Asarias Rückkehr nach Deutschland nach dem Holocaust und seine Tätigkeit als Rabbiner der Kölner Gemeinde in den 1950er-Jahren. Sebastian Muschs Forschung zu Zvi Asaria basiert auf dem Forschungsprojekt „Hermann Helfgott – Zvi Asaria. Ein transnationales Rabbinerleben im Zeitalter der Extreme (1913–2002)“, das von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde. Bevor Asaria nach Deutschland zurückkehrte, war er u. a. als Rabbiner im Displaced Persons Camp Bergen-Belsen tätig, das sich nach 1945 bald zum Zentrum jüdischen Lebens in der britischen Besatzungszone entwickelte. Diese Thematik steht auch im Fokus des Buches Postwar Migration Policy and the Displaced of the British Zone in Germany, 1945–1951: Fighting for a Future von Imogen Bayley, das Sebastian Musch für die Mai-Ausgabe des Bulletin des German Historical Institute London rezensiert hat.

Frank Wolff bei der Präsentation (Foto: Jessica Wehner)

Am 21. Mai begrüßte Team NGHM PD Dr. Frank Wolff im Kolloquium für einen Gastvortrag. Er berichtete unter dem Titel “Innovation und Frustration: Willy Brandts Nachlass als Zugang zu einer Intellectual History der europäischen Integration jenseits eingespielter Narrative” aus seinem aktuellen Forschungsprojekt bei der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung.

History@SFB1604

Auf Einladung von Prof. Dr. Lale Yildirim stellte Ahmet Celikten am 12. Mai im Rahmen ihres Kolloquiums an der CAU Kiel den aktuellen Stand seines Promotionsvorhabens vor. Auf seinen Vortrag mit dem Titel „(Re)Producing the Figure of the Migrantized ‘Other’: Educational Discourse and Turkey-Related Migration“ folgte eine fruchtbare Diskussion mit Masterstudierenden, Doktorand:innen und Mitgliedern des Forschungsteams von Prof. Dr. Lale Yildirim.

Am 27. Mai hielt Ahmet Celikten einen Einführungsvortrag bei einer von der IMIB-Fachschaft organisierten Dokumentarfilmvorführung. Vor der Vorführung gab er Einblicke in die Migration zwischen Deutschland und der Türkei und erörterte die Rolle der Kunst beim Ausdruck von Erfahrungen und Emotionen im Zusammenhang mit Migration, Diskriminierung und rassistischer Gewalt. Im Anschluss an die Vorführung diskutierten die Teilnehmer:innen über den Dokumentarfilm sowie über weiterführende Fragen rund um Migration in Deutschland.

Im Mai gab es noch weitere erfreuliche Neuigkeiten:
Die personelle Verknüpfung von Team NGHM und dem Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” verfestigt sich weiter – seit Mai 2026 sind drei Mitglieder des Teams als Assoziierte nun offiziell Teil des SFB, der sie in ihren jeweiligen Forschungsvorhaben unterstützt. Sebastian Musch forscht in seinem aktuellen Projekt zu Fragen an der Schnittstelle von jüdischer Migration, Flucht und Zwangsmigration während der Zeit des Nationalsozialismus sowie zu Flucht und Wissenstransfer. Valentin Loos untersucht in seinem Promotionsprojekt die Translation zentraler sozialwissenschaftlicher Migrationskonzepte im deutsch-amerikanischen Wissenschaftstransfer zwischen 1945 und 2000 und fragt danach, wie diese Konzepte im transatlantischen Austausch übersetzt wurden und inwiefern diese Translationsprozesse an der Konstitution von Migrationsregimen mitwirkten. Jonathan Roters analysiert in seinem Promotionsprojekt die diskursive Verschränkung der Figuren des “Wilden” und des “Vagabunden” in deutschsprachigen Texten des langen 19. Jahrhunderts und rekonstruiert, wie sich aus dieser Verschränkung gesellschaftliche Wahrnehmungen von Mobilität verfestigen.

Notizen

Nyanaponika Maha Thera (geboren als Siegmund Feniger), Island Hermitage in Kandy, Sri Lanka, 1991. Foto nyana_ponika; Wikimedia Commons.

Sebastian Muschs Beitrag„Im heiligen Land des Buddhismus. Deutsch-jüdische Migrant:innen auf Sri Lanka“ für das Online-Projekt Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora ist jetzt auch auf Englisch unter dem Titel „In the Holy Land of Buddhism: German-Jewish Migrants in Sri Lanka“ erschienen. Dieser Sonderfall der deutsch-jüdischen Diaspora in dem Inselstaat im indischen Ozean ist vor allem durch die enge Verknüpfung mit der Buddhismusbegeisterung im deutschsprachigen Raum Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt und brachte mehrere bedeutende Persönlichkeiten hervor, die vor allem im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute bekannt sind.

Am 22. Mai traf sich das Team NGHM für einen gemeinsamen Nachmittag zum Kegeln und Pizzaessen. Ganz im Sinne des Historiker:innen-Daseins wurde auch die Vereinsgeschichte des Kegelheims und des Kegelsports diskutiert.

Blogbeiträge im Mai

Ausblick & aktuelle Termine

Am 4. Juni organisiert die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung einen öffentlichen Abendvortrag im Rahmen der Alfred-Landecker-Lectures. Dr. Samantha Knapton von der University of Nottingham wird einen englischsprachigen Vortrag mit dem Titel “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe” halten. Der Vortrag findet von 18.30 bis 20 Uhr in Raum 15/130 statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

In ihrem Vortrag untersucht Samantha Knapton wie der Zweite Weltkrieg sich auf queere Menschen auswirkte und beleuchtet dabei die Zerstörung sozialer Strukturen ebenso wie die Welle der Diskriminierung im Kriegskontext, bis hin zu Kriminalisierung und Verfolgung. Diese Faktoren, verstärkt durch die Herausforderungen des Krieges, führten zu jahrzehntelanger Entwurzelung queerer Menschen. Für diejenigen, die sowohl queer als auch vertrieben waren, bedeutete das Kriegsende nicht das Ende ihrer Vertreibung, sondern verstärkte vielmehr ihre Ausgrenzung von den Wiederaufbaubemühungen der Nachkriegszeit. In dem Vortrag wird weiter diskutiert, wie wir die Geschichten der „zweimal Vertriebenen“ anhand erhaltener Quellen rekonstruieren können.

NGHM-Tracker (5/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der April brachte eine bemerkenswerte Dichte an Impulsen, die von Florenz bis Osnabrück reichten und dabei grundlegende Fragen der Geschichtswissenschaft berührten. Mit der neuen Reihe „NGHM liest” eröffnete das Team gleich zwei Fenster in die Geschichtstheorie und die Täterforschung. Was den Monat zusammenhält, ist eine gemeinsame Bereitschaft, unbequeme und offene Fragen nicht zu umgehen – in der Forschung, in der Lehre und im Dialog.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

Vom 23. bis 24. April 2026 nahmen Christoph Rass und Sebastian Huhn an der Konferenz des InechO-Projekts (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) am Alcide De Gasperi Research Centre des European University Institute in Florenz teil. Das von Kiran Klaus Patel und seinem Team an der LMU München entwickelte Projekt untersucht das Nachleben aufgelöster internationaler Organisationen.

Christoph Rass und Sebastian Huhn präsentierten ein Papier, das im Rahmen des SFB 1604 „Produktion von Migration” entstanden ist und die Auflösung der International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) in den Blick nimmt. Die IRO war insofern eine singuläre Institution, als sie Rechtsschutz, materielle Fürsorge und das Resettlement von Displaced Persons unter einem institutionellen Dach vereinte. Ihr Ende folgte weder dem Modell einer geordneten Nachfolge noch dem einer schlichten Auflösung. Sebastian Huhn und Christoph Rass schlagen dafür das analytische Konzept einer „functional disaggregation” vor: die gezielte Aufspaltung eines integrierten Mandats auf mehrere Nachfolgeorganisationen, von denen jede spezifische Funktionskomponenten erbte, während eine institutionelle Kontinuität gleichzeitig negiert wurde. Der UNHCR übernahm den Rechtsschutz mit minimalem Budget; das gut ausgestattete ICEM – heute IOM – erbte den operativen Transportapparat samt zwölf IRO-Schiffen. Begleitet wurde dieser Prozess von einer doppelten Amnesie: Beide Nachfolgeorganisationen distanzierten sich in sorgfältig kuratierten Archiven von ihren IRO-Ursprüngen.

Jessica Reinisch, Christoph Rass and Sebastian Huhn

Die Diskussion des Papiers durch Jessica Reinisch (Birkbeck, University of London) erwies sich als besonders produktiv: Sie wies darauf hin, dass das beschriebene Muster nicht nur das Ende, sondern bereits den Beginn der IRO kennzeichnet – auch die UNRRA war eine integrierte Organisation, deren Auflösung Funktionen ungleich auf Nachfolger verteilte. Diese Beobachtung verweist auf eine längere Kette internationaler Flüchtlingsorganisationen seit den 1920er-Jahren und legt nahe, dass funktionale Disaggregation kein singuläres Auflösungsereignis beschreibt, sondern einen wiederkehrenden Modus, in dem die internationale Gemeinschaft ihre Reaktion auf gewaltinduzierte Mobilität immer wieder neu organisiert hat. Das Papier wird als Beitrag in dem geplanten Sammelband des InechO-Projekts erscheinen.

Nicht ganz so weit in die Ferne ging es am 30. April:

An diesem Tag fand in der Aula des Lothar-Meyer-Gymnasium (LMG) in Varel die Eröffnung der digitalen Ausstellung über das größte Altersheim für Displaced Persons statt, das zwischen 1950 und 1959 auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmachtskaserne in der niedersächsischen Stadt Varel bestand. Das Ausstellungsprojekt entstand in einer ungewöhnlichen Kooperation: Sebastian Huhn (NGHM, Universität Osnabrück) und Christian Lütje (LMG Varel) führten über zwei Jahre hinweg Studierende und Schülerinnen und Schüler in einem gemeinsamen Forschungs- und Ausstellungsprojekt zusammen. Die Studierenden des Historischen Seminars der Universität Osnabrück erschlossen das kaum erforschte Thema auf Grundlage nationaler und internationaler Archivquellen, die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten biographische Skizzen einzelner Bewohnerinnen und Bewohner — darunter NS-Opfer, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Flüchtlinge vor dem Stalinismus aus mindestens dreizehn Ländern. Das Heim, in dem zeitgleich bis zu 1.000 Menschen lebten, steht exemplarisch für ein weitgehend vergessenes Kapitel der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte: den Umgang der frühen Bundesrepublik mit jenen Displaced Persons, denen ein Resettlement nicht gelungen war.

Den Abend eröffnete Sebastian Huhn mit einer Einführung in den historischen Kontext: von der Situation der über sieben Millionen Displaced Persons nach Kriegsende über die Arbeit der International Refugee Organization bis zur Übergabe der Versorgungsverantwortung an die frühe Bundesrepublik — und zur Frage, was deren Umgang mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern über die gesellschaftliche Verfasstheit dieser Zeit aussagt. Vom Osnabrücker Team nahmen auch Anna Louisa Asbrock, Timo Diener, Dirk Hobein, Lea Horstmann, Johannes Pufahl, Jannik Singer und Hannah Spille teil, die den sehr interessierten Gästen Einblicke in die Ausstellung gaben. Die Vernissage stieß auf großes öffentliches Interesse; auch die Nordwest-Zeitung berichtete.

Die Ausstellung ist ab sofort unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de zu besuchen.

Die Ausstellung ergänzt damit das umfangreiche Ausstellungsprogramm der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Weitere Ausstellungen zu folgenden Themen sind ebenfalls verfügbar:

Seit Anfang April 2026 bereichern zwei internationale Gastwissenschaftler die Forschungsgruppe von Prof. Dr. Christoph Rass am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

Morten Baarvig Thomsen und Matti Tapio Välimäki zu Gast am IMIS und in Team NGHM (Foto: Jessica Wehner)

Matti Tapio Välimäki von der Universität Helsinki und Morten Baarvig Thomsen von der Universität Süddänemark brachten unterschiedliche nationale Perspektiven und Epochen mit – und trafen sich doch auf einem gemeinsamen analytischen Terrain: der staatlichen Steuerung von Bewegung, Aufenthalt und Ausweisung. Im Mittelpunkt der Forschung Välimäkis stand das Konzept des „Non-Entry Regime” an Finnlands Ostgrenze. Seine These war historisch zugespitzt: Die vieldiskutierten Grenzschließungen der 2020er Jahre seien weniger ein Bruch als die Wiederherstellung einer jahrzehntelangen, administrativ stillen Praxis, die seit dem Kalten Krieg das finnisch-sowjetische Grenzverhältnis geprägt hatte. Scheinbare Krisen – von Überläufern des Kalten Krieges bis zu jüngsten „Instrumentalisierungsepisoden” – erschienen so als Momente, in denen ein eingespielter Konsens kurz sichtbar wurde. Baarvig Thomsen, Doktorand an der Universität Süddänemark, untersucht in seiner Dissertation die rund 34.000 sogenannten „nicht-deutschen” Displaced Persons, die zwischen 1945 und 1953 dänische Flüchtlingslager durchliefen. Statt administrative Strukturen von oben zu beschreiben, fragte er nach den alltäglichen Aushandlungsprozessen zwischen Flüchtlingen und dänischem Personal – und widersprach damit dem Bild passiver Hilfsobjekte in uniformen Wartesälen. Sein Aufenthalt in Osnabrück ist Teil seines von der New Carlsberg Foundation geförderten Promotionsprojekts.

Am 23. April stellte Matti seine derzeitigen Forschungsvorhaben auch im Kolloquium von Team NGHM vor.

Mitglieder der Arbeitsgruppe Negotiating Migration und des SFB 1604 gemeinsam mit unseren Gästen (Lukas Hennies, Anna Schlutter, Valentin Loos, Morten Baarvig Thomsen, Jonathan Roters, Jessica Wehner, Ahmet Celikten, Sebastian Musch, Matti Tapio Välimäki und Annika Heyen vlnr.; Foto: Hannah Spille)

Einen weiteren internationalen Gast durfte Team NGHM am 30. April begrüßen. Dr. Carl Mauzy, Marilena‑Laskaridis Visiting Research Fellow an der University of Amsterdam und Absolvent des King’s College London, arbeitet in der neueren griechischen Geschichte mit einem besonderen Fokus auf Fotografie und Bildgeschichte; in seinem Vortrag stellte er aktuelle Forschungen zu Amateurfotos deutscher Soldaten während der Besatzung Griechenlands 1941–1944 vor und zeigte, wie diese Bilder als „uneasy witnesses“ historische Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erinnerungskonstellationen transnational vermitteln.

Lukas Hennies bei der Präsentation (Foto: Imke Selle)

Am 8. April waren Mitarbeiter:innen von Team NGHM an die Technische Universität Dortmund, Fachbereich Informatik, eingeladen. Zur Auftaktveranstaltung der Master-Projektgruppe ‚Mustererkennung‘ an der Professur von Prof. Dr. Gernot Fink sprachen Imke Selle und Lukas Hennies über die im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, überlieferte Kartei der Emslandlager und deren Potenziale für eine automatisierte Erschließung mit informatischen Verfahren. Der Vortrag der beiden vermittelte Genese, Nutzung und Archivierung der unterschiedlichen Karteien der Emslandlager und erläuterte das Erkenntnisinteresse von Historiker:innen an diesem seriellen Bestand.

Die Zusammenarbeit der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der Arbeitsgruppe für Mustererkennung ermöglicht Studierenden damit zum zweiten Mal einen interdisziplinären Blick auf einen historischen Quellenbestand. Bereits 2025/26 hatte sich eine Master-Projektgruppe der Erschließung von personenbezogenen Massendaten aus den sog. ‚CM/1‘ Files der Arolsen Archives angenommen.

Am 12. April hielt Prof. Dr. Christoph Rass im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck einen Vortrag im Augustaschacht in Osnabrück unter dem Titel “Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig? Was die Osnabrücker Gestapokartei über NS-Herrschaft und Volksgemeinschaft erzählt.”

Am 26. März 1945, neun Tage bevor britische Truppen Osnabrück erreichten, legte ein Beamter der Gestapo-Leitstelle Osnabrück die letzte Karte einer Personenkartei an, die seit 1928 geführt wurde. Während die Ermittlungsakten der Leitstelle im Innenhof des Schlosses verbrannt wurden, nahmen die Beamten die Kartei auf die Flucht: zu wichtig, um sie den Flammen zu übergeben, zu belastend, um sie zurückzulassen. Mit 48.767 Karteikarten zu rund 48.000 Personen und 40.934 dokumentierten Vorgängen gehört sie heute zu den nur sechs noch substantiell erhaltenen Personenkarteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im ehemaligen Reichsgebiet. Anlass für die Wiederannäherung an dieses Quellenkonvolut bot eine Gedenkveranstaltung der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e.V. am Ort des ehemaligen AEL Ohrbeck, am Hüggel südwestlich von Osnabrück, in dessen Augustaschacht-Pumpenhaus die Gestapo zwischen Januar 1944 und März 1945 Tausende von ausländischen Zwangsarbeiter:innen disziplinieren ließ. Der hier vorgetragene Forschungsstand wurde von der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Rahmen des DFG-Projekts ›Überwachung. Macht. Ordnung. Personen- und Vorgangskarteien als Herrschaftsinstrument der Gestapo‹ (2018 bis 2021) erarbeitet, in dem die Osnabrücker Kartei als erste regionale Gestapo-Personenkartei vollständig digitalisiert und datenbankgestützt erschlossen wurde. Nun bot eine Gedenkveranstaltung Gelegenheit, die Gestapokartei noch einmal mit spezifischem Blick auf das AEL Ohrbeck auszuwerten. 

Drei Befunde des Vortrags lassen sich knapp zuspitzen: Erstens zeigt die Kartei eine institutionelle Transformation der Leitstelle, die in der bisherigen Forschung nur für einzelne regionale Fälle dokumentiert war: 86,5 Prozent der 4.719 benannten Haftereignisse fallen in die Phase IV (1942–1945), 77,1 Prozent betreffen Personen, die in der Kartei als Zwangsarbeiter:innen identifiziert sind. Zweitens macht die quantitative Auswertung das Haftsystem als reichsweite Infrastruktur sichtbar: 448 distinkte Haftorte, von Polizeigefängnissen in den besetzten Niederlanden über Konzentrationslager bis zu Zuchthäusern in Schlesien. Im Zentrum stehen zwei Arbeitserziehungslager, die zusammen 53 Prozent aller benannten Haftereignisse absorbierten: das AEL Ohrbeck im eigenen Bezirk und das von der Gestapo Köln verwaltete AEL am Flughafen Essen/Mülheim, in das die Osnabrücker Leitstelle mehr als eintausend Personen überstellte.  Drittens verschiebt die Kartei den Blick auf die ›Volksgemeinschaft‹ als Verfolgungspraxis. Mit 1.794 dokumentierten Ereignissen ist das Arbeitsamt der mit Abstand häufigste institutionelle Kooperationspartner der Leitstelle, gefolgt von Landräten (1.044), Firmen (1.102) und Bürgermeistern (175).

Christoph Rass beim Vortrag (Foto: Giulia Lambert/Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht)

History@SFB1604

Vom 14. bis zum 17. April nahmen Ahmet Celikten und Annika Heyen an der Spring School “Production of Migration” des Sonderforschungsbereichs 1604 teil. Abgesehen von den Doktorand:innen des Sonderforschungsbereichs nahmen 22 PhD Students aus 15 Ländern an der Veranstaltung teil. Zusätzlich reisten auch Nina Glick Schiller (University of Manchester) und Valentina Mazzucato (Maastricht University) für die Key Note Lectures sowie Nader Talebi (Humboldt University Berlin), Shahram Khosravi (Stockholm University), Janine Dahinden (University of Neuchâtel) und Stefan Manser-Egli für die Durchführung des Workshopprogramms an. Im Rahmen von Paper Presentations sprachen Ahmet Celicten über “The Production of the Turkey-Related ‘Other’: A Mixed-Methods Analysis of Migrantized Figures in Academic Discourse” und Annika Heyen über “Categories and Crisis: The Prodiuction of the ‘Refugee’ in the Context of the 1943 Bermuda Conference”.

Am 17. April unterstützten Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott vom Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” Sebastian Musch und Thea Kruse bei der im Rahmen der Spring School angebotenen Exkursion zur Baracke 35. Die einstmals als Teil eines Ausbildungslagers der Wehrmacht errichtete Baracke wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten als Kriegsgefangenenlager vor allem für serbische Offiziere genutzt. Nach Ende des Krieges wurden hier sogenannte ‘Displaced Persons’ vor ihrer Repatriierung bzw. vor ihrem Resettlement untergebracht. Der Verein, der die Baracke betreut, konzentriert seine Arbeit vor allem auf die Förderung von Frieden und anti-Kriegs-Bildung. Ziel der Exkursion war es, gemeinsam mit den Mitgliedern des Vereins “Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V.” über die migrationshistorischen Aspekte des Ortes zu diskutieren. Die Mitglieder des Transferprojekts demonstrierten darüber hinaus, wie digitale Werkzeuge dazu eingesetzt werden können, über einen Ort und seine Bedeutung neu nachzudenken.

Notizen

Im April startete die neue Reihe “NGHM Liest”, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Bereits online sind die folgenden Beiträge:

Prof. Dr. Christoph Rass war zu Gast im “Verhör” beim Zentrum Virtuos der Universität Osnabrück. In diesem Format befragen die Kolleg:innen vom Virtuos unterschiedliche Professor:innen rund um den Alltag von Forschung und Lehre.

Unter anderem erklärt Christoph Rass dort, wie die geschichtswissenschaftliche Praxis im Studium aussieht, welches Wort im Wortschatz von Historiker:innen nicht fehlen darf und welches Tier die Geschichtswissenschaft seiner Meinung nach wäre.

Sebastian Musch hat für Central European History die Monografie Österreich und der Buddhismus. Asiatische Abenteuer vom 16. Jahrhundert bis um 1960 von Hubert Weitensfelder rezensiert.

Zum 15. April konnten wir Gesa Landwehr im NGHM-Team begrüßen. Sie studiert Neueste Geschichte im Fachmaster und unterstützt nun als studentische Hilfskraft das Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”. Neben ihrer Tätigkeit bei uns arbeitet sie noch als Guide bei der Villa_ – Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte. Gesa interessiert sich für Geschichte aus einer Perspektive der Vermittlung. Sie findet besonders spannend, Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung außerhalb der Schule und mit digitalen Werkzeugen zu untersuchen. Beispielsweise entwickelte sie in der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” eine Web-App und berichtete davon im letzten Tiny Desk Kolloquium. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Mitte April verabschiedete sich das A3-Team des SFB 1604 von Elif Celik, die das Team in den vergangenen drei Monaten intensiv bei der Datenerhebung und Literaturrecherche unterstützt hatte. Wir danken ihr für ihre wertvollen Beiträge und wünschen ihr alles Gute und viel Erfolg für ihr Masterstudium.

Ende April verabschiedete Team NGHM außerdem Benjamin Look, der maßgeblich an der Tracker-Redaktion und der allgemeinen Blogredaktion beteiligt war. Diese Ausgabe des Trackers ist damit die letzte gemeinsam gestaltete Ausgabe. In Kürze wird Benjamin sein Masterstudium abschließen und Team NGHM wünscht ihm alles Gute für seinen beruflichen Werdegang!

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 12. Mai, 12.30 bis 13.30 Uhr, referieren Lukas Hennies und Jessica Wehner auf Einladung des Netzwerks Hochschule.digital Niedersachsen in der Reihe “KI Kompakt” zum Thema “Digitale Tools und KI-Nutzung in der Geschichtswissenschaft: Potenziale und Herausforderungen für die Lehre”.

Der Vortrag beleuchtet, wie im Rahmen des Geschichtsstudiums in die kritische Nutzung von generativer und nicht-generativer KI eingeführt werden kann. Konkret sollen Ansätze vorgestellt werden, die sowohl die (historische) Wissensproduktion als auch die Entwicklung von Vermittlungsformaten mit Hilfe von KI-Modellen betreffen. Anhand von Praxisbeispielen aus der Lehrtätigkeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) der Universität Osnabrück zeigt der Vortrag auf, welche Herausforderungen und Potentiale die technische Entwicklung von ‚Künstlicher Intelligenz‘ mit sich bringt und wie diese sinnvoll in die Lehre integriert werden kann. Abschließend soll diskutiert werden, wie eine kritisch-reflexive Nutzung digitaler Werkzeuge ausgestaltet werden kann.

Interessierte sind herzlich zum digitalen Vortrag eingeladen!

NGHM-Tracker (4/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der März stand im Zeichen von Bewegung – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Gleich mehrere Beiträge kreisten um das Thema Exkursion: Studierende reisten nach Nürnberg, erkundeten die historischen Schichten einer Stadt, die wie kaum eine andere Mittelalter und Nationalsozialismus in sich trägt, und erprobten dabei erstmals eine eigens entwickelte WebApp als digitales Begleittool. Dass historisches Lernen auch ohne physische Anwesenheit gelingen kann, zeigte unterdessen eine hybride Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Neben diesen didaktischen Experimenten rückte Thomas Mann ins Zentrum: Eine Studierendenkonferenz widmete sich seinen BBC-Rundfunkansprachen an die „Deutschen Hörer” und fragte, was diese Quellen über Exil, Widerstand und erzwungene Migration aussagen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Märzausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Wintersemester 2025/26 führte Team NGHM ein Blockseminar durch, das Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen „Deutsche Hörer!” (1940–1945) als historisches Dokument der Exil- und Migrationsgeschichte erschloss. Am Ende der Lehrveranstaltung fand ein Workshoptag mit anschließender Studierendenkonferenz statt, bei der vierzehn Vorträge in vier thematischen Panels präsentiert wurden. Die Moderation übernahmen Annika Heyen, Sebastian Musch, Sebastian Huhn und Jessica Wehner; die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass.

Die Studierendenkonferenz fand in unterschiedlichen Panels statt und gab Studierenden und Lehrenden ausreichend Zeit für Diskussionen (Foto: Jessica Wehner)

Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Mann sprach seine Ansprachen in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der die enormen infrastrukturellen Anforderungen dieser Form von Widerstandskommunikation sichtbar machte. Die Studierenden näherten sich dem Quellenkorpus aus mediengeschichtlicher, rhetorischer, ideengeschichtlicher und soziologischer Perspektive. Besonders aufschlussreich war etwa die sogenannte „Spiegelthese”: Manns Holocaust-Berichterstattung folgte demnach weniger seiner individuellen Erkenntnislage als dem öffentlich verfügbaren Informationsstand in den USA. Ebenso produktiv erwies sich die Frage nach Manns Doppelrolle – zwischen institutioneller Einbindung in den BBC-Propagandaapparat und eigenem intellektuellem Anspruch.

Nach dem Blockseminar vor Ort ging es für einige Kolleg:innen des Teams NGHM gemeinsam mit Kolleg:innen von der Professur für die Geschichte des Mittelalters Richtung Süden:

Das Germanische Nationalmuseum. (Foto: Adrian Kuhnt)

Vom 17. bis 19. März 2026 unternahmen Studierende des Historischen Seminars der Universität Osnabrück eine dreitägige Exkursion nach Nürnberg – eine Stadt, die wie kaum eine andere historische Schichten verdichtet und permanent neu verhandelt. Geleitet wurde die Reise von Christoph Rass (Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung) und Christoph Mauntel (Geschichte des Mittelalters) – und begleitet von Lukas Hennies, Sebastian Huhn und Lara Jäger –, die bewusst eine interdisziplinäre Perspektive anlegten. Der rote Faden der Exkursion war dabei eine ebenso einfache wie verstörende Erkenntnis: Was in Nürnberg als historische Bausubstanz wahrgenommen wird, ist zu weiten Teilen nachgebaut. Die Frage nach Authentizität, Inszenierung und Rekonstruktion erwies sich als weit weniger selbstverständlich, als die pittoreske Oberfläche der Stadt vermuten ließ. An neun Stationen in Nürnberg und Fürth erkundeten die Studierenden die vielschichtige Geschichte der Stadt. Im Germanischen Nationalmuseum stand der Behaim-Globus von 1492/93 im Mittelpunkt – die älteste erhaltene Erddarstellung in Kugelform, die zugleich eine Welt ohne Amerika zeigte. Die Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300–1600” beleuchtete nicht nur die globalen Handelsverflechtungen der Stadt, sondern auch deren Schattenseiten: Nürnberger Handelshäuser waren am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. Ein Altstadtrundgang machte die Dimension der Zerstörung vom 2. Januar 1945 erfahrbar, als 90 Prozent der mittelalterlichen Altstadt in Schutt und Asche sanken. Auf der Kaiserburg zeigte eine Führung, wie die Nationalsozialisten mittelalterliche Symbolik gezielt zur Legitimation ihres Regimes instrumentalisierten. Das Reichsparteitagsgelände rückte wiederum einen lange vernachlässigten Aspekt in den Vordergrund: die Geschichte der dort eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Die Exkursion verband so mediävistische und zeithistorische Perspektiven zu einem produktiven Spannungsverhältnis – und stellte grundlegende Fragen darüber, wer Geschichte wie und für wen konstruiert.

Die Exkursionsgruppe vor dem Frauentor in Nürnberg (Foto: Adrian Kuhnt)

Eine etwas andere Art der Exkursion fand am 23. Januar 2026 statt: Eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück unternahm unter der Leitung von Imke Selle eine digitale Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplant, wurde das Format aufgrund von Schnee und Eis spontan in eine hybride Form umgewandelt – ein Umstand, der die Auseinandersetzung mit dem Ort keineswegs schmälerte. Den Einstieg bildete die gemeinsame Lektüre eines Textes von Detlef Garbe, der Neuengamme als zentrales Konzentrationslager des nordwestdeutschen Raums einordnete. Mit über 80 Außenlagern und mindestens 42.900 Todesopfern unter mehr als 100.000 Häftlingen stand die historische Dimension des Ortes schnell im Mittelpunkt. Besonders aufschlussreich war die Diskussion über die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime: Die Stadt hatte das Lager gezielt für die Produktion von Klinkern für ihre monumentalen Stadtumbaupläne genutzt. Im Zentrum der digitalen Begehung stand ein 360-Grad-Rundgang, der das weitläufige Gelände erfahrbar machte. Ergänzend kamen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz – ein Angebot, das die Studierenden zwar als innovativ bewerteten, aber auch kritisch reflektierten. Die überlebensgroße Darstellung in der VR-Umgebung wirkte dem angestrebten Präsenzgefühl eher entgegen und regte zur grundsätzlichen Frage an, ob technologische Immersion tatsächlich zu tieferem historischen Verstehen beiträgt. Besonderes Interesse weckte die Nachkriegsgeschichte des Geländes: Jahrzehntelang als Gefängnis genutzt, konnte eine angemessene Gedenkstätte erst durch den Druck von Überlebendenverbänden und den gesellschaftlichen Wandel der 1980er Jahre entstehen. Der Bericht von Jule Kumbrink zeigte eindrücklich, wie digitale Formate einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit ermöglichen können – ohne den physischen Besuch zu ersetzen.

Studierende bei einer digitalen Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Imke Selle)

Doch nicht nur Exkursionen, auch Feldforschung stand auf dem Plan von Team NGHM: Am 24. März 2026 brachen Lea Horstmann, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Ilka Schwerdtfeger unter Leitung von Imke Selle ins Emsland auf, um ergänzende Aufnahmen an den Standorten der 15 ehemaligen Emslandlager und 9 Lagerfriedhöfe im Rahmen des Projekts „Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer*innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ anzufertigen. Ziel war die Vervollständigung der historischen Dokumentation und Digitalisierung der ehemaligen Lagerstandorte.

Informatik meets Digital History: Workshop in Osnabrück

Am 22. März 2026 fand in Osnabrück ein eintägiger Workshop statt, bei dem Prof. Dr. Christoph Rass und Prof. Dr. Gernot A. Fink (AG Mustererkennung, TU Dortmund) die Zusammenarbeit ihrer Arbeitsgruppen vertieft haben. Die beiden Arbeitsgruppen kooperieren seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Informatik: Seit 2023 arbeiten sie an Verfahren, mit denen historische Großkarteien und andere massenhaft überlieferte personenbezogene Akten mithilfe von KI systematisch maschinenlesbar gemacht werden können. Im Sommersemester 2025 befasste sich bereits eine Dortmunder Masterprojektgruppe mit dieser Frage am Beispiel der CM/1-Akten aus den Arolsen Archives, einer zentralen Quelle für die vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Gewaltmigrationen. Aus dieser Kooperation ging auch eine gemeinsame Publikation auf der ICDAR 2025 hervor.

Der Workshop bereitete nun eine weitere Masterprojektgruppe vor, die sich im Sommersemester 2026 an der TU Dortmund mit der KI-gestützten Datenextraktion aus historischen Quellen befassen wird. Die Osnabrücker Geschichtswissenschaftler:innen begleiten die Projektgruppe erneut beratend und bringen ihre Expertise zu quellenkundlichen Fragen, zum Forschungskontext der historischen Massendaten sowie zu den inhaltlichen Anforderungen an die Tiefenerschließung ein. Damit setzt die Kooperation zwischen NGHM und der AG Mustererkennung einen Weg fort, auf dem die Möglichkeiten und Grenzen von LLMs und KI für die Arbeit im Archiv systematisch erprobt werden.

Annika Heyen und Vera Hanewinkel (Foto: Tim Ott)

Außerdem wirkten am 9. März Tim Ott und Annika Heyen an der Präsentation des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” durch Vera Hanewinkel im Rahmen der 21. LeLa-Jahrestagung mit und zeigten den Teilnehmenden digitale Werkzeuge aus dem Kontext des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum“. Die Präsentation des Sonderforschungsbereichs umfasste neben der Digital Public History-Station des T-Projekts eine Posterpräsentation zu verschiedenen Teilprojekten, assoziierten Projekten sowie dem ReflexLab und war Teil einer Exkursion, die auch das Landesarchiv und den Gestapokeller umfasste. Die LeLa-Tagung – kurz für “Lernort Labor” – ist ein Angebot des Bundesverbands der Schülerlabore. Insofern interessierten sich die Exkursionsteilnehmenden bei der Diskussion nicht nur für Fragen nach der Erzählung von Migrationsgeschichte und -gegenwart sowie der Beforschung derselben, sondern insbesondere auch für die Anwendbarkeit der digitalen Werkzeuge bei der Arbeit mit verschiedenen Gruppen. 

Für das Online-Portal Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, ein hybrides Publikationsprojekt der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts (LBI) und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ), Universität Potsdam, hat Sebastian Musch einen Beitrag zu deutsch-jüdischen Migrant:innen auf Sri Lanka geschrieben. In dem Beitrag zeigt er, wie Sri Lanka (damals British Ceylon), obwohl abseits der großen Migrationsbewegungen, die das deutsche Judentum im 20. Jahrhundert prägten, gelegen, als „heiliges Land des Buddhismus“ für deutsch-jüdische Migrant:innen ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort wurde. In dem Beitrag stellt er außerdem einige deutsch-jüdische Persönlichkeiten vor, die im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute prägen. Dazu gehören Nyanaponika Thera (Siegmund Feniger), ein ursprünglich aus Hanau stammender deutscher Jude, der auf der Insel als buddhistischer Mönch ordiniert wurde und zu einem der wichtigsten Denker des Theravada-Buddhismus im 20. Jahrhundert aufstieg, die buddhistische Mönchin Ayya Khema (Ilse Kussel), die Indologin Betty Heimann und die Schriftstellerin Anna Ranasinghe.

History@SFB1604

Christoph Rass, Lale Yildirim und Anna Kaim haben in der Reihe IMIS Working Papers unter dem Titel “Museen als Kontaktzone(n) der Migrationsgesellschaft?” eine neue Publikation veröffentlicht. Der Beitrag fragt danach, wie Museen als geschichtskulturelle Institutionen der Migrationsgesellschaft zu Orten werden können, an denen Migration nicht als Ausnahme oder Sonderfall, sondern als gesellschaftliche Normalität – als conditio humana – verhandelt wird. Dabei nehmen die Autor*innen zunächst eine begrifflich-konzeptionelle Verortung vor, die Migration als konstitutives Strukturmerkmal moderner Gesellschaften fasst und zugleich die Konstruktionsmechanismen von Differenzkategorien wie ‚Migrationshintergrund‘ kritisch reflektiert. In einem zweiten Schritt rückt das Museum als gesellschaftliche Institution und Bildungsort in den Blick, wobei sowohl seine historische Verstrickung in nationale Identitätserzählungen als auch sein Potenzial als Raum der Begegnung und Aushandlung – im Sinne einer von Nora Sternfeld vorgeschlagenen ‚Kontaktzone‘ – diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund analysiert der Beitrag bestehende Strategien der Musealisierung von Migration und legt offen, welche konzeptionellen Schwierigkeiten sich aus dem grundsätzlichen Widerspruch zwischen Migration als Prozess der Bewegung und dem Museum als Institution der Fixierung ergeben.

Als konkreten Beitrag zur Überwindung dieser Spannungen stellt der Aufsatz das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück seit 2014 entwickelte Workshopformat ‚Familiengeschichte als Migrationsgeschichte‘ vor, das durch einen lebensweltlichen, alle Teilnehmenden einbeziehenden Zugang über vier Generationen hinweg Mobilität und Migration als geteilte Erfahrung sichtbar macht. Die zwischen 2017 und 2019 in Kooperation mit dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven erprobte Übertragung dieses Formats in den musealen Kontext wird ebenso dargestellt wie die daraus abgeleiteten Potenziale für die museale Praxis – nicht zuletzt die Möglichkeit, räumliche Ebenen zu transzendieren, transkulturelles Lernen zu fördern und Ambiguitätstoleranz als Grundlage einer pluralen Erinnerungskultur zu stärken.

Notizen

Sebastian Musch hat für H-Soz-Kult das Buch „Nicht alles ist erlaubt, nicht alles ist verboten“. Die deutsch-israelischen Beziehungen in den Geisteswissenschaften (1950–1990) von Sharon Livne, Irene Aue-Ben-David und Silja Behre rezensiert. Das Buch zeichnet die Anfänge der israelischen universitären Institutionalisierung des Forschens zu deutscher Sprache, Literatur und Geschichte nach und ergänzt durch eine detaillierte Wissenschaftsgeschichte die Forschung zur Geschichte der (bundes-)deutsch-israelischen Beziehungen.

Gero Wollgarten, Doktorand der NGHM, publizierte seinen Beitrag “Ein Österreichischer Minsk-Prozess?« Biografische Zugänge zur österreichischen Strafverfolgung von NS-Tätern am Beispiel von Helmut Heiss (1913–1985) und Johann Kunz (1898–?)” im Sammelband “Biografien als Sonden der Transformation”. Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf einen Workshop an der Universität Wien im Jahr 2022 zurück.

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung verfolgt seit Jahren das Ziel, digitale Methoden nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil geschichtswissenschaftlicher Ausbildung zu etablieren. So auch zuletzt im Rahmen von Exkursionen: Für die Exkursion „Nürnberg zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus” im März 2026 entwickelte das NGHM-Team um Christoph Rass eine eigene WebApp, die Logistik, Kartenmaterial und historische Kontexte auf dem Smartphone bündelt. Statt WhatsApp-Gruppen, E-Mails und ausgedruckter Handouts stand den Teilnehmer:innen eine kartenbasierte Anwendung zur Verfügung, die alle Exkursionsstationen als verlinkte Informationsknoten auf einer OpenStreetMap-Karte darstellte. Farbcodierte Marker unterschieden Exkursionsstationen, Kontextorte und Infrastruktur; ein Zeitstrahl hob automatisch die aktuelle oder die nächste Station hervor. Das Herzstück der App bildeten historisch fundierte Einführungstexte zu neun zentralen Orten – von Nürnbergs Aufstieg zur Reichsstadt und der Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel über das Reichsparteitagsgelände bis zu den Nürnberger Prozessen und der Geschichte jüdischen Lebens in Franken. Besonders experimentell war die Integration eines photogrammetrisch erstellten 3D-Scans eines Kunstwerks der Straße der Menschenrechte, der „on the fly” in die App eingebunden wurde. Entwickelt wurde die Anwendung mit dem Ansatz des sogenannten „Vibe Codings” – KI-gestützter Programmierung im Dialog mit einem KI-System, ohne klassische Programmierkenntnisse. Dieser Ansatz knüpfte direkt an die Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” an, in der Studierende im Wintersemester 2025/26 eigene WebApps entwickelt und beim ersten NGHM-WebApp-Slam präsentiert hatten. Die Exkursions-App reiht sich damit in das wachsende Digital-History-Profil der Arbeitsgruppe ein – und zeigte im Feld, dass situativer Zugang zu Kontextwissen direkt am historischen Ort gelingen kann.

Ein Einblick in die WebApp

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 7. April beginnt das Sommersemester 2026 an der Universität Osnabrück. Team NGHM ist mit einem spannenden Lehrprogramm dabei, das wir in Kürze auch auf unserem Blog veröffentlichen!

NGHM-Tracker (3/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im Februar begann für Team NGHM die vorlesungsfreie Zeit und damit die konzentrierte Arbeit an Texten, Projekten und Vorträgen. Daneben standen auch einige Reisen – beispielsweise nach Hamburg oder Bremen – an.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Februarausgabe des Newsletters.

Einblicke

In der Lehre versuchen die Mitarbeiter:innen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung immer wieder auch neue (digitale) Methoden und Tools gemeinsam mit Studierenden auszuprobieren. Ein mittlerweile bewährtes Konzept stellen dabei die von unseren Studierenden gestalteten digitalen Ausstellungsprojekte dar, von denen zwei im Februar online gehen konnten. Beide sind aus Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass hervorgegangen und verbinden quellengestützte Analyse mit digitalen Präsentationsformen.

Nachdem die wissenschaftliche Redaktion der Beiträge durch Valentin Loos, M.Ed. – in enger Abstimmung mit dem Universitätsarchiv – abgeschlossen werden konnte, sind die beiden mit dem System Omeka-S umgesetzten Ausstellungen nun online gegangen. Sie machen Ergebnisse aus Forschung und Lehre öffentlich zugänglich – und laden dazu ein, Osnabrücker Universitäts- und Stadtgeschichte nicht nur nachzulesen, sondern auch analytisch zu erkunden:

Die Universität Osnabrück – Gründung und Anfangsjahre

Die Lohstraße – Stadtgeschichtliche im Spiegel einer Straße

Auf unserem Blog berichteten wir bereits ausführlich über die Veröffentlichung:

Online sind bereits folgende Ausstellungen zugänglich, die teils aus Lehrveranstaltungen, teils aus Forschungsprojekten hervorgegangen sind:

Nicht nur unser Ausstellungsportfolio ist gewachsen:
Die Reihe der IMIS Working Papers ist um zwei Beiträge erweitert, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit einer gemeinsamen Frage befassen: Wie produzieren Sprache, Wissen und Kategorien jene sozialen Ordnungen bzw. Phänomene, die wir als ›Migration‹ verhandeln?

Beide Texte sind an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück entstanden und schließen an die Arbeiten im Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹ an. Dabei greifen sie zwei Stränge auf, die die Arbeit der Arbeitsgruppe NGHM seit Jahren prägen: die Begriffsgeschichte migrationspolitischer Schlüsselkategorien und die kritische Analyse jener Wissensordnungen, die bestimmen, wie Gesellschaften über Zugehörigkeit und Ausschluss verhandeln.

Das IMIS Working Paper 22, ‘Gastarbeiter’ in the Nazi Press (1933–1945). Formative Years of a Key Term in Migration Politics, wendet sich einer bislang unzureichend erforschten Phase in der Geschichte eines Begriffs zu, den die Arbeitsgruppe NGHM seit über einem Jahrzehnt untersucht.

Das IMIS Working Paper 23, Zum Verhältnis von Produktion und Projektion. Reflexive Perspektiven auf antiziganistische Wissensordnungen, verfasst von Christoph Rass und Jonathan Roters, geht auf einen Vortrag bei der wissenschaftlichen Auftaktveranstaltung zum Konzept der Z-Projektion am 8. September 2025 in Hannover zurück. Der Beitrag unternimmt einen anderen Zugriff auf die Frage, wie Kategorien soziale Ordnung herstellen.

History@SFB1604

Vom 23. bis 25. Februar 2026 fand in Bremen das SFB 1604-Retreat 2026 statt, bei dem die Teilprojekte und die beteiligten Projektmitglieder zu einem intensiven Austausch zusammenkamen. Das A3-Projektteam – Christoph Rass, Lale Yildirim, Ahmet Celikten und Maik Hoops – war beim Retreat vollständig vertreten. Für das Team referierte Christoph Rass am Montagnachmittag über erste Ergebnisse der korpuslinguistischen Analysen und gab einen Ausblick auf das Arbeits- und Publikationsprogramm für 2026.

Der Dienstag begann mit einem intensiven Programm, darunter Diskussionen zu „Production Approaches“ und eine PhD-Session. Anschließend wurden die ersten SFB-Podcasts vorgestellt. Die ersten beiden Folgen kommen aus dem Teilprojekt A3: Christoph Rass und Catherine Ramirez sprechen in Folge 1 mit der Migrationsforscherin Czarina Wilpert, in Folge 2 setzen sich Christoph Rass und Lale Yildirim mit der Arbeit des Journalisten Gerhard Kromschröder und seinem Buch “Als ich Türke war” auseinander.

Darüber hinaus trafen sich die Mitglieder desTransferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” zu einem Strategietreffen mit der SFB-Leitung sowie den Kolleg:innen für Öffentlichkeitsarbeit. Ziel war eine Bestandsaufnahme der Projektfortschritte seit Förderbeginn sowie das Besprechen weiterer Schritte für die nächste Zukunft sowie für den Rest der Projektlaufzeit.
Außerdem traf sich A3 mit den SFB 1604-Teilprojekten A5 und C1 zu einem Austausch über korpusbezogene Forschungsansätze. 

Das SFB-Team (Leona Schmidt, Christoph Rass, Lale Yildirim, Vera Hanewinkel und Feline Engling Cardoso, vlnr) bei der Aufnahme (Foto: Jessica Wehner)

Am letzten Tag des Retreats nahm das A3-Projekt an der Sitzung „Media Linkages” mit einer Gruppe von Projekten aus allen drei Clustern (Figure, Infrastructure, Space) teil. In der Abschlusssitzung des Retreats stellte Christoph Rass die empirische Arbeit des A3-Projekts im Rahmen einer Diskussion innerhalb der A-Cluster-Projekte zu Methoden, Daten und Ergebnisperspektiven vor. 

Das SFB 1604 A3-Team hat kürzlich Elif Çelik als neue studentische Hilfskraft begrüßt. Sie ist Masterstudentin im ersten Semester des Studiengangs Conflict Studies and Peacebuilding. Sie wird das Projekt insbesondere bei der Textsammlung, der Erweiterung des Korpus und der Datenverwaltung für türkischsprachige Materialien unterstützen, die für die Dissertationsprojekte zusammengestellt werden. Wir freuen uns, sie in unserem Team zu haben!

Notizen

In der vergangenen Woche ist der Exkursionsbericht zum Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme veröffentlicht worden.

Das Konzentrationslager Neuengamme gehörte zu den größten Zwangsarbeitslagern Norddeutschlands. Mehr als 100.000 Menschen wurden dort inhaftiert, mindestens 42.000 von ihnen kamen ums Leben. Aufgrund verschiedener historischer Entwicklungen, Entscheidungen und äußerer Umstände sind – wie bei vielen ehemaligen Konzentrationslagern – heute nur noch wenige originale bauliche Überreste erhalten. Dennoch gelingt es der Gedenkstätte durch umfassende Ausstellungen und professionelle Führungen, die Geschichte des Ortes anschaulich und nachvollziehbar zu vermitteln.

Kürzlich erschien der Ausstellungskatalog “Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust”. Dieser dokumentiert ein mehrjähriges deutsch-griechisches Verbundprojekt zur Aufarbeitung eines lange vergessenen Kapitels des Holocausts und ordnet dieses in seinen historischen Kontext ein.

Auf unserem Wissenschaftsblog berichteten wir bereits ausführlich über die im März/April 2023 durchgeführte Prospektion in Karya sowie die daraus resultierenden Forschungsergebnisse.

Weitere Informationen und Ressourcen:

Vom 25. bis zum 27. Februar fuhr Imke Selle zur Universität Hamburg, um dort gemeinsam mit Lale Yildirim am FUER-Kolloquium teilzunehmen. Hier wurden verschiedene Dissertationsprojekte vorgestellt und eine Weiterentwicklung des Modells FUER (Förderung und Entwicklung eines reflektierten und selbst-reflexiven) Geschichtsbewusstsein(s) diskutiert.

Blogbeiträge im Februar

Ausblick & aktuelle Termine

Am 7. März, 9 bis 17 Uhr, findet im Rahmen der von Christoph Rass, Sebastian Musch, Sebastian Huhn, Annika Heyen und Jessica Wehner angebotenen Lehrveranstaltung “Worte und/als Widerstand. Thomas Mann und die deutschen Hörer” eine Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen. Das Konferenzprogramm erscheint in Kürze auf unserem Blog.

NGHM-Tracker (1-2/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Nach einer kurzen Winterpause ist die Tracker-Redaktion wieder zurück im Dienst der Öffentlichkeitsarbeit. Im Dezember und Januar hat Team-NGHM gemeinsam mit Studierenden und Kolleg:innen die Zeit genutzt, um aktuelle Projekte und Forschung vorzustellen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Dezember- und Januar-Doppelausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Musch, Bjarne Groß, Gloria Sherif und Maria Flores Rojas beim Tag der Lehre (Foto: Imke Selle)

Am 3. Dezember 2025 fand an der Universität Osnabrück erstmals der Tag der Lehre statt, bei dem verschiedene LehrZeit-Projekte ihre innovativen Ansätze zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre präsentierten. Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle stellten die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ vor, das gemeinsam mit Prof. Dr. Lale Yildirim (inzwischen CAU Kiel) und Prof. Dr. Michael Brinkmeier realisiert wurde und interdisziplinäre Lehrformate zwischen Geschichtswissenschaft und Informatik erprobte. Darüber hinaus präsentierten Dr. Sebastian Musch, Maria Flores Rojas, Bjarne Groß und Gloria Sherif das LehrZeit-Projekt „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Verstehen, Reflektieren, Handeln“, an dem außerdem Helen Schwenken, Jamila Brüggemann und Mira Hazzaa beteiligt waren und das ein integriertes Lehrkonzept zur gemeinsamen Analyse beider Phänomene entwickelte.

Nach dem Tag der Lehre an der UOS gab es auch in der Lehre von Team NGHM einige Highlights:

Am 16. Januar gestalteten Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Musch, Dr. Sebastian Huhn, Annika Heyen und Jessica Wehner den ersten Tag des Blockseminars “Worte uns/als Widerstand. Thomas Mann und die Deutschen Hörer”. Mit dabei war auch Dr. Anneke Thiel von der Universitätsbibliothek, die einen Vortrag über das Leben und Werk Thomas Manns hielt.

Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Am 7. März findet dann am letzten Tag des Blockseminars eine Konferenz statt, bei der die Studierenden ihre Forschungsergebnisse präsentieren und diskutieren.

Ein weiteres Highlight stellte der NGHM WebApp-Slam dar. Am 21. Januar 2026 fand dieser am Historischen Seminar der Universität Osnabrück statt. Elf Studierende präsentierten in kurzen Pitches ihre im Wintersemester 2025/26 entwickelten WebApps zu historischen Themen. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” und machte zugleich sichtbar, welche Potenziale in der Verbindung von historischer Forschung, kritischer Reflexion und digitalen Werkzeugen liegen. Folgende WebApps wurden vorgestellt:

  • Benjamin Rosenstengel: “Das war hier einmal anders… Oder?”
  • Sebastian Waldmann: “Verhandlungssimulator – Westfälischer Frieden”
  • Timo Diener: “Eine App zur Geschichte Ostfrieslands”
  • Felix Ruholl: “Industrie-Atlas für den Landkreis Vechta. Eine Kleine Zeitreise von 1920 bis heute”
  • Jannik Singer: “Koloniale Spurensuche in Osnabrück”
  • Paul Schwede “Analyse History”
  • Alexander Pracht: “Antike Reiserouten. Politische Reisen im 2. Jahrhundert”
  • Milena Lummer: “Vom Pergament zum Pixel. Eine digitale Edition des Katalanischen Weltatlas”
  • Gesa Landwehr: “Eine Simulation des “System Calmeyer”
  • Maria del Mar Julian Fernandez: “Kommt ein Historiker in eine Bar…”
  • Marvin Gehricke: “KI-Historiker”
  • Team NGHM: “NGHM liest”

In der letzten Seminarwoche nutzten die Lehrenden gemeinsam mit den Studierenden der NGHM die Möglichkeit, die angehenden Forschungsprojekte zu diskutieren. Im Proseminar “‘Uprooted from their homes’ – Die Bewältigung von Kriegsfolgemigration durch die International Refugee Organization (IRO)”, geleitet von Lukas Hennies und Jessica Wehner, präsentierten 30 Studierende ihre Forschungsvorhaben für die Hausarbeiten. Aus Team NGHM kamen auch Valentin Loos, Jonathan Roters, Hannah Foth und Eduard Usov vorbei, um mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Zum Abschluss des Seminars “Antisemitismus und Rassenideologie im Nationalsozialismus” von Sebastian Musch fand am 29. Januar ein Studierenden-Workshop statt, in dem die Teilnehmerinnen des Seminars in Vorträgen die Themen präsentierten, die sie im Laufe des Semesters erarbeitet hatten. Die Themenauswahl reichte von der NS-Schulpolitik bis hin zu philosophie- und ideengeschichtlichen Ansätzen bei Georg Mosse und Hannah Arendt. Aus den Arbeitsgruppen nahmen Imke Selle, Annika Heyen und Ahmet Celikten als Diskutand:innen teil.

Am 30. und 31. Januar 2026 fand an der Universität Osnabrück die Abschlusstagung zweier Lehrveranstaltungen, geleitet von Dr. Aliaksandr Dalhouski und Dr. Dr. Valentin Schneider, statt, in denen Studierende im Wintersemester 2025/26 Primärquellen zur Geschichte des Holocausts analysiert haben. Die Tagung brachte Forschungen zu Tatorten in Belarus und Griechenland in einen vergleichenden Dialog. Die Ergebnisse präsentierten die Studierenden nun im Rahmen einer gemeinsamen Abschlusstagung, die die beiden Lehrveranstaltungen in einem komparativen Ansatz zusammenführte.

Nicht nur vor Ort in Osnabrück fand der Austausch statt, sondern auch zwei Exkursionen standen im Januar an:

Die Exkursionsgruppe vor der ehemaligen Arrestbaracke (Foto: Frank Wobig)

Im Januar 2026 wurden unter der Leitung von Imke Selle zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme durchgeführt. Bei einer Präsenzexkursion am 16. Januar erhielten die Teilnehmenden im Rahmen einer Führung Einblicke in die Geschichte des Konzentrationslagers als eines der größten Zwangsarbeitslager Norddeutschlands sowie in zentrale Fragen der Erinnerungskultur. Neben der Opferperspektive wurden dabei auch Aspekte von Täterschaft und Nachgeschichte sowie die gesonderte Ausstellung zur Lager-SS thematisiert, deren Einbindung in die Gedenkstättenarbeit kontrovers diskutiert wird. Ergänzend dazu fand am 23. Januar eine digitale Exkursion statt, die anhand von Audio-Rundgängen und 360°-Touren eine vertiefte Auseinandersetzung mit weiteren Ausstellungsbereichen der vollständig digitalisierten Gedenkstätte ermöglichte.

Eine zweigeteilte Tagesexkursion führte am 19. Januar 2026 ins Bürgerhaus Ibbenbüren, wo Studierende der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an einer Filmvorführung teilnahmen. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano über das Leben der Auschwitz-Überlebenden Anna Strishkowa. Am 27. Januar 2026 – dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ins Kulturhaus ein. Im Zentrum stand die Begegnung mit Anna Strishkowa, einer Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, die 1939 geboren wurde und als knapp vierjähriges Kind im Dezember 1943 an der Rampe von Birkenau registriert worden war. Prof. Dr. Christoph Rass übernahm die historische Einführung – ein Anlass, über die Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Erinnerungsarbeit nachzudenken.

Christoph Rass und Numan Özer von der “180 Grad Wende” im Gespräch.
Lea Horstmann, Tim Ott und Johannes Pufahl beim Anfertigen von 360°-Aufnahmen der Keupstraße in Köln-Kalk.

Am 15. Dezember besuchten Christoph Rass, Lea Horstmann, Johannes Pufahl, Tim Ott und Annika Heyen im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” die Initiative “180 Grad Wende” in Köln. Unter dem Motto “Niemanden zurücklassen: Gemeinsam Chancen schaffen” setzt sich der Verein mit Projekten zu Orientierung, Demokratieförderung, Prävention und Empowerment für Chancengleichheit junger Menschen aus marginalisierten Communities, insbesondere in den Stadtteilen Kalk und Mülheim ein. Den ersten Teil ihres Besuchs verbrachten die Mitglieder des Teams T-Projekt in den Räumlichkeiten der “180 Grad Wende” und sprachen mit Geschäftsführer Mimoun Berrissoun und Numan Özer, zuständig für die Gesamtprojektbetreuung, über die Arbeit der Initiative, ihre persönlichen Beweggründe, sich für die Jugendlichen zu engagieren, sowie über die Ziele, die der Verein verfolgt. Anschließend führte Nouman Özer das Team durch die weithin bekannte Keupstraße in Köln Kalk, wo Lea Horstmann, Johannes Pufahl und Tim Ott mithilfe einer 360°-Kamera Aufnahmen anfertigten, um daraus einen interaktiven Rundgan zu erarbeiten. In diesen Rundgang sollen später Video-Interviews mit Anwohnenden, Mitgliedern des Vereins “180 Grad Wende” sowie weiterführende Materialien eingebettet werden, die das Leben im Stadtteil insbesondere für junge Menschen thematisieren. Im zweiten Teil des Besuchs sprachen die Teammitglieder mit Alparslan Korkmaz, der im sogenannten “Wendepunkt”, einer Beratungsstelle des Vereins “180 Grad Wende” in Mülheim Jugendliche dabei unterstützt, Wissen zu erlangen, um in ihrem Alltag wirksam handeln zu können. Die Gespräche mit dem Verein legten die Grundlage für weitere mögliche Kooperationen, beispielsweise im Hinblick auf das “Exhibition Builder”-Modul des SFB 1604 Transferprojekts, für das die Teammitglieder derzeit auf der Suche nach engagierten zivilgesellschaftlichen Gruppen sind.

Am 20. Januar 2026 sprach Christoph Rass im Rahmen der Ringvorlesung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt” an der Universität Osnabrück über Potenziale und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz für die Geschichtswissenschaft. Die zentrale These des Beitrags: KI verändert nicht, was Geschichte ist. Jedoch zwingt sie uns, klarer zu artikulieren, was historische Kompetenz ausmacht. Ausgehend von Michel-Rolph Trouillots Theorie der vier Momente, in denen Schweigen in die Geschichtsproduktion eintritt, entwickelte der Vortrag das Konzept eines „fünften Moments” – des algorithmischen Silencing. Trainingsdaten, auf denen Sprachmodelle basieren, reproduzieren bestehende Machtverhältnisse. Die Algorithmen, die Informationen selektieren und synthetisieren, können bestehende Silencings verstärken, indem sie hegemoniale Narrative reproduzieren und marginalisierte Perspektiven weiter marginalisieren.

Im Dezember berichtete der Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück auf seinem Blog über das Erscheinen des neuesten Bandes der Osnabrücker Mitteilungen. In der diesjährigen Ausgabe ist die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit Valentin Loos und Simon Hellbaum zweifach vertreten. Die beiden Beiträge widmen sich zentralen Fragen sozialer Ausgrenzung, Herrschaft und Gegenhandeln im 20. Jahrhundert und sind zugleich eng mit aktuellen methodischen Debatten der Zeitgeschichtsforschung verbunden. Am 15. Januar 2026 fand die offizielle Vorstellung der neuesten Ausgabe der Osnabrücker Mitteilungen im Museumsquartier Osnabrück statt. Drei ausgewählte Beiträge wurden im Rahmen der Veranstaltung vorgestellt, darunter auch der Aufsatz “Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand. Wahrnehmung und Bewertung des regionalen NS-Widerstands” von Valentin Loos. Die Veröffentlichung des mittlerweile 130. Bandes stieß auf großes Interesse und regte lebhafte Diskussionen an, die im Anschluss an die Veranstaltung in entspannter Atmosphäre fortgesetzt wurden.

Valentin Loos stellt die Ergebnisse seines Aufsatzes “Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand” vor (Foto: Annika Heyen)

Zum Semesterabschluss fand am 29. Januar traditionell unser fünftes Tiny Desk Kolloquium statt. In diesem Semester schloss das TDK an unser Schwerpunktthema in der Lehre “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” an.
Mit dabei waren Julia Lohmann, Gesa Landwehr und Jannik Singer, die studentische Projekte vorstellten.
Im zweiten Block referierten Martina Sellmeyer, Dr. Sebastian Musch und Annika Heyen, die kurzfristig für den erkrankten Dr. Michael Gander eingesprungen ist. Ein ausführlicher Bericht zum TDK erscheint in Kürze auf unserem Blog.

Sebastian Musch, Annika Heyen, Christoph Rass, Julia Lohmann, Janik Singer und Gesa Landwehr nach dem TDK (vlnr); leider fehlt Martina Sellmeyer (Foto: Jessica Wehner)

History@SFB1604

Am 22. Januar besuchte Max Schellbach unser Kolloquium der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung. Max ist als Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl “Historische Bildungsforschung” von Prof. Till Kössler an der Universität Köln beschäftigt und präsentierte unter dem Titel “Der Kampf um Integration. ‘Ausländische’ Jugendliche und die Münchner Jugendarbeit der 1970er und 1980er Jahre” spannende Ergebnisse aus seinem Promotionsprojekt “Freizeit als Problem. Migrantische Jugendliche und die Transformation städtischer Jugendarbeit im deutsch-britischen Vergleich (1970-1990)”.  Angesichts des gemeinsamen Forschungsfelds – dem Nexus von Bildung und Migration in historischer Perspektive – ist der Austausch mit Max insbesondere für die Projektmitarbeitenden des SFB-Projekt A3 von Gewinn, die bereits im November im Gegenzug ins Kolloquium der Historischen Bildungsforschung nach Köln eingeladen waren. Wir freuen uns auf weiteren Austausch mit Max in der Zukunft.

Arbeitsgruppe “Negotiating Migration” und Mitglieder des SFB1604 gemeinsam mit unserem Gast Max Schellbach (Foto: Timo Diener)

Ende Januar verabschieden wir uns von Rosalie Nele Seyde und Eduard Usov, die über fast zwei Jahre hinweg im SFB-Projekt A3-Team tätig waren und wertvolle Arbeit beim Aufbau des digitalen Quellenkorpus, der Literaturrecherche und dem Einsatz der Analyse-Software MAXQDA leisteten. Eduard verlässt zwar das A3-Team, bleibt dem SFB 1604 jedoch erhalten und wird in den kommenden Monaten das C1-Team mit seiner Arbeit unterstützen. Rosalie steht indessen kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums. Wir danken den beiden herzlich für ihr Engagement und die gute Zusammenarbeit während ihrer Zeit in unserem Team und wünschen beiden alles Gute für ihr weiteres Studium und ihre berufliche Laufbahn.

Notizen

Im Dezember erschienen gleich mehrere Publikationen von Teammitgliedern:

Am 1. Dezember 2025 online first erschienen ist der von Christoph Rass gemeinsam mit Jessica Wehner verfasste Artikel “Disputed (Non-)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56” im Journal of Contemporary History (JCH 2025). Die Studie untersucht, wie als „muslimisch” markierte „Displaced Persons” zwischen 1945 und 1956 die Kategorisierungspraktiken von UNRRA, IRO und lokalen Behörden strategisch navigierten und dabei durch eigene Agency institutionelle Praktiken herausforderten.

Der Artikel analysiert drei Dimensionen migrantischer Handlungsfähigkeit: das Erkennen von Widersprüchen in institutionellen Klassifikationen, die strategische Manipulation dieser Kategorien zur Vermeidung von Zwangsrepatriierung und die kumulative Beeinflussung institutioneller Praktiken durch individuelle und kollektive Handlungen. Die Untersuchung erweitert damit die Perspektive auf die Produktion migrationspolitischer Kategorien um die Analyse der Handlungsfähigkeit derjenigen Menschen, die durch solche Kategorien zu marginalisierten Gruppen gemacht wurden, und zeigt, wie gerade Prozesse der Kategorisierung und Ausgrenzung paradoxerweise Spielräume für Agency eröffnen konnten.

Am 3. Dezember ist außerdem der von Jessica Wehner verfasste Aufsatz ‘An apparently indissoluble clot of unwanted humanity’. ‘Non-European’ Displaced Persons in Postwar Resettlement in einer Special Issue von “Diasporas. Circulations, Migrations, Histoire” erschienen. In ihrem Beitrag thematisiert sie das Schicksal von rund 800 kalmückischen Displaced Persons, denen 1951 die Umsiedlung nach Paraguay verweigert wurde. Anhand von Quellen der Internationalen Flüchtlingsorganisation und des Archivs Arolsen zeigt dieser Artikel, wie ihre Darstellung als „Asiaten” und Nachkommen Dschingis Khans den öffentlichen Diskurs und die Migrationspolitik prägte. Diese Kategorisierungen behinderten ihre Auswanderung, obwohl sie sich bemühten, sich als „Europäer” zu präsentieren. Der Fall veranschaulicht, wie die humanitäre Politik der Nachkriegszeit tief mit rassistischen und kulturellen Vorurteilen verflochten war und Einfluss darauf hatte, wer als ‘assimilierbar’ und einer neuen Heimat würdig angesehen wurde.

Im 130. Band der Osnabrücker Mitteilungen war Team NGHM gleich zweimal vertreten. Simon Hellbaum (ehemals Team NGHM) untersucht in seinem Beitrag die Osnabrücker Obdachlosenunterkunft ‘Papenhütte’ als einen Ort sozialer Marginalisierung und kommunaler Ordnungspolitik im 20. Jahrhundert. Auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Recherchen zeigt er, wie Wohnungslosigkeit in Verwaltung, Öffentlichkeit und Stadtplanung verhandelt wurde und wie sich dabei Kategorien wie ‘Asozialität’ und ‘Würdigkeit’ von Fürsorge verfestigten. Die räumliche Konzentration von Obdachlosen an den Rändern des Stadtgebiets erscheint dabei als bewusste Strategie sozialer Ausgrenzung. Für die Zeit des Nationalsozialismus arbeitet Hellbaum heraus, wie bestehende Praktiken der Stigmatisierung radikalisiert und in das System rassistischer Verfolgung integriert wurden. Der Aufsatz macht deutlich, wie stark sich langfristige Kontinuitäten kommunaler Sozialpolitik über politische Zäsuren hinweg nachvollziehen lassen. Eine ausführliche Betrachtung der ‘Papenhütte’ in ihrer Gesamtgeschichte findet sich auf der NGHM-Online-Ausstellung.

Valentin Loos widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was unter ‘Widerstand’ gegen den Nationalsozialismus im lokalen Kontext eigentlich verstanden werden kann. Ausgehend von den kontroversen Debatten um enge und weite Widerstandsbegriffe analysiert er anhand der Osnabrücker Gestapo-Kartei, wie widerständiges Handeln quellenabhängig konstruiert wird. Der Aufsatz zeigt, dass unterschiedliche Widerstandsdefinitionen zu deutlich divergierenden Befunden führen – sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der sozialen Zusammensetzung der als widerständig identifizierten Akteur:innen. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Reflexion mit einer datenbasierten Auswertung eines zentralen Überlieferungskomplexes nationalsozialistischer Herrschaftspraxis. Loos plädiert damit für einen selbstreflexiven Umgang mit Widerstandsbegriffen und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von NS-Herrschaft und Verfolgung auf lokaler Ebene.

Ende Dezember verabschiedete sich Team NGHM von unserer studentischen Hilfskraft Gero Leege nach über fünf Jahren Zusammenarbeit. Gero hat als Hilfskraft im Kernteam die Professur bei allen wichtigen Aufgaben – Lehre, Publikationen, Veranstaltungsorganisation – unterstützt. Im Team hat er sich mehrfach als Sprecher:in der studentischen Hilfskräfte engagiert. Seit Januar 2026 promoviert er nun in einem Projekt der Alten Geschichte an der Universität Osnabrück. Wir danken Gero für seine langjährige Mitarbeit und wünschen ihm für sein Promotionsvorhaben alles Gute!

Blogbeiträge im Dezember und Januar

Ausblick & aktuelle Termine

Vom 17. – 19. März bieten die Abteilungen „Mittelalter“ (Prof. Dr. Christoph Mauntel) und „Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung“ (Prof. Dr. Christoph Rass) eine gemeinsame Exkursion nach Nürnberg an.
Nürnberg war nicht nur eine der bedeutendsten Handelsstädte des späten Mittelalters, sondern auch eine der wichtigsten Reichsstädte des Römischen Reichs. Die Nationalsozialisten knüpften u.a. an diese Tradition an, als sie Nürnberg zur „Stadt der Reichsparteitage“ ausbauten.
Die Exkursion zielt darauf ab, das Erbe Nürnbergs zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Programmpunkte sind u.a. der Besuch der aktuellen Ausstellung „Nürnberg global: 1300-1600“ und des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Interessierte Studierende können sich ab dem 9. Februar für die Exkursion anmelden.

NGHM-Tracker (12/25)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im November durfte Team NGHM einerseits einige Gäste bei uns an der Professur begrüßen, um sich über unsere wissenschaftlichen Methoden und Projekte auszutauschen. Andererseits standen auch Feldforschung – unter anderem Schulungen und Exkursionen – auf dem Programm.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Novemberausgabe des Newsletters.

Einblicke

Vor Ort in Osnabrück gab es einige spannende Aktivitäten bei uns im Institut: Imke Selle, Marlene Schurig, Tim Ott, Johannes Pufahl und Annika Heyen versuchten am diesjährigen Hochschulinformationstag am 20. November zukünftige Studierende für die VR-Projekte der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zu begeistern. Während die Kolleg:innen vom Historischen Seminar an einem Infostand Auskunft über das Geschichtsstudium gaben, konnten Schüler:innen auf der Bühne der Schlossaula die 360°-Tour “Tödliche Zwangsarbeit in Karya“, die von Studierenden erstellte Lehrzeit-Ausstellung “Das Denkmal in Bewegung” sowie die im Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) erstellte VR-Anwendung des SFB-1604-Transferprojekts erleben. Parallel dazu zeigten Tim Ott und Marlene Schurig Interessierten, wie sie mit ihren eigenen digitalen Endgeräten digitale 3D-Modelle von Objekten und sogar von ihren Mitmenschen herstellen können; eine Technik, die auch bei der Erstellung der VR-Anwendungen eingesetzt wurde. 

Am 24. November durften Christoph Rass und Annika Heyen Esteban Durán-Delgado vom Costa Rica Zentrum der Universität Osnabrück sowie Alice Brenes-Maykall von der Universidad Nacional de Costa Rica zu einem Gespräch über das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” begrüßen. Als Vicerrectoría de Extensión ist Brenes-Maykall auch für die Interaktion zwischen Universität und außeruniversitären Akteur:innen zuständig, ein Thema, das auch für das Transferprojekt von großer Bedeutung ist. Im Gespräch über das Transferprojekt ging es unter anderem darum, wie marginalisierte Narrative sicht- und hörbarer gemacht werden können, welche Rolle technische Werkzeuge – etwa Virtual Reality – einerseits und Kunst andererseits dabei spielen. 

Esteban Durán-Delgado, Christoph Rass, Alice Brenes-Maykall und Annika Heyen (v.l.n.r.) beim Austausch (Foto: Jessica Wehner)

Am 10. November 2025 führten Imke Selle, Lukas Hennies, Tim Ott und Johannes Pufahl gemeinsam mit Henning Wellmann, Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der Arolsen Archives, einen Praxis-Workshop zur 3D-Digitalisierung von Kleinstobjekten durch. Bei den Objekten, zwei Schlüssel, eine Kokarde und ein Ring, handelt es sich um die Effekten eines niederländischen Polizisten, der 1944 wegen Dienstverweigerung zur Zwangsarbeit in das KZ Neuengamme deportiert wurde. Die mittels Fotogrammmetrie erstellten „digital twins“ der Objekte sollen auf einer neuentstehenden Online-Plattform der Arolsen Archives im Bildungsbereich verwendet werden. 

Tim Ott, Johannes Pufahl, Henning Wellmann (Arolsen Archives), Imke Selle und Lukas Hennies (v.l.n.r.) bei der 3D-Digitalisierung (Foto: Jessica Wehner)

Team NGHM arbeitete aber nicht nur vor Ort, sondern begab sich auch auf unterschiedliche Reisen:

Lea Horstmann und Marlene Schurig untersuchen einen Verdachtspunkt an dem zuvor der Metalldetektor angeschlagen hat (Foto: Frank Wobig)

Am 7. November absolvierten unsere studentischen Hilfskräfte Marlene Schurig, Lea Horstmann, Johannes Pufahl und Frank Wobig in Zusammenarbeit mit der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück sowie dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege einen Praxiskurs zur Qualifikation als Sondengänger:innen. Unter Anleitung von Prospektionstechniker Stephan Zeisler vom „Museum und Park Kalkriese“ wurden Kenntnisse zu Suchstrategien vermittelt sowie Bestimmungsübungen durchgeführt, bevor es mit den Metalldetektoren auf einem Acker auf die Suche nach Artefakten aus der Geschichte ging. Hierbei fanden unsere Hilfskräfte unter anderem Münzen und Knöpfe, die sich teilweise bis in die frühe Neuzeit zurückdatieren ließen. Mit den nun ausgebildeten Sondengänger:innen erweitert die AG Konfliktlandschaften der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) ihr Portfolio für zukünftige interdisziplinäre Feldforschungen. 

Unsere Hilfskräfte mit Prospektionstechniker Stephan Zeisler (links) vom “Museum und Park Kalkriese” und weiteren Kursteilnehmern (Foto: NGHM)

Mit Forschungsdesideraten und dem Wissenstransfer zu den Themenbereichen NS-Zwangsarbeit und Displaced Persons in der britischen Besatzungszone befassten sich am 27. und 28. November die Teilnehmer:innen eines internationalen Workshops am Nordost-Institut (IKGN) in Lüneburg, zu dem PD Dr. Kirsten Bönker (Nordost-Institut an der Universität Hamburg) und Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) eingeladen hatten. Sebastian Huhn stellte beim Workshop den Fall des größten „Altersheims“ für Displaced Persons vor, das die britische Control Commission for Germany und die IRO 1950 in der friesischen Stadt Varel eröffneten, das Mitte 1950 in deutsche Verantwortung überging und das bis zu seiner Schließung Ende 1959 bis zu 1.000 älteren Displaced Persons ein Zuhause bot. Anhand dieses Falls sprach er über Forschungsdesiderate zum Thema Displaced Persons, die einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Übergangszeit von Krieg zu Nachkrieg bzw. Nationalsozialismus und Demokratie leisten können und nicht zuletzt helfen, die Verfasstheit der damaligen deutschen Bevölkerung besser zu verstehen.

Am 28. November fand unter Leitung von Imke Selle und mit Unterstützung von Ilka Schwerdtfeger eine Exkursion zur Gedenkstätte Esterwegen statt. Die Gedenkstätte Esterwegen dokumentiert am Ort des ehemaligen Konzentrations- und Strafgefangenenlagers Esterwegen die Geschichte der sogenannten Emslandlager.
Zwischen 1933 und 1945 unterhielt der NS-Staat im Emsland und in der Grafschaft Bentheim einen Komplex von 15 Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlagern, die als Teil des Systems von SS, Justiz und Wehrmacht Orte des nationalsozialistischen Terrors waren. In den Lagern litten etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene. Während des Krieges kamen weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene hinzu. Mehr als 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern sind in diesen Lagern umgekommen.

Die Studierenden erhielten bei der Exkursion Einblicke in die Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen sowie in die Geschichte der „Emslandlager“ und eine Führung über das ehemalige Lagergelände. Einen detaillierten Bericht finden Sie in Kürze auf unserem NGHM-Blog.

Die Studierenden erhalten einen Überblick über das ehemalige Lagergelände (Foto: NGHM).

History@SFB1604

Am 18. Dezember besuchte Maik Hoops das gemeinsame Kolloquium der Professuren für Historische Bildungsforschung und Neuere und Neueste Geschichte unter Leitung von Prof. Till Kössler und PD Dr. Nina Verheyen an der Universität Köln. Dort stellte er sein Dissertationsprojekt „‚Gastarbeiterkinder‘ – ‚Ausländerkinder‘ – ‚Migrantenkinder‘. Eine historische Semantik der Produktion von Figuren migrantisierter Anderer im bildungswissenschaftlichen Diskurs (Von den 1960er bis in die 2000er Jahre)“ vor. Von den Kolloquiumsteilnehmer:innen, die mit Bildung als historischen Untersuchungsgegenstand vertraut sind, erhielt er dabei wertvolle Anregungen und fruchtbare Kritik für sein Projekt. Der ebenfalls nach Köln eingeladene Ahmet Celikten musste seine Teilnahme leider aufgrund einer Erkrankung absagen.

Den Austausch hatte Max Schellbach angeregt, den Ahmet Celikten und Maik Hoops auf einer Tagung kennengelernt hatten. Dieser wird im Januar das Kolloquium der NGHM in Osnabrück besuchen und sein Dissertationsprojekt “Freizeit als Problem. Migrantische Jugendliche und die Transformation städtischer Jugendarbeit im deutsch-britischen Vergleich (1970-1990)” vorstellen.

Notizen

Bereits Anfang Mai hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück ihre Online-Präsenz auf eine neue Website umgestellt, die wir weiterhin erweitern und ausbauen.

Im November ergänzte Team NGHM den Abschnitt Studium & Lehre/ NGHM DH-Werkstatt um weitere Hinweise und Angebote:

  • WebApp-Werkstatt
  • Digital Humanities | Digital History
  • Digital History | NGHM
  • KI und kritisches Denken | Ein pessimistischer Blick
  • KI und Geschichtswissenschaft | Ein optimistischer Blick
  • KI und geschichtswissenschaftliche Praxis | Zukunft

Blogbeiträge im Oktober

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Dezember 2025, 18:00 Uhr, spricht Prof. Dr. Christoph Rass an der FernUniversität Hagen im Forschungskolloquium des Historischen Seminars als Gast von Prof. Dr. Felix Ackermann über „Die Ko-Präsenz der Gewalt: Konfliktlandschaften aus Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus (1941-1944)”. Der Vortrag präsentiert Forschungsergebnisse der interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften zu Tatorten der deutschen Besatzung in Belarus sowie eine Fallstudie zu Holocaust und Zwangsarbeit aus Griechenland (Ort: FernUniversität Hagen, Universitätsstraße 33, Gebäude 2, Raum 6)

Am 3. Dezember 2025 ist Prof. Dr. Christoph Rass Gast bei einer Roundtable-Diskussion mit Barbara Hanke (Didaktik der Geschichte), Christiane Kunst (Alte Geschichte), Christoph Mauntel (Mittelalter) und Siegrid Westphal (Frühe Neuzeit) zur Frage “Wozu Geschichte? Zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft.” Die Diskussion findet im Rahmen des “Forums HistOS – Mehr als nur Geschichte(n)” des Historischen Seminars statt. Interessierte sind herzlich eingeladen! Die Veranstaltung findet am 3. Dezember von 18 bis 20 Uhr im Gebäude 15 Raum 130 statt.

Ebenfalls am 3. Dezember 2025 findet an der Universität Osnabrück erstmals der Tag der Lehre statt, an dem verschiedene LehrZeit-Projektgruppen ihre innovativen Ansätze zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre präsentieren. Im Rahmen des World-Cafés am Nachmittag stellen Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ aus der Förderrunde 2022/23 vor.

Das Projekt entwickelte und erprobte interdisziplinäre Lehr-Lernformate, in denen Studierende der Geschichtswissenschaft und der Informatik gemeinsam eine VR-basierte Ausstellung konzipierten. Mithilfe von 3D-Scanning und VR-Technologien wurden historische Denkmäler digital rekonstruiert, kontextualisiert und in einer hybriden Ausstellung erfahrbar gemacht. 

Besucher:innen können an unserem Stand die VR-Ausstellung selbst erkunden und damit Einblick in die Arbeit der Studierenden erhalten.


Zum 1. Januar 2026 legt die Tracker-Redaktion eine kleine Winterpause ein und kehrt am 1. Februar mit einer Dezember-Januar-Doppelausgabe zurück. Wir wünschen allen Leser:innen eine erholsame Auszeit!


NGHM-Tracker (11/25)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der Oktober markierte den Start ins Wintersemester 2025/2026 und stand damit ganz im Zeichen der Vorbereitung und Durchführung der ersten Lehrveranstaltungen. Die einzelnen Statusgruppen der Professur nutzten außerdem die Gelegenheit, gemeinsam auf das kommende Semester zu schauen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Oktoberausgabe des Newsletters.


Einblicke

Den Start in das Wintersemester 25/26 bildete die Erstsemesterwoche an der Universität Osnabrück. Am 8. Oktober fand das Format “Gesichter aus der Geschichte” der Fachschaft Geschichte des Historischen Seminars Osnabrück statt. Im Rahmen dieser Veranstaltungen haben sich die Abteilungen des Historischen Seminars den Erstsemesterstudierenden vorgestellt. Prof. Dr. Christoph Rass hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung vorgestellt. Im Gespräch mit der Fachschaft gab er dabei Einblicke, welche historische Persönlichkeit er gerne getroffen hätte (nämlich den Historiker Michel-Rolph Trouillot und die Historikerin Barbara Tuchman) und was er besonders spannend an der Geschichtswissenschaft findet.

Adrian Kuhnt (Fachschaft Geschichte) mit Prof. Dr. Christoph Rass, Prof. Dr. Marcus Zagermann, Dr. David Templin, Dr. Jörgen Wolf, Prof. Dr. Christiane Kunst, Marcel Lewerentz und Lara Jäger im Gespräch (Foto: Jessica Wehner)

Ab dem 13. Oktober starteten dann auch die Lehrveranstaltungen an der Universität. Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung thematisiert in diesem Semester den Holocaust und seine Folgen. Insgesamt haben unsere Studierenden eine Auswahl aus einer Vorlesung, drei Vertiefungsseminaren, einem Proseminar und drei Übungen.

In den ersten Wochen stand dann in den meisten Veranstaltungen die Einarbeitung in den historischen Kontext auf dem Seminarplan.

Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens lud das Filmfest Osnabrück am 11. Oktober zu einer besonderen Podiumsdiskussion ins Felix-Nussbaum-Haus ein. Gemeinsam mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und dem ThinkTank Migrationspolitik e.V. wurde der Frage nachgegangen, wie sich filmische Erzählungen über Migration, Zugehörigkeit und Identität in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert haben.

Die Berliner Filmemacherin Serpil Turhan diskutierte mit Prof. Dr. Christoph Rass vom IMIS über Brüche und Kontinuitäten in der filmischen Darstellung Deutschlands als Einwanderungsland. Turhan, die selbst aus einer kurdischen Familie stammt und in ihren Dokumentarfilmen wie “Köy” (2021) Fragen nach Identität und Migration verhandelt, brachte ihre Perspektive als Filmschaffende ein, die zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten navigiert. Die Kulturwissenschaftlerin Aurora Rodonò, die als Diversity-Managerin am Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln arbeitet und zur italienischen Gastarbeitermigration forscht, musste krankheitsbedingt absagen.

Von den “Gastarbeiterfilmen” der 1980er Jahre über die Darstellung rassistischer Gewalt in den 1990ern bis zu aktuellen Narrativen über Flucht und Integration: Die Diskussion zeigte, wie das Medium Film gesellschaftliche Debatten prägt. “Filme tragen wesentlich zur Interpretation und Konstruktion von Wirklichkeit und damit auch zur Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten bei”, betonte Christoph Rass. “Sie haben Wirkungsmacht, lenken unsere Blicke und Aufmerksamkeit, erzeugen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sind in einer visuell geprägten Kultur stark an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen um Migration beteiligt.”

Während Christoph Rass vor Ort in Osnabrück die Bedeutung von Migrationsgeschichte(n) diskutierte, widmete sich Sebastian Musch diesem Thema in Köln: Die Veranstaltung unter dem Titel „Nie wieder auf deutschen Bühnen…! Theaterschaffende aus dem Rheinland zwischen Heimat und Exil 1945–1965“ fand am 28. Oktober im Horion-Haus (Köln) statt und erinnerte an die berühmte israelische Schauspielerin Orna Porat (gebürtige Irene Klein aus Köln-Porz). Die Kölnerin emigrierte 1947 mit ihrem Ehemann nach Palästina, wo ihre Karriere begann und sie zu einer prägenden Figur des israelischen Theaters wurde.

Orna Porat im Januar 2005 (Foto: Wikimedia Commons)

Im Rahmen des Abends hielt Dr. Sebastian Musch einen Vortrag zu „Migrationsgeschichte(n) zwischen Rheinland und Palästina/Israel“, gefolgt von Prof. Dr. Peter W. Marx, Theaterwissenschaftler an der Universität zu Köln, der über „Rückkehr, aber wohin? Jüdische Theaterkünstler in der Bonner Republik“ sprach. Zum Abschluss folgte ein moderiertes Gespräch, an dem Lital Porat, die Tochter von Orna Porat, Dr. Sebastian Musch, Prof. Dr. Peter W. Marx und PD Dr. Henning Türk (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte) teilnahmen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR-ILR) in Kooperation mit dem MiQua (LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln), dem Städtepartnerschaftsverein Köln – Tel Aviv – Yafo sowie der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Porz.

Am 28. Oktober erschien Annika Heyens Aufsatz “‘A Façade for Inaction’? Governmental Actors, the Bermuda Conference and the Non-Rescue of Jewish Refugees” online first im Journal of Contemporary History als erster Beitrag der gemeinsam mit unseren Wiener Kolleg:innen geplanten Special Issue zum Thema Refugee Agency. In ihrem Beitrag untersucht Annika Heyen, wie die Alliierten im Kontext der Bermuda-Konferenz 1943 Nicht-Handeln im Hinblick auf die Rettung der verfolgten Jüdinnen und Juden Europas herstellten. 

Am 23. Oktober war Sarah Grandke (Universität Regensburg) zu Gast im Arbeitsgruppenkolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Dort stellte sie die Ergebnisse ihres Dissertationsvorhabens “Displaced Persons und Erinnerungsaktivismus. Die Beispiele Flossenbürg und Ebensee nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des Kalten Krieges” vor. Insbesondere die Erfahrungen ukrainischer und polnischer “Memory Activists” wurden diskutiert.

Team Negotiating Migration und Team SFB1604 mit Sarah Grandke; Dr. Sebastian Musch, Sarah Grandke, Annika Heyen, Christoph Rass, Ahmet Celikten, Jessica Wehner und Maik Hoops, leider fehlten Sebastian Huhn und Lukas Hennies (v.l.n.r., Foto: Johannes Pufahl)

History@SFB1604

Lale Yildirim und Christoph Rass, die gemeinsam das Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604 (“Ihr seid Gastarbeiterkinder”) leiten, haben Gerhard Kromschröder getroffen, um ihn für den SFB-Podcast zu interviewen und seine Intervention in dem Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer migrationsbedingt wachsenden Diversität zu verstehen. Dazu waren die beiden in Hamburg beim Studio HelloRobin zu Gast, einem Partner der Bielefelder Podcastfabrik, die mit uns die SFB 1604 Podcast-Reihe produziert.

Am 21. Oktober 1985 erschien “Ganz unten” von Günther Wallraff. Fast genau drei Jahre zuvor, am 14. Oktober 1982 hatte bereits eine andere Rollenreportage im “Stern” auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam gemacht, den Migrant*innen aus der Türkei in Deutschland erlebten. Im Jahr darauf veröffentlichte der Journalist Gerhard Kromschröder seine Beobachtungen und Erfahrungen in dem Buch “Als ich ein Türke war” (mehrere Auflagen 1983 bis 1985) im Eichborn Verlag.

Kromschröder hatte 1982 mehrere Wochen in der Rolle eines Einwanderers aus der Türkei in Frankfurt a. M. bei der Stadtreinigung gearbeitet und den Alltag von migrantisch gelesenen Menschen Anfang der 1980er Jahre in Deutschland erkundet.

Notizen

Am 6. Oktober trafen sich die studentischen Hilfskräfte und Doktorand:innen der Arbeitsgruppe zu ihrer regelmäßigen Gesprächsrunde zu Semesterbeginn. Gemeinsam wurde im Übergang zwischen den Semestern die aktuelle Situation reflektiert und auf die Aufgaben und Herausforderungen des kommenden Semesters geblickt. Dabei wurden auch wieder Sprecher:innen gewählt, um die interne Kommunikation in der Arbeitsgruppe zu begleiten. Imke Selle übernimmt eine weitere Amtszeit für das WS 25/26 und erhält neu Unterstützung von Hannah Foth. Das Team dankt beiden für ihr Engagement!

Bereits Anfang Mai hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück ihre Online-Präsenz auf eine neue Website umgestellt, die wir weiterhin erweitern und ausbauen.

Im Oktober ergänzte Team NGHM den Abschnitt Studium & Lehre um weitere Hinweise und Angebote:

  • Seite zu Kommunikationshinweisen
  • NGHM-UOS-Campus Navigator
  • NGHM-Migrationsforschung Navigator
  • NGHM-Neueste Geschichte Navigator.

Im Oktober verabschiedete sich das Team der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung von Steven Richardt. Steven unterstützte das Kernteam der Professur seit dem 1. August 2024 vor allem im Bereich der Literaturrecherche und Redaktion von Texten. Wir wünschen Steven alles Gute für den Abschluss seines Masterstudiums!

Zum 1. Oktober konnten wir Ilka Schwerdtfeger im NGHM-Team begrüßen. Sie studiert Germanistik und Geschichte im Zwei-Fächer-Bachelor im dritten Semester und unterstützt nun als studentische Hilfskraft sowohl das Kernteam der Professur als auch das Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”. Besonders interessant an der Geschichte findet Ilka dabei den Zweiten Weltkrieg, dessen Ursachen und Folgen. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Blogbeiträge im Oktober

Ausblick & aktuelle Termine

Am 28. November bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung unter der Leitung von Imke Selle eine Tagesexkursion zur Gedenkstätte Esterwegen an. Gemeinsam mit den studentischen Hilfskräften im Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”, Lea Horstmann und Ilka Schwerdtfeger, erhalten die Studierenden eine Einführung in die Geschichte der “Emslandlager”, begehen das Außengelände und haben Zeit, die Dauer- und Sonderausstellung zu erkunden.

NGHM-Tracker (9-10/25)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Nach einer kleinen Sommerpause zum ersten September meldet sich die Tracker-Redaktion mit einer August-September-Doppelausgabe des NGHM-Newsletters zurück. Team NGHM nutzte die vorlesungsfreie Zeit für Konferenzreisen, beispielsweise nach Dänemark und Israel, und dem Abschluss von Publikationsvorhaben.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere August- und Septemberdoppelausgabe des Newsletters.


Einblicke

Am 24. September brachen Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Huhn, Annika Heyen und Jessica Wehner nach Odense auf, um am 25. und 26. September an einem internationalen Workshop zum Thema “Agency and Forced Migration” teilzunehmen. Dieser wurde von Morten Baarvig Thomsen organisiert und von der Carlsberg-Stiftung gefördert. Christoph Rass und Jessica Wehner eröffneten den Workshop mit einer gemeinsamen Keynote mit Betrachtungen zu Agencykonzepten der reflexiven Migrationsforschung, wie sie der Osnabrücker Sonderforschungsbereich 1604 entwickelt und erprobt.

Sebastian Huhn diskutierte in seinem Vortrag Host Countries in the Global South as Co-Creators of the Post-Second-World-War Refugee Regime die ‘westlich geprägte’ Geschichtsschreibung zur Geschichte des Flüchtlingsregimes der Nachkriegszeit. Am Beispiel Venezuelas stellte er die Rolle von Akteuren des Globalen Südens für die Gestaltung der Nachkriegsordnung heraus.

In ihrer Mikrostudie über Sol Bloom, einen der Delegierten der Vereinigten Staaten bei der Bermuda-Konferenz 1943, untersuchte Annika Heyen die Einschränkungen der Handlungsfähigkeit einzelner Akteure innerhalb größerer Prozesse und Strukturen sowie deren Strategien zur Verfolgung ihrer eigenen Ziele. Sie argumentierte, dass es Personen wie Bloom durch subtile Interventionen trotz der Einschränkungen durch ein kontrolliertes Umfeld dennoch gelang, das Nachkriegsflüchtlingsregime mitzugestalten.

Im September hat Prof. Christoph Rass noch weitere verschiedene Vorträge im Kontext unterschiedlicher Projekte und Kooperationen gehalten. Am 8. September war er, mit dem Beitrag Zum Verhältnis von Produktion und Projektion. Reflexive Perspektiven auf ‘antiziganistische’ Wissensordnungen, bei einer Veranstaltung des Verbandes Niedersächsischer Sinti in Hannover zu Gast. In seinem Vortrag diskutierte er das Konzept der Z-Projektion durch die Linse der theoretischen Rahmungen des Osnabrücker Sonderforschungsbereichs 1604. Am 19. September war Christoph Rass Festredner beim 55. Geburtstag der Stadt Georgsmarienhütte. In seinem Beitrag unter dem Titel Ein unerwartetes Fest. Anmerkungen zur Gründung der Stadt Georgsmarienhütte ließ er die Umstände der Stadtgründung Revue passieren, bei der lokale Akteure im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform erfolgreich das Gelegenheitsfenster nutzen, um die Stadtgründung im Dütetal durchzusetzen.  

Arthur Matei, Fabian Wolf, Gernot Fink, Christoph Rass, Valentin Schneider, Lukas Hennies (v.l.n.r.)

Am 7. Im August 2025 reiste die GOKnow Projektgruppe gemeinsam mit unseren Kollegen um Prof. Dr. Gernot Fink von der TU Dortmund nach Koblenz, um dort mit den KI-Spezialist:innen des Bundesarchivs zu treffen. Gegenstand war die Ausentwicklung eines Forschungsantrags, der die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz für die Tiefenerschließung von Aktenmaterial aus dem Kontext der deutschen Besatzungsherrschaft in Europa und Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs nutzen soll.

Am 30. September fand ein von der Universitätsbibliothek organisierter Posterslam zum Thema “Zukünftig digital?” statt. In diesem Rahmen wurden 13 Poster in kurzen Pitches vorgestellt und diskutiert, um den Dialog zwischen den Disziplinen weiter voranzubringen. Christoph Rass war mit einem Pitch zur Entwicklung eines eigenen Zertifikats “Digital Humanities and Social Sciences” dabei. Annika Heyen präsentierte das Transferprojekt des SFB 1604; Ahmet Celikten und Maik Hoops präsentierten das Projekt A3 “»Ihr seid Gastarbeiterkinder!« Wissenschaft, Schule und die Produktion von Figuren der Migration”. Lukas Hennies präsentierte den Einsatz digitaler Methoden im Projekt “Tödliche Zwangsarbeit in Karya 1943“. Unsere studentischen Mitarbeiter Johannes Pufahl und Lea Horstmann präsentierten jeweils die Projekte “Mapping the Co-presence of Violence and Memory in Belarus” und “Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation“. Für den besten Pitch vergab die UB einen Preis, den Annika Heyen ergattern konnte!

Imke Selle und Lale Yildirim bei der Konferenz des Arbeitskreises ‘Geschichtsdidaktik theoretisch’ (Foto: Madita Baudach)

Am 29. September begab Imke Selle sich nach Kiel, um dort an der Tagung des Arbeitskreises “Geschichtsdidaktisch theoretisch” teilzunehmen, die von unserer Kollegin Lale Yildirim organisiert wurde. Auf Basis von precirculated papers wurde dort in verschiedenen Sektionen zum Thema “Historische Bildung: Prophetin oder zahnlose Zuschauerin?” diskutiert. Dabei stand die Frage im Zentrum, wie und ob historische Bildung in einer krisendurchzogenen Gegenwart – geprägt durch die COVID-19-Pandemie, die Klimakrise und Krieg in Europa – Orientierung bieten kann oder ob und inwiefern die geschichtsdidaktische Theorie erweitert werden muss.

Im August hielt Sebastian Musch im Rahmen des Workshops “Beyond Wiedergutmachung: Unraveling the Legacies of the 1952 Holocaust Reparations Agreement” einen Vortrag mit dem Titel The Israel Mission and the Reconstruction of Jewish Communities in West Germany gehalten. Der Workshop wurde gemeinsam vom Jacob Robinson Institute for the History of Individual and Collective Rights an der Hebräischen Universität Jerusalem, dem Azrieli Center for Israel Studies (MALI) an der Ben-Gurion-Universität und dem Weidenfeld Institute of Jewish Studies an der Universität Sussex organisiert.

Veranstaltungsort war Sde Boker, der Kibbutz in der Negev-Wüste, in dem der erste israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion die letzten Jahre seines Lebens verbrachte und den  der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer 1966 dort besuchte; das Foto zeigt Sebastian Musch beim Besuch in der Negev-Wüste

Im September nahm er dann am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow am Workshop Methodological Approaches and Research Techniques in Migration and Humanitarian Studies teil und hielt dort einen Vortrag zum Thema The transatlantic Migration from Nazi Germany and Global Intellectual History.

History@SFB1604

Vom 9. bis 10. September 2025 fand das SFB 1604-Retreat im Schloss statt. Am 9. September nahm das A3-Projekt an einem Workshop mit SFB-Kolleg:innen teil, um weitere Ideen zu den für 2026 geplanten Buchkapiteln auszutauschen. Im Namen des A3-Teams stellte Ahmet Celikten den Entwurf ihres Kapitels mit dem Titel Situating ‘Gastarbeiterkinder’: Science, School and the Production of Figures of Migration vor. Im Anschluss an die Präsentation fand eine produktive Diskussionsrunde statt. 

Am 10. September gaben Christoph Rass und das A3-Team Kommentare zu der laufenden Arbeit von Peter Schneck und Laura Zander mit dem Titel „Migrancy in Law and Literature: The Figuration of the Migrant as a Subject of Rights”. Darüber hinaus stellten andere Projekte aus dem Cluster A „Figuren” ihre Forschungsarbeiten vor, gefolgt von offenen Fragen und Kommentaren. 

Lale Yildirim, Jessica Wehner, Annika Heyen, Ahmet Celikten und Christoph Rass beim SFB 1604 – Retreat (Foto: Jens Schneider).

Notizen

Am 13. August traf sich das Team des Projekts „Die ‚Emslandlager‘als Konfliktlandschaft in Transformation“ – Imke Selle, Lina-Sofie Winkler, Marlene Schurig und Lea Horstmann – mit Jacqueline Meurisch und Sebastian Weitkamp von der Gedenkstätte Esterwegen, um ihnen als Kooperationspartner die im Rahmen des Projekts entstandenen 360°-Rundgänge über die Standorte des 15 ehemaligen ‚Emslandlager‘ – ehemalige Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager im Emsland und der Grafschaft Bentheim – zu zeigen.

Dr Sebastian Weitkamp, Jacqueline Meurisch, Lina-Sophie Winkler, Marlene Schurig, Lea Horstmann und Imke Selle beim Projekttreffen (Foto:Jessica Wehner)

Team NGHM konnte im August und September einige neue Publikationen vorlegen:

Im September ist der Aufsatz Virtual Reality und digital literacy in Theorie, Lehre und Empirie. Ein Werkstattbericht von Imke Selle und unserer Kieler Kollegin Lale Yildirim im Sammelband Geschichtsdidaktisch forschen. Theorie und Empirie im Dialog erschienen. Der Beitrag zeigt anhand einer empirischen Studie, dass digitales Storytelling und der Erwerb digitaler Kompetenzen zentrale Voraussetzungen historischen Lernens in einer digital geprägten Kultur sind, und plädiert mit dem Konzept einer „digitalen geschichtskulturellen Agency“ für eine Erweiterung geschichtsdidaktischer Theorien.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift History & Theory (64/4) ist das von Julie Weise (University of Oregon, Eugene) und Christoph Rass herausgegebene Forum “Migration, Translation, Narrative” erschienen, in dem neun Wissenschaftler:innen aus Deutschland und den USA, darunter Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen, Historiker*innen und Vertreterinnen der Ethnic Studies, das Konzept der Translation von Migration in interdisziplinäre zusammengesetzte Autor:innenteams diskutieren.

Ebenfalls im September 2025 ist ein Beitrag zur KI-gestützten Analyse historischer Quellen erschienen, in dem das Osnabrücker NGHM-Team gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Mustererkennung der TU Dortmund um Prof. Dr. Gernot Fink Möglichkeiten vorstellt, die so genannten CM/1 Akten aus den Beständen der Arolsen Archives mit Hilfe von LLVMs maschinenlesbar zu machen.

Fabian Wolf,  Oliver Tüselmann,  Arthur Matei,  Lukas Hennies,  Christoph Rass,  Gernot A. Fink: CM1 - A Dataset for Evaluating Few-Shot Information Extraction with Large Vision Language Models, in: Yin, Xu-Cheng; Karatzas, Dimosthenis; Lopresti, Daniel (Hg.): Document Analysis and Recognition – ICDAR 2025, Part II , Cham 2025, S. 23-39.

Sebastian Musch hat für die American Historical Review die Monografie The Nazi Study of India and Indian Anti-Colonialism: Knowledge Providers and Propagandists in the ‘Third Reich’ von Baijayanti Roy rezensiert.


Ende September verabschiedete sich das Team NGHM von Lina-Sofie Winkler. Lina-Sofie arbeitete im Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation“. Sie hat das Projekt von Beginn an tatkräftig unterstützt – sowohl bei der Digitalisierung der Standorte der 15 ehemaligen ‚Emslandlager‘ als auch bei der Weiterverarbeitung der Daten zu 360°-Rundgängen. Zudem hat sie die Projektdoktorandin Imke Selle durch die Transkription und Aufbereitung der geführten Interviews engagiert unterstützt.

Wir bedanken uns bei Lina-Sofie ganz herzlich für ihr Engagement und wünschen ihr für den Abschluss ihres Studiums und ihren weiteren Weg alles Gute!

Ende September verabschiedete sich außerdem auch Julia Lohmann aus dem A3-Projektteam des SFB 1604 „Produktion von Migration“. Seit Beginn des Projekts arbeitete sie eng mit den A3-Kolleg:innen zusammen und leistete wertvolle Unterstützung beim Aufbau und bei der Zusammenstellung des digitalen Korpus sowie bei der Literaturrecherche. Kürzlich hat Julia auch ihre Masterarbeit eingereicht, die sich mit der Figur der „zweiten Generation“ befasst, einem Thema, das eng mit dem Thema des Projekts verbunden ist.

Wir danken Julia herzlich für ihr Engagement, ihre Unterstützung und ihre Teamarbeit während ihrer Zeit am SFB 1604 und im Rahmen des A3-Projekts und wünschen ihr alles Gute für den Abschluss ihres Masterstudiums und ihre zukünftige berufliche Laufbahn.

Blogbeiträge im August und September

Ausblick & aktuelle Termine

Das Filmfest Osnabrück wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Aus diesem Anlass blickt das Filmfest Osnabrück am 11. Oktober, 15-17 Uhr, im Felix-Nussbaum-Haus, gemeinsam mit  dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück und dem ThinkTank Migrationspolitik e. V. auf 40 Jahre filmische Erzählungen über Migration, Zugehörigkeit und Identität.

Von der „Rückkehr der Gastarbeiter:innen“ in den 1980ern, über die „Baseballschlägerjahre“ der 1990er, Integrationsdebatten der 2000er, Fluchtmigration der 2010er bis hin zu transnationalen Identitäten der 2020er – das Filmarchiv des Filmfest Osnabrück zeigt, wie sich gesellschaftliche Diskurse und filmische Perspektiven verändert haben.

Diskutieren Sie gemeinsam mit Historiker Prof. Dr. Christoph Rass, Filmemacherin Serpil Turhan und Kulturwissenschaftlerin und Kulturschaffende Aurora Rodonò welche Narrative prägend waren, welche Brüche und Kontinuitäten sich zeigen – und wie Kino dazu beitragen kann, das Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland zu reflektieren und neu zu verhandeln. Moderiert wird die Veranstaltung von Vera Hanewinkel (IMIS).

Interessierte sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

NGHM-Tracker (8/2025)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im Juli startete Team NGHM in den Semesterendspurt und organisierte vor Ort in Osnabrück verschiedene Formate zum Austausch über die Erträge unserer Arbeit in Forschung und Lehre: in Posterpräsentationen stellten Studierende die Ergebnisse aus Pro- und Vertiefungsseminaren vor, unser viertes Tiny Desk Kolloquium präsentierte exzellente Masterarbeiten und vertiefte die Diskussion über Digital Humanities an der UOS. Das hielt Team NGHM aber nicht davon ab, auch im Juli auf Reisen zu gehen, z.B. nach Frankfurt zur Deutschen Nationalbibliothek für einen gemeinsamen Workshop.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.

Einblicke

Den Semesterabschluss beging das Team der NGHM mit einem sehr ereignisreichen Tag bei dem sowohl Studierende vormittags als auch das Team NGHM nachmittags ihre Forschungsvorhaben bzw. -ergebnisse präsentierten:

Studierende aus drei (Pro-)Seminaren durften am 10. und 17. Juli ihre Poster präsentieren, die sie im Rahmen der Veranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Musch, Jessica Wehner und Lukas Hennies erstellt hatten. Thematisch beschäftigten sich die Studierenden mit der Produktion von Migration in den USA, den Erfahrungen deutscher Exilant:innen während der Weimarer Republik und der IRO und dem  Resettlement europäischer Nachkriegsflüchtlinge und Displaced Persons .

Am Nachmittag des 17. Julis fand dann das vierte Tiny Desk Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) der Universität Osnabrück statt. Unter dem Titel “Digital History & Humanities” präsentierten Absolvent:innen ihre hervorragenden Abschlussarbeiten und Forscher:innen des SFB 1604 gaben Einblicke in ihre Arbeit. Ergänzt wurde das Programm durch spannende Beiträge über die Möglichkeiten von KI in der Lehre durch Alexander Piwowar vom VirtUOS und einem Vortrag über die FDM- und DH-Infrastrukturen an der Universitätsbibliothek von Dr. Marco Gronwald und Kerstin Strotmann-Frehe.

In Kürze berichten wir ausführlich auf dem NGHM Blog über die vierte Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums.

Die Referent:innen des vierten TDK: Fabian Tauer, Anna Schlutter, Dr. Marco Gronwald, Prof. Dr. Christoph Rass, Alexander Piwowar, Maik Hoops und Kerstin Strotmann-Frehe (Foto: Jessica Wehner)

Am 14. Juli reiste Christoph Rass nach Potsdam zum Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Dort referierte er zu gleich zwei Themen: Der erste Vortrag unter dem Titel “GOKnow – Wissensgraph Europa unter deutscher Besatzung 1939-1945. Ein Forschungsvorhaben” diente der Vorbereitung eines gemeinsamen Forschungsvorhabens; im zweiten Teil des Workshops diskutierte er unter dem Titel “Daten, Dreck und Dinge. Methoden der Konfliktlandschaftsforschung und ihre Potentiale für die Militärgeschichte” das an der UOS im gleichnamigen Forschungsfeld von 2014 bis 2024 entwickelte Methodenset.

Ein Spannender Workshop am ZMSBw (vlnr): Oberst Dr. Frank Hagemann, Kommandeur des ZMSBw, Prof. Dr. Dr. Alaric Searle, Leitender Wissenschaftler des ZMSBw, Prof. Dr. Christoph Rass, Oberst PD Dr. John Zimmermann, Forschungsleiter am ZMSBw (Foto: ©Bundeswehr/Christian Deckart).

Am 9. Juli 2025 fand nach längerer Pause an der Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule in Hannover ein Arbeitstreffen des Arbeitskreises „Geschichte der Juden“ der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen statt. Organisator war Sebastian Musch. NGHM war im Programm stark vertreten – mit Beiträgen von Maik Hoops und Annika Heyen sowie durch die tatkräftige Unterstützung vor Ort durch Gero Leege.

Foto: Annika Heyen

Maik Hoops hielt einen Vortrag über antisemitische Konstruktionen des ‚deutschen Volkes‘ in der Parteipresse der Sozialistischen Reichspartei (1949-52). Er zeigte dabei auf, wie neonazistische Diskurse nach 1945 ihre völkischen Selbstbilder eng verwoben mit antisemitischen Gegenbildern produzierten, diese aber verglichen mit den Diskursen der früheren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts oder des 19. Jahrhunderts in deutlich latentere und implizitere sprachliche Erscheinungsformen transformierten.

Foto: Gero Leege

Annika Heyen berichtete aus dem Projekt In Stein gemeißelt. Digital erfahrbare Erinnerungsdiskurse im Stadtraum von Niedersachsen und Osteuropa und bot zudem die Nutzung einer VR-Anwendung an.

In der anschließenden Mitgliederversammlung wurde Sebastian Musch zum Sprecher des Arbeitskreises gewählt. Zum stellvertretenden Sprecher wurde Mirko Przystawik von der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa (TU Braunschweig) gewählt. Jürgen Bohmbach wurde als Schriftführer im Amt bestätigt. Der nächste Workshop des Arbeitskreises „Geschichte der Juden“ zum Thema Topographien religiöser Mehrheiten-Minderheiten-Konstellationen im historischen Vergleich findet am 16.–17. Oktober in Kooperation mit der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege statt.

Annika Heyen vor dem Museum “POLIN” in Warschau. (Foto: Annika Heyen)

Vom 21. bis zum 28. Juli nahm Annika Heyen an der “Summer School with Museum POLIN  for Early Career Scholars”, organisiert von Zachary Mazur, in Warschau teil. Gemeinsam mit 15 weiteren Nachwuchswissenschaftlerinnen aus Europa, den USA und Israel sowie Expert:innen tauschte sie sich über die Vielfalt des Feldes der jüdischen Studien aus – die Themen reichten von Tagebüchern jüdischer Reisender im 18. Jahrhundert über Hygienediskurse um jüdische Ritualbäder (Mikwe) im 19. und jüdische Diskurse zu Nationalismus bis hin zur Geschichte des Holocaust – und wurde in Themen der Ausstellungsgestaltung, Museumspädagogik, des öffentlichen Sprechens und verschiedenen Karrieremöglichkeiten in diesem Forschungsfeld geschult.

Im Rahmen des “Marsches der Erinnerung” hinterließen Teilnehmer:innen der Veranstaltung weiße Schleifen mit den Namen von Opfern am Zaun des Krasinskigartens. Mit dem “March of Remembrance” wird jedes Jahr dem Beginn der Liquidation des Warschauer Ghettos am 22. Juli 1942 gedacht. (Foto: Annika Heyen)

Exkursionen führten die Gruppe ins JCC Warszawa und das Jewish Historical Institute in Warschau sowie das Theater NN Grotzka Tor in Lublin. Auch die einstmaligen jüdischen Viertel der beiden Städte erkundeten die Teilnehmerinnen der Summerschool. Obwohl bei den Besuchen dieser Orte ein starker Fokus auf der Geschichte der Shoah lag, wurde auch die reiche Geschichte und Vielfalt jüdischen Lebens in Polen vor seiner Zerstörung durch die Nationalsozialisten thematisiert.

History@SFB1604

Vom 10. bis zum 11. Juli war das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung und des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” gemeinsam mit Kolleg:innen von der Universitätsbibliothek Osnabrück zu Gast bei der Deutschen Nationalbibliothek. Im Rahmen eines gemeinsamen Workshops des Forschungsstudienprogramms “Hermes” diskutierten sie über den “Bedarf der digitalen Geisteswissenschaften – Aufgabe der Kulturerbeinstitutionen, Datenkompetenzen zwischen Forschung und GLAM-Bereich”.

Matthias Land und Jens Schneider stellten im Rahmen des Workshops den Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” sowie die Herausforderungen vor, vor die der interdisziplinäre Forschungsverbund die Mitarbeitenden im Hinblick auf Datenverarbeitung, -sicherung und -aufbereitung stellt. Felicitas Hundhausen, Anneke Thiel, Kerstin Strotmann-Frehe und Marco Gronwald von der Universitätsbibliothek Osnabrück gaben Einblicke in die Infrastrukturen, die in ihrem Haus bereits entwickelt wurden, um derartigen Herausforderungen zu begegnen. Maik Hoops und Dominic Sauerbrey beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit der “Bibliothek als Corpus”, aus dem die Projekte A3 und A5 des SFB 1604 ihre Daten erheben. Christoph Rass präsentierte das Transferprojekt des SFB und stellte zur Diskussion, wie Nicht-Text-basierte Forschungsdaten, wie die im Projekt verwendeten digitalen 3D-Modelle von Objekten nachhaltig gesichert werden können. Das Team der DNB gab Einblicke in das “Deutsche Exilarchiv 1933-1945” und in die Magazine der Nationalbibliothek. Darüber hinaus stellten sie mit “Text+” und “DNBLabs” zwei Werkzeuge vor, die bereits jetzt Forschenden zum Erheben und Sichern von Forschungsdaten zur Verfügung stehen.

Die Teilnehmenden des Workshops “Bedarf der Digitalen Geisteswissenschaften – Aufgabe der Kulturerbeinstitutionen Datenkompetenzen zwischen Forschung und GLAM-Bereich” am 10. und 11. Juli in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Mit dabei: Kolleg:innen vom HERMES-Projekt, dem Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” sowie der Universitätsbibliothek Osnabrück (Foto: NGHM)
Maik Hoops präsentiert seine Arbeit im A3-Projekt des SFB 1604 (Foto: Annika Heyen)

Im Rahmen von gleich drei verschiedenen Veranstaltungen präsentierte Maik Hoops im Juli das SFB-Teilprojekt A3 “»Ihr seid Gastarbeiterkinder!« Wissenschaft, Schule und die Produktion von Figuren der Migration”. Im Graduiertenkolleg/Integrated Research Training Group (kurz: IRTG) stellte er am 7. Juli seinen Mitdoktorand:innen im Sonderforschungsbereich “Produktion von Migration” den aktuellen Stand der Projektarbeit vor. Auf dem HERMES-Workshop in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt sprach er am 11. Juli hinsichtlich des Aufbaus des aus viereinhalbtausend bildungswissenschaftlichen Texten bestehenden Korpus und der Datenerhebung über das Projekt. Im Tiny Desk Kolloquium am 17. Juli gab er einer interessierten Zuhörer:innenschaft grundlegende Einblicke in die Fragestellungen, Theorien und Methoden des Projekts.

Notizen

Am 8. Juli waren Jessica Wehner und Christoph Rass bei den Studierenden Jannik Singer und Timo Diener für eine Podcastaufnahme zu Gast. Gemeinsam haben sie über die Kategorie der “Displaced Persons” gesprochen sowie über die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft auf diese Menschen. Der Podcast wird im Rahmen der digitalen Ausstellung “Displaced Persons in Varel” veröffentlicht, die wahrscheinlich Ende diesen Jahres online gehen soll. Hierbei beschäftigen sich die Studierenden unter der Leitung von Sebastian Huhn, mit dem sogenannten Altersheim für heimatlose Ausländer, welches von 1950 bis 1959 existierte und eines der größten Altersheime für Displaced Persons in Europa war.

Jessica Wehner, Timo Diener, Jannik Singer und Christoph Rass bei der Podcastaufnahme für die Onlineausstellung (Foto: Gero Leege)

Sebastian Huhn hat auf unserem Blog bereits über das Altersheim publiziert:

Unterwegs waren auch Imke Selle, Jessica Wehner  und Lea Horstmann mit rund 15 Studierenden. Am 31. Juli fand eine Exkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover statt. Das ZeitZentrum ist ein interaktiver Lernort zur hannoverschen Stadtgesellschaft im Nationalsozialismus. Unter der Leitfrage “Mitmachen oder Widerstehen?” steht aber auch das demokratische Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft im Fokus. Bei dieser Exkursion haben die Studierenden an einem Workshop zum Themenfeld Rechtsextremismus teilgenommen. Teil des Workshops war ein interaktiver Lernraum, in dem ein Zimmer eines Jugendlichen nachgebildet wurde, der in rechtsextremen Netzwerken aktiv war.

Jessica Wehner und Imke Selle (erste Reihe, zweite und dritte Person von links) mit ihren Studierenden im Zeitzentrum Zivilcourage (Foto: Daniel Otten)

Zurück im Team NGHM ist seit Anfang Juli Valentin Loos. Nachdem er seinen Masterabschluss erworben hatte, arbeitete er zu Beginn des Jahres als Honorarkraft an der Überarbeitung mehrerer Online-Ausstellungen. Bis zum Jahresende wird er als wissenschaftliche Hilfskraft in einem Kooperationsprojekt mit der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim beschäftigt sein.

Seit dem 15.07. unterstützt Jonathan Roters das Handbuch-Projekt zur Geschichte des Landkreises Emsland im Nationalsozialismus als wissenschaftliche Hilfskraft. Dabei wird er vor allem bei der inhaltlichen Konzeption des Handbuchs sowie der Erarbeitung und Redaktion einzelner Texte mitwirken. 

Nach einer kleinen Pause kehrte Marlene Schurig im Juli 2025 als studentische Mitarbeiterin in das NGHM-Team zurück. Sie verstärkt nun das Projektteam “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history”. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Blogbeiträge im Juli

Ausblick

Zum 1. September legt die Tracker-Redaktion eine kleine Sommerpause ein.
Wir kehren dann erholt zum 1. Oktober mit einer August-September-Doppelausgabe zurück!

NGHM-Tracker (7/2025)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im Juni widmete sich Team NGHM neben der Forschung und Lehre vor Ort den Vorbereitungen für die Connective Holocaust Commemoration Expo in Sussex. In Osnabrück fand zudem die letzte Rahmenveranstaltung “Streitbar: Zwischen Hörsaal und Debattenraum – (un)politisch Studieren?” zur Ausstellung #ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute statt.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juniausgabe des Newsletters.

Einblicke

Ende des Monats reiste Team NGHM nach England: Vom 23. bis 27. Juni nahmen Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Musch, Annika Heyen, Imke Selle, Lukas Hennies und Johannes Pufahl an der „Connective Holocaust Commemoration Expo“ des Landecker Digital Memory Lab teil. Unter dem Titel Exploring the Future of Digital Holocaust Memory verfolgte die Expo das Ziel, Akteur:innen aus Geschichtswissenschaft, Holocaustforschung, Gedenkstättenpädagogik sowie aus den Bereichen digitale Medien, kuratorische Praxis und technologische Entwicklung in einen interdisziplinären Dialog zu bringen. Im Fokus standen Fragen nach gegenwärtigen Formen und zukünftigen Perspektiven digitaler Erinnerungskultur im Kontext der Shoah.

Ausführlich berichtete das Team auch in Blogposts zur Reise:

Team NGHM war mit einem eigenen Ausstellungsstand vertreten. Dort wurden ausgewählte Projekte präsentiert, die sich mit der historischen Erforschung, digitalen Dokumentation und Vermittlung nationalsozialistischer Gewaltorte beschäftigen – darunter auch Orte des Holocaust und des deutschen Vernichtungskrieges. Neben inhaltlichen Einblicken standen dabei vor allem methodische Zugänge sowie partizipative Ansätze im Fokus.

Darüber hinaus gestaltete das NGHM-Team einen Workshop mit dem Titel Mapping the Past and the Production of History. Low-Tech, Participatory Approaches to Documenting Holocaust Sites and Conflict Landscapes. Nach einer Einführung in Arbeitsweise und Methodik des NGHM-Teams sowie einer Diskussionsrunde folgte ein praktischer Teil des Workshops. In diesem Teil des Workshops konnten die Teilnehmenden einzelne Schritte des NGHM-Workflows selbst nachvollziehen: von der Erstellung und Bearbeitung von 3D-Modellen über deren Kontextualisierung und Veröffentlichung bis hin zur Einbindung in digitale Ausstellungen.

Team NGHM präsentiert ihre Arbeit an der University of Sussex; vlnr: Johannes Pufahl, Lukas Hennies, Annika Heyen, Christoph Rass, Imke Selle, Sebastian Musch (Foto: NGHM)

Die Expo bot dem Osnabrücker Team nicht nur die Gelegenheit zum Austausch mit internationalen Partner:innen und zur Vorstellung eigener Arbeiten, sondern wurde auch genutzt, um durch die Entwicklung eines digitalen Rundgangs zur Expo selbst die Anwendung niedrigschwelliger digitaler Methoden direkt vor Ort zu demonstrieren.

Christoph Rass brach im Juni außerdem nach Hannover auf, um sich mit unseren dortigen Kooperationspartner:innen auszutauschen: Seit Anfang 2024 kooperieren das Stadtarchiv der Landeshauptstadt Hannover und das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück im Projekt “Einwanderungsarchiv Hannover”. Das gemeinsame Ziel ist, kommunale Archive so zu öffnen, dass sie besser in der Lage sind, das kulturelle Erbe unserer Migrationsgesellschaft zu sichern. Am 16. und 17. Juni hat nun ein zweitägiger Workshop Expert:innen  aus Archiven und Gedächtnisinstitutionen zusammen geführt, um praktische Erfahrungen mit migrationsgesellschaftlicher Archivarbeit auszutauschen. Das Format kombinierte theoretische Reflexion mit konkreter Strategieentwicklung für inklusive Archivpraktiken.

Wie entsteht das Archiv der Migrationsgesellschaft? (Foto: Stadtarchiv Hannover)

Den theoretischen Rahmen lieferte Christoph Rass mit seinem Eröffnungsvortrag über die systematischen Ausschlüsse, die aus migrationsgesellschaftlicher Perspektive noch zu oft in der Praxis deutscher Archive hervorgebracht werden. Deutschland ist zwar seit Generationen eine Migrationsgesellschaft, doch die Archive spiegeln diese Realität vielfach noch nicht angemessen wider. Archive beschrieb Rass in seinem Vortrag nicht als neutrale Wissensspeicher, sondern aktive Produzenten von Geschichte und Identitäten  – Archivarbeit entscheidet nicht nur, was bewahrt wird, sondern co-konstruiere letztlich auch, was überhaupt als wissenswert gilt. Erfolgreiche migrationsgesellschaftliche Öffnung erfordert daher die Abgabe von Deutungsmacht und echte Community-Kontrolle über eigene Geschichten und deren Archivierung. So werden Archive zu Räumen gesellschaftlicher Aushandlung von Migration bzw. Migrationsgesellschaft.

Der Workshop übersetzte diese theoretischen Rahmungen in einen intensiven Diskurs der eingeladenen Expert:innen. Eine “Erfahrungslandkarte” durch World-Café-Methoden sammelte Erfahrungen zu drei zentralen Fragen: Welche Versuche zur Sammlung migrantischer Materialien gab es? Was funktionierte besonders gut? Wo stießen Projekte an Grenzen? Das Format “Der Stolperstein und der Stern” ermöglichte kollegialen Austausch über konkrete Schwierigkeiten und erfolgreiche Aktionen. Eine komprimierte Zukunftswerkstatt sammelte aktuelle Hemmnisse wie Misstrauen, Ressourcenmangel und Sprachbarrieren, um dann ideale Bedingungen migrationsgesellschaftlicher Archivarbeit zu skizzieren.

Das Hannoveraner Projekt illustriert die praktischen Herausforderungen dieser Transformation. Etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung hat Migrationsgeschichte, doch das Stadtarchiv überlieferte bisher hauptsächlich Verwaltungsakten. Das Einwanderungsarchiv setzt nun auf aufsuchende Formate statt zu erwarten, dass Communities ins Archiv kommen. Mit dieser Strategie zielt das Team nicht auf schnelle Sammlungserfolge, sondern auf einen langfristigen Auf und Ausbau inklusiver Archivarbeit.

Am 4. Juni sprach Sebastian Musch auf dem Workshop „Kriegsenden und Neuanfänge an Rhein und Ruhr 1945“ des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn über “Die Neugründung der Kölner Synagogengemeinde nach 1945.” Dabei stellte er besonders die vielfältigen Verbindungen der Gemeinde mit israelischen Stellen in den Mittelpunkt. 

In der darauffolgenden Woche reiste er nach Italien an den Comer See. Dort nahm er an der internationalen Tagung „The “Excluded Third” in the Co-Production of Judaism, Christianity, and Islam“ in der Villa Vigoni, dem deutsch-italienischen Zentrum für den europäischen Dialog, teil. Auf dieser Tagung, die von David Nirenberg (Institute for Advanced Study, Princeton), Katharina Heyden (Universität Bern), Mercedes García-Arenal (Centro de Ciencias Humanas y Sociales, Madrid) und Davide Scotto (Università di Pavia) organisiert wurde, referierte Sebastian zum Thema „The Buddhification or De-Judaification of Jesus: Imagining a New Abrahamic Triad without Judaism“.

Sebastian Musch am Tagungsort Villa Vigoni

Am 12. Juni fand in Osnabrück hingegen die letzte Rahmenveranstaltung “Streitbar: Zwischen Hörsaal und Debattenraum – (un)politisch Studieren?” statt, die Teil des Rahmenprogramms der Ausstellung #Challenging Democracy – Von Helmut Schmidt bis heute als Gemeinschaftsprojekt der Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung, der Universitätsbibliothek Osnabrück und der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung war.

Diskutiert haben, moderiert von Lisa Querner (BKHS), Gloria Sherif, Frederik Göcke, beide aktuell Studierende an der Universität Osnabrück, sowie Heike Tennstädt und Heiko Schulze, die ihr Studium in Osnabrück in den 1970er Jahren abgeschlossen haben.

Diskutiert wurde unter anderem: Wie haben die damaligen Studierenden diesen Wandel erlebt? Wie nutzen heutige Studierende die demokratischen Räume, die ihnen an der UOS zur Verfügung stehen? Auch das Plenum wurde ausdrücklich – durch das Fishbowl Format – zur Mitdiskussion eingeladen.

Gloria Sherif, Lisa Querner (BKHS), Heike Tennstädt und Heiko Schulze bei der Diskussion (Foto: Jessica Wehner)

Am 5. Juni fand im Rahmen des Projekts „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation“ ein Workshop mit Schüler:innen der 11. und 12. Klasse des Gymnasium Georgianum Lingen an der Gedenkstätte Esterwegen statt. Gemeinsam mit Jacqueline Meurisch (Gedenkstätte Esterwegen) führten Lea Horstmann, Niklas Eilers und Imke Selle, unterstützt von Tim Ott, die Veranstaltung durch. Die Schüler:innen evaluierten die im Projekt entwickelten 360°-Rundgänge zu den ehemaligen Lagerstandorten der “Emslandlager” und beteiligten sich praktisch an der digitalen Dokumentation der historischen Orte, etwa durch 3D-Scans und Re-Fotografie.

Auch Sebastian Huhn begab sich am 13. Juni mit einer Gruppe von Studierenden auf Reisen zum Lothar-Meyer Gymnasium in Varel. Gemeinsam arbeiten sie an einer digitalen Ausstellung zum “Altersheim für heimatlose Ausländer”. Dieses Heim wurde 1950 gegründet und war zeitweise eines der größten Altersheime für Displaced Persons. In einem einführenden Workshop haben sich die beiden Gruppen erst einmal auf den neuesten Stand gebracht: Die Schüler:innen aus Varel beschäftigen sich derzeit mit den Biographien der Bewohner:innen des Heimes. Auch die Studierenden der Universität Osnabrück haben ihre Projekte vorgestellt: Von einer Excel-Tabelle mit allen Bewohner:innen des Heimes bis zu dem Versuch sich dem Gelände architektonisch zu nähern, gibt es hier viele Bereiche, an denen bis zur geplanten Veröffentlichung der Ausstellung Ende diesen Jahres gearbeitet werden muss. An den Workshop schloss sich eine praktische Arbeitsphase in Varel an. Eine Gruppe hat den historischen Friedhof in Varel besucht, auf dem sich mehrere Gräber ehemaliger Bewohner:innen des Heimes befinden. Eine andere Gruppe hat sich in die Fußgängerzone gestellt und wollte wissen, ob sich die lokale Bevölkerung in Varel noch an das Heim erinnern kann.

Die Studierenden und Schüler:innen beim Austausch im Lothar-Meyer Gymnasium in Varel (Foto: Timo Diener)

History@SFB1604

Die Arbeit im Transferprojekt hat einen neuen Meilenstein erreicht: Am 27. Juni fand der erste Testworkshop des SFB 1604-Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” statt. Hierfür waren die Projektmitarbeitenden Aladin El-Mafaalani, Lale Yildirim, Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott gemeinsam mit Studierenden des Fachs Geschichte sowie des Masterstudiengangs “Internationale Migration und interkulturelle Beziehungen” (IMIB) zu Gast beim externen Anwendungspartner des Projekts, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), vertreten durch Bebero Lehmann und Sandra Vacca.

Ziel des Workshops war es, verschiedene technische Werkzeuge, die im Transferprojekt zum Einsatz kommen sollen, sowie Zeitabläufe unter praxisnahen Bedingungen zu testen, bevor die Arbeit mit zivilgesellschaftlichen, außeruniversitären Gruppen aufgenommen wird. Nachdem sich die Teilnehmenden die bereits im Vorfeld zusammengestellten und im Rahmen der internationalen Auftakttagung des SFB 1604 “Production of Migration: Figures, Infrastructures and Spaces” gezeigten Virtual Reality-Anwendung “Fragmente der Migrationsgeschichte” begutachtet hatten, erhielten sie eine Führung durch die Räumlichkeiten des DOMiD und erhielten Einblicke in die Entstehungsgeschichte der deutschlandweit größten Sammlung von Objekten und Zeugnissen, die die vielfältige Geschichte der Migration in Deutschland dokumentieren. Eine Einführung in die Datenbank des DOMiD ermöglichte den Studierenden die Recherche nach solchen Objekten, die sie mithilfe ihrer eigenen digitalen Endgeräte – per fotogrammetrischem Scan – in digitale 3D-Modelle umwandelten. Diese Modelle sollen in den kommenden Wochen in die Anwendung “Fragmente der Migrationsgeschichte” integriert und weitere Gestaltungswünsche der Studierenden von den Kollegen von der Professur für Didaktik der Informatik umgesetzt werden.

Studierende beim Austausch (Foto: Annika Heyen)

Begleitet wurde der Prozess von einem Test des von Julia Becker entwickelten digitalen Fragebogens, der erheben soll, inwiefern der Einsatz digitaler Methoden eine Verlagerung von Agency hin zu Personen ermöglicht, deren Stimmen in der Erzählung der deutschen Migrationsgeschichte unterrepräsentiert sind. Die Erkenntnisse, die das Projektteam während des Testworkshops zu Gruppengröße, Dauer einzelner Arbeitsschritte etc. sammeln konnte, fließen in die Planung weitere Workshops ein, die im weiteren Projektverlauf mit externen, nicht-universitären Personen aus migrantisierten Communities durchgeführt werden sollen.

Notizen

Anfang Mai hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück ihre online Präsenz auf eine neue Website umgestellt, die wir noch immer erweitern und ausbauen.

Im Juni ergänzte Team NGHM den Abschnitt Studium & Lehre um weitere Hinweise:

  • Trouillot: Die Produktion von Geschichte
  • Tolstoi: Die Geschichte als Konstrukt
  • Was ist ein Selbstplagiat?
  • Wie ist die Teilnahme an Lehrveranstaltungen geregelt?
  • Was sind Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens?
  • Wie verfasse ich meinen “Essay zur Vorlesung”?
  • Wie kann ich KI bei Hausarbeiten und Qualifikationsarbeiten nutzen?

Das Team erweitert die Tipps und Tricks nach und nach weiter.

Im Juni erschien der Exkursionsbericht zur Exkursion zum Dokumentationszentrum Haren/ Mazków, zum ehemaligen Lagerstandort Oberlangen und zur Kriegsgräberstatte Groß Fullen, organisiert von Imke Selle, Lea Horstmann und Lukas Hennies, welcher von Lisa Marie Schophuis verfasst wurde.

Blogbeiträge im April

Ausblick und aktuelle Termine

Am 17 . Juli, 14 bis 17 Uhr, findet die vierte Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zum Thema “Digital Humanities” statt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen! Ein ausführliches Programm folgt in Kürze auf unserem Blog.

Am 31. Juli findet eine Tagesexkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover unter der Leitung von Imke Selle und Jessica Wehner statt. Das ZeitZentrum Zivilcourage ist ein interaktiver Lernort zur hannoverschen Stadtgesellschaft im Nationalsozialismus und setzt dabei stark auf eine biographische Annäherung. Bei der Exkursion nehmen die Studierenden an einem Workshop zum Thema “Rechtsradikalismus” teil, der auch die Durchführung eines interaktiven Jugendzimmers beinhaltet. Interessierte Studierende können sich ab sofort bei Stud.IP anmelden.

NGHM-Tracker (6/2025)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im Mai haben wir uns nicht nur Lehre und Forschung im laufenden Sommersemester gewidment, Team NGHM war auch auf Reisen, um zu recherchieren, zu präsentieren, zu diskutieren und sich mit Kolleg:innen im In- und Ausland auszutauschen. In Osnabrück war das Highlight des Monats die Eröffnung der Ausstellung #ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute, die wir gemeinsam mit der Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung und der Universitätsbibliothek zeigen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Maiausgabe des Newsletters.

Einblicke

Vom 6. Mai bis zum 21. Juni 2025 macht die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung mit ihrer Ausstellung #ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute in Osnabrück Station. Gastgeber sind die Universitätsbibliothek und die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung.

Am 6. Mai fand die Ausstellungseröffnung statt. Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Kai-Uwe Kühnberger, Vizepräsident der Universität Osnabrück, und Dr. Meik Woyke, Vorstand der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung (BKHS), stellte Lea Horstmann im Namen der Studierenden der Universität Osnabrück das studentische Projekt zur Ausstellung vor – Studierenden der UOS haben sich in einem Seminar mit regionalen Perspektiven auf die Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft in den 70er und 80er Jahren auseinandergesetzt und bringen diese in die Ausstellung ein. Der Kurator der BKHS, Dr. Magnus Koch, ging in einem Impuls auf die zentralen Fragestellungen der Ausstellung ein und gab im Anschluss in einer exklusiven Führung Einblicke in Konzept und Inhalte.

Am 14. Mai 2025 diskutierten im Begleitprogramm Dr. Noa K. Ha,
Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Dr. Patrice G. Poutrus vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück und Prof. Dr. Lale Yildirim (Universität Kiel) vom Sonderforschungsbereich 1604 mit Moderator Dr. Magnus Koch, Leiter Ausstellungen und Geschichte, Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, über Geschichte und Zukunft einer inklusiven Migrationsgesellschaft in Deutschland.

Magnus Koch, Lale Yildirim, Noa K. Ha und Patrice Poutrus im Gespräch (Foto: Vera Hanewinkel)

An anderer Stelle brachte Team NGHM sich in die Diskussion um digitale Methoden und deren Potential ein: An der Universität Osnabrück werden in Lehre und Forschung an vielen Stellen nicht nur Methoden der Digital Humanities angewendet, sondern auch entwickelt, erprobt und anwendungsfähig gemacht. Um die Bündelung und Vernetzung dieser Ansätze weiter zu entwickeln und die Frage zu diskutieren, welche Infrastrukturen gerade die Sozial- und Kulturwissenschaften im Bereich der Digital Humanities für ihre Arbeit brauchen, hat die Universitätsbibliothek am 12. Mai in diesem Feld aktive Wissenschaftler:innen, Vertreter:innen universitärer Infrastruktureinrichtungen und Vertreter der Hochschulleitung zu einem Workshop eigeladen.

Lukas Hennies, Ahmet Celikten, Mirjam Adam, Johannes Pufahl, Imke Selle, Lea Horstmann und Christoph Rass beim DH Workshop der Universitäts Bibliothek (Foto: Jessica Wehner)

Mit dabei war auch das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (Prof. Dr. Christoph Rass), aus dem eine ganze Reihe von Wissenschaftler:innen schon seit einiger Zeit in einer Initiativgruppe mitdiskutieren, die an der UOS die Gründung eines eigenen DH-Zentrum anregen möchte. In der Posterausstellung, die das Workshop-Programm begleitete, war die Arbeitsgruppe NGHM mit Beiträgen vertreten, die den Einsatz von DH-Methoden in Forschungsprojekten vorstellten und zugleich Ideen für den Ausbau entsprechender Kompetenzen in Forschung und Lehre präsentierten.

Aber nicht nur vor Ort wurden Projekte, Ideen und Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Team NGHM nutzte den Mai für vielfältige Reisen:

In die digitale Ferne verschlug es Jessica Wehner am 8. Mai. Im Rahmen der digitalen Vortragsreihe “Erinnern, Reflektieren, Verstehen: 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs” der Hochschule Niederrhein hielt sie einen Vortrag zum Thema Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen: ‘Displaced Persons’ und die ‘europäische Flüchtlingskrise’ 1946-1952. Sie thematisierte dabei die Bedeutung und die Organisation der Nachkriegsmigration durch die International Refugee Organization. Dabei zeigte sie, wie viele unterschiedliche Akteure an den Aushandlungen der Regulierung der Folgen gewaltinduzierter Migration und Mobilität im Kontext des Zweiten Weltkriegs beteiligt waren und welche Ziele und Strategien diese dabei verfolgten.

Am 8. Mai war Christoph Rass mit einem Vortrag bei der zentralen Gedenkfeier der des Landkreises Emsland zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft vor 80 Jahren zu Gast. In der Kreigsgedächtniskirche in Rhede sprach Rass unter dem Titel “Verbrechen, Verantwortung, Erinnerung” zur lokalen und zur globalen Dimension von Vernichtungskrieg, Genozid und Holocaust. Rass plädierte für einen differenzierten Umgang mit der Vergangenheit. Er betonte, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur ein europäisches Ereignis gewesen sei, sondern weltweit bis zu 80 Millionen Menschenleben gefordert habe – etwa drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung.

Er erinnerte an das beispiellose Ausmaß deutscher Verbrechen: den Holocaust mit sechs Millionen ermordeten jüdischen Menschen, den Genozid an Roma und Sinti, die Ermordung von 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sowie das “Euthanasie”-Programm mit 250.000 Opfern. Auch im Emsland seien Tausende in Lagern gestorben und jüdische Gemeinden vernichtet worden.

[Foto: Landkreis Emsland]

Alarmierend sei die aktuelle Entwicklung, dass erstmals eine relative Mehrheit von 38,1 Prozent der Deutschen einen “Schlussstrich” unter die NS-Zeit befürworte, während gleichzeitig das Wissen über NS-Verbrechen abnehme und antisemitische Einstellungen zunähmen. Am Beispiel des Emslandes zeigte der Historiker auf, wie sich die Erinnerungskultur von der Verdrängung der Nachkriegszeit über einen ersten “exkludierenden” Konsens hin zu einem inklusiven Gedenken entwickelt habe, das alle Opfergruppen einbeziehe. Diese kritisch reflexive Haltung gelte es zu bewahren. Für die Zukunft forderte er eine kontinuierliche historische Aufklärung ohne Relativierung, ein multiperspektivisches Erinnern im Dialog verschiedener Gruppen und eine zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit der Geschichte als Ressource gegen Demokratiefeindlichkeit. Nur durch die Anerkennung der Ambivalenz und eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit könne das jährliche Gedenken am 8. Mai von einer “lästigen Pflichtübung” zu einem aktiven Beitrag für demokratische Werte und gegen Menschenfeindlichkeit werden.

Am 21. Mai reiste Christoph Rass erneut ins Emsland. Am Georgianum in Lingen nahm er an einer Podiumsdiskussion zu Fragen der Geschichts- und Erinnerungskultur im Kontext von NS-Herrschaft, Zweitem Weltkrieg und Holocaust teil. Schüler:innen haben im Rahmen ihres Seminarfachs gemeinsam mit der Ems-Vechte-Welle eine Radiosendung daraus gemacht. Was also bedeutet die NS-Vergangenheit für unsere heutige Gesellschaft? Diese Frage wollten die Schüler:innen in einem interdisziplinären Dialog klären und brachten Wissenschaft, Medien, Justiz und Erinnerungskultur zusammen: Prof. Dr. Christoph Rass von der Universität Osnabrück repräsentierte die Geschichtswissenschaft, Marko Schnittker brachte als Geschäftsführer der Ems-Vechte-Welle die mediale Perspektive ein, Dr. Sebastian Weitkamp, Leiter der Gedenkstätte Esterwegen diskutierte aus der Perspektive praktischer Erinnerungs- und Bildungsarbeit mit, Markus Hardt, Direktor des Amtsgerichts Lingen, brachte rechtswissenschaftliche bzw. juristische Expertise in die Debatte ein.

Markus Hardt, Sebastian Weitkamp, Christoph Rass und Markus Schnittker im Gespräch mit den Schüler:innen (Foto: Stefan Kemmer).

Reisen haben Sebastian Musch im Mai zum einen nach Heidelberg geführt, wo ein Treffen der Landecker Lecturers stattfand, und zum anderen nach Mailand. Im Rahmen einer Kurzzeitgastprofessur am Philosophischen Seminar der Università Vita-Salute San Raffaele hielt Sebastian Musch dort eine Vorlesung zur Konstruktion der abrahamitischen Triade (Judentum–Christentum–Islam) im 19. Jahrhundert. Im Fokus standen dabei insbesondere Versuche christlicher Denker, dem Judentum die gemeinsamen Wurzeln als abrahamitische Religion abzusprechen.

Im Mai reiste Annika Heyen zwecks Archivrecherchen für drei Wochen nach New York City und nach Washington, DC. Im Center for Jewish History, der New York Public Library, der Seeley G. Mudd Library in Princeton sowie in den Archiven des United States Holocaust Memorial Museum suchte sie nach Dokumenten, die ihr die jüdische Perspektive auf die von ihr im Rahmen ihres Promotionsprojekts beforschte Bermuda-Konferenz im April 1943 aufzeigen. Spannend waren dabei nicht nur die Sammlungen zu einflussreichen jüdischen Organisationen wie dem World Jewish Congress, dem American Jewish Committee und dem Jewish Labor Committee, sondern auch die Nachlässe zweier Mitglieder der US-Delegation zur Bermuda-Konferenz, Sol Bloom und Harold W. Dodds, die zwar nur kleine, aber dafür nicht minder überraschende Einblicke in das Verhandlungsgeschehen im Frühjahr 1943 gewähren.

Am 16. Mai 2025 unternahmen Studierende unter der Leitung von Lukas Hennies und Imke Selle eine Exkursion ins Emsland. Im Fokus der Exkursion stand die Geschichte der Emslandlager in der NS-Zeit sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Erinnerungskultur in der Region. Erste Station war das ehemalige Emslandlager Oberlangen, in dem nach dem Scheitern des Warschauer Aufstands auch Soldatinnen der polnischen Heimatarmee inhaftiert waren. Nach Kriegsende und der Befreiung blieben viele befreite polnische Kriegsgefangene und Zivilpersonen als sogenannte ‚Displaced Persons‘ zunächst im Emsland – insgesamt etwa 18.000. Auf Anordnung der britischen Militärregierung wurde die Kleinstadt Haren/Ems im Mai 1945 geräumt, um Platz für diese Menschen zu schaffen. Die Stadt wurde zunächst in ‚Lwow‘ und später in  ‚Maczków‘ umbenannt und blieb bis 1948 polnisch. In Haren besuchte die Gruppe das neu entstandene Dokumentationszentrum zur Geschichte Maczkóws. Dort gewährte Leiter Rüdiger Ritter Einblicke in die Erinnerungsarbeit vor Ort und mit der Stadtgesellschaft.

Zum Abschluss führte die Exkursion zur Kriegsgräberstätte Groß-Fullen, auf der neben einem Teil der Toten aus den Emslandlagern auch die Verstorbenen aus Maczków begraben liegen.

Notizen

Im Mai bot das Programm des Kolloquiums der NGHM ein besonders spannendes Angebot mit weiteren externen Referent:innen.

Am 8. Mai präsentierte Dr. Trond Kuster Ideen zu seinem Forschungsprojekt „Deutschlands dunkles Erbe“ – Eine Geschichte der Ursachen, Folgen und des Umgangs mit Kampfmittelbelastungen und Rüstungsaltlasten von 1918 bis heute”

Am 15. Mai stellte Christina Wirth (SFB 1482 „Humandifferenzierung“, Mainz) ihrer Promotionsprojekt unter dem Titel Von den „Displaced Persons“ zum „Flüchtling“. Rechtlich-bürokratische Humandifferenzierung in der Nachkriegszeit vor.

Team NGHM /SFB 1604 – Ahmet Celikten, Christoph Rass, Jessica Wehner, Christina Wirth, Dominic Sauerbrey und Lukas Hennies (v.l.n.r.) nach dem Vortrag von Christina Wirth (Foto: Benjamin Look)

Am 22. Mai ging es im Vortrag von Lennart Schmidt (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) um die Digitalisierung der Migrationskontrolle in Westdeutschland und Westeuropa seit den späten 1950er Jahren, insbesondere die Entstehung des Ausländerzentralregisters (AZR) und seine Rolle in der Verwaltungspraxis.

Matthias Bertsch, Jessica Wehner und Sebastian Huhn bei der Aufnahme (Foto: Gero Leege)

Anfang Mai erschien die Podcastfolge Zwischen Repatriierung und Resettlement: Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland, produziert von Matthias Bertsch im Rahmen des Podcasts “Perspektiven” vom Museum Friedland. An der Podcastfolge mitwirken durften Dr. Sebastian Huhn und Jessica Wehner.

Mitte Mai erschien die zweite Ausgabe von Historia Prima, einem fachwissenschaftlichen Magazin für Studierende der Geschichtswissenschaften, das unter der Leitung des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim jährlich veröffentlicht wird. In diesem Jahr ist die Universität Osnabrück mit zwei Beiträgen vertreten. Unter dem Titel “‘Was wir hier erleben, das ist 1933 auf globaler Ebene, also die totale Machtergreifung.’ Die Funktionalisierung von Geschichte als politisches Argument am Beispiel von Corona-Protesten der Jahre 2020 bis 2022” findet sich mit Valentin Loos auch ein Mitglied von NGHM unter den Autor:innen. Der Beitrag reiht sich ein in jüngere Entwicklungen der geschichtswissenschaftlichen Forschung, welche die Funktionalisierung von Vergangenheitsbezügen als politisches Argument auf ihre historische Faktizität prüfen. Mit Rückgriff auf Jörn Rüsens Theorien der Sinnbildung und der Plausibilitäten zeigt Valentin Loos, wie die Protestierenden drei verschwörungstheoretische Narrative (‘Diktatur’, ‘Opfer’ und ‘Widerstand’) zu einer Gegengeschichte verdichten, um sich im politischen Diskurs zu behaupten. Die Gesamtausgabe von Historia Prima steht durch einen Open Access Zugang zur Verfügung. Ein ausführlicher Beitrag über den Artikel folgt in Kürze.

Im Mai 2025 schaltet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück auf eine neue Version ihrer Website um. Nach Monaten intensiver Arbeit ist nun unsere neu gestaltete NGHM-Website online. Die überarbeitete Plattform bietet in frischem Design eine neu strukturierte Übersicht über unsere Aktivitäten in Forschung, Lehre und insbesondere digital history & public history.
Auch die Menüpunkte “Konfliktlandschaften” und “Negotiating Migration” sind mittlerweile als Erweiterungen unseres Forschungsprofils online gegangen.

Blogbeiträge im April

Ausblick und aktuelle Termine

Für den Juni möchte Team NGHM auf einige Veranstaltungen hinweisen und Studierende sowie weitere Interessierte herzlich einladen:

Am 12. Juni laden wir als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung #Challenging Democracy – Von Helmut Schmidt bis heute herzlich zur StreitBar ein. Unter dem Motto “Zwischen Hörsaal und Debattenraum – (Un)politisch Studieren? diskutieren Gloria Sherif und Frederik Göcke (beide Studierende der UOS) mit Heike Tennstädt und Heiko Schulze (Studierende in den 70er Jahren) unter der Moderation von Lisa Querner (BKHS).
Im Fokus stehen an dem Abend dabei unter anderem Fragen wie: Wie haben sich politisches Engagement im Studium und an Hochschulen über die Jahrzehnte entwickelt? Und welche Rolle nehmen Universitäten als Ort der Meinungsbildung und des gesellschaftlichen Diskurses ein?

Vom 24. bis zum 26. Juni 2025 ist die Arbeitsgruppe NGHM mit ihren Projekten zu Digital Humanities in der Holocaust- und Konfliktlandschaftsforschung bei Connective Holocaust Commemoration Expo I an der University of Sussex vertreten. Die Osnabrücker Historiker:innen präsentieren im Rahmen der Ausstellung acht Forschungsprojekte, um ihre Ansätze, Methoden und Befunde zur Diskussion zu stellen. Außerdem gestaltet NGHM einen interaktiven Workshop zu digitalen citizen-science Projekten.

NGHM-Tracker (5/2025)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Den April nutzte das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, um sich intern aber auch mit Kolleg:innen über Projekte und Forschungsergebnisse auszutauschen. Außerdem begannen im April die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters 2025. Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams NGHM berichten wir in unserer Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Mitte April startete das Lehrprogramm der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, das in diesem Semester schwerpunktmäßig globale Infrastrukturen und Mobilität in den Fokus nimmt. In den kommenden Wochen werden wir in unserer neuen Reihe Inside.NGHM Einblicke in die Veranstaltungen des laufenden Semesters geben.

Im April startete auch das Programm  “80 Jahre Kriegsende – Befreiung und Demokratie” der Stadt Osnabrück. Mit dabei waren Jessica Wehner und Hannah Spille mit Vorträgen:

In ihrem Vortrag Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. ‘Displaced Persons’ und die ‘europäische Flüchtlingskrise’ in Osnabrück und Europa, der am 23. April im Museumsquartier Osnabrück stattfand, thematisierte Jessica Wehner die Bedeutung und die Organisation der Nachkriegsmigration durch die International Refugee Organization. Dabei zeigte sie, wie viele unterschiedliche Akteure an den Aushandlungen der Regulierung der Folgen gewaltinduzierter Migration und Mobilität im Kontext des Zweiten Weltkriegs beteiligt waren und welche Ziele und Strategien diese dabei verfolgten. Auch der Osnabrücker Kontext – beispielsweise Erfahrungen von DPs, die mit psychischen Erkrankungen in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wurden, waren dabei Thema.

Thorsten Heese (Moderation), Jessica Wehner (Referentin) und Christine Grewe (Organisatorin) nach dem Vortrag (Foto: Annika Heyen)

Am 27. April konnte Hannah Spille in den Räumen der Gedenkstätte Augustaschacht die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeit vorstellen. Unter dem Titel Zwangsarbeit in Osnabrücker Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs. Das Beispiel sowjetischer Zwangsarbeiter der Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke referierte sie etwa eine Stunde über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeitenden bei OKD und den Apparat, der zur Organisation des Zwangsarbeitssystems der Nationalsozialisten notwendig war. Einen Schwerpunkt bildete die Verfolgungs- und Unterdrückungspraxis der Gestapo, die Hannah Spille anhand einiger beispielhaft ausgewählter Fälle deutlich machte. Ihren Vortrag hielt Hannah im Rahmen der dreiteiligen Veranstaltungsreihe „…auf deutschem Boden für die ganze Welt — Niedersachsen im Nationalsozialismus“, die von der Gedenkstätte in Kooperation mit der Volkshochschule Osnabrück umgesetzt wird. 

Hannah Spille bei ihrem Vortrag in der Gedenkstätte Augustaschacht (Foto: Frederik Göcke)

Im Mai steht dann in der Abteilung Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung die Eröffnung der Ausstellung #ChallengingDemocracy – Von Helmut Schmidt bis heute und das Rahmenprogramm zur Ausstellung im Mittelpunkt.

Ein erstes Highlight im Kolloquium Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung war zu Beginn des Sommersemesters der Besuch von  Morten Baarvig Thomsen von der University of Southern Denmark, Odense, der das NGHM-Kolloquium mit einem Vortrag über seine Forschung zu Displaced Persons in Dänemark eröffnete.

Unter dem Titel Zwischen Duldung und Rückführung: Displaced Persons in Dänemark 1945–1953 präsentierte Thomsen in seinem auf Englisch gehaltenen Vortrag erste Forschungsergebnisse seines Promotionsprojekts an der Syddansk Universitet (SDU), in dem er sich einem bisher wenig beleuchteten Kapitel der dänischen Migrations- und Flüchtlingsgeschichte widmet: den rund 34.000 nicht-deutschen Displaced Persons (DPs), die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen 1945 und 1953 in Dänemark aufhielten.

Mitglieder der Arbeitsgruppe Negotiating Migration (v.ln.r. Annika Heyen, Jessica Wehner, Dr. Sebastian Huhn und Prof. Dr. Christoph Rass) mit Morten Baarvig Thomsen; leider fehlen Lukas Hennies und Dr. Sebastian Musch (Foto: Benjamin Look)

Ebenfalls im April hat Dr. Sebastian Musch eine weitere Publikation vorgelegt:

Sein Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals ist nun Open Access in der Zeitschrift The Historical Journal erschienen.

Musch untersucht darin drei jüdische Intellektuelle – Hannah Arendt, Günther Anders und Kurt Grossmann – die in den 1930er Jahren vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die USA flohen. Der Aufsatz analysiert, wie ihre jeweiligen Erfahrungen als Staatenlose ihr politisches Denken prägten. Er zeigt, wie sich diese Denker:innen auf unterschiedliche Weise gegen ihre erzwungene Entpolitisierung zur Wehr setzten und darauf beharrten, politische Subjekte zu sein. Der Aufsatz ist Teil des von Kerstin von Lingen und Milinda Banerjee herausgegebenen Special Issues “The Refugee Political”.

Am 3. April standen bei Terminen in Dortmund und in Solingen Forschung und Kooperation im Vordergrund: Christoph Rass, Lukas Hennies, Annika Heyen und Jessica Wehner waren zunächst bei unseren Kolleg:innen der Arbeitsgruppe Mustererkennung (Prof. Dr. Gernot Fink) von der TU Dortmund zu Gast, um an einem Workshop der Masterprojektgruppe teilzunehmen. Seit einiger Zeit schon denken die beiden AGs gemeinsam über die Nutzung von LLMs und KI zur Erkennung von Texten und Bildern in historischen Dokumenten nach: wie wäre es, ganze Archive auf diese Art und Weise ‘maschinenlesbar’ zu machen und in wissenschaftliche Expertensysteme zu überführen?

Aktuell befasst sich eine Masterprojektgruppe von Prof. Dr. Fink an der TU Dortmund mit dieser Frage am Beispiel der CM1 Akten aus den Arolsen Archives, einer zentralen Quelle für die vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Gewaltmigrationen, zu der die Osnabrücker Historiker:innen um Christoph Rass in mehreren Forschungsprojekten arbeiten. Die CM1 Akten für die Forschung zu ‘knacken’ und den ganzen Bestand maschinenlesbar zu machen, wäre ein echter Durchbruch.

History@SFB1604

Im Anschluss an den Besuch bei den Informatikkollegen in Dortmund ging es für das Osnabrücker Team weiter zum Museum Zentrum für Verfolgte Künste in Solingen, wo sie sich gemeinsam mit Lale Yildirim im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” mit dem Verein Mevlüde Genç e.V. austauschten, der sich in Solingen für die Erinnerung an den rassistisch motivierten Mord an fünf Angehörigen der Familie Genç im Mai 1993 einsetzt.

Lukas Hennies, Christoph Rass, Lale Yildirim, Jessica Wehner, Jürgen Kaumkötter und Annika Heyen nach getaner Arbeit (Foto: Zentrum für verfolgte Künste)

Notizen

Im April hat Team NGHM für den Blog das neue Format Inside.NGHM gestartet. Mit diesem Format geben wir Einblicke in Lehre und Forschung und das NGHM-Team. Den Aufschlag machte Dr. Sebastian Huhn, der in einem Gespräch über seine Arbeit als Historiker berichtet hat.

Einen Preis haben Prof. Dr. Christoph Rass und Prof. Dr. Julie Weise erhalten: Die Mexico Section der Latin American Studies Association (LASA) hat Julie Weise von der University of Oregon und Christoph Rass von der Universität Osnabrück ihren Preis für den besten sozialwissenschaftlichen Zeitschriftenbeitrag 2025 verliehen.

Den Premio al Mejor Artículo en Ciencias Sociales erhalten die beiden Historiker:innen für ihren im vergangenen Jahr in der American Historical Review publizierten Artikel Migrating Concepts: The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42 (AHR 129.1/2024).

Zum 1. Mai startete Janine Wasmuth ihre Ausbildung zur Archivarin an der Archivschule Marburg. Zuvor war Janine als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Massendatenbasierte Langzeitmodelle migrationsinduziert wachsender Diversität im urbanen Kontext: Ausländermeldekarteien als Kulturgut und Grundlage reflexiver Migrationsforschung beschäftigt. Team NGHM wünscht Janine viel Erfolg und Freude für die kommende Zeit!

Janine Wasmuth (Foto: Gero Leege & Bjarne Groß)

Im April hat das Team der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zwei neue Mitarbeiter:innen begrüßt:

Timo Diener studiert Geschichte im Fachmaster mit dem Schwerpunkt in der Neuesten Geschichte. In seiner Bachelorarbeit analysierte er Unterschiede in der Erinnerungskultur bezüglich des “Sedantages” im Deutschen Kaiserreich anhand der Städte Stuttgart und Berlin.

Hannah Foth studiert Germanistik und Geschichte im 2-Fächer-Bachelor und ist derzeit im vierten Semester.

Hannah und Timo unterstützten das Team in Zukunft bei den vielen Aufgaben des universitären Alltags.

Am 8. April trafen sich mal die studentischen Hilfskräfte und Doktorand:innen der Arbeitsgruppe zu ihrer regelmäßigen Gesprächsrunde. Gemeinsam wurde im Übergang zwischen den Semestern die aktuelle Situation reflektiert und auf die Aufgaben und Herausforderungen des kommenden Semesters geblickt. Dabei wurde auch wieder Sprecher:innen gewählt, um die interne Kommunikation in der Arbeitsgruppe zu begleiten. Imke Selle und Bjarne Groß übernehmen die wichtige Vermittler:innenrolle im Sommersemester 2025.

Imke Selle und Bjarne Groß (Foto: Jessica Wehenr)

Blogbeiträge im April

Ausblick und aktuelle Termine

Für den Mai möchte Team NGHM auf einige Veranstaltungen hinweisen und Studierende sowie weitere Interessierte herzlich einladen:

Im Rahmen des Programms “80 Jahre Kriegsende – Befreiung und Demokratie” der Stadt Osnabrück gibt es einige Beiträge aus dem NGHM-Team:

Am 6. Mai findet die Eröffnung der Ausstellung #Challenging Democracy – Von Helmut Schmidt bis Heute statt, die in Osnabrück in Zusammenarbeit zwischen der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung und der Universitätsbibliothek ausgestellt wird.

Am 8. Mai spricht Prof. Dr. Christoph Rass unter dem Titel Verbrechen, Verantwortung, Erinnern im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft am 8. Mai 1945 des Landkreises Emsland in der Alten Rheder Kirche.

Am 14. Mai 2025 diskutieren Dr. Patrice Poutrus vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, Prof.in Dr. Lale Yildirim, Geschichtsdidaktikerin von der Universität Kiel und Mitglied des Osnabrücker Sonderforschungsbereichs 1604, sowie Dr. Noa K. Ha, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), mit Dr. Magnus Koch, Leiter des Arbeitsbereichs Ausstellungen und Geschichte der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, über Herausforderungen und Chancen der Gestaltung einer inklusiven Migrationsgesellschaft gestern, heute und morgen.