Das jüngste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung versammelte unter Leitung von Dr. Sebastian Musch fünf Beiträge, die von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über die digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen reichten. Trotz ihrer thematischen Heterogenität teilten die Beiträge ein gemeinsames Interesse: die Frage, wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen historisch hergestellt werden.
Einmal in jedem Semester bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit diesem Format die Gelegenheit, Abschlussarbeiten, Forschungsperspektiven und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Das TDK-Format führt dabei fünf bis sechs Referent:innen zu 15-minütigen Kurzvorträgen mit knapper Fragerunde zusammen, die ganze Veranstaltung dauert weniger als drei Stunden.
Glaubwürdigkeit und die Kategorie »kriminell« in NS-Prozessen
(Foto: Jessica Wehner)
Im ersten Vortrag stellte Lennart Blömer Befunde aus seiner Bachelorarbeit vor, in der er ein Verfahren der westdeutschen Nachkriegsjustiz zum Strafvollzug im Nationalsozialismus untersuchte. Dabei rückte er die prozessuale Konstruktion von Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit, so der Befund, wurde systematisch demjenigen zugeschrieben, dessen Aussage das gewünschte Narrativ stützte. Der Fall fügt sich in das strukturelle Problem der »wilden Urteile« der frühen Bundesrepublik ein, ohne dass sich daraus eine generelle Aussage über den strategischen Einsatz von Zeugenaussagen in NS-Prozessen ableiten ließe. Die Untersuchung arbeitete zugleich heraus, wie stark die Zuschreibung »kriminell« von unterschiedlichen rechtlichen und zeitlichen Kontexten abhing, etwa der Kategorie des »Berufsverbrechers« nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz von 1934, und verwies auf weitere Verfahren zur Strafanstalt Celle als Anschlussperspektive.
In der Diskussion wurde die Ausdifferenzierung des Kriminalitätsbegriffs vertieft, ebenso die Frage nach Klasse und sozialer Stigmatisierung; deutlich wurde dabei, dass die nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz Inhaftierten bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt sind.
Die digitale Ausstellung zum Vareler »Altersheim« für Displaced Persons
(Foto: Jessica Wehner)
Stellvertretend für eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück stellten im Anschluss Lea Horstmann und Jannik Singer die im April eröffnete digitale Ausstellung zum größten europäischen »Altersheim« für Displaced Persons vor, das zwischen 1950 und 1959 auf einem ehemaligen Kasernengelände in Varel bestand und aus einem über mehrere Semester angelegten Projektseminar von Dr. Sebastian Huhn in Kooperation mit dem Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel hervorging. Im Zentrum standen weniger der Inhalt der Ausstellung als das »Making of«: die systematische Digitalisierung und Auswertung der im Archiv des Heimatvereins verwahrten Meldekartei mit über 1.450 Personen, die redaktionelle Zusammenführung sehr heterogener Texte von Studierenden und Schüler:innen sowie die Möglichkeiten, die das digitale Format gegenüber einer klassischen Ausstellung eröffnet: geringe Kosten, permanente Korrigierbarkeit und Erweiterbarkeit. Vorgestellt wurde auch eine im Kontext einer Digital-History-Übung entstandene WebApp, die die Geburtsorte und Migrationswege der Bewohner:innen auf einer animierten Karte visualisiert und so die Datengrundlage zugänglich macht.
Die Diskussion kreiste um den schmalen Grat zwischen quellengetreuer Genauigkeit und ansprechender Vermittlung, insbesondere bei der Kartendarstellung, die Zwischenstationen der Verfolgung notwendig vereinfacht, sowie um Fragen des Datenschutzes, die durch die Publikation der Namen in den Arolsen Archives teilweise vorentschieden waren.
Displaced Persons als Studierende an der Universität Göttingen
(Foto: Jessica Wehner)
Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) präsentierte im ersten wissenschaftlichen Vortrag unter dem Titel »Unter besonderen Bedingungen« Ergebnisse eines Ausstellungsprojekts zu Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten. Die besondere Quellengrundlage bildet die Questur der Universität, die die DP-Studierenden ab dem Sommersemester 1946 gesondert verzeichnete, sodass sich rund 460 Studierende mit DP-Status rekonstruieren lassen, deren nationale Zusammensetzung, Fächerwahl und Wohnsituation Rode differenziert nachzeichnete. Sie betonte die semantische Trennung zwischen der empathisch besetzten deutschen »Vertreibungsgeschichte« und der lange marginalisierten DP-Geschichte und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit zu machen, statt sie zu übergehen.
In der Diskussion wurde auf die Übereinstimmung der nationalen Verteilung mit den von Henning Borggräfe für die IRO nachgewiesenen Mustern hingewiesen sowie auf ergänzende Bestände wie die Review-Board-Files, die Personen an den Rändern des DP-Status sichtbar machen.
Das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten
(Foto: Jessica Wehner)
Dr. David Templin (SFB 1604, Teilprojekt C1) verschob den Fokus ins späte 20. Jahrhundert und stellte eine Fallstudie zum 1989 gegründeten Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMkA) vor, verortet in der Frage nach der Bedeutung der kommunalen Ebene für die Entwicklung lokaler Migrations- und Integrationspolitiken. Templin skizzierte die »eigentümlich breite Koalition« der Multikulturalismus-Debatte, ordnete das AMkA zwischen Anerkennungspolitik, Kulturalisierung und Symbolpolitik ein und zeigte anhand des Quellenmaterials, wie das Amt über bilaterale Kontakte, bundesweite Vernetzung mit Ausländerbeauftragten und eine europäische Konferenz von 1991 versuchte, ein Gegengewicht zur restriktiven Bundespolitik zu bilden, während sich seine Kompetenzen in der kommunalen Praxis als begrenzt erwiesen.
Die Diskussion fragte nach der Semantik der Benennung als »Amt« im Unterschied zum »Zentrum«, nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus in der Begriffsprägung sowie nach der linken Kritik am Multikulturalismus, die vor allem dessen kulturalisierende Ausblendung struktureller Ungleichheit ins Visier nahm.
Das »gefährliche Archiv«: die verhinderte Geschichte der IRO
(Foto: Jessica Wehner)
Dr. Sebastian Huhn stellte abschließend eine gemeinsam mit Christoph Rass entwickelte Projektskizze zum Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes vor. Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Befund aus den IRO-Beständen der Archives nationales in Paris: Die zunächst von der History Unit erarbeitete offizielle, bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA hin gestoppt, das Team entlassen und die Aufgabe an Louise Holborn übertragen, deren 1956 erschienenes Werk seither als unhinterfragtes Referenzwerk fungiert. Mit Michel-Rolph Trouillot deutete Huhn diesen Vorgang als »Silencing of the Past« in Reinform und hob hervor, dass mit dem unveröffentlichten Hacking-Manuskript eine verhinderte Gegenerzählung für einen quellenkritischen Vergleich vorliegt.
Die Diskussion verband dies mit korpuslinguistischen Verfahren des Textvergleichs, mit denen sich Fortschreibungen, Umdeutungen und Auslassungen zwischen den Versionen systematisch nachweisen lassen, und richtete den Blick auf die noch offene Frage nach Warrens eigentlichen Motiven sowie auf die auffällige Semantik der Buchtitel zwischen geschichtswissenschaftlichem Anspruch und Rechenschaftsbericht.
Die Organisator:innen und Referent:innen des sechsten Tiny Desk Kolloquiums (v.l.n.r.: Lennart Blömer, Christoph Rass & Jessica Wehner (Organisation), David Templin, Maria Rhode, Sebastian Musch (Moderation) und Sebastian Huhn, es fehlen Lea Horstmann und Jannik Singer) (Foto: Annika Heyen)
Zur nächsten Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums laden wir Ende des Wintersemesters 2026/2027 ein!
Am 2. Juli 2026 findet die sechste Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt.Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema Migrationsgeschichte vorzustellen und zu diskutieren.
Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.
Am 2. Juli bietet das TDK unter Leitung von Dr. Sebastian Musch Einblicke in aktuelle Forschung zu Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland und Institutionen der Migrationspolitik der 80/90er Jahre. Ergänzt wird das Programm durch zwei studentische Beiträge. Der erste Beitrag – beruhend auf einer Abschlussarbeit – zu NS-Prozessen gegen Justizpersonal. Im zweiten Beitrag berichten Studierende des Projektseminars “Zwangsmigration, Flüchtlingspolitik und Gesellschaft in Niedersachsen nach dem Zweiten Weltkrieg” über ihre Arbeit und die vor kurzem veröffentlichte Ausstellung zum Altersheim für DPs in Varel.
Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
6. Tiny Desk Kolloquium: Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung Donnerstag, 2. Juli 2026 14.00 bis 17.00 Uhr Raum 02/E05
Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.
Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.
In der fünften Ausgabe des TDK unter dem Titel “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” präsentierten junge Historiker:innen des Historischen Seminars herausragende Abschlussarbeiten und WebApp-Projekte bevor Gäste und NGHM-Mitarbeitende Einblicke in ihre Forschung gaben.
Lennart Blömer Die Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal
Studierende des Projektsseminars Closed Case? Das Altersheim für Displaced Persons in Varel 1950 bis 1959 – Studierende berichten
Dr. Maria Rhode Studieren unter besonderen Bedingungen. DPs an der Universität Göttingen 1946-1950
Dr. David Templin Multikulturalismus und die Stadt. das Frankfurter “Amt für multikulturelle Angelegenheiten” und seine kommunalen Netzwerke in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren
Dr. Sebastian Huhn „The archives must be considered dangerous“. Zum umkämpften Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes
Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) in sechs Schritten. Im Folgenden werden zunächst aktuelle Formate forschenden Lernens skizziert, sodann das laufende Emslandlager-Projekt im Detail vorgestellt. Ein dritter Abschnitt geht in die Genese der IAK seit 2014/15 zurück und zeichnet ihre konzeptionelle Grundlegung und ihre Kooperationsstruktur nach. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Zugriffs, der die Osnabrücker Position im Feld der conflict landscape studies markiert. Ein chronologischer Überblick über Projekte, Tagungen und Publikationen zwischen 2014 und 2025 schließt sich an. Eine Bilanz schließt den Beitrag und fragt nach den institutionellen Bedingungen, unter denen sich der Osnabrücker Ansatz in Forschung, Lehre und Vermittlung verstetigen lässt.
Mitarbeiterinnen bei der Digitalisierung im Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation.” (Imke Selle)
I. Forschendes Lernen 2025/26
Die Konfliktlandschaftsforschung an der Universität Osnabrück ist konsequent in Lehrveranstaltungen eingebunden, die vermitteln, wie Gewaltereignisse ihre Schauplätze überformen und wie sich daraus in der longue durée die Produktion von Deutung und Bedeutung, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwickelt. Eine Reihe von Formaten aus den Jahren 2025 und 2026 macht das exemplarisch sichtbar.
Im Wintersemester 2025/26 thematisierte Christoph Rass die Perspektiven der Konfliktlandschaftsforschung an der NGHM-Professur in der Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Holocaust”. Aus der Vorlesung heraus folgte eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren. Am 19. Januar 2026 wurde im Bürgerhaus Ibbenbüren der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano gezeigt, der das Schicksal von Anna Strishkowa rekonstruiert, die als knapp Vierjährige im Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau registriert wurde. Am 27. Januar 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren ins Kulturhaus Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ein. Vorgesehen war ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaustüberlebender aus Kiew; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, stand erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt. Christoph Rass übernahm die historische Einführung. Das Format des Zeitzeugengesprächs bot eine andere Rahmung als die Filmvorführung am 19. Januar: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm stand das direkte Gespräch im Vordergrund, sodass die Studierenden beide Vermittlungsformate erleben und miteinander vergleichen konnten.
Barbara Kurlemann, Anna Strishkowa, Emma Angnischock und Christoph Moormann im Gespräch (Foto: Pressedienst Stadt Ibbenbüren); Das Klinkerwerk auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Frank Wobig); Studierende während der digitalen Exkursion durch die Gedenkstätte Neuengamme (Imke Selle).
Eine ebenfalls im Januar 2026 durchgeführte zweistufige Exkursion unter Leitung von Imke Selle führte die Studierenden zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme: am 16. Januar war eine Gruppe vor Ort mit Führung und kritischer Auseinandersetzung mit der Ausstellung zur Lager-SS, am 23. Januar folgte eine zweite Exkursion digital durch die Audio-Rundgänge und 360°-Touren der vollständig digitalisierten Gedenkstätte. Das Format prüft die analoge und die digitale Erschließung eines Gewalt- und Erinnerungsortes nicht als Alternativen, sondern als Komplemente.
Forschendes Lernen gehört zum Profil der IAK seit ihren Anfängen. Die Karya-Prospektion im Frühjahr 2023 wurde als Exkursion von Studierenden mitgetragen, das aktuelle Emslandlager-Projekt ist um ein Projektseminar herum angelegt. Posterpräsentationen, Tagesexkursionen zu Gedenkstätten und die Tiny Desk Kolloquien bilden stehende Formate, in denen Forschung, Vermittlung und Lehre nicht nacheinander, sondern ineinander wirken.
II. Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation
Das aktuell laufende Projekt operiert auf einer Fläche, die sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt: Fünfzehn Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager existierten zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Die meisten Standorte sind heute weder als Gedenkort markiert noch oberirdisch sichtbar. Sie sind Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohngebiet. Genau hier setzt das Projekt an: Es dokumentiert die Transformation dieser Orte über neunzig Jahre hinweg digital, von der Gründung der Lager bis zur Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen, die als einzige Erinnerungsinstitution stellvertretend für das gesamte Lagersystem steht.
Aufnahme des Lagers Börgermoor am ehemaligen Lagerstandort (Imke Selle).
Methodisch verbindet das Vorhaben 360°-Panorama, 3D-Scan, UAV-Photogrammetrie und geoarchäologische Prospektion mit forschendem Lernen in der universitären Lehrer:innenbildung. Die Digitalisierungskampagnen begannen im März 2024 mit ersten Aufnahmen an mehreren Standorten; im Mai und Juni 2024 wurden die Lager IX Versen und XI Groß-Hesepe auf den Geländen der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen systematisch erfasst; 2025 folgten weitere Standorte sowie eine zweite Studierendenexkursion zu den Lagern Neusustrum, Oberlangen, Dalum, Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) und Wietmarschen. Die Bündelung der Daten in einer digitalen Public-History-Infrastruktur dient zweierlei: einer empirischen Rekonstruktion der ›Emslandlager‹ als Verwaltungs- und Gewaltraum, und einer didaktischen Übersetzung, die Studierende, Schüler:innen und die regionale Öffentlichkeit als Adressat:innen mitdenkt.
Das Projekt entstand an der Universität Osnabrück und wird seit dem Wechsel von Lale Yildirim an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 2024 als Kooperation zwischen ihr und Prof. Dr. Christoph Rass an beiden Standorten und mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen umgesetzt. Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstätte bearbeiten gemeinsam ein Vorhaben zwischen Forschung, Lehre und Vermittlung.
III. Konzeptionelle Grundlagen seit 2014
Die IAK formiert sich 2014/15 als interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Geschichte (epochenübergreifend), Historische Migrationsforschung, Archäologie, Geoarchäologie, Fernerkundung und digitale Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt werden. Sie entstand damals auf der Grundlage von mehr als zwei Jahrzehnten Kooperation des Historischen Seminars mit seiner Professur für Archäologie der römischen Provinzen mit dem Museum und Park Kalkriese am Ort der Varus-Schlacht. Aus der Forschung dort stammt ein Befund, den die IAK in ihre Arbeit übernimmt und weiterführt: die These, dass post-battle processes, also die langfristigen Überformungen eines Gewaltortes nach dem unmittelbaren Kampfgeschehen, für das Verständnis historischer Konfliktlandschaften nicht weniger relevant sind als die Ereignisrekonstruktion selbst.
Die IAK übersetzt diesen Befund in ein eigenständiges Programm. Während battlefield archaeology einen Ort als Rekonstruktion des militärischen Geschehens liest, weitet der Osnabrücker Ansatz den Begriff in zwei Richtungen aus: zeitlich, indem nicht nur der Ereignishorizont, sondern auch die diskursive, materielle und erinnerungskulturelle Transformation des Ortes über die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) hinweg untersucht wird, und thematisch, indem nicht nur ›Schlachtfelder‹ im engeren Sinne adressiert werden, sondern auch Lagerlandschaften, Vernichtungsorte der Shoah, Besatzungsräume, Grenzregime und Orte der Zwangsarbeit. Christoph Rass umreißt die Arbeit der IAK mit einem Satz: „Wir untersuchen gewaltüberformte Orte als Konfliktlandschaften mit einem integrierten Methodenspektrum, das von den Naturwissenschaften bis zu den Geistes- und Kulturwissenschaften reicht.”
Andreas Stele (Physische Geographie) erklärt den Teilnehmer:innen der Herbstschule in Aschendorfermoor (Projekt ‘Boden|Spuren’) die Funktionsweise des Georadars.
Institutionell ist die Gruppe derzeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung angesiedelt. Mit der Neubesetzung der Professur für Archäologie geht die Leitung an Prof. Dr. Marcus Zagermann über. Seit 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler:innen im Verbund mitgearbeitet oder mit der Gruppe kooperiert. Die Kerngruppe innerhalb der Universität Osnabrück umfasste in den Jahren 2014 bis 2024 beispielsweise Joachim Härtling und Andreas Stele (Physische Geographie), die jeweiligen Vertreter der Archäologie, Björn Waske, Thomas Jarmer und Marcel Storch (Fernerkundung und Digitale Bildanalyse, Informatik), Andreas Brenne (Kunstpädagogik) sowie, bis zum Wechsel an die CAU Kiel im Jahr 2024, Lale Yildirim (Geschichtsdidaktik). Eine Übersicht über Mitglieder und Kooperationen dieser Phase ist auf der Webseite der Gruppe zugänglich.
Außerhalb der Universität Osnabrück sind aus dieser Zeit zahlreiche Kooperationsstränge gewachsen, die je einen analytischen Konvergenzpunkt markieren. Die längste, andauernde Zusammenarbeit besteht mit der Geschichtswerkstatt Minsk und Aliaksandr Dalhouski: Die gemeinsame Arbeit ist auf die Untersuchung der Konfliktlandschaften aus deutscher Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus gerichtet, von Maly Trostenez über die ›verbrannten Dörfer‹ bis zur ›Bandenbekämpfung‹, die in mehreren Projekten und in Lehrkooperationen ausgreift. Mit Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) bündelt sich die Griechenland-Arbeit: Schneiders Datenbank zu deutschen Militär- und paramilitärischen Einheiten in Griechenland 1941–1944/45 ist ebenso wie das App-Projekt Pan-history und das Karya-Vorhaben ein gemeinsamer Bezugspunkt. Mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group an der TU Dortmund konvergiert die Zusammenarbeit auf der Verknüpfung von maschinellem Lernen und historischen Quellenkorpora, zuletzt in der gemeinsamen Publikation des CM1-Datasets auf der ICDAR 2025. Mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen liegt der gemeinsame Bezugspunkt zunächst in „Boden|Spuren” (2020–2022) und dann im aktuellen Emslandlager-Projekt, das die Konfliktlandschaft Emsland in den Mittelpunkt rückt. Weitere abgeschlossene Projektkooperationen schließen an: die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin im Karya-Verbund (2022–2024), der Landschaftsverband Rheinland im Hürtgenwald-Projekt (2020–2024), die Universität Göttingen, die Universität Lettlands in Riga und das Museum Friedland im Vorhaben „In Stein gemeißelt?” (2022–2023).
Digitale Ausstellungen, die im Rahmen des Projektes zu Maly Trostinez entstanden sind.
IV. Methodenkette, Disziplinverbund, Feldforschung
Methodisch verbindet die Konfliktlandschaftsforschung ein Set nicht-invasiver und geophysikalischer Verfahren mit Quellenarbeit, Kartographie und digitaler Public History. LiDAR-Fernerkundung, Magnetometrie, Georadar und Geoelektrik dienen der Detektion unterirdischer Strukturen; UAV-Photogrammetrie und 3D-Scanning erfassen Oberflächenbefunde in hoher Auflösung; 360°-Aufnahmen dokumentieren den heutigen Zustand der Orte und machen ihn in virtuellen Rundgängen erfahrbar. Die so erzeugte Evidenz tritt in einen analytischen Dialog mit Archivquellen, Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Satellitenbildern aus der Nachkriegszeit, Zeitzeugenberichten und kartographischer Überlieferung. Erst wenn diese Multimodalität robust ist, kommen invasive Verfahren (Bohrungen, Sondagen, Grabungen) überhaupt in Betracht. Die methodische Reihenfolge ist nicht bloß forschungsökonomisch begründet. Sie nimmt eine ethische Position gegenüber Orten ein, an denen Menschen verfolgt, gequält und ermordet wurden.
Gemeinsamer Methoden- Workshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Foto links); Austausch mit Schüler:innen im Rahmen eines Projektes (Foto rechts; beide: NGHM)
Aus dieser Praxis hat die IAK eine Typologie entwickelt, die neuzeitliche Konfliktlandschaften in drei Klassen einteilt: Typ 1 weist bauliche Überreste auf, Typ 2 ist durch deutliche Oberflächenbefunde gekennzeichnet, Typ 3 besitzt weder offenkundige bauliche Überreste noch Oberflächenspuren. Diese Klassifikation ist nicht nur eine akademische Sortierordnung. Sie hat Folgen: Sie strukturiert die Wahl der Verfahren, sie bestimmt, was als Befund überhaupt entstehen kann, und sie macht sichtbar, dass viele Gewaltorte des 20. Jahrhunderts heute zur dritten Klasse gehören, also Orte ohne Marker sind, an denen die Forschung erst die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass sie als Erinnerungsorte überhaupt diskutiert werden können.
Zu den eingesetzten Methoden und Geräten zählen die Detektion unterirdischer Strukturen mit dem Georadar (oben links) sowie die Dokumentation historischer Orte und Überreste mit einer 360°-Kamera (oben rechts) und einem 3D-Scanner (unten).
Die fünf seit Gründung der Gruppe beteiligten Disziplinen (Physische Geographie, Archäologie, Informatik, Geschichtswissenschaft, Künstlerische Gestaltung) verstehen sich dabei weder als additive noch als konkurrierende Sichten, sondern als sich wechselseitig bereichernde Zugänge in ständigem Austausch. Das ist eine Form von Interdisziplinarität, die über eine bloße Nebeneinander-Stellung disziplinärer Befunde hinausgeht. Sie verlangt eine gemeinsame Arbeit am Gegenstand und produziert eine Evidenzform, die in keinem der beteiligten Fächer allein entstünde.
Die epochenübergreifende Ausrichtung der Gruppe dokumentieren zwei interepochale Exkursionen, die ihr Profil sichtbar machen. Im Jahr 2015 führt eine gemeinsame Exkursion Christoph Rass und Christiane Kunst (Alte Geschichte) in die Troas im Nordwesten der heutigen Türkei und liest die Region unter dem Titel „Die Troas zwischen Antike und Erstem Weltkrieg” als gestaffelte Konfliktlandschaft, in der sich die Schlacht am Granikos (334 v. Chr.), die troianischen Mythen und die Kämpfe um die Dardanellen 1915 überlagern. Aus dieser Exkursion geht 2018 Christiane Kunsts Sammelband Alexander der Große am Granikos hervor; ein zugehöriger Aufsatz von Kunst und Anna Katharina Romund eröffnet 2022 unter dem Titel „Granikos. Die Schlacht im Kopf” auch Band 1 der Reihe Konfliktlandschaften. Zwei Jahre später, 2017, folgt eine zweite interepochale Exkursion von Christoph Rass, Christiane Kunst und Thomas Vogtherr (Mittelalter) nach Malta, in eine Insellandschaft, deren konfliktgenetische Schichten von der Antike über die Belagerung von 1565 bis zu den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs reichen. Beide Exkursionen unterlegen den Anspruch, Konfliktlandschaften nicht epochenspezifisch zu denken, mit konkreter Feldforschung, die sich wiederum mit der universitären Lehre verschränkt.
Bereits im Juni 2016 zeigt die IAK in der Kunsthalle Osnabrück gemeinsam mit der Forschenden Kunst erste Ergebnisse ihrer multiperspektivischen Betrachtung unter dem Titel „Konfliktlandschaften erkunden: Eine Spurensuche zwischen Grund und Gründen”, bezeichnenderweise als Workshop mit Ausstellung, also in einem Format, das die künstlerische Auseinandersetzung gleichrangig neben die wissenschaftliche stellt. Im November 2016 folgt ein zweiter Workshop in Kalkriese, der die Kooperation mit dem Museum vertieft.
Konsolidierungsphase 2018–2019
Eine erste Konsolidierungsphase erreicht die Gruppe 2018/19. Im Oktober 2018 richtet sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Museum Kalkriese die Jahrestagung „Konfliktlandschaften. Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog” aus.
Im Oktober 2019 folgt mit dem Landschaftsverband Rheinland in Köln die internationale Fachtagung „Konfliktlandschaft Hürtgenwald”, im November 2019 in Osnabrück ein Methodenworkshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der den Einsatz konfliktarchäologischer Verfahren für die Dokumentation von Massengräbern der Shoah ausleuchtet. Parallel laufen ab 2017 das EVZ-geförderte Projekt zu transnationalen Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit und Migration, ab 2018 die Prospektion Schärpenburg in Heede, ab 2019 die Kooperation in einer Datenbank zur deutschen Besatzung Griechenlands 1941–1944/45.
Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im Hürtgenwald (Mirjam Adam).
Hochphase 2020–2024: Drei parallele Forschungsfelder
Die Jahre 2020 bis 2024 bilden eine besonders dichte Phase. Drei zentrale Stränge laufen parallel: erstens der Hürtgenwald, zweitens die ›Emslandlager‹, drittens die osteuropäischen Vernichtungsorte.
Hürtgenwald. Im Hürtgenwald führt die IAK von 2020 bis 2024 das vom LVR geförderte Projekt „Lernort ›Schlachtfeld‹? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald” durch. Eine Kampagne im August 2020 dokumentiert anthropogene Eingriffe entlang des Kall-Trails und macht Raubgrabungen sowie Re-enactor-Aktivitäten sichtbar; weitere Feldforschungen im März 2023 ergänzen die Aufnahme; im November 2023 schließt die Abschlusstagung „Lernort Schlachtfeld? Der Hürtgenwald im Blick interdisziplinärer Forschung und kritischer Vermittlung” die Arbeit ab. Das Vorhaben verbindet Feldforschung und Vermittlung mit der Analyse einer problematischen lokalen Geschichtskultur, in der Militaria-Literatur und Re-enactment revisionistische Narrative reproduzieren. Eine Reihe digitaler Ausstellungen zu zentralen Orten dieser Konfliktlandschaft ist öffentlich zugänglich:
Die Hürtgenwald-Forschung der IAK ist auch in den dokumentarischen Diskurs hineingewachsen. 2019 kooperierte die Arbeitsgruppe mit National Geographic an der Reihe „Buried Secrets of WWII”; in der Folge „America’s Bloodiest Battle” (Staffel 1 Folge 4, 24. September 2019) untersuchen Pete Kelsey und Martin K.A. Morgan den Hürtgenwald mit Mitteln digitaler 3D-Modellierung. In eine weitere Episode der Reihe zur ›Vergeltungswaffe‹ V2 gingen magnetometrische Befunde der IAK an Einschlagstellen in Südengland und ein LiDAR-Geländemodell des Standortes des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora ein. Im Februar 2020 sendete der WDR Carsten Günthers Dokumentation „Die Schlacht im Hürtgenwald” aus, in der Christoph Rass Befunde der IAK als historischer Kommentator einordnet.
Emsland. Im emsländischen Kontext kooperiert die IAK ab 2020 im BKM-geförderten Programm „Jugend erinnert” mit der Gedenkstätte Esterwegen im Projekt „Boden|Spuren”, parallel mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten „Boden erinnert”. Im August 2020 detektiert ein Team unter Einsatz von Drohnen-LiDAR die Lage von Grabstellen auf der Kriegsgräberstätte Dalum, wo zwischen 8.000 und 16.000 Opfer der NS-Gewaltherrschaft beigesetzt sind: die Größenordnung allein zeigt, in welchen Dimensionen von Gewalt diese Projekte oft arbeiten. Im Dezember 2022 gehen erste Projektergebnisse online; im November 2022 schließt die dritte Herbstschule in Esterwegen das Projekt didaktisch ab.
Osteuropa und Südosteuropa. In Osteuropa und im südosteuropäischen Raum entstehen zwischen 2021 und 2024 vier zusammenhängende Projekte. Das Auswärtige Amt fördert von 2021 bis 2023 die „Geoarchäologische Detektion und Dokumentation von Vernichtungsorten der Shoah in der Ukraine”. 2021/22 entsteht in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Minsk und unter EVZ-Förderung im Programm „Jugend erinnert” die digitale Erschließung des Vernichtungsortes Maly Trostenez, 2022 der „Virtuelle Lernort Malyj Trostenez/Maly Trascjanec”. Von 2022 bis 2024 läuft, ebenfalls mit der EVZ und mit Minsk, das Projekt „Гвалт і памяць — Mapping the Co-Presence of Violence and Memory in Belarus”, das die Geschichte der ›verbrannten Dörfer‹ und der nationalsozialistischen ›Bandenbekämpfung‹ im Zentrum hat und in mehreren Publikationen, zuletzt im Sammelband Verbrannte Dörfer (Berlin 2024) und in Ost-West 26/4 (2025), seinen Niederschlag findet.
Teilnehmer:innen der Herbstschule in Dalum im Projekt “Boden|Spuren”.
Karya. Im griechischen Karya wird zwischen 2022 und 2024 ein öffentlichkeitswirksames Projekt der jüngeren Geschichte der Gruppe umgesetzt. Im Frühjahr 1943 hatten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland verschleppt, um sie unter tödlichen Bedingungen einen mehr als 20 Meter tiefen Hangeinschnitt graben zu lassen. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 führte ein Team der IAK unter Leitung von Christoph Rass am Ort eine geoarchäologische Prospektion durch.
Die Ergebnisse fließen in die dreisprachige Wanderausstellung „Karya 1943 — Zwangsarbeit und Holocaust” sowie in den 2026 erschienenen gleichnamigen Katalog ein, herausgegeben vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Stiftung Denkmal und der Universität Osnabrück. Die Ausstellungswebsite macht die Ergebnisse zugänglich:
Im IAK Working Paper 3 sind Methodik und Befunde der Prospektion dokumentiert, im IAK Working Paper 4 der zugehörige Erfahrungsbericht. Parallel produzierte die IAK in Zusammenarbeit mit dem VirtUOS einen halbstündigen Dokumentarfilm über die Arbeiten in Karya.
Am ehemaligen Bahnhof Karya sind nur noch einzelne Überreste der Bahnanlage und der Hangeinschnitt zu sehen (Bilder oben). Studierende und Mitarbeiter:innen während der Prospketion (Bilder unten).
Begleitet wird diese empirische Arbeit von einer wachsenden Zahl von Publikationen. Im Juli 2022 erscheinen die ersten beiden Bände der Reihe Konfliktlandschaften bei V&R/Brill, herausgegeben für die Arbeitsgruppe von Christiane Kunst, Christoph Rass, Thomas Vogtherr und Lale Yildirim. Band 1 versammelt 16 Beiträge zu Gewaltorten von der Antike bis in die Gegenwart, vier davon mit ersten Befunden zum Hürtgenwald-Projekt; Band 2 ist Frank Möllers Analyse revisionistischer Militaria-Literatur über die ›Schlacht im Hürtgenwald‹. Die Bände 3 und 4 sind in Vorbereitung. Aufsätze in Antiquity (zum Vossenack Ridge 2021 und zum Kall-Trail 2022), im Journal of Conflict Archaeology (zu post-battle processes 2011), in Zeithistorische Forschungen (zu GIS-Anwendungen 2022) sowie eine eigene Working-Paper- und Short-Report-Reihe (IAK WP 1–4, IAK SR 1–4) dokumentieren die einzelnen Stränge.
Die beiden in der Reihe ‘Konfliktlandschaften’ erschienenen Bände.
VI. Die Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung im Forschungsfeld
Aus mehr als zehn Jahren Arbeit ist insgesamt ein Zugriff hervorgegangen, der nicht in einem einzelnen Ort und nicht in einer einzelnen Epoche aufgeht. Die Arbeit der Gruppe legt nahe, dass „Konfliktlandschaft” als analytischer Begriff dann tragfähig wird, wenn er drei Eigenschaften verbindet: ereignisübergreifende Temporalität, also die systematische Mitanalyse der Transformationen nach dem unmittelbaren Gewaltgeschehen; methodische Mehrebenheit, also die Verschränkung geophysikalischer, geoarchäologischer, kartographischer, historiographischer, kulturwissenschaftlicher sowie didaktischer Verfahren; und reflexive Auseinandersetzung mit der Produktion von Erinnerungsorten durch wissenschaftliche, museale und politische Praktiken. Die in Osnabrück entwickelte Klassifikation der drei Konfliktlandschaftstypen ist gerade an Orten ohne sichtbare Spuren von forschungspraktischer Bedeutung: Sie führt zu einem anderen Blick auf die Produktion von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sensibilisiert für die Bedingungen der Produktion von Erinnerbarkeit.
Die Geschichte der IAK ist zugleich eine Geschichte ihrer Kooperationen. Ohne die langjährige Bindung an Kalkriese wäre der Methodentransfer von der Provinzialarchäologie in die Zeitgeschichte nicht in dieser Tiefe möglich gewesen; ohne die andauernde Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk, ohne die Verbünde mit der Gedenkstätte Esterwegen, der Stiftung Denkmal und dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, dem LVR und ohne die Bindungen an Valentin Schneider in Athen und Gernot A. Fink in Dortmund wären die größeren Projekte nicht durchzuführen gewesen. Die IAK ist insofern weniger ein abgeschlossener Forschungsverbund als eine Plattform: ein Knoten in einem Netz, das in unterschiedlichen Konstellationen mal aktiv, mal ruhend, mal neu geknüpft wird.
Genau hier liegt die Frage, die sich aus dem aktuellen Emslandlager-Projekt ergibt. Die Arbeit von Imke Selle und ihrem Team an den fünfzehn Lagerstandorten ist nicht nur die digitale Dokumentation eines historischen Lagersystems. Sie ist auch ein Test , ob die in der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung entwickelten Verfahren in einer Konstellation tragen, in der Forschung, Geschichtsdidaktik und Public History strukturell ineinandergreifen müssen, also über zwei Hochschulstandorte und eine Gedenkstätte hinweg, in der Lehrer:innenbildung wie in der Citizen Science, im Archiv wie im Feld. Was 2014 als interdisziplinäre Werkstatt begann, steht 2026 vor der Aufgabe, Studierende, Promovierende und Lehrende so in die laufende Arbeit einzubinden, dass sich die Methode als interdisziplinärer und epochenübergreifender Ansatz etabliert. Ob das gelingt, hängt nicht allein vom analytischen Anspruch ab, sondern davon, dass die institutionellen Bedingungen für diese Art von Forschung und Lehre weiter bestehen.
Aktivitäten, Exkursionen und Projekte der IAK werden laufend auf NGHM@hypotheses dokumentiert; eine Übersicht über Mitglieder, Tagungen, Working Papers und die Buchreihe findet sich auf den Seiten der NGHM-Professur.
Im Rahmen einer digitalen Tagesexkursion widmete sich eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück am 23. Januar 2026 der Geschichte und medialen Auseinandersetzung mit dem Konzentrationslager Neuengamme. Die von Imke Selle geleitete Exkursion stand unter besonderen Vorzeichen: Aufgrund des Wintereinbruchs mit Schnee und Eis wurde das ursprünglich geplante Format spontan in einer hybriden Form umgesetzt.
Der Einstieg in die Thematik erfolgte über eine literarische Vorbereitung. In Partnerarbeit wurde ein Text von Detlef Garbe1 diskutiert, in dem das Konzentrationslager Neuengamme als zentrales Konzentrationslager für den nordwestdeutschen Raum verortet wird. In diesem Zusammenhang wurde die historische Bedeutung des Ortes evident. Mit über 80 Außenlagern und einer Gesamtzahl von über 100.000 Häftlingen, von denen mindestens 42.900 Personen die Haft nicht überlebten,2 repräsentiert Neuengamme einen zentralen Schauplatz der NS-Verbrechen. In der Diskussion wurde insbesondere auf die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime hingewiesen. Die Stadt Hamburg verfolgte bereits seit dem Jahr 1935 Pläne für eine städtebauliche Neugestaltung des Altonaer Elbuferraums In diesem Rahmen war der Bau monumentaler Gebäude wie eines 250 Meter hohen Gauhochhauses und einer Volkshalle vorgesehen. Für diese Neugestaltung sollten in Neuengamme Klinkersteine hergestellt werden. Im Jahr 1940 schloss die Stadt einen Vertrag mit der SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) über den Bau eines großen Klinkerwerkes in Neuengamme. Im Rahmen der Exkursion reflektierten die Studierenden insbesondere die vielfältigen Zwangsarbeits-Einsätze, denen Häftlinge im KZ Neuengamme ausgesetzt waren: angefangen bei der schweren Erd- und Kanalbauarbeit an der Dove Elbe, über den Tonabbau und den Bau des Klinkerwerks bis hin zur Produktion in Rüstungsbetrieben. Diese schwersten körperlichen Arbeiten bei oft mangelnder Ernährung, langer Arbeitszeit und brutaler Bewachung machten die systematische Ausbeutung und das mit ihr verbundene Prinzip der “Vernichtung durch Arbeit” im KZ Neuengamme deutlich.
Das Klinkerwerk auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Frank Wobig)
Nach dieser theoretischen Grundlegung erfolgte die digitale Begehung des Lagers, welche in Form eines gemeinsamen 360-Grad-Rundgangs mit einem eher allgemeinen Fokus sowie mit einem Fokus auf sowjetische Kriegsgefangene in Neuengamme stattfand. Dieser Rundgang ermöglicht es, das heute weitläufige und baulich stark veränderte Gelände in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ein besonderes Angebot war die Begehung des Geländes mit Virtual Reality-Brillen für die vor Ort anwesenden Studierenden. Die Nutzung von VR-Brillen wurde zwar als innovatives und spannendes Angebot bewertet, jedoch wurde im Austausch auch eine kritische Distanz gewahrt. Die Studierenden berichteten, dass die Darstellungen in der Brille oft überlebensgroß wirkten, was dem angestrebten Gefühl, tatsächlich “vor Ort” zu sein, eher entgegenwirkte. Die Beobachtung verdeutlicht, dass Immersion in der Gedenkstättenpädagogik nicht per se zu einem besseren Verständnis führt, wenn die visuelle Skalierung eine Darstellung erzeugt, die eher eine ästhetische Wirkung als eine historisch reflektierte Rekonstruktion nahelegt.
Die VR-Brillen, mit denen die Studierenden das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme digital erkunden konnten (Foto: Imke Selle)
Auch hatten die Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen eines individuellen Rundgangs eigene Schwerpunkte innerhalb der digitalen Ausstellung zu setzen. Die digitale Ausstellung ist in zehn Kategorien unterteilt, die von der Geschichte des Standorts über den Alltag der Häftlingsgruppen bis hin zur Nachnutzung und heutigen Formen des Erinnerns reichen. Besonders hervorzuheben ist das Interesse vieler Studierender an der Nachnutzung des Geländes. Die Geschichte Neuengammes nach 1945 ist geprägt von einer langen Phase der Verdrängung. Nach dem Ende des Krieges wurde das Lager zunächst als Internierungslager durch die britischen Streitkräfte genutzt, bevor die Hamburger Justizbehörde dort 1948 ein Gefängnis eröffnete. Die Nutzung als Justizvollzugsanstalt Vierlande erstreckte sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und erschwerte den Aufbau einer angemessenen Gedenkstätte erheblich. Die Verlagerung des Gefängnisses und eine umfassende Neugestaltung des Areals konnten erst durch den Druck von Überlebendenverbänden wie der Amicale Internationale de Neuengamme und einen gesellschaftlichen Wandel in den 1980er Jahren durchgesetzt werden. Die Exkursionsgruppe erachteten diese komplexe Nachkriegsgeschichte als ein zentrales Element für das Verständnis heutiger Erinnerungskultur.
Haus des Gedenkens, die weißen Stoffbanden zeigen die Namen der Opfer nach Todesdatum aufgelistet (Foto: Frank Wobig)
Die Exkursion mündete in eine kooperative Phase, in welcher die Studierenden in Gruppenarbeit verschiedene Ausstellungsabschnitte vertieften und deren wesentlichste Merkmale präsentierten. Die Themen reichten von der Zwangsarbeit in der Ziegelproduktion über die Mobilisierung für die Kriegswirtschaft bis hin zur detaillierten Betrachtung deutscher und ausländischer Häftlingsgruppen sowie des Systems der Außenlager. Die Präsentationen verdeutlichten eindrucksvoll, in welchem Spannungsfeld das Konzentrationslager Neuengamme zu verorten ist.
Es lässt sich festhalten, dass die digitale Exkursion trotz – oder gerade wegen – ihrer hybriden Form eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort ermöglichte. Die Verbindung von theoretischer Vorbereitung durch die Texte Garbes, der individuellen Erkundung des 360-Grad-Rundgangs und der kritischen Reflexion technologischer Vermittlungsformen wie VR schärfte den Blick der Studierenden für die Komplexität der Gedenkstättenarbeit. Die digitale Begehung vermag die physische Erfahrung des Ortes nicht zu ersetzen, doch sie ermöglicht die Analyse historischer Strukturen, die vor Ort oftmals der emotionalen Wirkung des Geländes unterliegen. Ein digitaler Besuch des Lagers Neuengamme eröffnet die Möglichkeit, die historischen Narrative und ihre mediale Vermittlung kritisch zu analysieren. Auf diese Weise kann digitale Erkundung einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit im digitalen Zeitalter unterstützen.
Garbe, Detlef: SS-Verbrechen in Norddeutschland. Das KZ Neuengamme, die Gedenkstätte und die Bewahrung der Erinnerung, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven, 5 (2001) S. 73-94. ↩︎
Studierendenkonferenz des Seminars „Deutsche Hörer! Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen als Quelle der Exil- und Migrationsgeschichte” im Wintersemester 2025/26.
Im Wintersemester 2025/26 haben Studierende der Universität Osnabrück in einem Blockseminar Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen ›Deutsche Hörer!‹ (1940–1945) nicht als literarisches Werk, sondern als historisches Dokument untersucht: als Quelle für die Geschichte erzwungener Migration und des Exils, als Material transnationaler Kommunikation unter den Bedingungen von Diktatur und Krieg, und als Gegenstand der Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Der dritte Seminartag hatte das Format einer Studierendenkonferenz: Vierzehn Vorträge, gegliedert in vier thematische Panels, präsentierten eigenständige Analysen desselben Quellenbestands und eröffneten dabei ein Spektrum an Zugriffen, das von mediengeschichtlicher Kontextualisierung über rhetorische Textanalyse und ideengeschichtliche Einordnung bis zur soziologischen Feldtheorie reichte. Der vorliegende Beitrag dokumentiert die Ergebnisse dieser Konferenz in drei Schritten: Zunächst verortet er das Seminar und seinen Gegenstand. Sodann gibt er die vierzehn Vorträge in der Reihenfolge des Programms wieder und versieht jeden Beitrag mit einer kurzen analytischen Einordnung. Daraufhin fasst er die übergreifenden Befunde zusammen, die sich aus der Zusammenschau der Beiträge ergeben.
Das Seminar und sein Gegenstand
Thomas Mann verließ Deutschland im Februar 1933 und kehrte von einer Vortragsreise nicht mehr zurück. Nach Jahren in der Schweiz emigrierte er 1938 in die Vereinigten Staaten; 1936 hatte ihm das NS-Regime die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Der Literaturnobelpreisträger von 1929 war damit zu dem geworden, was man damals als ›Emigranten‹ bezeichnete – ein Begriff, der die Perspektive der Vertreibenden übernahm und die Dimension erzwungener Migration verschleierte. Im amerikanischen Exil eignete sich Mann eine öffentliche Rolle an, die er zuvor nicht in dieser Form innegehabt hatte: Er wurde zur Stimme dessen, was er selbst und andere als das ›andere Deutschland‹ bezeichneten.
Im Herbst 1940 trat die BBC an Mann heran mit der Bitte, regelmäßig Ansprachen an die deutsche Bevölkerung zu halten. Die erste Sendung wurde am 18. Oktober 1940 ausgestrahlt; bis Mai 1945 folgten rund 55 weitere. Der Produktionsweg dokumentiert die materiellen Bedingungen dieser Form von ›Widerstandskommunikation‹: Mann sprach seine fünf- bis achtminütigen Ansprachen in einem Studio in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC auf Langwelle ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der zeigt, welche Infrastruktur notwendig war, um eine Stimme aus dem Exil in den geschlossenen Kommunikationsraum des sogenannten ›Dritten Reiches‹ zu bringen.
Das Seminar hat diese Quellengruppe bewusst aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung erschlossen. Die leitende Frage galt nicht der literarischen Qualität der Ansprachen, sondern ihrem Quellenwert für die Geschichte des Exils, der transnationalen Kommunikation und der politischen Rhetorik unter Kriegsbedingungen. Dabei stand die Spannung zwischen Ermöglichung und Begrenzung im Zentrum: Mann konnte aus dem amerikanischen Exil Dinge tun, die ihm im Reich unmöglich gewesen wären; zugleich musste er erfahren, dass seine Stimme nur unter bestimmten Bedingungen überhaupt ankommen konnte – wenn sie überhaupt ankam.
Der dritte Seminartag überführte die Ergebnisse der gemeinsamen Quellenarbeit in das Format einer Studierendenkonferenz. Das Programm gliederte die vierzehn Vorträge in vier thematische Panels: Annika Heyen moderierte das erste Panel zu Manns Wissen um den Holocaust und die alliierte Berichterstattung, Sebastian Musch leitete die ideengeschichtlichen Perspektiven des zweiten Panels, Sebastian Huhn führte durch das dritte Panel zu Demokratie, Realpolitik und Kriegsbegeisterung, und Jessica Wehner übernahm die Moderation des vierten Panels zu Rollenverständnissen und der Hörer-Redner-Beziehung. Die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass. Im Folgenden werden die Beiträge in der Reihenfolge des Programms dokumentiert.
Die Vorträge
Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung
Gesa Landwehr: „Deutsche Hörer!” als Teil des BBC German Service
Gesa Landwehr rekonstruierte den institutionellen Rahmen, in dem Manns Ansprachen entstanden, und verortete die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen im Kontext des BBC German Service als Propagandaapparat. Der Beitrag arbeitete die Doppelstruktur heraus, die Manns Position innerhalb der BBC kennzeichnete: Einerseits genoss er als Nobelpreisträger bemerkenswerte Freiheiten. Die BBC ließ ihm weitgehend freie Hand bei der inhaltlichen Gestaltung seiner Beiträge. Andererseits war er Teil einer institutionellen Struktur, die eigene propagandistische Ziele verfolgte und gelegentlich versuchte, besonders scharfe Formulierungen zu mildern. Zugleich zeigte Landwehr, dass BBC-interne Dokumente belegen, wie Manns ›Sonderstatus‹ – ein Begriff, der seine Stellung zwischen Instrumentalisierung und Autonomie markiert – immer wieder neu ausgehandelt werden musste.
Der Beitrag legte damit das institutionelle Fundament, auf dem alle weiteren Vorträge aufbauen konnten, und machte zugleich eine Spannung sichtbar, die für das gesamte Quellenkorpus konstitutiv ist: die Frage, inwieweit Mann Instrument alliierter Propaganda war und inwieweit er eine eigene Agenda verfolgte.
Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik”
Lea Horstmann untersuchte, wie Mann die nationalsozialistischen Verbrechen in seinen Ansprachen darstellte, und rekonstruierte dabei eine chronologische Entwicklung in vier Phasen – von einer zunächst abstrakten Darstellung der Verfolgung über die zunehmende Konkretisierung bis hin zur expliziten Dokumentation der Vernichtung. Die zentrale These des Vortrags lautete, dass Mann die NS-Verbrechen weniger dokumentarisch als vielmehr argumentativ einsetzte: als moralisches ›Exemplum‹, das die Hörerinnen und Hörer zur Einsicht und zum Handeln bewegen sollte. Die Grenze zwischen Aufklärung und Appell – so der Titel des Vortrags – erwies sich dabei als fließend.
Die Beobachtung, dass Mann Verbrechen nicht primär dokumentierte, sondern rhetorisch instrumentalisierte, ist ein Befund, der weit über die Quellenanalyse hinausweist und Fragen nach dem Verhältnis zwischen historischer Berichterstattung und politischer Überzeugungsarbeit aufwirft.
Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen
Felix Ruholl verfolgte die Entwicklung von Manns Holocaust-Berichterstattung chronologisch und identifizierte drei Phasen: eine Phase vager Andeutungen, eine Phase zunehmender Konkretisierung und schließlich eine Phase der direkten Konfrontation mit dem Ausmaß der Vernichtung. Der analytisch produktivste Befund lag in der sogenannten ›Spiegelthese‹: Ruholl argumentierte, dass Manns Berichterstattung nicht seiner individuellen Erkenntnislage folgte, sondern weitgehend den Informationsstand der amerikanischen Öffentlichkeit spiegelte – die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen wären demnach weniger ein Dokument exklusiven Wissens als vielmehr ein Gradmesser für die öffentlich verfügbare Information über den Genozid.
Die ›Spiegelthese‹ ist ein starkes Argument, das die Frage aufwirft, ob die Ansprachen als Quelle für die Wissensgeschichte des Holocaust gelesen werden können, und wenn ja, für wessen Wissen: das der amerikanischen Öffentlichkeit, das der Exilgemeinschaft oder das der BBC?
Anna Louisa Asbrock: „‚[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat’ – Die Darstellung des Nationalsozialismus”
Anna Louisa Asbrock analysierte Manns Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Systems und identifizierte drei analytische Zugriffe, die Mann in seinen Ansprachen miteinander verschränkt: die Kritik an der NS-Propaganda, die Dokumentation der Gewalt und die Personalisierung des Systems in der Figur Hitlers. Dabei zeigte der Vortrag, dass Mann den Nationalsozialismus nicht nur als politisches Regime, sondern als zivilisatorischen Bruch darstellte, eine Deutung, die das System als Ganzes delegitimierte, zugleich allerdings die Frage aufwarf, inwieweit Manns eigene Darstellungsstrategien – insbesondere die Personalisierung – den Strukturen ähnelten, die er am Regime kritisierte.
Die Beobachtung einer strukturellen Ähnlichkeit zwischen Manns rhetorischen Mitteln und denen der NS-Propaganda ist ein Befund, der in der Abschlussdiskussion der Konferenz eine zentrale Rolle spielen sollte.
Felix Ruholl, Lea Horstmann, Anna Louisa Asbrock, Gesa Landwehr und Annika Heyen im Gespräch mit dem Plenum (Foto: Jessica Wehner)
Panel II – Das „Böse”, die „Zivilisation” und der „Humanismus”: Ideengeschichtliche Perspektiven
Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische” – Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen
Gloria Sherif untersuchte, mit welchen sprachlichen Mitteln Mann das ›Böse‹ als analytische Kategorie in den Ansprachen konstruierte, und identifizierte drei rhetorische Strategien: Ironie, die Aneignung von ›Feindsprache‹ – also die bewusste Übernahme und Umcodierung nationalsozialistischer Begriffe – und eine Verurteilungsrhetorik, die das NS-Regime als Manifestation des schlechthin Teuflischen markierte. Dabei zeigte der Vortrag, dass Manns Konzeption des ›Bösen‹ nicht primär theologisch, sondern ästhetisch-moralisch grundiert war: Das Regime erschien als Perversion kultureller Werte, nicht als Ausdruck metaphysischer Mächte.
Der Befund, dass Mann das ›Böse‹ als ästhetische Kategorie fasste, verweist auf eine Denkfigur, die sich durch sein gesamtes politisches Denken zieht und die die Frage aufwirft, ob die Verschränkung von Ästhetik und Moral bei Mann nicht auch problematische Implikationen hat.
Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation – Humanismus und ›Judenfrage‹ in der BBC-Rede vom 27. September 1942
Daria Ivanov legte eine Close-Reading-Analyse der Rede vom 27. September 1942 vor – jener Ansprache, die von mehreren Beiträgen der Konferenz unabhängig voneinander als Schlüsseldokument identifiziert wurde. Der Vortrag zeigte, dass Mann in dieser Rede den Begriff ›Jude‹ 22 Mal verwendet – eine für das Gesamtkorpus einzigartige Häufung – und den Holocaust als Prüfstein des Humanismus rahmt. Dabei arbeitete Ivanov eine Transformation des Humanismusbegriffs heraus: Humanismus erschien in der September-Rede nicht mehr als Bildungsideal, sondern als ethische Haltung, deren Geltung sich an der Reaktion auf die Verfolgung der europäischen Juden zu erweisen hatte.
Die empirische Dichte dieses Beitrags machte ihn zu einem der analytisch stärksten der Konferenz; zugleich warf er die Frage auf, inwieweit Manns Humanismusbegriff die Opfer als eigenständige Subjekte adressierte oder sie primär als moralisches Argument für eine europäisch-humanistische Tradition in Anspruch nahm.
Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann
Timo Diener verfolgte die ideengeschichtliche Entwicklung von Manns Denken über den Gegensatz von ›Kultur‹ und ›Zivilisation‹, einem Begriffsfeld, das für das Verständnis der Ansprachen zentral ist, weil es auf die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ von 1918 zurückverweist. Die analytische Pointe des Vortrags lag in der These einer ›Funktionsäquivalenz‹: Während in den ›Betrachtungen‹ die ›Zivilisation‹ als Bedrohung der deutschen ›Kultur‹ erschien, nahm in den Rundfunkansprachen der Nationalsozialismus exakt die strukturelle Position ein, die zuvor die Zivilisation innehatte. Der Feind der Kultur hatte gewechselt, die Denkstruktur war geblieben.
Die Funktionsäquivalenz-These ist ein bemerkenswerter Befund, weil sie zeigt, dass Manns intellektuelle Biographie in den Ansprachen nicht einfach überwunden, sondern transformiert wurde – ein Ergebnis, das den Befunden von Rehfeld und Schmitz korrespondiert.
Daria Ivanov, Timo Diener, Gloria Sherif und Sebastian Musch (Foto: Jessica Wehner)
Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik
Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt
Luca Herrmann untersuchte die Darstellung Franklin D. Roosevelts in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen und argumentierte, dass Mann den US-Präsidenten nicht einfach als politischen Verbündeten würdigte, sondern systematisch als demokratisches Gegenbild zu Hitler aufbaute. Die zentrale These lautete, dass Mann den ›Führerbegriff‹ – einen zentralen Topos der NS-Propaganda – umcodierte, indem er Roosevelt als den ›wahren Führer‹ präsentierte: nicht als charismatischen Demagogen, sondern als demokratisch legitimierten Staatsmann. Der analytisch stärkste Befund des Vortrags betraf allerdings das, was Mann nicht sagte: Die Executive Order 9066 – Roosevelts Anordnung zur Internierung japanischstämmiger US-Bürger – wurde in den Ansprachen konsequent verschwiegen, obwohl Mann als Exilant im selben Land lebte und die Internierung hätte kennen müssen.
Die Beobachtung des bewussten Verschweigens ist analytisch produktiver als die Rekonstruktion des Gesagten, weil sie zeigt, dass Manns Roosevelt-Darstellung strategisch selektiv war – ein Befund, der die Grenze zwischen Überzeugung und Propaganda innerhalb der Ansprachen selbst markiert.
Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten?
Pieter Rehfeld zeichnete Manns Demokratieverständnis nach und argumentierte, dass sich Mann im Verlauf der Ansprachen von einer konservativ-kulturkritischen Position zu einem ›moralischen Demokraten‹ entwickelte, dessen Demokratiebegriff allerdings eine spezifische Signatur trug: Er definierte sich wesentlich ex negativo – aus der Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Rehfeld identifizierte drei Aspekte dieses Demokratieverständnisses: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und begrenzte Freiheit. Zugleich zeigte der Vortrag, dass Manns Demokratiebegriff nicht systematisch-theoretisch, sondern narrativ entwickelt wurde – in der Auseinandersetzung mit konkreten historischen Situationen.
Die These einer ex-negativo-Demokratie wirft eine Frage auf, die über die Quellenanalyse hinausweist: Was passiert mit einem Demokratiebegriff, der sich wesentlich aus der Abgrenzung zu einem Feind speist, wenn dieser Feind verschwindet?
Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege
Leon Schmitz dokumentierte den intellektuellen Bruch zwischen Manns Kriegsbegeisterung von 1914 – niedergelegt in den ›Gedanken im Kriege‹ – und seiner Position in den Rundfunkansprachen. Der Vortrag zeigte, dass Mann in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen seinen eigenen Militarismus von 1914 nicht explizit thematisierte, allerdings implizit – durch die Schärfe seiner Kritik am NS-Militarismus – eine Distanzierung vollzog, die der Beitrag als Selbstkorrektur ohne Selbstkritik charakterisierte.
Die Formel der ›Selbstkorrektur ohne Selbstkritik‹ ist analytisch treffend und verweist auf ein strukturelles Merkmal der Ansprachen: Mann sprach 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies je explizit zu machen.
Pieter Rehfeld, Luca Herrmann, Leon Schmitz und Sebastian Huhn (Foto: Jessica Wehner)
Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen
Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns
Alexander Pracht analysierte die Verwendung von ›Angst‹ und ›Furcht‹ als rhetorische Instrumente in den Ansprachen und rekonstruierte ein argumentatives Triptychon: In einer ersten Phase setzte Mann Angstrhetorik zur Mobilisierung ein. Die Hörer sollten die eigene Lage als bedrohlich erkennen. In einer zweiten Phase diente die Angstdiagnose der Situationsanalyse. Mann identifizierte die Angst der Deutschen als Symptom der Diktatur. In einer dritten Phase wandelte sich die Rhetorik zur Zuversicht. Die Angst des Regimes, nicht die der Bevölkerung, stand nun im Zentrum. Dabei zeigte Pracht, dass Mann eine Gegenrhetorik entwickelte, die biblische Wendungen – etwa die Formel ›Fürchtet euch nicht‹ – aufgriff und gegen die nationalsozialistische Angstproduktion wendete.
Die Beobachtung, dass Mann Angst nicht nur thematisierte, sondern als rhetorisches Instrument einsetzte – also Angst erzeugte, um Angst zu bekämpfen –, verweist auf die strukturelle Ähnlichkeit seiner Mittel mit denen der Propaganda, die er kritisierte.
Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!”
Emma Breulmann systematisierte Manns wechselnde Sprecherpositionen mit Hilfe der Feldtheorie Pierre Bourdieus und rekonstruierte vier Phasen des Rollenwandels: vom ›kulturellen Sprecher Deutschlands‹, der seine Legitimation erst begründen musste, über den ›Zeugen und Aufklärer‹, der über die nationalsozialistischen Verbrechen berichtete, zum ›Anwalt der Nation‹, der zwischen Anklage und Verteidigung eines ›anderen Deutschlands‹ vermittelte, bis hin zum ›historischen Deuter‹, der den Nationalsozialismus als Episode einordnete und eine Zukunftsperspektive entwarf. Der Beitrag arbeitete dabei heraus, wie Mann sein kulturelles und symbolisches Kapital – Nobelpreis, literarisches Werk, Exilstatus – strategisch in politisches Kapital konvertierte, um eine Position zu besetzen, für die er über keine originäre Legitimation – etwa ein politisches Amt – verfügte.
Die Übertragung der Feldtheorie auf Manns Exilsituation macht Dynamiken sichtbar, die eine rein textimmanente Analyse nicht erfassen würde; zugleich wirft sie die Frage auf, ob Bourdieus Kategorien – entwickelt für Felder mit eingespielten Regeln und Hierarchien – auf eine Situation übertragbar sind, in der die Zugehörigkeit zu den relevanten Feldern selbst prekär geworden war.
Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”
Jennifer Funk untersuchte die Hörer-Redner-Beziehung in Manns Ansprachen anhand eines methodisch dreigliedrigen Zugriffs: einer Wortfeldstudie zu den Anredepronomen, einer Analyse der Argumentationsstrategien und einer Kontrastierung mit den privaten Tagebucheinträgen. Die Pronomenanalyse ergab eine signifikante Verschiebung: von direkten, individuellen Anredeformen (›ihr‹, ›euch‹) hin zu kollektivierenden Verbindungen (›ihr Deutsche‹) und schließlich zur bloßen Anrede als ›Deutsche‹ – eine Entwicklung, die Funk als Bewegung von empathischer Nähe zu analytischer Distanz deutete. Zugleich rekonstruierte der Vortrag ein wiederkehrendes Fünfschritt-Argumentationsmuster – kultureller Bezug, Problemstellung, moralische Diagnose, Perspektivverschiebung, Appell –, das die Ansprachen bei aller inhaltlichen Variation strukturell verband. Der analytisch produktivste Befund lag allerdings in der Kontrastierung mit Thomas Manns Tagebüchern: Funk zeigte, dass Mann bereits 1940 privat an der Möglichkeit eines innerdeutschen Widerstands zweifelte, den er öffentlich beschwor, ein Befund, der die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer – im Anschluss an Benedict Anderson – als doppelt imaginiert erscheinen ließ: imaginiert nicht nur von den Hörern untereinander, sondern auch vom Redner selbst.
Die Verbindung von quantitativer Pronomenanalyse, rhetorischer Strukturanalyse und Tagebuchkontrastierung machte diesen Beitrag methodisch zu einem der vielschichtigsten der Konferenz; der Befund, dass Mann privat am Widerstand zweifelte, den er öffentlich beschwor, gehört zu den Ergebnissen, die unser Bild von Mann als moralischer Instanz grundsätzlich komplizieren.
Carlotta Pioch: Das Sprecherverständnis Thomas Manns – Zur rhetorischen Konstruktion einer Sprecherfigur
Carlotta Pioch setzte den dezidiert literaturwissenschaftlichen Akzent der Konferenz und fragte nicht nach der historischen Person Thomas Mann, sondern nach der rhetorisch konstruierten ›Sprecherfigur‹, die sich innerhalb der Texte formiert. Die analytische Prämisse lautete, dass Manns Autorität in den Ansprachen nicht vorausgesetzt, sondern performativ hergestellt wird, ein Befund, den Pioch anhand von fünf Stationen nachzeichnete: vom analytischen Beobachter (November 1940) über den moralisch-ästhetischen Kritiker (Februar 1941) und die Zäsur der eigenen Stimme (März 1941) – dem Moment, in dem Mann seine Ansprachen erstmals selbst einspricht und die Metapher der ›Stimme‹ eine leibliche Dimension gewinnt – zur historisch-ironischen Autorität (1942/43) und schließlich zum Deuter der ›deutschen Katastrophe‹. Besonders aufschlussreich war dabei die Beobachtung, dass Mann in einem doppelten Adressierungsfeld operierte: Er sprach zu den Deutschen, inszenierte sich allerdings zugleich vor einem amerikanischen Publikum; eine Konstellation, die die Sprecherfigur nicht auf einen Adressatenkreis hin konstruiert, sondern in einem Spannungsfeld zwischen mindestens zwei Publika situiert.
Die konsequente Unterscheidung zwischen der historischen Person und der rhetorisch konstruierten Sprecherfigur – narratologisch selbstverständlich, in der politikgeschichtlichen Forschung allerdings keineswegs immer beachtet – eröffnete einen analytischen Raum, in dem die performative Dimension der Ansprachen sichtbar wurde: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Der Beitrag bildete damit ein produktives Gegenstück zu Breulmanns soziologischem Zugriff. Beide erreichten von ganz verschiedenen Richtungen denselben Kernbefund.
Emma Breulmann, Carlotta Pioch, Jennifer Funk, Alexander Pracht und Jessica Wehner (Foto: Annika Heyen)
Die Befunde der Konferenz quer gelesen.
Christoph Rass fasst die Konferenzergebnisse zusammen (Foto: Jessica Wehner)
In seiner Abschlussanalyse zog Christoph Rass die übergreifenden Linien der Konferenz zusammen und fragte, was sich ergibt, wenn man vierzehn Perspektiven auf denselben Quellenbestand nebeneinanderlegt. In seinem Beitrag identifizierte er fünf Befunde.
Erstens: Die ›Deutschen Hörer!‹ sind ein Prozess, kein Text. Mindestens sieben Vorträge hatten chronologische Entwicklungslinien rekonstruiert: in der Holocaust-Berichterstattung, im Demokratieverständnis, in der Rollenentwicklung, in der Angstrhetorik, in der Höreransprache, in der Konstruktion der Sprecherfigur. Das Korpus dokumentiert nicht eine Position, sondern deren Wandel.
Zweitens: Die Grenze zwischen Aufklärung und Propaganda ist fließend. Landwehr hat gezeigt, dass die BBC Mann instrumentalisierte. Funk hat gezeigt, dass Mann selbst die Diskrepanz zwischen Privatüberzeugung und öffentlicher Botschaft managte. Asbrock, Sherif und Pracht haben gezeigt, dass seine rhetorischen Mittel – Personalisierung, Angsterzeugung, Begriffsumcodierung – strukturell den Mitteln ähneln, die er am Regime kritisierte. Das ist kein Einwand von außen, sondern ein Befund dieser Konferenz.
Drittens: Die intellektuelle Biographie reicht zurück. Diener, Rehfeld und Schmitz haben unabhängig voneinander gezeigt, dass man die Rundfunkansprachen nicht ohne die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ und anderer früherer Werke verstehen kann. Mann spricht 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies jedoch explizit zu machen.
Viertens: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Das ist ein Befund, den Pioch und Breulmann aus ganz verschiedenen Richtungen erreichen, Breulmann über die Kapitalkonversion im Sinne Bourdieus, Pioch über die performative Konstruktion der Sprecherfigur im Text. Mann spricht nicht als anerkannte Autorität, sondern muss seine Berechtigung in jeder Ansprache neu begründen. Dieses Ergebnis ist analytisch stark, weil es die Ansprachen als Orte der Autoritätsproduktion lesbar macht und weil es zeigt, dass die Bedingungen des Exils nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form der Kommunikation prägten.
Fünftens: Die Rezeption bleibt eine Leerstelle. Fast kein Vortrag konnte sagen, wer Mann hörte und wie die Ansprachen aufgenommen wurden. Funk hat das am schärfsten formuliert: Die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer ist doppelt imaginiert, auch für den Redner.
Rass schloss seine Analyse mit drei Fragen, die er der Konferenz zur Diskussion stellte: die Frage nach dem analytischen Unterschied zwischen Propaganda und Gegenpropaganda, wenn die rhetorischen Verfahren strukturell ähnlich sind; die Frage nach der Stellung der Opfer in Manns Reden, die als moralisches Argument erscheinen, selten allerdings als eigenständige Subjekte; und die Frage nach der Tragfähigkeit eines Demokratiebegriffs, der sich wesentlich ex negativo definiert.
Im Wintersemester 2025/2026 veranstaltet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung eine Studierendenkonferenz im Rahmen des Blockseminars “Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer”, durchgeführt von Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Huhn, Dr. Sebastian Musch, Annika Heyen und Jessica Wehner.
Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.
Thomas Mann (1937)
Im Mittelpunkt des Semianrs stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Wir analysieren, wie Mann aus dem kalifornischen Exil versuchte, auf die deutsche Gesellschaft einzuwirken, welche Botschaften und Positionen er vermittelte und wie er die Entwicklungen des Krieges und der NS-Herrschaft kommentierte. Dabei untersuchen wir auch die praktischen Bedingungen der Rundfunkproduktion im Exil, die Zusammenarbeit mit der BBC und die Frage nach der tatsächlichen Hörerschaft im Reich.
Das Seminar arbeitet intensiv mit den Originalquellen und ordnet Manns Radioreden in den größeren Kontext der Exilpublizistik, des Kriegsverlaufs und der Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein. Methodisch verbinden wir medienhistorische, migrationsgeschichtliche und politikgeschichtliche Zugänge.
Am 16. Januar fand der erste Seminartag gemeinsam mit Dr. Anneke Thiel statt. Dabei stand eine erste Auseinandersetzung mit den Quellen und eine Einführung in das Leben und Werk Thomas Manns im Vordergrund.
Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)
Am 6. März fand ein gemeinsamer Workshop-Tag statt bei dem die Studierenden sich miteinander und den Lehrenden über ihre Themen und ihre Vorträge austauschen konnten.
Am zweiten Seminartag konnten die Studierenden ihre Befunde miteinander und mit den Lehrenden diskutieren
Am 7. März, 9-17 Uhr findet dann in 15/130 die Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen!
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Programm
9:00 Uhr: Begrüßung (Christoph Rass)
9:10 Uhr: Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung (Moderation: Annika Heyen)
Gesa Landwehr: Deutsche Hörer! als Teil des German Service
Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik in Thomas Manns Radioansprachen ‚Deutsche Hörer!‘“
Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen „Deutsche Hörer!“
Anna Louisa Asbrock: „[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat.” – Die Darstellung des Nationalsozialismus in Thomas Manns “Deutsche Hörer”-Reden
10:50 Uhr: Pause
11:00 Uhr: Panel II – Das „Böse“, die „Zivilisation“ und der „Humanismus“: Ideengeschichtliche Perspektiven auf Thomas Mann (Moderation: Sebastian Musch)
Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische“. Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen in Thomas Manns „Deutsche Hörer!“
Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation: Humanismus und “Judenfrage ”in Thomas Manns BBC-Rede vom 27. September 1942
Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann
12:20 Uhr: Mittagspause
13:00 Uhr: Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik (Moderation: Sebastian Huhn)
Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt in „Deutsche Hörer!“
Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten? Thomas Manns Demokratieverständnis in den Rundfunkreden „Deutsche Hörer!“
Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege.
14:20 Uhr: Pause
14:30 Uhr: Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen (Moderation: Jessica Wehner)
Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns
Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!“
Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”
Carlotta Pioch: Rollenverständnis und Rollenvielfalt
Was lässt sich über lokale Geschichte erfahren, wenn wir Verwaltungsakten, Karteikarten und Erhebungsbögen nicht nur als Informationsträger lesen, sondern als Quellen, die selbst an der Produktion von Wissen über Bevölkerung, Zugehörigkeit und Ausschluss beteiligt waren?
Zwei neue digitale Ausstellungsprojekte von Studierenden der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung gehen dieser Frage nach. Beide sind aus Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass hervorgegangen und verbinden quellengestützte Analyse mit digitalen Präsentationsformen.
Nach einer abgeschlossenen wissenschaftlichen Redaktion durch Valentin Loos, M.Ed., machen die beiden Ausstellungen, die mit dem System Omeka S umgesetzt wurden, nun Ergebnisse aus Forschung und Lehre öffentlich zugänglich – und laden dazu ein, Osnabrücker Universitäts- und Stadtgeschichte nicht nur nachzulesen, sondern analytisch zu erkunden.
Am 17. April 1974 fanden an der neu gegründeten Universität Osnabrück die ersten offiziellen Lehrveranstaltungen statt. Doch die Geschichte unserer Hochschule reicht weiter zurück. Eine Vielzahl von Entwicklungen musste vor über fünfzig Jahren in Gang gesetzt und miteinander verwoben werden, um den Ort entstehen zu lassen, an dem wir heute studieren, lehren und forschen.
Die Ausstellung gliedert sich in sechs Themenschwerpunkte und nimmt ausgewählte gesellschaftliche, räumliche, didaktische und organisatorische Aspekte der Universitätsgründung in den Blick. Im Zentrum stehen unter anderem die politischen Konflikte, die den Gründungsprozess begleiteten – etwa die Auseinandersetzungen um die Entstehung des Campus am Westerberg. Darüber hinaus werden das Leben und die Selbstorganisation der Studierenden thematisiert, die Entwicklung zentraler Einrichtungen wie der Universitätsbibliothek nachgezeichnet und das Verhältnis von Wissenschaft und Emanzipation in der Frühphase der Universität befragt.
In den gewählten Themenfeldern spiegeln sich die Interessen der beteiligten Studierenden wider: Entscheidungen und Weichenstellungen, die vor fünfzig Jahren getroffen wurden, prägen den universitären Alltag bis heute. Die Gründungs- und Anfangsjahre sichtbar zu machen, kann dazu beitragen, gegenwärtige Strukturen einzuordnen und besser zu verstehen.
Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Universitätsarchiv Osnabrück und dessen Leiter Dr. Thorsten Unger. Das im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, angesiedelte Archiv verwahrt die zentralen Quellen zur Geschichte der Universität und ihrer Vorgängereinrichtungen und hat den Studierenden sowohl den Zugang zu den Beständen als auch die archivfachliche Beratung ermöglicht.
Das zweite Projekt nimmt eine einzelne Osnabrücker Straße in den Blick: die Lohstraße. Aus mikrohistorischer Perspektive fragt es danach, was sich über einen zunächst beliebig gewählten Ort und die Menschen, die dort lebten, erfahren lässt, wenn man systematisch verschiedene Quellenbestände miteinander verschränkt. Herangezogen wurden die Osnabrücker Gefallenenkartei, die Gestapokartei, die Ausländermeldekartei sowie die Erhebungsbögen der ersten Volkszählung in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Jede dieser Quellen bildet die Lohstraße und ihre Bewohner:innen auf spezifische Weise ab – und erzeugt dabei jeweils eigene Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten. Die Gestapokartei erfasste andere Personen und Merkmale als die Ausländermeldekartei; die Volkszählungsbögen wiederum folgten einer ganz anderen administrativen Logik. Gerade in der Zusammenschau dieser unterschiedlichen Überlieferungen werden die Mechanismen erkennbar, durch die Verwaltungspraxis Kategorien wie ‚Ausländer’, ‚Gefallener’ oder ‚Verdächtiger’ nicht nur dokumentierte, sondern aktiv hervorbrachte.
Die Ausstellung macht so Stadtgeschichte auf eine Weise zugänglich, die über die Darstellung von Veränderungen im Stadtbild hinausgeht: Sie rückt die Lebenswelten der Menschen in den Mittelpunkt und zeigt, dass Migration, Mobilität und die Verwaltung von Bevölkerung keine Ausnahmephänomene waren, sondern längerfristige Bestandteile der Osnabrücker Stadtgesellschaft.
Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesarchiv. Die herangezogenen Quellenbestände werden in den Abteilungen Osnabrück und Hannover verwahrt, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Studierenden sowohl den Zugang zu den Archivalien als auch die fachliche Beratung bei der Quellenarbeit ermöglicht haben.
Digitale Ausstellungen als Format der Wissensvermittlung
Beide Projekte zeigen, was entstehen kann, wenn Studierende mit Quellenbeständen arbeiten und ihre Ergebnisse in digitalen Formaten aufbereiten. Die Verbindung von Lehrkontext und öffentlicher Präsentation schafft einen Raum, in dem Analyse nicht nur erarbeitet, sondern auch vermittelt wird. Zugleich machen beide Ausstellungen sichtbar, dass die Quellen, auf denen unser Wissen über die Vergangenheit beruht, selbst Produkte jener Praktiken sind, die wir in unseren Studien untersuchen.
Am 19. Januar 2026 nahmen Studierende der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an einer Filmvorführung im Bürgerhaus Ibbenbüren teil. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano über das Leben der Auschwitz-Überlebenden Anna Strishkowa. Die Exkursion bildete den ersten Teil einer zweiteiligen Veranstaltungsreihe, die am 27. Januar mit einem Zeitzeugengespräch fortgesetzt wird.
Kontext: Erinnerungskultur und historische Bildung
Über 1.500 Schüler:innen hatten die Möglichkeit an der Filmvorführung teilzunehmen (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)
Die Exkursion unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gegen das Vergessen” statt, die von Schulseelsorger Christoph Moormann und einem lokalen Organisationsteam getragen wird. Über 1.500 Schülerinnen und Schüler aus dem Tecklenburger Land sahen den Film an diesem Tag in zwei Vorführungen. Die Veranstaltung verdeutlicht, wie außeruniversitäre Vermittlungsformate historisches Wissen über die Shoah an unterschiedliche Zielgruppen weitergeben – und welche Rolle dabei die direkte Begegnung mit Überlebenden spielt.
Bürgermeister Dr. Marc Schrameyer begrüßte die Anwesenden und betonte die Bedeutung von Geschichtsvermittlung durch persönliche Lebensgeschichten. Er appellierte an die Jugendlichen, sich dem „blödsinnigen Gequatsche vom rechten Rand” zu widersetzen. Sylvia Löhrmann, Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, verwies auf die Zunahme antisemitischer Vorfälle in allen gesellschaftlichen Bereichen und unterstrich, dass hinter den Zahlen Menschen stünden.
Der Film: „Schwarzer Zucker – rotes Blut”
Im Gespräch mit Anna Strishkowa, Sylvia Löhrmann und Luigi Toscano (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)
Der 90-minütige Dokumentarfilm von Luigi Toscano, einem Mannheimer Fotografen und Filmemacher, erzählt die Geschichte von Anna Strishkowa. Am 4. Dezember 1943 stand sie als Kleinkind an der Rampe von Auschwitz – ohne ihre Familie, ohne Kenntnis der Namen ihrer Eltern, ohne zu wissen, wo sie geboren wurde. Sie überlebte das Kinderlager Potulice und Auschwitz. In den Nachkriegswirren nahm eine Familie sie auf, doch ihre Identität blieb über Jahrzehnte ungeklärt.
Erst im Zuge von Toscanos Fotoprojekt mit Holocaust-Überlebenden lernte er die heute 86-jährige Ukrainerin kennen und bat sie, nach ihrer Familie suchen zu dürfen. Mit Erfolg: Der Film dokumentiert diesen Prozess der Identitätsrekonstruktion, der zugleich die Frage aufwirft, wie Wissen über die eigene Herkunft durch die Gewalt des Nationalsozialismus systematisch zerstört wurde.
Der Film wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und war 2025 erstmals in Ibbenbüren zu sehen. Dass Anna Strishkowa nun erneut persönlich anwesend war, verdankt sich dem Engagement des lokalen Organisationsteams.
Die Begegnung: Zwischen Dokumentation und Weitergabe
Die Schüler:innen im Gespräch mit Anna Strishkowa (Foto: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ibbenbüren)
Nach der Filmvorführung hatten die Anwesenden Gelegenheit, Anna Strishkowa Fragen zu stellen oder persönlich mit ihr zu sprechen. Viele Schülerinnen und Schüler nutzten die Möglichkeit, ihr die Hand zu schütteln, sich zu bedanken oder sie zu umarmen. Die 16-jährige Julia Hafner, die Strishkowa auf der Bühne umarmte, beschrieb die Begegnung als „krassen Impact”: „Ich habe sie umarmt, weil es mich so mitgenommen hat, sie zu sehen.”
Anna Strishkowa wandte sich an die Jugendlichen mit den Worten: „Ihr werdet zu Zweitzeugen.” Der Begriff ‚Zweitzeugen’ bezeichnet in der Gedenkstättenpädagogik jene Generation, die keine eigene Erfahrung der Shoah besitzt, aber durch die Begegnung mit Überlebenden deren Geschichten weiterträgt. Dieses Konzept gewinnt angesichts des fortschreitenden Alters der letzten Überlebenden zunehmende Bedeutung für die Frage, wie Erinnerung an die Shoah auch nach dem Ende der Zeitzeugenschaft aufrechterhalten werden kann.
Die Zeitzeugin, die aufgrund des Krieges in der Ukraine Kiew verlassen musste und nun in Norddeutschland lebt, beschrieb ihre Motivation für die fortgesetzten Auftritte trotz ihres Alters: „Als ich in Rente ging, habe ich mich gefragt, was ich jetzt machen kann, für die Zukunft, für die Menschen.” Ihr Anliegen sei es, ihre Geschichte weiterzugeben und den Kindern zu erzählen, „wie schrecklich das war”, damit sie verstehen könnten, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.
Reflexion: Themen für die Auseinandersetzung
Die Veranstaltung in Ibbenbüren steht exemplarisch für ein Vermittlungsformat, das auf die emotionale Wirkung persönlicher Begegnungen setzt. Der Film fungiert dabei als Medium, das biografisches Wissen transportiert, während die anschließende Begegnung mit der Zeitzeugin eine andere Qualität der Auseinandersetzung ermöglicht. Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler – Umarmungen, Tränen, Applaus – verweisen auf eine affektive Dimension historischen Lernens, die sich von rein kognitiven Vermittlungsformen unterscheidet.
In ihren Reflexionstexten können sich die Osnabrücker Studierenden mit einer Reihe von Fragen auseinandersetzen, die sich aus der Exkursion ergeben:
Zur Vermittlung von Geschichte: Welche Rolle spielt die Emotionalisierung für die Weitergabe historischen Wissens? Wie verhalten sich individuelle Lebensgeschichten zur strukturellen Analyse von Verfolgung und Vernichtung? Welche Chancen und welche Grenzen hat die biografische Fokussierung in der Geschichtsvermittlung?
Zur Zeitzeugenschaft: Was bedeutet es, ‚Zweitzeuge’ zu werden, wenn die Möglichkeit direkter Begegnungen mit Überlebenden in absehbarer Zeit enden wird? Wie verändert sich Erinnerungskultur, wenn keine Zeitzeugen mehr leben? Welche medialen Formen – Film, Aufzeichnung, Virtual Reality – können die direkte Begegnung ersetzen, und welche Dimensionen gehen dabei verloren?
Zum Veranstaltungsformat: Wie unterscheiden sich schulische und universitäre Zugänge zur Geschichte der Shoah? Welche Funktion erfüllt die Anwesenheit politischer Repräsentanten bei solchen Veranstaltungen? Wie lässt sich die Spannung zwischen Gedenken und historischer Analyse produktiv bearbeiten?
Zur eigenen Position: Welche Erwartungen bringen Studierende der Geschichtswissenschaft an eine solche Veranstaltung mit? Wie verändert die direkte Begegnung mit einer Überlebenden das eigene Verständnis von Geschichte als Wissenschaft? Und welche Verantwortung erwächst daraus für die eigene Arbeit als Historiker:in?
Ausblick: Zeitzeugengespräch am 27. Januar 2026
Die Exkursion wird am 27. Januar 2026 – dem internationalen Holocaust-Gedenktag – mit einem Zeitzeugengespräch im Kulturhaus Ibbenbüren fortgesetzt. Ursprünglich war ein Gespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaust-Überlebender aus der Ukraine, geplant. Da er aus gesundheitlichen Gründen leider nicht aus Kiew anreisen konnte, wird erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt stehen. Prof. Dr. Christoph Rass wird die einleitenden Worte sprechen.
Das Format des Zeitzeugengesprächs am Gedenktag bietet eine andere Rahmung als die Filmvorführung: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm steht das direkte Gespräch im Vordergrund. Die Studierenden erhalten damit die Gelegenheit, beide Vermittlungsformate zu erleben und miteinander zu vergleichen.
Die Exkursion ist Teil des Lehrprogramms der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Wintersemester 2025/26.
Am 21. Januar 2026 fand am Historischen Seminar der Universität Osnabrück der erste NGHM WebApp-Slam statt. Elf Studierende präsentierten in kurzen Pitches ihre im Wintersemester 2025/26 entwickelten WebApps zu historischen Themen. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” und machte zugleich sichtbar, welche Potenziale in der Verbindung von historischer Forschung, kritischer Reflexion und digitalen Werkzeugen liegen.
Kontext: Digital History in der Lehre
Prof. Dr. Christoph Rass begrüßte die Gäste und Studierenden und gab Einblicke in den Ablauf des Seminars (Foto: Jessica Wehner)
Im Zentrum stand dabei das sogenannte ‚Vibe Coding’, ein Verfahren, bei dem generative KI-Modelle auf Basis natürlichsprachlicher Anweisungen Programmcode erzeugen. Die Studierenden arbeiteten mit verschiedenen KI-Werkzeugen, darunter Google Gemini, ChatGPT und AbacusAI, und nutzten Plattformen wie GitHub und Netlify zur Veröffentlichung ihrer Projekte. Die kartographische Visualisierung erfolgte in den meisten Fällen über die Open-Source-Bibliothek Leaflet.
Die Projekte im Überblick
Die elf präsentierten WebApps deckten ein breites thematisches Spektrum ab, das von der Antike bis zur Zeitgeschichte reichte und methodisch zwischen Simulation, Visualisierung und Analysewerkzeug variierte.
Benjamin Rosenstengel entwickelte mit „Das war hier einmal anders…oder?” eine App, die historische Fotografien aus dem Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung im Niedersächsischen Landesarchiv an ihre ursprünglichen Aufnahmeorte im Osnabrücker Stadtraum zurückführt. Die georeferenzierten Bilder ermöglichen einen visuellen Vergleich zwischen historischer Aufnahme und gegenwärtiger Situation. Das Projekt versteht sich bewusst nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als Interface zwischen Quelle, Stadtraum und Nutzer:innen.
Sebastian Waldmann präsentierte eine KI-gestützte Verhandlungssimulation zum Westfälischen Frieden von 1648. Die Nutzer:innen schlüpfen in die Rolle des kaiserlichen Chefunterhändlers Maximilian von Trautmannsdorf und führen diplomatische Gespräche mit den Vertretern Frankreichs, Schwedens und der Reichsstände. Am Ende der Simulation vergleicht die eingebettete KI die erreichten Ergebnisse mit dem realhistorischen Friedensschluss.
Timo Diener widmete sich der Geschichte Ostfrieslands und entwickelte eine App, die Wasserstraßen, Teekultur und Wirtschaftsgeschichte der Region visualisiert. Die Karte zeigt historische Informationen zum Entstehungskontext der Kanäle und verbindet diese mit Aspekten der Alltagskultur. Das Projekt demonstriert, wie regionale Geschichte durch digitale Aufbereitung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden kann.
Felix Ruholl erstellte einen Industrie-Atlas für den Landkreis Vechta, der die Entstehung des Industriestandorts von 1920 bis heute nachzeichnet. Ein beweglicher Zeitstrahl ermöglicht es, die Ansiedlung von 41 Unternehmen aus verschiedenen Branchen chronologisch nachzuvollziehen. Die Visualisierung macht den industriellen Strukturwandel der Region auf einen Blick erfassbar.
Mit einem (post-)kolonialen Rundgang durch Osnabrück befasste sich das Projekt von Jannik Singer. Die App führt zu Orten, an denen koloniale Spuren im Stadtraum sichtbar werden, darunter die Erdteilallegorien im Schlossgarten. Die Anwendung bietet sowohl eine klassische Führung vor Ort als auch eine digitale Variante mit eingesprochenen Textpassagen und geplanten 3D-Scans der Objekte.
Paul Schwede entwickelte mit „Analyse History” einen Prototyp für die digitale Analyse historischer Artefakte. Am Beispiel von Objekten aus dem Kontext der Shoah, darunter ein Tagebuch, ein gelber Davidstern und eine Dose mit Murmeln, zeigt die App, wie dreidimensionale Digitalisate historische Objekte für die Forschung und Vermittlung zugänglich machen könnten.
Alexander Pracht rekonstruierte mit „Antike Reiserouten” die politischen Reisen von Plinius dem Jüngeren und Marc Aurel im 2. Jahrhundert. Die App verknüpft die literarischen Quellen mit einer kartographischen Darstellung der Reisestationen und bietet zu jedem Ort einen Textbeleg. Das Projekt verbindet quellenbasierte Arbeit mit digitaler Visualisierung.
Milena Lummer transformierte den Katalanischen Weltatlas von 1375 in eine interaktive Anwendung. Die mittelalterliche Weltkarte lässt sich erkunden, einzelne Orte sind mit Informationen hinterlegt, und das Design orientiert sich an der Ästhetik des Originals mit Juwelen-Markern und Pergament-Optik. Die App zeigt, dass auch historische Karten als Quellen digital erschlossen werden können.
Gesa Landwehr präsentierte eine Simulation des sogenannten ‚System Calmeyer’. Die App knüpft an die Ausstellung in der Villa Schlikker in Osnabrück an und ermöglicht es, den bürokratischen Prozess nachzuvollziehen, durch den während der deutschen Besatzung der Niederlande Jüdinnen und Juden Änderungsanträge gegen ihre Registrierung einreichen konnten. Das Projekt verbindet museale Vermittlung mit digitaler Interaktion.
Maria del Mar Julian Fernandez entwickelte ein narratives Dialogspiel mit dem Titel „Kommt ein Historiker in eine Bar…”. In einem simulierten Gespräch zwischen einem Historiker und einem Barkeeper werden zentrale Konzepte der Geschichtswissenschaft wie Quellenkritik und hermeneutisches Verstehen vermittelt. Die App reagiert auf verbreitete Klischees über das Fach und macht methodische Grundlagen spielerisch zugänglich.
Marvin Gehricke schließlich präsentierte den „KI-Historiker”, eine Anwendung zur systematischen Quellenanalyse. Die App ermöglicht es, historische Quellen hochzuladen und nach wissenschaftlichen Kriterien analysieren zu lassen. Neben einer Kernanalyse bietet sie verschiedene methodische Zugänge, darunter synoptischer Vergleich, Netzwerkanalyse und Diskursanalyse, sowie eine Literaturrecherche zum jeweiligen Thema.
NGHM liest: Ein Wissensgraph für das Studium
(Foto: Jessica Wehner)
Neben den studentischen Projekten stellte das NGHM-Team beim WebApp-Slam auch die neue Anwendung „NGHM liest” vor. Der Wissensgraph versammelt 65 Werke, die für das Studium an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung von besonderer Bedeutung sind. Die Auswahl umfasst klassische Texte der Holocaust- und NS-Forschung, postkoloniale Theoriebildung, migrationshistorische Grundlagentexte und geschichtstheoretische Reflexionen.
Die unter reader.nghm-uos.de erreichbare WebApp ermöglicht es, die Literatur nicht nur linear zu durchlaufen, sondern ihre Verbindungen und Kontexte zu erkunden. Filterfunktionen nach Themenfeldern, Schwierigkeitsgraden und Sprachen eröffnen verschiedene Zugänge. Der Graph visualisiert Beziehungen zwischen Werken, Autorinnen und Autoren sowie zwischen Themengebieten und will dazu ermutigen, Querverbindungen zu entdecken. Alle Titel sind über die Osnabrücker Universitätsbibliothek verfügbar.
Die präsentierten Projekte machten deutlich, dass ‚Vibe Coding’ Historiker:innen ohne Programmierkenntnisse tatsächlich in die Lage versetzt, funktionale WebApps zu entwickeln. Die Studierenden betonten in ihren Posterpräsentationen jedoch auch die Grenzen des Verfahrens: Die KI-generierten Codes erforderten häufig mehrfache Überarbeitung, die Ergebnisse waren nicht immer reproduzierbar, und längere Codeabschnitte führten mitunter zu unerwarteten Fehlern.
Zugleich wurde in mehreren Reflexionen auf die notwendige kritische Distanz zur Technologie hingewiesen. KI-Systeme sind ressourcenintensiv, ihre Antworten nicht fehlerfrei, und die generierten Inhalte erfordern stets fachliche Überprüfung. ‚Vibe Coding’ ersetzt weder historische Expertise noch kritisches Denken. Es eröffnet jedoch Gestaltungsmöglichkeiten, die zuvor Personen mit Programmierkenntnissen vorbehalten waren.
Die Projekte zeigten ein breites Spektrum an Ansätzen: von der quellenbasierten Rekonstruktion über die spielerische Simulation bis zum Analysewerkzeug. Gemeinsam war ihnen, dass sie historische Inhalte nicht einfach digital abbildeten, sondern neue Zugänge und Interaktionsmöglichkeiten schufen. Die bewusst reduzierten Kontextualisierungen in mehreren Projekten verweisen auf ein Vermittlungskonzept, das Nutzer:innen zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Material anregen will.
Die Studierenden des Seminars mit Christoph Rass, Jessica Wehner und Lukas Hennies (Foto:Annika Heyen)
Ausblick
Der erste NGHM WebApp-Slam hat gezeigt, dass die Verbindung von historischer Forschung und digitalen Werkzeugen produktive Ergebnisse zeitigen kann, wenn sie methodisch reflektiert erfolgt. Die Studierenden haben nicht nur technische Fertigkeiten erworben, sondern auch Erfahrungen mit der kritischen Evaluation von KI-generierten Inhalten gemacht. Diese Kompetenz dürfte angesichts der wachsenden Bedeutung generativer KI in Wissenschaft und Gesellschaft zunehmend relevant werden.
(Foto: Jessica Wehner)
Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung wird das Format der Digital History Workshops weiterentwickeln und die methodische Reflexion des Einsatzes von KI in der Geschichtswissenschaft vertiefen. Die beim Slam präsentierten Projekte verstehen sich als Prototypen, die Anstöße für weitere Entwicklungen geben können. Einige der Apps sind bereits online zugänglich, andere befinden sich noch in der Weiterentwicklung.
Lesen als kritische Praxis: Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Erkundung. Das Studium der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung bedeutet nicht nur, sich mit Methoden, Fakten und Daten vertraut zu machen. Es geht darum, kritisches Denken zu entwickeln, analytische Kategorien zu hinterfragen und die Konstruktionsprozesse von Geschichte selbst zu verstehen.
Genau dabei will die NGHM-Leseliste die Osnabrücker Studierenden unterstützen: Sie versammelt 65 Werke, die natürlich nicht als Kanon verstanden werden sollen, sondern als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen unseres Fachs und den spezifischen Perspektiven und Forschungsfeldern, in denen die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig ist.
Warum genau diese Werke?
Die ausgewählten Bücher und Aufsätze beziehen sich nicht vor allem auf die neueste Forschungsliteratur. Stattdessen konzentrieren wir uns auf eine Auswahl von Werken von herausragender fachlicher Bedeutung, die grundlegende Fragen aufwerfen und methodische Ansätze entwickelt haben, die die Geschichtswissenschaft nachhaltig geprägt haben. Von Hannah Arendts Analyse totalitärer Herrschaft über Michel-Rolph Trouillots Reflexionen über die Produktion von Geschichte bis hin zu Edward P. Thompsons Untersuchung der englischen Arbeiterklasse: Diese Texte zeigen, wie Geschichtswissenschaft gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar macht, Narrative hinterfragt und alternative Perspektiven entwickelt.
Die Liste verbindet ganz unterschiedliche historiographische Traditionen und Forschungsansätze. Sie umfasst klassische Werke der Holocaust- und NS-Forschung (Friedländer, Hilberg, Browning), postkoloniale Theoriebildung (Said, Spivak, Fanon, Mbembe), migrationshistorische Grundlagentexte (Bade, Noiriel, Gatrell) und geschichtstheoretische Reflexionen (Bloch, Koselleck, White). Diese thematische Vielfalt ist kein Zufall: Sie spiegelt wider, dass historisches Denken multiperspektivisch sein muss und unterschiedliche analytische Traditionen produktiv miteinander in Dialog bringen kann.
Der Wissensgraph als Werkzeug.
Filtermöglichkeiten in der WebApp.
Was die NGHM-Leseliste von herkömmlichen Leselisten unterscheidet, ist ihre digitale Aufbereitung als Wissensgraph. Unsere (experimentelle) WebApp unter https://reader.nghm-uos.de ermöglicht es, die 65 Titel nicht nur linear zu durchlaufen, sondern ihre Verbindungen und Kontexte zu erkunden. Sie können die Sammlung nach Themenfeldern filtern, Schwierigkeitsgrade berücksichtigen oder sich an Sprachkenntnissen orientieren. Diese Funktionalitäten machen die Liste zu einem lebendigen Instrument, das verschiedene Zugänge zur Literatur eröffnet. Und übrigens: alle Titel sind analog oder digital direkt über die Osnabrücker Universitätsbibliothek verfügbar.
Der Graph visualisiert Beziehungen zwischen Werken, Autorinnen und Autoren sowie zwischen Themengebieten. Dieser intuitive Zugang erschließt – zumindest ansatzweise –, wie einzelne Texte in größere Debatten eingebettet sind und wie sich bestimmte Fragestellungen über verschiedene historiographische Schulen hinweg fortentwickeln. Diese Form der Darstellung will dazu ermutigen, Querverbindungen zu entdecken: Wie stehen postkoloniale Theorien in Beziehung zur Analyse von Zwangsmigration? Welche methodischen Parallelen gibt es zwischen mikrohistorischen Studien und der Untersuchung von Alltagspraktiken in totalitären Regimen? Solche Fragen lassen sich durch die explorative Struktur des Graphs produktiv untersuchen.
Lesen als Prozess, nicht als Checkliste!
Die Lernpfade laden zum Entdecken der Literatur eines Themenbereichs ein.
Die Leseliste ist kein Katalog, der mechanisch bearbeitet werden soll. Sie fungiert vielmehr als Orientierung in einem schier unüberschaubaren Feld geschichtswissenschaftlicher und theoretischer Literatur. Manche Texte werden Ihnen immer wieder in Vorlesungen und Seminaren des ersten Studienabschnitts begegnen, auf andere treffen Studierende erst in fortgeschrittenen Phasen des Studiums. Einige Werke wollen gleich mehrfach gelesen werden, weil sie je nach Kontext neue Einsichten bieten. Andere dienen als Nachschlagewerke, die punktuell konsultiert werden können.
Wichtig ist, die Texte nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil größerer Diskussionszusammenhänge verstehen zu lernen. Ein Buch wie Carlo Ginzburgs “Der Käse und die Würmer” steht für einen mikrohistorischen Ansatz, der individuelle Lebenswelten ernst nimmt. Es lässt sich produktiv mit Natalie Zemon Davis’ Arbeiten zur frühneuzeitlichen Kulturgeschichte oder Edward P. Thompsons sozialgeschichtlicher Perspektive verbinden. Gleichzeitig wirft es Fragen nach der Repräsentativität von Einzelfällen auf, die sich mit quantitativen oder strukturgeschichtlichen Ansätzen kontrastieren lassen.
Kritisches Denken als Kern …
Alle Werke auf der Liste verbindet ein kritischer Impetus. Sie fragen nach den Bedingungen historischer Erkenntnis, nach der Konstruktion von Kategorien sowie nach Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Marc Blochs “Apologie der Geschichtswissenschaft” formuliert grundlegende Fragen zum Beruf des Historikers. Hayden Whites “Metahistory” analysiert, wie narrative Strukturen historische Darstellungen prägen. Michel-Rolph Trouillots “Silencing the Past” untersucht, wie Machtverhältnisse bestimmen, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht.
Das Herzstück der WebApp: der Wissensgraph (Auszug).
Diese kritische Perspektive ist zentral für Forschung und Lehre der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Ob wir uns mit der Analyse von Migrationsregimen befassen, mit der Geschichte organisierter Gewalt oder mit Fragen der Erinnerungskultur: Immer geht es darum, die Kategorien und Begriffe zu hinterfragen, unsere Positionen und Methoden zu reflektieren und neues Wissen über Vergangenheit und die Produktion von Geschichte zu erarbeiten und zu vermitteln.
Praktische Nutzung der Liste!
Wie können Sie konkret mit der Leseliste arbeiten? Einige Vorschläge:
Thematische Zugänge: Wenn Sie sich für ein bestimmtes Thema interessieren, nutzen Sie die Themenfilter der WebApp, um relevante Grundlagentexte zu identifizieren. Ein Seminar zur Geschichte des Kalten Krieges könnte Sie zu Hobsbawms “Age of Extremes” führen, aber auch zu postkolonialen Perspektiven auf diese Epoche.
In der Detailansicht finden sich zahlreiche Informationen zu den Themengebieten oder Zusammenfassungen von einzelnen Werken.
Methodische Orientierung: Interessieren Sie sich für Digital History? Die Liste enthält mit dem Band von Döring, Haas, König und Wettlaufer einen aktuellen Überblick über Konzepte und Methoden. Verknüpfen Sie diese Lektüre mit klassischen geschichtstheoretischen Texten, um methodische Innovationen in größere historiographische Debatten einzuordnen.
Biografische Kontexte: Die WebApp bietet zu vielen Autorinnen und Autoren biografische Informationen. Nutzen Sie diese, um die intellektuellen Traditionen zu verstehen, aus denen die Werke hervorgegangen sind. Frantz Fanons Schriften lassen sich nur vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Psychiater und antikolonialer Aktivist verstehen. Hannah Arendts Theorie des Totalitarismus ist eng mit ihrer eigenen Fluchtgeschichte verbunden.
Vergleichende Lektüre: Lesen Sie gezielt Texte, die unterschiedliche Perspektiven auf ähnliche Phänomene bieten. Kombinieren Sie etwa Omer Bartovs Arbeiten zur Wehrmacht mit Christopher Brownings Studie zum Reserve-Polizeibataillon 101. Vergleichen Sie strukturgeschichtliche Ansätze (Wehler) mit kulturgeschichtlichen Perspektiven (Koonz, Fulbrook).
Ein offenes Angebot …
Auf der Detailseite eines Werks findet man neben einer Zusammenfassung auch weitere Literaturhinweise.
Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Aufbereitung verstehen sich als Service für Studierende, nicht als Vorschrift. Wir wollen die Liste kontinuierlich erweitern, digitale und analoge Standortnachweise ergänzen und kurze Besprechungen der Titel sowie Biografien der Autorinnen und Autoren hinzufügen. Diese Entwicklung ist bewusst als offener Prozess angelegt: Rückmeldungen, Ergänzungsvorschläge und kritische Kommentare sind ausdrücklich erwünscht.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie digitale Werkzeuge geschichtswissenschaftliches Lernen unterstützen können, ohne das kritische Lesen zu ersetzen. Der Wissensgraph bietet Orientierung und eröffnet Zugänge, aber die eigentliche intellektuelle Arbeit bleibt Ihnen und uns nicht erspart: das genaue Lesen, das kritische Nachfragen, das Verknüpfen von Argumenten, die Entwicklung eigener Positionen. Diese Fähigkeiten sind zentral für jede geschichtswissenschaftliche Praxis, ob in der Forschung, in der Lehre oder in der öffentlichen Wissensvermittlung.
Warum sich die Mühe lohnt!
Kritisches historisches Denken zu entwickeln, ist keine leichte Aufgabe. Es erfordert Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf komplexe Argumentationen einzulassen. Die Werke auf der NGHM-Leseliste sind nicht immer einfach zugänglich. Manche Texte setzen theoretische Vorkenntnisse voraus, andere arbeiten mit empirischen Details, die zunächst überwältigend wirken können. Aber genau darin liegt ihr Mehrwert: Sie fordern heraus, sie zwingen zum Nachdenken, sie eröffnen neue Perspektiven.
Historische Bildung bedeutet nicht nur, Wissen über die Vergangenheit zu erwerben. Sie schult analytische Fähigkeiten, die weit über das Fach hinaus relevant sind: die Fähigkeit, Quellen kritisch zu bewerten, Argumente zu rekonstruieren und zu beurteilen, komplexe Sachverhalte zu strukturieren, alternative Erklärungen zu entwickeln. Diese Kompetenzen sind in einer Welt, in der Informationen ubiquitär verfügbar sind, zugleich aber Desinformation und vereinfachende Narrative zunehmen, wichtiger denn je. Weiterführende Texte zur Orientierung in diesen Themenfeldern finden sich auch im Beriche „Lehre“ auf der NGHM Website.
Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Präsentation sind ein Hilfsmittel, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Nutzen Sie sie als Werkzeug für Ihr eigenes Lernen, als Ausgangspunkt für Diskussionen, als Grundlage für Ihre eigenen Forschungsprojekte. Lesen Sie kritisch, diskutieren Sie kontrovers, hinterfragen Sie auch die Auswahl, die wir getroffen haben. Denn auch hier geht es nicht einfach um das Reproduzieren von Wissen, sondern um die Entwicklung einer eigenständigen, kritischen historischen Perspektive.
Dieser Blogpost ist Teil der Lehrmaterialien der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge sind stets willkommen unter nghm@uni-osnabrueck.de oder auf unserem Blog nghm.hypotheses.org.
Wie lassen sich historische Fragestellungen mit digitalen Mitteln neu denken? Mit dieser Frage haben sich im Wintersemester 2025/26 Studierende des Historischen Seminars in der NGHM Digital History Werkstatt befasst.
Beim NGHM WebApp-Slam präsentieren die Studierenden nun ihre experimentellen WebApp-Prototypen – entwickelt mit historischen Fragestellungen, kritischer Reflexion und KI-gestützten Werkzeugen. Wir laden die interessierte Universitätsöffentlichkeit herzlich ein, digitale Geschichte als Experimentierfeld und Diskussionsraum kennenzulernen.
21. Januar 2026 | 13:00–14:30 Uhr | Raum 02/E05
Digital History als Experiment
Am Mittwoch, den 21. Januar 2026, veranstaltet das Team Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) gemeinsam mit den Studierenden des Historischen Seminars aus der Digital-History-Werkstatt des Wintersemesters 2025/2026 den ersten NGHM WebApp-Slam.
Zwischen 13:00 und 14:30 Uhr stellen Studierende ihre im Seminar entwickelten WebApp-Prototypen rund um historische Themen und Fragestellungen der interessierten Universitätsöffentlichkeit vor.
Ort: Universität Osnabrück, Raum 02/E05 (Das Gebäude lässt sich u. a. über den NGHM Campus Navigator finden.)
Einblicke in die Werkstattarbeit
Der WebApp-Slam ist kein Wettbewerb und keine Produktpräsentation. Er ist als Werkstattformat angelegt, in dem Studierende ihre digitalen Prototypen vorstellen, erläutern und gemeinsam mit dem Publikum diskutieren. Im Mittelpunkt stehen historische Fragestellungen, die mithilfe digitaler Methoden modelliert, zugespitzt und experimentell bearbeitet wurden.
Die im Seminar entstandenen WebApps sind bewusst vorläufige Prototypen. Sie verstehen sich nicht als abgeschlossene Forschungsinstrumente, sondern als Denk- und Diskussionsangebote: Sie machen Annahmen sichtbar, eröffnen Perspektiven und regen zur kritischen Auseinandersetzung mit historischen Prozessen, Narrativen und Quellen an.
Vibe Coding, KI und Wissenschaft
In der Digital-History-WebApp-Werkstatt arbeiten Studierende auch mit KI-gestützten Entwicklungsumgebungen. Häufig wird dieser Zugang als „Vibe Coding“ bezeichnet: Ideen, Fragestellungen und fachliche Anforderungen werden in strukturierte Beschreibungen übersetzt, aus denen sich erste digitale Prototypen entwickeln lassen. Diese werden anschließend geprüft, angepasst, erweitert – oder bewusst verworfen.
Unser Ansatz ist dabei klar: Künstliche Intelligenz ersetzt keine (geschichts)wissenschaftliche Analyse. Sie kann jedoch helfen, Ideen schneller sichtbar zu machen, Modelle zu testen und neue Fragen zu formulieren. Historische Urteilskraft, Quellenkritik, Kontextualisierung und Interpretation bleiben dabei uneingeschränkt Aufgabe von Historiker:innen.
Der WebApp-Slam macht diese Haltung konkret erfahrbar – anhand der Projekte selbst, ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Grenzen.
Projekte, Themen, Perspektiven
Die im Slam vorgestellten Prototypen decken ein breites thematisches und methodisches Spektrum ab. Dazu gehören unter anderem:
Simulationen historischer Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse,
interaktive Modelle historischer Ordnungs- und Verwaltungssysteme,
narrative Experimente, die Rollen, Perspektiven und Wissensformen reflektieren,
räumliche Visualisierungen historischer Routen, Infrastrukturen und Stadträume,
analytische Interfaces, die Geschichte über 3D-Modelle oder strukturierte Artefaktdaten erfahrbar machen,
sowie erste KI-gestützte Zugänge zur historischen Analyse und Vermittlung.
Allen Projekten gemeinsam ist der experimentelle Charakter: Sie sind offen, diskussionsfähig und darauf angelegt, Fragen zu stellen – nicht, abschließende Antworten zu liefern.
Einladung zur Diskussion
Mit dem NGHM WebApp-Slam laden wir alle ein, die sich für Digitale Geschichte, Geschichtswissenschaft und KI sowie neue Lehr- und Lernformate interessieren. Angesprochen sind Studierende, Lehrende und Mitarbeitende aller Fachrichtungen.
Der Slam bietet Gelegenheit, Prototypen auszuprobieren, mit Studierenden über ihre Konzepte ins Gespräch zu kommen und gemeinsam darüber zu diskutieren, welche Rolle digitale Methoden in der geschichtswissenschaftlichen Praxis spielen können – heute und in den kommenden Semestern.
Am 20. Januar 2026 referiert Prof. Dr. Christoph Rass in der Ringvorlesung “Lehren und Lernen in der digitalen Welt” des Zentrums für Lehrkräftebildung (ZLB) der Universität Osnabrück. Sein Vortrag unter dem Titel Geschichtswissenschaft^(Digital History × KI): Potenziale und Herausforderungen für Forschung und Lehre befasst sich mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Geschichtswissenschaft.
Dienstag, 20. Januar 2026, 16 bis 18 Uhr, Raum 01/B01, Universität Osnabrück.
Ein Exkursionsbericht von Leonie Schwiers und Greta Petersen
Am 28. November fand unter Leitung von Imke Selle und mit Unterstützung von Ilka Schwerdtfeger eine Exkursion zu der seit 2011 bestehenden Gedenkstätte Esterwegen statt. In der vorbereitenden Sitzung erhielten die Teilnehmenden einen ersten Überblick über die Geschichte der 15 ehemaligen ‘Emslandlager’, der während des Aufenthalts in der Gedenkstätte weiter vertieft wurde.
Unser Besuch in der Gedenkstätte Esterwegen begann mit einer Einführung zur Entstehung der Gedenkstätte und zur Geschichte der ‘Emslandlager’. Daran schlossen eine Führung über das Außengelände, die Besichtigung der Dauerausstellung und zweier Sonderausstellungen an. Die Sonderausstellungen beschäftigen sich zum einen mit der Polizei im NS-Staat und zum anderen mit dem Bundesland Niedersachsen während des Nationalsozialismus. Unser Besuch endete mit einer Diskussion zum Thema “Erinnerung früher und heute”.
Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert an einen Verbund aus 15 Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlagern, der zwischen 1933 und 1945 im Emsland und der Grafschaft Bentheim existierte. An den übrigen ehemaligen Lagerstandorten sind heute – abgesehen von einzelnen Informationstafeln – kaum noch Spuren der historischen Nutzung erkennbar. Vor diesem Hintergrund nimmt Esterwegen im regionalen Kontext eine besondere Stellung ein.
Das Lager in Esterwegen wurde zunächst als Konzentrations-, später als Strafgefangenenlager genutzt. Esterwegen war zwar kein Vernichtungslager, dennoch kamen viele Menschen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen, der geringen Lebensmittelversorgung, der harten Arbeit, die die Gefangenen verrichten mussten, und der massiven Gewalt, der sie ausgesetzt waren, ums Leben. In den Lagern im Emsland litten etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene. Während des Krieges kamen weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene hinzu. Mehr als 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern sind in diesen Lagern umgekommen.
Bereits 1933 wurden die ersten Lager im Emsland errichtet und nahmen im Sommer desselben Jahres die ersten Insassen auf. Esterwegen selbst wurde bis 1936 als Konzentrationslager genutzt, dessen Überwachung von der SS erfolgte. In dieser Zeit wurden dort vor allem politische Gegner inhaftiert, die ohne rechtsstaatliches Verfahren in „Schutzhaft“ genommen worden waren. Ab 1937 wurde es unter Aufsicht der Justizverwaltung gestellt und bis zum Kriegsende als Strafgefangenenlager verwendet, in dem neben verurteilten Straftätern – hier muss beachtet werden, dass während des NS auch Taten strafbar waren, die nach heutigem Recht nicht mehr strafbar wären, wie z.B. Homosexualität – sogenannte „Nacht‑und‑Nebel‑Gefangene“ aus den besetzten Gebieten festgehalten wurden. Beide Phasen sind gekennzeichnet durch die gleichbleibenden schlechten Lebensbedingungen im Lager und die Zwangsarbeit, die die Gefangenen verrichten mussten. Dazu zählen unter anderem alltägliche Prügelstrafen auf der Lagerstraße und die Kultivierung der Moore. Die harte Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussen, ist auch Thema im Moorsoldatenlied, welches im ehemaligen ‘Emslandlager’ Börgermoor entstanden ist und sich schnell zu einem Widerstandslied entwickelte, das sich trotz seines Verbots schnell verbreitete. Ein Großteil der örtlichen Bevölkerung begrüßte die Einrichtung der Lager, da sie dadurch unter anderem einen vermehrten Zugang zu Arbeitskraft erhielt und sich einen wirtschaftlichen Aufschwung für das Emsland erhoffte.
Nach 1945 wurde das Lager Esterwegen weiter verwendet und es wurden dann zunächst Displaced Persons untergebracht. Danach nutzten man das Lager als Strafanstalt und am Schluss für militärische Zwecke der Bundeswehr.
Im Anschluss an die theoretische Einführung haben wir uns im Foyer der Gedenkstätte den historischen Aufbau des Lagergeländes anhand eines Luftbildes angesehen. Esterwegen zeichnete sich damals besonders durch die weiße Ziegelsteinmauer als Umrandung des Lagers aus, die von dem Erbauer als besonders schön empfunden wurde. Visuell wird hier auch die Unterteilung in Wachmannschafts- und Gefangenenbereich deutlich. Auffällig war hier die parkähnliche Gestaltung des Wachmannschaftsbereiches mit Anpflanzungen, einem Goldfischteich sowie Freizeitbereichen mit Sportplatz und Freibad. Im Gegensatz dazu waren im Gefangenenbereich lediglich die 10 x 40 Meter großen Baracken erkennbar.
Die Exkursionsgruppe an einem Luftbild des ehemaligen Lagers Esterwegen (Foto: Ilka Schwerdtfeger).
Anschließend haben wir uns auf das ehemalige Lagergelände begeben. Allgemein soll hier das Hauptaugenmerk auf den Gefangenen liegen, weshalb die Gestaltung im ehemaligen Wachmannschaftsbereich bewusst zurückhaltend ist. Beim Entlanggehen der früheren Lagerstraße, fällt auf, dass sich deren Verlauf trotz der Veränderungen im Gelände noch nachvollziehen lässt. An Aussparungen im Boden – sogenannten Zeitfenstern – ist noch der ursprüngliche Schotter erkennbar. An den massiv gewachsenen Bäumen wird sichtbar, wie viel Zeit seit den Ereignissen vergangen ist.
Die Exkursionsgruppe auf dem Außengelände der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Ilka Schwerdtfeger)
Zu Beginn der Führung haben wir den ehemaligen Bereich der Wachmannschaften und den Ort des ehemaligen Eingangstors besichtigt. Statt eines exakten Nachbaus des Tors entschied man sich hier für ein symbolische Gestaltung. Der Spalt im Tor erinnert daran, dass Gefangene nach außen blicken konnten und dass die Gesellschaft das Lager gesehen, aber nicht eingegriffen hat.
Die Exkursionsgruppe vor dem ehemaligen Eingangstor des Lagers (Foto: Ilka Schwerdtfeger).
An dieser Stelle befinden sich zwei Gedenksteine. Einer trägt die Inschrift „Die Hölle am Waldesrand“ und wurde von der Vereinigung der Moorsoldaten aufgestellt, der Zweite erinnert an den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der in Esterwegen inhaftiert war.
Am Rand der ehemaligen Lagerstraße befinden sich einige der wenigen baulichen Überreste. Die erhaltenen Stufen führten in der Zeit des Lagers zu einem Denkmal für zwei Wachleute, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Heute liegt dieses Denkmal unter der Erde verborgen. Die Entscheidung, es nicht erneut sichtbar zu machen, wurde bewusst getroffen und war Teil einer grundlegenden Diskussion darüber, an wen und was man erinnert. An dieser Stelle haben wir überlegt, wie wir mit einem solchen Relikt umgehen würden. Die unterschiedlichen Positionen in der Gruppe verdeutlichten, wie komplex die Frage nach angemessener Erinnerung ist. Ebenfalls wurde deutlich, vor welchen Herausforderungen Gedenkstätten stehen. Was soll sichtbar sein? Wie gewichtet man Erinnerung? Und welche Formen des Gedenkens erscheinen verantwortbar?
Die Exkursionsgruppe vor dem Treppenaufgang, der früher zu einem Denkmal für zwei Wachleute führte (Foto: Ilka Schwerdtfeger).
Der Übergang in den ehemaligen Gefangenbereich wird heute durch Stahlelemente und ein symbolisches Tor markiert. Dieses lässt bewusst Interpretationsspielraum zu. Manche assoziieren seine Form beispielsweise mit einem Trichter, als Metapher für die zunehmend ausweglosen Schicksale vieler Gefangener. Besonders eindrucksvoll sind hier die Baumpakete, welche die Maße der ehemaligen Baracken abbilden und aus genau 100 Bäumen bestehen, angelehnt an die Zahl der Menschen, die in einer Baracke untergebracht waren. Die Entscheidung über die Gestaltung wurde gemeinsam mit ehemaligen Gefangenen getroffen. So sollen die Bäume an die Personen im Gebäude erinnern, nicht an die bauliche Struktur. Das „lebendige“ Erinnerungsmedium soll stellvertretend dafür stehen, dass auch die Erinnerung an die Gefangenen lebendig bleibt. Gleichzeitig hat unser Guide betont, dass gerade jüngere Besucher:innen häufig einen Nachbau der Baracken erwarten, wodurch erneut deutlich wird, wie unterschiedlich Erwartungen an Erinnerungsorte ausfallen können.
Am Ende des Gefangenbereichs angekommen wurde uns erklärt, dass die Gedenkstätte nicht nur Esterwegen, sondern alle Standorte der ehemaligen ‘Emslandlager’ in den Blick nehmen möchte. Da an vielen dieser Orte kaum bauliche Überreste erhalten sind und die Zeit dort gewissermaßen „weitergegangen“ ist, verweist eine namentliche Auflistung an einer Corten-Stahlwand auf ihre Existenz und Geschichte.
Die Dauerausstellung präsentiert die chronologischen Abläufe in dem Zeitraum von 1933 bis 1945. Dabei werden sowohl zentrale Ereignisse, die Deutschland unmittelbar betrafen, als auch spezifische Lebensgeschichten der Gefangenen in Esterwegen und anderen Lagern dargestellt. Fotos, Texte und Objekte, wie Uniformen, dokumentieren die Geschichte der ‘Emslandlager’. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Erfahrungen der Häftlinge bei der Arbeit im Moor sowie ihr Leben und Leiden in den Lagern. Eine Portraitwand zeigt einen Teil der Gefangenen in den ‘Emslandlagern’, worunter auch drei Frauen zu finden sind. Hierbei handelt es sich um Frauen aus der polnischen Heimatarmee, die im Lager Oberlangen inhaftiert waren. Einen Bericht über eine Exkursion bei der die polnische Nachkriegsgeschichte im Emsland in den Fokus genommen wurde finden Sie hier.
Die Studierenden in der Dauerausstellung der Gedenkstätte (Fotos: Ilka Schwerdtfeger).
Fortgeführt wurde die Ausstellung in einem weiteren kleineren Raum, der die Entwicklung des Lagers nach 1945 beleuchtet. Große Aufmerksamkeit erhielt hier das Lagermodell des Lagers Aschendorfermoor. Dieses wurde von einem Gefangenen aus seiner Erinnerung heraus selbst nachgebaut. Erkenntlich werden hier die Unterschiede zwischen dem Bereich der Wachmannschaften und dem der Gefangenen.
Die Studierenden am Modell des ehemaligen Lagers Aschendorfermoor (Foto: Ilka Schwerdtfeger).
Zum Zeitpunkt unseres Besuchs befanden sich in der Gedenkstätte noch zwei Sonderausstellungen. Unter dem Titel „Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat“ wurde in Kooperation mit der Polizei Niedersachsen, die NS-Vergangenheit der Polizei aufgearbeitet. Die Ausstellung gibt unter anderem Informationen über eine der wenigen Verurteilungen eines Polizeibeamten in Niedersachsen. Friedrich Pradel trug durch den Umbau eines Lastkraftwagens, auf dessen Ladefläche Menschen mit Auspuffabgasen umgebracht wurden, zu dem Mord an mehreren Tausend Menschen bei.
Die zweite Ausstellung „Auf deutschem Boden für die ganze Welt“ zeigt die Entwicklung der Geschichte von 1933 bis 1945 im heutigen Niedersachsen. Anhand von Weltkarten werden unter anderem die lokalen und regionalen Bezüge aus Niedersachsen zu globalen Ereignissen deutlich. Zudem wird auf große Bauprojekte wie Truppenübungsplätzen oder dem Marinehafen in Niedersachsen eingegangen.
Abschließend sammelten wir gemeinsam unsere Eindrücke von den verschiedenen Ausstellungen und schauten einen Reportage von 1966, welcher im Emsland aufgenommen wurde. In dieser wurden verschiedene Personen der emsländischen Bevölkerung zu ihrem Wissen über die ‘Emslandlager’ befragt. Dieser Film zeigte, dass sich viele Menschen nicht mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben und wenig über die Hintergründe der ‘Emslandlager’ wussten. Anhand der Reportage haben wir gemeinsam über die Erinnerung an den NS früher und heute diskutiert und über positive Entwicklungen, aber auch Rückschritte gesprochen. Eine große Schwierigkeit, die dabei immer wieder zur Sprache kam, ist der Verlust der Zeitzeug:innen.
Exkursionsankündigungen
Im Januar 2026 bietet Team NGHM mehrere weitere spannende Exkursionen an:
Am 16. Januar findet eine Tagesexkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt. Die Exkursion umfasst eine thematische Einführung und verschiedenen Stationen im Gelände. Neben der Hauptausstellung und dem ehemaligen Häftlingslager werden weitere Orte im Gelände (Stichkanal, Klinkerwerk, Tongruben, Kommandantenhaus) erkundet oder, je nach Interesse der Gruppe, eine weitere Ausstellung einbezogen. Am 23. Januar gibt es zudem die Möglichkeit an einer digitalen Tagesexkursion teilzunehmen, bei dir wir online das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erkunden werden.
Am 19. und am 27. Januar findet zudem eine zweigeteilte Tagesexkursionnach Ibbenbüren statt. Am 19. Januar 2026 findet vormittags (9 Uhr oder 11.15 Uhr) im Bürgerhaus Ibbenbüren die Vorführung des Films “Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscana statt. Der Film thematisiert das Schicksal von Anna Strishkowa, die als Kleinkind am 4. Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz stand. Weder kannte sie die Namen ihrer Eltern, noch wusste sie, wo sie geboren wurde – bis heute. Am 27. Januar 2026 findet um 19.30 Uhr im Kulturhaus Ibbenbüren ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zarbarko (Holocaustüberlebender) statt. Prof. Dr. Christoph Rass wird die einleitenden Worte sprechen.
Der 3. Dezember 2025 stand für die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ganz im Zeichen zweier zentraler Aspekte universitärer Arbeit: der innovativen Lehre und der kritischen Reflexion über die gesellschaftliche Rolle der Geschichtswissenschaft.
Am Nachmittag präsentierte das NGHM-Team beim ersten “Tag der Lehre” an der Universität Osnabrück zwei LehrZeit-Projekte, die exemplarisch zeigen, wie digitale Methoden und gesellschaftliche Verantwortung in der Lehre zusammenwirken können.
Am Abend diskutierte Christoph Rass mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Historischen Seminar im Rahmen des Forums HistOS die Frage “Wozu Geschichte?” – eine Debatte über die gesellschaftliche Relevanz der Geschichtswissenschaft, die weit über akademische Legitimationsdiskurse hinausgeht.
Beide Veranstaltungen stehen für die Überzeugung, dass die Geschichtswissenschaft ihre gesellschaftliche Wirksamkeit dort entfaltet, wo Forschung, Lehre und öffentliches Engagement produktiv ineinandergreifen.
Was ist gute Lehre?
Am 3. Dezember fand an der Universität Osnabrück zum ersten Mal der „Tag der Lehre“ statt. Bei dieser Veranstaltung wurden einerseits die neuen LehrZeit-Preisträger:innen der Förderrunde 2025/26 geehrt und andererseits die LehrZeit-Projekte der Jahre 2022/23 bis 2024/25 vorgestellt.
Das hochschulinterne Förderformat „LehrZeit“ existiert seit 2018 und unterstützt Projekte, die neue Wege in der universitären Lehre erproben und zugleich die Qualitäts- und Qualifikationsziele (Q-Ziele) der Universität – Wissenschaftlichkeit, Interdisziplinarität, Profilbildung und Persönlichkeitsbildung – stärken. Im Zentrum steht dabei die Idee, Lehrende und Studierende gemeinsam an der konzeptionellen Weiterentwicklung von Lehr- und Lernformaten zu beteiligen und ihnen dafür gezielt Freiräume zu eröffnen.
Der “Tag der Lehre” bot Lehrenden und Studierenden die Möglichkeit, die vielfältigen LehrZeit-Projekte aus verschiedensten Förderrunden in einem World-Café und bei Posterpitches kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Das NGHM-Team bei den Posterpitches (links) und beim World-Café (rechts) (Fotos: Ilka Schwerdtfeger & Bjarne Groß).
Auch die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung war am “Tag der Lehre” mit zwei Projekten zu den Schwerpunktthemen Digitalisierung sowie Persönlichkeitsbildung und zivilgesellschaftliche Kompetenz vertreten, die wir im Rahmen der Veranstaltung präsentierten.
Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle präsentierten die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ aus der Förderrunde 2022/23. Im Rahmen dieses Projektes wurden – gemeinsam mit Prof. Dr. Lale Yildirim (Didaktik der Geschichte, inzwischen Uni Kiel) und Prof. Dr. Michael Brinkmeier (Didaktik der Informatik) – interdisziplinäre Lehr-Lernformate entwickelt und erprobt, in denen Studierende der Geschichtswissenschaft und der Informatik gemeinsam eine virtuelle Ausstellung konzipierten. Grundlage bildeten 3D-Scans historischer Denkmäler, die digital rekonstruiert, historisch kontextualisiert und schließlich in einem hybriden Ausstellungssetting erfahrbar gemacht wurden.
Das Projekt eröffnete den beteiligten Studierenden nicht nur neue technische Zugänge zu historischen Objekten, sondern auch ein vertieftes Verständnis dafür, wie digitale Rekonstruktion, forschungsorientiertes Lernen und historische Vermittlung miteinander verknüpft werden können.
Eindrücke vom Stand des LehrZeit-Projektes “Forschen, Vermitteln, Ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft” beim World-Café (Fotos: Ilka Schwerdtfeger & Jessica Wehner).
Darüber hinaus stellten Dr. Sebastian Musch (Alfred Landecker Lecturer in der Arbeitsgruppe NGHM), Maria Flores Rojas, Bjarne Groß und Gloria Sherif das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien angedockte LehrZeit-Projekt „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Verstehen, Reflektieren, Handeln“ aus der Förderrunde 2024/25 vor. Am Projekt beteiligt waren darüber hinaus auch Helen Schwenken, Jamila Brüggemann und Mira Hazzaa.
Ziel des Projekts war die Entwicklung eines Lehrkonzepts, das beide Phänomene gemeinsam betrachtet, um Studierende für ihre historischen wie gegenwärtigen Wechselwirkungen zu sensibilisieren. Im Mittelpunkt standen kritische Reflexion, der Aufbau analytischer Kompetenzen sowie die Erarbeitung praxisorientierter Zugänge für eine rassismus- und antisemitismuskritische Lehre.
Eindrücke vom Stand des LehrZeit-Projekts “Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Verstehen, Reflektieren, Handeln” (Fotos: Ilka Schwerdtfeger & Jessica Wehner)
Beide Projekte zeigen exemplarisch, wie vielfältig die inhaltlichen und methodischen Zugänge der Arbeitsgruppe NGHM an der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung sind – und wie sich Forschung, Lehre und gesellschaftliche Verantwortung produktiv miteinander verbinden lassen. Der “Tag der Lehre” bot uns die Gelegenheit, diese Ansätze sichtbar zu machen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie innovative Lehrformate dauerhaft in die universitäre Praxis integriert werden können.
Wozu Geschichte?
Ebenfalls am 3. Dezember 2025 fand im Rahmen des Forums HistOS eine Roundtable-Diskussion zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft statt, an der auch Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück, teilnahm. Die von Dr. Jörgen Wolf moderierte Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Epochen – von der Alten Geschichte über die Mittelalterliche Geschichte und Frühe Neuzeit bis zur Geschichtsdidaktik – machte deutlich, dass die Frage nach dem gesellschaftlichen Beitrag der Geschichtswissenschaft keine abstrakte Legitimationsdebatte ist, sondern vielmehr einen Kernbereich unserer beruflichen Praxis betrifft: Wie machen wir die Befunde unserer wissenschaftlichen Arbeit gesellschaftlich wirksam – in der Lehre, aber auch über die Ausbildung von Studierenden hinaus?
Rass argumentierte dabei, dass nicht zuletzt zwei Handlungsfelder sich als zentral erweisen, um die Erkenntnisse und Befunde der Geschichtswissenschaft gesellschaftlich wirksam zu machen: gesellschaftliches Engagement, ein Eingreifen in Debatten mit geglückter Übersetzung von wissenschaftlichem Wissen für diverse Zielgruppen, und fachliche Innovation mit Blick auf methodische Aspekte – gerade im Kontext des aktuellen digitalen Technologiesprungs – und mit Blick auf die Fragestellungen, die Geschichtswissenschaft bearbeitet.
Gesellschaftliches Engagement bedeutet dabei nicht nur, Fachwissen bereitzustellen, sondern gerade historisches Wissen in verständlicher Form zu vermitteln, aktiv an der Gestaltung von Erinnerungskultur mitzuwirken, dominante historische Narrative stets kritisch zu hinterfragen und die politische Dimension der Geschichtsproduktion reflexiv sichtbar zu machen. Dies fordert geradezu die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen sowie auch Gedenkstätten, Museen und Bildungseinrichtungen – und es verlangt uns die Bereitschaft ab, öffentlich Stellung zu beziehen, wenn Geschichte instrumentalisiert oder Fakten verdreht werden.
Fachliche Innovation verstehen die Osnabrücker Historiker:innen als eine kontinuierliche methodische Weiterentwicklung, die es ermöglicht, neue Fragen zu stellen und komplexe historische Prozesse mit Blick auf den Ereignishorizont sowie auf die Übersetzung von Vergangenheit in Geschichte multiperspektivisch und präziser zu erfassen.
Für die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung schließt das explizit auch die Integration digitaler Methoden – von GIS-basierter Analyse über die Erschließung von Archivbeständen mittels künstlicher Intelligenz bis zur Entwicklung virtueller Vermittlungsformate – ein. Methodische Innovation in Forschung und Lehre eröffnet auf diese Weise nicht nur neue Forschungsperspektiven, sondern schafft auch neue Vermittlungsformate, die Geschichte zugänglicher machen und zugleich den kritischen Umgang mit Geschichtsproduktion schulen können. Gerade in diesem Semester, so referierte Rass, programmieren Osnabrücker Geschichtsstudierende in einer seiner Veranstaltungen zum ersten Mal eigene Web-Apps, um geschichtswissenschaftliche Inhalte über digitale Formate auf neue Art und Weise lesbar zu machen.
Studierende und Lehrende des Historischen Seminars sowie interessierte Zivilgesellschaft bei der Diskussion zur Relevanz der Geschichtswissenschaft (Fotos: Jessica Wehner)
Ein weiterer Punkt in der Diskussion drehte sich um einen bisweilen übersehenen Aspekt der geschichtswissenschaftlichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen Relevanz: Die Kompetenzen, die Historiker:innen im Studium erwerben, haben einen Wert, der weit über die wissenschaftliche Arbeit in der Disziplin hinausreicht.
Kritisches Denken, der hinterfragende Umgang mit komplexen und stets unvollständigen Informationen, die Fähigkeit zur Kontextualisierung und Quellenanalyse, die Kompetenz, neues Wissen nach wissenschaftlichen Standards zu erarbeiten – all dies sind Fähigkeiten, die in einer Zeit zunehmender Informationsüberflutung und gezielter Desinformation gesellschaftlich dringend gebraucht werden. Wenn wir unseren Studierenden, gerade auch denjenigen, die später Lehrer:innen werden, beibringen, ihre Quellen zu prüfen, Narrative zu dekonstruieren und mit Unsicherheit methodisch kontrolliert umzugehen, befähigen wir sie nicht nur für akademische Karrieren, sondern für eine reflexive Teilhabe an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen – und für die Vermittlung dieser Kernkompetenzen der modernen Welt an ihre späteren Schüler:innen.
Geschichtswissenschaft kann ihre gesellschaftliche Relevanz nicht einfach postulieren oder bedauern, dass sie ihr abhanden käme. Wir können die Relevanz des Faches immer wieder durch kontinuierliches Engagement sowie inhaltliche und methodische Innovation neu herstellen. Die Antwort auf die Frage “Wozu Geschichte?” wird dann nicht zu einer defensiven Rechtfertigung, sondern zum selbstbewussten Verweis darauf, was wir als Fach leisten können und wollen – in der Forschung, in der Lehre und im öffentlichen Raum.
Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.
In der dritten Ausgabe berichtet Annika Heyen über ihre Arbeit als Historikerin.
Annika Heyen studierte Geschichte und Kulturwissenschaft im Zwei-Fächer-Bachelor an der Universität Bremen sowie den Fachmaster Geschichtswissenschaft mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Seit 2022 promoviert sie zur “Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” und ist seit 2024 Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Historische Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”.
Wie bist du Historikerin geworden?
Ich bin ein sogenanntes „Arbeiterkind“, soll heißen: akademische Berufe gab es in meinem familiären Umfeld nicht. „Historikerin“ war also kein Beruf, der in meinem Mikrokosmos existierte. Nach meinem Schulabschluss plante ich, Journalistin zu werden. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren Mitglied der Jugendredaktion der Nordsee-Zeitung und hatte Freude am Schreiben. Um auszuprobieren, ob das wirklich ein guter Beruf für mich ist, hospitierte ich mehrere Monate als Praktikantin bei der Nordsee-Zeitung sowie in der Presse- und Marketingabteilung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Dort teilte ich mir in den ersten Wochen ein Büro mit einem der Historiker, Christoph Bongert, und stellte fest: Pressearbeit? Spannend, aber was Christoph da macht, interessiert mich noch viel mehr! Der Journalismus war für mich noch nicht ganz vom Tisch, aber für das nächste Wintersemester schrieb ich mich für den Zweifächerbachelor mit Geschichte im Profil- und Kulturwissenschaft im Komplementärfach an der Universität Bremen ein. Während meines Bachelorstudiums weckte vor allem die Geschichte der Sklaverei – ein Schwerpunkt der dortigen Professur für die Geschichte der Frühen Neuzeit – mein Interesse. Ich hatte das Glück, im EU-geförderten Datenbankprojekt „German Slavery“ als studentische Hilfskraft für Rebekka von Mallinckrodt arbeiten zu dürfen und so erste Einblicke in die Arbeit von Historiker:innen an der Universität zu erhalten. Parallel dazu blieb ich allerdings auch als Guide am Deutschen Auswandererhaus, wo mir im Museumsshop immer wieder die Bücher eines gewissen Jochen Oltmer ins Auge fielen. Über ihn bin ich auf das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und den daraus resultierenden Schwerpunkt auf die Migrationsforschung auch im Fach Geschichte aufmerksam geworden. Für das Masterstudium wechselte ich an die Universität Osnabrück. Während meines Fachmasterstudiums mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung durfte ich als studentische Hilfskraft für Jochen Oltmer arbeiten und ihn unter anderem bei Recherchen für seine Publikation “Die Grenzen der EU” unterstützen. Anfang 2022 ging mein Masterstudium nahtlos in die Promotion über, gefördert durch ein Stipendium der Gerda Henkel Stiftung. Ohne dieses Stipendium hätte ich die Uni wohl nach dem Abschluss verlassen, um in den Archivarsdienst, ins Museumsvolontariat oder doch wieder den Journalismus zu wechseln; das Arbeiterkind in mir hatte über eine Promotion nicht einmal nachgedacht, bis sich die konkrete Gelegenheit bot. Parallel zu meiner Promotion betreute ich kleinere Projekte zur Digital Public History und Erinnerungskultur an die Verbrechen des NS-Regimes sowohl in Niedersachsen als auch in Osteuropa. Das lief ziemlich gut und als die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration“ bewilligte, schlug Christoph Rass mich für die Stelle der Projektkoordinatorin des Transferprojekts vor.
Was sind deine Aufgaben als Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”?
Transferprojekte in Sonderforschungsbereichen haben für gewöhnlich die Aufgabe, Wissen aus dem SFB in die Öffentlichkeit zu tragen, also Wissenstransfer herzustellen. Deshalb ist es einigermaßen ungewöhnlich, dass wir bereits in der ersten Förderphase ein Transferprojekt haben, denn erst einmal muss ja Wissen generiert werden, bevor es nach außen getragen werden kann. Unser Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” geht aber ein Stück weiter und will auch Wissen aus der Zivilgesellschaft in den SFB hineintragen. Konkret untersuchen wir, inwiefern digitale Werkzeuge, vor allem Virtual Reality, dazu eingesetzt werden können, Agency bei der Herstellung und Erzählung von Geschichte weg von etablierten Akteuren und hin zu migrantisierten und deshalb oft marginalisierten Personen zu verschieben.
VR als Werkzeug bei der Erzählung und Vermittlung von Geschichte (Foto: NGHM).
Dazu haben wir zwei Werkzeuge und Projektzweige entwickelt. Der sogenannte Exhibition Builder ermöglicht es Angehörigen zivilgesellschaftlicher Gruppen, ihre eigenen Geschichten in VR-Ausstellungen zu erzählen. Hier arbeiten wir eng mit unserem externen Anwendungspartner, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), das einerseits seine deutschlandweit größte Sammlung von migrationsbezogenen Objekten und andererseits Erfahrungen im Bereich der Museumspädagogik und Ausstellungsgestaltung mit ins Projekt einbringt. Der sogenannte Place Changer arbeitet mit real existierenden Orten, von denen wir digitale und veränderbare Zwillinge herstellen. So können wir beispielsweise an Orten, an denen Menschen Opfer rassistischer Gewalt geworden sind, Denkmäler errichten. Den Ort digital transformiert zu sehen, kann wiederum Debatten über den real existierenden Ort anstoßen.
(v.l.n.r.) Julia Becker, Lale Yildirim, Michael Brinkmeier, Diane Doan Hoang Dy, Christoph Rass, Aladin El-Mafaalani, Annika Heyen und Han Eckelberg während der Auftakttagung des Sonderforschungsbereichs 1604 im Oktober 2024. Hoang Dy und Eckelberg vom Wing Luke Museum in Seattle berieten das Transferprojekt im Hinblick auf Community Driven Narratives (Foto: NGHM).
Am Transferprojekt sind allein innerhalb des SFB vier verschiedene Professuren aus vier verschiedenen Disziplinen und Subdisziplinen an drei Standorten beteiligt: Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung unter Christoph Rass und die Professur für Sozialpsychologie unter Julia Becker in Osnabrück, die Professur für Didaktik der Geschichte unter Lale Yildirim an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und die Professur für Migrations- und Bildungssoziologie unter Aladin El-Mafaalani an der Technischen Universität Dortmund. Hinzu kommen unser externer Anwendungspartner, das DOMiD, sowie unsere technischen Anwendungspartner, Michael Brinkmeier von der Professur für Didaktik der Informatik und Thomas Jarmer und Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung. Meine Aufgabe als Koordinatorin ist es, dafür zu sorgen, dass alle Projektbeteiligten miteinander im Gespräch bleiben, Termine zu koordinieren, das Budget des Projekts zu überwachen und die studentischen Hilfskräfte anzuweisen. Gleichzeitig bin ich das Sprachrohr zu den anderen Projekten des SFBs und zum sogenannten „Reflexivity Lab“ sowie zur Verwaltung. Nach außen bin ich die Ansprechperson für potentielle Kooperationspartner, zuletzt für das Projekt „Hermes“ der Deutschen Nationalbibliothek.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was macht dir am meisten Spaß?
Einen typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich gar nicht. Das ist zwar einerseits eine Herausforderung, andererseits aber auch eine der schönen Seiten unseres Berufs: Jeder Tag ist anders; wir treffen viele interessante Menschen und dürfen an spannende Orte reisen. Wie unsere Tage aussehen, wird letztendlich davon bestimmt, was gerade ansteht. Gerade haben wir beispielsweise wieder eine sehr produktive Phase im Transferprojekt, in der wir unser bisheriges Workshopkonzept für den Exhibition Builder überarbeiten und uns mit unseren Partner:innen über das weitere Vorgehen beraten. Da verbringe ich auch mal den einen oder anderen Arbeitstag in Videokonferenzen oder damit, E-Mails zu beantworten, Konzepte zu erstellen, Workshops zu organisieren und Konferenzbeiträge vorzubereiten.
Zusätzlich lebt mein Arbeitsalltag vom Austausch mit meinen Kolleg:innen im Sonderforschungsbereich, an der Professur und vor allem auch der Arbeitsgruppe „Negotiating Migration“, in der wir alle zu Themen der gewaltinduzierten Migration infolge des Zweiten Weltkriegs arbeiten. Abgesehen von regelmäßigen Präsentationen im Kolloquium der Professur und im Integrierten Graduiertenkolleg des SFB sind die Diskussionen in dieser kleinen Gruppe und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Forschung ein wichtiger und inspirierender Bestandteil meines Universitätsalltags. Es gibt aber auch immer wieder ruhigere Arbeitsphasen, gerade in der vorlesungsfreien Zeit, in denen ich mich intensiver mit meiner Dissertation beschäftige. Das bedeutet vor allem das Auseinandersetzen mit und Analysieren meines Quellenmaterials sowie immer wieder intensive Schreibphasen, in denen ich meine Erkenntnisse in Form von Aufsätzen oder Dissertationskapiteln zu Papier bringe. Gerade habe ich die Arbeit an einem Beitrag für eine Special Issue zum Thema „Refugee Agency“ für das Journal of Contemporary History abgeschlossen. In solchen Phasen sitze ich auch schon mal von morgens bis abends vor dem PC und schreibe.
Die “Neg-Migs” (v.l.n.r.): Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Sebastian Musch, Jessica Wehner, Annika Heyen (Foto: NGHM).
Das Schreiben ist einer von drei Aspekten, die mir besonders an meinem Beruf gefallen, auch wenn dieser Prozess mir manchmal Blut, Schweiß, Tränen und reichlich Nerven abverlangt. In solchen Momenten verstehe ich sehr gut, was Dorothy Parker meint, wenn sie schreibt: „Ich hasse es zu schreiben, ich liebe es geschrieben zu haben.“ Allerdings ist das Schreiben auch eine Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Vielleicht nicht gerade etwas, was Außenstehende mit akademischer Arbeit verbinden, aber wahr: Historiker:innen hinterfragen bestehende Narrative über unsere Vergangenheit und interpretieren und erzählen Geschichte, basierend auf ihren Quellenbefunden und geleitet von Fragen aus der Gegenwart, neu.
Der zweite Aspekt, der mir besonders an meinem Beruf gefällt, ist das Reisen. Ich habe das große Glück und Privileg, dass das Stipendium der Gerda Henkel Stiftung auch ein Budget für Forschungsreisen umfasste. Das hat es mir ermöglicht, für Archivrecherchen nach London, New York, Washington, D.C., und sogar nach Bermuda zu reisen. Konferenzen, Workshops, Summer Schools und die Projektarbeit haben mich außerdem in verschiedene Städte innerhalb Deutschlands sowie nach Brighton, Warschau, Vilnius und Odense geführt.
Auf Dienstreise in New York, Bermuda und Washington, D.C. (Fotos: Annika Heyen).
Das dritte Lieblingselement ist eng mit dem Reisen verknüpft: Archivaufenthalte. In Archiven herrscht immer diese geschäftige, aufgeregte und gleichzeitig meditativ stille Atmosphäre. Jede:r ist in sein und ihr Projekt und das Quellenmaterial versunken, und doch liegt die Neugier auf die Geheimnisse der Vergangenheit als verbindendes Moment ebenso in der Luft wie der Geruch nach Staub und Papier. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Alten genauso wie vor den Archivar:innen als strenge und zugleich serviceorientierte Hüter:innen dieser Schätze, der subtile Nervenkitzel der eigentlichen Spurensuche der Historikerin und – im Idealfall – das eine oder andere Heureca machen Archivaufenthalte immer wieder zu einem spannenden Erlebnis, das sich auch nicht in Museen oder Bibliotheken reproduzieren lässt.
Bei der Recherche in den National Archives and Records Administration in Washington, D.C., und bei der Quellenausgabe in den National Archives des Vereinigten Königreichs in London (Fotos: Franziska Lamp und NGHM).
Warum hast du dich für dein Dissertationsthema entschieden? Was fasziniert dich daran?
Eigentlich war es andersherum: Das Dissertationsthema hat sich für mich entschieden. Mein Kollege und Co-Betreuer Sebastian Musch war bei seinen Recherchen über die Bermuda-Konferenz gestolpert und hatte 2021 ein Projekt zu diesem Thema bei der Gerda Henkel Stiftung beantragt, das er selbst aufgrund anderer Verpflichtungen aber nicht durchführen konnte. Da ich mich zu dem Zeitpunkt auf der Zielgeraden meines Masterstudiums befand – ich schrieb gerade betreut von ihm und Christoph Rass meine Abschlussarbeit über das Phänomen der „Übersiedelungen“ im Königreich Hannover zwischen 1830 und 1866 – und ich mich sehr interessiert an Themen der Historischen Migrationsforschung und speziell der Entwicklung des Flüchtlingsregimes der Nachkriegszeit zeigte, schlug er mich als alternative Empfängerin des Stipendiums vor. Zu meinem großen Glück ließ sich die Gerda Henkel Stiftung auf den Wechsel ein und ich konnte im Februar 2022 mit meiner Promotion unter dem Arbeitstitel „Die Bermuda-Konferenz 1943. Die Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?“ beginnen. In meinem Dissertationsprojekt versuche ich, die Bermuda-Konferenz, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren schon einmal das Interesse von Historiker:innen erregte, aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung als formierendes Moment des modernen Migrationsregimes neu zu erzählen. Da die ältere Forschungsliteratur vor allem aus dem Bereich der Holocaustforschung stammt, wurde diesem Aspekt bislang wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Außerdem gibt es auch noch keine eigene Monographie, die sich ausschließlich mit der Bermuda-Konferenz befasst. Ergo werden die bisherigen Kapitel und Aufsätze zu diesem Thema der Komplexität der Konferenz in meinen Augen nicht gerecht.
Die Delegierten der Bermuda-Konferenz 1943 vor dem Hotel “Horizon and Cottages”, v.l.n.r.: George Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US), Osbert Peake (UK) (Foto: USHMM).
Die Bermuda-Konferenz war eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich, in deren Rahmen diskutiert wurde, was diese beiden Länder tun konnten, um das „European Refugee Problem“ zu lösen. Mitten im Zweiten Weltkrieg lautete trotz Drängens vor allem jüdischer Nichtregierungsorganisationen die Antwort: nicht viel. Die Passivität der Alliierten angesichts des millionenfachen Mordes an den Jüd:innen Europas – um die es eigentlich ging – löste massive Enttäuschung in der Weltöffentlichkeit aus und die Bermuda-Konferenz geriet als „gescheitert“ alsbald in Vergessenheit.
Je tiefer ich mich in das Quellenmaterial einarbeite, desto mehr bislang noch unbeachtete Nuancen werden für mich sichtbar. Wer waren die in die Ereignisse involvierten Akteur:innen – Organisationen, Regierungsdepartments wie Individuen – und welche Mandate verfolgten sie? Welche Macht besaßen sie, um die Flüchtlingspolitik der USA und des Vereinigten Königreichs zu beeinflussen? Und wo waren ihnen Grenzen gesetzt? Welche institutionellen, ideologischen, rechtlichen oder politischen Pfadabhängigkeiten lassen sich ausgehend von der Bermuda-Konferenz beobachten? Von welchen ist sie das Ergebnis? Wie fügt sich die Konferenz in das Kriegsgeschehen, in den Ablauf der Shoah und in die parallel bereits voranschreitende Entwicklung des Flüchtlingsregimes des Nachkriegszeit ein? Diese und noch viele weitere Fragen beschäftigen mich und selbst wenn ich mal glaube, eine Antwort gefunden zu haben, kann diese durch den Fund neuer Dokumente in Archiven oder auch Gespräche mit Kolleg:innen wieder weiterentwickelt und verändert werden.
Quellen zur Bermuda-Konferenz im Jenter for Jewish History in New York (Foto: Annika Heyen).
Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die eine Promotion in der Geschichte anstreben/gerne als studentische Hilfskraft arbeiten würden?
Für mich hat es sich auf dem Weg zur Promotion ausgezahlt, schon früh als studentische Hilfskraft an der Universität tätig gewesen zu sein. Sowohl an der Universität Bremen als auch an der Universität Osnabrück verdankte ich meine Anstellung der Empfehlung von Lehrenden, die sie aufgrund des von mir gezeigten Interesses und der Beteiligung an den Diskussionen in ihren Lehrveranstaltungen sowie meinen schriftlichen Leistungen getätigt hatten. Als studentische Hilfskraft hatte ich nicht nur die Möglichkeit, meine Vorgesetzten bei ihren Recherchen für ihre Publikationen zu unterstützen und so schon einmal ein grobes Gefühl für die post-Master-Liga in Akademia zu entwickeln, sondern auch schon an Tagungen teilzunehmen und mit Wissenschaftler:innen verschiedener Karrierestufen ins Gespräch zu kommen. Dadurch wird man nicht nur innerhalb der eigenen Universität sichtbar für potentielle Betreuer:innen für die Promotion; wie oben schon erwähnt, ich habe nicht die Dissertation gefunden, sondern die Dissertation samt Betreuern mich.
Bereits als Studentin und als studentische Hilfskraft hat es sich also gelohnt, aktiv, interessengeleitet und nicht nur mit Aussicht auf den Erwerb von Credit Points an Lehrveranstaltungen teilzunehmen und auch mal das extra bisschen Mühe in die Ausarbeitung von Hausarbeiten und sogar einfachen Referaten zu stecken; dadurch wurden die richtigen Menschen auf mich aufmerksam.
Durchhaltevermögen, ein gewisses Maß an Ehrgeiz und Interesse an historischen Themen und der Forschung darüber sind nach dem Masterabschluss nicht weniger wichtig, sondern umso essenzieller. Darüber hinaus benötigt man aber auch einige – nennen wir sie – handwerkliche Skills. Erstens: Schreiben. In unserer Arbeit produzieren wir vor allem eins: Text. Das heißt, wir müssen in der Lage sein, nicht nur Worte und Sätze grammatikalisch richtig aneinanderzureihen, sondern auch unsere Argumente sorgfältig aufzubauen und über Texte mit variierender Länge mit Evidenz zu unterfüttern. Schön lesen lassen sollte sich das Endprodukt außerdem. Zumindest in meinem Forschungsfeld ist eine große Herausforderung, dass ich viele meiner Publikationen nicht in meiner Muttersprache Deutsch verfassen kann, da sie im Anglo-Amerikanischen Raum besser aufgehoben sind. Auch die Forschungsliteratur und das Quellenmaterial zu meinem Thema stehen fast ausschließlich auf Englisch zur Verfügung. Das heißt, ein zweiter Hardskill, den man für eine Promotion mitbringen sollte: Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Englischkenntnisse. Das Latinum ist ohnehin Grundvoraussetzung für das Geschichtsstudium. Jede weitere Fremdsprache öffnet neue Forschungsmöglichkeiten und Zugang zu weiterem Quellenmaterial.
Welche Interessen/Hobbies hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?
So sehr mir meine Arbeit als Historikerin auch Freude bereitet: Manchmal brauche auch ich eine Auszeit. Und spätestens hier kommt der Vollblutnerd in mir zum Vorschein.
Nerdbeschäftigung Nr. 1: Klassische Chormusik. Mein Kammerchor Corona Vocalis erarbeitet vor allem a cappella Musik von Renaissance bis Moderne, manchmal aber auch Stücke mit Instrumentalbegleitung. Gerade proben wir schon für die Weihnachtszeit, das letzte Konzert des Jahres traditionell am Donnerstag vor Heiligabend in der Kleinen Kirche am Dom. Zwei Mal im Jahr treffe ich mich aber auch immer noch mit anderen Ehemaligen aus den Kinder- und Jugendchorgruppen in Bremerhaven und erarbeite mit ihnen Stücke in Frauenchorbesetzung, in der Regel ebenfalls a cappella. Warum dieses Hobby? Abgesehen davon, dass Chorsingen nachweislich gesundheitsfördernd ist – Atemtechnik, Standtechnik, soziales Miteinander etc. –, tut es manchmal einfach gut, das Gehirn dazu zu zwingen, nicht an die Arbeit zu denken. In gemischter Stellung – also nicht nach Stimmen sortiert – neue Stücke zu lernen, indem man die eigene Notenzeile in einem manchmal vier-, gerne aber auch mal acht- oder noch mehrstimmigen System zu lesen, dabei den Text mitzunehmen, auf den Dirigenten zu achten und aufzupassen, was die anderen Sänger:innen um einen herum eigentlich machen ist kognitiv so herausfordernd, dass nicht mehr viel Hirnschmalz für Anderes bleibt.
Nerdbeschäftigung Nr. 2: Pen and Paper Roleplay. Ich spiele seit etwa zehn Jahren. Kurz zur Erklärung: Eine Gruppe von Spieler:innen erfindet und erstellt nach bestimmten Regeln Charaktere, mit denen sie unter der Leitung eines Spielmeisters oder einer Spielmeisterin Abenteuer erleben und eine gemeinsame Geschichte erzählen, die via Stift und Papier festgehalten werden – Pen and Paper, eben. Polyedrische Würfel dienen im Spiel als Zufallsgeneratoren, die den Geschichten manchmal sehr unerwarterte Wendungen verleihen. Derzeit bin ich als Spielerin in einer Kampagne dabei und leite als Meisterin eine weitere. Der Reiz an diesem Hobby? Gemeinsames Geschichtenerzählen, sich in Charaktere und Figuren reindenken, deren Charaktereigenschaften nicht unbedingt den eigenen entsprechen müssen, gemeinsam Problemlösungsstrategien entwerfen und nicht zu vergessen: der Nervenkitzel, wenn die Würfel fallen.
Zwischen 1942 und 1944 wurden bei Maly Trascjanec südöstlich von Minsk etwa 60.000 Menschen ermordet. Der Vernichtungsort gehört damit zu den größten Schauplätzen der Shoah auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. Dennoch blieb Maly Trascjanec in der europäischen Erinnerungskultur lange nahezu unsichtbar. Ein trinationales Projekt der Universitäten Osnabrück und Wien sowie der Geschichtswerkstatt “Leonid Levin” in Minsk hat sich von 2021 bis 2022 zum Ziel gesetzt, diesen vergessenen Ort digital zu erschließen und multiperspektivisch zugänglich zu machen. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind seit Mai 2022 online und gehören zu den wichtigsten Projekten, die wir in der Rubrik “Research Revisited” vorstellen möchten.
Ein Vernichtungsort, der lange vergessen blieb
“Wald der Namen” (Foto: Aliaksandr Dalhouski)
Maly Trascjanec ist heute ein Vorort von Minsk. Zwischen 1941 und 1944 richteten die deutschen Besatzer hier ein Lager ein und nutzten die umliegenden Waldstücke, insbesondere die Lichtung Blahaǔščyna und das Waldstück Šaškoǔka, als ihre Tötungsstätte. Hier wurden nicht nur aus Mitteleuropa deportierte Jüdinnen und Juden ermordet, sondern auch sowjetische Zivilistinnen und Zivilisten, Mitglieder der Inteligenzija, Partisaninnen und Partisanen sowie Menschen, die als Widerstandsverdächtige aus den Minsker Gefängnissen verschleppt wurden. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, später im Rahmen der Aktion 1005 exhumiert und verbrannt, um die Spuren des Verbrechens zu beseitigen.
Während Namen wie Auschwitz, Treblinka oder Sobibór im kollektiven Gedächtnis der Shoah fest verankert sind, spielte Maly Trascjanec in der deutschen und österreichischen Erinnerungskultur lange keine Rolle. Auch in der sowjetischen Geschichtspolitik wurde der Ort zunächst vernachlässigt, bevor in den 1960er Jahren erste Gedenksteine errichtet wurden. Erst nach dem Ende der Sowjetunion und besonders seit den 2000er Jahren wuchs das Interesse an diesem Gewaltort. 2015 und 2018 entstanden auf Grundlage zivilgesellschaftlicher Initiativen neue Gedenkanlagen, darunter der “Wald der Namen” und der “Letzte Weg”. Dennoch bleibt Maly Trascjanec außerhalb von Belarus wenig bekannt.
Trinationale Kooperation unter Pandemiebedingungen
Die Zusammenarbeit fand unter den schwierigen Bedingungen der Covid-19-Pandemie statt, die direkte Begegnungen unmöglich machte. Umso bemerkenswerter ist, dass es gelang, über mehr als ein Jahr hinweg eine intensive transnationale Kooperation zu etablieren, in der unterschiedliche Perspektiven auf den Vernichtungsort produktiv miteinander verbunden wurden. Die belarusischen Studierenden untersuchten die Erinnerungskultur vor Ort und testeten die entstehenden digitalen Rundgänge im Gelände. Die Wiener Studierenden rekonstruierten die Wege der Opfer von Wien nach Maly Trascjanec und führten Interviews mit Nachfahren der Ermordeten. Die Osnabrücker Studierenden befassten sich mit den Tätern, den Transformationsprozessen des Ortes und der Erinnerungskultur.
Sechs Ausstellungen, multiple Perspektiven
Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit sind sechs digitale Ausstellungen, die unter Redaktioneller Leitung von Annika Heyen aus dem NGHM-Team und Franziska Lamp von der Universität Wien mit der Open-Source-Plattform Omeka realisiert wurden und verschiedene Aspekte des Vernichtungsortes beleuchten:
Aus Osnabrück:
Die Ausstellung “Maly Trascjanec: Die Täter“, erarbeitet von Nils Kaschubat, Johanna Schweppe, Paulin Wandschneider und Frank Wobig, benennt die Verantwortlichen für die Morde in Maly Trascjanec und dokumentiert ihr Handeln. Anhand von Prozessakten aus der Nachkriegszeit werden Biographien der Täter rekonstruiert und kritisch hinterfragt, wie “normal” ihre Leben waren. Die Ausstellung macht damit deutlich, dass der Holocaust auf die aktive Beteiligung vieler Einzelpersonen angewiesen war.
Die Ausstellung “Maly Trascjanec: Die Erinnerungskultur“, erarbeitet von Ron Wilke, Kristin Waßmann und Michelle Ostermaier, dokumentiert die verschiedenen Schichten der Erinnerung an Maly Trascjanec. Sie zeigt, wie der Ort in der sowjetischen Zeit zunächst vernachlässigt, dann selektiv erinnert und schließlich nach 1991 neu erschlossen wurde. Eine interaktive Karte gibt einen Überblick über die Gedenklandschaft und ihre Entwicklung.
Die Ausstellung “Maly Trascjanec: Transformationen eines Vernichtungsortes“, erarbeitet von Peter Kamp, Tatjana Rykov, Rukia Soubbotina und Charlotte Vöhl, verfolgt die Veränderungen des Ortes von 1941 bis heute. Sie zeigt, wie das Gelände während der deutschen Besatzung genutzt wurde, wie es nach der Befreiung zunächst für andere Zwecke verwendet wurde und verwahrloste, bevor es schrittweise zu einem Gedenkort wurde. Die Ausstellung macht die vielen Schichten der Überformung sichtbar, die das heutige Erscheinungsbild prägen.
Aus Wien:
Die drei Ausstellungen unter dem Titel “Weg der Erinnerung” wurden von Studierenden der Universität Wien erstellt und nehmen eine andere Perspektive ein. Sie verfolgen den Weg der Opfer von Wien nach Maly Trascjanec und thematisieren ihre Verfolgung, Deportation und Ermordung.
“Weg der Erinnerung I: Die Entrechtung in Wien und Deportation in den Osten“, erarbeitet von Claudia Adebayo, Judith Alberth, Sarah Appl, Tina Baumann, Max Berghof, Francesco Bisaccia, Julia Greithanner, Jürgen Gruber, Melissa Gruber, Peter Hinterndorfer, Lena Hummer, Maximilian Karner, Max Neuhold, Lisa Reicher und Astrid Striessnig, widmet sich den Wohnungen, aus denen Wiener Jüdinnen und Juden vertrieben wurden, den Sammelwohnungen und Sammellagern sowie den Bahnhöfen, von denen aus die Deportationen stattfanden. Die Ausstellung versucht, die Perspektive der Verfolgten sichtbar zu machen und zu zeigen, wie die Arisierung konkret durchgeführt wurde.
“Weg der Erinnerung II: Die Verfolgung und Vernichtung in Malyj Trostenez“, erarbeitet von Arlo Newton Kleewein, Raphael Günter Kräuter, Johannes Mayer, Ruben Elias Oppenrieder, Anna Schantl, Konstantin Schischka, Stefan Schranz, Viktoria Schwammel und Teresa Unger, beschäftigt sich mit den Orten der Verfolgung und Vernichtung in Minsk und Maly Trascjanec. Die Ausstellung thematisiert die verschiedenen Opfergruppen und befasst sich mit archäologischen Funden und materiellen Spuren der Verbrechen.
“Weg der Erinnerung III: Das Gedenken an Malyj Trostenez” behandelt zentrale Quellen wie den sogenannten Seiler-Bericht, ein wichtiges Zeugnis eines Wiener Überlebenden. Für diese Ausstellung führten die Studierenden Interviews mit Nachfahren von Opfern durch und thematisierten die Nachkriegsjustiz sowie die österreichische Erinnerungskultur in Bezug auf Maly Trascjanec.
Aus Minsk:
Die belarusischen Studierenden Maria Ivanova, Darya Iljankova und Natalja Holubeva haben die Erinnerungskultur und Gedenklandschaft vor Ort untersucht, Quellen und Materialien recherchiert und an allen Projektergebnissen mitgearbeitet. Sie testeten die digitalen Rundgänge und begleiteten die Übersetzung aller Materialien ins Belarusische und Russische.
Methodische Reflexion: Omeka und studentische Forschung
Für uns war das Projekt nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch bemerkenswert. Die Nutzung von Omeka als Plattform für die digitalen Ausstellungen ermöglichte es, dass Studierende eigenständig komplexe Präsentationen entwickeln konnten. Die freie und kostengünstig zu betreibende Software erleichtert die Arbeit mit Metadaten und die narrative Verknüpfung von Objekten zu Ausstellungen. Das macht sie besonders geeignet für Lehrprojekte, in denen Studierende nicht nur historisch forschen, sondern auch lernen sollen, ihre Ergebnisse für eine breitere Öffentlichkeit aufzubereiten.
Die transnationale Zusammenarbeit unter Pandemiebedingungen stellte alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Gemeinsame Workshops mussten online stattfinden, der direkte Austausch vor Ort war nicht möglich. Dennoch gelang es, durch regelmäßige Zoom-Treffen, gemeinsame Seminarveranstaltungen und Arbeitsgruppen eine produktive Kooperation zu etablieren. Die Studierenden lernten dabei nicht nur, mit historischen Quellen zu arbeiten, sondern auch, über nationale und sprachliche Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten und verschiedene Perspektiven zu integrieren.
Wirkung und Fortsetzung
Seit der digitalen Vernissage am 10. Mai 2022 wurden die Ausstellungen von Tausenden Nutzer:innen besucht. Die Seite wurde kontinuierlich erweitert, unter anderem um englische Sprachversionen der Ausstellungen. Das Projekt hat wichtige Impulse für die Erinnerung an Maly Trascjanec gesetzt und gezeigt, wie digitale Formate dazu beitragen können, vergessene Orte der Shoah wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Mit dem Projektabschluss begann zugleich eine neue Phase der Zusammenarbeit zwischen der Geschichtswerkstatt Minsk und der Universität Osnabrück. Im Anschlussprojekt “Virtueller Lernort Malyj Trostenez“, erneut gefördert von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, wurde ein didaktisches Konzept für die historische Bildungsarbeit entwickelt. In Kooperation mit Prof. Dr. Lale Yildirim von der Geschichtsdidaktik der Universität Osnabrück (inzwischen an der Universität in Kiel) entstand ein Workshop-Plan für den Geschichtsunterricht in Deutschland und Belarus, der die digitalen Ausstellungen und Rundgänge didaktisch erschließt.
Das Projekt “Maly Trascjanec digital erinnern” zeigt exemplarisch, wie produktiv transnationale Kooperation in der Geschichtswissenschaft sein kann und welche Möglichkeiten digitale Formate für Public History bieten. Die Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg ermöglichte es, verschiedene Perspektiven auf den Vernichtungsort zusammenzuführen: die lokale belarussische Erinnerungskultur, die österreichische Perspektive auf die Deportationen aus Wien und die deutsche Auseinandersetzung mit den Tätern und den Transformationen des Ortes.
Besonderer Dank gebührt Dr. Aliaksandr Dalhouski von der Geschichtswerkstatt “Leonid Levin” in Minsk, der das Projekt leitete und die belarusische Perspektive einbrachte. Prof. Dr. Kerstin von Lingen und Prof. Dr. Claudia Theune von der Universität Wien trugen mit ihrer Expertise in Geschichte und historischer Archäologie wesentlich zum Erfolg des Projekts bei. Prof. Dr. Christoph Rass leitete die Osnabrücker Arbeitsgruppe und koordinierte gemeinsam mit Annika Heyen die technische Umsetzung.
Unser Projekt versteht sich als Beitrag zur europäischen Erinnerungskultur. Es macht einen lange vergessenen Schauplatz der Shoah sichtbar und zeigt, dass kritische historische Forschung und Vermittlung auch unter schwierigen Bedingungen möglich sind. Die digitalen Ausstellungen und Rundgänge sind unter malytrostinec.nghm-uos.de frei zugänglich und laden dazu ein, sich mit der Geschichte von Maly Trascjanec auseinanderzusetzen.
Der Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück