Die dritte Woche meiner Archivreise führte mich von Salem über Woodburn nach Portland: zwei Archive und zwei Gespräche. Auf die Frage dieser Reise, wer Arbeitsmigration wie, wann, warum und mit welchen Folgen benennt und so die ›Figuren der Migration‹ produziert, hat die Woche drei Antworten gebracht. In Salem werden die Menschen als Rechtsfigur und als Kostengröße benannt: ›alien workers‹. In Woodburn erklärt sich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen die so Bezeichneten selbst sprechen. Und in Portland liegt ein staatlicher Bericht von 1957, der festhält, mit welchen Wörtern die unterschiedlichen Gruppen von Landarbeiter:innen der Latino/Latina-Community einander in den 1950er Jahren belegten.

Die zweite Depesche endete in Corvallis, in den Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes der Oregon State University, der in Oregon das Bracero-Programm administrativ organisiert hat, die von 1942 bis 1964 laufende Anwerbung mexikanischer Landarbeiter über ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Von der ausführenden Behörde geht es nun auf die politische Ebene, auf der über solche Programme entschieden wurde, von der Frage also, wie eine Kategorie im Vollzug aussieht, zu der Frage, wer darüber entscheidet, welche Kategorien prozessrelevant werden sollen. Für den Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹, einen Osnabrücker Forschungsverbund zur Entstehung und Wirkung von Migrationskategorien, verfolge ich dabei die Figuren, unter denen Arbeitsmigration verwaltet, bestritten und erinnert wird, also Zuschreibungen wie ›bracero‹, ›guest worker‹ oder ›alien worker‹.
Salem: ›Alien Workers‹
Der Montagvormittag gehörte dem Staatsarchiv von Oregon in Salem, einer Abteilung im Amt des Secretary of State, das trotz des Titels natürlich kein Außenressort ist: Der Amtsinhaber wird in Oregon direkt gewählt und verantwortet neben Wahlen und Rechnungsprüfung auch das Archivwesen. Bestellt hatte ich zahlreiche Archivkartons aus den Akten der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt; den zweiten Bestand konnten mir die Archivarinnen vor Ort gleich vollständig digital zum Download zur Verfügung stellen!
Einen ersten spannenden Befund bietet das Frühjahr 1979. Das Büro des Gouverneurs verhandelt damals eine Gesetzesinitiative, die den Gouverneuren die Feststellung übertragen soll, ob einheimische Arbeitskräfte verfügbar sind, jene Feststellung also, von der die Zulassung ausländischer Arbeitskräfte in die Landwirtschaft abhängig gemacht werden soll. Die Akte bezeichnet die Menschen, um die es geht (vor allem Zuwandernde aus Mexiko), durchgehend als ›temporary alien workers‹. Bob Oliver, der Rechtsberater des Gouverneurs, stellt am 30. April 1979 in einem Memo mit dem Betreff ›Alien Workers‹ zwei Dinge gegeneinander, den Ärger mit den Gewerkschaften und den Zugewinn an Zuständigkeit für den Bundesstaat:
»On the one hand, you as Governor would be accepting a hot potato — a responsibility which might cause you to take actions displeasing to organized labor. On the other hand, my philosophy is that we should seize every opportunity to exercise authority at the state or local level.«
Atiyeh schreibt drei Tage später an Mark O. Hatfield, den Senator Oregons im Kongress, er selbst billige das Konzept, und ergänzt eine Verfahrensbitte: Es fehle eine Regelung, nach welcher Methode ein Gouverneur die Verfügbarkeit einheimischer Kräfte festzustellen habe, wünschenswert wären »uniform methods among the states«. Das Thema des Vorgangs ist nicht, wer kommt und unter welchen Bedingungen, sondern wer den Bedarf für die Rekrutierung feststellt und nach welchem Verfahren.
Der zweite Befund liegt drei Jahre später. 1982 verhandelt der Kongress über den Entwurf von Senator Alan Simpson und dem Abgeordneten Romano Mazzoli, der neben Arbeitgebersanktionen bei Beschäftigung illegalisierter Arbeitskräfte und einer Legalisierung von deren Aufenthalt auch neue Regeln für befristete ausländische Landarbeit vorsah; die Initiative scheitert in diesem Anlauf, die Reform der Migrationsgesetzgebung der USA sollte erst 1986 als Immigration Reform and Control Act zum Gesetz werden. Am 4. November 1982 schreibt derselbe Bob Oliver in diesem Zusammenhang ein Memo an Gerry Thompson im Büro des Gouverneurs:
»Estimates of the number of illegal aliens in the United States vary from 3 to 12 million, and in Oregon from 6,000 to 50,000. Up to now, this issue has directly impacted the Governor’s office primarily on occasions when the Immigration and Naturalization Service attempts to round them up, and we are contacted by ranchers and farmers, and other employers, who express concern about ›harrassment‹ of their workers who are legal residents. …«
Die Hauptsorge benennt das Memo selbst: »I believe our main concern ought to be fiscal impact on state government«. Unter der Annahme von 20.000 im Bundesstaat lebenden ›illegal aliens‹ rechnet die Sozialverwaltung im Fall einer Legalisierung für den Zweijahreshaushalt 1983 bis 1985 mit 3,2 Millionen Dollar an Sozialhilfe- und Bildungskosten im General Fund, dem allgemeinen Landeshaushalt. Ihre für die Sozialhilfe zuständige Abteilung, die Adult and Family Services Division, empfiehlt im beiliegenden Briefing Paper die Ablehnung, »because of the substantial financial burden that it will present to the state and local governments«. In der Zuarbeit an den Gouverneur läuft die Linie 1982 damit auf ein Nein zu Simpson-Mazzoli hinaus, begründet allein mit den Kosten für die Inklusion legalisierter Eingewanderter in die Sozialsysteme.
Ein drittes Schlaglicht zeigt, wie die Verwaltung ihre Grenzen definierte. 1979 rät die Employment Division, die Arbeitsverwaltung des Bundesstaates, davon ab, dass dieser das CETA-303-Programm in eigener Regie übernimmt, mit dem der Bund die Arbeitsförderung für Wander- und Saisonarbeitskräfte finanzierte. Der Vermerk begründet das damit, dass viele der Betroffenen spanischsprachig seien und solche Programme traditionell Organisationen getragen hätten, deren Mitarbeiter:innen einen ähnlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund hätten wie die Menschen, um die es gehe: »The Employment Division has no such identification«. Die Behörde hält damit selbst aktenkundig fest, dass sie die spanischsprachige Bevölkerung nicht erreicht, während in Woodburn seit 1977 eine Organisation dieses Typs arbeitet, das Willamette Valley Immigration Project.
Woodburn: die Risberg Hall
Am Nachmittag desselben Montags habe ich in Woodburn mit Larry Kleinman und Ramón Ramírez gesprochen, zwei der Gründer von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen in Oregon. Wir saßen in der Risberg Hall, einem Saal der Gewerkschaft, und schon der Ort erzählt Organisationsgeschichte: Er trägt den Namen von Kleinmans Großeltern Edward und Sonia Risberg. Beide waren Mitglieder des International Workers Order, einer linken Selbsthilfe- und Versicherungsorganisation von Einwanderer:innen.
PCUN ging aus ebenjenem Willamette Valley Immigration Project von 1977 hervor und wurde 1985 als Gewerkschaft gegründet. Die Entscheidung, mit der Rechtshilfe zu beginnen und erst danach gewerkschaftlich zu organisieren, fiel am Colegio César Chávez in Mount Angel, dem ersten akkreditierten, von Chicanos getragenen vierjährigen College in den Vereinigten Staaten, das die zweite Depesche kurz thematisiert hat.

Larry Kleinman hat den Rahmen der Gewerkschaftsarbeit der PCUN im Gespräch so beschrieben: Landarbeiter:innen seien (nach wie vor) vom nationalen Tarifrecht ausgenommen, und Oregon kenne kein Verfahren, das Agrarbetriebe zur kollektiven Tarifverhandlung verpflichte. Eine Organisation, die unter diesen Bedingungen arbeite, erzeuge Druck über Boykotte, Öffentlichkeit, Prozesse und Gesetzgebung; für ihre Stellung gebe es inzwischen einen eigenen Ausdruck, ›labor adjacent‹, eine Organisation also, die wie eine Gewerkschaft arbeitet, ohne deren Verfahrensrechte zu haben. In der Phase, die für meine Fragestellung vorrangig relevant ist, von den 1980er bis zu den frühen 2000er Jahren, trugen erst das Immigration Project und dann PCUN den regionalen Widerstand gegen die Anläufe, ein Anwerbeprogramm für die Landwirtschaft neu einzurichten. Seit 2011 liegen die Akten der Bewegung an der University of Oregon in Eugene, wo ich meine erste Archivwoche verbracht habe. Dass es diesen Bestand gibt, führen Ramírez und Kleinman auf ihren Mitstreiter Cipriano Ferrel zurück, der früh darauf bestanden habe, dass die Gruppe Geschichte mache und sich entsprechend verhalten müsse; das erfordere die Bildung eines eigenen Archivs. Das ist der Befund der Woche für die zweite Frage dieser Reise: Neben den Wörtern verfolge ich, wie Bestände zu Migration und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen überhaupt entstehen, in Archive gelangen und zugänglich werden.
Auch auf die Frage der ersten beiden Depeschen, mit welchen Wörtern diese Arbeitsmigration bezeichnet wurde und wer die Wörter setzte, haben meine beiden Gesprächspartner eine spannende Antwort: Dass die Bewegung in den 1980er Jahren ›bracero‹ auf die Schilder schrieb und nicht ›guest worker‹, erklärte Kleinman aus der gelebten Erfahrung: ›Bracero‹, das Wort für die so angeworbenen Vertragsarbeiter, sei greifbar gewesen und habe in der Community einen Widerhall gehabt. Ramírez ergänzte, die Erinnerung an das Programm sei in den Familien geblieben, denn die Betroffenen seien die Väter und Großväter derer gewesen, die in Oregon geboren wurden und den Kampf gegen Diskriminierung in den 80er und 90er Jahren weiter trugen. Die Parole einer Kundgebung von 1997, ein ›guest worker program‹ sei legalisierte Sklaverei, erscheint von hier aus weniger als Zuspitzung denn als der entlarvende Verweis darauf, dass ein reines Relabeling rassistische Praktiken und Zuschreibungen nicht beseitigt, sondern nur tarnt.
Portland: die Oregon Historical Society

Von Dienstag bis Freitag habe ich in der Research Library der Oregon Historical Society (OHS) gearbeitet, der Bibliothek eines privaten, gemeinnützigen Geschichtsvereins von 1898, der zugleich die größte Sammlung zur Geschichte des Bundesstaates verwahrt (Engeman 2026). Für die Archivstudie interessiert mich an diesem Haus vor allem, wie es mit seiner eigenen Sammlungsgeschichte umgeht. Auf der Bestandsseite der Bibliothek steht dazu das Wesentliche: Die frühen Erwerbungen hätten »the pioneer, settler-colonial experience« in den Mittelpunkt gestellt, und »the biases and omissions of our early collecting continue to remain evident across the library’s collections«.
Dagegen setzt die Bibliothek zweierlei: eine Erwerbungspolitik, die künftig eine größere Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven abbilden soll, und die Überarbeitung der Verzeichnung, also der Beschreibungen, über die ein Bestand auffindbar wird. Für diese Überarbeitung gilt der Ausdruck ›reparative cataloging‹, und sie verlangt, mit den Communities zu klären, wie sie sich selbst bezeichnen, und den Zugang zur Überlieferung gegen mögliche Verletzungen abzuwägen.




Wie weit die Historical Society die eigene Position reflektiert, zeigt exemplarisch eine zweite Entscheidung. Zwei Wochen nach dem rassistischen Doppelmord in einer Portlander Stadtbahn im Mai 2017 beschloss der Beirat der Oregon Historical Quarterly, mit den Mitteln der Zeitschrift auf das zu antworten, was die Zeitschrift selbst als Zunahme öffentlich auftretender Ansprüche auf Weiße Vorherrschaft beschrieb. 2019 erschien das Themenheft White Supremacy & Resistance, herausgegeben von Darrell Millner und Carmen Thompson. Dem Beirat, der den Band begleitete, gehörte neben anderen Natalia Fernández an, die Kuratorin der Oregon Multicultural Archives, mit der ich in der Vorwoche in Corvallis gesprochen habe. »The OHQ special issue is not neutral on the subject of White supremacy«, heißt es dazu in einem Blogbeitrag des Hauses ausdrücklich, und seit Februar 2021 stehen die zwölf Aufsätze des Bandes frei im Netz.
Am Freitag habe ich mit Brian Stauffer, dem Library Director, über Sammlungspolitik, Öffnung und diese besondere Trägerschaft gesprochen. Die Auswertung dieses Gesprächs gehört in meine Archivstudie und wird in mein Buch über Archive in Migrationsgesellschaften einfließen.
Die Akten des Stella Maris House
Der stärkste Portland-Befund liegt in der Sammlung des Stella Maris House, einer katholischen Laienorganisation für soziale Arbeit in Portland (Mss 1585), die am Donnerstag auf den Tisch kam, nachdem ich einen zweiten Tag in Salem gestrichen hatte. Ihre Mappen vermittelten mir Einblicke in die Situation der 1950er und 1960er Jahre.

Die älteste Schicht ist ein Bericht des Oregon Bureau of Labor, der Arbeitsbehörde des Bundesstaates, aus dem Jahr 1957: ›Vamonos pal Norte (Let’s Go North). A Social Profile of the Spanish Speaking Migratory Farm Laborer‹. Er dankt namentlich Landarbeiter:innen, die Auskunft gegeben haben, darunter »Susana R. Luckenbough, Portland University student, who has been a migrant farm worker for the past 20 years«. Für 1957 zählt er eine spanischsprachige Wanderarbeiterschaft von 11.000 bis 12.000 Personen in Oregon, dazu für das zurückliegende Jahr 800 über ein internationales Abkommen angeworbene ›Mexican Nationals‹. Er unterscheidet durchgehend zwischen ›imported laborer‹, den über das Abkommen Angeworbenen, und ›domestic laborer‹, den im Land ansässigen spanischsprachigen Landarbeiter:innen, und er hält fest, mit welchen Wörtern die beiden Gruppen einander belegten:
»The imported laborer and the Spanish-speaking laborer working in the same area frequently create a general feeling of antagonism and jealousy. This is essentially based in the following contributing factors: (1) imported laborer appears to have better living and working conditions (2) imported laborers develop or inspire more community interest and acceptance (3) domestic laborer calls imported labor ›surumatos‹ which is a derogatory term to describe the people from interior Mexico. And, imported laborer calls domestic labor ›pochos‹ which is also derogatory term for natives or residents of Spanish-speaking background …«
Die zweite Depesche hat gezeigt, wie eine Behörde die Menschen nach Herkunft und Rechtsstatus sortiert. Hier stehen die Wörter, mit denen die Bezeichneten einander bezeichnen: ›surumatos‹ für die aus dem Inneren Mexikos Angeworbenen, ›pochos‹ für die schon in den USA Ansässigen, Sortierungen nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit, die neben den staatlichen Kategorien herlaufen und eigene Kriterien haben. Und die Rangfolge, die der Bericht festhält, verläuft umgekehrt zu der, die später gegen Anwerbeprogramme ins Feld geführt wird, wonach gerade die Vertragsarbeiter die Rechtlosesten auf dem Feld sind: Den Vertragsarbeitern werden hier die besseren Unterkünfte und die größere Aufmerksamkeit der Gemeinden zugeschrieben, während die Einheimischen das Nachsehen haben.
Fünf Jahre jünger ist ein Rundbrief des National Advisory Committee on Farm Labor vom Februar 1962. Das Komitee, eine nationale Reformkoalition mit Sitz in New York, erklärt darin, warum es im Nordwesten kaum noch Vertragsarbeiter unter Public Law 78 gibt, dem Gesetz, das seit 1951 die Grundlage des Bracero-Programms bildete:
»Ten years ago the employment of Mexican workers under Public Law 78 in the Pacific Northwest was widespread. Wages were very low and living conditions in many places were intolerable. This changed as state and federal employment officers began making concerted efforts to ensure that farm employers were actually trying to attract domestic workers. … As wages rose, the ›shortage‹ of domestic labor disappeared and bracero labor in the Northwest became rare.«
Das ist, rund drei Jahrzehnte früher, das ökonomische Argument der Kampagnen, mit denen die Bewegung in den 1990er Jahren gegen neue Anwerbepläne stritt: Der behauptete Mangel an einheimischen Arbeitskräften verschwindet, sobald der Lohn steigt. Auf der einen Seite steht die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auf der anderen die Beschaffung ausbeutbarer Arbeitskräfte.
Warum Oregon in diesem System eine Sonderstellung hatte, erklärt ein Mitarbeiterblatt des Oregon Employment Service, der staatlichen Arbeitsvermittlung, von 1964. Roscoe West, in der Behörde für die Vermittlung von Landarbeit zuständig, referiert darin eine nationale Farm-Labor-Konferenz vom Februar 1964, auf der das Auslaufen von Public Law 78 angekündigt wurde; 1963 waren noch »almost 187,000 Mexican nationals, or braceros« ins Land gekommen. West wendet sich an die Erzeuger des eigenen Bundesstaates: Oregon habe zuletzt nur etwa 350 Vertragsarbeiter im Jahr beschäftigt, sei aber Jahr für Jahr auf fast 20.000 einheimische Wanderarbeiter:innen angewiesen. Sie kämen aus genau den Staaten, die am stärksten Braceros beschäftigt hätten, und diese Staaten würden künftig stärker um ihre eigenen Arbeitskräfte werben, also mit Oregon konkurrieren. »Oregon may be at the end of the chain, but the chain reaction will still affect the last link.«
Eine weitere Schicht von Befunden verbindet Portland mit Salem. In einer Sammlung von Pressemeldungen liegen drei Artikel des Oregonian, der Portlander Tageszeitung, vom 2. Mai 1967 nebeneinander: zum Mindestlohnentwurf, zur Inspektionspflicht für Wanderarbeiterlager und zu Arbeitsminister Willard Wirtz, der die Ausnahme der Landarbeiter:innen vom Tarifrecht »an affront to the American principle of equal justice under the law« nennt. Den Mindestlohnentwurf bringt in der ersten Meldung ein Staatssenator namens Victor Atiyeh durch den Ausschuss, derselbe Atiyeh, dessen Gouverneursakten zwölf Jahre später in Salem über ›alien workers‹ verhandeln.
Atiyeh, 1923 in Portland geboren, war selbst das Kind von Eingewanderten aus dem Osmanischen Reich, aus dem heutigen Syrien und dem Libanon, und mit ihm bekleidete zum ersten Mal ein ›Arab American‹ ein Gouverneursamt in den Vereinigten Staaten (Moore 2025). In den Salemer Vorgängen, die ich gesehen habe, kommt davon nichts vor; Herkunft ist dort eine Kategorie für die Verwalteten.
Jobs with Justice, 2006
Ein Sprung um vier Jahrzehnte, und in einen anderen Bestand der Oregon Historical Society: die Akten von Portland Jobs with Justice, einem Bündnis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die dessen Zusammenarbeit mit Einwandererorganisationen für die Jahre 2006 bis 2014 dokumentieren. Hier hat der Ausdruck ›guest worker‹, dem diese Reise gilt, seine Bedeutung verändert. Eine undatierte Zusammenstellung von Themen, Zielen und Prioritäten für den Dialog mit Community Organizations nennt »Overcoming divisions around guest worker programs« und, unter den bundespolitischen Vorhaben, »Creating guest worker programs where undocumented workers are treated fairly«. Eine E-Mail vom Juni 2006 sammelt Einwände für Workshops mit Gewerkschaftsmitgliedern, darunter den Satz, ein solches Programm setze nur die Strategie der Reagan-Jahre fort, den Arbeitsmarkt mit Arbeitskräften zu fluten und die Gewerkschaften zu brechen. Was ein Jahrzehnt zuvor als Anklage auf den Schildern der PCUN stand, wird hier als eine Position unter mehreren geführt, die in moderierten Gesprächen zu bearbeiten ist.
Ein erster Eindruck
Der Ertrag der Woche verweist auf die Strukturierung der Überlieferung. Der Staat verhandelt die Sache als Verfahrens- und Kostenfrage und führt die Menschen als ›alien workers‹, als Rechtsfigur und Haushaltsposten. Die Bewegung bewahrt ihre Unterlagen auf und schafft sich damit ihre eigene Überlieferung und eine Stimme in der Produktion von Geschichte; den Anstoß gab Cipriano Ferrels Beharren darauf, dass die eigenen Quellen wichtig sind. Der Geschichtsverein hält, was zwischen diesen beiden Akteuren liegt, von der katholischen Sozialarbeit bis zur Gewerkschaftskoalition, und arbeitet öffentlich an den Lücken und Biases, die seine eigenen Anfänge im Archiv festgeschrieben haben.
Der Bericht von 1957 fügt dem die Erweiterung hinzu, die für die Frage nach der ›Produktion von Migration‹ die wichtigste dieser Woche ist: Die Kategorienarbeit endet nicht an der Grenze der Community. ›Surumatos‹ und ›pochos‹ sortieren dieselben Felder, die der Staat mit ›Mexican Nationals‹ und ›alien workers‹ ordnet, nur nach eigenen Kriterien, nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit statt nach Rechtsstatus. Wer die Figuren der Migration untersucht, hat es deshalb nicht nur mit einer Verwaltung zu tun, die kategorisiert, und einer Bevölkerung, die kategorisiert wird, sondern mit einem Feld, auf dem viele Akteure ›Figuren der Migration‹ produzieren.
Abschied von Oregon
Mein letztes Bild dieser Reise zeigt den Scanner, mit dem ich drei Wochen gearbeitet habe, auf einem leeren Tisch. Alle Akten gelesen? Kaum. Drei Wochen bin ich dem Ausdruck ›guest worker‹ nachgegangen, und am wenigsten stand er dort, wo das Anwerbeprogramm verwaltet wurde: In den Mappentiteln des Extension Service in Corvallis fehlt er, und ›bracero‹ fehlt dort ebenfalls, obwohl derselbe Dienst das Programm ausgeführt hat; im Büro des Gouverneurs in Salem heißen die Menschen ›alien workers‹. Die Bewegung, die in den 1980er Jahren gegen die Pläne für ein neues Anwerbeprogramm kämpfte, identifizierte indes ›guest worker‹ schon früh als eine Übersetzung aus Europa, die einem Relabeling der Zuwanderung aus Mexiko dienen sollte. PCUN selbst gebrauchte die Kategorie nie für die Bezeichnung von Arbeitsmigrant:innen; die Gewerkschaft verweigerte genau jene sprachliche Finte, deren sich die Politik im politisch-medialen Diskurs rund um die Reform der Migrationsgesetze bedienen wollte. ›Guest worker‹ wird 1997 mit voller Wucht zur Vokabel im politischen Kampf, als Anklage auf einer Kundgebung gegen ein neues Reformpaket: ein solches Programm sei legalisierte Sklaverei. Ein knappes Jahrzehnt darauf führt ein Bündnis von Gewerkschaften und Einwandererorganisationen in Portland denselben Ausdruck in seinen Arbeitspapieren, und zwar zweifach: als Ziel, ein solches Programm fair einzurichten, und als Einwand, es setze nur die Lohndrückerei der Reagan-Jahre fort. Ob sich dieser Weg des Ausdrucks in den Beständen so nachzeichnen lässt, wie es die ersten Schlaglichter aus drei Wochen hektischer Archivarbeit nahelegen, entscheidet die Lektüre der Akten in Osnabrück.


Die Vielstimmigkeit, um die die Bibliothek in ihrer Verzeichnung ringt, ist übrigens im Museum des Hauses schon zu besichtigen. Die Dauerausstellung ›Experience Oregon‹, eröffnet im Februar 2019, hat die Oregon Historical Society gemeinsam mit neun indigenen Nationen des Bundesstaates erarbeitet. Deren Vertreter:innen stellten dabei eine Bedingung, die den Rundgang prägt: Am Anfang der Ausstellung zu stehen, weil sie zuerst da gewesen seien, genüge nicht, denn sie seien immer noch da. Seither kehrt die Erzählung immer wieder zu ihren Stimmen zurück. Die Ausstellung zeigt auch, was schmerzt, eine Kapuze des Ku-Klux-Klan etwa, hinter Glas. »Our job is to tell the truth. We’re not the tourism bureau«, hat Direktor Kerry Tymchuk diese Haltung gegenüber der Presse zusammengefasst.



Vor dem Haus, auf den South Park Blocks, ist auch etwas Bemerkenswertes zu sehen. Dort stand seit 1922 ein Reiterstandbild Theodore Roosevelts; im Oktober 2020 haben Demonstrierende es bei einer Protestaktion zum Indigenous Peoples Day niedergerissen, ebenso wie ein Standbild Abraham Lincolns wenige Schritte weiter. Roosevelt ist seither eingelagert; das Lincoln-Standbild wurde 2025 restauriert und wartet auf die Wiederaufstellung. Die Stadt hat entschieden, beide an ihre alten Standorte zurückkehren zu lassen, aber mit neuen Tafeln zur Einordnung. Über deren Inhalt wird 2026 noch öffentlich beraten.
Ich habe die Leerstelle fotografiert, denn sie führt vor, was der Sonderforschungsbereich in seinem Transferprojekt mit DOMiD, dem Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, digital erprobt: In einer Anwendung dieses Projekts, dem ›Place Changer‹, gestalten Nutzer:innen reale Orte am Bildschirm um, um auszuprobieren, wie Erinnerungslandschaften anders aussehen könnten und wer über sie bestimmt. In Portland ist dieses ›place changing‹ keine Simulation. Eine Stadtgesellschaft verhandelt am Ort selbst, wen sie im öffentlichen Raum erinnert, und die Leerstelle ist der Stand der Verhandlung.
Literatur
- Engeman, Richard: Oregon Historical Society, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 6. Februar 2026 (dort die Rechtsform des Hauses).
- Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024 (dort die Einordnung des College).
- Moore, Jim: Victor Atiyeh (1923–2014), in: The Oregon Encyclopedia, Stand 7. März 2025.
- Millner, Darrell / Thompson, Carmen (Hg.): White Supremacy & Resistance, Themenheft der Oregon Historical Quarterly, Winter 2019 (seit Februar 2021 frei zugänglich).
- The Oregon Historical Society Refuses to Gloss Over the Ugly Parts of the State’s Past, in: Willamette Week, 10. Februar 2021 (dort die Angaben zur Entstehung von ›Experience Oregon‹ und das Zitat von Kerry Tymchuk).
- City of Portland: What’s happening with the City’s monuments?, portland.gov, Stand August 2026 (dort der Stand zu den Standbildern Roosevelts und Lincolns).
- Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
- Rass, Christoph: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis, in: NGHM@UOS, 15. August 2026, DOI 10.58079/16ny4.





































































