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Willamette Depesche #3 | Wer benennt wen? Salem, Woodburn und Portland.

Die dritte Woche meiner Archivreise führte mich von Salem über Woodburn nach Portland: zwei Archive und zwei Gespräche. Auf die Frage dieser Reise, wer Arbeitsmigration wie, wann, warum und mit welchen Folgen benennt und so die Figuren der Migration produziert, hat die Woche drei Antworten gebracht. In Salem werden die Menschen als Rechtsfigur und als Kostengröße benannt: ›alien workers‹. In Woodburn erklärt sich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen die so Bezeichneten selbst sprechen. Und in Portland liegt ein staatlicher Bericht von 1957, der festhält, mit welchen Wörtern die unterschiedlichen Gruppen von Landarbeiter:innen der Latino/Latina-Community einander in den 1950er Jahren belegten.

Die Arbeit im Staatsarchiv von Oregon beginnt (cr).

Die zweite Depesche endete in Corvallis, in den Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes der Oregon State University, der in Oregon das Bracero-Programm administrativ organisiert hat, die von 1942 bis 1964 laufende Anwerbung mexikanischer Landarbeiter über ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Von der ausführenden Behörde geht es nun auf die politische Ebene, auf der über solche Programme entschieden wurde, von der Frage also, wie eine Kategorie im Vollzug aussieht, zu der Frage, wer darüber entscheidet, welche Kategorien prozessrelevant werden sollen. Für den Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹, einen Osnabrücker Forschungsverbund zur Entstehung und Wirkung von Migrationskategorien, verfolge ich dabei die Figuren, unter denen Arbeitsmigration verwaltet, bestritten und erinnert wird, also Zuschreibungen wie ›bracero‹, ›guest worker‹ oder ›alien worker‹.

Salem: ›Alien Workers‹

Der Montagvormittag gehörte dem Staatsarchiv von Oregon in Salem, einer Abteilung im Amt des Secretary of State, das trotz des Titels natürlich kein Außenressort ist: Der Amtsinhaber wird in Oregon direkt gewählt und verantwortet neben Wahlen und Rechnungsprüfung auch das Archivwesen. Bestellt hatte ich zahlreiche Archivkartons aus den Akten der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt; den zweiten Bestand konnten mir die Archivarinnen vor Ort gleich vollständig digital zum Download zur Verfügung stellen!

Einen ersten spannenden Befund bietet das Frühjahr 1979. Das Büro des Gouverneurs verhandelt damals eine Gesetzesinitiative, die den Gouverneuren die Feststellung übertragen soll, ob einheimische Arbeitskräfte verfügbar sind, jene Feststellung also, von der die Zulassung ausländischer Arbeitskräfte in die Landwirtschaft abhängig gemacht werden soll. Die Akte bezeichnet die Menschen, um die es geht (vor allem Zuwandernde aus Mexiko), durchgehend als ›temporary alien workers‹. Bob Oliver, der Rechtsberater des Gouverneurs, stellt am 30. April 1979 in einem Memo mit dem Betreff ›Alien Workers‹ zwei Dinge gegeneinander, den Ärger mit den Gewerkschaften und den Zugewinn an Zuständigkeit für den Bundesstaat:

»On the one hand, you as Governor would be accepting a hot potato — a responsibility which might cause you to take actions displeasing to organized labor. On the other hand, my philosophy is that we should seize every opportunity to exercise authority at the state or local level.«

Atiyeh schreibt drei Tage später an Mark O. Hatfield, den Senator Oregons im Kongress, er selbst billige das Konzept, und ergänzt eine Verfahrensbitte: Es fehle eine Regelung, nach welcher Methode ein Gouverneur die Verfügbarkeit einheimischer Kräfte festzustellen habe, wünschenswert wären »uniform methods among the states«. Das Thema des Vorgangs ist nicht, wer kommt und unter welchen Bedingungen, sondern wer den Bedarf für die Rekrutierung feststellt und nach welchem Verfahren.

Der zweite Befund liegt drei Jahre später. 1982 verhandelt der Kongress über den Entwurf von Senator Alan Simpson und dem Abgeordneten Romano Mazzoli, der neben Arbeitgebersanktionen bei Beschäftigung illegalisierter Arbeitskräfte und einer Legalisierung von deren Aufenthalt auch neue Regeln für befristete ausländische Landarbeit vorsah; die Initiative scheitert in diesem Anlauf, die Reform der Migrationsgesetzgebung der USA sollte erst 1986 als Immigration Reform and Control Act zum Gesetz werden. Am 4. November 1982 schreibt derselbe Bob Oliver in diesem Zusammenhang ein Memo an Gerry Thompson im Büro des Gouverneurs:

»Estimates of the number of illegal aliens in the United States vary from 3 to 12 million, and in Oregon from 6,000 to 50,000. Up to now, this issue has directly impacted the Governor’s office primarily on occasions when the Immigration and Naturalization Service attempts to round them up, and we are contacted by ranchers and farmers, and other employers, who express concern about ›harrassment‹ of their workers who are legal residents. …«

Die Hauptsorge benennt das Memo selbst: »I believe our main concern ought to be fiscal impact on state government«. Unter der Annahme von 20.000 im Bundesstaat lebenden ›illegal aliens‹ rechnet die Sozialverwaltung im Fall einer Legalisierung für den Zweijahreshaushalt 1983 bis 1985 mit 3,2 Millionen Dollar an Sozialhilfe- und Bildungskosten im General Fund, dem allgemeinen Landeshaushalt. Ihre für die Sozialhilfe zuständige Abteilung, die Adult and Family Services Division, empfiehlt im beiliegenden Briefing Paper die Ablehnung, »because of the substantial financial burden that it will present to the state and local governments«. In der Zuarbeit an den Gouverneur läuft die Linie 1982 damit auf ein Nein zu Simpson-Mazzoli hinaus, begründet allein mit den Kosten für die Inklusion legalisierter Eingewanderter in die Sozialsysteme.

Ein drittes Schlaglicht zeigt, wie die Verwaltung ihre Grenzen definierte. 1979 rät die Employment Division, die Arbeitsverwaltung des Bundesstaates, davon ab, dass dieser das CETA-303-Programm in eigener Regie übernimmt, mit dem der Bund die Arbeitsförderung für Wander- und Saisonarbeitskräfte finanzierte. Der Vermerk begründet das damit, dass viele der Betroffenen spanischsprachig seien und solche Programme traditionell Organisationen getragen hätten, deren Mitarbeiter:innen einen ähnlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund hätten wie die Menschen, um die es gehe: »The Employment Division has no such identification«. Die Behörde hält damit selbst aktenkundig fest, dass sie die spanischsprachige Bevölkerung nicht erreicht, während in Woodburn seit 1977 eine Organisation dieses Typs arbeitet, das Willamette Valley Immigration Project.

Woodburn: die Risberg Hall

Am Nachmittag desselben Montags habe ich in Woodburn mit Larry Kleinman und Ramón Ramírez gesprochen, zwei der Gründer von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen in Oregon. Wir saßen in der Risberg Hall, einem Saal der Gewerkschaft, und schon der Ort erzählt Organisationsgeschichte: Er trägt den Namen von Kleinmans Großeltern Edward und Sonia Risberg. Beide waren Mitglieder des International Workers Order, einer linken Selbsthilfe- und Versicherungsorganisation von Einwanderer:innen.

PCUN ging aus ebenjenem Willamette Valley Immigration Project von 1977 hervor und wurde 1985 als Gewerkschaft gegründet. Die Entscheidung, mit der Rechtshilfe zu beginnen und erst danach gewerkschaftlich zu organisieren, fiel am Colegio César Chávez in Mount Angel, dem ersten akkreditierten, von Chicanos getragenen vierjährigen College in den Vereinigten Staaten, das die zweite Depesche kurz thematisiert hat.

Der Besuch im PCUN-Hauptquartier in Woodburn, OR, ein Höhepunkt der Archivreise (cr).

Larry Kleinman hat den Rahmen der Gewerkschaftsarbeit der PCUN im Gespräch so beschrieben: Landarbeiter:innen seien (nach wie vor) vom nationalen Tarifrecht ausgenommen, und Oregon kenne kein Verfahren, das Agrarbetriebe zur kollektiven Tarifverhandlung verpflichte. Eine Organisation, die unter diesen Bedingungen arbeite, erzeuge Druck über Boykotte, Öffentlichkeit, Prozesse und Gesetzgebung; für ihre Stellung gebe es inzwischen einen eigenen Ausdruck, ›labor adjacent‹, eine Organisation also, die wie eine Gewerkschaft arbeitet, ohne deren Verfahrensrechte zu haben. In der Phase, die für meine Fragestellung vorrangig relevant ist, von den 1980er bis zu den frühen 2000er Jahren, trugen erst das Immigration Project und dann PCUN den regionalen Widerstand gegen die Anläufe, ein Anwerbeprogramm für die Landwirtschaft neu einzurichten. Seit 2011 liegen die Akten der Bewegung an der University of Oregon in Eugene, wo ich meine erste Archivwoche verbracht habe. Dass es diesen Bestand gibt, führen Ramírez und Kleinman auf ihren Mitstreiter Cipriano Ferrel zurück, der früh darauf bestanden habe, dass die Gruppe Geschichte mache und sich entsprechend verhalten müsse; das erfordere die Bildung eines eigenen Archivs. Das ist der Befund der Woche für die zweite Frage dieser Reise: Neben den Wörtern verfolge ich, wie Bestände zu Migration und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen überhaupt entstehen, in Archive gelangen und zugänglich werden.

Auch auf die Frage der ersten beiden Depeschen, mit welchen Wörtern diese Arbeitsmigration bezeichnet wurde und wer die Wörter setzte, haben meine beiden Gesprächspartner eine spannende Antwort: Dass die Bewegung in den 1980er Jahren ›bracero‹ auf die Schilder schrieb und nicht ›guest worker‹, erklärte Kleinman aus der gelebten Erfahrung: ›Bracero‹, das Wort für die so angeworbenen Vertragsarbeiter, sei greifbar gewesen und habe in der Community einen Widerhall gehabt. Ramírez ergänzte, die Erinnerung an das Programm sei in den Familien geblieben, denn die Betroffenen seien die Väter und Großväter derer gewesen, die in Oregon geboren wurden und den Kampf gegen Diskriminierung in den 80er und 90er Jahren weiter trugen. Die Parole einer Kundgebung von 1997, ein ›guest worker program‹ sei legalisierte Sklaverei, erscheint von hier aus weniger als Zuspitzung denn als der entlarvende Verweis darauf, dass ein reines Relabeling rassistische Praktiken und Zuschreibungen nicht beseitigt, sondern nur tarnt.

Portland: die Oregon Historical Society

Das letzte Archiv im Arbeitsplan gehört der Oregon Historical Society (cr).

Von Dienstag bis Freitag habe ich in der Research Library der Oregon Historical Society (OHS) gearbeitet, der Bibliothek eines privaten, gemeinnützigen Geschichtsvereins von 1898, der zugleich die größte Sammlung zur Geschichte des Bundesstaates verwahrt (Engeman 2026). Für die Archivstudie interessiert mich an diesem Haus vor allem, wie es mit seiner eigenen Sammlungsgeschichte umgeht. Auf der Bestandsseite der Bibliothek steht dazu das Wesentliche: Die frühen Erwerbungen hätten »the pioneer, settler-colonial experience« in den Mittelpunkt gestellt, und »the biases and omissions of our early collecting continue to remain evident across the library’s collections«.

Dagegen setzt die Bibliothek zweierlei: eine Erwerbungspolitik, die künftig eine größere Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven abbilden soll, und die Überarbeitung der Verzeichnung, also der Beschreibungen, über die ein Bestand auffindbar wird. Für diese Überarbeitung gilt der Ausdruck ›reparative cataloging‹, und sie verlangt, mit den Communities zu klären, wie sie sich selbst bezeichnen, und den Zugang zur Überlieferung gegen mögliche Verletzungen abzuwägen.

Wie weit die Historical Society die eigene Position reflektiert, zeigt exemplarisch eine zweite Entscheidung. Zwei Wochen nach dem rassistischen Doppelmord in einer Portlander Stadtbahn im Mai 2017 beschloss der Beirat der Oregon Historical Quarterly, mit den Mitteln der Zeitschrift auf das zu antworten, was die Zeitschrift selbst als Zunahme öffentlich auftretender Ansprüche auf Weiße Vorherrschaft beschrieb. 2019 erschien das Themenheft White Supremacy & Resistance, herausgegeben von Darrell Millner und Carmen Thompson. Dem Beirat, der den Band begleitete, gehörte neben anderen Natalia Fernández an, die Kuratorin der Oregon Multicultural Archives, mit der ich in der Vorwoche in Corvallis gesprochen habe. »The OHQ special issue is not neutral on the subject of White supremacy«, heißt es dazu in einem Blogbeitrag des Hauses ausdrücklich, und seit Februar 2021 stehen die zwölf Aufsätze des Bandes frei im Netz.

Am Freitag habe ich mit Brian Stauffer, dem Library Director, über Sammlungspolitik, Öffnung und diese besondere Trägerschaft gesprochen. Die Auswertung dieses Gesprächs gehört in meine Archivstudie und wird in mein Buch über Archive in Migrationsgesellschaften einfließen.

Die Akten des Stella Maris House

Der stärkste Portland-Befund liegt in der Sammlung des Stella Maris House, einer katholischen Laienorganisation für soziale Arbeit in Portland (Mss 1585), die am Donnerstag auf den Tisch kam, nachdem ich einen zweiten Tag in Salem gestrichen hatte. Ihre Mappen vermittelten mir Einblicke in die Situation der 1950er und 1960er Jahre.

Die Akten des Oregon AFL-CIO liegen ebenfalls bei der OHS, blieben aber für meine Studie weitgehend befundlos (cr).

Die älteste Schicht ist ein Bericht des Oregon Bureau of Labor, der Arbeitsbehörde des Bundesstaates, aus dem Jahr 1957: ›Vamonos pal Norte (Let’s Go North). A Social Profile of the Spanish Speaking Migratory Farm Laborer‹. Er dankt namentlich Landarbeiter:innen, die Auskunft gegeben haben, darunter »Susana R. Luckenbough, Portland University student, who has been a migrant farm worker for the past 20 years«. Für 1957 zählt er eine spanischsprachige Wanderarbeiterschaft von 11.000 bis 12.000 Personen in Oregon, dazu für das zurückliegende Jahr 800 über ein internationales Abkommen angeworbene ›Mexican Nationals‹. Er unterscheidet durchgehend zwischen ›imported laborer‹, den über das Abkommen Angeworbenen, und ›domestic laborer‹, den im Land ansässigen spanischsprachigen Landarbeiter:innen, und er hält fest, mit welchen Wörtern die beiden Gruppen einander belegten:

»The imported laborer and the Spanish-speaking laborer working in the same area frequently create a general feeling of antagonism and jealousy. This is essentially based in the following contributing factors: (1) imported laborer appears to have better living and working conditions (2) imported laborers develop or inspire more community interest and acceptance (3) domestic laborer calls imported labor ›surumatos‹ which is a derogatory term to describe the people from interior Mexico. And, imported laborer calls domestic labor ›pochos‹ which is also derogatory term for natives or residents of Spanish-speaking background …«

Die zweite Depesche hat gezeigt, wie eine Behörde die Menschen nach Herkunft und Rechtsstatus sortiert. Hier stehen die Wörter, mit denen die Bezeichneten einander bezeichnen: ›surumatos‹ für die aus dem Inneren Mexikos Angeworbenen, ›pochos‹ für die schon in den USA Ansässigen, Sortierungen nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit, die neben den staatlichen Kategorien herlaufen und eigene Kriterien haben. Und die Rangfolge, die der Bericht festhält, verläuft umgekehrt zu der, die später gegen Anwerbeprogramme ins Feld geführt wird, wonach gerade die Vertragsarbeiter die Rechtlosesten auf dem Feld sind: Den Vertragsarbeitern werden hier die besseren Unterkünfte und die größere Aufmerksamkeit der Gemeinden zugeschrieben, während die Einheimischen das Nachsehen haben.

Fünf Jahre jünger ist ein Rundbrief des National Advisory Committee on Farm Labor vom Februar 1962. Das Komitee, eine nationale Reformkoalition mit Sitz in New York, erklärt darin, warum es im Nordwesten kaum noch Vertragsarbeiter unter Public Law 78 gibt, dem Gesetz, das seit 1951 die Grundlage des Bracero-Programms bildete:

»Ten years ago the employment of Mexican workers under Public Law 78 in the Pacific Northwest was widespread. Wages were very low and living conditions in many places were intolerable. This changed as state and federal employment officers began making concerted efforts to ensure that farm employers were actually trying to attract domestic workers. … As wages rose, the ›shortage‹ of domestic labor disappeared and bracero labor in the Northwest became rare.«

Das ist, rund drei Jahrzehnte früher, das ökonomische Argument der Kampagnen, mit denen die Bewegung in den 1990er Jahren gegen neue Anwerbepläne stritt: Der behauptete Mangel an einheimischen Arbeitskräften verschwindet, sobald der Lohn steigt. Auf der einen Seite steht die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auf der anderen die Beschaffung ausbeutbarer Arbeitskräfte.

Warum Oregon in diesem System eine Sonderstellung hatte, erklärt ein Mitarbeiterblatt des Oregon Employment Service, der staatlichen Arbeitsvermittlung, von 1964. Roscoe West, in der Behörde für die Vermittlung von Landarbeit zuständig, referiert darin eine nationale Farm-Labor-Konferenz vom Februar 1964, auf der das Auslaufen von Public Law 78 angekündigt wurde; 1963 waren noch »almost 187,000 Mexican nationals, or braceros« ins Land gekommen. West wendet sich an die Erzeuger des eigenen Bundesstaates: Oregon habe zuletzt nur etwa 350 Vertragsarbeiter im Jahr beschäftigt, sei aber Jahr für Jahr auf fast 20.000 einheimische Wanderarbeiter:innen angewiesen. Sie kämen aus genau den Staaten, die am stärksten Braceros beschäftigt hätten, und diese Staaten würden künftig stärker um ihre eigenen Arbeitskräfte werben, also mit Oregon konkurrieren. »Oregon may be at the end of the chain, but the chain reaction will still affect the last link.«

Eine weitere Schicht von Befunden verbindet Portland mit Salem. In einer Sammlung von Pressemeldungen liegen drei Artikel des Oregonian, der Portlander Tageszeitung, vom 2. Mai 1967 nebeneinander: zum Mindestlohnentwurf, zur Inspektionspflicht für Wanderarbeiterlager und zu Arbeitsminister Willard Wirtz, der die Ausnahme der Landarbeiter:innen vom Tarifrecht »an affront to the American principle of equal justice under the law« nennt. Den Mindestlohnentwurf bringt in der ersten Meldung ein Staatssenator namens Victor Atiyeh durch den Ausschuss, derselbe Atiyeh, dessen Gouverneursakten zwölf Jahre später in Salem über ›alien workers‹ verhandeln.

Atiyeh, 1923 in Portland geboren, war selbst das Kind von Eingewanderten aus dem Osmanischen Reich, aus dem heutigen Syrien und dem Libanon, und mit ihm bekleidete zum ersten Mal ein ›Arab American‹ ein Gouverneursamt in den Vereinigten Staaten (Moore 2025). In den Salemer Vorgängen, die ich gesehen habe, kommt davon nichts vor; Herkunft ist dort eine Kategorie für die Verwalteten.

Jobs with Justice, 2006

Ein Sprung um vier Jahrzehnte, und in einen anderen Bestand der Oregon Historical Society: die Akten von Portland Jobs with Justice, einem Bündnis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die dessen Zusammenarbeit mit Einwandererorganisationen für die Jahre 2006 bis 2014 dokumentieren. Hier hat der Ausdruck ›guest worker‹, dem diese Reise gilt, seine Bedeutung verändert. Eine undatierte Zusammenstellung von Themen, Zielen und Prioritäten für den Dialog mit Community Organizations nennt »Overcoming divisions around guest worker programs« und, unter den bundespolitischen Vorhaben, »Creating guest worker programs where undocumented workers are treated fairly«. Eine E-Mail vom Juni 2006 sammelt Einwände für Workshops mit Gewerkschaftsmitgliedern, darunter den Satz, ein solches Programm setze nur die Strategie der Reagan-Jahre fort, den Arbeitsmarkt mit Arbeitskräften zu fluten und die Gewerkschaften zu brechen. Was ein Jahrzehnt zuvor als Anklage auf den Schildern der PCUN stand, wird hier als eine Position unter mehreren geführt, die in moderierten Gesprächen zu bearbeiten ist.

Ein erster Eindruck

Der Ertrag der Woche verweist auf die Strukturierung der Überlieferung. Der Staat verhandelt die Sache als Verfahrens- und Kostenfrage und führt die Menschen als ›alien workers‹, als Rechtsfigur und Haushaltsposten. Die Bewegung bewahrt ihre Unterlagen auf und schafft sich damit ihre eigene Überlieferung und eine Stimme in der Produktion von Geschichte; den Anstoß gab Cipriano Ferrels Beharren darauf, dass die eigenen Quellen wichtig sind. Der Geschichtsverein hält, was zwischen diesen beiden Akteuren liegt, von der katholischen Sozialarbeit bis zur Gewerkschaftskoalition, und arbeitet öffentlich an den Lücken und Biases, die seine eigenen Anfänge im Archiv festgeschrieben haben.

Der Bericht von 1957 fügt dem die Erweiterung hinzu, die für die Frage nach der ›Produktion von Migration‹ die wichtigste dieser Woche ist: Die Kategorienarbeit endet nicht an der Grenze der Community. ›Surumatos‹ und ›pochos‹ sortieren dieselben Felder, die der Staat mit ›Mexican Nationals‹ und ›alien workers‹ ordnet, nur nach eigenen Kriterien, nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit statt nach Rechtsstatus. Wer die Figuren der Migration untersucht, hat es deshalb nicht nur mit einer Verwaltung zu tun, die kategorisiert, und einer Bevölkerung, die kategorisiert wird, sondern mit einem Feld, auf dem viele Akteure ›Figuren der Migration‹ produzieren.

Abschied von Oregon

Mein letztes Bild dieser Reise zeigt den Scanner, mit dem ich drei Wochen gearbeitet habe, auf einem leeren Tisch. Alle Akten gelesen? Kaum. Drei Wochen bin ich dem Ausdruck ›guest worker‹ nachgegangen, und am wenigsten stand er dort, wo das Anwerbeprogramm verwaltet wurde: In den Mappentiteln des Extension Service in Corvallis fehlt er, und ›bracero‹ fehlt dort ebenfalls, obwohl derselbe Dienst das Programm ausgeführt hat; im Büro des Gouverneurs in Salem heißen die Menschen ›alien workers‹. Die Bewegung, die in den 1980er Jahren gegen die Pläne für ein neues Anwerbeprogramm kämpfte, identifizierte indes ›guest worker‹ schon früh als eine Übersetzung aus Europa, die einem Relabeling der Zuwanderung aus Mexiko dienen sollte. PCUN selbst gebrauchte die Kategorie nie für die Bezeichnung von Arbeitsmigrant:innen; die Gewerkschaft verweigerte genau jene sprachliche Finte, deren sich die Politik im politisch-medialen Diskurs rund um die Reform der Migrationsgesetze bedienen wollte. ›Guest worker‹ wird 1997 mit voller Wucht zur Vokabel im politischen Kampf, als Anklage auf einer Kundgebung gegen ein neues Reformpaket: ein solches Programm sei legalisierte Sklaverei. Ein knappes Jahrzehnt darauf führt ein Bündnis von Gewerkschaften und Einwandererorganisationen in Portland denselben Ausdruck in seinen Arbeitspapieren, und zwar zweifach: als Ziel, ein solches Programm fair einzurichten, und als Einwand, es setze nur die Lohndrückerei der Reagan-Jahre fort. Ob sich dieser Weg des Ausdrucks in den Beständen so nachzeichnen lässt, wie es die ersten Schlaglichter aus drei Wochen hektischer Archivarbeit nahelegen, entscheidet die Lektüre der Akten in Osnabrück.

Die Vielstimmigkeit, um die die Bibliothek in ihrer Verzeichnung ringt, ist übrigens im Museum des Hauses schon zu besichtigen. Die Dauerausstellung ›Experience Oregon‹, eröffnet im Februar 2019, hat die Oregon Historical Society gemeinsam mit neun indigenen Nationen des Bundesstaates erarbeitet. Deren Vertreter:innen stellten dabei eine Bedingung, die den Rundgang prägt: Am Anfang der Ausstellung zu stehen, weil sie zuerst da gewesen seien, genüge nicht, denn sie seien immer noch da. Seither kehrt die Erzählung immer wieder zu ihren Stimmen zurück. Die Ausstellung zeigt auch, was schmerzt, eine Kapuze des Ku-Klux-Klan etwa, hinter Glas. »Our job is to tell the truth. We’re not the tourism bureau«, hat Direktor Kerry Tymchuk diese Haltung gegenüber der Presse zusammengefasst.

Vor dem Haus, auf den South Park Blocks, ist auch etwas Bemerkenswertes zu sehen. Dort stand seit 1922 ein Reiterstandbild Theodore Roosevelts; im Oktober 2020 haben Demonstrierende es bei einer Protestaktion zum Indigenous Peoples Day niedergerissen, ebenso wie ein Standbild Abraham Lincolns wenige Schritte weiter. Roosevelt ist seither eingelagert; das Lincoln-Standbild wurde 2025 restauriert und wartet auf die Wiederaufstellung. Die Stadt hat entschieden, beide an ihre alten Standorte zurückkehren zu lassen, aber mit neuen Tafeln zur Einordnung. Über deren Inhalt wird 2026 noch öffentlich beraten.

Ich habe die Leerstelle fotografiert, denn sie führt vor, was der Sonderforschungsbereich in seinem Transferprojekt mit DOMiD, dem Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, digital erprobt: In einer Anwendung dieses Projekts, dem ›Place Changer‹, gestalten Nutzer:innen reale Orte am Bildschirm um, um auszuprobieren, wie Erinnerungslandschaften anders aussehen könnten und wer über sie bestimmt. In Portland ist dieses ›place changing‹ keine Simulation. Eine Stadtgesellschaft verhandelt am Ort selbst, wen sie im öffentlichen Raum erinnert, und die Leerstelle ist der Stand der Verhandlung.

Literatur

  • Engeman, Richard: Oregon Historical Society, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 6. Februar 2026 (dort die Rechtsform des Hauses).
  • Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024 (dort die Einordnung des College).
  • Moore, Jim: Victor Atiyeh (1923–2014), in: The Oregon Encyclopedia, Stand 7. März 2025.
  • Millner, Darrell / Thompson, Carmen (Hg.): White Supremacy & Resistance, Themenheft der Oregon Historical Quarterly, Winter 2019 (seit Februar 2021 frei zugänglich).
  • The Oregon Historical Society Refuses to Gloss Over the Ugly Parts of the State’s Past, in: Willamette Week, 10. Februar 2021 (dort die Angaben zur Entstehung von ›Experience Oregon‹ und das Zitat von Kerry Tymchuk).
  • City of Portland: What’s happening with the City’s monuments?, portland.gov, Stand August 2026 (dort der Stand zu den Standbildern Roosevelts und Lincolns).
  • Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
  • Rass, Christoph: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis, in: NGHM@UOS, 15. August 2026, DOI 10.58079/16ny4.

Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997.

Auf dem Campus der UO in Eugene (cr)

Seit dem 3. August bin ich für drei Wochen in Oregon, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck. Die Reise gehört zum Teilprojekt A3 des SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und führt über Eugene und Corvallis nach Salem und Portland. Sie ist Teil meiner Arbeit über die Figur des ›guest worker‹ und ihre Herkunft aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹. Wie diese Figur im amerikanischen Einwanderungsdiskurs hergestellt wurde, steht in ›Inventing the Guestworker‹, dem Buch, das Julie Weise und ich derzeit in den Druck begleiten. Hier suche ich, was aus dieser Figur im Willamette Valley geworden ist.


Vorgeschichten

Die Wurzeln meiner Forschungsfrage reichen weit zurück. Ein Teil der Forschung datiert ›Gastarbeiter‹ auf die NS-Zeit, ein anderer auf die Anwerbeabkommen der Bundesrepublik. Beides ist zu spät. Geprägt hat den Begriff Max Weber, in der ›Wirtschaftsethik der Weltreligionen‹, geschrieben im Ersten Weltkrieg und 1916 erschienen. Weber spricht dort von ›Gasthandwerkern‹, von ›Gastvölkern‹ und schließlich von ›Gastarbeitern‹, und er bezeichnete damit Gruppen in Randstellungen im alten Indien und in Palästina. Zwanzig Jahre zuvor, in seiner Untersuchung über die Landarbeit im östlichen Deutschland, hatte er von ›Wanderarbeitern‹ gesprochen. Warum er die Figur wechselte, ist offen (Rass 2023: 11).

Warum ›Gast‹ und nicht ›Fremd‹? Im juristischen Deutsch des 19. Jahrhunderts standen beide Wörter oft nebeneinander. In den Schriften zum Fremdenrecht trug ›Gast‹ jedoch zweierlei zugleich: die Befristung des Aufenthalts und die Pflicht der ›Gastgeber‹, die Ankommenden schonend zu behandeln. Diese Doppelung hat der Begriff nie verloren, und sie erklärt einen Teil seiner Anziehungskraft (Jordans 1838: 291; Rass 2023: 12).

Benannt wird damit von Anfang an keine Herkunft, sondern eine Stellung: von außen gekommen, auf Zeit geduldet, für gering geachtete Arbeit vorgesehen, ohne Aussicht auf Zugehörigkeit (Rass 2023: 12). Deshalb lässt sich das Wort verschieben. Die NS-Propaganda zum ›Ausländereinsatz‹ macht es zum Standardvokabular, die Bundesrepublik nimmt es zwei Jahrzehnte später auf, seit den 1960er Jahren wandert es als Lehnwort in rund dreißig Sprachen. Ein Ausdruck, der eine exkludierende soziale Ordnung produziert, lässt sich überallhin mitnehmen. Auch die 50.000 Menschen aus Mexiko, die nach dem Reagan-Plan von 1981 jährlich in die USA kommen sollten, waren für eine solche Kategorisierung vorgesehen: der gerade aus Deutschland importierte Begriff ›Gastarbeiter‹ sollte als eine neue Bezeichnung dienen, um zu signalisieren, dass es für diese Immigranten keine Bleibe- oder Zugehörigkeitsperspektive geben sollte.

Diese transnationale Genealogie und ihre historische Semantik zu rekonstruieren, ist seit Jahren ein wichtiger Teil meiner Forschung; wie aus ›Gastarbeiter‹ im amerikanischen Einwanderungsdiskurs ›guest worker‹ wurde, steht in meinem Working Paper von 2023.

Daneben läuft eine zweite Linie, die nicht das Wort betrifft, sondern ein Instrument. In ›Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt‹ (2010) ging es nicht um eine Figur der Migration, sondern um einen Vertragstyp, der solche Figuren sie den ›Gastarbeiter‹ brauchte und koproduzierte – ohne das je selbst in den Vertragstexten klar zu benennen: die bilateralen Wanderungsverträge, mit denen europäische Staaten zwischen 1919 und 1974 die internationale Mobilisierung von Arbeitskraft regelten. Die Frage war, wie eine solche Institution mit eigener Logik entsteht, und wie wie über lange Zeiträume hinweg wirkt. Gemeinsam mit Julie Weise habe ich diese Linie über den Atlantik verlängert. ›Migrating Concepts‹ führt die transatlantischen Ursprünge des Bracero-Programms bis in die zwischenstaatliche Vertragspraxis der Zwischenkriegszeit zurück (Weise/Rass 2024). Es wandert also nicht nur der Name, sondern auch das Instrument. Beide bewegen sich aber nicht im selben Takt und erfahren eine eigene Translation.

Diese Linien lassen sich zunächst aus Akten von Regierungen, Ministerien und Kommissionen rekonstruieren. Solche Akten zeigen, wie eine Figur von oben hergestellt wird. Was mit der Figur geschieht, sobald sie in einer Agrarregion ankommt und dort in Gewerkschaftsbüros, Beratungsstellen und Redaktionen aufgegriffen wird, steht in diesen Akten nicht. Nach diesen Prozessen suche ich auf dieser Archivreise.

Die PCUN Records in Eugene

Die Special Collections and University Archives der University of Oregon verwahren die Überlieferung von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen aus Woodburn. ‘Coll 335’ umfasst 79,5 laufende Fuß in 58 Containern, Laufzeit 1952 bis 2012.

Diese 79,5 Fuß Aktenmaterial sind ein Ergebnis und kein Ausgangspunkt. 1999 ordnen PCUN-Beschäftigte, Studierende der University of Oregon und die Anthropologin Lynn Stephen das Archiv der Gewerkschaft in Woodburn. Anlass war damals ein Buchprojekt, für das auch vierzehn Interviews entstehen. Elf Jahre später, im Dezember 2010, fährt eine Delegation der SCUA nach Woodburn und nimmt auf, was dort an Dokumenten liegt: rund 240 laufende Fuß, Aktenordner, Audiokassetten, Videobänder, Fotografien und Negative, Plakate, Ephemera. Am 6. Juni 2011 unterzeichneten der Präsident der Universität, Richard Lariviere, und der Präsident von PCUN, Ramón Ramírez, in der Knight Library einen Deed of Gift.

Das Archiv der PCUN in den Special Collections des Universitätsarchivs (cr)

Wie werden aus 240 Fuß Material rund 80 Fuß Archivalien? Die Erwerbungsgeschichte, die zwei der Beteiligten 2014 publiziert haben, macht den Prozess transparent. Die Gewerkschaft hatte Gründe, Unterlagen zurückzuhalten: Notizen aus Tarifverhandlungen, Strategiesitzungen, alles, was den Aufenthaltsstatus von Mitgliedern berührt. Bis der Bestand benutzbar wurde, dauert es noch einmal drei Jahre. Anfang 2013 existiert dann ein unveröffentlichtes Inventar. Im September 2013 begann Sonia de la Cruz ein neunmonatiges Fellowship und erstellte ein zweisprachiges Findmittel. Am 7. Mai 2014 öffnet der Bestand mit einem Open House, im selben Lesesaal, in dem ich diese Woche sitze.

Was ich heute lese, ist kein ungefiltertes Abbild der Gewerkschaftsgeschichte. Es ist das Ergebnis einer Kette von Entscheidungen: was 1999 geordnet wurde, was 2010 aufgenommen, was 2011 übergeben, was zurückbehalten, was 2014 erschlossen wurde. Für ein Projekt über die Produktion von Kategorien ist das selbst schon Teil des Befundes.

Das Material

Dreizehn Kartons konnte ich in den ersten Tagen durcharbeiten. Der eine Teil sind Sachakten: Immigration und Farm Labor in Box 1 und 2, H-2A-Unterlagen von 1980 bis 1998, eine Mappe zum Bracero-Programm, die Kampagnenakten gegen den Smith-Wyden-Entwurf von 1998. In Box 54 liegen die Akten zur Gegnerschaft gegen H-2A von 1980 bis 2002, in Box 55 die Mappe gegen den Smith-Graham-Entwurf von 1999, in Box 8 ein Zeitungsartikel von 2004 über ein ›nuevo programa bracero‹.

Der Dokumentscanner macht die Arbeit im Archiv erst effizient (cr)

Der andere Teil ist ergiebiger. Box 3 der PCUN Sammlung enthält die Korrespondenz von 1977 bis 2002, Box 10 Plakate und Flugblätter, Box 13 die Bewegungspresse. Die Kartons 16, 18 und 41 sind Fotoserien von Demonstrationen zwischen 1977 und 1998. Dazu ein Karton aus den John Little Papers mit Unterlagen des Colegio César Chávez und Akten der Valley Migrant League. Kampagnensprache steht selten in Sachakten. Sie steht in Newslettern, auf Flugblättern und auf Schildern.

Ein Fundstück aus 1981: Die Gleichsetzung im Typoskript

In Box 54 liegt eine Mappe mit Unterlagen der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan, Laufzeit 1981 bis 1982. Darin ein zweiseitiges Typoskript ohne Tagesdatum, „Summary and Analysis of the Reagan Plan”, mit einem Postfach in Portland und einer Telefonnummer in Woodburn. Das Papier geht Punkt für Punkt das Einwanderungsprogramm durch, das die Regierung Reagan am 30. Juli 1981 vorgestellt hatte. Begründet hatte sie es mit dem Satz „we have lost control of our borders”. Hinter jedem Punkt des Papiers steht ein Absatz „Analysis”.

Punkt eins lautet:

„Creation of an ″experimental guest worker program″ to bring 50,000 Mexicans to the U.S. each year. Workers could not bring their families and would be ineligible for social services.”

Die Analyse dazu:

„Reagan seeks to revive the ″Bracero″ program which had been terminated in 1964. During its twenty-two year existence, the Bracero Program created slave-like conditions for ″guest workers″, depressed farmworker wages and was used to break strikes.”

Auffällig ist der Umgang mit dem Wort. „Experimental guest worker program” wird in Anführungszeichen aus der Regierungssprache übernommen, nicht übersetzt und nicht erläutert. Im Analyseabsatz kommt der Ausdruck wieder, immer noch in Anführungszeichen, jetzt als Bezeichnung für die Braceros der Jahre 1942 bis 1964. Die Gleichsetzung wird nicht behauptet. Sie wird über die Zeichensetzung vollzogen: ein fremdes Wort, gesetzt von der Gegenseite, das die Koalition mitführt, um es zu entkräften.

Was das Papier zurückweist, ist aus demselben Jahr in einem Anhörungsprotokoll nachzulesen. In den gemeinsamen Anhörungen der Einwanderungsunterausschüsse von Senat und Repräsentantenhaus im Mai 1981 hält Senator Alan K. Simpson aus Wyoming der Vertretung der AFL-CIO entgegen, er komme

„from an area of the Nation where the bracero program was used and the very term is offensive to the Hispanic people, the term ›bracero‹. That is why we use terms like guest workers” (Committee on the Judiciary 1981a: 91; Rass 2023: 43).

Simpson bringt im Jahr darauf gemeinsam mit dem Abgeordneten Romano Mazzoli den Gesetzentwurf ein, gegen den die PCUN bis 1986 kämpfen wird. Hier begründet er die Wortwahl als Rücksichtnahme: ›guest worker‹ ist der Ausdruck, der niemanden kränkt. Genau diese scheinbare Rücksichtnahme, die tatsächlich einer rassifizierenden und exkuldierenden Figur nur einen neuen Figurenbegriff mit gleicher Funktionalität verschaffen soll, verweigert das Papier aus Box 54. Es nimmt das neue Wort und legt es auf das alte Programm zurück.

Ein Fundstück aus 1997: Die Gleichsetzung auf dem Plakat

Sechzehn Jahre später steht dieselbe Gleichung auf Pappschildern. Box 41, Folder 37 enthält Aufnahmen einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford. Das Datum, der 20. September 1997, steht im Findmittel und als Aufdruck der Kamera auf den Bildern. Anlass war H.R. 2377, der Temporary Agricultural Worker Act of 1997, eingebracht von Bob Smith.

Auf den Schildern steht, englisch und spanisch nebeneinander:

„GUEST Worker IS Legalized Slavery” „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST” „ABAJO CON HR 2377″ „SOMOS MEXICANOS EXIGIMOS RESPET[O]”

Zwei Nationalflaggen sind nebeneinander aufgespannt, die mexikanische und die US-amerikanische, eine Person hält ein Bild der Virgen de Guadalupe hoch, in der ersten Reihe stehen Kinder und ältere Frauen. Medford liegt im Rogue Valley, weit im Süden des Bundesstaates. Auch das gehört zum Befund, denn die Auseinandersetzung ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf die Anbauregion um Woodburn beschränkt. 1981 stand die Gleichsetzung in einem Typoskript. 1997 machen die Betroffenen den Kategorisierungsversuch der Politik auf ihren Picketing-Signs öffentlich!

Das Korpus

Die Aufnahmen aus dem Lesesaal werden Teil eines größeren Korpus: Texterkennung, Begriffsmatrix, Auszählung nach Bild, danach Konkordanzen und, soweit das Material trägt, Kollokationen. Das Verfahren stammt aus Teilprojekt A3, wo knapp sechstausend deutschsprachige Fachtexte zu Migration, Diversität und Bildung aus den Jahren 1960 bis 2010 auf drei Ebenen gelesen werden, nach Struktur, nach Inhalt und nach Bedeutung (Celikten u. a. 2026, forthcoming). Der Grundsatz gilt für die Kartons in Eugene wie für die Bibliographien in Osnabrück: Kategorien in prozessgenerierten Daten spiegeln die Verhältnisse nicht, sie bringen sie hervor. Gezählt wird deshalb, welche Kategorie in welcher Dichte und mit welchen Bedeutungszuschreibungen im Umlauf war. Dass ich die Kartons nach genau diesen Kategorien bestellt habe, gehört zu diesem Befund und arbeitet nicht gegen ihn – dies zu reflektieren gehört zu unserer Arbeit im SFB 1604.

Ein Befund zeichnet sich bereits ab. ›Bracero‹ steht in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138. ›Trabajadores huéspedes‹ steht in vier. In der spanischsprachigen Teilmenge verhält sich die Selbstbezeichnung zur Übersetzung wie 66 zu 4. Diese Funde zu interpretieren wird der nächste Schritt des Projekts nach meiner Rückkehr nach Osnabrück.

El Foro, Mai 1980: die Herkunft wird mitgeliefert

Der Fund, der die beiden Fundstücke zusammenführt, ist eine Zeitung. In Serie 5 liegt El Foro vom Mai 1980, darin ein Artikel von John Alvarez über das ›guest worker‹-Programm und die Frage, wem es dient. Der Text nennt den spanischen Ausdruck beim Namen:

„El término trabajador huesped es netamente un eufemismo para ‘trabajador temporal’, puesto que estos trabajadores son destinados a la larga, a regresar a su país de origen.”

Die Herkunft liefert er gleich mit, in der englischen Parallelfassung:

„The term ‘guest worker’ comes from immigrant labor programs in Western Europe where the governments of West Germany, France, Switzerland, Holland, England, Sweden and several other countries in the post-World War II period, organized programs to import millions of workers…”

Das ist im Mai 1980 gedruckt. Dieselbe Herkunft wird zur selben Zeit in Washington, D.C. benannt, nur ohne Kritik. In einem Bericht des Justizausschusses von 1980 heißt es, ›guestworker‹ sei „a literal translation of the German word Gastarbeiter”, und der Ausdruck betone, dass ausländische Arbeitskräfte „temporary ›guests‹” seien (Committee on the Judiciary 1980a: 84; Rass 2023: 39). Im April desselben Jahres schlägt der neue amerikanische Botschafter in Mexiko, Julian Nava, ein Programm vor, ausdrücklich „similar to those currently operating in Europe” (Del Olmo 1980: 21; Rass 2023: 40). Neu ist die Gegenrede aus den Akten der PCUN.

Die Figur trifft auf Organisierende, die wissen, woher sie kommt und welche social facts sie etablieren soll.

Wie ein Archiv entsteht

Heute treffe ich Dr. Lynn Stephen. Sie ist Philip H. Knight Chair und Professorin für Anthropologie an der University of Oregon und hat 2012 gemeinsam mit PCUN die Geschichte der Organisation erarbeitet. Die Transkripte der Interviews gingen vor der Niederschrift an die Interviewten zurück, und die Gewerkschaft hat den Text geprüft und mehrfach überarbeitet. In ihrer Darstellung läuft die Kampagne der frühen 1980er Jahre nicht unter ›guest worker‹, sondern unter der Losung „Stop Reagan’s Bracero Program”.

Das ist kein Detail. Es spricht dafür, dass die Bewegung den Begriff nie übernommen, sondern durchgehend durch einen anderen ersetzt hat, der eine Erinnerung aufruft, statt eine Kategorie zu setzen. Sollte hier ein eupemistisches Überschreiben verhindert werden? Ob das eine bewusste Entscheidung war, wer sie traf und ob sie je in Frage stand, steht nicht in den Akten.

Das Universitätsarchiv ist wichtiger Akteur bei der Sicherung der Überlieferung marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen (cr)

Was 1999 in Woodburn geordnet wurde, hat mitbestimmt, was 2010 erfassbar war und 2011 übergeben werden konnte, was sich heute im Archiv findet – die Überlieferungsbildung war in diesem Fall ein komplexer und sensibler Prozess. Die Bewertung fand nicht erst im Magazin statt, sondern elf Jahre davor, in den Räumen einer Gewerkschaft, mit denjenigen, die die übergebenen Akten betreffen und unter Beteiligung einer Forscherin. Eine wichtige Frage ist, die mich im Rahmen eines aktuellen Beuchprojekts beschäftigt ist, wie in den USA solche Sammlungen erschlossen, gesichert und archiviert werden, und wie dabei die Interessen und Rechte der Depositgebenden respektiert werden.

Weiter nach Corvallis

Am Dienstag und Mittwoch geht es für zwei Tage nach Corvallis, an die Oregon State University, in das Special Collections and Archives Research Center. Dort liegen die Akten des Extension Service mit den Unterlagen zur Valley Migrant League und zu den Migrant Programs der 1960er und 1970er Jahre, dazu Jahresberichte einzelner Landkreise aus den 1940er Jahren zum Emergency Farm Labor Program. Der Katalog in Corvallis kennt weder ›guest worker‹ noch ›H-2A‹, kein einziger Treffer. Genau deshalb fahre ich hin. Dort liegt die Erfahrungsschicht, auf die sich die Auseinandersetzungen der 1980er und 1990er Jahre berufen konnten.

Literatur

Celikten, Ahmet/Hoops, Maik/Rass, Christoph/Yildirim, Lale (2026): Reflecting on Process-Generated Data and Categories of Practice. Migration Research as Its Own Object [im Erscheinen; Verfassende in alphabetischer Reihenfolge].

Committee on the Judiciary (1980a): Temporary Worker Programs, Background and Issues. A Report. Washington: U.S. Government Printing Office.

Committee on the Judiciary (1981a): Final Report of the Select Commission on Immigration and Refugee Policy. Joint Hearings before the Subcommittee on Immigration and Refugee Policy of the Senate Committee on the Judiciary and Subcommittee on Immigration, Refugees, and International Law of the House Committee on the Judiciary, Ninety-Seventh Congress. Washington: U.S. Government Printing Office.

Del Olmo, Frank (1980): Nava Foresees Mexican ›Guest Worker‹ Program. In: Los Angeles Times, 4. April.

Jordans, Sylvester (1838): Gastrecht (Fremdenrecht). In: von Rotteck, Carl/Welcker, Karl Theodor (Hg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Leipzig: Brockhaus.

Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974. Paderborn: Schöningh.

Rass, Christoph (2023): ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17. Osnabrück: IMIS.

Stephen, Lynn (2012): The Story of PCUN and the Farmworker Movement in Oregon. Eugene: CLLAS, University of Oregon.

Weise, Julie/Rass, Christoph (2024): Migrating Concepts. The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42. In: American Historical Review, 129.

Woken, David/de la Cruz, Sonia/Kays, Stephanie (2014): Latino History Is Oregon History. Preserving Oregon’s Latino Heritage through the Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste Archive. In: Who Are We Really? Papers of the Fifty-Ninth Annual Meeting of SALALM, S. 58–70.

Fortsetzung folgt in Willamette Depesche #2.

History@SFB 1604 | »Die Place Changer«: Podcast-Aufnahmen bei der 180 Grad Wende in Köln-Kalk.

Es gibt Orte, an denen sich die Frage, was Migration eigentlich ist, nicht theoretisch stellt, sondern jeden Tag praktisch beantwortet werden muss. Die Kalk-Mülheimer Straße in Köln ist so ein Ort. Am 28. Juli haben Christoph Rass und Leonie Stoll dort Aufnahmen für den Podcast des SFB 1604, »Production Site«, gemacht, gemeinsam mit dem Verein 180 Grad Wende, dessen Beraterinnen und Berater in Kalk und Mülheim seit dreizehn Jahren mit jungen Menschen arbeiten.

Die Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer«, und der Titel ist wörtlich gemeint. ›Place‹ bezeichnet zweierlei: den Ort und die Stelle, die jemand in einer Gesellschaft einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung. Genau das macht der Verein, und genau deshalb kehrt die Folge die gewohnte Richtung um: Nicht die Forschung erklärt hier die Praxis, sondern die Praxis wird gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.

Ein Verein, der aus dem Stadtteil kommt

Unter dem Motto »Niemanden zurücklassen: Gemeinsam Chancen schaffen« setzt sich 180 Grad Wende seit 2012 für die Chancengleichheit junger Menschen aus, wie es in der Sprache der Förderprogramme heißt, ›marginalisierten Communities‹ ein. Die Initiative arbeitet inzwischen auch international; ihr Schwerpunkt liegt gleichwohl dort, wo alles angefangen hat. In Kalk bietet der »Wendepunkt« eine Anlaufstelle, an der junge Menschen nicht nur zu Bildungsweg, Berufseinstieg und anderen Zukunftsfragen beraten werden, sondern auch an Empowerment- und Präventionsworkshops teilnehmen können.


Logo des Vereins 180 Grad Wende. Seit 2012 setzt sich die Initiative für Chancengleichheit junger Menschen ein und berät Jugendliche und junge Erwachsene in Kalk und Mülheim (Logo: 180 Grad Wende).

Der Kontext dieser Arbeit lässt sich beziffern: Im Stadtbezirk Kalk wächst rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut auf, der höchste Wert der neun Kölner Stadtbezirke (Kölner Kommunalstatistik). Wer über Perspektiven junger Menschen in diesem Quartier spricht, spricht immer auch über Verteilung.

Wer aufgenommen hat, und wofür

Die Folge entsteht im Transferprojekt »Reflexive Migrationsforschung im Museum« in Kooperation mit 180 Grad Wende. Leonie Stoll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt A2 »Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen«; sie bringt die Frage mit, wie zivilgesellschaftliche Akteure Kategorien der Diskriminierung nicht nur erleiden, sondern selbst hervorbringen und verschieben. Christoph Rass leitet gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt A3 »Ihr seid Gastarbeiterkinder« sowie das Transferprojekt.

Matthias Milberg von der Podcastfabrik und Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS beim Rundgang durch das Quartier (Foto: Annika Heyen).

Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik begleitete die Aufnahmen, insbesondere im Freien: An der belebten Kalk-Mülheimer Straße war einiger Aufwand nötig, damit die Stimmen der Sprechenden deutlich hörbar blieben. Das Interview mit Mimoun Berrissoun entstand anschließend im Kölner Studio Sounds Fresh, das uns für die Aufnahme seine Räume und seine Technik zur Verfügung stellte. Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück hielt den Tag filmisch fest; das Material soll in einen kurzen Dokumentarfilm über die Arbeit des Transferprojekts einfließen, Arbeitstitel: »Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen«.

Erster Teil: ein Stadtteil in Gegensätzen

Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll von Alparslan Korkmaz, Projektkoordinator des Programms »Azubi Buddy«, und von Samir Abrar, Projektmitarbeiter und Berater, durch das Quartier führen. Was dabei hängen blieb, war ein Eindruck von Gegensätzen.

v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen).

Korkmaz und Abrar beschreiben Kalk als lebenswerten und offenen Stadtteil, in dem die Menschen Freud und Leid miteinander teilen; zugleich erzeugen Überwachungskameras auf der Hauptstraße ein Gefühl der Unsicherheit. Auf den ersten Blick ist infrastrukturell alles vorhanden, was es zum Leben braucht, von Kindergärten über Schulen bis zum Krankenhaus. Auf den zweiten Blick fehlt es an Ausbildungsplätzen und Arbeit für junge Menschen. Dass Heranwachsende sich unter diesen Bedingungen abgehängt fühlen und mangels Alternativen abrutschen, ist dann keine Frage individueller Neigung, sondern eine Frage der Gelegenheiten.

Die Beraterinnen und Berater setzen dem eine Arbeitsweise entgegen, die sich leicht sagt und schwer durchhalten lässt: bedürfnisorientierte Hilfe ohne Zwang, auf Augenhöhe, ob bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, beim Ausfüllen behördlicher Formulare oder bei anderen alltäglichen Hürden. Dass dieser Ansatz wirkt, zeigt sich an unscheinbaren Zeichen: Klientinnen und Klienten empfehlen den Verein weiter, werden teilweise selbst aktiv, oder kommen mit ihren Familien und einem kleinen Dankeschön vorbei, um Erfolge mitzuteilen.

Zurück im “Wendepunkt” sprechen Alparslan Korkmaz, Samir Abrar und Leonie Stoll über die Beratungsarbeit der 180 Grad Wende (Foto: Annika Heyen).

Zweiter Teil: Vertrauen, das man nicht beantragen kann

Im zweiten Teil sprach Christoph Rass bei Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, Gründer und Geschäftsführer des Vereins, über die Anfänge und über die Widerstände der vergangenen dreizehn Jahre.

v.l.n.r.: Mimoun Berrissoun, Christoph Rass und Annika Heyen im Studio “Sounds Fresh” in Köln (Foto: Matthias Milberg).

Was 180 Grad Wende von anderen Präventionsangeboten unterscheide, die in Kalk und in anderen als ›Problemviertel‹ wahrgenommenen Quartieren verfügbar sind, sei das Vertrauen, das die Aktiven des Vereins genießen. Berrissoun und seine Kolleginnen und Kollegen kennen den Stadtteil und seine Bewohnerinnen und Bewohner, und sie sind dort bekannt. Vertrauen dieser Art lässt sich nicht ausschreiben und nicht beantragen: Es entsteht über Jahre, an einem Ort, durch Personen.

Genau darin liegt allerdings ein struktureller Widerspruch. Der Verein arbeitet daran, dauerhafte Strukturen zu schaffen, ist dabei aber selbst auf befristete Fördermittel angewiesen. Die meisten Mitarbeitenden sind projektförmig angestellt, sodass Zeit und Personal immer wieder in die Beantragung der nächsten Finanzierung fließen, statt in die Arbeit selbst. Beziehungsarbeit braucht Dauer, Projektförderung gewährt sie nicht. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, wäre die Voraussetzung dafür, dass eingespielte Akteure wirksamer arbeiten können. Das Ziel des Vereins formuliert er als Aussicht auf die eigene Entbehrlichkeit: so viele junge Menschen »mit Gutem anzustecken«, dass er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich allmählich zurückziehen können.

Was die Folge fragt

Für den SFB 1604 ist dieser Besuch mehr als eine Reportage. Der Verbund untersucht, wie Migration hergestellt wird: nicht die Wanderung selbst, sondern ihre Bedeutung, also die Frage, wer als Migrantin oder Migrant gilt, wessen Schwierigkeiten auf Herkunft zurückgeführt werden und wer sich erklären muss. Solche Zuschreibungen entstehen in Statistiken, in Debatten, in Förderprogrammen. Sie entstehen auch in Quartieren wie Kalk.

Die Arbeit von 180 Grad Wende setzt an denselben Zuschreibungen an, meist allerdings in umgekehrter Richtung: Sie versucht, jungen Menschen Etiketten wieder abzunehmen. Was solche Etiketten anrichten, sehen die Beraterinnen und Berater früher als die Forschung, nämlich an denjenigen, die damit nicht weiterkommen. Tatsächlich stellt der Verein damit eine Kategorie in Frage, mit der die Migrationsforschung selbst arbeitet: Wenn junge Menschen der dritten Generation, hier geboren und aufgewachsen, an dieselben Wände stoßen wie neu Zugewanderte, erklärt ›Migration‹ wenig. Es stellt sich dann eher die Frage, warum bestimmte Zuschreibungen so hartnäckig überleben.

Diese Umkehrung ist der Kern der Folge, und sie trifft die Beteiligten auf beiden Seiten. Auch Forschung arbeitet befristet und förderabhängig; die Logik, über die der Verein spricht, ist der Wissenschaft nicht fremd. Im abschließenden Gespräch werden Leonie Stoll und Christoph Rass genau darüber sprechen: über das, was sie in Kalk gehört haben, und über das, was es mit den eigenen Begriffen macht.

Ausblick

»Die Place Changer« ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant. Ein Veröffentlichungsdatum steht noch nicht fest. Die Folgen der ersten Staffel, darunter »Die Vorreiterin« mit der Migrationsforscherin der ersten Stunde Czarina Wilpert und »Der Grenzgänger« mit dem Journalisten Gerhard Kromschröder, sind hier online zu hören: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast

Der Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” soll in eine zweite Staffel gehen. Die erste Staffel umfasst sechs Folgen und steht bereits online (Foto: SFB 1604).

Fundstücke | »Guests of the Reich«. Eine amerikanische Replik auf das NS-Schlagwort ›Gastarbeiter‹, 1943

Am 23. Juli 1943 druckt The Oconee Enterprise, ein Wochenblatt aus Watkinsville im ländlichen Georgia, auf seiner Meinungsseite eine kurze, aus einem anderen Blatt übernommene Glosse (gezeichnet »—Exchange«) unter der Überschrift »GUESTS OF THE REICH«.

Der Artikel zitiert den Brief eines nach Berlin verschleppten belgischen Arbeiters an seine Familie und läuft auf das Satzpaar zu, das das eigentliche Fundstück bildet: »No amount of wages can make up for this loss. Nor any amount of new Hitler tosh about Germany’s ›guest workers‹.« In einem Provinzblatt der amerikanischen Heimatfront blitzt damit, schlaglichtartig, das nationalsozialistische Propagandawort ›Gastarbeiter‹ in seiner englischen Übersetzung auf, und es ist im selben Moment als durchschaute Lüge entlarvt.

Warum verdient ein solcher Beleg Aufmerksamkeit? Er fügt der Begriffsgeschichte von ›Gastarbeiter‹ einen Knoten an unerwarteter Stelle hinzu, den die bisherige Rekonstruktion nicht verzeichnet hat. Ihn gilt es in die Genealogie des Begriffs einzuordnen und zu fragen, was er für ein Forschungsprogramm bedeutet, das nach der Produktion der ›Figuren der Migration‹ fragt.

The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.

›Gastarbeiter‹ ist nicht, wie vielfach vermutet, eine Erfindung der frühen Bundesrepublik. Den Begriff geprägt hat bereits Max Weber im frühen 20. Jahrhundert, als soziologische Kategorie für eine Arbeitskraft, die ökonomisch integriert, sozial aber ausgeschlossen bleibt: Anwesenheit ohne Zugehörigkeit (Rass 2010, 2023, 2026). Die nationalsozialistische Presse übernahm dieses Wort zwischen 1933 und 1945 und setzte es zu Propagandazwecken ein. Ab 1941 rahmte sie mit ihm den ›Ausländereinsatz‹, das System der Zwangsarbeit, das die Kriegswirtschaft trug (Herbert 1985; Amenda/Rass 2012). Die im Wortbestandteil ›Gast‹ mitschwingende Semantik des legitimen Austauschs diente der Beschönigung von Verschleppung, Gewalt und Ausbeutung. Die Figur des ›Gastarbeiters‹ diente als Euphemismus, der den Zwang als Gastverhältnis lesbar machen sollte und zugleich jede Zugehörigkeit kategorisch ausschloss: Sie half, die soziale Ordnung des nationalsozialistischen Migrationsregimes zu produzieren. Ihren propagandistischen Höhepunkt erreichte diese Umdeutung 1943 und 1944.

Genau an dieser Naht setzt die Glosse aus Georgia an, allerdings auf Englisch: Sie belegt damit zugleich eine der frühesten Übersetzungen dieser Kategorie, ins Englische und ins Land des Kriegsgegners. Als früheste greifbare amerikanische Wahrnehmung galt bislang ein Eintrag aus dem 1944 in den USA zusammengestellten Wörterbuch »Nazi-Deutsch«, das ›Gastarbeiter‹ mit »foreign worker« übersetzte (Paechter 1944: 31), daneben vereinzelte Erwähnungen in der deutschsprachigen Exilpresse (Rass 2010). Die eigentliche amerikanische Karriere des Begriffs begann in den späten 1960er Jahren und erreichte in den frühen 1980er Jahren einen ersten Höhepunkt. Die Datierung knüpft an eine erste greifbare Medienspur in einer Meldung der Associated Press von 1962 an; das Wissen um seine nationalsozialistische Vorgeschichte lieferte Edward Homze wenige Jahre später in seiner Studie von 1967 (Rass 2023).

Dieser Fund rückt die früheste Marke zurück, und er verschiebt zugleich ihren Ort. Denn schon im Sommer 1943, ein Jahr vor dem »Nazi-Deutsch«-Glossar und ein Vierteljahrhundert vor Homze, stand das Propagandawort nicht in einem Fachbuch, sondern in einem Wochenblatt für Farmer, und es stand dort bereits als Propaganda markiert: »Hitler tosh«, hitlerschen Unsinn, nennt es die Glosse, und die ironische Überschrift »GUESTS OF THE REICH« nimmt die Gastmetapher beim Wort, um sie zu entlarven.

Das Gegenbild, an dem der Euphemismus zerbricht, steht im selben Text. Der verschleppte Belgier schreibt aus Berlin:

»Out of 14 men in our room three have been sent to prison for indiscipline or sabotage. Four others have mysteriously disappeared. Did they escape? Have they been locked up in a concentration camp? I don’t know.«

Dem als ›Gast‹ Etikettierten stehen Gefängnis, Verschwinden und die Angst vor dem Konzentrationslager gegenüber; erst danach fällt der Satz, mit dem das Blatt die Propaganda abweist.

The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.

Deutlich wird an diesem kurzen Text, dass die amerikanische Kriegsöffentlichkeit die euphemistische Ladung des Begriffs erkennen konnte, lange bevor er als scheinbar neutrale migrationspolitische Kategorie ins US-amerikanische Vokabular einwanderte und ab den 1980er Jahren auf die mexikanische Arbeitsmigration projiziert wurde (Rass 2023). Als Nachdruck aus dem Blätteraustausch (»Exchange«) war die Glosse überdies zur Weiterverbreitung bestimmt: Das Propagandawort und seine Zurückweisung waren im US-Mediendiskurs der Kriegsjahre prinzipiell verfügbar.

Für unsere Arbeit im Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604, die nach der Produktion von Migration und ihren Figuren fragt, liefert ein solcher Datenpunkt ein neues Detail: Kategorien wie ›Gastarbeiter‹ beschreiben Migration nicht bloß, sondern stellen sie her: Sie machen Menschen als Migrant:innen einer bestimmten Art lesbar, anwesend und gebraucht, aber nicht zugehörig. ›Guest worker‹ ist in dieser Perspektive eine Figur der Migration, die im nationalsozialistischen Kontext Zwang in Gastfreundschaft übersetzt und den markierten Menschen auf drei Ebenen einer sozialen Ordnung positioniert: propagandistisch als ›Gastarbeiter‹ privilegiert, gelesen durch die dem Begriff eingeschriebene Ausschlussklausel und im wirklichen Leben dem NS-Zwangsarbeitssystem ausgeliefert. Die Glosse hält den seltenen Moment fest, in dem diese Figur bei ihrer eigenen Herstellung ertappt und zurückgewiesen wird: Sie verweigert dem Wort ›Gast‹ seine Wirkung und liest die Kategorie gegen den Strich.

Begriffsgeschichte ist, so verstanden, keine Chronik von Wortbedeutungen, sondern eine Geschichte der Institutionalisierung von Kategorien, der Subjektivierung durch deren Zuweisung und der unmittelbaren Transformation solcher Figuren der Migration durch ihre Aneignung und Dekonstruktion.

Nun lässt sich zunächst wenig darüber sagen, ob der zitierte Brief echt ist oder ob der Artikel seinerseits Teil us-amerikanischer Informationspolitik war. Die Zeitungsseite teilt jedenfalls die Notiz mit Beiträgen zum Krieg gegen das Kaiserreich Japan im Pazifik sowie einem Artikel, der für die US-Marineinfanterie wirbt. Zugleich wissen wir nicht, in welcher Sprache das mögliche Original des Briefes das Wort ›guest worker‹ oder ›Gastarbeiter‹ verwendet hat und wie und durch wen die Übersetzung ins Englische erfolgt ist. Belegt ist nun allerdings, dass in den USA um die Mitte des Zweiten Weltkrieges Wissen über die Produktion der Figur des ›Gastarbeiters‹ durch die Europa-Propaganda des NS-Regimes als Teil seines Zwangsarbeitsregimes präsent und verfügbar war. An einer entlegenen Stelle – und wahrscheinlich ohne bedeutende Wirkung – gelang es einer Zeitungsglosse, mit diesem Wissen ein fait social des NS-Regimes – eine Figur der Migration, deren weitere Karriere nach 1945 im Schatten ihrer inhaltlichen Aufladung durch den NS-Staat steht – durch einfache und authentische Aneignung und Benennung zu demontieren.


The Oconee Enterprise (Watkinsville, Georgia), Ausgabe vom 23. Juli 1943, Seite 2. Georgia Historic Newspapers, Digital Library of Georgia. URL: https://gahistoricnewspapers.galileo.usg.edu/lccn/sn89053667/1943-07-23/ed-1/seq-2/ (abgerufen am 23. Juli 2023).

In dieser Reihe (NGHM@UOS): »Gastarbeiter«. Zur Geschichte eines Schlüsselbegriffs der Produktion von Migration (2020) · Neue Fundstücke zur Geschichte eines Unworts (2021) · Weitere Fundstücke zur Geschichte eines Unworts (2022) · Fundstücke | »Gastarbeiter« – »Gastarbeitnehmer«. Ein Moment der Kopräsenz (2025) · Long Essay | »Gastarbeiter« in der NS-Presse.

Bezug: Christoph Rass: ›Gastarbeiter‹ in the Nazi Press (1933–1945). IMIS Working Paper 22 (2026); ders.: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17 (2023).

Weitere Literatur: Amenda, Lars/Rass, Christoph (2012): Fremdarbeiter, Ostarbeiter, Gastarbeiter. Semantiken der Ungleichheit und ihre Praxis im »Ausländereinsatz«, in: Kramer/Nolzen (Hg.): Ungleichheiten im »Dritten Reich«, Göttingen, S. 90–117. · Herbert, Ulrich (1985): Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn. · Paechter, Heinz (1944): Nazi-Deutsch. A Glossary of Contemporary German Usage, New York: Ungar. · Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974, Paderborn: Schöningh. · Rass, Christoph (2012): Staatsverträge und »Gastarbeiter« im Migrationsregime des »Dritten Reiches«, in: Oltmer (Hg.): Nationalsozialistisches Migrationsregime und »Volksgemeinschaft«, Paderborn, S. 159–183.

Watching a Register Move | An Animated Card Index and the Production of Migration

This essay follows an animated visualization built from Osnabrück’s historic foreigners’ registration index to ask, from the perspective of CRC 1604 ‘Produktion von Migration’, whether a bureaucratic register merely records migration — or helps produce it.

On the screen (see animation below), the year 1943 burns in two colors. Blue points drift in from the west, green points from the east, and both settle into a dark map of Osnabrück that slowly fills with light wherever an address gathers many people at once. During the years of World War II and Nazi rule, the points do not represent ‘migrants’ but deportees, forced laborers brought to the city from the territories the ‘Third Reich’ occupied. A decade later, the palette turns. From the late 1950s, the incoming points run red, yellow, and orange: people moving to Osnabrück now hail from Spain, Italy, Portugal, Yugoslavia, or Turkey, from the UK or the Commonwealth. Labor migration under bilateral recruitment schemes and mobility tied to the large British garrison paint the picture.

Yet, no marker on the screen is a person. Each point is a record, an entry that a municipal office once made about someone it classified as a ‘foreigner’, and what we are watching is not migration but its administrative trace set in motion. We can watch it at all because the entire card index has since been reconstructed as machine-readable data, card by card, in an NGHM-research project at Osnabrück University.1

1943 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).
1974 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).

This is the center of what follows: an animation built from the Ausländermeldekartei of the city of Osnabrück, the foreigners’ registration index that the city administration kept on paper cards from 1930 to 1980, before its registration system was digitized.1 The animation belongs to a longer line of work at Osnabrück on the datafication of bureaucracy. Its digitization and analysis are the work of the project “Massendatenbasierte Langzeitmodelle migrationsinduziert wachsender Diversität im urbanen Kontext”, directed by Christoph Rass and Andreas Pott at the University of Osnabrück, funded by the Lower Saxony Ministry of Science and Culture and carried out together with the Niedersächsisches Landesarchiv and the city of Osnabrück.

In 2026, I read this data from the conceptual program of the Collaborative Research Centre 1604, Produktion von Migration. My argument moves from the image to the data behind it, from the data to the project that produced them, from there to the theoretical claim that a register does not record migration but helps produce it, and finally to the question that any such visualization must answer: how does one map an administrative apparatus without reprinting its categories as truth? The animation, I will argue, is most useful precisely where it refuses to behave like a conventional migration map.

Movements to and from and within Osnabrück by inhabitants of non-German nationality 1938-1980 as recorded in the municipal “Ausländermeldekartei” [(c) crass].

What moves on the screen

The animation derives from the digitized registration index an event model of residential movement. Every card records a sequence of addresses with dates; each transition between two addresses becomes one documented movement. The model reconstructs 207,325 such movements for 70,294 people: arrivals in Osnabrück, moves within the city, and departures. More than nine in ten of these movements carry exact coordinates. Osnabrück addresses are placed on the official municipal geocodes, transformed from the UTM grid to latitude and longitude; foreign places are deliberately resolved only to the level of the country.

A word on the period, since the data are uneven. The index was kept between 1930 and 1980, and the movement data became continuously reliable only from about 1938. The animation therefore runs from 1938 to 1980, and it states its window on screen at every moment. A further caution concerns the word ‘migration’ itself, because the index flattens what it gathers. The bright inflows of the war years are not migration in any ordinary sense. Between 1939 and 1945 the cards (partially) register the National Socialist forced-labor system already glimpsed above: the conscripted are fixed to registered addresses dominated by the forced-labor camps erected across the city.1

What follows is again distinct. The post-war growth records the survivors of that system, first as ‘displaced persons’ and, from 1950, as ‘homeless foreigners’ (Heimatlose Ausländer), the administrative aftermath of a violence-induced mobility rather than a fresh departure. Only from the late 1950s does the index document recruited labor migration, the ‘guest workers’ of the bilateral agreements, a euphemism the National Socialist state had already used to dress coercion as ordinary recruitment.2 To let coercion, displacement, and recruitment run under a single heading, as one field of moving points must, is already a category effect: they share an apparatus, not a phenomenon.

The visual grammar of the map animation is austere by design. Each datapoint represents a registered person as a small resting dot at their current address; where many people share an address, a company dormitory, say, the points pile into a bright node, so that brightness reads as occupancy. When someone moves, the point flies along a curved arc to the new address. Around the city sits a ring of countries of origin, arranged roughly by compass direction: arrivals fly inward from the ring, departures fly outward, as two separate, oppositely curved arcs. Color encodes the region of origin throughout. No connecting lines are drawn at all. Density and flow emerge only from the superimposition of many points, in the manner of the particle-flow maps that Max Galka and others made familiar, while the ring borrows the idea of directed in- and out-streams from the circular migration diagrams popularized by Guy Abel and Nikola Sander.3

From card to dataset: the Osnabrück registration project

The animation would be unreadable without the project that turned a drawer of cards into a research dataset. The digitized index comprises some 56,613 mostly double-sided cards holding information on around 70,000 people, and it is the first mass card index of its kind made accessible to research as a digitized dataset.4 For the operating period, the digitized dataset documents 66,111 arrivals in Osnabrück, 51,421 departures, and 99,264 changes of address across 10,720 distinct addresses.5

The extraction itself was done in 2020 with the AI-service provider omni:us, whose systems read strongly structured documents.6 Computer vision built on convolutional neural networks recognized document structure, and here the index posed a particular obstacle: twenty-five different form versions had to be identified before any field could be read. Natural-language processing characterized documents by word markers; recurrent neural networks read the handwritten entries. The raw tables were then rebuilt into a relational database that allows the growth of the index to be simulated over time and individual cards to be reconstructed as digital images, and the Osnabrück addresses were geocoded in cooperation with the city’s geodata service. Automated extraction proved not only faster and cheaper than manual capture but, against expectation, less error-prone, with every data point tied back to the card image for correction.

The pioneer project that led to this outcome is our work on the Osnabrück Gestapo index, which Sebastian Bondzio and I analyzed in a DFG-funded project as a ‘mass data store and world model’ (Massendatenspeicher und Weltmodell): the first attempt to extract by machine the entire data content of an analogue mass index, and an argument that such a card index is less a source about individuals than a body of historical mass data.7 The card index, on this reading, was a datafication technology long before the digital era. Data never represent an objective, observer-independent world model, and they never simply speak for themselves.8

Our published findings show what the dataset affords. In a 2021 study, we read the index through four cases: the dispersed settlement of arrivals in the mid-1950s, which fits no simple model of ‘arrival quarters’; the sharp post-war growth of those classified as ‘homeless foreigners’ among the displaced; the Latvian ‘watchmen’ whose wartime records were rewritten into employment with the British Army of the Rhine; and more than 3,800 cards for Italians between 1930 and 1980, tracing the fluid passage from ostensibly temporary labor to permanent family settlement.9 A separate study followed Spanish migration to Osnabrück between 1960 and 1980.10 This animation does not replace these close readings, it sets them in motion.

The register does not mirror migration: it produces it

Why insist that the points are records rather than people? Because the conceptual stakes of the CRC 1604 turn on exactly this distinction. Our research program proceeds from the premise that migration is socially produced rather than naturally given, and it borrows Durkheim’s fait social to treat migration, once produced, as a real social fact with effects beyond any actor’s intention.11 It speaks deliberately of production rather than mere construction: it is not only that ideas about migration are socially shaped, but that the reality itself is practically brought about, through apparatuses, procedures, and concrete administrative work. Migration, in this account, is produced through three coupled media: figures (the categories and types through which people are sorted), infrastructures, and spaces.

This is where all three media converge. The Ausländermeldekartei is a data infrastructure, an institutional and material arrangement that enables and constrains action, and at the same time a machine for producing figures, the condensed and socially effective categories through which people are addressed and sorted. It records one figure above all, the ‘Ausländer’, and it records it spatially: the registered are fixed to addresses and tracked through the recorded categories of movement and dwelling, so that the index composes the city itself as a sorted space. Figure, infrastructure, and space meet on a single card. The category ‘Ausländer’ is the clearest case. As the project team noted, it functions only within the logic of the nation-state, by setting the foreigner against the citizen; migration thereby becomes a category of difference, a marker of belonging and non-belonging.12

The index does not find foreigners in the world and record them. It is one of the instruments through which ‘the foreigner’ is made administrable in the first place. What we find on the cards are process-generated categories: in Rogers Brubaker’s terms, categories of practice, the working labels administrators use to sort people, rather than categories of analysis, the neutral concepts a scholar would choose. They are bureaucratically produced labels of the kind Roger Zetter described for ‘refugee’, and they operate, as Martina Tazzioli puts it, through a politics of counting.13

The history of one word shows how far this reaches. The term ‘guest worker’ (Gastarbeiter) is, as I have argued elsewhere, no innocent word.14 Max Weber used the term in the 1921 volume Hinduismus und Buddhismus of his Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, and may even have introduced it into German scholarly usage, though the attribution is a cautious one; the idea he attached to it was an impossibility of belonging founded on ‘foreignness’.15 By around 1940 the term had settled into the vocabulary of the National Socialist labor deployment, alongside ‘foreign worker’ and ‘Eastern worker’, as a racialized category of difference. The Osnabrück index registered the people these words were used to sort. To animate the index is therefore to animate a vocabulary, and the points that arrive after 1955 carry a label with a long and compromised past.

The trouble with migration maps

A register of movement invites an obvious visual form: arrows from there to here, flows scaled by volume, a choropleth of origins. That form is a trap. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy have shown how the conventional ‘invasion arrow’ of migration cartography slides from a neutral sign for movement into the iconography of military invasion, composing a threat where it claims only to describe.16 The straight, smooth, unidirectional arrow assumes a single destination and erases the lived geography and the broken time of actual journeys. The point predates the migration debate. In J. B. Harley’s deconstruction, the map is never a neutral mirror: its rules of objectivity are themselves an exercise of power-knowledge, and the silences of a map are as eloquent as its marks.17

The most influential modern migration graphic, the circular flow plot that Abel and Sander published in 2014, is elegant and widely imitated, and it is exactly the template one might lay over the Osnabrück data.18 Yet a chord, a band linking two points on the ring, or an arrow between two places, states a magnitude and a direction while saying nothing true about the path, and it converts an estimate or an administrative tally into a clean, authoritative band. At the same time, the danger for a registration index is specific. Its fields — nationality, occupation, reason for residence — look like hard facts; rendered as flows, they would harden further into a picture of migration as such when they are, in fact, the output of one office’s classifying work.

Designing against the arrow

The animation addresses these objections in its construction rather than in a caption, which is what makes it an argument rather than an illustration. It draws no lines. Movement appears only as points that fly and fade, so that the image never resolves into the false authority of a vector. What looks like density is the superimposition of many resting points, and density measures the frequency of documentation, not historical reality: a bright corridor means a path that was often recorded by an office under a regime of registration. Johanna Drucker’s distinction is the right one here. These are not data, Latin for ‘the given’, but capta, ‘the taken’: constructed, partial, the product of an act of observation, and a humanistic visualization should carry that constructedness rather than smooth it away.19

Two further choices follow the same logic. The index data available to us ends around 1980, which means that people who left afterward have not had a recorded departure and remain forever ‘present’ in the research dataset: the occupancy field fills up toward the end and never empties. The animation does not correct this artifact, the statistician’s right-censoring, a record cut off before its end, into a tidier curve. It shows the effect and marks it on screen from 1979, because the silence of the source is part of what the source is. And the points stay anonymous. The internal person identifier never leaves the project; only an anonymized movement identifier enters the image, and the animation deliberately declines to reproduce the individual visibility that the registration apparatus was built to achieve. Whose categories are being shown, and who is rendered (in)visible by them, are not incidental questions, as Catherine D’Ignazio and Lauren Klein have argued for data work in general.20 One quarter of the registered persons have no clear region of origin; rather than forcing them into a category, the animation lets them remain dimmed and unresolved.

What becomes visible, and what does not

Within these limits, the moving image makes patterns legible that a table holds only in latent form. Arrivals are dominated by southern Europe throughout the period, with a pronounced peak in 1970, the year of some 4,250 recorded arrivals. The net balance of arrivals over departures runs positive through the boom years and then turns negative in the recession years of 1966–67 and again in 1975, the very years West German recruitment collapsed. Recorded departures swell as the economy contracts: the cyclical steering of labor migration leaves its mark in the registrations themselves. A composition view sharpens the same story into a number. A diversity index, on a scale where 1.0 means many origins evenly mixed and 0 a single dominant group, stands near 0.90 in the early, mixed years, falls to about 0.72 in 1973 as Spanish southern-European dominance concentrates in the inner city, and recovers to about 0.82 by 1980 as Turkish and Yugoslav arrivals re-diversify the picture; in the dense core, orange mixes into red, a handover made visible.

Migrants moving through the collective housing facility at Weidenstraße 15.

The clearest structural finding concerns how movement inside the city was organized. Intra-urban moves are not diffuse. They are channeled through a few dormitory nodes, the guest-worker residences of the Karmann car factory, and the network analysis identifies the Bohmter Straße 52 as the dominant bridge, a single node through which a disproportionate share of moves passed.

The Weidenstraße 15 (see animation above), the largest of these residences, is the clearest case, and a companion animation follows this single address. In the event model, 4,979 people passed through it, of whom 4,154, more than eight in ten, had their prior registered residence in Spain, above all in Madrid, Valencia, Andalusia, and the small towns of Extremadura; the animation turns this into a visible rhythm, points streaming in from that recruitment geography, gathering at the one address, and then dispersing. It was not a place to live but a place to pass through, an entrance and a junction: of those who moved on, roughly 1,460 stayed in Osnabrück, first in the other Karmann dormitories and then in private flats across the city, while 1,045 returned to Spain and some 1,294 went elsewhere in Germany. It is the guest-worker system in miniature. Its designers intended a rotation, labor that would arrive, work, and leave again, and the building was the architecture of that intention. The dispersal, however, tells another story: the step from the dormitory into the city’s ordinary housing is the quiet beginning of settlement, of the families and futures the rotation principle was meant to prevent, and what the register caught at this address was therefore not transience as such but its conversion into residence, even as the label ‘guest worker’ traveled on with them. The same wave can be watched across the whole city, building and then dissolving, Spanish around 1964, then Turkish in the Südstraße and the Konrad-Adenauer-Ring from 1972–73, a density that migrates through the streets and changes color as it goes.

The “Wohnheim” in Weidenstraße 15 as “Gate” to the city? (Visualization: crass)

A second animation sets this case against another, and the comparison is the argument. The Osningstraße, in the Schölerberg quarter, was also a Karmann address, and its dormitory at number 18 housed a comparable, albeit smaller core of Spanish metalworkers passing through; the median stay there, about eleven months, is all but identical to that of the Weidenstraße. By the measure the register makes easiest, duration, the two streets are twins. Yet the Osningstraße (see animation below) is two worlds in one street. Alongside the company dormitory ran a fabric of private tenancies, and through it moved a more mixed population, Spanish but also Portuguese and Yugoslav and, from the early 1970s, increasingly Turkish, with a markedly higher share of women. Here the cards record what the Weidenstraße almost never shows: across the street, some 139 families and 306 children, nearly a quarter of them born in Osnabrück, and a wave of children registered ‘with their parents’ that swells precisely after the recruitment stop of 1973. The same eleven-month rotation, in other words, housed two different futures. At the Weidenstraße it stayed rotation; in the Osningstraße, which will be the subject of one of my coming case studies, it began, quietly, to become settlement, a “second generation” entering the register as foreigners in the city of their birth. The comparison shows what a single figure cannot: that identical administrative durations can hold entirely different social processes, and that the index marks the difference only at its margins, in an entry of ‘Hausfrau’ against an occupation, in a child whose address is given as its parents’.

Mobility profile of the Osningstraße (Visualization: crass).

What the image cannot show is as important as what it can, and its limit is a legal category, not a place. The index holds only those who, at a given moment, lacked German citizenship, and people leave it by changing category as much as by moving away. Naturalization is the clearest case: a registered ‘Spaniard’ who was naturalized became, in the register, a ‘German’ and simply dropped out of the data, without changing address. The gendered citizenship law of the period drew the same line in its own way: until 1953, a foreign woman who married a German man acquired German nationality automatically, and vanished from the index without moving a step. The boundary even ran against birth and descent: before the reform of 1975, a child born in Osnabrück to a German mother and a foreign father was a foreigner too, and so entered the index, not as an absence but as a record. Whether any of this changed how a person was seen on the street, whether the naturalized ‘Spaniard’ stopped being a ‘Spaniard’ to her neighbors, is another question, and one the register cannot answer. Foreign origins, in any case, resolve only to the country, never to the town, and nothing exists after 1980. The animation is, ultimately, a portrait of a registration practice and its reach, complete with the practice’s own blind spots.

The visualization as production

The reflexive consequence is unavoidable, and it should be stated rather than hidden. An analysis of this kind stands inside the process it depicts. To geocode, to assign a region, to color a point by nationality is to extend the classifying work of the office whose cards we are reading, and the scholarship that studies the production of migration also, in a small way, takes part in it. This is why the design choices are not cosmetic: a responsible visualization of an administrative register is one that keeps its own operations visible. The companion argument about large-scale digitization and the silences of the archive, developed for the Paris keynote and published separately on this blog, addresses the same problem from the methodological side.21

You may find this animation beautiful, and the beauty is precisely the risk. What looks like a city breathing, alive with diversity, is a city producing it. The light dots are not people arriving. They are a city learning to write down who it would call a foreigner.


Notes

  1. Sebastian Bondzio, Linda Ennen-Lange, Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980. Potenziale als Quelle der Stadt- und Migrationsgeschichte,” Osnabrücker Mitteilungen 126 (2021): 137–193. The paper frames the 1939–1945 entries as the National Socialist forced-labor system and the post-war registrations as displaced persons and “homeless foreigners,” the aftermath of a “gewaltinduzierte[n] Mobilität.” On the latter, see also Lukas Hennies, Sebastian Huhn and Christoph Rass, “Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen: ‘Displaced Persons’ in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg,” Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018): 183–232.
  2. Christoph Rass, “Staatsverträge und ›Gastarbeiter‹ im Migrationsregime des ›Dritten Reiches‹. Motive, Intentionen und Kontinuitäten,” in Jochen Oltmer, ed., Nationalsozialistisches Migrationsregime und ›Volksgemeinschaft‹ (Paderborn: Schöningh, 2012), 159–183, DOI 10.30965/9783657773343_010. The Third Reich used bilateral treaties and the euphemism ›Gastarbeiter‹ to cast its wartime deployment of foreign workers as regulated labor migration, even as their treatment converged on that of forced laborers.
  3. Max Galka, “Here’s Everyone Who’s Immigrated to the U.S. Since 1820,” Metrocosm (blog), 3 May 2016, metrocosm.com/animated-immigration-map (archived 16 December 2016: Wayback Machine); Will Geary, “TransitFlow,” 2017. On the circular migration diagram: Guy J. Abel and Nikola Sander, “Quantifying Global International Migration Flows,” Science 343, no. 6178 (2014): 1520–1522, DOI 10.1126/science.1248676.
  4. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the number of cards (some 56,613) and persons (around 70,000) and on its standing as the first machine-readable mass card index of its kind.
  5. Ibid. Figures from the digitized dataset for the operating period 1930–1980: 66,111 arrivals, 51,421 departures, 99,264 changes of address, 10,720 addresses.
  6. Janine Wasmuth and Christoph Rass, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei. Vom Karteigut zum Forschungsdatensatz,” Archiv-Nachrichten Niedersachsen 27 (2023): 42–61. On the extraction with omni:us, the relational database and the geocoding.
  7. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Allmächtig, allwissend und allgegenwärtig? Die Osnabrücker Gestapo-Kartei als Massendatenspeicher und Weltmodell,” Osnabrücker Mitteilungen 124 (2019): 223–260.
  8. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Big Data und die Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jahresbericht 2021 (Celle, 2022), 16–21; Christoph Rass and Sebastian Bondzio, “Next Stop Big Data? Erfahrungen mit der Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Paul Thomes and Tobias Drewes, eds., Vergangenheit analysieren – Zukunft gestalten, Aachener Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte 20, Düren: Shaker, 2020, 13–50). In the original: data “repräsentieren niemals ein objektives, d. h. ein beobachterunabhängiges Weltmodell” (never represent an objective, i.e. observer-independent, world model).
  9. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), the case studies by Pochadt, Ennen-Lange, Hennies and Wasmuth.
  10. Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Migration aus Spanien nach Osnabrück zwischen 1960 und 1980 im Spiegel der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Mobilität, Ankunft und Sozialprofil,” Osnabrücker Mitteilungen 128 (2023): 295–322.
  11. Collaborative Research Centre (SFB) 1604 “Produktion von Migration”, University of Osnabrück (funded by the German Research Foundation, DFG). The premises summarized here — production rather than construction, and the triad of figure, infrastructure and space — follow the CRC’s research program.
  12. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the category ‘Ausländer’ as a category of difference within the logic of the nation-state.
  13. Rogers Brubaker, Ethnicity without Groups (Cambridge, MA, 2004), on categories of practice versus categories of analysis; Roger Zetter, “Labelling Refugees: Forming and Transforming a Bureaucratic Identity,” Journal of Refugee Studies 4, no. 1 (1991): 39–62, DOI 10.1093/jrs/4.1.39; Martina Tazzioli, “Assembling traces of border violence. Counter-mapping as counter-archiving,” Environment and Planning D: Society and Space (2025), DOI 10.1177/02637758241303367 (on the “politics of counting”).
  14. Christoph Rass, “‘Gastarbeiter’. Zur Geschichte eines Schlüsselbegriffs der Produktion von Migration,” NGHM@UOS (blog), 14 June 2020, DOI 10.58079/sbwd.
  15. Ibid.; quoted there from Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie (Hinduismus und Buddhismus), Tübingen 1921, 126 f. Rass states the attribution cautiously (“scheint … eingeführt zu haben,” “vielleicht geprägt”: seems to have introduced it, perhaps coined it).
  16. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy, “The migration map trap. On the invasion arrows in the cartography of migration,” Mobilities 15, no. 2 (2020): 196–219 (online 2019), DOI 10.1080/17450101.2019.1676031.
  17. J. B. Harley, “Deconstructing the Map,” Cartographica 26, no. 2 (1989): 1–20, DOI 10.3138/E635-7827-1757-9T53.
  18. Abel and Sander, “Quantifying Global International Migration Flows” (2014).
  19. Johanna Drucker, “Humanities Approaches to Graphical Display,” Digital Humanities Quarterly 5, no. 1 (2011); ead., Graphesis: Visual Forms of Knowledge Production (Cambridge, MA, 2014; metaLABprojects).
  20. Catherine D’Ignazio and Lauren F. Klein, Data Feminism (Cambridge, MA: MIT Press, 2020).
  21. Cf. the companion post on the DHIP Paris keynote, NGHM@UOS (2026), nghm.hypotheses.org/47456.

Notes from the DHIP-Summer University in Paris | Doing Migration History with Digital Methods.

This essay presents a shortened, reworked version of the keynote lecture given at the summer university ‘Doing Migration History with Digital Methods’, held at the German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) and organized by Dr. Mareike König, deputy director of the DHIP, together with the Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg), 22–26 June 2026. The keynote was delivered on the evening of Thursday 25 June and was chaired by Prof. Dr. Machteld Venken (C²DH, University of Luxembourg), one of the summer university’s organizers.


Conference impressions

The Summer-University week – in which I participated from the 24th of June – moved through the digital methods now reshaping migration history. After Lorella Viola’s opening keynote on mapping migrant worlds, the sessions ranged across geographic information systems and spatial analysis, optical-character and handwritten-text recognition, the modeling of migration through textual data, datafication and migration databases, and digital network analysis, with hands-on workshops from QGIS mapping to LLM-assisted workflows. One question ran through all of it: what a digital approach opens, and what it closes, in matters of bias, interpretation, and the limits of the method. The contributions were, for the most part, doctoral projects, each presented to the summer university, commented on by an expert, and discussed by the group.

Participants of the DHIT-Summer-University 2026 (Photo: Rass)

On Friday, I chaired the first session on digital network analysis, where Alexandre Binoux (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne / École française de Rome) read the eighteenth-century Greek colony of Corsica by turning parish registers and letters into networks, and Jorit Jens Hopp (Ludwig Maximilian University of Munich, ERC project T-MIGRANTS) traced the professional networks of German-language theatre people in the nineteenth-century Habsburg Empire.

Two further papers given in Thursday’s sessions stayed with me in particular: Timur Mitrofanov (University of Heidelberg / Herder Institute for Historical Research on East Central Europe) read the English-language press of the Latvian diaspora, some 7,270 articles across twenty-five titles, through topic modelling and named-entity recognition; and Valentin Rhodius (Université de Caen Normandie) built a database of the maritime crossings the International Refugee Organization organised between 1946 and 1952, more than 1,200 voyages that carried close to 700,000 of post-war Europe’s displaced overseas. Both connect directly to research lines pursued in our own NGHM working group (Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung) in Osnabrück.

The essay that follows reworks my own keynote, delivered on the Thursday evening: shortened, with the questions raised in the discussion folded into the argument and gathered again at the close.1


How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes

by Christoph Rass

On 13 February 1905, Tullio and Theresa Beltrami, who had come from Italy, moved into a flat in a workers’ district of Osnabrück.2 They stayed. Two daughters were born in the city, in 1909 and 1913: a second generation before the First World War. And yet, under the principle of ius sanguinis, those daughters were Italian, not German, born in Osnabrück and made foreign by descent. From 1916, the family lived as nationals of a state at war with the German Reich, classified as ‘enemy aliens’ on a street where they had already belonged for a decade.

This family is not to be found in a single coherent document. They left almost no trace of their own. They survive in the municipal foreigners’ registration index, a card file created in an administrative reform at the close of the 1920s, when the most advanced information technology of the day reached general administration. We reconstruct the Beltramis as a trajectory across that index: by reading handwritten entries and by record linkage, the matching of scattered cards into one family’s path.

This is the first thing worth noticing: the index did not record the Beltramis, it made them. So we read the “Ausländermeldekartei” twice: as a source for their lives, and as a source for the act that registered those lives. The friction between the two, between a biography and the grid that inscribes it, is what makes the file legible as an archive of its own categorical work.

Migration became data long before it became digital. Markus Krajewski has shown that the card index was already a data-processing machine; what our instruments add today is scale and speed, not the operation itself.3 This essay takes up that double reading. It traces how a categorical figure is produced, assigned, and contested; it asks what the methods of digital history open and what they close; and it locates the silences of the data infrastructure, naming a fourth one that is new in kind. One commitment runs through all of it, stated here against the temptation to read the diagnosis as a counsel of despair: the same operation that produces a silence can be turned against it, and the same digitization that deepens a silence can also help to break it. The argument is not a verdict on digital history. It is an attempt to keep the method usable and honest at scale.

A figure and its trajectory

Widen the focus from one family to the drawer that holds it. The Osnabrück foreigners’ index records about 83,000 arrival entries for more than 70,000 people between 1881 and 1980, with adequate data quality for analysis from the late 1930s onward.4 Across that period the same printed form runs through five different populations: the late Weimar administration that begins the file; the National Socialist state that turns it to the administration of forced labour; the British occupation that registers ‘displaced persons’; the Federal Republic that fills it, through the recruitment decades, with Spanish, Italian, Turkish, and Portuguese ‘guest workers’; and, after the recruitment ban of 1973, the children of family reunification, thousands of them born in Osnabrück as ‘foreigners’ by descent, as the Beltrami daughters had been six decades earlier. The people changed. So did the clerks, and even some of the forms. The grid was the constant.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

This is the wager of the Collaborative Research Center 1604 ‘Production of Migration’ in Osnabrück, where I work as one of the principal investigators, and the analytical position applied throughout is the one we have developed there.5 Migration is not the cause that explains social processes; it is their contested product. Human mobility is a fact. ‘Migration’ is a construct, and our object is the production of that construct, including by digital tools and, increasingly, with them. The word ‘production’ is chosen over ‘construction’ on purpose: construction points to language and discourse, production points to apparatuses, factors, and products, to the registration office as much as to the speech acts performed there. Migration, in Durkheim’s phrase, is treated as a social fact, something a society makes and then meets as if it were given; and the same may hold for the work of production itself.

Take the one word that organizes the index across decades, from the wartime years into the rise and decline of the West German ‘economic miracle’: ‘guest worker’, ‘Gastarbeiter’. It looks like a description of a labor-market arrangement. It is a sediment. Max Weber introduced the term in a context remote from labor migration;6 the National Socialist regime then took it up in wartime propaganda, where it performed a semantic radicalization. It masked coercion as legitimate exchange, gave the forced-labor system a pseudo-legal veneer, and folded the ‘Ausländereinsatz’, the deployment of foreign labor, into a pan-European fiction. When the Federal Republic revived ‘Gastarbeiter’ in 1961 to replace ‘Fremdarbeiter’, a term seen as compromised by its National Socialist forced-labor associations, the older meanings carried over into the practices of recruitment and their registration routines. The word did not simply label the arrangement: it shaped it. ‘Gastarbeiter’ meant one thing above all: a temporary, segregated presence performing a social function, with no path to belonging.

Figures of migration do not stand still once produced. They acquire trajectories: they activate institutions, they address the people they name, and they are, at times, turned against their makers. What holds for the figures we inherit holds for the figures we make.

In the model my colleague Hajo Holst and I have been developing at CRC 1604, in the Center’s work on ‘figures of migration’, we see three forces at work, rarely in equal measure.7 Institutionalization is the stabilizing pull of the apparatus: by 1955, when the Federal Republic signed its recruitment accord with Italy, more than two dozen instruments of regulated labor migration were already in force across Europe, each stabilizing a particular migration regime through the category it deployed. Subjectivation is the pressure of categorical address: a child first entered on a parent’s card as a dependent, a ‘Gastarbeiterkind’, then issued a card of its own at a first job, is handed a position before it can contest it. Transformation is the appropriation that rewrites a figure against its origin: Wir sind keine Gäste, we are no guests. With that slogan, immigrants demanded representation, fought deportation, and claimed equal treatment for their children at school and equal wages at work. The children of the recruited raised it in the 1970s and 1980s; the ‘third generation’ that followed them carries it still. Those produced by the call for ‘guest workers’ took the label and turned it into a claim to precisely what it had been built to deny. We watch that claim materialize in the index itself, as the first of those children crossed from the foreigners’ file into the residents’ register as naturalized citizens.

None of this is unique to migration. Ian Hacking described how classifications of people loop: the classified notice the category assigned to them, respond to it, and at times shift it in turn, so that human kinds become moving targets.8 The categorization is usually easy to spot; the contestation we have to detect with care. A figure is more than a classification: it carries a narrative and an image, a recognizable shape that takes part in the order it appears only to describe. The discipline of working with such figures is to register that twist, what Geoffrey Bowker and Susan Leigh Star call ‘torque’, the way a life is wrenched as it is forced to fit a classification,9 rather than to reproduce it. The reach is wider than one word: the ‘displaced person’ of 1945, a category built by the international relief apparatus, came alive in the same way, and the mechanism extends to gender, race, class, and disability alike. What we call ‘migration’ here might be better caught, as Janine Dahinden proposes, by ‘migrantization’, the process by which people are made migrants in the first place.10

The ‘second generation’ returns at the threshold of the second part of this argument. The city-born children who the law still counted as foreign reappear in the 1970s as a statistical wave, exactly when West German migration studies begin to produce them as a figure. In the Osnabrück file, the number of registered minors peaks in 1973, at roughly 2,500 children; in 1974, the year after the recruitment ban, some 850 new children arrive in a single year, family reunification overrunning the political intention to halt and reverse migration; and the cohort reaching school age rises eightfold between 1955 and 1977. As their numbers grew, the city administration itself began to label these children ‘Gastarbeiterkinder’.11 The administrative file and the scholarly corpus emerging at the same time record the same child from two sides. That correspondence is the bridge to the digital methods themselves.

What digital methods open, and what they close

Every digital method brings a gain in what we can see at the price of something we must fix in place. Our own vocabulary has a word for the second half, Gestaltschließung: the pressure to resolve every ambiguity into a value, a category, a column. Three modes organize the digital history of migration, and each pays the same price in its own currency.

Mapping comes first because it is the most frequent of these operations. What a map opens seems real at once: geocode the Osnabrück addresses, and a segregated social topography appears at a glance. One address resolves into more than five thousand entries, overwhelmingly Spanish, a company-run ‘guest worker’ hostel on a site that had itself been a forced-labor camp between 1942 and 1945, rendered as a single point. What a map closes is the question of what, exactly, has been mapped. A migration map rarely shows where people were or how they moved; it shows where an administration recorded them, projected onto coordinates the source never had, with a precision that only looks exact. We plot what John Searle calls social facts, things that exist only because an institution recorded them, as if they were brute facts that had been there all along.12 Critical cartography has insisted since Brian Harley that a map is an argument, not a mirror, and Johanna Drucker reminds us that what we plot is never simply data but capta, something taken, not given. Henk van Houtum has shown how the innocent arrow on a migration map manufactures the very sense of invasion it claims to depict.13 The answer is not to stop mapping but to map provenance alongside position: to mark whether a point is a measurement, an administrative category, or an imagined place.

The second mode reads language, and here I write as one of the accused: in one strand of the Centre’s research we built a diachronic corpus of the discipline’s own writing on migration and education: roughly six thousand German-language texts from the 1960s to the 2010s, some forty-five million words in the cleaned working corpus.14 The corpus is not about migration research in the abstract but about migration research and the school system, about the making of the ‘migrant child’ as an object of knowledge. That research began in Germany at the moment those children appeared in the classrooms, a country unprepared for an arrival no one had forecast; it was, in a sense, the zero hour of German migration studies, called into being by a real problem at the school gates. We use the corpus to ask not whether the children labeled ‘Gastarbeiterkinder’ or ‘Ausländerkinder’ or ‘deficit children’ had language problems, but how the research discourse produced the ‘language problem’ as a fact. Run the literature through the pipeline, and two operations appear at once: the one that produces voice, and the one that produces silence. The concepts stay stable while the labels change. One finding is visible only at scale: the theorem of ‘double semilingualism’, the claim that a child raised in two languages masters neither, enters the German debate abruptly around 1979, imported from Scandinavia, and arrives bound to a single companion, the vocabulary of danger. The collocation tells us what the concept was for. It did not describe the children’s needs; it warned society about them. The deficit term almost never sits in a monolingual setting: no monolingual German child with a small vocabulary is ever called ‘semilingual’. The word does not measure competence. It marks belonging and reports the mark as a measurement. The corpus also carries a hopeful counter-finding: from the early 1990s the field begins to turn on itself, and the vocabulary of construction, ascription, and reflection rises steadily across the following decades.

The third mode models data; it drives the work of networks and databases. What it opens is relation and differentiation: the nationality-specific timing by which Spanish families crossed into a second generation earlier than Turkish or Portuguese ones, a pattern no card-by-card reading could find. What it closes is identity itself. Record linkage decides which two cards are one life; entity disambiguation decides which person a name denotes in the first place. These are not neutral operations: a wrong merge invents a biography that never existed, a wrong split hides one that did. José van Dijck calls datafication an ideology, and the power of a classification lies precisely in its invisibility.15 In the Osnabrück foreigner’s register, the post-war category ‘unclear nationality’ resolves the ambiguity of a whole displaced continent into a seemingly unambiguous value: unclear-Polish, 914; unclear-Yugoslav, 892; stateless, 506. The clerk, in each instance, had to choose a box, and so does the data schema. The remedy is not to refuse the model but to keep the choice legible: documented schemas, data statements, a source criticism of process-generated data carried unbroken into the database.

Migration of a silence?

Three modes, one finding each: every gain in differentiation is paid for in disambiguation; the more powerful and the easier the tool, the less visible the closure becomes. On the handwritten card the categorical decision stands in plain sight: nationality, status, occupation, written in fields open to challenge. In the relational dataset it moves into the schema, already less visible. In the language model it settles into weights and into the distribution of the training data, far harder to inspect. With the rise of model power, the site of categorical inscription migrates from the visible surface into the opaque interior. The bias has not necessarily grown. Its transparency has fallen.

That formulation drew the sharpest exchange of the discussion after my talk, and it is worth keeping open rather than resolving. One can object, with reason, that the model does not merely hide an old bias but adds a new layer of its own, so that the bias does grow. Both readings hold. Whether the added model layer means ‘more bias’ or ‘the same bias, buried deeper’ is a genuine conceptual question, and the reflexive point survives either answer: a distortion we can no longer see is harder to contest than one written in a clerk’s hand.

Michel-Rolph Trouillot located silencing at four moments in the production of history: the making of sources, the making of archives, the making of narratives, and the making of history in its retrospective significance.16 What I have not seen done, and what seems worth doing, is to ask where each of these moments now sits in a data infrastructure. The making of sources moves into data modelling: the decision about what can become a field, a value, a class at all. The making of archives doubles the older question of what enters the archive with a new one: what gets digitized, and how the metadata classify it; and, as Geoffrey Bowker and Susan Leigh Star insist, every category valorizes one perspective and silences another.17 The making of narratives becomes the logic of ranking, indexing, and retrieval, the searchable shadow that Lara Putnam warned would make whatever has been digitized disproportionately visible.18 To read a source critically now means reading the whole pipeline that delivered it, not only the page at its end.

A fourth moment may be new in kind. It sits in the machine generalization of the large language model, where the distribution of the training data prejudges what can count as significant before the first question is asked. This is not a break with everything that came before. It is the same categorical operation, migrating one step further along a chain that runs from the clerk’s hand to the card index, from the card index to the relational database, and from the database into the trained model, carrying its silences at every step. Recent accounts tend to reach for the language of rupture, a paradigm break from archival mediation to opaque algorithms, yet without the historical depth that Trouillot, and Ann Laura Stoler’s work on the colonial archive, supply.19 Rupture, however, may be the wrong figure. What we are watching could also be read as a migration. Bias is the symptom; silencing, distributed across the moments of production, is the concept. And a migration can be made to run the other way: that is the reversal promised at the outset.

It helps to separate two debates that are usually run together. One is what large language models could do as a technology; the other is what the (commercial) models actually available to us do now. None of them is trained on historical sources, which is why they do not really read our sources and why they return curious explanations: the training data does not fit the purpose to which we put it. And their bias is not a separate machine defect set against an unbiased world. It is the reproduction of the bias already in the world, the same bias the archive has always reproduced from the time that made it. What we are trained to do with a biased source is exactly what a reflexive practice must learn to do with a model.

The reverse operation

If silence enters at four moments, a reflexive practice can answer at each. Where sources are made, we can model the ambiguity instead of resolving it away, and let ‘unclear nationality’ stand on the record as the open question it was. Where archives are made, handwritten-text recognition makes legible, at a scale no reading room ever allowed, what had been buried in undeciphered hands; and entity recognition can surface even a name that appears only once, a trace no index ever caught, as Mrinalini Luthra and colleagues have shown for the colonial archive.20 Where narratives are made, record linkage returns individuated lives from the categorical mass. The reason we now know the Beltramis by name across three generations is that these methods gave them back a trajectory rather than a type.

That recovery rested on the same fragile decisions warned against above. Every link in the Beltrami trajectory is a disambiguation that could have gone wrong, and a different choice would have given a different family. The categories are my data as much as the clerk’s: I counted the second generation through two definitions, and the two definitions yielded two different cohorts and two different images. This is unsilencing, and it is real, and it is not innocent, because to recover a life as data can re-objectify it, as Jessica Marie Johnson warns: every entity type and every linkage rule is itself a categorical decision.21 An unsilencing that knows it is also a kind of inscription: that is the discipline worth arguing for. Not refusal, and not blind faith, but a method turned against its own silences with eyes open.

The constructive task that follows is a research program, not a hope. It begins by relocating the question of confidence. Character recognition may, before long, become a solvable problem: given a controlled historical lexicon and a pass of human verification, domain-trained models already read difficult administrative hands at high accuracy, even on densely structured forms.22

The harder question lies one step further on. It is not whether the machine reads the character but whether the answer it then generates can travel back to its data points and carry a graded measure of its own certainty. That is the confidence score worth arguing about, and it sharpens at scale: forty or eighty thousand cards can still be checked, but when an archive offers three million, verification crosses a threshold beyond which only statistics and probabilities remain. The records that make recognition hardest are built up in strata of stamps, corrections, and rewritten decisions. The ‘CM/1’ files — the application files displaced persons submitted to the International Refugee Organization for assistance, now held at the Arolsen Archives — are the object of a collaboration with the pattern-recognition group of Professor Gernot A. Fink at TU Dortmund.23

The Summer University program also asks us to build richer digital objects. Why, for example, should a dataset travel alone? A project on the history of migration conferences that we are currently designing can build, around a relational core, a layered corpus: the proceedings themselves, the contemporary press coverage, the scholarship of the time, and the scholarship of today. Mixed methods then move between the macro-view, which locates where close reading is worth the historian’s attention, and the deep dive that returns, always, to the document. And it asks us to build the instruments ourselves and to divide the labor, rather than wait for firms whose general-purpose models answer to actors who do not share our questions or our sources. Let one kind of model open the source, reading, extracting, and linking at scale, ideally as a source-bound knowledge graph in which every statement carries its provenance and a graded measure of certainty, so that the contradictions in the record are preserved rather than smoothed away.24 Let the interpretation stay with us, tied to the documents and to the people those documents register, never to a model’s fluent voice. Joanna Guldi calls the text-mining turn at once a revolution and a danger, and both verdicts are true; Torsten Hiltmann’s experiments point to the corrective: the model performs best exactly where a historian’s knowledge guides it.25 There is no shortcut to expertise.

None of this is, in the end, a translation of the old craft into a new medium. The critical historian cannot simply be carried across. The coming generation will not transition from analog roots, as an older one did slowly over thirty years, from a first relational database in the early 1990s; it will grow up in a world where the non-digital method is marginal, something seen only once in a proseminar. The virtues of the craft have to be preserved, but the method itself has to be reinvented over what will likely be a period of trial and error, much as the critical method we now take for granted was the work of generations. To refuse that task would be a betrayal of one’s students and our discipline. It also has an institutional and economic edge that the humanities tend to avoid: unless we move from playing on our laptops to becoming serious computational actors, with access to real processing time and the resources it requires, we will be reduced to consumers of tools built by others, and the open question will be whether historians remain involved in the production of history at all.

The summer university’s visit to the Musée de l’histoire de l’immigration, in a building raised for a colonial exhibition and now given over to representing migration and diversity, is the place to close. CRC 1604 runs a transfer project in such a space, ‘Reflexive Migration Research in the Museum’, with the documentation center DOMiD, which is building Germany’s first national museum of the ‘migration society’, not of ‘immigration’: here, too, the category matters.26 The task it sets is to intervene without reproducing the very figures whose production we have traced. Adrian Favell has pressed the hardest version of the difficulty: every analytical vocabulary tends to acquire the governance function it set out to expose, and ‘production’, our own word, is not exempt.27 The name of our Center is itself a wager, and a reflexive discipline keeps that wager visible rather than pretending it has none. The tension cannot be dissolved. It can only be navigated, in the open.

An excursion took participants to the French Immigration Museum (Photo: Rass)

So this essay returns, at last, to the card. The clerk’s hand, when filling in Tullio Beltrami’s data, did not record a foreigner who was there. It made one, as data, and the figures made through norms, registers, classification practices, datafication, academic and public discourse went on to organize hostels, schools, statistics, scholarship, and now the maps, the corpora, and the models we build to study it. The same operation runs forward into the present, where asylum procedures and borders are datafied in real time, the new infrastructure layered over the old paper without ever fully replacing it. Even a fully digitized future would not retire the oldest questions: what counts as an event worth recording, who records it, who keeps the record, who is trained to read it, and who assigns significance to the narratives that result. Silencing is structural, not a function of scarcity. The honest task is not to claim a vantage point outside the categories, which we do not have and never will, but to write the history of migration and diversity from inside the work that produces them. On the card, the decision stood in plain sight. The model is the newest clerk, and it writes from a hand we can no longer read. The bias has not grown; its transparency has fallen; and to keep reading that hand, from the inside and with open eyes, is the work that remains.


Notes from the discussion

The exchange after the lecture circled, more than once, around a single worry, voiced most directly by the chair: that the diagnosis seemed to leave no way out, and that it placed a heavier burden on digital history than the analogue craft ever had to carry. My reply, and the questions that followed, sharpened several points.

Is the bias growing, or only less visible? Machteld Venken proposed that the new models add a layer of distortion of their own, so that bias grows rather than merely loses transparency. I let the tension stand: both readings are defensible, and the reflexive task holds either way. What I added was a concrete reason the worry is not a machine fault to be patched but a historical condition to be read: as their supply of text runs short, the firms building these models have begun buying up antiquarian books, reference works, and old scholarship to feed them, so that whatever a model later returns has already passed through the same archive, and the same biases, we are trained to read against the grain.28 If that is where the data come from, one might as well pay the national archive a visit. Venken also recalled a wiki-based knowledge graph shown earlier in the week that already did much of what the argument asks for, binding provenance and a graded certainty to each entry; the constructive direction was not hypothetical but already on the table.

Prof. Dr. Machteld Venken & Prof. Dr. Mareike König during the concluding discussion of the DHIP Summer-University (Photo: Rass)

Can you hold your own standards in the text-mining? Yes, and I tried to say how: standard text-mining components assembled in Python, documented code, and primary data prepared so the research can be reproduced. The harder problem is not the method but the practicable standard, what we must submit alongside our results so that a public can hold us to account, a demand that multiplies as the data grow. Why it matters shows in the corpus itself: run the discipline’s own writing through the pipeline, and the operations that produce voice and the operations that produce silence appear side by side. When, in the 1970s, the Chicago School’s ‘second generation’ was carried onto a different society, a few contemporaries warned that the transfer mistranslated both the term and the two societies it moved between; they were not heard, and the corpus still preserves the objection it silenced. One tension I cannot yet resolve sits underneath all of this: ambiguity-preserving documentation, which keeps every uncertainty on the record, and efficient modeling, which resolves them to move at scale, pull against each other, and the semantic-wiki and the hard-data-modeling traditions still barely speak. We are, in this, a little like Goethe’s sorcerer’s apprentice. One reason we press the question at all is that so few others do: the field is either too fascinated or too repelled to press us, which makes it the more important that we press ourselves.

What about confidence and probability scores? Recognition itself is, I think, largely a solvable problem, and a model that refuses to guess can be a virtue: faced with a barely legible hand, a model that declines to supply a plausible but unverifiable reading is doing exactly the right thing. Highly curated, domain-trained models already read difficult historical hands: the Swedish National Archives’ ‘Swedish Lion’, trained on court records from the seventeenth to the nineteenth centuries, reads early-modern Swedish at scale, and the Osnabrück indices were processed to a high reported accuracy on structured forms, every card checked by hand.29 As the essay argues, the question that matters lies not in the character but in the confidence of the answer the model builds from it — and that question only sharpens as the archive grows.

Translation, or reinvention? A participant asked whether the task was to translate the critical historian into the digital or to reinvent the figure. The latter, I believe — for the reasons the essay gives. A follow-up that anyone working on a category like ‘unclear nationality’ should first study the diplomatic record that produced it opened the most constructive idea of the afternoon: that a dataset need not travel alone, but can be built as a layered object in which quantitative reach and close reading become two movements of one practice.

And when the source problem disappears? A final question imagined a future in which nearly everything is digitized and source scarcity no longer constrains us. The structural questions the essay names would remain untouched: these, not the supply of documents, are where silencing lives. The closing note was institutional rather than technical: unless historians become serious participants in computation, with the processing time and resources it demands, the surface systems of the future will write history on request, on a sunny afternoon in Paris, without us. That is the prospect worth refusing, and the reason to hold our own.

Note: This section is reconstructed from my notes and paraphrased throughout. All errors are mine.

References

  1. Summer university ‘Doing Migration History with Digital Methods’, German Historical Institute Paris (DHIP) with the Luxembourg Center for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg), 22–26 June 2026. Speaker names, affiliations, session order and paper titles follow the conference program; the summaries draw on the speakers’ submitted papers. Sessions referenced: ‘Exploring Migration Using Digital Network Analysis I’ (chair: C. Rass; Binoux, Hopp); ‘Modelling and Analysing Migration through Textual Data’ (Mitrofanov); ‘Datafication and Migration Databases’ (Rhodius).↩︎
  2. The Beltrami case and the figures drawn from it derive from the Osnabrück foreigners’ registration index (Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83) as reconstructed in the author’s research; biographical details follow the verified keynote text. On the index as a source: Sebastian Bondzio, Linda Ennen-Lange, Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, ‘Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980. Potenziale als Quelle der Stadt- und Migrationsgeschichte’, Osnabrücker Mitteilungen 126 (2021): 137–193; Janine Wasmuth and Christoph Rass, ‘Die Osnabrücker Ausländermeldekartei’, Archiv-Nachrichten Niedersachsen 27 (2023).↩︎
  3. Markus Krajewski, Paper Machines: About Cards and Catalogs, 1548–1929, trans. Peter Krapp (MIT Press, 2011).↩︎
  4. Aggregate figures for the Osnabrück index (c. 83,000 arrival entries, more than 70,000 persons, 1881–1980).↩︎
  5. DFG Collaborative Research Centre (SFB) 1604 ‘Production of Migration’ / ‘Produktion von Migration’, Universität Osnabrück.↩︎
  6. That Max Weber introduced the term ‘Gastarbeiter’ is a result of the author’s research on the genealogy of the figure: Christoph Rass, ‘Gastarbeiter’ – ‘Guest Worker’. Translating a Keyword in Migration Politics (IMIS Working Paper 17, Osnabrück 2023); and Christoph Rass, ‘Gastarbeiter’ in the Nazi Press (1933–1945). Formative Years of a Key Term in Migration Politics (IMIS Working Paper 22, Osnabrück 2026). Weber’s own usage: Hinduismus und Buddhismus (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie II, Mohr/Siebeck 1921).↩︎
  7. The three-forces model (institutionalization, subjectivation, transformation), developed by the author with Hajo Holst: Christoph Rass and Hajo Holst, ‘When Categories Come Alive: Theorizing Generative Dynamics in “Figures of Migration”’, in Production of Migration, vol. I: The Concept of the Production of Migration, ed. Andreas Pott et al. (Cham: Springer, forthcoming).↩︎
  8. Ian Hacking, ‘Making Up People’ (1986); ‘Kinds of People: Moving Targets’ (Proceedings of the British Academy 151, 2007, 285–318); the ‘woman refugee’ example is in The Social Construction of What? (Harvard UP, 1999).↩︎
  9. Geoffrey C. Bowker and Susan Leigh Star, Sorting Things Out: Classification and Its Consequences (MIT Press, 1999): on ‘torque’, and on the way every category valorizes one perspective and silences another.↩︎
  10. On the ‘displaced person’ of 1945 as a produced political category, Sebastian Huhn and Christoph Rass, ‘Displaced person(s): the production of a powerful political category’ (Ethnic and Racial Studies 48/4, 2025, 718–739). On ‘migrantization’, Katharine Charsley and Nicole Hoellerer, ‘Migrantisation: a key concept’ (Comparative Migration Studies 13, 2025); and Janine Dahinden, ‘A plea for the “de-migranticization” of research on migration and integration’ (Ethnic and Racial Studies 39/13, 2016, 2207–2225).↩︎
  11. Ahmet Celikten, Maik Hoops, Christoph Rass and Lale Yildirim, ‘Situating “Gastarbeiterkinder”: Science, School, and the Production of Figures of Migration’, in Production of Migration, vol. II: Empirical Approaches, ed. Isabelle Löhr et al. (Cham: Springer, forthcoming). The contribution shows that the city administration’s 1971 municipal report had deliberately avoided the compound ‘Gastarbeiterkind’. Primary source: Reinhardt Köhler, Bericht zur Situation der Gastarbeiter in Osnabrück (Stadt Osnabrück / Der Oberstadtdirektor, 1971), Stadtarchiv Osnabrück.↩︎
  12. John R. Searle, The Construction of Social Reality (Free Press, 1995), on institutional / social facts.↩︎
  13. J. B. Harley, ‘Deconstructing the Map’ (Cartographica 26/2, 1989, 1–20); Johanna Drucker, ‘Humanities Approaches to Graphical Display’ (Digital Humanities Quarterly 5/1, 2011), on ‘capta’; Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy, ‘The Migration Map Trap. On the Invasion Arrows in the Cartography of Migration’ (Mobilities 15/2, 2020, 196–219).↩︎
  14. Corpus of c. 6,000 German-language texts on migration and the school system: roughly 70 million words in raw form, c. 45 million in the cleaned working corpus (the figure used here).↩︎
  15. José van Dijck, ‘Datafication, Dataism and Dataveillance: Big Data between Scientific Paradigm and Ideology’ (Surveillance & Society 12/2, 2014).↩︎
  16. Michel-Rolph Trouillot, Silencing the Past: Power and the Production of History (Beacon Press, 1995).↩︎
  17. Bowker and Star, Sorting Things Out: on the way every category valorizes one perspective and silences another.↩︎
  18. Lara Putnam, ‘The Transnational and the Text-Searchable: Digitized Sources and the Shadows They Cast’ (American Historical Review 121/2, 2016).↩︎
  19. Ida Marie S. Lassen, Jens Christian Bjerring and Kristoffer L. Nielbo, ‘Silencing in Data Science Practices’ (Big Data & Society 12/3, 2025), which carries the vocabulary of silence into data work; contrasted here with Trouillot and with Ann Laura Stoler, Along the Archival Grain: Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense (Princeton UP, 2009).↩︎
  20. Mrinalini Luthra, Konstantin Todorov, Charles Jeurgens and Giovanni Colavizza, ‘Unsilencing Colonial Archives via Automated Entity Recognition’ (Journal of Documentation 80/5, 2024, 1080–1105).↩︎
  21. Jessica Marie Johnson, ‘Markup Bodies: Black [Life] Studies and Slavery [Death] Studies at the Digital Crossroads’ (Social Text 36/4, 2018, 57–79).↩︎
  22. Processing of the Osnabrück indices: external service provider, deep-neural-network recognition exploiting the geometry of the structured forms, with a historical register of residents and street names supplied as a lexicon. On the data-driven processing of these mass card indexes, including the Osnabrück Gestapo-Kartei: Sebastian Bondzio and Christoph Rass, ‘Data Driven History – methodische Überlegungen zur Osnabrücker Gestapo-Kartei als Quelle zur Erforschung datenbasierter Herrschaft’, Archiv-Nachrichten Niedersachsen 22 (2018): 124ff.; and Sebastian Bondzio and Christoph Rass, ‘Die Osnabrücker Gestapo-Datei’, Osnabrücker Mitteilungen 124 (Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2019).↩︎
  23. The ‘CM/1’ files are Arolsen Archives collection 3.2.1 (IRO ‘Care and Maintenance’ Program, c. 1947–1952). Prof. Gernot A. Fink holds the chair of Pattern Recognition at TU Dortmund (document-image analysis and handwriting recognition).↩︎
  24. On source-bound knowledge graphs with provenance and graded certainty, the lecture pointed to a wiki-based knowledge-graph approach presented earlier at the summer school.↩︎
  25. Jo Guldi, The Dangerous Art of Text Mining: A Methodology for Digital History (Cambridge University Press, 2023); Torsten Hiltmann et al., ‘NER4all, or Context is All You Need: Using LLMs for Low-Effort, High-Performance NER on Historical Texts. A Humanities-Informed Approach’ (arXiv:2502.04351, 2025).↩︎
  26. Transfer project ‘Reflexive Migration Research in the Museum’, with DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland), Cologne. DOMiD’s planned museum, long under the working title ‘Haus der Einwanderungsgesellschaft’, is to open as ‘Museum Selma’ (Cologne, scheduled 2029).↩︎
  27. Adrian Favell, The Integration Nation. Immigration and Colonial Power in Liberal Democracies (Polity, 2022); cf. Philosophies of Integration (Macmillan, 1998). The formulation ‘every analytical vocabulary tends to acquire the governance functions it set out to expose’ is the author’s own sharpening of Favell’s critique, not a quotation.↩︎
  28. As their supply of web text is exhausted, firms training large language models have turned to printed books as a data source, in some cases buying and destructively scanning them at scale. On these acquisitions and the antiquarian-book trade they have drawn on, see, e.g., ‘Inside an AI start-up’s plan to scan and dispose of millions of books’, The Washington Post, 27 January 2026; and ‘Rare book dealers fear tech firms are destroying obscure editions to train AI models’, NL Times, 25 June 2026.↩︎
  29. On domain-trained recognition of difficult historical hands, see the Swedish National Archives’ (Riksarkivet) ‘Swedish Lion’ handwritten-text-recognition model for Swedish court records, c. 1600–1900, developed by its AI lab (AIRA) with Transkribus and partner archives. On large language models reaching state-of-the-art transcription of historical manuscripts, see ‘Unlocking the Archives: Using Large Language Models to Transcribe Handwritten Historical Documents’ (arXiv:2411.03340, 2024). The claim here is that such models read difficult hands at scale, not that they surpass expert human readers in general.↩︎

›Production Site‹ | The First Episodes of the SFB 1604 Podcast Are Online

Czarina Wilpert, Gerhard Kromschröder, and the question of who studies migration, who describes it, and who is heard.

The first episodes of ›Production Site‹ are online, and with them, the podcast of the Collaborative Research Center 1604 ›Production of Migration‹ at Osnabrück University has begun its first season.

The series opens with a portrait of the research center and then moves into its conversations. Among the episodes now available, two were developed and co-hosted by Christoph Rass, each with a different second voice at the table: the first with Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), the second with Lale Yildirim (Kiel). Both proceed from the question that drives the entire CRC. How is migration produced? Not as a natural event that simply happens, but as something made: by policies, by institutions, by categories, and not least by scholarship itself.

That these conversations reach an audience at all is the work of Vera Hanewinkel, her colleague Feline Engling Cardoso, and their team, the science communicators at IMIS who built ›Production Site‹ and carried the entire season, from its concept to each released episode. Hanewinkel, responsible for the science communication of both IMIS and SFB 1604, held the series together across hosts, languages, and formats. Her editorial care is audible in every minute of the result. Outstanding work!

This post introduces episodes One and Two in four steps. It first sketches the format and its claim. A second section turns to the conversation with Czarina Wilpert, a third to the one with Gerhard Kromschröder. A final step asks what both encounters make visible about migration research itself.

I. A podcast about the ›production of migration‹

›Production Site‹ is not an explainer format that conveys settled knowledge. The podcast takes the making of migration as its object and, in doing so, carries a premise that runs through all of SFB 1604: that ‘migration’ is not a thing the world contains but a category the world produces. Who counts as a ‘migrant’ and who does not, which terms travel from the academy into schools and administrations, which visibilities and invisibilities result: these are the questions the research center pursues across its subprojects, and the podcast translates them for a wider public.

The reflexive closing dialogue is the format’s signature. Where the interview gives the floor to the guest, the dialogue turns the lens back onto the researchers: What stayed with us? What did we learn about our own blind spots? What remains open? Two registers that science communication usually keeps apart are joined here: engagement with a subject and the methodological self-examination of those who study it. This is what the CRC means by reflexive migration research, and the podcast performs it rather than merely describing it. The series runs across the summer of 2026 and is available on Podigee, Apple Podcasts, Spotify, YouTube, and Deezer.

II. The Forerunner: Czarina Wilpert and the beginnings of migration research

The first episode (in English, “The Forerunner”) belongs to a scholar who helped found migration research in Germany and yet long remained at the margins of its recognition: Czarina Wilpert, née Huerta. Behind the German-sounding surname lies a transatlantic life. Raised in a Mexican immigrant family in Los Angeles, Wilpert came to Berlin in the late 1960s and earned her doctorate from the Technical University of Berlin in 1980, with a study of the futures imagined by the ‘second generation’: a subject that would anchor her work for decades. She held positions at the Berlin Social Science Center (WZB), the TU Berlin, and the Federal Institute for Vocational Education and Training (BIBB); she coordinated a twelve-country European Science Foundation project on cultural identity and migration; and she co-founded civil-society organizations, among them the Initiative Selbstständiger Migrantinnen (1990). A scholar with her own experience of migration, then, who studied immigration while being marked, again and again, as an outsider.

Catherine Ramirez, Czarina Huerta and Christoph Rass (right to left; Photo: UOS)

That double position is what the conversation centers on. It asks what Wilpert could see through her own migration biography that her predominantly male colleagues, looking with what she calls a “purely German gaze,” could not. The episode points beyond the individual case to a mechanism: who belongs in a field, and whose knowledge counts, is decided not only by the quality of the work but by boundary-drawing that determines which voice appears legitimate. The reflexive dialogue brings Christoph Rass together with Catherine S. Ramírez, Professor of Latin American and Latino Studies at the University of California, Santa Cruz, whose book “Assimilation: An Alternative History” (2020) reads assimilation not as something migrants accomplish but as a power relation exercised by the receiving society. The two share a research interest that frames the episode: in the ›Translations of Migration‹ group, they examine how keywords such as ‘guest worker’ and ‘assimilation’ are translated across cultural contexts. Migration, on this reading, is neither a German nor an American subject; it is one whose understanding depends on the very perspectives that were long unheard.

III. Der Grenzgänger: Gerhard Kromschröder and “Als ich ein Türke war”

The second episode (in German, “Der Grenzgänger”) moves from academia into journalism. In the spring of 1982, the reporter Gerhard Kromschröder (b. 1941) dyed his hair, eyebrows, and mustache black, put on the uniform of the Frankfurt sanitation department, and worked undercover for three weeks as a supposedly Turkish street sweeper. His account appeared in October 1982 as a reportage in the weekly journal Stern (issue 42) and in 1983 as the book “Als ich ein Türke war” (Frankfurt am Main: Eichborn). He described himself in it as a “Glasmensch,” a man of glass: someone the surrounding world looks straight through without seeing. Almost three years before Günter Wallraff’s “Ganz unten” (1985), Kromschröder had tested a method of covert reportage that ran ahead of its time and, even so, remained in the shadow of the later bestseller.

Gerhard Kromschröder und Christoph Rass beim Interview in Hamburg (Photo: UOS)

The historical moment sharpens the report’s force. In 1982, Helmut Kohl replaced Helmut Schmidt as chancellor; several million people without German passports were living in the Federal Republic, a substantial share of them from Turkey. Official rhetoric oscillated between the label of those classified as ‘guest workers’, which suggested an eventual departure, and the slogan of ‘overforeignization’ (Überfremdung). Everyday racism was visible and politically denied. I first encountered Kromschröder not through migration history but in the Emsland, where the journalist had his earliest postings and became one of the early voices documenting the history of the so-called ‘Emsland camps’. That the same man later produced one of the earliest role reportages on racialized labor belongs to the corpus work of subproject A3, “Ihr seid Gastarbeiterkinder!”, which Christoph Rass and Lale Yildirim lead together within SFB 1604. A3 traces how, at the interface of scholarship and school, categories for naming young people read as migrants took shape from the 1960s onward, from ‘guest-worker children’ through ‘foreigner children’ to ‘migrant children’, and with what effect academic language encodes the reality of a migration society.

IV. Forgotten voices and the reflexive turn

Das Production Site Team at the Digi-Lab Studio producing Episode 2 (Photo: IMIS).

More than the timing of their release connects the two episodes. Both concern voices that saw and named, early, what others took up only much later, and that were pushed aside for precisely that reason. A scholar with a Mexican American biography researching Turkish migration in Berlin, and a journalist stepping into a racialized world of work: each looked from the outside at a society that long refused to understand itself as a country of immigration. That their contributions survive only partially in the field’s memory is not an accident. It is part of the very production of visibility and invisibility that the CRC sets out to study.

This is where the reflexive closing dialogue earns its place. It does not rest with honoring forgotten voices; it asks after the conditions under which knowledge about migration is made, and under which it is overlooked. What the two episodes enact, then, is less an answer than a stance: the willingness to treat one’s own gaze as part of the object. Migration is not something research simply finds. It is also a product of the gaze through which we choose to see it.


Listen and read on

→ ›Production Site‹ – all episodes: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/en/production-insights/podcast → Episode 1, “The Forerunner” (Czarina Wilpert): https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/en/production-insights/podcast/s01-e01 → Episode 2, “Der Grenzgänger” (Gerhard Kromschröder): https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast/s01-e02

Available on Podigee, Apple Podcasts, Spotify, YouTube, and Deezer.

NGHM liest | 08 | Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer (1976)

Was lässt sich aus den Worten eines friaulischen Müllers über die Welt des späten 16. Jahrhunderts lernen, und warum gerade aus seinen? Carlo Ginzburgs Der Käse und die Würmer, der achte Titel der NGHM-Leseliste, ist einer der klassischen Texte der Mikrogeschichte und stellt diese Frage so konsequent, dass das Buch das Profil dieses Forschungsansatzes maßgeblich geprägt hat: der Microstoria.

Carlo Ginzburg, 1939-2026 (CC BY-SA 3.0)

In der Nacht zum 17. Juni 2026 ist Carlo Ginzburg in Bologna gestorben, im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verliert die Geschichtswissenschaft einen ihrer einflussreichsten und international am breitesten gelesenen Vertreter. Dieser Eintrag in unserer Literaturliste liest sich nun anders. Was als Lektürehinweis zu einem methodischen Klassiker gedacht war, wird auch zum Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Forschung: von der ersten Friaul-Studie (1966) bis zu Il vincolo della vergogna, das Ginzburg noch im Februar 2026 in Bologna vorstellte.

Beginnen wir mit einer Szene aus dem Archiv. Im Sommer 1962 stößt ein junger Historiker im Inquisitionsarchiv der erzbischöflichen Kurie in Udine in einem von einem lokalen Inquisitor angelegten Index auf den Namen eines Müllers: Domenico Scandella, genannt Menocchio, geboren 1532 im Friaul, zweimal vor das Heilige Offizium gestellt, schließlich als Häretiker hingerichtet. Der Historiker notiert sich den Fall, lässt ihn liegen, kehrt zu anderen Themen zurück. Erst Jahre später nimmt er die Akten wieder auf. 1976 erscheint bei Einaudi in Turin ein schmales Buch, das die Geschichtswissenschaft verändert. Carlo Ginzburg, geboren 1939 in Turin, ist zu diesem Zeitpunkt Dozent in Bologna. Dort wird er in den Jahren nach 1970 in Debatten über das Verhältnis von Volkskultur und gelehrter Hochkultur hineingezogen: der unmittelbare Kontext der Studie.

Ginzburg studierte an der Scuola Normale Superiore in Pisa, wo er 1961 abschloss, und lehrte ab den 1970er Jahren an der Universität Bologna, bevor er 1988 als Franklin D. Murphy Professor of Italian Renaissance Studies an die UCLA wechselte und 2006 nach Pisa zurückkehrte. Lehrtätigkeiten an amerikanischen Universitäten, unter anderem in Harvard, Yale und Princeton, ergänzten diesen Weg.

Auch die Familienbiographie wirkt in das Werk hinein: Sein Vater Leone Ginzburg, eine Schlüsselfigur des antifaschistischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung Italiens, starb im Februar 1944, in den Händen der Gestapo, an den Folgen der Folter im römischen Gefängnis Regina Coeli. Ginzburgs Mutter, Natalia Ginzburg, wurde zu einer der einflussreichsten italienischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Seine erste Friaul-Studie, I benandanti von 1966, hatte Ginzburg bereits in das Feld frühneuzeitlicher Volksreligiosität geführt. Mit Menocchio fand er einen Fall, der die offene Frage dieses Feldes auf eine eigene Weise bündelte: ob und wie sich die kulturelle Welt der Sprach- und Schriftlosen rekonstruieren lässt, wenn die einzigen Quellen Verhörprotokolle ihrer Verfolger sind.

Das Buch wählt einen ungewöhnlichen Weg. Statt mit einer methodischen Programmatik beginnt Ginzburg mit Brechts Gedicht vom ›lesenden Arbeiter‹, ein Vorzeichen dafür, dass die Studie eine politische Frage ist, bevor sie eine methodische wird: Wer hat in den überlieferten Archiven der Macht eine Stimme, und wer nicht?

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6150-953 7.

Im Zentrum des Buches stehen zwei Inquisitionsverfahren von 1583/84 und 1599 gegen den lesefähigen Müller. Aus den Verhörprotokollen rekonstruiert Ginzburg eine häretische Kosmogonie, derzufolge Welt, Engel und Gott aus einem chaotischen Urstoff spontan entstanden seien, analog zur Würmerbildung im Käse. Diese Kosmogonie ist weniger Menocchios geschlossene Lehre als Ginzburgs Lesart fragmentarischer, im Verhör erpresster Aussagen: Im Protokoll von 1584 erläutert der Müller, alles sei zunächst ein Chaos aus Erde, Luft, Wasser und Feuer gewesen, aus dessen Wirbel eine Masse entstanden sei, vergleichbar der Bildung des Käses aus der Milch, in der wiederum Würmer erschienen seien, und diese seien die Engel gewesen. Ginzburg gleicht diese und andere Aussagen systematisch mit den Büchern ab, die Menocchio nachweislich gelesen hatte, etwa der Bibel in der Volkssprache, Boccaccios Decameron und den Reisen des Sir John Mandeville, und arbeitet aus den Verschiebungen, Fehl- und Überinterpretationen ein eigenständiges bäuerliches Weltbild heraus. Daraus entwickelt er seine vielleicht weitreichendste und zugleich umstrittenste These: die Annahme einer beharrlichen, von der gelehrten Hochkultur weitgehend unabhängigen bäuerlichen Kultur mit materialistischen Zügen, die durch Buchdruck und Reformation Sprache und Resonanzraum erhielt, ohne in den gelehrten Häresien aufzugehen.

Methodisch verschränkt sich das Buch mit der Programmatik der Microstoria: der Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabs und der Aufmerksamkeit für den Einzelfall, der Strukturen sichtbar macht, die im Aggregat unsichtbar bleiben. Die dafür oft bemühte Formel vom ›eccezionale normale‹, der ›normalen Ausnahme‹, geht nicht auf Ginzburg zurück, sondern auf Edoardo Grendi (1977); sie bezeichnet eine Denkfigur der gesamten mikrohistorischen Debatte. Diese Debatte war ein kollektives Unternehmen: Sie verdichtete sich um die Zeitschrift Quaderni storici und um die von Giovanni Levi und Ginzburg betreute Einaudi-Reihe ›Microstorie‹. Die Wirkung war international: Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in einer Reihe mit Le Roy Laduries Montaillou diskutiert. Peter Burke, Natalie Zemon Davis, Roger Chartier und Robert Darnton zählen zu den prominentesten Rezipient:innen.

Allerdings setzte auch die Kritik früh an. Paola Zambelli warf Ginzburg in zwei Aufsätzen, Uno, due, tre, mille Menocchio (1979) und From Menocchio to Piero della Francesca (1985), eine zu weitreichende Generalisierung des Einzelfalls vor: Lasse sich aus einem extrem fragmentierten Universum häretischer und devianter Lehren überhaupt ein repräsentatives Weltbild gewinnen? Brigitta Bernet hat in einer Relektüre für Geschichte der Gegenwart gezeigt, dass das Buch zugleich an die politischen Horizonte des linksintellektuellen Italiens der 1960er und 1970er Jahre rückgebunden werden kann und damit weniger ›unschuldig‹ ist, als seine methodische Selbstbeschreibung nahelegt. 1990 besorgte Andrea del Col mit Domenico Scandella detto Menocchio. I processi dell’Inquisizione (1583–1599) eine kritische Edition der zugrunde liegenden Inquisitionsakten bei den Edizioni Biblioteca dell’Immagine in Pordenone. Seitdem ist Ginzburgs Quellenarbeit erstmals breit überprüfbar.

Wer in den vorherigen Beiträgen dieser Reihe Trouillots Frage gefolgt ist, an welchen Stellen der historiographischen Produktion Schweigen erzeugt wird, findet bei Ginzburg eine andere Antwort auf eine verwandte Frage: Inquisitionsakten sind das Archiv einer Verfolgungsmaschinerie, aber gerade ihre detektivische Lektüre, gegen den Strich, kann Stimmen hörbar machen, die die Apparatur eigentlich zum Schweigen bringen sollte. Methodisch verbindet das Buch sich auch mit dem Forschungsprogramm des Osnabrücker SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und unserem Ansatz ›Negotiating Migration‹. Beide behandeln prozessgenerierte Quellen wie Verwaltungsakten, Verhörprotokolle und Registrierungen als zugleich verzerrende und unverzichtbare Zugänge zu den Stimmen subalterner Akteur:innen.

Dieses Lesen gegen den Strich war bei Ginzburg kein Einzelfall, sondern Methode. Der Käse und die Würmer steht nicht für sich, sondern für ein Erkenntnisverfahren, das Ginzberg 1979 auf den Begriff brachte: das ›paradigma indiziario‹, das Indizienparadigma, demzufolge sich historische Wirklichkeit weniger aus Gesetzmäßigkeiten als aus Spuren, Symptomen und unscheinbaren Details erschließt, die der detektivische Blick zu lesen lernt. Von den ›benandanti‹ (1966) über Menocchio bis zu Storia notturna (1989), seiner viel diskutierten ›Entzifferung‹ des Hexensabbats, blieb dieses Verfahren der rote Faden: das Kleine als Zugang zum Großen, das Anomale als Fenster in die Struktur. In seinen späteren Arbeiten richtete Ginzburg den Blick zunehmend auf die Bedingungen historischer Erkenntnis selbst: auf Distanz und Verfremdung als Erkenntnismittel (Occhiacci di legno, 1998) und auf das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und Fiktion (Il filo e le tracce, 2006), das er bis zuletzt gegen einen bequemen Relativismus und gegen die politischen Indienstnahmen der Geschichte verteidigte. Die internationale Resonanz seines Werks, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt vorliegen und das mit Auszeichnungen vom Aby-Warburg-Preis (1992) bis zum Balzan-Preis (2010) bedacht wurde, gründete dabei stets in derselben unbequemen Überzeugung: dass die Wahrheit existiert, ihre Rekonstruktion aber Arbeit verlangt, gerade an den Rändern der Überlieferung.

Im Sommersemester 2026 wird Ginzburgs Müller auch in der Osnabrücker Lektüreübung von Prof. Dr. Christoph Mauntel zur geschichtswissenschaftlichen Grundlagenliteratur gelesen, was darauf hindeutet, dass dieses Buch weit über die Sozialgeschichte hinaus als methodisches Grundlagenwerk gilt. Später in dieser Reihe wird mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgen, deren Frage nach Repräsentation und analytischer Kategorie das Problem der Stimme noch einmal verschiebt.

Was bleibt, ist eine Verschiebung des Maßstabs: Die Größe einer historischen Frage misst sich bei Ginzburg nicht am Umfang ihres Gegenstandes, sondern an der Genauigkeit, mit der ein Einzelfall die Strukturen seiner Welt lesbar macht.


Osnabrücker Studierende finden Ginzburgs Der Käse und die Würmer im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 6150-953 7 (OPAC).

Carlo Ginzburg (geb. 1939), Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main: Syndikat 1979 (italienische Erstausgabe: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio del ’500, Turin: Einaudi 1976).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


›Twice Displaced‹: Queeres ›Displacement‹ im Europa der Nachkriegszeit, Vortrag vom 4. Juni

4. Alfred-Landecker-Lecture mit Samantha K. Knapton (University of Nottingham)

Als Pierre Seel, nach Lager und Wehrmacht 1945 ins Elsass zurückgekehrt, Jahrzehnte später über seine Befreiung schrieb, formulierte er einen ernüchternden Befund: Die wahre Befreiung habe nur den anderen gegolten, nicht ihm. Seel war als homosexueller Mann denunziert, verfolgt, interniert und zum Schweigen gebracht worden. Seine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung blieb zu Lebzeiten aus. Genau an diesem Bruch zwischen einem Kriegsende, das Befreiung verspricht, und einer Nachkriegsordnung, die fortgesetzte Verfolgung organisiert, setzt der Vortrag von Samantha Knapton an.

In der von Sebastian Musch eröffneten und gemeinsam mit dem IMIS und dem SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ ausgerichteten vierten Alfred-Landecker-Lecture entwickelte die Historikerin aus Nottingham, deren erste Monographie den polnischen ›Displaced Persons‹ im britisch besetzten Deutschland gilt (Knapton 2023), ein analytisches Konzept, das sie ›twice displaced‹ nennt. Der Vortrag entfaltete es in drei Bewegungen: einer begriffskritischen Bestimmung des doppelten ›Displacement‹, einer methodischen Reflexion über die Lesbarkeit queerer Geschichte im Archiv und einer mikrohistorischen Vertiefung am Fall Seel.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Die erste These ist zugleich eine Leerstelle: Eine Geschichte des queeren ›Displacement‹ in der unmittelbaren europäischen Nachkriegszeit existiert bislang kaum. Knapton füllt diese Lücke nicht nur durch das Auffinden bislang ungelesener Quellen, sondern durch eine begriffliche Operation. ›Twice displaced‹ meint, dass jene, die zugleich queer und von ›Displacement‹ betroffen waren, mit dem Kriegsende keineswegs an ein Ende ihres ›Displacement‹ gelangten. Die Rekonstruktionsordnung der späten 1940er und 1950er Jahre, von Zeitgenossen als Projekt einer ›Re-Zivilisierung‹ der Gesellschaft gerahmt, schloss sie ein zweites Mal aus: diesmal nicht aus einem Territorium, sondern aus der Anerkennung und aus dem eigenen Leben. Die 1950er Jahre, das ›straighteste‹ Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, errichteten eine Normalität, in der für queere Überlebende kein Ort vorgesehen war. Ihr ›Displacement‹ war also nicht allein physischer Natur, sondern verstetigte sich als dauerhafter Ausschluss aus den früheren Biografien.

Die zweite These betrifft das Archiv und trifft den Kern unserer eigenen methodischen Debatten in der historischen Migrationsforschung. Geschichten queeren ›Displacement‹ sind, so Knapton, nicht abwesend, sondern unlesbar: nicht, weil die Quellen fehlen, sondern weil die übliche empiristische Lektüre an ihnen scheitert. In den Akten erscheinen die Betroffenen als Kategorie der Repression: als ›asozial‹ oder ›politisch‹ in den Verzeichnissen der Konzentrationslager, als Devianz in medizinisch-psychologischen Gutachten, als Kuriosum oder Straftatbestand in den Unterlagen humanitärer Organisationen, alliierter Besatzungsbehörden und arbeitsmarktpolitischer Programme. Eine Bergung dieser Geschichten verlangt daher dreierlei: die ›Stimmen in der Mitte‹ (Fürsorgepersonal, Verbindungsoffiziere), die Rekonstruktion physischer Trajektorien und eine kulturhistorische Relektüre fast jeder Quelle. Wer diese Akten allein nach dem Maßstab klassischer Empirie behandelt, übt nach Knapton eine Form ›epistemischer Gewalt‹. Vielmehr gelte es, eine fragmentarische, lückenhafte und frustrierende Geschichte auszuhalten, eine Haltung, die sie mit Žižek als ›enthusiastische Resignation‹ beschreibt: Wir werden keine lineare Erzählung gewinnen, dürfen uns aber gleichwohl nicht aus dem Archiv zurückziehen.

Besonders prägnant wird die These dort, wo sie die Produktion administrativer Kategorien sichtbar macht. Der Status ›Displaced Person‹ war ein Eligibilitätsartefakt: kriegsbedingt displaced, nicht aus ehemaligem Feindgebiet stammend, anspruchsberechtigt gegenüber der internationalen Hilfe. Viele queere Verfolgte erreichten die Lager gar nicht erst, weil der nicht aufgehobene §175 sie weiter in Haft hielt. Die Alliierten setzten diesen Paragraphen nach 1945 nicht außer Kraft, sondern lasen ihn als Kontinuität des deutschen Strafrechts und verfolgten weiter auf dieser Grundlage bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, die den staus quo ebenfalls fortschrieben. Deutlich wird damit: Das Ausbleiben queerer Verfolgter in den ›DP‹-Lagern ist keine empirische Lücke, sondern ein Produkt der Kategorie selbst.

Am dichtesten verdichtet Knapton ihr Argument im Fall Pierre Seels. Als Sechzehnjähriger meldet Seel den Diebstahl einer Taschenuhr und gerät, weil der Tatort als queerer Treffpunkt bekannt ist, auf eine polizeiliche Liste. Nach der Annexion des Elsass und der Anwendung des §175 wird er 1941 von der SS verhaftet, gefoltert und im Lager Schirmeck interniert; dort wird sein Geliebter Jo vor seinen Augen ermordet, ein Ereignis, das sein Erinnern fortan organisiert. Seine Freilassung bindet das Regime an zwei Bedingungen: Schweigen und deutsche Staatsangehörigkeit. Als zwangsweise Eingebürgerter wird Seel in die Wehrmacht gezogen, ein ›Malgré-nous‹, dessen Erinnerungslücken an der Ostfront bis heute Fragen nach Täterschaft offenhalten. Erst in den frühen 1980er Jahren, angestoßen durch Heinz Hegers ›Die Männer mit dem rosa Winkel‹, bricht er sein Schweigen. Anerkennung durch den französischen Staat als wegen seiner Homosexualität Deportierter erhält er nie. Seel stirbt 2005, nach eigenem Verständnis staatenlos.

Knapton rahmt diesen Fall mit zwei Bezugspunkten, die auch unsere Diskussion trugen. Joanna Ostrowska zeigt für den polnischen Kontext, wie ›Zahl, Nationalität und Gewalt‹ mobilisiert werden, um queere Geschichten als nicht erzählenswert zu markieren, bis hin zur Umetikettierung ihrer eigenen Forschung als Soziologie oder Anthropologie, die der queeren Vergangenheit gerade die historische Existenz abspricht. Anna Hájková wiederum macht mit ihrem Konzept der ›historical citizenship‹ die Zeugenschaft zum konstitutiven Akt: Wer bezeugt, wird Bürger:in der Geschichte. Beide Perspektiven verschieben die Frage von der Quellenlage zur Lektüre, und beide treffen damit ein Anliegen, das die NGHM, das IMIS und der SFB 1604 teilen: die langfristigen, oft transgenerationalen Folgen erzwungener Mobilität gerade für marginalisierte Gruppen ernst zu nehmen.

Was Knapton vorführt, ist weniger ein abgeschlossener Befund als ein Programm. Ob ›Displacement‹ für beide Bewegungen, die kriegsbedingte Deportation und die nachkriegszeitliche soziale Schließung, denselben analytischen Dienst leistet, bleibt produktiv offen, ebenso wie die Frage, welches Kriterium eine disziplinierte Rekonstruktion vom Hineinlesen ins Schweigen scheidet. Gerade Seels Fall, Opfer und mögliches Werkzeug zugleich, ist die härteste Probe auf diese Methode. Wer solche Akten liest, als verlangten sie nichts als empirische Gewissheit, vergisst die Verfolgten ein zweites Mal.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Hidden Legacies, Untidy Endings. Notes from the InechO Conference in Florence.

What happens to an international organization after it has ceased to exist? On 23 and 24 April 2026, the Alcide De Gasperi Research Centre at the European University Institute in Florence convened a conference of the InechO project (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) on precisely this question.

The framework, developed by Kiran Klaus Patel and his research team at LMU Munich, traces the afterlives of discontinued international organizations along three vectors: people, ideas and practices, resources and objects.

Our work at NGHM on the figure of the ‘displaced person’ and the management of violence-induced mobility in the aftermath of the Second World War, situated within the SFB 1604 ‘Production of Migration’ at Osnabrück University, examines how the political and administrative categories of forced migration are produced and carried forward through the bureaucratic infrastructures, normative frameworks, and practices of international organizations. The IRO sits at the heart of that question. Our paper, which will appear as a chapter in the planned edited volume of the InechO project and was discussed in Florence, reconstructs how the IRO came to an end as an institution..

When we set out, we considered framing the work around the entire interwar network of refugee organizations, from the League’s High Commissioner for Refugees and the Nansen Office through the Intergovernmental Committee on Refugees and UNRRA. For the paper we finally narrowed the scope to the IRO to gain analytical depth in a paper limited in length. After Florence, that earlier framing returns as a necessity rather than an option.

Our Argument in Brief

The International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) was singular in form, combining legal protection and non-refoulement, material care, and the logistical mass resettlement of those classified as ‘displaced persons’ and ‘refugees’ under one institutional roof. Its end fits neither the model of orderly succession nor that of plain dissolution. We propose ‘functional disaggregation’ as a fourth termination type: the deliberate decomposition of an integrated mandate across several successor organizations, each inheriting a specific set of functional components while actively denying institutional continuity. The UNHCR took on legal protection on a minimal budget. The well-resourced ICEM, today’s IOM, received the operational transport apparatus and twelve IRO vessels. The split was not a byproduct of organizational decline. Rather, it was political design, driven above all by the United States. A ‘double amnesia’ accompanied the process: both successors disavowed their IRO origins in carefully curated archives and shifted founding narratives.

Comments by Jessica Reinisch: The Argument Travels Backward

Jessica Reinisch, Christoph Rass, and Sebastian Huhn at the InechO Conference, April 2026.

Jessica Reinisch’s (Director of Birkbeck’s Centre for the Study of Internationalism) discussion of our paper on Friday morning gave us an incisive analysis of our chapter and made, among a number of valuable comments, one decisive point. The pattern we describe for the IRO’s end already characterizes its beginning. UNRRA also had been an integrated organization whose dissolution distributed functions unequally across successors. The IRO is hence not only predecessor but successor as well. Indeed, the historiographical invisibility of the UNRRA-IRO continuity becomes legible through our own model, as an effect of the same curated amnesia we trace on the successor side. The intervention proves productive because the longer chain (High Commissioner for Refugees in 1921, Nansen Office, IGCR, UNRRA, IRO) was the framing we had originally pursued before narrowing it. Florence brought it back. Functional disaggregation does not describe a single termination event. It names a recurrent mode in which the international community has organized and reorganized its response to violence-induced mobility for the better part of a century.

Resonances Across the Programme

Five contributions to the conference resonated particularly closely with our argument. Jane Mumby’s analysis of buildings supplied the sharpest counter-image, and Geneva’s architectural geography turns out to map the geometry of disaggregation almost exactly. The IRO took up its headquarters at the Palais Wilson on the Rue des Pâquis, the lakeside hotel that had served as the League of Nations’ first home from 1920 until the League moved into the purpose-built Palais des Nations in Ariana Park in 1937. When the IRO arrived in 1947, it occupied offices in a building that had turned into a site representing an older order. The UNHCR, by contrast, was placed in 1951 in three rooms of the Palais des Nations itself, the active UN seat, and only moved into its own purpose-built headquarters on the Rue de Montbrillant in 1995. ICEM, and the IOM, the other partial successor of the IRO, never enjoyed that kind of placement: for more than three decades the organization rotated through low-profile rented addresses around Geneva, almost invisible in the city’s diplomatic landscape, until it acquired its own building on the Route des Morillons in 1984. Legal protection – even if modestly funded – was elevated to the symbolic core. Transport of labor migrants – otherwise well-funded – was kept at the urban periphery. The predecessor’s headquarters faded in a former hotel by the lake that turned into a Swiss administration building.

Alessandro Venieri’s paper on data and statistics in international organizations opened an adjacent axis. What outlasts an organization that was set up to solve an imminent crisis is often less a structure than a knowledge infrastructure: the categories, surveys, and statistical conventions that travel into successors regardless of formal succession. The IRO’s eligibility manuals, which migrated into UNHCR practice and from there into national asylum systems, sit on precisely this axis. So do the IRO case files, which continued to be used by successor and tracing organizations for decades after the IRO itself had ceased to exist. Nicole Albrecht described an ‘institutional dispersion’ of the League’s rural welfare programmes across WHO and UNICEF. The contrast with our case lies in agency: where the IRO was disaggregated from above, Albrecht’s Eastern European health experts deployed dispersion strategically, as a mode of survival for their professional networks. Miguel Bandeira Jerónimo introduced ‘institutional refraction’ for the transition from the late-colonial CCTA to the Organization of African Unity, a process in which legal arrangements, technical office routines, and European expert networks ran asynchronously into the successor, and pragmatic appropriation paradoxically carried colonial hierarchies into post-colonial projects. Marine Pierre traced a kindred politics of forgetting in the OEEC-to-OECD transition, where colonial baggage was rhetorically dissolved into the language of a global think tank.

What We Take Away

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

The two days in Florence confirmed that the architecture of contemporary ‘global governance’ is shaped, often invisibly, by such hidden legacies. The line between ‘refugees’ and ‘migrants’ that gives today’s international regime its basic geometry is not a natural fact but the direct outcome of a very specific production of migration, shaped by infrastructural, normative, praxeological, and spatial transformations, among those the formation of the modern ‘refugee regime’ by a lineup of international organizations that were set up and terminated from the 1920s to the 1950s. The disaggregation of the IRO was one event in that complex chain. Reinisch’s intervention, and the resonances across the programme, push the argument back into the longer history we had set aside for the paper we wrote: the interwar refugee organizations, their predecessors, and the recurrent logic by which integrated mandates are repeatedly decomposed and selectively forgotten. Functional disaggregation is hence not the description of an endpoint. It names a mode in which international institutions have ended and begun for the better part of a century, and it opens new avenues for understanding the production of migration in greater granularity.

Ankündigung: Tiny Desk Kolloquium am 29. Januar 2026: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven

Am 29. Januar 2026 findet die fünfte Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt. Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück, die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” vorzustellen und zu diskutieren. 

Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.

Am 29. Januar bietet das TDK unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass  Einblicke in eine Abschlussarbeit zur Produktion der “Zweiten Generation” in der deutschsprachigen Migrationsforschung sowie in aktuelle Forschung zum Themenbereich “Der Holocaust und seine Folgen” mit regionalen und internationalen Perspektiven. Ergänzt wird das Angebot durch einen Vortrag von Studierenden der Digital-History-Werkstatt über die Entwicklung von WebApps für Historiker:innen.

Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

5. Tiny Desk Kolloquium: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven
Donnerstag, 29. Januar 2026
14.00 bis 17.00 Uhr
Raum 15/130

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Die erste Ausgabe des TDK widmete sich 2023 der Kooperation mit dem Museum und Park Kalkriese. Dabei wurden  Neuigkeiten aus der Konfliktlandschaftsforschung und der Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Ort der Varusschlacht vorgestellt.

Die zweite Veranstaltung des TDK ermöglichte den Austausch zu Perspektiven im Kontext des Einsatzes von Virtual Reality und 3-D Modellen in Forschung und Lehre.

Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.

Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.


*** Programm ***

5. Tiny Desk Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, 29. Januar 2026, 14-17 Uhr, Raum 15/130

Begrüßung und Einleitung: Prof. Dr. Christoph Rass

Julia Lohmann
Die formative Phase der Produktion einer ‘Zweiten Generation’ in der deutschsprachigen Migrationsforschung seit Mitte der 1970er Jahre

Studierende der Digital-History-Werkstatt
Von der historischen Fragestellung zur WebApp. Vibe Coding in der Digital-History-Werkstatt

Martina Sellmeyer
Die Osnabrücker Jüdische Gemeinde im 20. Jahrhundert bis zur Vernichtung im Holocaust

Dr. Michael Gander
Auf den Spuren jüdischen Lebens in Lettland – Historische Bezüge und Kooperationen zwischen Akteur:innen der Gedenkstättenarbeit in der Region Osnabrück, in Riga und in Vishki

Dr. Sebastian Musch
Der Osnabrücker Synagogenneubau 1969 zwischen Wiedergutmachungsdiskurs und städtischer Erinnerungspolitik

Inside.NGHM | Eduard Usov

Mit der Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.

In der zweiten Ausgabe berichtet Eduard Usov über sein Studium an der UOS und seine Tätigkeiten als studentische Hilfskraft.

Eduard Usov studiert seit dem Wintersemester 2023/24 im Zweifächer-Bachelor Geschichte und Philosophie an der Universität Osnabrück. Seit April 2024 ist er studentische Hilfskraft an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung im Teilprojekt A3 des SFB 1604.


Warum hast du dich für ein Geschichtsstudium entschieden? Welches Berufsziel verfolgst du derzeit? 

Tatsächlich habe ich Geschichte in meiner Schulzeit als Unterrichtsfach (bis auf wenige Ausnahmen) gehasst. Ich fand den Unterricht langweilig, den Stoff aber sehr spannend. Oft habe ich mir Dokumentationen über die NS-Zeit oder den Kalten Krieg angesehen, weil ich ein menschliches Interesse an Geschichte hatte, aber kein wirklich wissenschaftliches. Als es dann Zeit war, sich für einen Berufsweg zu entscheiden, wollte ich Lateinlehrer werden und habe mir gedacht, dass Geschichte bestimmt eine gute Ergänzung wäre. Es hatte dann doch einen gewissen Reiz, in den Nachlässen von „großen Männern“ (und natürlich auch Frauen) rumzustöbern und deren Gedanken, Gefühle, aber auch Lebensbedingungen und Krisen aus dritter Perspektive zu erleben. Wobei der Ärger, nicht mehr vom Leben der „einfachen Leute“ im Unterricht zu erfahren, sondern sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die man im Leben wohl nie brauchen würde, wahrscheinlich das ausschlaggebende war.

Fast forward hat mir Latein an der Universität nicht gefallen (oder ich war einfach nichts für das Lateinstudium) und meine Vorstellungen aus der Schule wurden nicht erfüllt. Geschichte war, entgegen meiner anfänglichen Skepsis, die beste Entscheidung und macht mir auch bis heute viel Spaß! 

Eduard unterrichtet an einem Internat in Russland (Foto: Privat)

Mein aktuelles Berufsziel ist definitiv die Wissenschaft. Da ich durch meine aktuelle Fächerkombination nicht ins Lehramt kann, möchte ich an der Universität lehren. Manchmal findet man es doch ganz schade, dass osteuropäische Neueste Geschichte (oder Migrationsforschung) nicht ein eigenes Seminar bekommt. Vielleicht wird es auch etwas mit einer Professur für Osteuropäische oder Neueste Geschichte, vielleicht auch nicht. Plan B wäre das Archiv.

Was interessiert dich an der (Neuesten) Geschichte und Historischen Migrationsforschung?   

Das ist eine echt gute Frage. Sie hat eigentlich eher etwas Philosophisches. Wenn man einmal in Vogelperspektive auf die Auswahl von Veranstaltungen in der Geschichte sieht, wird wohl jeder feststellen, dass das eine näher an der eigenen Wirklichkeit ist als manch andere Veranstaltung. Der eine mag die römische Antike, der andere das Mittelalter. Warum ich jetzt konkret die Neueste Geschichte am liebsten mag, habe ich mich selbst nie gefragt.  

Gut, dass ich diese philosophische Frage gar nicht zu beantworten brauche. Wie vielleicht zuvor angeklungen, finde ich Osteuropa (darunter die Ukraine, Polen, Weißrussland und Russland) ziemlich interessant. Es ist doch schön, dass es nicht „den Deutschen“ hierzulande gibt, sondern den Menschen. Jeder hat seine eigene Herkunftsgeschichte. Mich interessiert daher die Migration aus eben jenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Sonst wäre ich wohl auch nicht hier. 

Wie gehen Politik, Gesellschaft, Kultur, Medien mit den Menschen, die migriert sind, um? Welche Hürden, Probleme, welches (Un-)Recht existiert(e) für Menschen, die nach Europa kommen? Wie beschreiben sie selbst ihre Situation? Welche Eigenschaften und Stereotypen werden ihnen zugewiesen, und von wem? Wie verändert sich der wissenschaftliche Diskurs rund um Zugewanderte? Und welche Narrative produzieren wir dabei eigentlich? Welche Agency haben Zugewanderte im 20. Jh? Wie verändert sich die Produktion der Kategorie des Migranten? Ist „der Migrant“ (was auch immer dieses Wort bedeuten mag; ich persönlich finde diese Generalisierung schwachsinnig) heute mit demselben Stigma behaftet wie „der Migrant“ vor 50 Jahren? Und was sagt die Produktion von Kategorien, die Subjekte auf unterkomplexe Weise erfassen soll, über die Produktion von Geschichte aus? 

Gewiss sind einige der Fragen nicht reine Themenkomplexe von Geschichte. Aber manchmal sollten wir den Blick von der reinen Forschungsfrage auf die Metaebene zweiter Ordnung holen. In der Neuesten Geschichte sehen wir die Auswirkungen unserer Untersuchungssubjekte unmittelbar, manchmal leben sie sogar noch. Das macht Forschen nahbar und verleiht der sinnproduzierenden Tätigkeit tatsächlichen Sinn.  

Was sind deine Aufgaben im Team NGHM?   

Untersuchung der gescannten Texte (Foto: Eduard Usov)

Ich weiß noch, dass ich ursprünglich angestellt wurde, um Segmente in MAXQDA, einer Software für qualitative Inhaltsanalysen, zu kodieren. So richtig typische Aufgaben gibt es als SHK wahrscheinlich nie. Es gibt immer etwas, das dazwischenkommt, das wichtig ist und dem auch Priorität eingeräumt werden muss. Wenn man davon absieht, gibt es gewisse Basics: Das Scannen und die Recherche von Literatur wären wahrscheinlich die Tätigkeiten, die im Projekt bisher am meisten Zeit eingenommen haben. Darüber hinaus pflege ich unser Projekt in MAXQDA. Scan ist nicht gleich Scan. Für die Bearbeitung braucht es noch ein paar Schritte. Unter anderem müssen Scans lesbar gemacht werden durch ein OCR. Dann werden sie in die Citavi Datenbank aufgenommen, bis sie schlussendlich in MAXQDA landen. Und nein, es ist nicht so langweilig wie es sich anhört. Man hat nämlich viele tolle Kolleg*Innen, die immer für gute Laune sorgen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was macht dir am meisten Spaß?   

Wenn ich Alltag hätte, wäre diese Frage echt einfach zu beantworten. Es wäre ja langweilig, wenn man immer das gleiche zur immer gleichen Uhrzeit macht. Ich arbeite meistens abends, manchmal, wenn es notwendig ist oder etwas Dringendes ansteht, mache ich das natürlich unverzüglich. Dann setzt man sich an den Rechner und erledigt seine Dinge. Oder man ist im wunderbaren Gebäude 03 (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien) und scannt die beschaffte Literatur oder bringt sie zurück. Es kommt eben darauf an, was gerade so ansteht.

Konzentriertes Arbeiten im Büro der SFB-SHKs. (Foto: NGHM)

Am meisten Spaß macht definitiv nicht die Tätigkeit selbst. Das zu behaupten wäre auch großes Unrecht meinen Kolleg*Innen gegenüber. Der Fortschritt macht Spaß. Anerkennung seiner Vorgesetzten macht Spaß. Vieles in dem Umfeld macht Spaß. Kuchentage am Montag machen auch Spaß, sehr viel Spaß sogar! Es sind die Menschen, die mit einem zusammenarbeiten, die den Spaßfaktor mitbringen. Man hat definitiv viel Spaß hier. Es wird einem nie langweilig, weil es immer was zu tun gibt. Die Arbeit kommt natürlich nicht zu kurz! 

Fachlich bekommt man natürlich eine Menge mit. Man ist hautnah dabei, wie Wissenschaft „funktioniert“. Für mich ist es insofern spaßig, dass ich sehe, was mich auf meinem eigenen Lebensweg erwartet. Auch die Perspektivübernahme ist da ganz interessant. 

Zu welchem Thema möchtest du unbedingt mal eine universitäre Veranstaltung besuchen?

Eine Lehrveranstaltung zum Thema „Spätaussiedler“ wäre sicherlich interessant. Ich glaube das Thema hat sehr viel Potenzial für transnationale Perspektiven auf dieses Phänomen. Ich höre den Begriff in meinem Umfeld häufig, aber was bedeutet es denn, „Spätaussiedler“ zu sein? Wie kamen Menschen überhaupt in die Bundesrepublik und was trieb sie an? Vor allem aber sollte betrachtet werden, ob diese Menschen als „Deutsche“ ankommen oder als „Pole“, „Rumäne“, „Russe“ oder ähnliches. Wie wird dieser Term „Spätaussiedler“ überhaupt konstruiert? Und was schwingt mit, wenn man diesen Begriff verwendet, welche Eigenschaften schreiben wir diesem Kollektiv zu? Wie wird aus dieser rechtlichen Kategorie eine soziale Wirklichkeit und Identitätsstiftung? 

Auf der anderen Seite könnte man auch betrachten, wie sich diese Migration demographisch auf die Herkunftsstaaten auswirkt. Wie reagieren die betroffenen Staaten? Welche Diskurse werden geführt?  

Es würde mich auf jeden Fall freuen, wenn sich der Blick gen Osteuropa verlagern würde. 

Was sollte jede/r Geschichtsstudierende unbedingt mal gesehen haben?  

Ich glaube diese Frage weckt unrealistische Erwartungen an etwas, das ich so gar nicht bezeichnen könnte. Eine Sache zu finden, die der Größe der Frage angemessen erscheint, wird wirklich schwer. Ich möchte eine langweilige Antwort darauf geben, die aber wichtig zu schein scheint: 
 

Leute, geht in Archive!

Wenn man als Schüler*in über Wissenschaft nachdenkt, hat man das Gefühl, zu allem sei schon etwas geschrieben worden. Die großen Dinge der Menschheit hat sich sicherlich schon jemand angeguckt. Aber was ist mit den kleinen Dingen und Nachlässen, die nur darauf warten, von euch entdeckt zu werden? Wie cool ist es denn, eine Urkunde von 1540 zu sehen, die euch sonst nur auf Fotos oder gar nicht zugänglich wäre. Das Archiv ist wie eine Wundertüte. Wer sucht, der findet auch etwas Interessantes, was noch keiner zuvor gemacht hat. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, wäre es doch echt klasse, wenn die eigene Arbeit im Studium auch noch in 20, 30, 100 Jahren Beachtung findet, weil man der Einzige ist, der zu dem Thema geforscht hat (Das heißt aber nicht, dass man jeden Quark schreiben sollte, nur weil es keinen Widerspruch gibt). 

Was motiviert dich während der herausfordernden Phasen deines Studiums?  

Ich habe immer einen gewissen Ehrgeiz. Es gibt diese innere Stimme, vielleicht ja das Gewissen, wer weiß das schon, die einen antreibt. Aber manchmal ist man dann doch K.O. und möchte einfach nur seine Ruhe haben. Das ist normal.  

Am meisten motiviert mich wahrscheinlich meine Familie. Es ist schön, jemanden zu haben, der einem bei Problemen zuhört, auch wenn er keine Lösung anbieten kann.  Aber auch meine Freunde sind super wichtig! Man versteht sich vielleicht auch als Leidensgenossen. Am Ende sollte man aber den Blick für das Wesentliche in herausfordernden Phasen nicht verlieren. Das Studium ist in erster Linie nämlich kein Lebensabschnitt, durch den man einfach so rutscht und am Ende mit einem Abschluss dasteht. Es ist die wohl prägendste Zeit, die man so miterlebt. Daher sollte man den Blick für Spaß und Geselligkeit nicht verlieren.  

Nur helfen Spaß und Geselligkeit leider nicht allein, die Prüfungen zu schreiben (schade aber auch). Mir helfen 2 Grundsätze: 

1. Noch keiner ist durch Inhalte gestorben, sondern nur durch den Druck, den man sich selbst macht. 
Manchmal hilft eine Pause, neue Motivation für die Herausforderung zu finden. Vielleicht bekommt man einen anderen Blickwinkel auf seine Arbeit, neue Lösungsansätze und Ideen, die man zuvor nicht hatte. Michelangelos David wurde auch nicht in einer Stunde erschaffen. Er wäre aber auch nicht so gut geworden, wenn man versucht hätte, ihn in einer Stunde zu meißeln. Ich fange bereits früh an, mir über die Prüfungen bewusst zu werden und mir demnach einen Plan anzulegen, wann ich mit dem Lernen anfangen sollte. 

2. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. 
Zu scheitern ist wohl eine Grunderfahrung, die man im Leben machen sollte. An der Universität ist Scheitern aber auch notwendig, um über sich hinaus zu wachsen. Wenn man jede Herausforderung als eine Möglichkeit, zu scheitern, aufzustehen und sich zu verbessern, wahrnimmt, wirkt die Herausforderung nicht mehr wie eine Herausforderung. Ich habe mich damit abgefunden, auch scheitern zu dürfen, das hilft ungemein! 

Aus diesen beiden Mottos ziehe ich sehr viel für mein Studium, wenn es gerade mal nicht so gut läuft. 

Welche Ausstellung/ Welches Museum hast du zuletzt besucht, welche/welches du wirklich empfehlen kannst?

Ich bin echt selten in Ausstellungen oder Museen. Was ich wirklich empfehlen kann ist das POLIN in Warschau. Abgesehen davon, dass Warschau echt schön ist, ist dieses Museum beeindruckend und steht gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos, welches als Szenerie von Willi Brandts Kniefall im Gedächtnis verankert ist. Es thematisiert die Geschichte der polnischen Juden, ein Thema, das mit der deutschen Geschichte eng verwoben ist. Mir persönlich hat die Führung dort die Augen insofern geöffnet, dass wir unsere Comfort-Zone verlassen sollten, um den Blick zu weiten.

Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos in Warschau, gegenüber vom POLIN (Foto: Eduard Usov)

Wer aber eine regionale Attraktion besuchen möchte, der kann sich auch das Deutsche Salzmuseum in Lüneburg anschauen. Salz klingt langweilig, muss es aber gar nicht sein! Es ist wirklich erstaunlich, wie wichtig so ein alltäglicher Gegenstand früher für das Leben der Menschen gewesen ist. Vielleicht hinterfragt der ein oder andere auch seinen eigenen Salzkonsum.  

Mein letzter Besuch ist aber auch schon ein Weilchen her, daher möchte ich zumindest für das Salzmuseum kein Qualitätssiegel abgeben. Das POLIN ist aber sehr empfehlenswert!  

Welche Interessen/Hobbies hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?  

Neben der Universität habe ich einige Hobbies. Ich engagiere mich (erst seit Neuestem) politisch im Mentoring-Projekt „DEMOKRATIE. MACHT. INTEGRATION.“ Dort nehme ich Einblicke in die Osnabrücker Lokalpolitik und wohne Ausschusssitzungen, sowie Fraktionssitzungen, bei. Das Ganze ist zwar „nur“ auf ein Jahr angelegt, macht aber sehr viel Spaß, weil ich die Entscheidungsprozesse hautnah miterlebe und ein bisschen mehr verstehe, was aktuell auf der politischen Agenda steht. 

Außerdem lese ich sehr viel. Mein Interesse gilt sowohl Sachbüchern als auch der Philosophie. Zuletzt habe ich Antigone von Sophokles gelesen. Das war ein interessantes Buch, auch wenn es nicht sehr lang ist. Aktuell sitze ich an Dostojewskis „Schuld und Sühne“, welches einem aber Durchhaltevermögen abverlangt. Generell mag ich das Abtauchen in die „Klassiker“. Man sieht nicht nur das Buch, sondern auch den Menschen, der es geschrieben hat, und dessen Lebensumstände. Für Historiker*innen natürlich immer interessant, wenn Tolstoi in „Krieg und Frieden“ über Napoleons Russlandfeldzug 1812 schreibt. In gewisser Hinsicht färbt das Studium dann doch auf einen ab.

Ich reise auch sehr gerne, wobei ich selbst nie die Initiative hätte, irgendwo hinzufahren. Meistens schließe ich mich Leuten an. Außerhalb von Europa war ich leider noch nie. Vielleicht wird es dafür irgendwann mal Zeit. Mein letzter Aufenthalt hat mich 2 Wochen nach Kroatien geführt.

Ich bin ebenso ein großer Sportfan. Früher war ich aktiver Leistungssportler im Leichtathletikbereich und habe danach Handball gespielt. Heute bin ich auf die Zuschauertribüne gewechselt und verfolge am ehesten Volleyball bei meinem Heimatverein SVG Lüneburg. 

Research Revisited: NGHM-Publikationen zur Produktion von Figuren der Migration 2024/25

In der Rubrik Research Revisited stellt das NGHM-Team in lockerer Folge abgeschlossene Forschungsprojekte und Publikationen vor. Diese Ausgabe gibt Einblicke in vier international publizierte Zeitschriftenaufsätze aus dem akademischen Jahr 2024/25:

Viermal Q1 2024/25: NGHM publiziert in hochrangigen Journals.

Julie M. Weise & Rass, Christoph: Migrating Concepts: The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42, in: The American Historical Review 129/2024, S. 22-52. https://doi.org/10.1093/ahr/rhad500

Sebastian Huhn & Rass, Christoph: Displaced Person(s): The Production of a Powerful Political Category, in: Ethnic and Racial Studies 48/2025, S. 718-739.
https://doi.org/10.1080/01419870.2024.2404488

Catherine S. Ramírez & Rass, Christoph: Producing Integration: The Translation of Non/Belonging in Germany and the United States, in: History and Theory 64/2025, S. 375-386. https://doi.org/10.1111/hith.12390

Jessica Wehner & Christoph Rass: Disputed (Non-)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56. in: Journal of Contemporary History (online first).   https://doi.org/10.1177/00220094251396890  

Transatlantische Begriffsgeschichte und die kritische Analyse migrationspolitischer Kategorien

Wie werden Menschen durch migrationspolitische Kategorien zu bestimmten “Figuren” gemacht – zu “Gastarbeitern”, “Displaced Persons” oder “Ausländern”? Vier Forschungsbeiträge aus dem akademischen JAhr 2024/25, erschienen in der American Historical Review, dem Journal of Ethnic and Racial Studies, History & Theory und dem Journal of Contemporary History, untersuchen die Produktion solcher Kategorien als historischen Prozess.

Diese Forschungsperspektive, die Christoph Rass im Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” entwickelt, analysiert migrationspolitische Kategorien nicht als neutrale Beschreibungen sozialer Realitäten, sondern als politische Instrumente, die durch begriffliche Übersetzungs- und Zirkulationsprozesse aktiv produziert werden.

Prof. Dr. Christoph Rass, Universität Osnabrück (Foto: UOS).

Die vier Artikel von Christoph Rass gemeinsam mit Julie M. Weise, Catherine Ramirez, Jessica Wehner und Sebastian Huhn verbinden die Analyse, wie migrationspolitische Konzepte und deren Translation die Bedeutung von Migration produziert und regulierbar macht. Sie untersuchen die Genese des Bracero-Programms unter dem Einfluss von Wissenstransfer aus europäischen Arbeitsmigrationssystemen, die historische Produktion der Kategorie “Displaced Persons” als bürokratisches Kontrollinstrument, die Herstellung von Kategorien, um non-Western DPs als kulturalisiert Andere zu subjektivieren, und schließlich die diskursive Konstruktion von “Integration” als Medium der Migrantisierung . Dabei wird deutlich, dass solche Kategorien über nationale und disziplinäre sowie über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg zirkulieren und soziale Hierarchien sowie Zugangsrechte strukturieren. Immer wieder zeigt sich aber auch, dass die Adressat_innen solcher Mechanismen auf bemerkenswerte Weise Agency entwickeln, um dominante Kategorisierungen herauszufordern und zu transformieren.

Migrating Concepts: Ausgezeichnete transatlantische Migrationsgeschichte

Im März 2024 erschien in der American Historical Review der von Christoph Rass gemeinsam mit Julie M. Weise (University of Oregon) verfasste Artikel “Migrating Concepts: The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42” (AHR 129/2024, S. 22–52). Die Studie untersucht die wenig bekannten transatlantischen Wurzeln eines der wichtigsten Arbeitsmigrationsprogramme des 20. Jahrhunderts. Das Bracero-Programm (1942–1964), das bilaterale Abkommen zur Regulierung der Arbeitsmigration zwischen den USA und Mexiko, ermöglichte mehr als vier Millionen Arbeitsverträge für mexikanische Männer in den Vereinigten Staaten.

Prof. Dr. Julie M. Weise, History Department, University of Oregon, Eugene (Foto: UO)

Die bisherige Forschung hat dieses Programm vor allem im Kontext hemisphärischer Machtverhältnisse und US-amerikanischer Hegemonialpolitik interpretiert. Der neue Artikel zeigt jedoch, dass der Aushandlung des Programms zwei Jahrzehnte intensiven transatlantischen Austauschs vorausgingen. Während der Zwischenkriegszeit nahmen mexikanische Politiker, Intellektuelle und Migrationsaktivisten an transatlantischen und interamerikanischen Dialogen über Migrationspolitik teil, verglichen ihre Situation mit der Italiens und interessierten sich für die bilateralen Arbeitsmigrationssysteme, die in Europa entstanden waren. US-amerikanische Behörden hingegen lehnten zunächst Empfehlungen von Migrationswissenschaftler_innen sowie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ab, europäische Modelle zu übernehmen.

Als der Zweite Weltkrieg die USA dazu drängte, der mexikanischen Regierung plötzlich ein entsprechendes Abkommen zur Anwerbung von Menschen als temporäre Arbeitskräfte vorzuschlagen, beeinflusste das transatlantische Wissen mexikanischer Akteure die Ausgestaltung des Programms maßgeblich. Der Artikel argumentiert damit für eine Geschichtsschreibung, die über bloße Vergleiche hinausgeht und die Verflechtungen und Zirkulationsprozesse migrationspolitischer Ideen über kontinentale Grenzen hinweg in den Blick nimmt.

Die Bedeutung dieser Studie wurde 2025 durch die Verleihung des Premio al Mejor Artículo en Ciencias Sociales der Latin American Studies Association (LASA) gewürdigt.

Displaced Person(s): Die Produktion einer mächtigen politischen Kategorie

Im Oktober 2024 (online first, im Druck 2025) folgte im Journal of Ethnic and Racial Studies der von Christoph Rass gemeinsam mit Sebastian Huhn verfasste Artikel “Displaced Person(s): The Production of a Powerful Political Category” (ERS 48/2024, S. 718-739). Diese Studie nimmt die Begriffsgeschichte einer der zentralen Kategorien der Migrationspolitik des 20. Jahrhunderts in den Blick und reagiert auf eine aktuelle Tendenz in der Migrationsforschung, den Begriff “displaced persons” als breitere und inklusivere Alternative zum Begriff “refugees” zu verwenden.

Dr. Sebastian Huhn (Foto: ipse)

Der Artikel zeichnet die historische Genese und Transformation des Konzepts “Displaced Persons” nach und argumentiert, dass dieser Begriff in den 1940er Jahren primär als “category of action” für bürokratische und politische Zwecke geschaffen wurde, nicht als neutrale Beschreibung sozialer Realitäten. Die Untersuchung zeigt, wie die Kategorie im Kontext der Kontrolle gewaltinduzierter Mobilität nach dem Zweiten Weltkrieg entstand und sich entwickelte. Sie diente internationalen Organisationen und Staaten als Instrument zur Regulierung und Verwaltung von Flucht- und Zwangsmigration.

Die Studie mahnt damit zu einem reflexiven Umgang mit Begriffen, die oft zunächst eingeführt wurden, um Menschen und ihre (Im-)Mobilität zu kontrollieren. Sie fordert eine historisch informierte und selbstreflexive Debatte über die Verwendung solcher prozessgenerierter Taxonomien zur analytischen Beschreibung von Mobilität in der wissenschaftlichen Literatur. Das Verständnis dieses historischen Kontexts zeigt, dass Kategorien wie “Displacement” immer auch Instrumente politischer Kontrolle waren und sind, was die Notwendigkeit von Reflexivität in der Migrationsforschung unterstreicht.

Producing Integration: Translation von Zugehörigkeit und Ausgrenzung

Die dritte Publikation erschien 2025 in History and Theory: der von Christoph Rass mit Catherine S. Ramírez (University of California, Santa Cruz) verfasste Beitrag “Producing Integration: The Translation of Non/Belonging in Germany and the United States” (History and Theory 64/2025, S. 375-386). Der Artikel ist Teil des Forums Translation, Migration, Narrative, das von Julie M. Weise und Christoph Rass herausgegeben wurde. Diesem Forum ging ein mehrjähriger interdisziplinärer und transatlantischer Forschungsprozess voraus, der von den beiden Historiker_innen initiiert und koordiniert wurde.

Die Forschungskooperation begann 2020 als Zusammenarbeit zwischen Julie Weise (University of Oregon), Christoph Rass und Peter Schneck (beide IMIS Osnabrück) im Rahmen des Forschungsprofils “Migrationsgesellschaften” der Universität Osnabrück. Sie erweiterte sich zu einem internationalen und interdisziplinären Netzwerk von Wissenschaftler_innen aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaft und Anthropologie. Zwischen 2020 und 2025 organisierte die Gruppe eine Serie von Online-“Tiny Desk Conferences” und erkundete gemeinsam sehr unterschiedliche Modi der Übersetzung von Migrationskonzepten zwischen kulturellen Sphären, Sprachen, akademischen Disziplinen sowie über Zeit und Raum.

Der Austausch mündete in zwei internationalen Konferenzen: Im April 2022 fand die erste “Translations of Migration Conference” an der University of Oregon in Eugene statt, bei der Wissenschaftler_innen über die Anwendung von Translation als analytisches Werkzeug diskutierten. Die zweite Konferenz fand im Oktober 2023 am Simpson Center for the Humanities der University of Washington in Seattle unter der Leitung von Prof. Dr. Anand Yang statt. Aus diesem intensiven Forschungs- und Diskussionsprozess entstand schließlich das Forum in History & Theory, das die methodologischen und konzeptuellen Ergebnisse dieser transnationalen Kooperation bündelt.

Prof. Dr. Catherine Sue Ramirez (Foto: Shmuel Thaler)

Der Essay von Ramírez und Rass untersucht, wie das Konzept “Integration” in Deutschland und den USA als Schlüsselelement politischer Rahmungen produziert, übersetzt und institutionalisiert wurde – Rahmungen, die bestimmte Menschen zu “Migrant_innen” machen und sie damit als Außenstehende markieren. Durch die Kombination aus Begriffsgeschichte und Übersetzungstheorie analysieren die Autor_innen, wie sich die Bedeutung von Integration in akademischen und politischen Diskursen entwickelt hat, und verfolgen ihre Entstehung als zentrale Kategorie in der Migrationsverwaltung.

Der Ansatz, der Übersetzungstheorie mit konzeptgeschichtlicher Analyse verbindet, hinterfragt das traditionelle Verständnis der Evolution dessen, was “Integration” bedeutet. Die Studie zeigt, wie politische, ökonomische und historische Kräfte die Bedeutung von Integration aktiv formen und als Medium nutzen, um Individuen in “migrantisierte Figuren” zu übersetzen. Sie untersucht damit grundlegende Prozesse der Wissensproduktion und Bedeutungskonstitution als Übersetzungsakte, die sowohl Zugehörigkeit regulieren als auch soziale Hierarchien verstärken.

Disputed (Non-)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56

Migrant Agency und die Grenzen von Kategorisierungspraktiken

Diese Forschungslinie wird nun durch eine weitere Publikation ergänzt, die am 1. Dezember 2025 online first erschienen ist: der von Christoph Rass gemeinsam mit Jessica Wehner verfasste Artikel “Disputed (Non-)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56” im Journal of Contemporary History (JCH 2025). Die Studie untersucht, wie als „muslimisch” markierte „Displaced Persons” zwischen 1945 und 1956 die Kategorisierungspraktiken von UNRRA, IRO und lokalen Behörden strategisch navigierten und dabei durch eigene Agency institutionelle Praktiken herausforderten.

Jessica Wehner (Foto: NGHM)

Der Artikel analysiert drei Dimensionen migrantischer Handlungsfähigkeit: das Erkennen von Widersprüchen in institutionellen Klassifikationen, die strategische Manipulation dieser Kategorien zur Vermeidung von Zwangsrepatriierung und die kumulative Beeinflussung institutioneller Praktiken durch individuelle und kollektive Handlungen. Die Untersuchung erweitert damit die Perspektive auf die Produktion migrationspolitischer Kategorien um die Analyse der Handlungsfähigkeit derjenigen Menschen, die durch solche Kategorien zu marginalisierten Gruppen gemacht wurden, und zeigt, wie gerade Prozesse der Kategorisierung und Ausgrenzung paradoxerweise Spielräume für Agency eröffnen konnten.

Translational Turn und reflexive Migrationsforschung

Eine Annäherung an migrationspolitische Kategorien als historisch produzierte und umkämpfte Instrumente politischer Regulierung verbindet die vier Publikationen. Während die Artikel in der American Historical Review und History and Theory übersetzungstheoretische Ansätze einsetzen, um die transnationale Produktion und Zirkulation migrationspolitischer Konzepte zu untersuchen, verfolgt der Beitrag im Journal of Ethnic and Racial Studies einen begriffsgeschichtlichen Zugang. Der Aufsatz im Journal of Contemporary History erweitert diese Perspektive um die Dimension migrantischer Handlungsfähigkeit. Die Studien beziehen sich auf methodische Zugänge, die im Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” weiterentwickelt werden und zunehmend internationales Interesse finden.

Die vier Arbeiten argumentieren, dass migrationspolitische Kategorien weder neutrale Beschreibungen sozialer Realitäten noch statische Ordnungssysteme darstellen. Sie entstehen durch Übersetzungsprozesse über nationale, sprachliche und konzeptuelle Grenzen hinweg und werden durch die Praktiken derjenigen Menschen transformiert, die durch sie bezeichnet und auf diese Weise sozial platzierbar und regierbar gemacht werden sollen. Die Autor_innen machen zugleich deutlich, wie zentral die geschichtswissenschaftliche Analyse der Genese, Zirkulation und Aushandlung solcher Kategorien für ein reflexives Verständnis der gegenwärtigen Produktion von Migration ist.


Inside.NGHM | Annika Heyen

Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.

In der dritten Ausgabe berichtet Annika Heyen über ihre Arbeit als Historikerin.

Annika Heyen studierte Geschichte und Kulturwissenschaft im Zwei-Fächer-Bachelor an der Universität Bremen sowie den Fachmaster Geschichtswissenschaft mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Seit 2022 promoviert sie zur “Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” und ist seit 2024 Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Historische Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”.


Wie bist du Historikerin geworden?

Ich bin ein sogenanntes „Arbeiterkind“, soll heißen: akademische Berufe gab es in meinem familiären Umfeld nicht. „Historikerin“ war also kein Beruf, der in meinem Mikrokosmos existierte. Nach meinem Schulabschluss plante ich, Journalistin zu werden. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren Mitglied der Jugendredaktion der Nordsee-Zeitung und hatte Freude am Schreiben. Um auszuprobieren, ob das wirklich ein guter Beruf für mich ist, hospitierte ich mehrere Monate als Praktikantin bei der Nordsee-Zeitung sowie in der Presse- und Marketingabteilung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Dort teilte ich mir in den ersten Wochen ein Büro mit einem der Historiker, Christoph Bongert, und stellte fest: Pressearbeit? Spannend, aber was Christoph da macht, interessiert mich noch viel mehr! Der Journalismus war für mich noch nicht ganz vom Tisch, aber für das nächste Wintersemester schrieb ich mich für den Zweifächerbachelor mit Geschichte im Profil- und Kulturwissenschaft im Komplementärfach an der Universität Bremen ein. Während meines Bachelorstudiums weckte vor allem die Geschichte der Sklaverei – ein Schwerpunkt der dortigen Professur für die Geschichte der Frühen Neuzeit – mein Interesse. Ich hatte das Glück, im EU-geförderten Datenbankprojekt „German Slavery“ als studentische Hilfskraft für Rebekka von Mallinckrodt arbeiten zu dürfen und so erste Einblicke in die Arbeit von Historiker:innen an der Universität zu erhalten. Parallel dazu blieb ich allerdings auch als Guide am Deutschen Auswandererhaus, wo mir im Museumsshop immer wieder die Bücher eines gewissen Jochen Oltmer ins Auge fielen. Über ihn bin ich auf das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und den daraus resultierenden Schwerpunkt auf die Migrationsforschung auch im Fach Geschichte aufmerksam geworden. Für das Masterstudium wechselte ich an die Universität Osnabrück. Während meines Fachmasterstudiums mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung durfte ich als studentische Hilfskraft für Jochen Oltmer arbeiten und ihn unter anderem bei Recherchen für seine Publikation “Die Grenzen der EU” unterstützen. Anfang 2022 ging mein Masterstudium nahtlos in die Promotion über, gefördert durch ein Stipendium der Gerda Henkel Stiftung. Ohne dieses Stipendium hätte ich die Uni wohl nach dem Abschluss verlassen, um in den Archivarsdienst, ins Museumsvolontariat oder doch wieder den Journalismus zu wechseln; das Arbeiterkind in mir hatte über eine Promotion nicht einmal nachgedacht, bis sich die konkrete Gelegenheit bot. Parallel zu meiner Promotion betreute ich kleinere Projekte zur Digital Public History und Erinnerungskultur an die Verbrechen des NS-Regimes sowohl in Niedersachsen als auch in Osteuropa. Das lief ziemlich gut und als die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration“ bewilligte, schlug Christoph Rass mich für die Stelle der Projektkoordinatorin des Transferprojekts vor.

Was sind deine Aufgaben als Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”?

Transferprojekte in Sonderforschungsbereichen haben für gewöhnlich die Aufgabe, Wissen aus dem SFB in die Öffentlichkeit zu tragen, also Wissenstransfer herzustellen. Deshalb ist es einigermaßen ungewöhnlich, dass wir bereits in der ersten Förderphase ein Transferprojekt haben, denn erst einmal muss ja Wissen generiert werden, bevor es nach außen getragen werden kann. Unser Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” geht aber ein Stück weiter und will auch Wissen aus der Zivilgesellschaft in den SFB hineintragen. Konkret untersuchen wir, inwiefern digitale Werkzeuge, vor allem Virtual Reality, dazu eingesetzt werden können, Agency bei der Herstellung und Erzählung von Geschichte weg von etablierten Akteuren und hin zu migrantisierten und deshalb oft marginalisierten Personen zu verschieben.

VR als Werkzeug bei der Erzählung und Vermittlung von Geschichte (Foto: NGHM).

Dazu haben wir zwei Werkzeuge und Projektzweige entwickelt. Der sogenannte Exhibition Builder ermöglicht es Angehörigen zivilgesellschaftlicher Gruppen, ihre eigenen Geschichten in VR-Ausstellungen zu erzählen. Hier arbeiten wir eng mit unserem externen Anwendungspartner, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), das einerseits seine deutschlandweit größte Sammlung von migrationsbezogenen Objekten und andererseits Erfahrungen im Bereich der Museumspädagogik und Ausstellungsgestaltung mit ins Projekt einbringt. Der sogenannte Place Changer arbeitet mit real existierenden Orten, von denen wir digitale und veränderbare Zwillinge herstellen. So können wir beispielsweise an Orten, an denen Menschen Opfer rassistischer Gewalt geworden sind, Denkmäler errichten. Den Ort digital transformiert zu sehen, kann wiederum Debatten über den real existierenden Ort anstoßen.

(v.l.n.r.) Julia Becker, Lale Yildirim, Michael Brinkmeier, Diane Doan Hoang Dy, Christoph Rass, Aladin El-Mafaalani, Annika Heyen und Han Eckelberg während der Auftakttagung des Sonderforschungsbereichs 1604 im Oktober 2024. Hoang Dy und Eckelberg vom Wing Luke Museum in Seattle berieten das Transferprojekt im Hinblick auf Community Driven Narratives (Foto: NGHM).

Am Transferprojekt sind allein innerhalb des SFB vier verschiedene Professuren aus vier verschiedenen Disziplinen und Subdisziplinen an drei Standorten beteiligt: Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung unter Christoph Rass und die Professur für Sozialpsychologie unter Julia Becker in Osnabrück, die Professur für Didaktik der Geschichte unter Lale Yildirim an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und die Professur für Migrations- und Bildungssoziologie unter Aladin El-Mafaalani an der Technischen Universität Dortmund. Hinzu kommen unser externer Anwendungspartner, das DOMiD, sowie unsere technischen Anwendungspartner, Michael Brinkmeier von der Professur für Didaktik der Informatik und Thomas Jarmer und Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung. Meine Aufgabe als Koordinatorin ist es, dafür zu sorgen, dass alle Projektbeteiligten miteinander im Gespräch bleiben, Termine zu koordinieren, das Budget des Projekts zu überwachen und die studentischen Hilfskräfte anzuweisen. Gleichzeitig bin ich das Sprachrohr zu den anderen Projekten des SFBs und zum sogenannten „Reflexivity Lab“ sowie zur Verwaltung. Nach außen bin ich die Ansprechperson für potentielle Kooperationspartner, zuletzt für das Projekt „Hermes“ der Deutschen Nationalbibliothek.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was macht dir am meisten Spaß?

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich gar nicht. Das ist zwar einerseits eine Herausforderung, andererseits aber auch eine der schönen Seiten unseres Berufs: Jeder Tag ist anders; wir treffen viele interessante Menschen und dürfen an spannende Orte reisen. Wie unsere Tage aussehen, wird letztendlich davon bestimmt, was gerade ansteht. Gerade haben wir beispielsweise wieder eine sehr produktive Phase im Transferprojekt, in der wir unser bisheriges Workshopkonzept für den Exhibition Builder überarbeiten und uns mit unseren Partner:innen über das weitere Vorgehen beraten. Da verbringe ich auch mal den einen oder anderen Arbeitstag in Videokonferenzen oder damit, E-Mails zu beantworten, Konzepte zu erstellen, Workshops zu organisieren und Konferenzbeiträge vorzubereiten.

Zusätzlich lebt mein Arbeitsalltag vom Austausch mit meinen Kolleg:innen im Sonderforschungsbereich, an der Professur und vor allem auch der Arbeitsgruppe „Negotiating Migration“, in der wir alle zu Themen der gewaltinduzierten Migration infolge des Zweiten Weltkriegs arbeiten. Abgesehen von regelmäßigen Präsentationen im Kolloquium der Professur und im Integrierten Graduiertenkolleg des SFB sind die Diskussionen in dieser kleinen Gruppe und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Forschung ein wichtiger und inspirierender Bestandteil meines Universitätsalltags.
Es gibt aber auch immer wieder ruhigere Arbeitsphasen, gerade in der vorlesungsfreien Zeit, in denen ich mich intensiver mit meiner Dissertation beschäftige. Das bedeutet vor allem das Auseinandersetzen mit und Analysieren meines Quellenmaterials sowie immer wieder intensive Schreibphasen, in denen ich meine Erkenntnisse in Form von Aufsätzen oder Dissertationskapiteln zu Papier bringe. Gerade habe ich die Arbeit an einem Beitrag für eine Special Issue zum Thema „Refugee Agency“ für das Journal of Contemporary History abgeschlossen. In solchen Phasen sitze ich auch schon mal von morgens bis abends vor dem PC und schreibe.

Die “Neg-Migs” (v.l.n.r.): Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Sebastian Musch, Jessica Wehner, Annika Heyen (Foto: NGHM).

Das Schreiben ist einer von drei Aspekten, die mir besonders an meinem Beruf gefallen, auch wenn dieser Prozess mir manchmal Blut, Schweiß, Tränen und reichlich Nerven abverlangt. In solchen Momenten verstehe ich sehr gut, was Dorothy Parker meint, wenn sie schreibt: „Ich hasse es zu schreiben, ich liebe es geschrieben zu haben.“ Allerdings ist das Schreiben auch eine Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Vielleicht nicht gerade etwas, was Außenstehende mit akademischer Arbeit verbinden, aber wahr: Historiker:innen hinterfragen bestehende Narrative über unsere Vergangenheit und interpretieren und erzählen Geschichte, basierend auf ihren Quellenbefunden und geleitet von Fragen aus der Gegenwart, neu.

Der zweite Aspekt, der mir besonders an meinem Beruf gefällt, ist das Reisen. Ich habe das große Glück und Privileg, dass das Stipendium der Gerda Henkel Stiftung auch ein Budget für Forschungsreisen umfasste. Das hat es mir ermöglicht, für Archivrecherchen nach London, New York, Washington, D.C., und sogar nach Bermuda zu reisen. Konferenzen, Workshops, Summer Schools und die Projektarbeit haben mich außerdem in verschiedene Städte innerhalb Deutschlands sowie nach Brighton, Warschau, Vilnius und Odense geführt.

Das dritte Lieblingselement ist eng mit dem Reisen verknüpft: Archivaufenthalte. In Archiven herrscht immer diese geschäftige, aufgeregte und gleichzeitig meditativ stille Atmosphäre. Jede:r ist in sein und ihr Projekt und das Quellenmaterial versunken, und doch liegt die Neugier auf die Geheimnisse der Vergangenheit als verbindendes Moment ebenso in der Luft wie der Geruch nach Staub und Papier. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Alten genauso wie vor den Archivar:innen als strenge und zugleich serviceorientierte Hüter:innen dieser Schätze, der subtile Nervenkitzel der eigentlichen Spurensuche der Historikerin und – im Idealfall – das eine oder andere Heureca machen Archivaufenthalte immer wieder zu einem spannenden Erlebnis, das sich auch nicht in Museen oder Bibliotheken reproduzieren lässt.

Warum hast du dich für dein Dissertationsthema entschieden? Was fasziniert dich daran?

Eigentlich war es andersherum: Das Dissertationsthema hat sich für mich entschieden. Mein Kollege und Co-Betreuer Sebastian Musch war bei seinen Recherchen über die Bermuda-Konferenz gestolpert und hatte 2021 ein Projekt zu diesem Thema bei der Gerda Henkel Stiftung beantragt, das er selbst aufgrund anderer Verpflichtungen aber nicht durchführen konnte. Da ich mich zu dem Zeitpunkt auf der Zielgeraden meines Masterstudiums befand – ich schrieb gerade betreut von ihm und Christoph Rass meine Abschlussarbeit über das Phänomen der „Übersiedelungen“ im Königreich Hannover zwischen 1830 und 1866 – und ich mich sehr interessiert an Themen der Historischen Migrationsforschung und speziell der Entwicklung des Flüchtlingsregimes der Nachkriegszeit zeigte, schlug er mich als alternative Empfängerin des Stipendiums vor. Zu meinem großen Glück ließ sich die Gerda Henkel Stiftung auf den Wechsel ein und ich konnte im Februar 2022 mit meiner Promotion unter dem Arbeitstitel „Die Bermuda-Konferenz 1943. Die Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?“ beginnen.
In meinem Dissertationsprojekt versuche ich, die Bermuda-Konferenz, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren schon einmal das Interesse von Historiker:innen erregte, aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung als formierendes Moment des modernen Migrationsregimes neu zu erzählen. Da die ältere Forschungsliteratur vor allem aus dem Bereich der Holocaustforschung stammt, wurde diesem Aspekt bislang wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Außerdem gibt es auch noch keine eigene Monographie, die sich ausschließlich mit der Bermuda-Konferenz befasst. Ergo werden die bisherigen Kapitel und Aufsätze zu diesem Thema der Komplexität der Konferenz in meinen Augen nicht gerecht.

Die Delegierten der Bermuda-Konferenz 1943 vor dem Hotel “Horizon and Cottages”, v.l.n.r.: George
Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US), Osbert Peake (UK) (Foto: USHMM).

Die Bermuda-Konferenz war eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich, in deren Rahmen diskutiert wurde, was diese beiden Länder tun konnten, um das „European Refugee Problem“ zu lösen. Mitten im Zweiten Weltkrieg lautete trotz Drängens vor allem jüdischer Nichtregierungsorganisationen die Antwort: nicht viel. Die Passivität der Alliierten angesichts des millionenfachen Mordes an den Jüd:innen Europas – um die es eigentlich ging – löste massive Enttäuschung in der Weltöffentlichkeit aus und die Bermuda-Konferenz geriet als „gescheitert“ alsbald in Vergessenheit.

Je tiefer ich mich in das Quellenmaterial einarbeite, desto mehr bislang noch unbeachtete Nuancen werden für mich sichtbar. Wer waren die in die Ereignisse involvierten Akteur:innen – Organisationen, Regierungsdepartments wie Individuen – und welche Mandate verfolgten sie? Welche Macht besaßen sie, um die Flüchtlingspolitik der USA und des Vereinigten Königreichs zu beeinflussen? Und wo waren ihnen Grenzen gesetzt? Welche institutionellen, ideologischen, rechtlichen oder politischen Pfadabhängigkeiten lassen sich ausgehend von der Bermuda-Konferenz beobachten? Von welchen ist sie das Ergebnis? Wie fügt sich die Konferenz in das Kriegsgeschehen, in den Ablauf der Shoah und in die parallel bereits voranschreitende Entwicklung des Flüchtlingsregimes des Nachkriegszeit ein? Diese und noch viele weitere Fragen beschäftigen mich und selbst wenn ich mal glaube, eine Antwort gefunden zu haben, kann diese durch den Fund neuer Dokumente in Archiven oder auch Gespräche mit Kolleg:innen wieder weiterentwickelt und verändert werden.

Quellen zur Bermuda-Konferenz im Jenter for Jewish History in New York (Foto: Annika Heyen).

Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die eine Promotion in der Geschichte anstreben/gerne als studentische Hilfskraft arbeiten würden?

Für mich hat es sich auf dem Weg zur Promotion ausgezahlt, schon früh als studentische Hilfskraft an der Universität tätig gewesen zu sein. Sowohl an der Universität Bremen als auch an der Universität Osnabrück verdankte ich meine Anstellung der Empfehlung von Lehrenden, die sie aufgrund des von mir gezeigten Interesses und der Beteiligung an den Diskussionen in ihren Lehrveranstaltungen sowie meinen schriftlichen Leistungen getätigt hatten. Als studentische Hilfskraft hatte ich nicht nur die Möglichkeit, meine Vorgesetzten bei ihren Recherchen für ihre Publikationen zu unterstützen und so schon einmal ein grobes Gefühl für die post-Master-Liga in Akademia zu entwickeln, sondern auch schon an Tagungen teilzunehmen und mit Wissenschaftler:innen verschiedener Karrierestufen ins Gespräch zu kommen. Dadurch wird man nicht nur innerhalb der eigenen Universität sichtbar für potentielle Betreuer:innen für die Promotion; wie oben schon erwähnt, ich habe nicht die Dissertation gefunden, sondern die Dissertation samt Betreuern mich.

Bereits als Studentin und als studentische Hilfskraft hat es sich also gelohnt, aktiv, interessengeleitet und nicht nur mit Aussicht auf den Erwerb von Credit Points an Lehrveranstaltungen teilzunehmen und auch mal das extra bisschen Mühe in die Ausarbeitung von Hausarbeiten und sogar einfachen Referaten zu stecken; dadurch wurden die richtigen Menschen auf mich aufmerksam.

Durchhaltevermögen, ein gewisses Maß an Ehrgeiz und Interesse an historischen Themen und der Forschung darüber sind nach dem Masterabschluss nicht weniger wichtig, sondern umso essenzieller. Darüber hinaus benötigt man aber auch einige – nennen wir sie – handwerkliche Skills. Erstens: Schreiben. In unserer Arbeit produzieren wir vor allem eins: Text. Das heißt, wir müssen in der Lage sein, nicht nur Worte und Sätze grammatikalisch richtig aneinanderzureihen, sondern auch unsere Argumente sorgfältig aufzubauen und über Texte mit variierender Länge mit Evidenz zu unterfüttern. Schön lesen lassen sollte sich das Endprodukt außerdem. Zumindest in meinem Forschungsfeld ist eine große Herausforderung, dass ich viele meiner Publikationen nicht in meiner Muttersprache Deutsch verfassen kann, da sie im Anglo-Amerikanischen Raum besser aufgehoben sind. Auch die Forschungsliteratur und das Quellenmaterial zu meinem Thema stehen fast ausschließlich auf Englisch zur Verfügung. Das heißt, ein zweiter Hardskill, den man für eine Promotion mitbringen sollte: Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Englischkenntnisse. Das Latinum ist ohnehin Grundvoraussetzung für das Geschichtsstudium. Jede weitere Fremdsprache öffnet neue Forschungsmöglichkeiten und Zugang zu weiterem Quellenmaterial.

Welche Interessen/Hobbies hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?

So sehr mir meine Arbeit als Historikerin auch Freude bereitet: Manchmal brauche auch ich eine Auszeit. Und spätestens hier kommt der Vollblutnerd in mir zum Vorschein.

Nerdbeschäftigung Nr. 1: Klassische Chormusik. Mein Kammerchor Corona Vocalis erarbeitet vor allem a cappella Musik von Renaissance bis Moderne, manchmal aber auch Stücke mit Instrumentalbegleitung. Gerade proben wir schon für die Weihnachtszeit, das letzte Konzert des Jahres traditionell am Donnerstag vor Heiligabend in der Kleinen Kirche am Dom. Zwei Mal im Jahr treffe ich mich aber auch immer noch mit anderen Ehemaligen aus den Kinder- und Jugendchorgruppen in Bremerhaven und erarbeite mit ihnen Stücke in Frauenchorbesetzung, in der Regel ebenfalls a cappella. Warum dieses Hobby? Abgesehen davon, dass Chorsingen nachweislich gesundheitsfördernd ist – Atemtechnik, Standtechnik, soziales Miteinander etc. –, tut es manchmal einfach gut, das Gehirn dazu zu zwingen, nicht an die Arbeit zu denken. In gemischter Stellung – also nicht nach Stimmen sortiert – neue Stücke zu lernen, indem man die eigene Notenzeile in einem manchmal vier-, gerne aber auch mal acht- oder noch mehrstimmigen System zu lesen, dabei den Text mitzunehmen, auf den Dirigenten zu achten und aufzupassen, was die anderen Sänger:innen um einen herum eigentlich machen ist kognitiv so herausfordernd, dass nicht mehr viel Hirnschmalz für Anderes bleibt.

Nerdbeschäftigung Nr. 2: Pen and Paper Roleplay. Ich spiele seit etwa zehn Jahren. Kurz zur Erklärung: Eine Gruppe von Spieler:innen erfindet und erstellt nach bestimmten Regeln Charaktere, mit denen sie unter der Leitung eines Spielmeisters oder einer Spielmeisterin Abenteuer erleben und eine gemeinsame Geschichte erzählen, die via Stift und Papier festgehalten werden – Pen and Paper, eben. Polyedrische Würfel dienen im Spiel als Zufallsgeneratoren, die den Geschichten manchmal sehr unerwarterte Wendungen verleihen. Derzeit bin ich als Spielerin in einer Kampagne dabei und leite als Meisterin eine weitere. Der Reiz an diesem Hobby? Gemeinsames Geschichtenerzählen, sich in Charaktere und Figuren reindenken, deren Charaktereigenschaften nicht unbedingt den eigenen entsprechen müssen, gemeinsam Problemlösungsstrategien entwerfen und nicht zu vergessen: der Nervenkitzel, wenn die Würfel fallen.

History @ SFB 1604 | Interview mit Gerhard Kromschröder für den “Production of Migration”-Podcast.

Am 21. Oktober 1985 erschien “Ganz unten” von Günther Wallraff. Fast genau drei Jahre zuvor, am 14. Oktober 1982 hatte bereits eine andere Rollenreportage im “Stern” auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam gemacht, den Migrant*innen aus der Türkei in Deutschland erlebten. Im Jahr darauf veröffentlichte der Journalist Gerhard Kromschröder seine Beobachtungen und Erfahrungen in dem Buch “Als ich ein Türke war” (mehrere Auflagen 1983 bis 1985) im Eichborn Verlag.

Kromschröder hatte 1982 mehrere Wochen in der Rolle eines Einwanderers aus der Türkei in Frankfurt a. M. bei der Stadtreinigung gearbeitet und den Alltag von migrantisch gelesenen Menschen Anfang der 1980er Jahre in Deutschland erkundet.

Gerhard Kromschröder im Interview mit Christoph Rass (Foto: UOS)

Lale Yildirim und Christoph Rass, die gemeinsam das Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604 (“Ihr seid Gastarbeiterkinder”) leiten, haben nun Gerhard Kromschröder getroffen, um ihn für den SFB-Podcast zu interviewen und seine Intervention in dem Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer migrationsbedingt wachsenden Diversität zu verstehen. Dazu waren wir in Hamburg beim Studio HelloRobin zu Gast, einem Partner der Bielefelder Podcastfabrik, die mit uns die SFB 1604 Podcast-Reihe produziert.


Gerhard Kromschröders Buch aus dem Jahr 1983 hatte sehr früh und deutlich ganz genau beschrieben, wie es Migrant*innen in Deutschland am Ende der sozialliberalen Regierungszeit und 10 Jahre nach dem sogenannten “Anwerbestopp” (1973) erging. Sein alarmierendes Ergebnis: Migrant*innen blieben unsichtbar in der Mitte der Gesellschaft, wurden sie sichtbar, wollten sie partizipieren, waren Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt die Antwort der Mehrheit.

Gerhard Kromschröder auf dem Cover der Erstausgabe seines Berichts 1983.

Im Frühjahr 1982 hatte sich der STERN-Reporter Gerhard Kromschröder Haare, Augenbrauen und Schnurrbart schwarz gefärbt, zog einen orangefarbenen Overall der Frankfurter Straßenreinigung an und arbeitete drei Wochen lang mit der Identität eines türkischen Straßenkehrers. Seine Reportage “Als ich ein Türke war” erschien im Oktober 1982 ganze drei Jahre vor Günter Wallraffs bekannterem Buch “Ganz unten”. Kromschröder dokumentiert mit erschreckender Klarheit die Alltäglichkeit der brutalen Ausgrenzung türkischer Arbeiter in der Bundesrepublik der frühen 1980er Jahre.

Zu seinen zentralen Erkenntnissen zählte die systematische Nicht-Anerkennung von Migrant*innen als gesellschaftlich zugehörig und gleichberechtigt. Im Frankfurter Operncafé wartet er über eine Stunde – niemand bedient ihn. Er beschreibt sich selbst als “einen Glasmenschen, durch den alle hindurchsehen”. Als der Kellner ihn schließlich wahrnehmen muss, wird Kromschröder mit den Worten hinausgeworfen: “Dreckige Kanaken brauchen wir nicht. Und jetzt zisch ab.” Später kehrt Kromschröder in seiner deutschen Identität zurück, mit der FAZ unter dem Arm – und wird sofort zuvorkommend bedient: “Was wünscht der Herr?”

Was der Journalist seinerzeit dokumentierte, ging weit über individuelle Vorurteile hinaus. Er erlebte institutionellen Rassismus und strukturelle Diskriminierung als systematisches Phänomen, mit dem eine deutsche Gesellschaft, die nicht in einem Einwanderungsland leben wollte, eine von Rassismus gekennzeichnete soziale Ordnung reproduzierte. Bei der Straßenreinigung waren 95 Prozent der Arbeiter Migranten. Die Arbeitsbedingungen waren hart, der Umgangston rau. Kromschröders Rollenreportage zeigte, dass die dem Sprechenden zugeschriebene Identität die Gültigkeit seiner Aussage bestimmt, seine soziale Rolle und Position genau festlegt und normalisiert.

Kromschröders Recherche brachte auch die Erfahrung physischer Gewalt mit sich. Er wurde aus Lokalen geworfen, auf der Straße angepöbelt, gegen Hauswände gedrückt und bedroht. Er musste nachts dunkle Gassen meiden und in der U-Bahn aufpassen. Die ständige Angst vor Gewalt gehörte zum Leben als türkischer Arbeiter in Frankfurt. Nach Veröffentlichung der Reportage erhielt Kromschröder selbst Morddrohungen von Neonazis. Arndt Heinz Marx, “Führer” des “Sturm 7” der verbotenen “Wehrsportgruppe Hoffmann”, drohte offen: “Wenn wir den in die Finger bekommen, drehen wir ihm den Hals um, wir reißen ihn in Stücke.”

Die öffentliche Resonanz auf Kromschröders Reportage offenbarte die tiefe Spaltung der deutschen Gesellschaft. Während Bundeskanzler Helmut Kohl noch im Bundestag behauptete, es gäbe keine “Ausländerfeindlichkeit” in der Bundesrepublik, wohl aber eine “Überfremdung”, zeigte die Realität ein anderes Bild. Die Leserbriefe, die im Buch dokumentiert sind, reichen von empörter Zustimmung bis zu hasserfüllten Kommentaren: “Am besten wäre es gewesen, wenn er von einer Rockerbande eine Tracht Prügel bezogen hätte.”

Gleichzeitig gab es auch positive Reaktionen: Schulklassen verkleideten sich als türkische Kinder und spielten Kromschröders Erlebnisse nach; in Frankfurt wurde demonstriert; das Stadtparlament diskutierte den Bericht. Willy Brandt lobte die Arbeit des Journalisten und warnte vor den Folgen von Rassismus und Nationalismus.

Die Methode der Rollenreportage stellt gleichwohl auch ethische Fragen an die Produktion von Wissen über Migration. Gerhard Kromschröder konnte jederzeit in seine privilegierte Position als renommierter deutscher Journalist zurückkehren. Die Menschen, die er porträtierte, konnten das nicht. Aber ebenjene Asymmetrie zählte zum moralischen Kern seiner Arbeit: Der temporäre Perspektivwechsel offenbart die permanente Realität struktureller Diskriminierung und Ausgrenzung. Seine Arbeit zeigt, wie die Zuschreibung sozialer Rollen und Identitäten an äußere Marker gebunden ist – Sprache, Erscheinung, vermeintliche Herkunft – und wie fundamental diese die Behandlung durch Institutionen, Behörden und Mitmenschen bestimmen, letztlich “Migration” produziert.

Kromschröders Reportage erschien 1982/83 in einer Zeit, als fast fünf Millionen Menschen ohne deutschen Pass in Westdeutschland lebten, die größte Gruppe unter ihnen waren Zugewanderte aus der Türkei und ihre schon in Deutschland geborenen Kinder. Die politische Debatte zu Beginn der Kohl-Ära kreiste um “Überfremdung”, “Rückkehrprämien” und die Begrenzung des Familiennachzugs. Die Gesellschaft befand sich am Scheideweg zwischen der Fiktion der temporären “Gastarbeit” und der Realität einer entstehenden Einwanderungsgesellschaft.

Mehr als 40 Jahre später stellen sich viele der damaligen Fragen noch immer: Wie produzieren wir “Migration” und “Differenz”, wie Zugenörigkeit in Deutschland? Wer wird als anerkannt und wer bleibt der “unsichtbare” – marginalisierbare und ausgrenzbare – Mensch? Kromschröders Arbeit erinnert daran, dass die Art, wie eine Gesellschaft mit Diversität umgeht, nichts Naturgegebenes ist, sondern aktiv hergestellt wird – produziert durch Institutionen, durch Alltagspraktiken, durch die Entscheidung, hinzusehen oder wegzuschauen.