Archiv der Kategorie: Geschichtswissenschaften

Die Fußnotengesellschaft | oder | Dem Verweis folgen, wohin er auch führt.

In Osnabrück konstituiert sich mit dem neuen akademischen Jahr eine Fußnotengesellschaft. Im Wintersemester 26/27 trifft sich an drei Dienstagabenden dieser neue Lektürekreis, der je einen Text in voller Länge liest und darüber streitet. Die Fußnotengesellschaft ist offen für Studierende aller Semester sowie für Lehrende. Was diese Runde übt, hat eine Geschichte, die sich auf einer Buchseite aus dem Jahr 1697 besichtigen lässt.

Pierre Bayle hat 1697 ein Buch veröffentlicht, in dem die Fußnoten den Haupttext von der Seite drängen. Auf Seite 930 des ersten Bandes seines »Dictionnaire historique et critique« behaupten sich oben noch acht Zeilen, auf der folgenden Seite ist davon eine einzige übrig, die den angefangenen Satz zu Ende führt. Alles andere gehört dem Apparat: zwei eng gesetzte Spalten mit Anmerkungen, an beiden Rändern begleitet von schmalen Spalten, die auf die Stellen verweisen, an denen sich das Behauptete nachprüfen lässt.

Pierre Bayle, »Dictionnaire historique et critique«, Bd. 1,2, Rotterdam: Reinier Leers 1697, S. 930 und S. 931, aus dem Artikel »David«. Bibliothèque nationale de France, département Arsenal, FOL-H-5119 (2) (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).

Diese Anordnung ist kein Zufall der Setzerei. In den acht Zeilen auf Seite 930 lobt Bayle eine Lebensbeschreibung König Davids aus der Feder des Abbé de Choisy und fügt hinzu, das Buch wäre erheblich besser, wenn jemand sich die Mühe gemacht hätte, am Rand die Jahre der einzelnen Begebenheiten zu vermerken und dazu die Stellen aus der Bibel oder aus Josephus, aus denen der Verfasser schöpft. Ein Leser bleibe nämlich ungern darüber im Unklaren, ob das, was er liest, aus einer heiligen oder aus einer profanen Quelle stammt. Was Bayle dort fordert, führen die Randspalten der Folgeseite vor.

Anthony Grafton zitiert genau diese Stelle in der ersten Geschichte der historiographischen Fußnote, die 1995 auf Deutsch unter dem Titel »Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote« und zwei Jahre später in einer erweiterten englischen Fassung bei Harvard University Press erschien. Grafton sucht den Ursprung des historischen Belegs um 1700 und findet ihn bei Bayle, dessen Werk von Anfang an als Verzeichnis der Fehler anderer Nachschlagewerke angelegt war, zuerst gegen den »Grand dictionnaire historique« des Louis Moréri von 1674. Wer einen Irrtum korrigieren will, muss offenlegen, woher er oder sie es besser weiß. Über Bayles Seiten, schreibt Grafton, führe nur eine dünne und brüchige Kruste aus Text, unter der sich der Sumpf des Kommentars auftue.

Diese Art zu schreiben hatte übrigens ihren Preis. Im Konsistorium der Wallonischen Kirche in Rotterdam prüften ab September 1697 sechs Kommissare den »Dictionnaire« Artikel für Artikel, am 17. November 1697 den über David, dem sie ein schreckliches Bild von der Lebensführung und der Regierung dieses Königs und Propheten entnahmen. Beanstandet wurden damit Artikel, deren Substanz zum weitaus größten Teil in den Anmerkungen steht. Bayle sagte Korrekturen zu, ließ sich Zeit und antwortete 1702 in der zweiten Auflage mit den »Éclaircissements« und einer überarbeiteten Fassung seins Textes.

Eine Lektüre, die unten auf der Seite beginnt, kostet Zeit und lohnt sich selten allein. An dieser Stelle setzt die Fußnotengesellschaft an, die sich im Wintersemester 2026/27 an der Universität Osnabrück konstituiert und von Christoph Mauntel und Christoph Rass ins Leben gerufen wird. Als akademischer Leseclub geht die Fußnotengesellschaft davon aus, dass in den Anmerkungen häufig mehr steckt als im Haupttext und dass es sich lohnt, einem Verweis zu folgen, auch wenn vorher niemand weiß, wohin er führt.

Die Fußnotengesellschaft ordnet sich keiner Fakultät zu, ist keinem Prüfungsamt unterstellt, und der Erwerb von Leistungspunkten ist in ihr unmöglich. Eine Zusammenkunft der Gesellschaft dauert sechzig Minuten und sie kennt neun Sitze. Wer einen Sitz einnimmt, spricht; wer später dazukommt, hört zu und ist als Gast willkommen.

Gelesen wird ein Aufsatz, ein Buchkapitel oder ein Essay. Während der Sitzung bleiben alle Geräte ausgeschaltet. Diese Regel ist nicht technikfeindlich, sondern schützt ein knappes Gut: eine Stunde ununterbrochener Aufmerksamkeit für einen Gedankengang und ein Gespräch. Drei der neun Plätze stehen vorher fest, weil an ihnen eine Aufgabe hängt. Die sechs übrigen nimmt ein, wer kommt und gelesen hat.

Eine Sitzung dauert sechzig Minuten und folgt einem festen Ablauf. Zu Beginn stellt eine Person in fünf Minuten die Kernthese des Textes vor, benennt einen zentralen Begriff und lädt ausdrücklich zum Widerspruch ein. Danach wird gut eine halbe Stunde lang diskutiert, ohne Tagesordnung und ohne Referat, wobei niemand länger als drei Minuten am Stück spricht.

Die letzte Viertelstunde gehört dem Teil, der der Gesellschaft ihren Namen gibt. Eine zweite Person hat sich vorab eine einzige Fußnote des Textes vorgenommen, ist ihr nachgegangen und berichtet, was dort zu finden war: ein Verweis, ein vergessener Titel, eine Überraschung, gelegentlich ein ganzes Forschungsfeld in einer Anmerkung. Anschließend bestimmt die Runde gemeinsam, was beim nächsten Mal gelesen wird. Zeigt die vorgestellte Fußnote auf einen Text, folgt die Gesellschaft ihr dorthin, und über ein Semester hinweg legt sie auf diese Weise einen Leseweg zurück, den kein Seminarplan vorgezeichnet hat.

Die Texte des ersten Durchgangs kommen beispielsweise aus der NGHM-Leseliste, die auf diesem Blog in der Reihe »NGHM liest« vorgestellt wird und bereits vollständig als Wissensgraph erkundet werden kann. Was tatsächlich gelesen wurde, welcher Begriff im Mittelpunkt stand und welche Fußnote die Runde verfolgt hat, hält die Gesellschaft in einem eigenen Verzeichnis fest.

Die Fußnote ist in der Geschichtswissenschaft die Stelle, an der eine Behauptung in ihren Beleg übergeht, und zugleich die Stelle, an der ein Text zugibt, woher er stammt. Sie zu lesen gehört zu den Fertigkeiten, die sich die Fußnotengesellschaft zu pflegen vornimmt. . Ob das Format trägt, entscheidet sich an einer sehr schlichten Bedingung: Eine Sitzung kommt zustande, sobald drei Lesende erscheinen, die den Text wirklich gelesen haben.


Termine im Wintersemester 2026/27: Dienstag, 3. November 2026 · Dienstag, 8. Dezember 2026 · Dienstag, 19. Januar 2027, jeweils 19 bis 20 Uhr

Weitere Informationen gibt es im StudIP-Kurs Nr. 2280.

Das Zugangspasswort steht im Newsletter des Historischen Seminars.

Wer am 3. November dabei ist, wird im Buch der Gesellschaft als Fundatorin oder Fundator verzeichnet.

Gewaltorte, Spuren und digitale Geschichtskultur | »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück und Dalum, 24. und 25. September 2026.


Essay zur Einführung in die Tagung »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück, 24. September 2026.


Nördlich des Lagers XII Dalum, dessen Gelände heute größtenteils unter einem Gewerbegebiet liegt, legte die Wehrmacht im September 1941 auf einer Parzelle, die zuvor als Lager des Reichsarbeitsdienstes gedient hatte, einen Friedhof an. Bis zum Sommer 1943 bestattete sie dort die Toten, genauer: die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen aus fünf Lagern, aus Dalum, Groß Hesepe, Alexisdorf, Wietmarschen und Bathorn. Anfangs ließ sie Einzelgräber ausheben; als sie die Gefangenen in ihren Lagern zu Tausenden sterben ließ, ging sie zu Massengräbern über. Während die Schätzungen auf Grundlage der Gräberlisten zwischen acht- und sechzehntausend Toten schwanken, geht die Gedenkstätte Esterwegen nach dem heutigen Forschungsstand von etwa zehntausend Opfern aus, fast alle ohne Namen.1 Einen Obelisken mit Sowjetstern, den der Friedhof nach dem Krieg erhalten hatte, entfernte man bei der Neugestaltung in den 1950er Jahren wegen des Kalten Krieges wieder; wer dieses »man« war, gehört zu den Fragen, die der Friedhof bis heute aufgibt. Wer die amtlich als ›Kriegsgräberstätte‹ geführte Anlage heute betritt, sieht weder markierte Grablagen noch das Denkmal, das einmal an sie erinnerte. Der Friedhof Dalum präsentiert sich als vielfach überformter Ort, der vom Lager des Reichsarbeitsdienstes über den Lagerfriedhof und die Kriegsgräberstätte zum Gedenkort geworden ist und heute das Erscheinungsbild eines vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten Friedhofs trägt.

An dieser Differenz zwischen den unsichtbaren Spuren der Gewalt und dem, was ein Ort heute zeigt, setzt der Begriff der Konfliktlandschaft an, mit dem wir in der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück seit 2014/15 arbeiten. Er bildete den Ausgangspunkt der Einführung zu einer Tagung, auf der wir das Projekt »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« am 24. und 25. September 2026 in Osnabrück und Dalum vorgestellt und seine bisherigen Ergebnisse zur Diskussion gestellt haben.

Dieser Beitrag fasst das Argument der Einführung in drei Schritten zusammen. Zunächst bestimmen wir den Begriff der Konfliktlandschaft als analytische Kategorie und zeigen an zwei Schauplätzen, welche Perspektiven er eröffnet. Ein zweiter Schritt erklärt, weshalb er sich gerade an den Lagerstandorten bewähren muss, die unter dem Namen ›Emslandlager‹ zusammengefasst werden. Daraufhin wechselt die Perspektive zum Projekt, das diese Standorte digital erschließt und dabei in eben jene Geschichtsproduktion eingreift, die es untersucht.

Konfliktlandschaften als analytische Kategorie

Unser Interesse gilt dem Verhältnis zwischen der materiellen Überprägung eines Ortes durch Gewalt und der diskursiven Produktion seiner Bedeutung, vor allem aber den Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Eine Konfliktlandschaft verstehen wir deshalb als einen soziokulturell bestimmbaren Raum, den gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt haben und in dem deren Spuren materiell wie immateriell fortbestehen, während Menschen ihn fortwährend umgestalten und um seine Deutung ringen. Materielle Spuren sprechen dabei nicht für sich; zu Belegen werden sie erst, wenn Erzählungen, Benennungen und Gedenkpraktiken sie rahmen. Zugleich greift die Produktion von Geschichte in die Materialität des Schauplatzes ein, durch Umbettung und Neugestaltung, durch das Setzen und Entfernen von Denkmälern, durch Raubgrabungen oder das Einrichten von Gedenkstätten und selbstverständlich auch durch unsere eigene Arbeit, die einen Gewaltort deutet, sobald sie ihn vermisst, benennt und zeigt, und die dort, wo sie archäologisch vorgeht, auch seine Materialität verändert.

Die Beteiligung der Forschung gehört deshalb in den Befund. Der Begriff bezeichnet also keinen Ortstyp, den man auf einer Karte einkreisen könnte, sondern ein Verhältnis zwischen Raum, Spur und Deutung, das rekonstruiert werden will. In diesem Sinne lassen sich Konfliktlandschaften als dynamische Palimpseste lesen, in denen sich die Schichten der Gewalt, ihrer Nachgeschichte und ihrer jeweiligen Deutungen überlagern. Entwickelt haben wir diesen Ansatz in langjährigen Forschungen zum ›Hürtgenwald‹. Die Einsicht, dass das, was nach dem Ereignis mit einem Schauplatz der Gewalt geschieht, für sein Verständnis ebenso zählt wie das Ereignis selbst, verdankt er zugleich der langen Zusammenarbeit des Historischen Seminars mit Museum und Park Kalkriese am Ort der Varusschlacht, aus der 2014/15 die Arbeitsgruppe hervorgegangen ist.2

Der Hürtgenwald und die Bahnstation Karya

Zwei Gewaltorte, die wir in den vergangenen Jahren intensiv erforscht haben, zeigen, in welche Richtungen die Wechselwirkung von Materialität und Deutung ausschlagen kann. Im Hürtgenwald in der Nordeifel prägt die Deutung die Materie. Für eine Serie von Gefechten, in denen US-Armee und Wehrmacht zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen, setzte sich erst nach dem Krieg die Bezeichnung ›Schlacht im Hürtgenwald‹ durch. Der Wald war als Ort der Kämpfe schon damals präsent, von einer ›Schlacht‹ sprach jedoch keine der beteiligten Seiten. Seit den fünfziger Jahren verbreitete Militaria-Literatur, nicht selten von Wehrmachtsveteranen und ihnen nahestehenden Autoren verfasst, unter diesem Namen ein Narrativ, das Angehörige der Wehrmacht als Helden darstellte. Dieses Narrativ formt den Wald bis heute, und zwar ganz materiell. So legen Reenactors Stellungssysteme nach Fotografien an, welche die Literatur dem Hürtgenwald zuschreibt, die aber vom Kriegsschauplatz Italien stammen; nachfolgende Besucher:innen lesen diese Eingriffe in den Boden als authentische Spuren und gleichen sie mit eben jenem Foto ab, das sie zu beglaubigen scheint. Mit dem dritten Band der Buchreihe »Konfliktlandschaften«, die wir als Arbeitsgruppe im Universitätsverlag Osnabrück herausgeben, liegt der Abschluss dieser Arbeit vor; der Band ist Open Access zugänglich.3

Anders liegt der Fall in Karya in Mittelgriechenland. Dort zwang die Organisation Todt, die Bauorganisation des NS-Staates, im Frühjahr 1943 zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus Thessaloniki, welche die deutsche Besatzungsmacht verschleppt hatte, unter tödlichen Bedingungen einen mehr als zwanzig Meter tiefen Hangeinschnitt für ein Ausweichgleis auszuheben. Am ehemaligen Bahnhof sind nur einzelne Überreste der Bahnanlage und der Einschnitt im Hang geblieben. Hier trägt die Landschaft eine Geschichte, die sie allein nicht erzählen kann. Lesbar zu machen versuchten wir sie mit einer Prospektion, die wir im Frühjahr 2023 mit Studierenden durchgeführt haben, und mit der Ausstellung »Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust«, an der wir mitgewirkt haben.4 Nach ähnlichen Wechselwirkungen fragen wir an Stätten deutscher Vernichtungspolitik in Belarus, seit vielen Jahren gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Minsk, sowie an Orten der Shoah in der Ukraine.

Die Bahnstation Karya 2023 (Foto: UOS).

Das Lagersystem im Emsland

Unter dem Namen ›Emslandlager‹ werden fünfzehn Lager zusammengefasst, zwölf im heutigen Landkreis Emsland und drei in der Grafschaft Bentheim. Von 1933 an richtete die SS dort Konzentrationslager ein, die sie bis 1936 bewachte. Die Strafgefangenenlager, die von 1934 bis 1945 unter Aufsicht der Justizverwaltung standen, bewachte eine in den Justizdienst übernommene SA-Einheit, die sogenannte ›Moor-SA‹; die Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht bestanden von 1939 bis 1945. Nach den Angaben der Gedenkstätte Esterwegen hielten SS, Justiz und Wehrmacht dort etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene sowie weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene fest. Über 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern starben in den Lagern.5

Wie dicht sich die Verfügungsgewalt verschiedener Instanzen an einem einzigen Lagerstandort ablöste, zeigt wiederum Dalum. Die Justizverwaltung ließ das Lager im Mai 1939 für 1.500 Strafgefangene fertigstellen, belegte es bis zum Kriegsbeginn aber nicht mehr. Im September 1939 übernahm es die Wehrmacht als Kriegsgefangenenlager, 1942 richtete die Luftwaffe darin ein Gerätedepot ein, im Januar 1945 schließlich machte die SS es zum Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Nach 1945 setzte sich diese Reihe als Abfolge von Nutzungen fort, als in mehreren Lagern ›Displaced Persons‹ untergebracht wurden. Esterwegen diente den Briten bis 1947 als Internierungslager, danach bis 1951 als Strafanstalt der deutschen Justiz für NS-Täter, die Spruchgerichte der britischen Zone verurteilt hatten, von 1953 bis 1959 als Durchgangslager für Flüchtlinge aus der DDR und von 1963 bis 2001 als Depot der Bundeswehr.6

Wie weit Nutzung und Überformung die Lager unsichtbar gemacht haben, unterscheidet sich von Standort zu Standort. Auf dem Gelände des Lagers II Aschendorfermoor liegt heute ein Acker, in dessen Boden sich die Spuren des Lagers archäologisch nachweisen lassen. Über dem Lager Alexisdorf steht die Siedlung Neugnadenfeld, über dem größten Teil des Lagers Dalum ein Gewerbegebiet, in dem die Trafostation und das Wachgebäude seit 2023 als Erinnerungsort »Lager XII Dalum« zugänglich sind. In Versen und Groß Hesepe reicht die Abfolge der Nutzungen bis in die Gegenwart, weil dort Lagerbaracken auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen stehen. In Oberlangen informiert seit 2014 ein Gedenkpavillon auf dem früheren Lagergelände, in Esterwegen erschließt seit 2011 die Gedenkstätte den Ort, den zuvor die Bundeswehr genutzt hatte. Die Gedenkstätte Esterwegen arbeitet heute an allen Standorten und unterrichtet dort mit Informationstafeln über die jeweilige Lagergeschichte.7

Diese bis heute nicht abgeschlossene Abfolge von Verfügungsgewalt, Nutzung, Überformung und schließlich Inobhutnahme durch die Gedenkstätte meint der Titel unseres Projekts, wenn er von einer »Konfliktlandschaft in Transformation« spricht. An einem Lagersystem, dessen Spuren so ungleich sichtbar sind, muss sich zeigen, ob ein Begriff trägt, der das Verhältnis von Spur und Deutung erfassen will. Denn an vielen Standorten stellt sich die Frage, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugen kann. Dieser Frage gehen wir im Emsland seit dem Projekt »Boden|Spuren« nach, das wir von 2020 bis 2022 mit der Gedenkstätte Esterwegen durchgeführt haben und dessen digitale Ausstellung die Spuren einzelner Lagerstandorte erschließt.

Digitale Erschließung als Teil der Geschichtsproduktion

Das laufende Projekt, das die Universität Osnabrück gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Gedenkstätte Esterwegen durchführt und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programm PRO*Niedersachsen fördert, dehnt diese Erschließung auf das gesamte Lagersystem aus. In drei Kampagnen hat das Team um Imke Selle, die das Projekt als verantwortliche Mitarbeiterin umsetzt, alle fünfzehn Lagerstandorte und alle neun Lagerfriedhöfe in 360°-Aufnahmen dokumentiert, an mehreren Standorten zudem mit 3D-Scans und Drohnenbefliegungen. So liegt für ein weit verteiltes System, dessen Schauplätze im Gelände überwiegend nicht mehr als Lager zu erkennen sind, eine zusammenhängende digitale Anschauung vor. Das Vorhaben verbindet diese Forschung mit der Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer und mit der Gedenkstättenpädagogik, deren geschichtsdidaktische Seite Lale Yildirim vertritt.

Was eine solche Anschauung leistet und wo sie an Grenzen stößt, haben Schüler:innen der Jahrgänge 11 und 12 des Gymnasiums Georgianum in Lingen erarbeitet, die im Juni 2025 in der Gedenkstätte Esterwegen die Rundgänge erprobt und um eigene Texte erweitert haben. Die Rundgänge, so ihr Befund, hätten ihnen räumlich vorstellbar gemacht, wie viele Lager es gab, den Besuch der Gedenkstätte könnten sie aber nicht ersetzen.8 Das digitale Angebot erschließt damit ein System, das sich an keinem einzelnen Standort ablesen lässt, ohne dem Geschichtsort selbst seine Bedeutung abzusprechen.

Imke Selle mit den Schüler:innen in der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Niklas Eilers).

Diese Frage nach dem Verhältnis analoger und digitaler Zugänge hat Imke Selle im Januar 2026 weiterverfolgt, als sie mit Studierenden zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisierte, eine vor Ort, die andere als Online-Führung. In ihre Dissertation über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager« bezieht sie die Praktiken unseres eigenen Projekts ein, denn wer Lagerstandorte vermisst, digitalisiert und zu Rundgängen fügt, greift in ihre Deutung ein.

Wie geht es weiter?

Drei laufende und anlaufende Vorhaben unterstreichen, welche Bedeutung das Emsland als Forschungsgegenstand für die Osnabrücker Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung hat. Im Oktober 2026 beginnt gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste das Projekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« zur sozio-ökologischen Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Es fragt, unter welchen Bedingungen demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad verlassen, einen Pfad, in dessen Vorgeschichte die Lager gehören, weil SS, SA und Justizverwaltung die Gefangenen von 1933 an zur Arbeit im Moor zwangen. Mit dem Landkreis Emsland erarbeiten wir derzeit ein Handbuch zur Geschichte des Emslandes in der NS-Zeit, das 2028 erscheinen soll. Auch die nächsten drei Bände der Reihe »Konfliktlandschaften« widmen sich dem Emsland: Die Bände 4 und 5 werden aus dem Emslandlager- und dem Moorlandschaften-Projekt hervorgehen, Band 6 wird, in Absprache mit der Gedenkstätte Esterwegen, die Friedhöfe der Emslandlager behandeln.

Für den Begriff der Konfliktlandschaft ist das Emsland damit ein Prüfstand. Seine Lagerstandorte zeigen Überformungen jeder Art, vom Acker über das Gewerbegebiet bis zur Gedenkstätte, während das Projekt diese Überformung dokumentiert und ihr zugleich eine weitere, digitale Schicht hinzufügt. Ob der Begriff erklären kann, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugt und was eine digitale Anschauung neben dem Besuch am Ort zu leisten vermag, wird die Studie von Imke Selle zeigen, die sie voraussichtlich 2027 abschließt, wobei ihre Antwort auch die Rundgänge betreffen wird, die wir selbst hergestellt haben.


  1. Gedenkstätte Esterwegen: Kriegsgräberstätte Dalum, Abruf 24.09.2026. ↩
  2. Christoph Rass: Einleitung, in: ders. (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur (Konfliktlandschaften 3), Göttingen: V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück 2026; Research Revisited: Twelve Years of the Interdisciplinary Working Group Conflict Landscapes at the University of Osnabrück, Abruf 23.09.2026. ↩
  3. Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext (wie Anm. 2); Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext, NGHM@UOS, 14.09.2026; Frank Möller: »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?« Militaria-Literatur über den Zweiten Weltkrieg am Beispiel des Kriegsschauplatzes Nordeifel/›Hürtgenwald‹ (Konfliktlandschaften 2), Göttingen: V&R unipress 2022. ↩
  4. Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust, Abruf 23.09.2026. ↩
  5. Gedenkstätte Esterwegen: Die Emslandlager, Abruf 28.09.2026; Sebastian Weitkamp / Martin Koers (Hg.): Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945, Göttingen: Wallstein 2025; David Reinicke: Die ›Moor-SA‹. Siedlungspolitik und Strafgefangenenlager im Emsland 1934–1942, Göttingen: Wallstein 2022. ↩
  6. Gedenkstätte Esterwegen: Lager XII Dalum, Abruf 24.09.2026; Gedenkstätte Esterwegen: Nachkriegsnutzung ab 1945, Abruf 29.09.2026. ↩
  7. Lea Horstmann / Imke Selle / Lina-Sofie Winkler: Abschluss der Digitalisierungkampagne im Projekt »Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation« an den ehemaligen Lagerstandorten Versen und Groß-Hesepe, NGHM@UOS, 06.08.2024, https://doi.org/10.58079/12540; Boden|Spuren: Lager II Aschendorfermoor; Gemeinde Geeste: Erinnerungsort »Lager XII Dalum«; Gedenkstätte Esterwegen: VI Oberlangen und Die Emslandlager, Abruf 29.09.2026. ↩
  8. Imke Selle: Digital Public History-Workshop »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, NGHM@UOS, 29.07.2025, https://doi.org/10.58079/14g43. ↩

NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt.

Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.

Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)

Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.

Transformationen einer Landschaft

Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.

Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)

Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.

Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.

Steuerung, Aushandlung, Beharrung

Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.

Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)

Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.

Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.

Akten, Netzwerke, Karten

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.

Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.

Nach der Sammlung Richard

Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.

Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.

Projektstart im Oktober 2026

Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.

Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)

Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.

Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.

Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)

Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.

 

Keynote | ICDAR 2026 Wien | Geschichtswissenschaft und Dokumentenanalyse im Dialog

Am 1. September 2026 habe ich auf der ICDAR 2026 in Wien die zweite der drei Keynotes gehalten, unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding«.

Abb. 1: Die Keynote am 1. September 2026 in Wien, im Hintergrund die Karte der Familie Beltrami aus der Osnabrücker Ausländermeldekartei, von der weiter unten die Rede ist. Foto: (TR)

Ein Historiker steht dort vor einem Plenum von Informatikerinnen und Informatikern und verhandelt nicht historische Befunde sondern die Zusammenarbeit zwischen Dokumentenanalyse und Geschichtswissenschaft. Dieser Bericht ordnet zunächst die Tagung und die Kooperation ein, aus der die Einladung hervorging, hebt sodann einige Beiträge zur Konferenz hervor, auf die mein Vortrag Bezug genommen hat, und führt daraufhin in drei Schritten in das Argument der Keynote ein: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in die Daten mit ihnen geschieht, die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen, und ein Vorschlag zur Frage, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten prozessgenerierten Kategorie differenzieren kann.

Die Tagung

Die International Conference on Document Analysis and Recognition ist die zentrale internationale Tagung eines Forschungsfeldes, das sich mit der maschinellen Analyse und Erkennung von Dokumenten befasst. Sie wird von der International Association for Pattern Recognition getragen, genauer von deren Technical Committees TC10 für Graphics Recognition und TC11 für Reading Systems, von denen das erste sie neben dem GREC-Workshop als Flaggschiff führt. Bereits 1991 fand die erste Ausgabe in Saint-Malo statt. Bis 2023 tagte die Konferenz zweijährlich und seit 2024 jährlich, sodass Wien bereits die zwanzigste Ausgabe war.1

Ausgerichtet hat die Tagung die TU Wien, organisiert vom Computer Vision Lab unter den General Chairs Robert Sablatnig und Florian Kleber. Getagt wurde am Campus Gußhaus im 4. Wiener Bezirk. Die Hauptkonferenz fand vom 31. August bis zum 2. September 2026 statt, gerahmt von einem Tutorientag am 30. August sowie zwei Workshoptagen am 3. und 4. September. In das Programm gingen 140 begutachtete Volltextbeiträge aus 300 Einreichungen ein, dazu zwölf Beiträge des Journal Track und acht Berichte aus den Wettbewerben.2

Drei Keynotes gliederten die drei Konferenztage. C. V. Jawahar vom IIIT Hyderabad eröffnete am Montag mit »The Changing Landscape of Document Understanding«. Tong Sun, Senior Director bei Adobe, schloss am Mittwoch mit »The Next Frontier: From Document Understanding to Document Agency«, verschob die Frage also, wie der Titel ankündigt, vom Verstehen von Dokumenten auf deren Handlungsfähigkeit. Der Osnabrücker Beitrag lag am Dienstagmittag dazwischen und zugleich quer zu beiden, weil er weder eine Entwicklungsgeschichte der Dokumentenanalyse erzählte noch deren weitere Aussichten prognostizierte, sondern von außen auf dieses Feld blickte und danach fragte, was Verstehen von der Sache her verlangt, wenn der Gegenstand ein Korpus aus Verwaltungsdokumenten des zwanzigsten Jahrhunderts ist.3

Die Kooperation mit der TU Dortmund

Hinter der Einladung steht eine Arbeit, die 2018 in Osnabrück begonnen hat. Die Arbeitsgruppe NGHM hat damals begonnen, historische Massenquellen maschinell zu erschließen, zunächst zwei Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück: die Registratur der örtlichen Gestapo mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Beide wurden mithilfe der Handschriftenerkennung (und gemeinsam mit externen Partnern) in Datenmodelle überführt. Was zuvor Jahre gekostet hatte, dauerte in diesen Projekten nur Monate.

Der Weg über einen kommerziellen Dienstleister stieß allerdings an seine Grenzen, sobald das Vorhaben wuchs, denn für die drei Millionen Karten eines Folgeprojekts lag der Preis so weit außerhalb dessen, was historische Forschung finanzieren kann, dass das Vorhaben nicht mehr zustande kam. Damit ist ein Punkt berührt, der über den Einzelfall hinausgeht: Historische Daten müssen als kulturelles Erbe im öffentlichen Raum bleiben, und die Werkzeuge zu ihrer Erschließung ebenfalls, weil Forschung sonst später in dieser Dimension nur noch über Abonnements proprietärer Dienste betrieben werden kann. Insofern war unser Pioniervorhaben ein »proof of concept«, der uns dazu motiviert hat, nach offenen Lösungen zu suchen.

Abb. 2: Der gemeinsame Arbeitszusammenhang beim Konferenzabend im Wiener Rathaus, von links Tim Raven, Gernot A. Fink, Christoph Rass, Arthur Matei und Tim Hallyburton. Foto: (TR)

Seither arbeiten wir gemeinsam mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund. Professor Fink war bei der ICDAR 2026 einer der vier Program Chairs und Mitherausgeber der Proceedings. Der erste Beitrag der Gruppe, an dem auch wir beteiligt waren, erschien 2025 in den Proceedings der ICDAR in Wuhan und machte aus den CM/1-Formularen einen Datensatz, an dem sich prüfen lässt, wie gut große Vision-Language-Modelle (Modelle, die Bild und Text in einem Zug verarbeiten) einen handschriftlichen Namen und ein Geburtsdatum aus sehr wenigen Trainingsbeispielen lesen.4

Die CM/1-Akten sind die Anträge, über die »Displaced Persons« in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Unterstützung bei der International Refugee Organization beantragten. Der Bestand 3.2.1.1 »CM/1 Akten aus Deutschland« der Arolsen Archives umfasst nach der Bestandsbeschreibung über 196.000 Akten mit Hinweisen auf rund 578.000 Namen; der 2025 veröffentlichte Datensatz zählt anders, nämlich in Vorgängen und Personen, und beruht auf 140.114 Einzelvorgängen, von denen nach der Bereinigung 135.951 Deckblätter mit 203.112 Personen bleiben. Der aktuelle Beitrag der Dortmunder Gruppe, den wir als Historiker:innen erneut unterstützen konnten, geht 2026 tiefer in die Akten hinein und weitet die Datenextraktion auf weitere Felder aus.5

Was auf der Tagung zu sehen war

Mehrfach ließ sich in der Keynote selbst auf das Programm der Konferenz verweisen, in dem zahlreiche Beiträge unmittelbar an unsere eigenen Fragen anschlossen und spannende Lösungsperspektiven vorlegten.

Abb. 3: Zwei Seiten desselben Problems, nebeneinander in der Poster Session am Montag. Links der gemeinsame Beitrag aus Dortmund und Osnabrück, rechts die Arbeit von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu. Foto: (CR)

Sehr deutlich konnte ich solche Querbezüge an der Posterwand der Projektpräsentationen ablesen. Dort hingen zwei Arbeiten nebeneinander, die für beide Seiten desselben Problems stehen. Die eine, aus der Osnabrücker und Dortmunder Kooperation hervorgegangen, in Dortmunder Erstautorschaft vorgestellt und dort auch am Lamarr-Institut für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz angesiedelt, behandelt die Informationsextraktion aus Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts, hier den CM/1-Akten, also aus lesbaren, standardisierten Formularen, von denen es weit mehr gibt, als ein Mensch je durchsehen könnte. Die andere, von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu, untersucht das Auffinden historischer Dokumentbilder anhand ihres Aussehens und zielt damit auf ältere Handschriften und illuminierte Seiten ab, die entziffert werden müssen, bevor sie gelesen werden können. Im Vortrag habe ich diese beiden Ebenen als »the flood« und »the cipher« bezeichnet, weil die Mustererkennung diese beiden Sphären der Geschichtswissenschaft gleichzeitig bearbeitet. Auf derselben Posterwand stand mit »Writer Retrieval at Scale« von Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink auch eine weitere Dortmunder Arbeit.6

Abb. 4: Der Vortrag von Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall in der Session zur historischen Dokumentanalyse. Foto: (CR)

Zwei Beiträge, die ich am Vortragsmorgen noch hören konnte, sind ebenfalls gleich in meinen Foliensatz gewandert. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall vom schwedischen Reichsarchiv haben in der Session zur historischen Dokumentanalyse unter dem Titel »Quality Prediction for Large Scale HTR – Confidence Is All You Need« das Problem behandelt, wie sich die Qualität einer Handschriftenerkennung dort schätzen lässt, wo im laufenden Betrieb keine Referenztranskription vorliegt. Sie fassen die Aufgabe als Regression auf Seitenebene, die aus dem Bild und den Laufzeitausgaben der Erkennungskette sowohl die Güte der Segmentierung als auch die der Transkription vorhersagt, und finden, dass die Verteilung der Konfidenzwerte über eine Seite mehr trägt als der Mittelwert und die Auskunft von Bild- und Sprachmerkmalen weitgehend überflüssig macht. Die Grundlage bilden nach der im Vortrag gezeigten Übersicht 43.126 vollständig annotierte Seiten aus drei Datensätzen, dem schwedischen Swedish Lion mit 20.727 Seiten aus den Jahren 1550 bis 1900, dem norwegischen Norhand mit 11.203 Seiten und dem dänischen Danish Handwriting mit 11.196 Seiten, dazu eine Prüfmenge von 338 Seiten aus Archiven, die im Training nicht vorkamen. Für ein Archiv, das dabei ist, Millionen Seiten historischer Dokumente zu verarbeiten, und nicht jede einzelne prüfen kann, ist das die Voraussetzung dafür, Qualitätskontrolle überhaupt zu steuern.7

Abb. 5: Der Vortrag von Michael Zhang und Kolleginnen und Kollegen in der Session zur Handschriftenerkennung. Foto: (CR)

Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon haben am selben Vormittag in der Session zur Handschriftenerkennung ihre Arbeit »Democratizing the Medieval English Legal Tradition« vorgestellt. Die Überlieferung des englischen Rechts liegt in handschriftlichen Rollen in stark abgekürztem mittelalterlichem Latein vor, das weltweit nur wenige Fachleute lesen können, während der digitalisierte Teil, wie sie im Vortrag zeigten, bereits rund vier Millionen Seiten umfasst. Aus 193 Straf- und Zivilverfahren der Jahre 1272 bis 1461 haben sie einen Datensatz von 4.029 Zeilen gebaut und erreichen damit eine Wortgenauigkeit von 82 Prozent, die eine nachgeschaltete Korrektur durch ein Sprachmodell auf 88 Prozent hebt. Was daran hängt, führten sie an einem Verfahren von 1375 vor, in dem die Dichter John Gower und Geoffrey Chaucer gemeinsam mit zehn weiteren Männern von einer Agnes verklagt wurden, weil sie deren Erbe unrechtmäßig in Besitz hielten: Die beiden kannten einander demnach näher und mindestens drei Jahre früher, als die Forschung bislang annahm.8

Beide Vorträge sprachen die Frage an, wie aus mehr Dokumenten, als eine Person in ihrem Leben lesen kann, verlässliche historische Daten werden, und damit genau das, was ich weiter unten als den ersten der drei Orte beschreibe. Am Donnerstag wird im Workshop zur historischen Dokumentbildverarbeitung eine weitere Arbeit aus dem Dortmunder Zusammenhang vorgestellt, die dieser Frage forschungspraktisch nachgeht.9

Was Historikerinnen und Historiker brauchen

Für die Hand- und Maschinenschriften sowie die Dokumenttypen, mit denen ich bei meiner Arbeit umgehe, ist die reine Erkennung kein wirklich schwieriges Problem mehr. Multimodale Modelle erreichen auf komplexen historischen Handschriften einstellige Zeichenfehlerraten. Wo ein zweites Modell die Lesung des ersten korrigiert, rücken sie in die Nähe menschlicher Transkriptionen. Auf gedrucktem Material liegen die Fehlerraten noch einmal deutlich niedriger. Ganze Datensätze werden inzwischen maschinell aus Archivscans zusammengesetzt.10 Was die Geschichtswissenschaft darüber hinaus braucht, so mein Argument, ist die Unterscheidung zwischen einem korrekt gelesenen Wert und einer Kategorie, die etwa eine Behörde über einen Menschen verhängt. Zu fragen ist deshalb nicht allein, welchen Wert ein Modell liefern soll, sondern was ein System mit einem Wert anfängt, den es fehlerfrei gelesen hat und der zugleich, wie in vielen der Dokumente, die wir in der NGHM-Gruppe im Rahmen unserer Forschung zu »displaced persons« bearbeiten, ein Zug in einer Verhandlung um das eigene Überleben war.

Mein erstes Beispiel indes stammt aus unserer Analyse der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Tullio und Theresa Beltrami kamen im Februar 1905 aus Italien nach Osnabrück und blieben bis an ihr Lebensende. Die Ausländermeldekartei der Stadt wird seit 1930 geführt und enthält rückwirkende Einträge, die bis an die Jahrhundertwende reichen. Die Familie erscheint in ihr erst 1932. Ein Haushalt, der seit einem Vierteljahrhundert in der Stadt lebte, wurde nachträglich als »Ausländer« in den Bestand eingeschrieben. Die Kartei führte diesen Status über Jahrzehnte weiter, bis zu einer Enkelin, die 1957 einen deutschen Staatsangehörigen heiratete und mit dem Vermerk »siehe auch Ausländerkarte« in die Einwohnerkartei überführt wurde. Die italienische Staatsangehörigkeit der Familie war eine Tatsache vor alledem. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt der größte Teil der Familie nie. Was die Karte in der Ausländermeldekartei allerdings hervorbrachte, war ein Status als verwaltete »Ausländer« in eben der Stadt, die die Beltramis ihre Heimat nannten und in der ihre Töchter geboren wurden. Die Kartei hat die Familie nicht nur verzeichnet; sie hat ihr eine Position zugewiesen und diese über drei Generationen reproduziert.

Abb. 6: Die Karte der Familie Beltrami in der Osnabrücker Ausländermeldekartei. Zugezogen 1905, eingetragen 1932. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.

Genau das meinen wir, wenn wir in der reflexiven Migrations-forschung von einer Kategorie sprechen. Der Unterschied zum Sprachgebrauch der Informatik ist dabei ausdrücklich festzuhalten: Dort ist eine Kategorie eine Klasse, die zugewiesen wird und für die eine ground truth sagt, welche die richtige ist, während sie in der kritischen Geschichtswissenschaft (oder Migrationsforschung) eine Entscheidung bezeichnet, die ein Amt über einen Menschen getroffen, in ein Feld geschrieben und danach gegen ihn geltend gemacht hat, ohne dass irgendeine Lesung der Karte sagen könnte, ob diese Kategorisierung richtig oder wahr war.

Dass Kategorien nicht vorgefunden, sondern hergestellt werden, ist nicht einfach eine singuläre Beobachtung an dieser einen Karte. Diese Einsicht ist die Arbeitsgrundlage des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, in dem wir in Osnabrück forschen und der Migration als das »Produkt eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses« versteht, in dem »Kategorisierungen von Menschen, Gruppen und Praktiken« sich zu sozialen Figuren verdichten und die weiteren Aushandlungen prägen.11 Eine Ausländermeldekartei ist ein Ort, an dem sich dieser Vorgang Karte für Karte und über ein halbes Jahrhundert hinweg beobachten lässt. So gesehen erschließt, wer solche Bestände maschinell erschließt, keine Eigenschaften von Personen, sondern die Spuren eines Herstellungsvorgangs.

Meine eigene Disziplin hat daran ihren Anteil. Sie hat Wörter wie »Ausländer« verwendet, als bezeichneten sie eine Art von Menschen, die man untersuchen, zählen und erklären kann, obwohl diese Wörter in einem Amt entstanden sind und eine Kategorisierungsentscheidung festhalten. Rogers Brubaker und Frederick Cooper haben für diesen Fehler einen Begriff geprägt, nämlich die Verwechslung von Kategorien der Praxis, nach denen Menschen regiert wurden, mit Kategorien der Analyse, mit denen wir sie erklären.12 Die Karte ist dabei nicht der Fehler, sie ist das Material. Der Fehler liegt in einer Wissenschaft, die das Wort des kategorisierenden Apparates übernimmt und es zu ihrem eigenen Instrument macht. Eine Zählung kann also schon darin falsch sein, wie sie eine Kategorie zählt, lange bevor eine ihrer Zahlen nicht stimmt.

In meinem Beitrag habe ich drei Orte unterschieden, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kriterium der Geltung. Am ersten Ort findet die Erschließung statt: Eine Quelle wird in digitale, lesbare, strukturierte Daten überführt. Dort gibt es eine ground truth, denn das Zeichen steht in einem Dokument, gegen das sich jede Lesart prüfen lässt. Der zweite Ort ist das Berechnen, bei dem auf den erschlossenen Daten gemessen wird. An die Stelle der ground truth tritt hier die Nachvollziehbarkeit, weil nicht mehr ein einzelner Wert geprüft wird, sondern die Art und Weise, in der dieser Wert erzeugt wird. Ein fehlerhaftes Skript lässt sich lesen und prüfen, ein von einem Modell halluziniertes Ergebnis allerdings nicht. Gebaut wird am dritten Ort, wo das Korpus entsteht, an dem sich eine historische Frage überhaupt stellen lässt. Dort wartet kein Etikett auf der Seite, denn ob ein Dokument zu einer Frage gehört, ist keine Eigenschaft dieses Dokuments, sondern ein Urteil, das jemand fällt und verantwortet.

Wie sich die Arbeit an diesen drei Orten anfühlt, habe ich im August 2026 bei meiner Forschung in vier Archiven in Oregon erfahren. Mit einem Dokumentscanner, der das Papier nicht berührt, entstanden dort Digitalisate von rund 6.000 Seiten historischer Dokumente in Handarbeit, während mir eine bereits mitlaufende Auswertung anzeigte, welche Kartons aus dem Magazin ich in meiner Bestellliste womöglich übersehen hatte und welche sich im Licht erster Auswertungen doch als relevant erweisen könnten. Parallel dazu schrieb und lief ein generatives System Skripte, die auf der Grundlage der ersten Dokumentauswertung dutzende bereits digitalisierte Sammlungen durchsuchten und rund vierhunderttausend weitere Dokumente zu meiner Fragestellung zusammentrugen, jeden Treffer mit Quelle, Repositorium, Abrufdatum und Prüfstand versehen.

Das eine Korpus entstand im Tempo eines Menschen, das andere in der Geschwindigkeit eines digitalen Rechercheprozesses. Beide Erträge liegen nun in demselben Arbeitsbestand, aus dem ich die Analyse des Materials entwickle. Dieser Bestand ist deshalb ein ungleiches Gebilde: Von den vor Ort selbst aufgenommenen Seiten ist bekannt, warum sie im Karton lagen und warum ich sie ausgewählt habe, von den vierhunderttausend maschinell gezogenen Dokumenten dagegen nur, nach welchem Suchkriterium sie gefunden wurden, nicht aber, was im Repositorium neben ihren digitalen Repräsentationen liegt oder was im analogen Archiv verblieben ist und nie digitalisiert wurde. Wer aus einem solchen Bestand argumentiert, muss angeben können, aus welchem Teil eine Aussage stammt, und braucht eine Lesart, die zwischen dem Muster in der Masse und dem einzelnen, sprechenden Dokument Brücken schlägt. Martin Mueller hat das scalable reading genannt.13

Abb. 7: Die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der historischen Arbeit ankommen. Foliensatz Christoph A. Rass.

Vom ersten Ort, dem Erschließen, braucht die historische Arbeit drei Dinge. Das Erste ist eine Konfidenz zu jedem gelesenen Wert, also die Angabe, für wie sicher das Modell seine eigene Lesart hält. Dazu tritt eine Provenienz: Gemeint ist hier nicht die archivische Herkunft aus einem Bestand, sondern der Verweis auf die Stelle der Karte, aus der der Wert stammt. Ein Wert ohne diese beiden Angaben ist für uns Historiker:innen eine Tatsache ohne Fußnote. Als Drittes verlangt die Arbeit aber womöglich auch ein Attribut, das angibt, ob ein Feld bereits eine Entscheidung enthält. Wo eine Behörde festgelegt hat, welche Werte in einem Feld überhaupt vorkommen dürfen, ist die Deutung bereits vorgeprägt, bevor irgendeine geschichtswissenschaftliche Frage gestellt wird. Ein System, das diesen Umstand festhält, statt ihn zu überschreiben, macht die Stelle sichtbar, die später weiter befragt werden muss.

Karteischrank und Einzelkarte aus der Registratur der Osnabrücker Gestapo.
Abb. 8: Die Registratur der Osnabrücker Gestapo, 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei begonnen. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Rep 439 Nr. 3227.

Auch am Beispiel der Osnabrücker Gestapo-Registratur lässt sich ablesen, was mit einer Kategorie auf ihrem Weg durch die Zeit geschieht. Die Kartei (sie ist eine von nur wenigen in Deutschland erhaltenen Gestapo-Registraturen) wurde 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei angelegt. Nach 1933 wurde sie in denselben Karteikästen, auf denselben Formularen und in denselben Handschriften zum Instrument der Geheimen Staatspolizei des NS-Regimes. Kein einziges Zeichen musste sich ändern, damit sich die Bedeutung der Karten vollständig wandelte. Eine einfache Dokumentenanalyse liest die Karte von 1928 und die von 1938 gleich. Ein Verstehen kann sich das nicht leisten, weil zwischen beiden Karten ein Regimewechsel liegt.

Die vier Momente Trouillots, übertragen auf eine Verarbeitungskette.
Abb. 9: Die vier Momente, in denen nach Michel-Rolph Trouillot Verstummen entsteht, übertragen auf die Verarbeitungsketten der Dokumentanalyse. Foliensatz Christoph A. Rass.

Michel-Rolph Trouillot hat am Beispiel der Haitianischen Revolution gezeigt, wie Vergangenheit in der Geschichte zum Schweigen gebracht wird. Sein geschichtstheoretisches Modell verortet die Produktion dieses Schweigens in vier Momenten: beim Herstellen der Quellen, beim Herstellen der Archive, beim Herstellen der Erzählungen und bei der Herstellung von Bedeutung, die eine Gesellschaft dem Geschehenen als erzählte Geschichte im Rückblick zubilligt.14

Diese vier Momente wandern nun auch in die Verarbeitungsketten digitaler Dokumentanalyse und der Weiterverarbeitung der so gewonnenen Daten: in die Datenmodellierung, die vorab entscheidet, was überhaupt ein Feld werden darf; in die Auswahl dessen, was digitalisiert und wie es klassifiziert wird; in Ranking und Retrieval, die dem Digitalisierten einen durchsuchbaren Schatten geben, der es größer erscheinen lässt als alles Nichtdigitalisierte daneben; und schließlich in die flüssige Antwort eines Modells auf die Frage, was eine »displaced person« gewesen sei. Eine Bedingung liegt vor allen vieren: Ausgewählt, digitalisiert, modelliert und verallgemeinert werden kann nur, was überliefert ist. Die Bestände dieses Vortrags sind sämtlich Behördenschriftgut, das eine Verwaltung erzeugt und ein Archiv zu verwahren hatte.

Die Verzerrung der Überlieferung wächst in der digitalen Verarbeitung nicht notwendigerweise; sie verändert aber womöglich deren Sichtbarkeit: Im analogen historischen Dokument liegt die Entscheidung offen, im relationalen Schema ist sie schon ein Stück zurückgetreten, im trainierten KI-Modell (LLM) liegt sie über die Gewichte verteilt tief im System begraben. Finola Finn und Donal Khosrowi haben das Ergebnis dieser Produktion von Geschichte instant history genannt, die flüssige, unmittelbare Antwort eines LLMs, die verbirgt, wie jede Quelle immer bereits vermittelt war.15

Wie praxisrelevant das Problem ist, verdeutlicht ein Fall aus den CM/1-Akten. Im Januar 1948 beantragte eine Person bei der International Refugee Organization Unterstützung und gab als Nationalität »Türkisch« an, als Geburtsort »Istanbul«. Der zuständige eligibility officer schrieb das auf, zweifelte aber an dieser Erzählung und fragte bei der Stadt Osnabrück nach, unter welcher Kategorie dieser Arzt dort geführt werde. Die Auskunft kam aus derselben Kartei, aus der auch die Karte der Beltramis stammt: seit dem 1. Oktober 1943 war der Betreffende in Osnabrück verzeichnet, und zwar mit dem Geburtsort »Baku« in der Sowjetunion. Beide Einträge sind sauber lesbar und für die Dokumentenanalyse ohne Weiteres zu erfassen, wahr sein können sie indes nicht beide.

Abdulhalik Aleskerow war tatsächlich ein Feldarzt der Roten Armee aus Aserbaidschan, geriet 1942 in deutsche Gefangenschaft, durchlief das Lager Wustrau, in dem die Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene prüfte, die zur Kollaboration bereit waren, und wurde ab 1943 als Arzt in einem Zwangsarbeitslager in Osnabrück eingesetzt; er hatte seine biographische Erzählung geändert, weil eine Rückführung in die Sowjetunion für ihn sehr wahrscheinlich den Tod bedeutet hätte.

Zwei Dokumente mit widersprüchlichen Angaben zu derselben Person.
Abb. 10: Zwei Einträge zu einer Person, beide korrekt zu lesen, beide nicht zugleich zutreffend. Arolsen Archives 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584.

Im Juni 1950 wurde ihm schließlich der DP-Status aberkannt, weil vermutlich jemand aus der Formulierung, er habe die Türkei »auf eigenen Wunsch« verlassen, geschlossen hatte, ein freiwillig Gewanderter sei gar nicht verschleppt worden. Sechs Jahre lang stritten danach Behörden und Gerichte darüber, was er sei, und verwendeten dabei sieben Kategorien: »displaced person«, »heimatloser Ausländer«, »staatenlos«, »Muslim«, »Straftäter«, »Sowjetbürger«, »türkischer Staatsangehöriger«. 1956 hob ein Gericht die Ausweisungsverfügung auf. Aleskerow lebte bis 1977 in Osnabrück.16

Für eine Systemarchitektur folgt daraus, dass eine Konfidenz allein auf Lesbarkeit hinweisen kann; Aleskerows Akte war lesbar. Ob eine Kategorie umstritten ist, wie sie hergestellt und wem sie zugewiesen wurde, lässt sich der Lesbarkeit eines Eintrags nicht entnehmen. Ein komplexer Konfidenzwert, wie ihn die Geschichtswissenschaft produktiv nutzen könnte, braucht mehr.

Mein Vorschlag für ein Weiterdenken dieser Problemstellung verteilt die Arbeit deshalb auf zwei Modelle, die miteinander und mit uns Historiker:innen sprechen. Das erste, das Quellenmodell, fragt, was ein Dokument materiell und in seiner Überlieferung ist. Es liefert strukturierte Felder, heftet an jedes Feld eine Konfidenz und eine Provenienz und endet in einem quellenverankerten Graphen, also einer Datenstruktur, in der jede Aussage an ihre Belegstelle gebunden bleibt; über Bedeutung behauptet es nichts; seine Arbeit könnte uns an die äußere Quellenkritik im geschichtswissenschaftlichen Methodenseminar erinnern. Das zweite, das Expertenmodell, fragt, was das Dokument bedeutet und wie weit ihm zu trauen ist. Es markiert »Ausländer« als eine vom Amt hergestellte Kategorie, datiert die rückwirkende Eintragung der Beltramis von 1932 als interpretatives Ereignis, hält die Mehrdeutigkeit dort offen, wo die Quelle sie offengelassen hat, und verknüpft den Querverweis von 1957 über zwei Bestände hinweg.

Schema der beiden Modelle und ihres Austauschs.
Abb. 11: Der Vorschlag der Keynote. Ein Quellenmodell, ein Expertenmodell, und der Austausch zwischen beiden. Foliensatz Christoph A. Rass.

Der eigentliche Vorschlag liegt im Austausch zwischen beiden. Wo das Quellenmodell unsicher ist, schließt das Expertenmodell die Lücke nicht still, es fordert die Bildregion hinter dem Wert an und verzichtet auf eine Antwort, wenn diese nicht eindeutig ausfällt. Ein umstrittener Wert wird markiert und an eine andere Instanz oder an einen Menschen weitergereicht. Jeder Schritt wird protokolliert; das erzeugt die Nachvollziehbarkeit, die am zweiten Ort an die Stelle der ground truth tritt, und sie erlaubt es, auch so komplexe Analysen intersubjektiv zu prüfen. In der Sprache der Dokumentanalyse handelt es sich um selective prediction with abstention und ein Provenienzprotokoll. Neu ist weder das eine noch das andere. Was diese Schleife für die Geschichtswissenschaft bedeutet, hat Andreas Fickers digitale Hermeneutik genannt, das alte Handwerk der Interpretation, aktualisiert für Quellen, die eine Maschine bereits verarbeitet hat.17 Eine Frage bleibt dabei offen: wie ein solches Expertenmodell zu bauen und zu trainieren wäre.

Der Maßstab in drei Teilen.
Abb. 12: Der vorgeschlagene Maßstab in drei Teilen. Zwei davon kann das Feld allein spezifizieren, der dritte entsteht nur gemeinsam. Foliensatz Christoph A. Rass.

Eine Idee dazu habe ich in Wien als Diskussionsbeitrag vorgetragen, einen Maßstab aus drei Teilen. Die ersten beiden kann die Dokumentanalyse allein spezifizieren: eine Quellenbindung, gemessen als evidence attribution, bei der ein Befund nur zählt, wenn er nachweisbar auf die korrespondierende Stelle in der Quelle zurückzuführen ist; und eine kalibrierte Unsicherheit, die das offene Eingeständnis von Zweifel des Systems belohnt und die Produktion falscher Zuversicht härter bestraft als die ehrliche Zurückhaltung, die Lücken benennt. Der dritte Teil entstünde nur gemeinsam. Er prüft, ob ein Modell eine Kategorie als solche erkennt, also den Begriff, den eine Behörde produziert oder reproduziert, als hergestellte Kategorie markiert, statt ihn als einfache Tatsache über die Person weiterzureichen.

Wie hilfreich das wäre, zeigt die für Osnabrück ausgewertete Teilmenge der CM/1-Akten: In 575 Einträgen mit einer Religionsangabe und 584 mit einer Nationalitätsangabe stehen je sechzehn verschiedene Werte, in denen »Muslim« neben »Mohammedan« steht, »Jewish« neben »Hebrew«, und in denen »Jewish« zugleich als Nationalität auftaucht.18 Niemand hat diese Werte normalisiert. Deshalb hat die von den Werten repräsentierte Aushandlung im Durcheinander des Quellenmaterials überlebt. Bisher annotiert selbst unser veröffentlichter Datensatz in seiner zweiten Fassung zwar Nationalität, Geburtsort und Religion, aber keinen einzigen dieser Werte als umstritten. Der nächste Schritt wäre entsprechend ein Durchgang, in dem zwei Historiker:innen jeden Wert als geklärt oder umstritten markieren, ihren Dissens protokollieren und ein Modell dagegen gemessen wird, bis sichtbar ist, woran es scheitert und wie die dritte Dimension des Maßstabs erreicht werden kann.

Was offenbleibt

Die Schlussfolie mit der Frage, wer die Standards schreibt.
Abb. 13: Die Schlussfrage der Keynote. Foliensatz Christoph A. Rass.

Welchen Anteil haben unsere methodischen Entscheidungen an der Herstellung der epistemologischen Rahmungen, in denen wir schließlich mit digitalen Methoden arbeiten? Die Beltramis haben in meinem Vortrag einen Namen, weil Handschriftenerkennung ihre über viele Karten der Ausländermeldekartei verstreuten Einträge gelesen und record linkage (die Zusammenführung von Einträgen zu derselben Person über Bestände hinweg) ihnen über fünfzig Jahre hinweg wieder eine Geschichte gegeben hat. Dieselben Werkzeuge, die auf diese Art und Weise einen Bestand aufschließen können, können ihn indes auch schließen. Ein Leben als Datensatz zurückzugewinnen kann dieses Leben zugleich ein zweites Mal zum Objekt machen. Was von beidem eintritt, hängt von der Perspektive ab, die wir uns empirisch und methodisch erarbeiten. Dass der Einsatz komplexer digitaler Werkzeuge und selbstverständlich auch von künstlicher Intelligenz die Art und Weise verändert, wie Vergangenheit in Geschichte übersetzt wird, ist längst entschieden; offen ist, wie wir diesen Technologiesprung mit all seinen Konsequenzen als Geschichtswissenschaft und im Dialog mit anderen Disziplinen gestalten. Das ist nicht nur eine technische oder fachwissenschaftliche, sondern letztlich vor allem eine kulturelle Frage.

Anmerkungen

  1. ICDAR 2026. The 20th International Conference on Document Analysis and Recognition, Abruf 02.09.2026; International Association for Pattern Recognition, Technical Committees; IAPR TC10 Graphics Recognition; IAPR TC11 Reading Systems, iapr-tc11.org (nur über HTTP erreichbar).↩︎
  2. Zu Ort und Gremien ICDAR 2026, Conference Venue und Committees, Abruf 02.09.2026. Die Zahl der angenommenen und eingereichten Beiträge sowie die acht Wettbewerbsberichte nach dem Klappentext des Tagungsbandes: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, hrsg. von Gernot A. Fink, Alicia Fornés, Koichi Kise und Daniel Lopresti, Lecture Notes in Computer Science 16972–16975, Cham 2026; die zwölf Beiträge des Journal Track nach dem Programm, Abruf 03.09.2026.↩︎
  3. ICDAR 2026, Keynote Speakers und Programm, Abruf 02.09.2026. Daneben standen am Dienstag die beiden Vorträge zum Young Investigator Award von Silvia Cascianelli und Jorge Calvo-Zaragoza.↩︎
  4. Fabian Wolf, Oliver Tüselmann, Arthur Matei, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: CM1 – A Dataset for Evaluating Few-Shot Information Extraction with Large Vision Language Models, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2025, Teil II (Lecture Notes in Computer Science 16024), Cham 2025, S. 23–39, DOI 10.1007/978-3-032-04617-8_2; Preprint arXiv:2505.04214. Zu den Größenangaben ist Vorsicht geboten, weil drei Zählungen nebeneinanderstehen: Die Bestandsbeschreibung der Arolsen Archives nennt für 3.2.1.1 über 196.000 Akten und Hinweise auf rund 578.000 Namen, der genannte Beitrag spricht von rund 350.000 erhaltenen Fallakten des gesamten CM/1-Programms, und die Sprechfassung der Keynote nannte rund 155.000 Akten. Die Angaben zum Datensatz selbst (140.114 Vorgänge, 135.951 Deckblätter, 203.112 Personen) sind dem Beitrag entnommen.↩︎
  5. Arthur Matei, Tim Hallyburton, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: Recent Advances in Information Extraction from Historical Archival Records, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, Teil III (Lecture Notes in Computer Science 16974), Cham 2026, S. 87–103, DOI 10.1007/978-3-032-36039-7_6.↩︎
  6. Poster Session #1, Montag, 31. August 2026. Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu: An Exploratory Study of Text-to-Image Generation for Query-by-Example Retrieval of Historical Document Images; Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink: Writer Retrieval at Scale.↩︎
  7. Oral Session #7, Historical document analysis, Dienstag, 1. September 2026. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall: Quality Prediction for Large Scale HTR. Confidence Is All You Need, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 450–466, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_26. Alle drei arbeiten am schwedischen Reichsarchiv in Stockholm. Die Angaben zu den verwendeten Datensätzen sind der im Vortrag gezeigten Übersicht entnommen, die als Abbildung 4 wiedergegeben ist.↩︎
  8. Oral Session #6, Handwriting recognition, Dienstag, 1. September 2026. Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon: Democratizing the Medieval English Legal Tradition, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 378–394, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_22; Preprint arXiv:2605.00977. Das Material stammt aus den King’s Bench Rolls, Common Pleas Rolls und Justices Itinerant Rolls des Anglo-American Legal Tradition Archive. Die Angaben zum Umfang des digitalisierten Bestandes und der Fall von 1375 stammen aus dem Vortrag.↩︎
  9. Tim Hallyburton, Anna Scius-Bertrand, Arthur Neto, Andreas Fischer und Gernot Fink: Reconstruction Error Ratios for Prototype-Anchored Unsupervised Learning in Optical Character Recognition, 8th International Workshop on Historical Document Imaging and Processing, Donnerstag, 3. September 2026.↩︎
  10. Mark Humphries, Lianne C. Leddy, Quinn Downton u. a.: Unlocking the archives. Using large language models to transcribe handwritten historical documents, in: Historical Methods 58 (2025), H. 3, S. 175–193, DOI 10.1080/01615440.2025.2500309; Gavin Greif, Niclas Griesshaber und Robin Greif: Multimodal LLMs for OCR, OCR Post-Correction, and Named Entity Recognition in Historical Documents, arXiv:2504.00414 (2025); Niclas Griesshaber und Jochen Streb: Multimodal LLMs for Historical Dataset Construction from Archival Image Scans. German Patents (1877–1918), arXiv:2512.19675 (2025), mit 306.070 Patenten aus 9.562 Archivscans. Zur Verlagerung vom Lesen zum Bauen ferner Jan Černý, Kiril Avramov und Liladhar R. Pendse: A multi-stage agentic AI system for extracting information from large digital archives. Case study on the Czechoslovak year 1968 in CIA’s FOIA collection, in: The Electronic Library (2026), DOI 10.1108/EL-06-2025-0272, deren Fazit ich mir zu eigen mache: Der Effizienzgewinn ist real, die interpretatorische Verantwortung wandert nicht.↩︎
  11. DFG-Sonderforschungsbereich 1604 »Produktion von Migration«, Universität Osnabrück, Projektnummer 501120656, Sprecher Andreas Pott, seit 2024. Die zitierten Wendungen nach der Projektbeschreibung in GEPRIS, Abruf 02.09.2026; ferner das Forschungsprogramm des SFB.↩︎
  12. Rogers Brubaker und Frederick Cooper: Beyond »identity«, in: Theory and Society 29 (2000), H. 1, S. 1–47, DOI 10.1023/A:1007068714468.↩︎
  13. Martin Mueller: Shakespeare His Contemporaries. Collaborative curation and exploration of Early Modern drama in a digital environment, in: Digital Humanities Quarterly 8 (2014), H. 3. Die Oregoner Feldphase im August 2026 gehört zur Arbeit im SFB 1604.↩︎
  14. Michel-Rolph Trouillot: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston 1995, Einleitung.↩︎
  15. Finola Finn und Donal Khosrowi: AI assistants in the archive and the lure of »instant history«, in: Cambridge Forum on AI. Culture and Society 2 (2026), Artikel e6, DOI 10.1017/cfc.2025.10012.↩︎
  16. Jessica Wehner und Christoph Rass: Disputed (Non-)Belonging. Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56, in: Journal of Contemporary History, OnlineFirst Dezember 2025, DOI 10.1177/00220094251396890. Die beiden abgebildeten Dokumente stammen aus den Beständen 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584 der Arolsen Archives; die Auskunft der Stadt Osnabrück entstammt der Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.↩︎
  17. Andreas Fickers: Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschungen 17 (2020), H. 1, S. 157–168, DOI 10.14765/zzf.dok-1765; ferner Andreas Fickers, Juliane Tatarinov und Tim van der Heijden: Digital history and hermeneutics. Between theory and practice, in: Andreas Fickers und Juliane Tatarinov (Hg.): Digital History and Hermeneutics, Berlin/Boston 2022, S. 1–20, DOI 10.1515/9783110723991-001.↩︎
  18. Auswertung der für Osnabrück verarbeiteten Teilmenge des Bestandes 3.2.1.1 der Arolsen Archives, vorgestellt auf Folie 13 der Keynote. Die Teilmenge umfasst die CM/1-Akten von Personen, die in Osnabrück verblieben sind.↩︎

Schlagworte: ICDAR 2026 · Document Analysis and Recognition · Handschriftenerkennung · Vision-Language-Modelle · Kategorien · »Displaced Persons« · CM/1 · Ausländermeldekartei · Arolsen Archives · TU Dortmund · SFB 1604 »Produktion von Migration«

Zur Keynote: Christoph A. Rass, From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding, Keynote #2 der ICDAR 2026, TU Wien, 1. September 2026. Die Arbeiten, über die der Vortrag berichtet, entstehen gemeinsam mit Gernot A. Fink, Arthur Matei und Tim Hallyburton (Pattern Recognition Group, TU Dortmund), mit Lukas Hennies, Jessica Wehner und dem Team der Arbeitsgruppe NGHM der Universität Osnabrück, in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, den Arolsen Archives und dem SFB 1604 »Produktion von Migration«.

Zum Autor: Christoph A. Rass ist Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück (ORCID 0000-0001-9492-907X).

Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026

Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.

Durchgeführt wurde das Projekt als Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück und der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.

Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.

Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.

Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.

Programm:

Tag 1 | 24. September 2026

EW-Gebäude | Seminarstraße 20, 49074 Osnabrück | Raum 15/130

13:00–13:15 Ankunft
13:15–13:30  Begrüßung & Projektvorstellung
| Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)

13:30–14:30  Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)

14:30–15:00  Pause

15:00–15:45  Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)

15:45–16:15  Pause

16:15–17:15  Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)

17:15–18:00  Pause

18:00–20:00  Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes


Tag 2 | 25. September 2026

Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste

08:30  Treffpunkt am Bus

08:45–10:15  Fahrt nach Dalum

10:15–11:45  Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)

11:45–13:15  Rückfahrt nach Osnabrück

13:15–13:45  Mittagspause

13:45–15:15  Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour

15:15–15:45  Abschlussrunde

A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian

Even supposedly well-researched objects of history can generate new knowledge if considered from a new perspective. But how far can a researcher go in this regard while still valueing the established historiography? The following essay is an experiment of thought that explores two questions: First, how far can I go in my analysis of the 1943 Bermuda Conference from the perspective of historical migration studies, and how far can I deviate from established research in the field of Holocaust studies without telling a counter-history of the events? And second, what implications does this new perspective have for our understanding of the Bermuda Conference?

In April 1943, three delegates each from the United Kingdom and the United States of America met in Bermuda to discuss what they framed as the “refugee problem,” a problem at the heart of which were the persecuted Jews of Europe. However, in the midst of war, neither government was willing to change its existing restrictive refugee policies or divert resources from the war effort to the rescue of strangers, least of all Jews. Therefore, the Bermuda Conference concluded without any groundbreaking decisions being made; another failure after the 1938 Évian Conference, now in the face of systematic murder by the millions. At least, that is the narrative presented by the existing historiography covering the events of April 1943, a narrative that has been very much shaped by the perspective of Holocaust research.

Left to right: George Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US) and Osbert Peake (UK). Photo: USHMM.

The first written accounts of the subject appeared as early as the final phase of the Second World War and the immediate postwar period, within the sphere of Jewish organizations that had worked to save the Jews of Europe and therefore took a keen interest in the Bermuda Conference.1 In the late 1960s, historians first gained access to the previously unpublished documents from the conference and began a more in-depth examination of the conference, which continued from the 1970s into the 1980s.2 Since then, the Bermuda Conference has repeatedly been cited as an example of the Allies’ failure to rescue the Jews. Although the Bermuda Conference bears the title “on the refugee problem,” migration scholars have so far neglected the topic. If at all mentioned, the only references to the conference are to the findings of the aforementioned research in Holocaust Studies, but there are no thorough examinations from the perspective of Historical Migration Research.3 How can an approach situated in this field produce new insights into a topic that historians have already engaged with for decades?

Cover of Arieh Tartakower and Kurt Grossmann’s “The Jewish Refugee”, one of the earliest writings that mention the 1943 Bermuda Conference. Photo: Biblio.

First of all, considering the Bermuda Conference through the lens of Migration History allows us to shift the analytical focus from the ever-pending question in existing literature of “why were the Jews not rescued?” to “how did states manage, restrict, classify, and govern mobility a) under wartime conditions and b) in view of humanitarian catastrophe?” By doing so, we widen our perspective in two ways. On the one hand, we are able to see beyond the image of the “failed conference” to consider the individual and collective agency of a broadened variety of actors – governmental as well as non-governmental – involved. On the other hand, by considering the Bermuda Conference as part of the development of a refugee and migration regime over the span of the 20th century, not just the Holocaust and the events of the Second World War, longer path dependencies become visible, some of which continue to shape our present. Consequently, the Bermuda Conference shifts from a one-dimensional event of humanitarian failure to a nexus of multiple historical streams spanning the 20th and into the 21st century.

To take these approaches seriously means to read the Bermuda Conference against the grain. While still paying attention to the existing research, this demands an emancipation from established knowledge on the topic in question. To consider the Bermuda Conference as part of a Migration Regime4 in perpetual development, rather than a short-handed response to catastrophe, sheds a different light on one of its main aspects: its purpose. From their experiences gained throughout the First World War and its aftermath, the US and UK were well aware that the “refugee problem” would only increase once the fighting was over. While in 1918 the necessary structures to address the mounting crisis were only in their infancy and – due to member states’ adherence to state sovereignty and rising interwar nationalism, which led to a lack of robust enforcement powers – never developed into a fully functioning system.5 Reinterpreting the 1943 Bermuda Conference as an attempt to preempt chaos already looming on the horizon – in the spring of 1943, the question was not if the Allies would win the war but when – shifts its focus from the problem of the conference’s present to laying the foundation for future action.

“a great place in the post-war picture”? United States Delegation: Bermuda Conference Minutes Morning Conference, April 23, 1943. Source: National Archives and Records Administration (NARA), RG 59, Lot File no. 52 D 408, Box 3.

This reinterpretation allows us to recontextualize the conference’s outcome not as “meager results” and “failure” but as the starting point for long-term developments and institutional as well as conceptual path dependencies that only became visible years after the conference ended. The re-establishment and revision of the Intergovernmental Committee on Refugees in the context of the Bermuda Conference, its care and maintenance for refugees together with the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) from this perspective appear as strategic rather than accidental and of long-term consequence with the transfer of responsibility first to the International Refugee Organization (IRO) in 1947 and ultimately to the office of the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) in 1951.6

  1. i.e., World Jewish Congress officials Arieh Tartakower and Kurt Grossmann: A. Tartakower and K. Grossmann, The Jewish Refugee (New York, NY 1944); K. Grossmann, ‘The Final Solution,’ The Antioch Review 15, 1 (1955), 55–72. ↩︎
  2. A.D. Morse, While Six Million Died (New York, NY 1968), 37–64; H.L. Feingold, Politics of Rescue: The Roosevelt Administration and the Holocaust 1938–1945 (New York, NY 1970), 167–207; S.S. Friedman, No Haven for the Oppressed: United States Policy Toward Jewish Refugees, 1938–1945 (Chicago, IL 2017), 155–80; Y. Bauer, The Holocaust in Historical Perspective (Seattle, WA 1978), 26–28, 84, 131–132, 151; M.N. Penkower: The Jews were expendable. Free World Diplomacy and the Holocaust (Urbana, IL 1983), 98–21; M.N. Penkower, ‘The Bermuda Conference and Its Aftermath: An Allied Quest for ‘Refuge’ during the Holocaust’, in M. Marrus (ed) The Nazi Holocaust. Part 8. Bystanders to the Holocaust, Vol. 1 (Berlin 1989), 413–32; H. Druks, The Failure to Rescue (New York, NY 1977), 39–47; D.S. Wyman, The Abandonment of the Jews: America and the Holocaust, 1941–1945 (New York, NY 2007), 104–23; D.S. Wyman, America and the Holocaust. A Thirteen Volume Set Documenting the Editor’s Book The Abandonment of the Jews. Volume 3: The Mock Rescue Conference: Bermuda (New York, NY 1990). ↩︎
  3. A sample in alphabetical order: I. Abella and H. Troper, None Is Too Many: Canada and the Jews of Europe, 1933–1948 (Toronto 1991); Y. Bauer, Jüdische Reaktionen auf den Holocaust (Berlin 2012); R. Breitman and A.M. Kraut, American Refugee Policy and European Jewry, 1933–1943 (Bloomington, IN 1987), 139; D. Dwork and R.J. van Pelt, Flight from the Reich: Refugee Jews, 1933–1946 (New York, NY 2009); R. Erbelding, Rescue Board: The Untold Story of America’s Efforts to Save the Jews of Europe (New York, NY 2018); T. Kushner, Refugees in an Age of Genocide: Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century (London 1999); T. Kushner, ‘The Western Allies and the Holocaust’, Holocaust and Genocide Studies, 5, 4 (1990), 381–402; P.A. Levine, ‘Attitudes and Action: Comparing the Responses of Mid-Level Bureaucrats to the Holocaust’, in D. Cesarini and P.A. Levine (eds) Bystanders to the Holocaust. A Re-Evaluation (Hoboken, NJ 2014), 212–36; L. London, Whitehall and the Jews, 1933–1948: British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holocaust (Cambridge 2003); M. Marrus, Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert (Berlin 1999); M. Marrus, The Holocaust in History (Hanover, NH 1987); R. Medoff, The Jews Should Keep Quiet (Lincoln, NE 2019); S. Musch, ‘Zwischen Bermuda und Palästina: Arieh Tartakowers und Kurt R. Grossmanns Suche nach Rettung für jüdische Flüchtlinge 1944’, Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History, 15 (2018), 576–582; J. Newman, Nearly the New World: The British West Indies and the Flight from Nazism, 1933–1945 (New York, NY 2019); A. Patt, ‘No Place for the Displaced: The Jewish Refugee Crisis before, during and after the Second World War’, in S.T. Katz and J. Wetzel (eds) Refugee Policies from 1933 until Today. Challenges and Responsibilities (Berlin 2018), 97–121; G. Schubert, Der Fleck auf Uncle Sams Weißer Weste: Amerika und die jüdischen Flüchtlinge 1938–1945 (Frankfurt am Main 2003); M. Sompolinsky, Britain and the Holocaust: The Failure of Anglo-Jewish Leadership? (Brighton 1999); B. Taylor, Refugees in Twentieth-Century Britain: A History (Cambridge 2021); G. Wallance, ‘The World Jewish Congress during World War II’, in M. Rosensaft (ed) The World Jewish Congress, 1936–2016 (New York, NY 2017); B. Wasserstein, Britain and the Jews of Europe, 1939–1945 (London 1999). Recently, the present author, together with Sebastian Musch, tried to break up this narrative; see S. Musch and A. Heyen, ‘The Bermuda Conference in April 1943: Allied Politics, Jewish Organizations, and the Emergence of the International Migration Regime’, Holocaust Studies, 30, 2 (2024) 290–307. ↩︎
  4. C. Rass und F. Wolff, ‘What is in a Migration Regime? Genealogical Approach and Methodological Proposal,’ A. Pott et al. (eds.), Was ist ein Migrationsregime?/What is a Migration Regime? (Wiesbaden 2018), 19–64. ↩︎
  5. M. Mazower, Governing the World. The History of an Idea (London 2012), 199. ↩︎
  6. Musch and Heyen, ‘The Bermuda Conference’, 2024. ↩︎

Team NGHM in Tutzing | Conference “From Geneva to Schengen”

Jessica Wehner und Annika Heyen während der Tagung (Foto: Marcel Berlinghoff)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Annika Heyen während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Annika Heyen stellte ihren Ansatz, die bisher nur aus der Perspektive der Holocaustforschung und der Jüdischen Studien untersuchte Bermuda-Konferenz von 1943 aus einem migrationshistorischen Blickwinkel zu betrachten, zur Diskussion. Anhand einer Fallstudie zum Mandat der Konferenz selbst sowie das vorgeschlagene Mandat ihres Hauptprodukts, dem wiederbelebten Intergovernmental Committee on Refugees, präsentierte sie unter dem Titel „‚In Limited Terms‘: The 1943 Bermuda Conference on the ‚Refugee Problem‘ and the Emergence of the Post-War Refugee Regime“ ihre These, dass die Konferenz zwar als Reaktion auf den öffentlichen Druck auf die Regierungen der USA und des Vereinigten Königreichs infolge des „Problems“ der verfolgten Jüdinnen und Juden Europas stattfand, jedoch den Blick bereits auf die Zukunft richtete. Ihre These stützte sich auf die Beobachtung, dass die Alliierten aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs ableiten konnten, dass das eigentliche „refugee problem“ erst nach Ende der Kampfhandlungen beginnen würde, und, dass sie im Verlauf der Konferenz versuchten, mit der Wiederbelebung des IGCR internationale Strukturen zu schaffen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Zu diesem Zweck waren Reformen des Komitees nötig, die ihm die nötige Flexibilität verliehen, um auf jede neue Entwicklung im Hinblick auf die Flüchtlingskrise flexibel reagieren zu können. Während die Teilnehmer der Bermuda-Konferenz also über eine relativ kleine Gruppe von gerade einmal 56.000 Personen sprachen, für die sie auch unter Kriegsbedingungen Lösungen zu finden hofften, schlugen sie ein offener formuliertes Mandat für das IGCR vor. Es solle Schritte unternehmen

“… to preserve, maintain and transport those persons displaced from their homes by their effort to escape from areas where their lifes and liberty are in danger on account of their race, religion or their political beliefs.“ (US and UK Delegations to the Bermuda Conference, Final Report to the Governments of the United Kingdom and the United States of America, May 20, 1943, National Archives UK, National Archives UK, FO 371/36725.)

Jessica Wehner während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Jessica Wehner thematisierte in ihrem Beitrag aktuelle Ergebnisse aus ihrem Dissertationsprojekt “Normen, Praktiken und Marginalität. Aushandlungen an den Rändern des Displacement-Managements der International Refugee Organization (1946-1952)”. Zentral dabei ist die Bedeutung von Whiteness in verschiedenen Aushandlungen im Migrationsregime der Nachkriegszeit, bei denen forced migrants durch Statuszuweisungen kategorisiert werden sollten. Anhand von Beispielen als “muslimisch” bzw. “asiatisch” gelesener Personen innerhalb der Großkategorie “Displaced Persons” diskutierte Wehner, welche Herausforderungen die Gruppen bei der Aushandlung des DP-Status und von Resettlement-Optionen bewältigen mussten und wie die Ergebnisse der Aushandlung Mobilitätschancen öffneten oder verschlossen. Der Vortrag berührte dabei Fragen nach rassifizierenden Zuschreibung und damit einhergehender (Un-)Erwünschtheit als nicht-westlich gelesener Personen.

v.l.n.r.: Marcel Berlinghoff, Annika Heyen und Jessica Wehner (Foto: Akademie Tutzing)

Dabei waren auch zahlreiche Kolleg:innen und Freund:innen von Team NGHM. Ein weiteres Gesicht aus den Reihen des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” war Isabella Löhr, PI im Projekt A5 “›Flüchtlinge‹ und andere: Die Produktion fluchtbezogener Figuren seit den 1970er Jahren” mit ihrem Vortrag “Being a Refugee in Post-War Germany: The Internationalisation and Political Belonging of a Contested Figure.” IMIS-Kollege Marcel Berlinghoff referierte über “Humanitarian Admission and Political Constraints: The Ambivalent Resettlement of Vietnamese Boat Refugees in Europe.” Darüber hinaus gab es ein Wiedersehen unter anderem mit Matti Välimäki, der sich Anfang des Jahres als Gast am IMIS aufgehalten hatte, und Philipp Strobl, mit dem die NGHM über die letzten Jahre eng im Bereich der DP-Forschung zusammengearbeitet hat.

NGHM liest | 10 | Detlev Peukert: Die Weimarer Republik (1987)

War Weimar eine gescheiterte Demokratie, oder der Höhepunkt einer Epoche, die sich selbst delegitimierte? Detlev Peukerts Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne – der zehnte Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Deutsche Zeitgeschichte – verschob bei seiner Publikation im Jahr 1987 den Blick auf die erste deutsche Demokratie weg von einer bloßen Deutung als Vorgeschichte des Nationalsozialismus. An ihre Stelle trat die Sozial- und Kulturgeschichte einer Gesellschaft, in der die Modernisierung selbst pathogene Züge entfaltete.

Als das Buch im Suhrkamp-Verlag erschien, war Peukert wissenschaftlicher Assistent an der Universität Essen, wo er seit 1978 bei Lutz Niethammer gearbeitet hatte. 1988 übernahm er die Leitung der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, ein Jahr später wurde er zum Professor in Essen berufen. 1990 verstarb er, noch nicht 40 Jahre alt, an den Folgen von Aids. Promoviert hatte er 1979 bei Hans Mommsen über die KPD im Widerstand, habilitiert hatte er sich 1984 bei Niethammer mit einer Arbeit zur Geschichte der deutschen Jugendfürsorge. Bis 1978 Mitglied der DKP, danach der SPD, gehörte Peukert zu jener Generation westdeutscher Historiker:innen, die das Verhältnis von Wissenschaft und Holocaust als Frage der Moderne selbst zu stellen begann. Aus der Alltagsgeschichte kommend, entwickelte er einen Zugriff, der Sozialdisziplinierung, Sozialstaat und Aussonderung als Seiten desselben Prozesses lesbar machte.

Das Cover des Sammelbandes zum Werk von Detlev Peukert zeigt dessen Portrait – Rüdiger Hachtmann / Sven Reichardt (Hrsg.), Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015).

Peukert liest die Republik nicht als Niedergangsgeschichte, sondern als Höhepunkt und zugleich Krisenphase der ›Klassischen Moderne‹, deren Epochenzuschnitt er bewusst nicht deckungsgleich mit der politischen Periode 1918–1933 setzt: Sie reicht für ihn von der Jahrhundertwende bis um 1930. Die Weimarer Republik steht in dieser Deutung unter dem Vorzeichen einer allgemeinen Krise dieses Umbruchs. Dabei kennzeichnet die Epoche keinen zaghaften, sondern einen beschleunigten Wandel: Sozialstaat, Massenkultur, Geschlechterordnungen und politische Konflikte entfalten sich gleichzeitig und delegitimieren sich gegenseitig. Die Republik wurde, so Peukert, schließlich von bestimmten Kräften zum Scheitern gebracht, ohne dass dieses Scheitern zwingend determiniert gewesen wäre.

Methodisch verbindet Peukert dabei politische Strukturanalyse mit Sozialpolitik-, Alltags- und Kulturgeschichte. Den ›mittleren Jahren‹ der Republik, etwa zwischen 1924 und 1929, gibt er besonderes Gewicht: An ihnen zeigen sich bei Peukert Krisenanfälligkeit und Belastbarkeit des Gemeinwesens zugleich. Eine seiner Charakterisierungen der Weimarer Kultur, die das mondäne und atemlose Durchspielen aller Möglichkeiten der Moderne in einer Bewegung beschreibt, in der die Stilarten erprobt und nahezu gleichzeitig wieder verworfen werden, ist über das Buch hinaus zur Formel geworden: Norbert Lammert hat sie in seinem Festvortrag vor der Shakespeare-Gesellschaft 2009 in Weimar aufgegriffen.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6209-598 5.

Das Buch gilt bis heute als Standardwerk. Helmut Walser Smith würdigt Peukert in einer Rezension des von Rüdiger Hachtmann und Sven Reichardt herausgegebenen Sammelbandes Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015) als einen der produktivsten deutschen Nachkriegshistoriker und das Weimar-Buch als verblüffende Synthese. Allerdings setzte auch die Kritik früh ein. Smith und andere Beiträger:innen des Bandes problematisieren den Begriff der ›Klassischen Moderne‹ als zu vage. Ähnlich grundsätzlich kritisiert Frank Bajohr in seinem Beitrag, dass Peukert nahezu ohne internationale, vergleichende Perspektive arbeitete und dass der Bezug zum Antisemitismus und zur konkreten Praxis der NS-Politik in seinem Werk unterbelichtet blieb. Auf einer anderen Ebene setzten Moritz Föllmer und Rüdiger Graf an: Sie befragten die enge Verknüpfung von ›Weimar‹ und ›Krise‹ als historiografisches Narrativ, deren Ergebnisse 2005 in dem Sammelband Die ›Krise‹ der Weimarer Republik erschienen. Christoph Thonfeld ordnet die Studie 2016 in Krisenjahre revisited historiografisch ein: Sie sei rasch stilbildend für einen sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff auf die Weimarer Republik geworden, habe aber, so seine Bilanz nach rund zwei Jahrzehnten Forschung, letztlich mehr Fragen aufgeworfen als sie beantwortet habe.

Denn die Inkongruenz zwischen Peukerts Epochenzuschnitt der Klassischen Moderne und der politischen Periode 1918–1933 ist kein Webfehler des Buches, sondern sein analytisches Programm. Wer die Republik nicht aus 1933 zurückliest, sondern in einen längeren Bogen ambivalenter, destruktiv-pathogener Modernisierung stellt, gewinnt den Blick auf Konfliktlinien, die in einer Niedergangserzählung verschwinden würden. Peukerts Weimar ist eine Gesellschaft, die mit ihrer eigenen Modernität nicht zurechtkommt, weil sie zu viel davon zugleich erlebt.

Wer in den ersten Beiträgen dieser Reihe Foucaults Argument folgt, dass moderne Macht produktiv wirkt, also Subjekte, Wissen und Kategorien hervorbringt, kann Peukerts Zugriff als eine zeitgeschichtliche Anwendung dieses Arguments verstehen: Sozialstaat und Sozialdisziplinierung, Fürsorge und Aussonderung erscheinen in der Klassischen Moderne dann nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten desselben Prozesses.

Später in dieser Reihe wird mit Ulrich Herberts Das Dritte Reich ein Werk besprochen, das Peukerts Frage nach der Moderne als Bedingung des NS in andere methodische Bahnen lenkt. Zugleich lässt sich eine Nebenspur des Werks so deuten, dass die Frage nach den Schattenseiten der Moderne für Peukert keine ausschließlich deutsche war: Zwischen 1984 und 1987 publizierte er mehrere Arbeiten zur Geschichte Lateinamerikas, darunter 1986 unter der hispanisierten Form seines bürgerlichen Namens, Detlev Julio K. Peukert, im Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas einen spanischsprachigen Beitrag über die wiederholten Annexionsangebote der Dominikanischen Republik an die USA im 19. Jahrhundert.


Osnabrücker Studierende finden Peukerts Die Weimarer Republik in der Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LQO 6209-598 5 (OPAC).

Detlev Peukert (1950–1990), Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes

(Foto: Jessica Wehner)

Das jüngste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung versammelte unter Leitung von Dr. Sebastian Musch fünf Beiträge, die von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über die digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen reichten. Trotz ihrer thematischen Heterogenität teilten die Beiträge ein gemeinsames Interesse: die Frage, wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen historisch hergestellt werden.


Einmal in jedem Semester bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit diesem Format die Gelegenheit, Abschlussarbeiten, Forschungsperspektiven und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Das TDK-Format führt dabei fünf bis sechs Referent:innen zu 15-minütigen Kurzvorträgen mit knapper Fragerunde zusammen, die ganze Veranstaltung dauert weniger als drei Stunden.



Glaubwürdigkeit und die Kategorie »kriminell« in NS-Prozessen

(Foto: Jessica Wehner)

Im ersten Vortrag stellte Lennart Blömer Befunde aus seiner Bachelorarbeit vor, in der er ein Verfahren der westdeutschen Nachkriegsjustiz zum Strafvollzug im Nationalsozialismus untersuchte. Dabei rückte er die prozessuale Konstruktion von Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit, so der Befund, wurde systematisch demjenigen zugeschrieben, dessen Aussage das gewünschte Narrativ stützte. Der Fall fügt sich in das strukturelle Problem der »wilden Urteile« der frühen Bundesrepublik ein, ohne dass sich daraus eine generelle Aussage über den strategischen Einsatz von Zeugenaussagen in NS-Prozessen ableiten ließe. Die Untersuchung arbeitete zugleich heraus, wie stark die Zuschreibung »kriminell« von unterschiedlichen rechtlichen und zeitlichen Kontexten abhing, etwa der Kategorie des »Berufsverbrechers« nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz von 1934, und verwies auf weitere Verfahren zur Strafanstalt Celle als Anschlussperspektive.

In der Diskussion wurde die Ausdifferenzierung des Kriminalitätsbegriffs vertieft, ebenso die Frage nach Klasse und sozialer Stigmatisierung; deutlich wurde dabei, dass die nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz Inhaftierten bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt sind.

Die digitale Ausstellung zum Vareler »Altersheim« für Displaced Persons

(Foto: Jessica Wehner)

Stellvertretend für eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück stellten im Anschluss Lea Horstmann und Jannik Singer die im April eröffnete digitale Ausstellung zum größten europäischen »Altersheim« für Displaced Persons vor, das zwischen 1950 und 1959 auf einem ehemaligen Kasernengelände in Varel bestand und aus einem über mehrere Semester angelegten Projektseminar von Dr. Sebastian Huhn in Kooperation mit dem Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel hervorging. Im Zentrum standen weniger der Inhalt der Ausstellung als das »Making of«: die systematische Digitalisierung und Auswertung der im Archiv des Heimatvereins verwahrten Meldekartei mit über 1.450 Personen, die redaktionelle Zusammenführung sehr heterogener Texte von Studierenden und Schüler:innen sowie die Möglichkeiten, die das digitale Format gegenüber einer klassischen Ausstellung eröffnet: geringe Kosten, permanente Korrigierbarkeit und Erweiterbarkeit. Vorgestellt wurde auch eine im Kontext einer Digital-History-Übung entstandene WebApp, die die Geburtsorte und Migrationswege der Bewohner:innen auf einer animierten Karte visualisiert und so die Datengrundlage zugänglich macht.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Die Diskussion kreiste um den schmalen Grat zwischen quellengetreuer Genauigkeit und ansprechender Vermittlung, insbesondere bei der Kartendarstellung, die Zwischenstationen der Verfolgung notwendig vereinfacht, sowie um Fragen des Datenschutzes, die durch die Publikation der Namen in den Arolsen Archives teilweise vorentschieden waren.

Displaced Persons als Studierende an der Universität Göttingen

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) präsentierte im ersten wissenschaftlichen Vortrag unter dem Titel »Unter besonderen Bedingungen« Ergebnisse eines Ausstellungsprojekts zu Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten. Die besondere Quellengrundlage bildet die Questur der Universität, die die DP-Studierenden ab dem Sommersemester 1946 gesondert verzeichnete, sodass sich rund 460 Studierende mit DP-Status rekonstruieren lassen, deren nationale Zusammensetzung, Fächerwahl und Wohnsituation Rode differenziert nachzeichnete. Sie betonte die semantische Trennung zwischen der empathisch besetzten deutschen »Vertreibungsgeschichte« und der lange marginalisierten DP-Geschichte und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit zu machen, statt sie zu übergehen.

In der Diskussion wurde auf die Übereinstimmung der nationalen Verteilung mit den von Henning Borggräfe für die IRO nachgewiesenen Mustern hingewiesen sowie auf ergänzende Bestände wie die Review-Board-Files, die Personen an den Rändern des DP-Status sichtbar machen.

Das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. David Templin (SFB 1604, Teilprojekt C1) verschob den Fokus ins späte 20. Jahrhundert und stellte eine Fallstudie zum 1989 gegründeten Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMkA) vor, verortet in der Frage nach der Bedeutung der kommunalen Ebene für die Entwicklung lokaler Migrations- und Integrationspolitiken. Templin skizzierte die »eigentümlich breite Koalition« der Multikulturalismus-Debatte, ordnete das AMkA zwischen Anerkennungspolitik, Kulturalisierung und Symbolpolitik ein und zeigte anhand des Quellenmaterials, wie das Amt über bilaterale Kontakte, bundesweite Vernetzung mit Ausländerbeauftragten und eine europäische Konferenz von 1991 versuchte, ein Gegengewicht zur restriktiven Bundespolitik zu bilden, während sich seine Kompetenzen in der kommunalen Praxis als begrenzt erwiesen.

Die Diskussion fragte nach der Semantik der Benennung als »Amt« im Unterschied zum »Zentrum«, nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus in der Begriffsprägung sowie nach der linken Kritik am Multikulturalismus, die vor allem dessen kulturalisierende Ausblendung struktureller Ungleichheit ins Visier nahm.

Das »gefährliche Archiv«: die verhinderte Geschichte der IRO

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Sebastian Huhn stellte abschließend eine gemeinsam mit Christoph Rass entwickelte Projektskizze zum Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes vor. Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Befund aus den IRO-Beständen der Archives nationales in Paris: Die zunächst von der History Unit erarbeitete offizielle, bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA hin gestoppt, das Team entlassen und die Aufgabe an Louise Holborn übertragen, deren 1956 erschienenes Werk seither als unhinterfragtes Referenzwerk fungiert. Mit Michel-Rolph Trouillot deutete Huhn diesen Vorgang als »Silencing of the Past« in Reinform und hob hervor, dass mit dem unveröffentlichten Hacking-Manuskript eine verhinderte Gegenerzählung für einen quellenkritischen Vergleich vorliegt.

Die Diskussion verband dies mit korpuslinguistischen Verfahren des Textvergleichs, mit denen sich Fortschreibungen, Umdeutungen und Auslassungen zwischen den Versionen systematisch nachweisen lassen, und richtete den Blick auf die noch offene Frage nach Warrens eigentlichen Motiven sowie auf die auffällige Semantik der Buchtitel zwischen geschichtswissenschaftlichem Anspruch und Rechenschaftsbericht.

Die Organisator:innen und Referent:innen des sechsten Tiny Desk Kolloquiums (v.l.n.r.: Lennart Blömer, Christoph Rass & Jessica Wehner (Organisation), David Templin, Maria Rhode, Sebastian Musch (Moderation) und Sebastian Huhn, es fehlen Lea Horstmann und Jannik Singer) (Foto: Annika Heyen)

Zur nächsten Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums laden wir Ende des Wintersemesters 2026/2027 ein!

Ankündigung: Tiny Desk Kolloquium am 2. Juli 2026: Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung

Am 2. Juli 2026 findet die sechste Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt. Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema Migrationsgeschichte vorzustellen und zu diskutieren. 

Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.

Am 2. Juli bietet das TDK unter Leitung von Dr. Sebastian Musch Einblicke in aktuelle Forschung zu Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland und Institutionen der Migrationspolitik der 80/90er Jahre. Ergänzt wird das Programm durch zwei studentische Beiträge. Der erste Beitrag – beruhend auf einer Abschlussarbeit – zu NS-Prozessen gegen Justizpersonal. Im zweiten Beitrag berichten Studierende des Projektseminars “Zwangsmigration, Flüchtlingspolitik und Gesellschaft in Niedersachsen nach dem Zweiten Weltkrieg” über ihre Arbeit und die vor kurzem veröffentlichte Ausstellung zum Altersheim für DPs in Varel.

Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

6. Tiny Desk Kolloquium: Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung
Donnerstag, 2. Juli 2026
14.00 bis 17.00 Uhr
Raum 02/E05

Die erste Ausgabe des TDK widmete sich 2023 der Kooperation mit dem Museum und Park Kalkriese. Dabei wurden  Neuigkeiten aus der Konfliktlandschaftsforschung und der Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Ort der Varusschlacht vorgestellt.

Die zweite Veranstaltung des TDK ermöglichte den Austausch zu Perspektiven im Kontext des Einsatzes von Virtual Reality und 3-D Modellen in Forschung und Lehre.

Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.

Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.

In der fünften Ausgabe des TDK unter dem Titel “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” präsentierten junge Historiker:innen des Historischen Seminars herausragende Abschlussarbeiten und WebApp-Projekte bevor Gäste und NGHM-Mitarbeitende Einblicke in ihre Forschung gaben.

*** Programm ***

6. Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, 2. Juli 2026, 14-17 Uhr, Raum 02/E05

Begrüßung und Einleitung: Dr. Sebastian Musch

Lennart Blömer
Die Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal

Studierende des Projektsseminars
Closed Case? Das Altersheim für Displaced Persons in Varel 1950 bis 1959 – Studierende berichten

Dr. Maria Rhode
Studieren unter besonderen Bedingungen. DPs an der Universität Göttingen 1946-1950

Dr. David Templin
Multikulturalismus und die Stadt. das Frankfurter “Amt für multikulturelle Angelegenheiten” und seine kommunalen Netzwerke in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren

Dr. Sebastian Huhn
„The archives must be considered dangerous“. Zum umkämpften Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes

Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln

Die Tagung

Vom 18. bis zum 20. Juni 2026 hat der Dokumentations- und Lernort Bückeberg gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover nach Hameln in die Räume des Zedita geladen. Der Titel der Tagung stellte eine Frage: »Die NS-Gesellschaft als ›Volksgemeinschaft‹? Inszenierungen, soziale Praxis und Handlungsspielräume«. Das Fragezeichen war Programm.

Im Zentrum stand nicht der Begriff als Etikett, sondern die Prozesse hinter ihm: die propagandistischen Inszenierungen, die lokalen Handlungsspielräume, die soziale Praxis, in der aus einem Wort gesellschaftliche Wirklichkeit wurde. Dabei richtete sich die Tagung an ein bewusst breites Publikum: an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niedersächsischer Gedenkstätten und Erinnerungsorte, an Geschichtsinitiativen, an Forschende, Studierende sowie an Schülerinnen und Schüler. Geschichtswissenschaft und historisch-politische Bildung saßen drei Tage lang am selben Tisch.

Was an diesen drei Tagen zusammenkam, lässt sich hier nur in Ausschnitten nachzeichnen. Das Tagungsprogramm verzeichnet die Vorträge, die parallelen Workshops, das Podium und die Exkursionen vollständig, getragen von Beiträgen aus Forschung und Bildungsarbeit gleichermaßen; die folgenden Notizen greifen einzelne Fäden heraus.

Eine Besonderheit der Konferenz bestand in der Art und Weise, in der unser Tagungsort das Thema trug: Auf dem Bückeberg bei Hameln inszenierten die Nationalsozialisten von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹, eine der größten Massenveranstaltungen des Regimes: ein medial verwertbares Bild einer scheinbar geschlossenen ›Volksgemeinschaft‹, erzeugt, um die Gesellschaft zu spalten und auf den Krieg vorzubereiten. Wer über die Herstellung von Gemeinschaft sprechen will, findet hier ihre Landschaft gewordene Infrastruktur.

Auftakt und Rahmung

Drei Vorträge eröffneten die Tagung und markierten zugleich drei Achsen. Felix Berge (Universität der Bundeswehr München) unternahm unter dem Titel »Wozu ›Volksgemeinschaft‹? Eine historiographische Ortsbestimmung« die begriffliche Vermessung des Geländes. Linda Conze (Kunstpalast Düsseldorf) wandte sich mit »Das Fest und die Fotografie« der bildlichen Inszenierung zu. Und Bernhard Gelderblom (Freier Historiker, Hameln) zeichnete mit »Der lange Weg zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg« die lokale Achse nach, die Geschichte des Erinnerungsortes selbst.

Das Zedita im Bahnhof von Hameln – ein bemerkenswerter Tagungsort (Foto: Rass)

Den Rahmen für unseren Austausch setzte der erste Vortrag. Berge führte den Leitbegriff zurück zu seiner Entstehung im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik und zeichnete die Forschungsdebatten der zurückliegenden Jahrzehnte nach, von der frühen Sozialgeschichte bis zu jener Konjunktur, die die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis fasste und sich in den Sammelbänden um 2009 und 2013 verdichtete. Dabei wog er ab, was der Begriff bedeutet und wo er an seine Grenzen stößt. Seine Ausführungen konturierten ein Koordinatensystem für die kommenden Tage.

Ein Workshop zur Osnabrücker Gestapo-Kartei

Einen anderen Zugang zu denselben Fragen erprobte am selben Donnerstagnachmittag ein Workshop aus der Forschung des Verfassers: nicht über die Inszenierung, sondern über die Verwaltung. Gegenstand war die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück, heute im Niedersächsischen Landesarchiv, eine der nur sechs substantiell überlieferten Karteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im Deutschen Reich.

Die Kartei wurde allerdings bereits 1928 von der Politischen Polizei Preußens im Rahmen einer Verwaltungsreform angelegt. Erst 1933 übernahm die Gestapo das Instrument und führte die Kartei bis Kriegsende fort. Im DFG-Projekt »Überwachung. Macht. Ordnung.« konnten wir diese Kartei vollständig digital erschließen, sodass nun ein Datenmodell granulare Analysen nicht nur der in diesem Konvolut dokumentierten Opferschicksale, sondern vor allem auch des Täterhandelns ermöglicht. Der Workshop nutzte dieses Potential und bewegte sich zwischen der Interpretation einzelner Karten und der Einordnung der Befunde in die größeren Strukturen arbeitsteiliger Herrschaftsproduktion im Regierungsbezirk Osnabrück.

Nutzung des NS-Haftsystems durch die Gestapo Osnabrück (Abbildung: Christoph Rass)

Der Befund lenkt den Blick auf zwei dem Gestapo-Apparat vor- bzw. nachgelagerte Handlungsfelder. Vorgelagert werden Akteure sichtbar, die Zuarbeit leisteten: Das Verfolgungswissen kam nicht zuerst von der Partei oder aus dem Gestapo-Apparat selbst, sondern auch stark aus Verwaltung und Wirtschaft, vom Arbeitsamt, von Firmen, von Landräten und Bürgermeistern; die private Denunziation, in der Erinnerung oft das Sinnbild der Gestapo, rangiert dahinter. Als ebenso nachrangiger Akteur erweist sich die NS-Partei. Nachgelagert konnten wir den Vollzug von Haftstrafen beobachten und das Ineinandergreifen von Institutionen wie Polizeigefängnis, Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager dabei. Dazwischen positionierte sich die Osnabrücker Gestapo als Scharnier oder Schaltstelle. Sie erzeugte das Wissen nicht, sie sammelte es und machte es zur Grundlage ihres Verfolgungshandelns, das nicht selten durch Anforderungen dritter Akteure ausgelöst wurde. Das sich so ergebende Bild erwies sich zudem als stark dynamisch: In der Kriegsphase entfielen fast zwei Drittel der benannten Haftereignisse auf die Diskriminierung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern – aus der Geheimpolizei zur Verfolgung politischer Gegner wurde der Repressionsdienstleister des NS-›Arbeitseinsatzes‹.

Das ist mit ›doing Volksgemeinschaft‹ gemeint (Bondzio 2021). Die Verfolgten wurden nicht durch einen einzelnen, entfesselten Akteur in das System geschleust, sondern durch das Zusammenwirken einer ganzen Gesellschaft: Ämter, Betriebe, Kommunen, Nachbarn. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist hier keine Stimmung und kein Bekenntnis, sondern eine Praxis, und die Kartei verzeichnet sie Vorgang für Vorgang (Rass 2026). Auch die Form des Workshops folgte diesem Gedanken: Drei Gruppen erarbeiteten je eine Perspektive, die Zuarbeit, die Haftwege, die Sprache der Kartei, und erst im Plenum fügte sich das Bild zusammen.

Auf dem Bückeberg

Am Freitagnachmittag führte eine Exkursion an den Ort selbst. Was Bernhard Gelderblom im Eröffnungsvortrag als langen Weg zum Lernort beschrieben hatte, war nun zu begehen: das Gelände, auf dem von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹ inszeniert wurden. Unter der Leitung Albert Speers war der Hang in fünf Jahren zu einer gleichmäßig geneigten Fläche planiert worden, in der angedeuteten Form eines Amphitheaters: unten die Rednertribüne, oben die Ehrentribüne, dazwischen der Mittelweg, Hitlers ›Laufsteg‹ durch die Massen. Der Ort selbst ist das wichtigste Exponat, wie uns Jan Waitzmann und Aljoscha Napp im geführten Rundgang nachdrücklich verdeutlichten.

Blick über das ehemalige Festgelände (Foto: Rass)

Der Dokumentations- und Lernort, 2022 eröffnet, macht das sichtbar, ohne den historischen Ort nachzubauen. Der Grundsatz der Aufarbeitung ist Zurückhaltung: kein Gebäude, keine größeren Eingriffe, keine Rekonstruktion. Gemähte Graswege führen über rund 1,3 Kilometer zu sechs Informationsinseln; eine Gehölzpflanzung markiert den Standort der früheren Rednertribüne, über die Betonfundamente der Ehrentribüne führt ein begehbarer Steg. Wo das Regime monumentalisierte, dokumentiert der Ort; der zurückhaltende Entwurf erhielt 2022 eine Auszeichnung beim Niedersächsischen Staatspreis für Architektur.

Das ist mehr als eine gestalterische Entscheidung; es ist ein didaktisches Argument. Der Ort führt vor, was der Workshop an der Kartei und das Podium an den Begriffen verhandelten: dass ›Volksgemeinschaft‹ hergestellt wurde, hier mit Erdbewegungen, Tribünen und einer Choreografie der Massen. Wer die Herstellung von Gemeinschaft verstehen will, muss diesen Hang einmal hinaufgegangen sein.

Eine Podiumsdiskussion zieht Bilanz

Das Abschlusspodium begann nicht mit einer These, sondern mit einem Ausschnitt aus dem NDR. Am selben Wochenende, am 19. Juni 2026, hatte der AfD-Kreisverband Northeim seinen Kreisparteitag in der Stadthalle Moringen abgehalten, nur wenige Meter von der dortigen KZ-Gedenkstätte entfernt. Rund 600 Menschen protestierten, ein Aufzug führte bis zur Gedenkstätte. Der Kreisverband gilt als extrem rechts und pflegt enge Kontakte zu Björn Höcke. Die Aktualität der Auseinandersetzung liegt an diesem Nachmittag auf der Hand.

Moderiert von Aljoscha Napp, dem pädagogischen Leiter des Lernorts Bückeberg, fragte das Podium, wozu das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in der historisch-politischen Bildung überhaupt taugt. Drei Perspektiven trafen aufeinander, und sie ergänzten sich eher, als dass sie sich widersprachen.

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)

Elke Gryglewski, die die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet, machte den Einwand der Praxis stark. ›Volksgemeinschaft‹ sei ein anonymisierender und ein statischer Begriff: eine amorphe Masse, hinter der sich Verantwortung verbergen lasse, und ein Etikett, das Wandel und Handlungsspielräume schlecht abbilde. In der Bildungsarbeit brauche es Konkretisierung. Dabei sei Niedersachsen ein Glücksfall, weil sich die Radikalisierung der Verfolgungspolitik hier als Prozess an konkreten Orten zeigen lasse, nicht als Sprung von 1933 zum Massenmord. Und Täterschaft müsse aufgebrochen werden, bis zur Mitwisserschaft und zu den ganz alltäglichen Funktionen im Apparat. Wer Quellen nur zur Illustration benutze, ohne sie zu dekonstruieren, reproduziere am Ende die Bilder, die er erklären wollte.

Wiebke Hiemesch, Erziehungswissenschaftlerin und pädagogische Leiterin des ZeitZentrums Zivilcourage in Hannover, berichtete von einem Ort, der den Begriff bewusst meidet. Das ZeitZentrum rahmt seine Lebensgeschichten unter dem Titel ›hannoversche Stadtgesellschaft‹, nicht unter ›Volksgemeinschaft‹, und arbeitet mit der Leitfrage »mitmachen oder widerstehen«, ergänzt um die Frage, was überhaupt möglich war. Ihr Vorbehalt war doppelt: Der Begriff verführe zur Unterkomplexität, und er reproduziere womöglich genau den Mythos, den die Forschung gerade dekonstruiert. Zugleich erinnerte sie daran, dass ›Volksgemeinschaft‹ kein bloßer historischer Quellenbegriff ist, sondern eine Idee, die gegenwärtig Wirkung entfaltet. Und sie benannte einen quellenkritischen Preis: Wer über die Produktion von Gemeinschaft arbeite, erreiche die Perspektive der Ausgeschlossenen oft schwerer.


Die Professur NGHM hat unter der Leitung von Imke Selle und Jessica Wehner bereits mehrere Exkursionen zum Zeitzentrum Zivilcourage angeboten. Dabei wurden unter anderem die Ausstellung ausführlich besucht oder Workshops zu Radikalisierung und Rechtsextremismus durchgeführt.


Aljoscha Napp brachte aus der Bückeberg-Praxis den Zugang über den Gemeinschaftsbegriff ein: Mit jungen Menschen darüber zu sprechen, was Gemeinschaft verspricht, öffne oft erst den Weg zu der Frage, was an Figur und System des Nationalsozialismus eigentlich faszinierte.

Die dritte Stimme, die des Verfassers dieses Beitrags, kam von der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung und formulierte den Vorschlag, ›Volksgemeinschaft‹ nicht als Zustand zu prüfen, sondern als Ergebnis eines kontinuierlichen Herstellungsprozesses zu lesen, als Produkt von Kategorisierung, Verwaltung und Gewalt. Auf dem Podium blieb dieser Gedanke ein Angebot unter anderen. Der folgende Essay führt diese Überlegungen als Diskussionsbeitrag zur theoretischen Rahmung weiter aus.

Vom ›Doing‹ zur ›Produktion‹: Wie wird ›Volksgemeinschaft‹ gemacht?

Was die Forschung mit ›Volksgemeinschaft‹ adressiert, lässt sich noch einmal anders betrachten. Das Stichwort des Workshops, ›doing Volksgemeinschaft‹, weist diese Richtung; weitergedacht stellt sich für uns die Frage, wie sich Praktiken über den Ansatz der Produktion sozialer Fakten mit realweltlicher Wirkung lesen lassen. Im Osnabrücker Sonderforschungsbereich 1604 untersuchen wir die ›Produktion von Migration‹, nicht Migrantinnen und Migranten als gegebene Gruppen, sondern die Verfahren, Diskurse und Institutionen, die solche Gruppen überhaupt erst hervorbringen. Auf die ›Volksgemeinschaft‹ gerichtet, öffnet diese Herangehensweise einen anderen Blick.

Am Anfang einer solchen Annäherung steht eine Entnaturalisierung. Soziale Kategorien sind nicht vorgegeben, sondern Ergebnis von Diskursen, Verfahren und Institutionen. Damit verschiebt sich die Leitfrage. Die ältere Debatte stritt darüber, ob es die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Realität gegeben habe oder nur als Mythos. Beide Lager dieser Debatte teilten eine Annahme: Sie behandelten die Gemeinschaft als Gegenstand, dessen Realitätsgehalt sich bestimmen ließe. Verlassen wir diese Annahme, wird die ›Volksgemeinschaft‹ vom Erklärenden zum Erklärungsbedürftigen. Sie ist dabei kein Mythos, sondern ein Ideologem: eine Idee, die in bestimmter Weise hergestellt wurde, um Gesellschaft zu ordnen, und die sich sehr unterschiedlich mobilisieren ließ.

Hergestellt wurde damit soziale Ordnung nicht zuletzt über Figuren, die implizit oder explizit stets paarweise auftreten. Den ›Volksgenossen‹ und die ›Volksgenossin‹ gibt es nur gepaart mit der oder dem ›Gemeinschaftsfremden‹; beide entstehen im selben Akt und brauchen einander. Reinhart Koselleck hat solche asymmetrischen Gegenbegriffe beschrieben (Koselleck 1979): ein ›Wir‹, das sein ›Nicht-Wir‹ zugleich erzeugt und entwertet. Manchmal stehen beide Figuren ausdrücklich in den Quellen. Oft ist die eine nur als Schatten der anderen anwesend. Sie aber auch dort zu sehen, wo sie nicht genannt wird, gehört zu unserer Forschungsdisziplin. Denn dass diese Abwesenheit kein Zufall der Überlieferung ist, sondern hergestellt, hat Michel-Rolph Trouillot gezeigt: Das Verschweigen beginnt bereits dort, wo aus Geschehenem Quelle wird (Trouillot 1995), und genau deshalb gehört die ungenannte Figur nicht an den Rand, sondern in den Befund.

Auch an anderer Stelle kann uns der Ansatz der Produktion sozialer Ordnung helfen, den Blick zu schärfen, wenn wir Inklusion und Exklusion nicht als zwei Zustände lesen, die sich binär verorten, sondern als stets koproduzierte Abstufungen auf einem Kontinuum der Zugehörigkeit. Der Ausgeschlossene steht nicht außerhalb der Ordnung, er bleibt in sie eingeschlossen, gerade indem sie ihn ausschließt. Giorgio Agamben nennt diese Operation eine einschließende Ausschließung (Agamben 1995). Die Migrationsforschung fasst dieselbe Logik über Paul Mecherils ›natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit‹ (Mecheril 2003), eine Ordnung, die Menschen in ein ›Wir‹ und ein ›Nicht-Wir‹ sortiert und Zugehörigkeit prekär macht. Soziale Ordnung entsteht über Operationen, die ein- und ausschließen. Die Idee einer Gemeinschaft ist dabei ein mobilisierbarer Operator.

Die Produktion sozialer Ordnung wiederum braucht Apparate. Die ›Volksgemeinschaft‹ produzierte sich weder allein auf Parteitagen noch allein auf dem Bückeberg, der selbst Infrastruktur und Medium war. Sie wurde in Ämtern und auf Papier hergestellt: in Meldekarteien, Erbkarteien und Sippenakten, ebenso aber auch in Tagebüchern, Fotos und Denkmälern. Wie das praktisch aussieht, lässt sich an einem schlichten Vorgang zeigen. Eine Karteikarte, auf der eine Rubrik angekreuzt wird, macht in einem einzigen Verwaltungsakt aus der einen Person eine ›Volksgenossin‹ und aus der anderen eine ›Gemeinschaftsfremde‹. Nicht die Karte hält fest, wer dazugehört: Sie stellt die Zugehörigkeit erst her, und dieser Statusfestschreibung blieben Mobilisierbarkeit, Aufrufbarkeit. Ob jemand zum ›Volksgenossen‹ wurde, entschied sich also nicht allein im eigenen oder im kollektiven Zugehörigkeitsgefühl, sondern in einer Akte. Letztlich hat 1933 eine soziale Gruppe den Staat übernommen und mit ihm dessen Klassifikationsmacht (Bourdieu 1982); im NS-Staat wurde Teilhabe an dieser Macht, das Mitsortieren der anderen, zu einem Weg, um die eigene Zugehörigkeit zu reklamieren. Unter die Klassifizierenden eingeordnet zu werden, bot Potenzial für den Erwerb von sozialem Kapital, und zu klassifizieren stabilisierte die Zugehörigkeit.

Diese imaginierte Gemeinschaft der NS-Gesellschaft machte sich also selbst, letztlich mit brutaler Gewalt: Boykott, Denunziation, Pogrom, Mord waren nicht Folgen einer bereits bestehenden Gemeinschaft. Es waren die Akte, in denen sie sich überhaupt erst hervorbrachte. Wenn in der Forschung vom Mitmachen die Rede ist, meinen wir eine Mitmachveranstaltung mit tödlichem Ausgang.

Sich an diesem Prozess zu beteiligen oder ihm ausgeliefert zu sein, blieb nicht folgenlos. Es verändert nicht nur die soziale Position, sondern auch das Handeln. Ian Hacking hat das die Rückkopplung des ›making up people‹ genannt (Hacking 1986): Wer benannt wird, verändert sich, und die veränderten Menschen verändern wiederum die Kategorie. Das gilt für die Ausgeschlossenen ebenso wie für jene, die sich durch Akzeptanz, Zuschauen und Täterschaft positionierten. Auch sie wurden zugerichtet, in Rollen und Figuren, in die sie sich selbst hineinreklamierten.

Aus solchen Überlegungen ergeben sich rasch auch Ableitungen für unseren Umgang mit Sprache. Rogers Brubaker und Frederick Cooper unterscheiden zwischen Kategorien der Praxis und Kategorien der Analyse (Brubaker/Cooper 2000). ›Volksgemeinschaft‹ ist eine Kategorie der Praxis, ein Quellenbegriff, kein Analysebegriff. Das Wort gehört den Täter:innen. Die Aufgabe der Forschung ist die Analyse seiner Herstellung, nicht die reproduzierende Übernahme. Mit Émile Durkheim ließe sich formulieren: Der eigentliche soziale Tatbestand (Durkheim 1895) ist nicht die ›Volksgemeinschaft‹, sondern der Herstellungsprozess in seiner Macht.

Solche Überlegungen sind keine Begriffsgeschichte um ihrer selbst willen. Die Ideologeme der NS-Zeit begleiten uns noch immer, auch wenn sie sich in andere Begriffe kleiden. Armin Nassehi hat in seinem Briefwechsel mit Götz Kubitschek (geführt 2014, veröffentlicht 2015) den Kern rechten Denkens darauf zurückgeführt, dass menschliche Existenz nur noch als unhintergehbare Gruppenexistenz vorstellbar werde (Nassehi 2015). Über diesen Befund lässt sich zuspitzen: Diese Gruppe wird ethnisch, kaum verhüllt auch rassisch definiert, und sie funktioniert nach derselben Logik der einschließenden Ausschließung wie die historische ›Volksgemeinschaft‹.

Forschung und Vermittlung stehen damit vor einer gemeinsamen Herausforderung. Eine Produktionsperspektive bewährt sich erst dort, wo sie sich in eine Führung oder eine Unterrichtsstunde übersetzen lässt. Die Frage nach dem Apparat ist nichts anderes als quellennahe, konkrete Arbeit, wie die Gedenkstätten sie täglich leisten und wie sie der Workshop an der Osnabrücker Kartei vorgeführt hat; das Figurenpaar verlangt, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen, dort, wo nur der ›Volksgenosse‹ im Bild ist, ebenso wie dort, wo sein Opfer in den Blick genommen wird und der Täter abwesend scheint. Eine Schwierigkeit bleibt: Wer die Produktion von Gemeinschaft adressiert, kann Gefahr laufen, den Produzenten mehr Raum zu geben als den Ausgeschlossenen und der Stabilisierung sozialer Ordnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als deren Bruchstellen. Dagegen hilft ein ständiger Perspektivenwechsel. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist nicht das Erklärende, die Produktion sozialer Ordnung mit Hilfe dieses Ideologems ist das, was erklärt werden muss.

Literaturauswahl

  • Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002 (it. 1995).
  • Bondzio, Sebastian: Doing ›Volksgemeinschaft‹. In: Geschichte und Gesellschaft 47/3 (2021), S. 343–379.
  • Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982 (frz. 1979).
  • Brubaker, Rogers / Cooper, Frederick: Beyond „Identity“. In: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47.
  • Durkheim, Émile: Die Regeln der soziologischen Methode (frz. Les règles de la méthode sociologique, 1895).
  • Hacking, Ian: Making Up People. In: Thomas C. Heller u.a. (Hg.): Reconstructing Individualism. Stanford 1986.
  • Koselleck, Reinhart: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. In: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1979.
  • Mecheril, Paul: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster/New York 2003.
  • Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann, Hamburg 2015.
  • Rass, Christoph: Verfolgung als arbeitsteilige Praxis. Die Gestapo Osnabrück, das NS-Haftsystem und die ›Volksgemeinschaft‹ im Spiegel einer Karteiüberlieferung. In: Osnabrücker Mitteilungen (2026, eingereicht).
  • Trouillot, Michel-Rolph: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston: Beacon Press 1995.

NGHM liest | 08 | Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer (1976)

Was lässt sich aus den Worten eines friaulischen Müllers über die Welt des späten 16. Jahrhunderts lernen, und warum gerade aus seinen? Carlo Ginzburgs Der Käse und die Würmer, der achte Titel der NGHM-Leseliste, ist einer der klassischen Texte der Mikrogeschichte und stellt diese Frage so konsequent, dass das Buch das Profil dieses Forschungsansatzes maßgeblich geprägt hat: der Microstoria.

Carlo Ginzburg, 1939-2026 (CC BY-SA 3.0)

In der Nacht zum 17. Juni 2026 ist Carlo Ginzburg in Bologna gestorben, im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verliert die Geschichtswissenschaft einen ihrer einflussreichsten und international am breitesten gelesenen Vertreter. Dieser Eintrag in unserer Literaturliste liest sich nun anders. Was als Lektürehinweis zu einem methodischen Klassiker gedacht war, wird auch zum Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Forschung: von der ersten Friaul-Studie (1966) bis zu Il vincolo della vergogna, das Ginzburg noch im Februar 2026 in Bologna vorstellte.

Beginnen wir mit einer Szene aus dem Archiv. Im Sommer 1962 stößt ein junger Historiker im Inquisitionsarchiv der erzbischöflichen Kurie in Udine in einem von einem lokalen Inquisitor angelegten Index auf den Namen eines Müllers: Domenico Scandella, genannt Menocchio, geboren 1532 im Friaul, zweimal vor das Heilige Offizium gestellt, schließlich als Häretiker hingerichtet. Der Historiker notiert sich den Fall, lässt ihn liegen, kehrt zu anderen Themen zurück. Erst Jahre später nimmt er die Akten wieder auf. 1976 erscheint bei Einaudi in Turin ein schmales Buch, das die Geschichtswissenschaft verändert. Carlo Ginzburg, geboren 1939 in Turin, ist zu diesem Zeitpunkt Dozent in Bologna. Dort wird er in den Jahren nach 1970 in Debatten über das Verhältnis von Volkskultur und gelehrter Hochkultur hineingezogen: der unmittelbare Kontext der Studie.

Ginzburg studierte an der Scuola Normale Superiore in Pisa, wo er 1961 abschloss, und lehrte ab den 1970er Jahren an der Universität Bologna, bevor er 1988 als Franklin D. Murphy Professor of Italian Renaissance Studies an die UCLA wechselte und 2006 nach Pisa zurückkehrte. Lehrtätigkeiten an amerikanischen Universitäten, unter anderem in Harvard, Yale und Princeton, ergänzten diesen Weg.

Auch die Familienbiographie wirkt in das Werk hinein: Sein Vater Leone Ginzburg, eine Schlüsselfigur des antifaschistischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung Italiens, starb im Februar 1944, in den Händen der Gestapo, an den Folgen der Folter im römischen Gefängnis Regina Coeli. Ginzburgs Mutter, Natalia Ginzburg, wurde zu einer der einflussreichsten italienischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Seine erste Friaul-Studie, I benandanti von 1966, hatte Ginzburg bereits in das Feld frühneuzeitlicher Volksreligiosität geführt. Mit Menocchio fand er einen Fall, der die offene Frage dieses Feldes auf eine eigene Weise bündelte: ob und wie sich die kulturelle Welt der Sprach- und Schriftlosen rekonstruieren lässt, wenn die einzigen Quellen Verhörprotokolle ihrer Verfolger sind.

Das Buch wählt einen ungewöhnlichen Weg. Statt mit einer methodischen Programmatik beginnt Ginzburg mit Brechts Gedicht vom ›lesenden Arbeiter‹, ein Vorzeichen dafür, dass die Studie eine politische Frage ist, bevor sie eine methodische wird: Wer hat in den überlieferten Archiven der Macht eine Stimme, und wer nicht?

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6150-953 7.

Im Zentrum des Buches stehen zwei Inquisitionsverfahren von 1583/84 und 1599 gegen den lesefähigen Müller. Aus den Verhörprotokollen rekonstruiert Ginzburg eine häretische Kosmogonie, derzufolge Welt, Engel und Gott aus einem chaotischen Urstoff spontan entstanden seien, analog zur Würmerbildung im Käse. Diese Kosmogonie ist weniger Menocchios geschlossene Lehre als Ginzburgs Lesart fragmentarischer, im Verhör erpresster Aussagen: Im Protokoll von 1584 erläutert der Müller, alles sei zunächst ein Chaos aus Erde, Luft, Wasser und Feuer gewesen, aus dessen Wirbel eine Masse entstanden sei, vergleichbar der Bildung des Käses aus der Milch, in der wiederum Würmer erschienen seien, und diese seien die Engel gewesen. Ginzburg gleicht diese und andere Aussagen systematisch mit den Büchern ab, die Menocchio nachweislich gelesen hatte, etwa der Bibel in der Volkssprache, Boccaccios Decameron und den Reisen des Sir John Mandeville, und arbeitet aus den Verschiebungen, Fehl- und Überinterpretationen ein eigenständiges bäuerliches Weltbild heraus. Daraus entwickelt er seine vielleicht weitreichendste und zugleich umstrittenste These: die Annahme einer beharrlichen, von der gelehrten Hochkultur weitgehend unabhängigen bäuerlichen Kultur mit materialistischen Zügen, die durch Buchdruck und Reformation Sprache und Resonanzraum erhielt, ohne in den gelehrten Häresien aufzugehen.

Methodisch verschränkt sich das Buch mit der Programmatik der Microstoria: der Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabs und der Aufmerksamkeit für den Einzelfall, der Strukturen sichtbar macht, die im Aggregat unsichtbar bleiben. Die dafür oft bemühte Formel vom ›eccezionale normale‹, der ›normalen Ausnahme‹, geht nicht auf Ginzburg zurück, sondern auf Edoardo Grendi (1977); sie bezeichnet eine Denkfigur der gesamten mikrohistorischen Debatte. Diese Debatte war ein kollektives Unternehmen: Sie verdichtete sich um die Zeitschrift Quaderni storici und um die von Giovanni Levi und Ginzburg betreute Einaudi-Reihe ›Microstorie‹. Die Wirkung war international: Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in einer Reihe mit Le Roy Laduries Montaillou diskutiert. Peter Burke, Natalie Zemon Davis, Roger Chartier und Robert Darnton zählen zu den prominentesten Rezipient:innen.

Allerdings setzte auch die Kritik früh an. Paola Zambelli warf Ginzburg in zwei Aufsätzen, Uno, due, tre, mille Menocchio (1979) und From Menocchio to Piero della Francesca (1985), eine zu weitreichende Generalisierung des Einzelfalls vor: Lasse sich aus einem extrem fragmentierten Universum häretischer und devianter Lehren überhaupt ein repräsentatives Weltbild gewinnen? Brigitta Bernet hat in einer Relektüre für Geschichte der Gegenwart gezeigt, dass das Buch zugleich an die politischen Horizonte des linksintellektuellen Italiens der 1960er und 1970er Jahre rückgebunden werden kann und damit weniger ›unschuldig‹ ist, als seine methodische Selbstbeschreibung nahelegt. 1990 besorgte Andrea del Col mit Domenico Scandella detto Menocchio. I processi dell’Inquisizione (1583–1599) eine kritische Edition der zugrunde liegenden Inquisitionsakten bei den Edizioni Biblioteca dell’Immagine in Pordenone. Seitdem ist Ginzburgs Quellenarbeit erstmals breit überprüfbar.

Wer in den vorherigen Beiträgen dieser Reihe Trouillots Frage gefolgt ist, an welchen Stellen der historiographischen Produktion Schweigen erzeugt wird, findet bei Ginzburg eine andere Antwort auf eine verwandte Frage: Inquisitionsakten sind das Archiv einer Verfolgungsmaschinerie, aber gerade ihre detektivische Lektüre, gegen den Strich, kann Stimmen hörbar machen, die die Apparatur eigentlich zum Schweigen bringen sollte. Methodisch verbindet das Buch sich auch mit dem Forschungsprogramm des Osnabrücker SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und unserem Ansatz ›Negotiating Migration‹. Beide behandeln prozessgenerierte Quellen wie Verwaltungsakten, Verhörprotokolle und Registrierungen als zugleich verzerrende und unverzichtbare Zugänge zu den Stimmen subalterner Akteur:innen.

Dieses Lesen gegen den Strich war bei Ginzburg kein Einzelfall, sondern Methode. Der Käse und die Würmer steht nicht für sich, sondern für ein Erkenntnisverfahren, das Ginzberg 1979 auf den Begriff brachte: das ›paradigma indiziario‹, das Indizienparadigma, demzufolge sich historische Wirklichkeit weniger aus Gesetzmäßigkeiten als aus Spuren, Symptomen und unscheinbaren Details erschließt, die der detektivische Blick zu lesen lernt. Von den ›benandanti‹ (1966) über Menocchio bis zu Storia notturna (1989), seiner viel diskutierten ›Entzifferung‹ des Hexensabbats, blieb dieses Verfahren der rote Faden: das Kleine als Zugang zum Großen, das Anomale als Fenster in die Struktur. In seinen späteren Arbeiten richtete Ginzburg den Blick zunehmend auf die Bedingungen historischer Erkenntnis selbst: auf Distanz und Verfremdung als Erkenntnismittel (Occhiacci di legno, 1998) und auf das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und Fiktion (Il filo e le tracce, 2006), das er bis zuletzt gegen einen bequemen Relativismus und gegen die politischen Indienstnahmen der Geschichte verteidigte. Die internationale Resonanz seines Werks, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt vorliegen und das mit Auszeichnungen vom Aby-Warburg-Preis (1992) bis zum Balzan-Preis (2010) bedacht wurde, gründete dabei stets in derselben unbequemen Überzeugung: dass die Wahrheit existiert, ihre Rekonstruktion aber Arbeit verlangt, gerade an den Rändern der Überlieferung.

Im Sommersemester 2026 wird Ginzburgs Müller auch in der Osnabrücker Lektüreübung von Prof. Dr. Christoph Mauntel zur geschichtswissenschaftlichen Grundlagenliteratur gelesen, was darauf hindeutet, dass dieses Buch weit über die Sozialgeschichte hinaus als methodisches Grundlagenwerk gilt. Später in dieser Reihe wird mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgen, deren Frage nach Repräsentation und analytischer Kategorie das Problem der Stimme noch einmal verschiebt.

Was bleibt, ist eine Verschiebung des Maßstabs: Die Größe einer historischen Frage misst sich bei Ginzburg nicht am Umfang ihres Gegenstandes, sondern an der Genauigkeit, mit der ein Einzelfall die Strukturen seiner Welt lesbar macht.


Osnabrücker Studierende finden Ginzburgs Der Käse und die Würmer im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 6150-953 7 (OPAC).

Carlo Ginzburg (geb. 1939), Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main: Syndikat 1979 (italienische Erstausgabe: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio del ’500, Turin: Einaudi 1976).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


›Twice Displaced‹: Queeres ›Displacement‹ im Europa der Nachkriegszeit, Vortrag vom 4. Juni

4. Alfred-Landecker-Lecture mit Samantha K. Knapton (University of Nottingham)

Als Pierre Seel, nach Lager und Wehrmacht 1945 ins Elsass zurückgekehrt, Jahrzehnte später über seine Befreiung schrieb, formulierte er einen ernüchternden Befund: Die wahre Befreiung habe nur den anderen gegolten, nicht ihm. Seel war als homosexueller Mann denunziert, verfolgt, interniert und zum Schweigen gebracht worden. Seine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung blieb zu Lebzeiten aus. Genau an diesem Bruch zwischen einem Kriegsende, das Befreiung verspricht, und einer Nachkriegsordnung, die fortgesetzte Verfolgung organisiert, setzt der Vortrag von Samantha Knapton an.

In der von Sebastian Musch eröffneten und gemeinsam mit dem IMIS und dem SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ ausgerichteten vierten Alfred-Landecker-Lecture entwickelte die Historikerin aus Nottingham, deren erste Monographie den polnischen ›Displaced Persons‹ im britisch besetzten Deutschland gilt (Knapton 2023), ein analytisches Konzept, das sie ›twice displaced‹ nennt. Der Vortrag entfaltete es in drei Bewegungen: einer begriffskritischen Bestimmung des doppelten ›Displacement‹, einer methodischen Reflexion über die Lesbarkeit queerer Geschichte im Archiv und einer mikrohistorischen Vertiefung am Fall Seel.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Die erste These ist zugleich eine Leerstelle: Eine Geschichte des queeren ›Displacement‹ in der unmittelbaren europäischen Nachkriegszeit existiert bislang kaum. Knapton füllt diese Lücke nicht nur durch das Auffinden bislang ungelesener Quellen, sondern durch eine begriffliche Operation. ›Twice displaced‹ meint, dass jene, die zugleich queer und von ›Displacement‹ betroffen waren, mit dem Kriegsende keineswegs an ein Ende ihres ›Displacement‹ gelangten. Die Rekonstruktionsordnung der späten 1940er und 1950er Jahre, von Zeitgenossen als Projekt einer ›Re-Zivilisierung‹ der Gesellschaft gerahmt, schloss sie ein zweites Mal aus: diesmal nicht aus einem Territorium, sondern aus der Anerkennung und aus dem eigenen Leben. Die 1950er Jahre, das ›straighteste‹ Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, errichteten eine Normalität, in der für queere Überlebende kein Ort vorgesehen war. Ihr ›Displacement‹ war also nicht allein physischer Natur, sondern verstetigte sich als dauerhafter Ausschluss aus den früheren Biografien.

Die zweite These betrifft das Archiv und trifft den Kern unserer eigenen methodischen Debatten in der historischen Migrationsforschung. Geschichten queeren ›Displacement‹ sind, so Knapton, nicht abwesend, sondern unlesbar: nicht, weil die Quellen fehlen, sondern weil die übliche empiristische Lektüre an ihnen scheitert. In den Akten erscheinen die Betroffenen als Kategorie der Repression: als ›asozial‹ oder ›politisch‹ in den Verzeichnissen der Konzentrationslager, als Devianz in medizinisch-psychologischen Gutachten, als Kuriosum oder Straftatbestand in den Unterlagen humanitärer Organisationen, alliierter Besatzungsbehörden und arbeitsmarktpolitischer Programme. Eine Bergung dieser Geschichten verlangt daher dreierlei: die ›Stimmen in der Mitte‹ (Fürsorgepersonal, Verbindungsoffiziere), die Rekonstruktion physischer Trajektorien und eine kulturhistorische Relektüre fast jeder Quelle. Wer diese Akten allein nach dem Maßstab klassischer Empirie behandelt, übt nach Knapton eine Form ›epistemischer Gewalt‹. Vielmehr gelte es, eine fragmentarische, lückenhafte und frustrierende Geschichte auszuhalten, eine Haltung, die sie mit Žižek als ›enthusiastische Resignation‹ beschreibt: Wir werden keine lineare Erzählung gewinnen, dürfen uns aber gleichwohl nicht aus dem Archiv zurückziehen.

Besonders prägnant wird die These dort, wo sie die Produktion administrativer Kategorien sichtbar macht. Der Status ›Displaced Person‹ war ein Eligibilitätsartefakt: kriegsbedingt displaced, nicht aus ehemaligem Feindgebiet stammend, anspruchsberechtigt gegenüber der internationalen Hilfe. Viele queere Verfolgte erreichten die Lager gar nicht erst, weil der nicht aufgehobene §175 sie weiter in Haft hielt. Die Alliierten setzten diesen Paragraphen nach 1945 nicht außer Kraft, sondern lasen ihn als Kontinuität des deutschen Strafrechts und verfolgten weiter auf dieser Grundlage bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, die den staus quo ebenfalls fortschrieben. Deutlich wird damit: Das Ausbleiben queerer Verfolgter in den ›DP‹-Lagern ist keine empirische Lücke, sondern ein Produkt der Kategorie selbst.

Am dichtesten verdichtet Knapton ihr Argument im Fall Pierre Seels. Als Sechzehnjähriger meldet Seel den Diebstahl einer Taschenuhr und gerät, weil der Tatort als queerer Treffpunkt bekannt ist, auf eine polizeiliche Liste. Nach der Annexion des Elsass und der Anwendung des §175 wird er 1941 von der SS verhaftet, gefoltert und im Lager Schirmeck interniert; dort wird sein Geliebter Jo vor seinen Augen ermordet, ein Ereignis, das sein Erinnern fortan organisiert. Seine Freilassung bindet das Regime an zwei Bedingungen: Schweigen und deutsche Staatsangehörigkeit. Als zwangsweise Eingebürgerter wird Seel in die Wehrmacht gezogen, ein ›Malgré-nous‹, dessen Erinnerungslücken an der Ostfront bis heute Fragen nach Täterschaft offenhalten. Erst in den frühen 1980er Jahren, angestoßen durch Heinz Hegers ›Die Männer mit dem rosa Winkel‹, bricht er sein Schweigen. Anerkennung durch den französischen Staat als wegen seiner Homosexualität Deportierter erhält er nie. Seel stirbt 2005, nach eigenem Verständnis staatenlos.

Knapton rahmt diesen Fall mit zwei Bezugspunkten, die auch unsere Diskussion trugen. Joanna Ostrowska zeigt für den polnischen Kontext, wie ›Zahl, Nationalität und Gewalt‹ mobilisiert werden, um queere Geschichten als nicht erzählenswert zu markieren, bis hin zur Umetikettierung ihrer eigenen Forschung als Soziologie oder Anthropologie, die der queeren Vergangenheit gerade die historische Existenz abspricht. Anna Hájková wiederum macht mit ihrem Konzept der ›historical citizenship‹ die Zeugenschaft zum konstitutiven Akt: Wer bezeugt, wird Bürger:in der Geschichte. Beide Perspektiven verschieben die Frage von der Quellenlage zur Lektüre, und beide treffen damit ein Anliegen, das die NGHM, das IMIS und der SFB 1604 teilen: die langfristigen, oft transgenerationalen Folgen erzwungener Mobilität gerade für marginalisierte Gruppen ernst zu nehmen.

Was Knapton vorführt, ist weniger ein abgeschlossener Befund als ein Programm. Ob ›Displacement‹ für beide Bewegungen, die kriegsbedingte Deportation und die nachkriegszeitliche soziale Schließung, denselben analytischen Dienst leistet, bleibt produktiv offen, ebenso wie die Frage, welches Kriterium eine disziplinierte Rekonstruktion vom Hineinlesen ins Schweigen scheidet. Gerade Seels Fall, Opfer und mögliches Werkzeug zugleich, ist die härteste Probe auf diese Methode. Wer solche Akten liest, als verlangten sie nichts als empirische Gewissheit, vergisst die Verfolgten ein zweites Mal.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Invitation: Lecture by Dr Samantha Knapton on Queer Experiences of Displacement, 4 June

On June 4 (6:30 pm), the Working Group on Modern History and Historical Migration Studies warmly invites you to a public evening lecture at 15/130. Samantha Knapton from the University of Nottingham will deliver a lecture in English titled “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe.”

Samantha Knapton (Foto: privat)

Samantha Knapton (University of Nottingham) is an Assistant Professor in History specializing in central and east-central Europe, displacement, and humanitarianism. She earned her PhD from Newcastle University (2019) and worked at the University of East Anglia. Her research includes a 2023 monograph on Polish displaced persons in post-war Germany and co-editing a volume on the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). She has held a fellowship in Warsaw and published widely on displacement, repatriation, and Anglo-Polish-German relations.

Abstract

The Second World War affected queer people in unique ways: from the destruction of social structures to a change in culture resulting in a new wave of discrimination, to criminalisation and persecution. These factors, compounded by the challenges of war, produced decades of queer displacement as planners sought to ‘recivilize’ in the wake of war. For those who were both queer and displaced the end of the war did not end their displacement but rather reinforced their exclusion from the great postwar reconstruction efforts. This paper will contextualise the place of those who were doubly marginalized in allied occupied Europe, and further explore how we can recover histories of those ‘twice displaced’ – from their homes and their lives – through extant sources.

The lecture is open to the public.

Hidden Legacies, Untidy Endings. Notes from the InechO Conference in Florence.

What happens to an international organization after it has ceased to exist? On 23 and 24 April 2026, the Alcide De Gasperi Research Centre at the European University Institute in Florence convened a conference of the InechO project (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) on precisely this question.

The framework, developed by Kiran Klaus Patel and his research team at LMU Munich, traces the afterlives of discontinued international organizations along three vectors: people, ideas and practices, resources and objects.

Our work at NGHM on the figure of the ‘displaced person’ and the management of violence-induced mobility in the aftermath of the Second World War, situated within the SFB 1604 ‘Production of Migration’ at Osnabrück University, examines how the political and administrative categories of forced migration are produced and carried forward through the bureaucratic infrastructures, normative frameworks, and practices of international organizations. The IRO sits at the heart of that question. Our paper, which will appear as a chapter in the planned edited volume of the InechO project and was discussed in Florence, reconstructs how the IRO came to an end as an institution..

When we set out, we considered framing the work around the entire interwar network of refugee organizations, from the League’s High Commissioner for Refugees and the Nansen Office through the Intergovernmental Committee on Refugees and UNRRA. For the paper we finally narrowed the scope to the IRO to gain analytical depth in a paper limited in length. After Florence, that earlier framing returns as a necessity rather than an option.

Our Argument in Brief

The International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) was singular in form, combining legal protection and non-refoulement, material care, and the logistical mass resettlement of those classified as ‘displaced persons’ and ‘refugees’ under one institutional roof. Its end fits neither the model of orderly succession nor that of plain dissolution. We propose ‘functional disaggregation’ as a fourth termination type: the deliberate decomposition of an integrated mandate across several successor organizations, each inheriting a specific set of functional components while actively denying institutional continuity. The UNHCR took on legal protection on a minimal budget. The well-resourced ICEM, today’s IOM, received the operational transport apparatus and twelve IRO vessels. The split was not a byproduct of organizational decline. Rather, it was political design, driven above all by the United States. A ‘double amnesia’ accompanied the process: both successors disavowed their IRO origins in carefully curated archives and shifted founding narratives.

Comments by Jessica Reinisch: The Argument Travels Backward

Jessica Reinisch, Christoph Rass, and Sebastian Huhn at the InechO Conference, April 2026.

Jessica Reinisch’s (Director of Birkbeck’s Centre for the Study of Internationalism) discussion of our paper on Friday morning gave us an incisive analysis of our chapter and made, among a number of valuable comments, one decisive point. The pattern we describe for the IRO’s end already characterizes its beginning. UNRRA also had been an integrated organization whose dissolution distributed functions unequally across successors. The IRO is hence not only predecessor but successor as well. Indeed, the historiographical invisibility of the UNRRA-IRO continuity becomes legible through our own model, as an effect of the same curated amnesia we trace on the successor side. The intervention proves productive because the longer chain (High Commissioner for Refugees in 1921, Nansen Office, IGCR, UNRRA, IRO) was the framing we had originally pursued before narrowing it. Florence brought it back. Functional disaggregation does not describe a single termination event. It names a recurrent mode in which the international community has organized and reorganized its response to violence-induced mobility for the better part of a century.

Resonances Across the Programme

Five contributions to the conference resonated particularly closely with our argument. Jane Mumby’s analysis of buildings supplied the sharpest counter-image, and Geneva’s architectural geography turns out to map the geometry of disaggregation almost exactly. The IRO took up its headquarters at the Palais Wilson on the Rue des Pâquis, the lakeside hotel that had served as the League of Nations’ first home from 1920 until the League moved into the purpose-built Palais des Nations in Ariana Park in 1937. When the IRO arrived in 1947, it occupied offices in a building that had turned into a site representing an older order. The UNHCR, by contrast, was placed in 1951 in three rooms of the Palais des Nations itself, the active UN seat, and only moved into its own purpose-built headquarters on the Rue de Montbrillant in 1995. ICEM, and the IOM, the other partial successor of the IRO, never enjoyed that kind of placement: for more than three decades the organization rotated through low-profile rented addresses around Geneva, almost invisible in the city’s diplomatic landscape, until it acquired its own building on the Route des Morillons in 1984. Legal protection – even if modestly funded – was elevated to the symbolic core. Transport of labor migrants – otherwise well-funded – was kept at the urban periphery. The predecessor’s headquarters faded in a former hotel by the lake that turned into a Swiss administration building.

Alessandro Venieri’s paper on data and statistics in international organizations opened an adjacent axis. What outlasts an organization that was set up to solve an imminent crisis is often less a structure than a knowledge infrastructure: the categories, surveys, and statistical conventions that travel into successors regardless of formal succession. The IRO’s eligibility manuals, which migrated into UNHCR practice and from there into national asylum systems, sit on precisely this axis. So do the IRO case files, which continued to be used by successor and tracing organizations for decades after the IRO itself had ceased to exist. Nicole Albrecht described an ‘institutional dispersion’ of the League’s rural welfare programmes across WHO and UNICEF. The contrast with our case lies in agency: where the IRO was disaggregated from above, Albrecht’s Eastern European health experts deployed dispersion strategically, as a mode of survival for their professional networks. Miguel Bandeira Jerónimo introduced ‘institutional refraction’ for the transition from the late-colonial CCTA to the Organization of African Unity, a process in which legal arrangements, technical office routines, and European expert networks ran asynchronously into the successor, and pragmatic appropriation paradoxically carried colonial hierarchies into post-colonial projects. Marine Pierre traced a kindred politics of forgetting in the OEEC-to-OECD transition, where colonial baggage was rhetorically dissolved into the language of a global think tank.

What We Take Away

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

The two days in Florence confirmed that the architecture of contemporary ‘global governance’ is shaped, often invisibly, by such hidden legacies. The line between ‘refugees’ and ‘migrants’ that gives today’s international regime its basic geometry is not a natural fact but the direct outcome of a very specific production of migration, shaped by infrastructural, normative, praxeological, and spatial transformations, among those the formation of the modern ‘refugee regime’ by a lineup of international organizations that were set up and terminated from the 1920s to the 1950s. The disaggregation of the IRO was one event in that complex chain. Reinisch’s intervention, and the resonances across the programme, push the argument back into the longer history we had set aside for the paper we wrote: the interwar refugee organizations, their predecessors, and the recurrent logic by which integrated mandates are repeatedly decomposed and selectively forgotten. Functional disaggregation is hence not the description of an endpoint. It names a mode in which international institutions have ended and begun for the better part of a century, and it opens new avenues for understanding the production of migration in greater granularity.