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Keynote | ICDAR 2026 Wien | Geschichtswissenschaft und Dokumentenanalyse im Dialog

Am 1. September 2026 habe ich auf der ICDAR 2026 in Wien die zweite der drei Keynotes gehalten, unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding«.

Abb. 1: Die Keynote am 1. September 2026 in Wien, im Hintergrund die Karte der Familie Beltrami aus der Osnabrücker Ausländermeldekartei, von der weiter unten die Rede ist. Foto: (TR)

Ein Historiker steht dort vor einem Plenum von Informatikerinnen und Informatikern und verhandelt nicht historische Befunde sondern die Zusammenarbeit zwischen Dokumentenanalyse und Geschichtswissenschaft. Dieser Bericht ordnet zunächst die Tagung und die Kooperation ein, aus der die Einladung hervorging, hebt sodann einige Beiträge zur Konferenz hervor, auf die mein Vortrag Bezug genommen hat, und führt daraufhin in drei Schritten in das Argument der Keynote ein: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in die Daten mit ihnen geschieht, die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen, und ein Vorschlag zur Frage, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten prozessgenerierten Kategorie differenzieren kann.

Die Tagung

Die International Conference on Document Analysis and Recognition ist die zentrale internationale Tagung eines Forschungsfeldes, das sich mit der maschinellen Analyse und Erkennung von Dokumenten befasst. Sie wird von der International Association for Pattern Recognition getragen, genauer von deren Technical Committees TC10 für Graphics Recognition und TC11 für Reading Systems, von denen das erste sie neben dem GREC-Workshop als Flaggschiff führt. Bereits 1991 fand die erste Ausgabe in Saint-Malo statt. Bis 2023 tagte die Konferenz zweijährlich und seit 2024 jährlich, sodass Wien bereits die zwanzigste Ausgabe war.1

Ausgerichtet hat die Tagung die TU Wien, organisiert vom Computer Vision Lab unter den General Chairs Robert Sablatnig und Florian Kleber. Getagt wurde am Campus Gußhaus im 4. Wiener Bezirk. Die Hauptkonferenz fand vom 31. August bis zum 2. September 2026 statt, gerahmt von einem Tutorientag am 30. August sowie zwei Workshoptagen am 3. und 4. September. In das Programm gingen 140 begutachtete Volltextbeiträge aus 300 Einreichungen ein, dazu zwölf Beiträge des Journal Track und acht Berichte aus den Wettbewerben.2

Drei Keynotes gliederten die drei Konferenztage. C. V. Jawahar vom IIIT Hyderabad eröffnete am Montag mit »The Changing Landscape of Document Understanding«. Tong Sun, Senior Director bei Adobe, schloss am Mittwoch mit »The Next Frontier: From Document Understanding to Document Agency«, verschob die Frage also, wie der Titel ankündigt, vom Verstehen von Dokumenten auf deren Handlungsfähigkeit. Der Osnabrücker Beitrag lag am Dienstagmittag dazwischen und zugleich quer zu beiden, weil er weder eine Entwicklungsgeschichte der Dokumentenanalyse erzählte noch deren weitere Aussichten prognostizierte, sondern von außen auf dieses Feld blickte und danach fragte, was Verstehen von der Sache her verlangt, wenn der Gegenstand ein Korpus aus Verwaltungsdokumenten des zwanzigsten Jahrhunderts ist.3

Die Kooperation mit der TU Dortmund

Hinter der Einladung steht eine Arbeit, die 2018 in Osnabrück begonnen hat. Die Arbeitsgruppe NGHM hat damals begonnen, historische Massenquellen maschinell zu erschließen, zunächst zwei Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück: die Registratur der örtlichen Gestapo mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Beide wurden mithilfe der Handschriftenerkennung (und gemeinsam mit externen Partnern) in Datenmodelle überführt. Was zuvor Jahre gekostet hatte, dauerte in diesen Projekten nur Monate.

Der Weg über einen kommerziellen Dienstleister stieß allerdings an seine Grenzen, sobald das Vorhaben wuchs, denn für die drei Millionen Karten eines Folgeprojekts lag der Preis so weit außerhalb dessen, was historische Forschung finanzieren kann, dass das Vorhaben nicht mehr zustande kam. Damit ist ein Punkt berührt, der über den Einzelfall hinausgeht: Historische Daten müssen als kulturelles Erbe im öffentlichen Raum bleiben, und die Werkzeuge zu ihrer Erschließung ebenfalls, weil Forschung sonst später in dieser Dimension nur noch über Abonnements proprietärer Dienste betrieben werden kann. Insofern war unser Pioniervorhaben ein »proof of concept«, der uns dazu motiviert hat, nach offenen Lösungen zu suchen.

Abb. 2: Der gemeinsame Arbeitszusammenhang beim Konferenzabend im Wiener Rathaus, von links Tim Raven, Gernot A. Fink, Christoph Rass, Arthur Matei und Tim Hallyburton. Foto: (TR)

Seither arbeiten wir gemeinsam mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund. Professor Fink war bei der ICDAR 2026 einer der vier Program Chairs und Mitherausgeber der Proceedings. Der erste Beitrag der Gruppe, an dem auch wir beteiligt waren, erschien 2025 in den Proceedings der ICDAR in Wuhan und machte aus den CM/1-Formularen einen Datensatz, an dem sich prüfen lässt, wie gut große Vision-Language-Modelle (Modelle, die Bild und Text in einem Zug verarbeiten) einen handschriftlichen Namen und ein Geburtsdatum aus sehr wenigen Trainingsbeispielen lesen.4

Die CM/1-Akten sind die Anträge, über die »Displaced Persons« in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Unterstützung bei der International Refugee Organization beantragten. Der Bestand 3.2.1.1 »CM/1 Akten aus Deutschland« der Arolsen Archives umfasst nach der Bestandsbeschreibung über 196.000 Akten mit Hinweisen auf rund 578.000 Namen; der 2025 veröffentlichte Datensatz zählt anders, nämlich in Vorgängen und Personen, und beruht auf 140.114 Einzelvorgängen, von denen nach der Bereinigung 135.951 Deckblätter mit 203.112 Personen bleiben. Der aktuelle Beitrag der Dortmunder Gruppe, den wir als Historiker:innen erneut unterstützen konnten, geht 2026 tiefer in die Akten hinein und weitet die Datenextraktion auf weitere Felder aus.5

Was auf der Tagung zu sehen war

Mehrfach ließ sich in der Keynote selbst auf das Programm der Konferenz verweisen, in dem zahlreiche Beiträge unmittelbar an unsere eigenen Fragen anschlossen und spannende Lösungsperspektiven vorlegten.

Abb. 3: Zwei Seiten desselben Problems, nebeneinander in der Poster Session am Montag. Links der gemeinsame Beitrag aus Dortmund und Osnabrück, rechts die Arbeit von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu. Foto: (CR)

Sehr deutlich konnte ich solche Querbezüge an der Posterwand der Projektpräsentationen ablesen. Dort hingen zwei Arbeiten nebeneinander, die für beide Seiten desselben Problems stehen. Die eine, aus der Osnabrücker und Dortmunder Kooperation hervorgegangen, in Dortmunder Erstautorschaft vorgestellt und dort auch am Lamarr-Institut für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz angesiedelt, behandelt die Informationsextraktion aus Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts, hier den CM/1-Akten, also aus lesbaren, standardisierten Formularen, von denen es weit mehr gibt, als ein Mensch je durchsehen könnte. Die andere, von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu, untersucht das Auffinden historischer Dokumentbilder anhand ihres Aussehens und zielt damit auf ältere Handschriften und illuminierte Seiten ab, die entziffert werden müssen, bevor sie gelesen werden können. Im Vortrag habe ich diese beiden Ebenen als »the flood« und »the cipher« bezeichnet, weil die Mustererkennung diese beiden Sphären der Geschichtswissenschaft gleichzeitig bearbeitet. Auf derselben Posterwand stand mit »Writer Retrieval at Scale« von Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink auch eine weitere Dortmunder Arbeit.6

Abb. 4: Der Vortrag von Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall in der Session zur historischen Dokumentanalyse. Foto: (CR)

Zwei Beiträge, die ich am Vortragsmorgen noch hören konnte, sind ebenfalls gleich in meinen Foliensatz gewandert. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall vom schwedischen Reichsarchiv haben in der Session zur historischen Dokumentanalyse unter dem Titel »Quality Prediction for Large Scale HTR – Confidence Is All You Need« das Problem behandelt, wie sich die Qualität einer Handschriftenerkennung dort schätzen lässt, wo im laufenden Betrieb keine Referenztranskription vorliegt. Sie fassen die Aufgabe als Regression auf Seitenebene, die aus dem Bild und den Laufzeitausgaben der Erkennungskette sowohl die Güte der Segmentierung als auch die der Transkription vorhersagt, und finden, dass die Verteilung der Konfidenzwerte über eine Seite mehr trägt als der Mittelwert und die Auskunft von Bild- und Sprachmerkmalen weitgehend überflüssig macht. Die Grundlage bilden nach der im Vortrag gezeigten Übersicht 43.126 vollständig annotierte Seiten aus drei Datensätzen, dem schwedischen Swedish Lion mit 20.727 Seiten aus den Jahren 1550 bis 1900, dem norwegischen Norhand mit 11.203 Seiten und dem dänischen Danish Handwriting mit 11.196 Seiten, dazu eine Prüfmenge von 338 Seiten aus Archiven, die im Training nicht vorkamen. Für ein Archiv, das dabei ist, Millionen Seiten historischer Dokumente zu verarbeiten, und nicht jede einzelne prüfen kann, ist das die Voraussetzung dafür, Qualitätskontrolle überhaupt zu steuern.7

Abb. 5: Der Vortrag von Michael Zhang und Kolleginnen und Kollegen in der Session zur Handschriftenerkennung. Foto: (CR)

Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon haben am selben Vormittag in der Session zur Handschriftenerkennung ihre Arbeit »Democratizing the Medieval English Legal Tradition« vorgestellt. Die Überlieferung des englischen Rechts liegt in handschriftlichen Rollen in stark abgekürztem mittelalterlichem Latein vor, das weltweit nur wenige Fachleute lesen können, während der digitalisierte Teil, wie sie im Vortrag zeigten, bereits rund vier Millionen Seiten umfasst. Aus 193 Straf- und Zivilverfahren der Jahre 1272 bis 1461 haben sie einen Datensatz von 4.029 Zeilen gebaut und erreichen damit eine Wortgenauigkeit von 82 Prozent, die eine nachgeschaltete Korrektur durch ein Sprachmodell auf 88 Prozent hebt. Was daran hängt, führten sie an einem Verfahren von 1375 vor, in dem die Dichter John Gower und Geoffrey Chaucer gemeinsam mit zehn weiteren Männern von einer Agnes verklagt wurden, weil sie deren Erbe unrechtmäßig in Besitz hielten: Die beiden kannten einander demnach näher und mindestens drei Jahre früher, als die Forschung bislang annahm.8

Beide Vorträge sprachen die Frage an, wie aus mehr Dokumenten, als eine Person in ihrem Leben lesen kann, verlässliche historische Daten werden, und damit genau das, was ich weiter unten als den ersten der drei Orte beschreibe. Am Donnerstag wird im Workshop zur historischen Dokumentbildverarbeitung eine weitere Arbeit aus dem Dortmunder Zusammenhang vorgestellt, die dieser Frage forschungspraktisch nachgeht.9

Was Historikerinnen und Historiker brauchen

Für die Hand- und Maschinenschriften sowie die Dokumenttypen, mit denen ich bei meiner Arbeit umgehe, ist die reine Erkennung kein wirklich schwieriges Problem mehr. Multimodale Modelle erreichen auf komplexen historischen Handschriften einstellige Zeichenfehlerraten. Wo ein zweites Modell die Lesung des ersten korrigiert, rücken sie in die Nähe menschlicher Transkriptionen. Auf gedrucktem Material liegen die Fehlerraten noch einmal deutlich niedriger. Ganze Datensätze werden inzwischen maschinell aus Archivscans zusammengesetzt.10 Was die Geschichtswissenschaft darüber hinaus braucht, so mein Argument, ist die Unterscheidung zwischen einem korrekt gelesenen Wert und einer Kategorie, die etwa eine Behörde über einen Menschen verhängt. Zu fragen ist deshalb nicht allein, welchen Wert ein Modell liefern soll, sondern was ein System mit einem Wert anfängt, den es fehlerfrei gelesen hat und der zugleich, wie in vielen der Dokumente, die wir in der NGHM-Gruppe im Rahmen unserer Forschung zu »displaced persons« bearbeiten, ein Zug in einer Verhandlung um das eigene Überleben war.

Mein erstes Beispiel indes stammt aus unserer Analyse der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Tullio und Theresa Beltrami kamen im Februar 1905 aus Italien nach Osnabrück und blieben bis an ihr Lebensende. Die Ausländermeldekartei der Stadt wird seit 1930 geführt und enthält rückwirkende Einträge, die bis an die Jahrhundertwende reichen. Die Familie erscheint in ihr erst 1932. Ein Haushalt, der seit einem Vierteljahrhundert in der Stadt lebte, wurde nachträglich als »Ausländer« in den Bestand eingeschrieben. Die Kartei führte diesen Status über Jahrzehnte weiter, bis zu einer Enkelin, die 1957 einen deutschen Staatsangehörigen heiratete und mit dem Vermerk »siehe auch Ausländerkarte« in die Einwohnerkartei überführt wurde. Die italienische Staatsangehörigkeit der Familie war eine Tatsache vor alledem. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt der größte Teil der Familie nie. Was die Karte in der Ausländermeldekartei allerdings hervorbrachte, war ein Status als verwaltete »Ausländer« in eben der Stadt, die die Beltramis ihre Heimat nannten und in der ihre Töchter geboren wurden. Die Kartei hat die Familie nicht nur verzeichnet; sie hat ihr eine Position zugewiesen und diese über drei Generationen reproduziert.

Abb. 6: Die Karte der Familie Beltrami in der Osnabrücker Ausländermeldekartei. Zugezogen 1905, eingetragen 1932. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.

Genau das meinen wir, wenn wir in der reflexiven Migrations-forschung von einer Kategorie sprechen. Der Unterschied zum Sprachgebrauch der Informatik ist dabei ausdrücklich festzuhalten: Dort ist eine Kategorie eine Klasse, die zugewiesen wird und für die eine ground truth sagt, welche die richtige ist, während sie in der kritischen Geschichtswissenschaft (oder Migrationsforschung) eine Entscheidung bezeichnet, die ein Amt über einen Menschen getroffen, in ein Feld geschrieben und danach gegen ihn geltend gemacht hat, ohne dass irgendeine Lesung der Karte sagen könnte, ob diese Kategorisierung richtig oder wahr war.

Dass Kategorien nicht vorgefunden, sondern hergestellt werden, ist nicht einfach eine singuläre Beobachtung an dieser einen Karte. Diese Einsicht ist die Arbeitsgrundlage des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, in dem wir in Osnabrück forschen und der Migration als das »Produkt eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses« versteht, in dem »Kategorisierungen von Menschen, Gruppen und Praktiken« sich zu sozialen Figuren verdichten und die weiteren Aushandlungen prägen.11 Eine Ausländermeldekartei ist ein Ort, an dem sich dieser Vorgang Karte für Karte und über ein halbes Jahrhundert hinweg beobachten lässt. So gesehen erschließt, wer solche Bestände maschinell erschließt, keine Eigenschaften von Personen, sondern die Spuren eines Herstellungsvorgangs.

Meine eigene Disziplin hat daran ihren Anteil. Sie hat Wörter wie »Ausländer« verwendet, als bezeichneten sie eine Art von Menschen, die man untersuchen, zählen und erklären kann, obwohl diese Wörter in einem Amt entstanden sind und eine Kategorisierungsentscheidung festhalten. Rogers Brubaker und Frederick Cooper haben für diesen Fehler einen Begriff geprägt, nämlich die Verwechslung von Kategorien der Praxis, nach denen Menschen regiert wurden, mit Kategorien der Analyse, mit denen wir sie erklären.12 Die Karte ist dabei nicht der Fehler, sie ist das Material. Der Fehler liegt in einer Wissenschaft, die das Wort des kategorisierenden Apparates übernimmt und es zu ihrem eigenen Instrument macht. Eine Zählung kann also schon darin falsch sein, wie sie eine Kategorie zählt, lange bevor eine ihrer Zahlen nicht stimmt.

In meinem Beitrag habe ich drei Orte unterschieden, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kriterium der Geltung. Am ersten Ort findet die Erschließung statt: Eine Quelle wird in digitale, lesbare, strukturierte Daten überführt. Dort gibt es eine ground truth, denn das Zeichen steht in einem Dokument, gegen das sich jede Lesart prüfen lässt. Der zweite Ort ist das Berechnen, bei dem auf den erschlossenen Daten gemessen wird. An die Stelle der ground truth tritt hier die Nachvollziehbarkeit, weil nicht mehr ein einzelner Wert geprüft wird, sondern die Art und Weise, in der dieser Wert erzeugt wird. Ein fehlerhaftes Skript lässt sich lesen und prüfen, ein von einem Modell halluziniertes Ergebnis allerdings nicht. Gebaut wird am dritten Ort, wo das Korpus entsteht, an dem sich eine historische Frage überhaupt stellen lässt. Dort wartet kein Etikett auf der Seite, denn ob ein Dokument zu einer Frage gehört, ist keine Eigenschaft dieses Dokuments, sondern ein Urteil, das jemand fällt und verantwortet.

Wie sich die Arbeit an diesen drei Orten anfühlt, habe ich im August 2026 bei meiner Forschung in vier Archiven in Oregon erfahren. Mit einem Dokumentscanner, der das Papier nicht berührt, entstanden dort Digitalisate von rund 6.000 Seiten historischer Dokumente in Handarbeit, während mir eine bereits mitlaufende Auswertung anzeigte, welche Kartons aus dem Magazin ich in meiner Bestellliste womöglich übersehen hatte und welche sich im Licht erster Auswertungen doch als relevant erweisen könnten. Parallel dazu schrieb und lief ein generatives System Skripte, die auf der Grundlage der ersten Dokumentauswertung dutzende bereits digitalisierte Sammlungen durchsuchten und rund vierhunderttausend weitere Dokumente zu meiner Fragestellung zusammentrugen, jeden Treffer mit Quelle, Repositorium, Abrufdatum und Prüfstand versehen.

Das eine Korpus entstand im Tempo eines Menschen, das andere in der Geschwindigkeit eines digitalen Rechercheprozesses. Beide Erträge liegen nun in demselben Arbeitsbestand, aus dem ich die Analyse des Materials entwickle. Dieser Bestand ist deshalb ein ungleiches Gebilde: Von den vor Ort selbst aufgenommenen Seiten ist bekannt, warum sie im Karton lagen und warum ich sie ausgewählt habe, von den vierhunderttausend maschinell gezogenen Dokumenten dagegen nur, nach welchem Suchkriterium sie gefunden wurden, nicht aber, was im Repositorium neben ihren digitalen Repräsentationen liegt oder was im analogen Archiv verblieben ist und nie digitalisiert wurde. Wer aus einem solchen Bestand argumentiert, muss angeben können, aus welchem Teil eine Aussage stammt, und braucht eine Lesart, die zwischen dem Muster in der Masse und dem einzelnen, sprechenden Dokument Brücken schlägt. Martin Mueller hat das scalable reading genannt.13

Abb. 7: Die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der historischen Arbeit ankommen. Foliensatz Christoph A. Rass.

Vom ersten Ort, dem Erschließen, braucht die historische Arbeit drei Dinge. Das Erste ist eine Konfidenz zu jedem gelesenen Wert, also die Angabe, für wie sicher das Modell seine eigene Lesart hält. Dazu tritt eine Provenienz: Gemeint ist hier nicht die archivische Herkunft aus einem Bestand, sondern der Verweis auf die Stelle der Karte, aus der der Wert stammt. Ein Wert ohne diese beiden Angaben ist für uns Historiker:innen eine Tatsache ohne Fußnote. Als Drittes verlangt die Arbeit aber womöglich auch ein Attribut, das angibt, ob ein Feld bereits eine Entscheidung enthält. Wo eine Behörde festgelegt hat, welche Werte in einem Feld überhaupt vorkommen dürfen, ist die Deutung bereits vorgeprägt, bevor irgendeine geschichtswissenschaftliche Frage gestellt wird. Ein System, das diesen Umstand festhält, statt ihn zu überschreiben, macht die Stelle sichtbar, die später weiter befragt werden muss.

Karteischrank und Einzelkarte aus der Registratur der Osnabrücker Gestapo.
Abb. 8: Die Registratur der Osnabrücker Gestapo, 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei begonnen. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Rep 439 Nr. 3227.

Auch am Beispiel der Osnabrücker Gestapo-Registratur lässt sich ablesen, was mit einer Kategorie auf ihrem Weg durch die Zeit geschieht. Die Kartei (sie ist eine von nur wenigen in Deutschland erhaltenen Gestapo-Registraturen) wurde 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei angelegt. Nach 1933 wurde sie in denselben Karteikästen, auf denselben Formularen und in denselben Handschriften zum Instrument der Geheimen Staatspolizei des NS-Regimes. Kein einziges Zeichen musste sich ändern, damit sich die Bedeutung der Karten vollständig wandelte. Eine einfache Dokumentenanalyse liest die Karte von 1928 und die von 1938 gleich. Ein Verstehen kann sich das nicht leisten, weil zwischen beiden Karten ein Regimewechsel liegt.

Die vier Momente Trouillots, übertragen auf eine Verarbeitungskette.
Abb. 9: Die vier Momente, in denen nach Michel-Rolph Trouillot Verstummen entsteht, übertragen auf die Verarbeitungsketten der Dokumentanalyse. Foliensatz Christoph A. Rass.

Michel-Rolph Trouillot hat am Beispiel der Haitianischen Revolution gezeigt, wie Vergangenheit in der Geschichte zum Schweigen gebracht wird. Sein geschichtstheoretisches Modell verortet die Produktion dieses Schweigens in vier Momenten: beim Herstellen der Quellen, beim Herstellen der Archive, beim Herstellen der Erzählungen und bei der Herstellung von Bedeutung, die eine Gesellschaft dem Geschehenen als erzählte Geschichte im Rückblick zubilligt.14

Diese vier Momente wandern nun auch in die Verarbeitungsketten digitaler Dokumentanalyse und der Weiterverarbeitung der so gewonnenen Daten: in die Datenmodellierung, die vorab entscheidet, was überhaupt ein Feld werden darf; in die Auswahl dessen, was digitalisiert und wie es klassifiziert wird; in Ranking und Retrieval, die dem Digitalisierten einen durchsuchbaren Schatten geben, der es größer erscheinen lässt als alles Nichtdigitalisierte daneben; und schließlich in die flüssige Antwort eines Modells auf die Frage, was eine »displaced person« gewesen sei. Eine Bedingung liegt vor allen vieren: Ausgewählt, digitalisiert, modelliert und verallgemeinert werden kann nur, was überliefert ist. Die Bestände dieses Vortrags sind sämtlich Behördenschriftgut, das eine Verwaltung erzeugt und ein Archiv zu verwahren hatte.

Die Verzerrung der Überlieferung wächst in der digitalen Verarbeitung nicht notwendigerweise; sie verändert aber womöglich deren Sichtbarkeit: Im analogen historischen Dokument liegt die Entscheidung offen, im relationalen Schema ist sie schon ein Stück zurückgetreten, im trainierten KI-Modell (LLM) liegt sie über die Gewichte verteilt tief im System begraben. Finola Finn und Donal Khosrowi haben das Ergebnis dieser Produktion von Geschichte instant history genannt, die flüssige, unmittelbare Antwort eines LLMs, die verbirgt, wie jede Quelle immer bereits vermittelt war.15

Wie praxisrelevant das Problem ist, verdeutlicht ein Fall aus den CM/1-Akten. Im Januar 1948 beantragte eine Person bei der International Refugee Organization Unterstützung und gab als Nationalität »Türkisch« an, als Geburtsort »Istanbul«. Der zuständige eligibility officer schrieb das auf, zweifelte aber an dieser Erzählung und fragte bei der Stadt Osnabrück nach, unter welcher Kategorie dieser Arzt dort geführt werde. Die Auskunft kam aus derselben Kartei, aus der auch die Karte der Beltramis stammt: seit dem 1. Oktober 1943 war der Betreffende in Osnabrück verzeichnet, und zwar mit dem Geburtsort »Baku« in der Sowjetunion. Beide Einträge sind sauber lesbar und für die Dokumentenanalyse ohne Weiteres zu erfassen, wahr sein können sie indes nicht beide.

Abdulhalik Aleskerow war tatsächlich ein Feldarzt der Roten Armee aus Aserbaidschan, geriet 1942 in deutsche Gefangenschaft, durchlief das Lager Wustrau, in dem die Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene prüfte, die zur Kollaboration bereit waren, und wurde ab 1943 als Arzt in einem Zwangsarbeitslager in Osnabrück eingesetzt; er hatte seine biographische Erzählung geändert, weil eine Rückführung in die Sowjetunion für ihn sehr wahrscheinlich den Tod bedeutet hätte.

Zwei Dokumente mit widersprüchlichen Angaben zu derselben Person.
Abb. 10: Zwei Einträge zu einer Person, beide korrekt zu lesen, beide nicht zugleich zutreffend. Arolsen Archives 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584.

Im Juni 1950 wurde ihm schließlich der DP-Status aberkannt, weil vermutlich jemand aus der Formulierung, er habe die Türkei »auf eigenen Wunsch« verlassen, geschlossen hatte, ein freiwillig Gewanderter sei gar nicht verschleppt worden. Sechs Jahre lang stritten danach Behörden und Gerichte darüber, was er sei, und verwendeten dabei sieben Kategorien: »displaced person«, »heimatloser Ausländer«, »staatenlos«, »Muslim«, »Straftäter«, »Sowjetbürger«, »türkischer Staatsangehöriger«. 1956 hob ein Gericht die Ausweisungsverfügung auf. Aleskerow lebte bis 1977 in Osnabrück.16

Für eine Systemarchitektur folgt daraus, dass eine Konfidenz allein auf Lesbarkeit hinweisen kann; Aleskerows Akte war lesbar. Ob eine Kategorie umstritten ist, wie sie hergestellt und wem sie zugewiesen wurde, lässt sich der Lesbarkeit eines Eintrags nicht entnehmen. Ein komplexer Konfidenzwert, wie ihn die Geschichtswissenschaft produktiv nutzen könnte, braucht mehr.

Mein Vorschlag für ein Weiterdenken dieser Problemstellung verteilt die Arbeit deshalb auf zwei Modelle, die miteinander und mit uns Historiker:innen sprechen. Das erste, das Quellenmodell, fragt, was ein Dokument materiell und in seiner Überlieferung ist. Es liefert strukturierte Felder, heftet an jedes Feld eine Konfidenz und eine Provenienz und endet in einem quellenverankerten Graphen, also einer Datenstruktur, in der jede Aussage an ihre Belegstelle gebunden bleibt; über Bedeutung behauptet es nichts; seine Arbeit könnte uns an die äußere Quellenkritik im geschichtswissenschaftlichen Methodenseminar erinnern. Das zweite, das Expertenmodell, fragt, was das Dokument bedeutet und wie weit ihm zu trauen ist. Es markiert »Ausländer« als eine vom Amt hergestellte Kategorie, datiert die rückwirkende Eintragung der Beltramis von 1932 als interpretatives Ereignis, hält die Mehrdeutigkeit dort offen, wo die Quelle sie offengelassen hat, und verknüpft den Querverweis von 1957 über zwei Bestände hinweg.

Schema der beiden Modelle und ihres Austauschs.
Abb. 11: Der Vorschlag der Keynote. Ein Quellenmodell, ein Expertenmodell, und der Austausch zwischen beiden. Foliensatz Christoph A. Rass.

Der eigentliche Vorschlag liegt im Austausch zwischen beiden. Wo das Quellenmodell unsicher ist, schließt das Expertenmodell die Lücke nicht still, es fordert die Bildregion hinter dem Wert an und verzichtet auf eine Antwort, wenn diese nicht eindeutig ausfällt. Ein umstrittener Wert wird markiert und an eine andere Instanz oder an einen Menschen weitergereicht. Jeder Schritt wird protokolliert; das erzeugt die Nachvollziehbarkeit, die am zweiten Ort an die Stelle der ground truth tritt, und sie erlaubt es, auch so komplexe Analysen intersubjektiv zu prüfen. In der Sprache der Dokumentanalyse handelt es sich um selective prediction with abstention und ein Provenienzprotokoll. Neu ist weder das eine noch das andere. Was diese Schleife für die Geschichtswissenschaft bedeutet, hat Andreas Fickers digitale Hermeneutik genannt, das alte Handwerk der Interpretation, aktualisiert für Quellen, die eine Maschine bereits verarbeitet hat.17 Eine Frage bleibt dabei offen: wie ein solches Expertenmodell zu bauen und zu trainieren wäre.

Der Maßstab in drei Teilen.
Abb. 12: Der vorgeschlagene Maßstab in drei Teilen. Zwei davon kann das Feld allein spezifizieren, der dritte entsteht nur gemeinsam. Foliensatz Christoph A. Rass.

Eine Idee dazu habe ich in Wien als Diskussionsbeitrag vorgetragen, einen Maßstab aus drei Teilen. Die ersten beiden kann die Dokumentanalyse allein spezifizieren: eine Quellenbindung, gemessen als evidence attribution, bei der ein Befund nur zählt, wenn er nachweisbar auf die korrespondierende Stelle in der Quelle zurückzuführen ist; und eine kalibrierte Unsicherheit, die das offene Eingeständnis von Zweifel des Systems belohnt und die Produktion falscher Zuversicht härter bestraft als die ehrliche Zurückhaltung, die Lücken benennt. Der dritte Teil entstünde nur gemeinsam. Er prüft, ob ein Modell eine Kategorie als solche erkennt, also den Begriff, den eine Behörde produziert oder reproduziert, als hergestellte Kategorie markiert, statt ihn als einfache Tatsache über die Person weiterzureichen.

Wie hilfreich das wäre, zeigt die für Osnabrück ausgewertete Teilmenge der CM/1-Akten: In 575 Einträgen mit einer Religionsangabe und 584 mit einer Nationalitätsangabe stehen je sechzehn verschiedene Werte, in denen »Muslim« neben »Mohammedan« steht, »Jewish« neben »Hebrew«, und in denen »Jewish« zugleich als Nationalität auftaucht.18 Niemand hat diese Werte normalisiert. Deshalb hat die von den Werten repräsentierte Aushandlung im Durcheinander des Quellenmaterials überlebt. Bisher annotiert selbst unser veröffentlichter Datensatz in seiner zweiten Fassung zwar Nationalität, Geburtsort und Religion, aber keinen einzigen dieser Werte als umstritten. Der nächste Schritt wäre entsprechend ein Durchgang, in dem zwei Historiker:innen jeden Wert als geklärt oder umstritten markieren, ihren Dissens protokollieren und ein Modell dagegen gemessen wird, bis sichtbar ist, woran es scheitert und wie die dritte Dimension des Maßstabs erreicht werden kann.

Was offenbleibt

Die Schlussfolie mit der Frage, wer die Standards schreibt.
Abb. 13: Die Schlussfrage der Keynote. Foliensatz Christoph A. Rass.

Welchen Anteil haben unsere methodischen Entscheidungen an der Herstellung der epistemologischen Rahmungen, in denen wir schließlich mit digitalen Methoden arbeiten? Die Beltramis haben in meinem Vortrag einen Namen, weil Handschriftenerkennung ihre über viele Karten der Ausländermeldekartei verstreuten Einträge gelesen und record linkage (die Zusammenführung von Einträgen zu derselben Person über Bestände hinweg) ihnen über fünfzig Jahre hinweg wieder eine Geschichte gegeben hat. Dieselben Werkzeuge, die auf diese Art und Weise einen Bestand aufschließen können, können ihn indes auch schließen. Ein Leben als Datensatz zurückzugewinnen kann dieses Leben zugleich ein zweites Mal zum Objekt machen. Was von beidem eintritt, hängt von der Perspektive ab, die wir uns empirisch und methodisch erarbeiten. Dass der Einsatz komplexer digitaler Werkzeuge und selbstverständlich auch von künstlicher Intelligenz die Art und Weise verändert, wie Vergangenheit in Geschichte übersetzt wird, ist längst entschieden; offen ist, wie wir diesen Technologiesprung mit all seinen Konsequenzen als Geschichtswissenschaft und im Dialog mit anderen Disziplinen gestalten. Das ist nicht nur eine technische oder fachwissenschaftliche, sondern letztlich vor allem eine kulturelle Frage.

Anmerkungen

  1. ICDAR 2026. The 20th International Conference on Document Analysis and Recognition, Abruf 02.09.2026; International Association for Pattern Recognition, Technical CommitteesIAPR TC10 Graphics Recognition; IAPR TC11 Reading Systems, iapr-tc11.org (nur über HTTP erreichbar).↩︎
  2. Zu Ort und Gremien ICDAR 2026, Conference Venue und Committees, Abruf 02.09.2026. Die Zahl der angenommenen und eingereichten Beiträge sowie die acht Wettbewerbsberichte nach dem Klappentext des Tagungsbandes: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, hrsg. von Gernot A. Fink, Alicia Fornés, Koichi Kise und Daniel Lopresti, Lecture Notes in Computer Science 16972–16975, Cham 2026; die zwölf Beiträge des Journal Track nach dem Programm, Abruf 03.09.2026.↩︎
  3. ICDAR 2026, Keynote Speakers und Programm, Abruf 02.09.2026. Daneben standen am Dienstag die beiden Vorträge zum Young Investigator Award von Silvia Cascianelli und Jorge Calvo-Zaragoza.↩︎
  4. Fabian Wolf, Oliver Tüselmann, Arthur Matei, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: CM1 – A Dataset for Evaluating Few-Shot Information Extraction with Large Vision Language Models, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2025, Teil II (Lecture Notes in Computer Science 16024), Cham 2025, S. 23–39, DOI 10.1007/978-3-032-04617-8_2; Preprint arXiv:2505.04214. Zu den Größenangaben ist Vorsicht geboten, weil drei Zählungen nebeneinanderstehen: Die Bestandsbeschreibung der Arolsen Archives nennt für 3.2.1.1 über 196.000 Akten und Hinweise auf rund 578.000 Namen, der genannte Beitrag spricht von rund 350.000 erhaltenen Fallakten des gesamten CM/1-Programms, und die Sprechfassung der Keynote nannte rund 155.000 Akten. Die Angaben zum Datensatz selbst (140.114 Vorgänge, 135.951 Deckblätter, 203.112 Personen) sind dem Beitrag entnommen.↩︎
  5. Arthur Matei, Tim Hallyburton, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: Recent Advances in Information Extraction from Historical Archival Records, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, Teil III (Lecture Notes in Computer Science 16974), Cham 2026, S. 87–103, DOI 10.1007/978-3-032-36039-7_6.↩︎
  6. Poster Session #1, Montag, 31. August 2026. Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu: An Exploratory Study of Text-to-Image Generation for Query-by-Example Retrieval of Historical Document Images; Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink: Writer Retrieval at Scale.↩︎
  7. Oral Session #7, Historical document analysis, Dienstag, 1. September 2026. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall: Quality Prediction for Large Scale HTR. Confidence Is All You Need, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 450–466, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_26. Alle drei arbeiten am schwedischen Reichsarchiv in Stockholm. Die Angaben zu den verwendeten Datensätzen sind der im Vortrag gezeigten Übersicht entnommen, die als Abbildung 4 wiedergegeben ist.↩︎
  8. Oral Session #6, Handwriting recognition, Dienstag, 1. September 2026. Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon: Democratizing the Medieval English Legal Tradition, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 378–394, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_22; Preprint arXiv:2605.00977. Das Material stammt aus den King’s Bench Rolls, Common Pleas Rolls und Justices Itinerant Rolls des Anglo-American Legal Tradition Archive. Die Angaben zum Umfang des digitalisierten Bestandes und der Fall von 1375 stammen aus dem Vortrag.↩︎
  9. Tim Hallyburton, Anna Scius-Bertrand, Arthur Neto, Andreas Fischer und Gernot Fink: Reconstruction Error Ratios for Prototype-Anchored Unsupervised Learning in Optical Character Recognition, 8th International Workshop on Historical Document Imaging and Processing, Donnerstag, 3. September 2026.↩︎
  10. Mark Humphries, Lianne C. Leddy, Quinn Downton u. a.: Unlocking the archives. Using large language models to transcribe handwritten historical documents, in: Historical Methods 58 (2025), H. 3, S. 175–193, DOI 10.1080/01615440.2025.2500309; Gavin Greif, Niclas Griesshaber und Robin Greif: Multimodal LLMs for OCR, OCR Post-Correction, and Named Entity Recognition in Historical Documents, arXiv:2504.00414 (2025); Niclas Griesshaber und Jochen Streb: Multimodal LLMs for Historical Dataset Construction from Archival Image Scans. German Patents (1877–1918), arXiv:2512.19675 (2025), mit 306.070 Patenten aus 9.562 Archivscans. Zur Verlagerung vom Lesen zum Bauen ferner Jan Černý, Kiril Avramov und Liladhar R. Pendse: A multi-stage agentic AI system for extracting information from large digital archives. Case study on the Czechoslovak year 1968 in CIA’s FOIA collection, in: The Electronic Library (2026), DOI 10.1108/EL-06-2025-0272, deren Fazit ich mir zu eigen mache: Der Effizienzgewinn ist real, die interpretatorische Verantwortung wandert nicht.↩︎
  11. DFG-Sonderforschungsbereich 1604 »Produktion von Migration«, Universität Osnabrück, Projektnummer 501120656, Sprecher Andreas Pott, seit 2024. Die zitierten Wendungen nach der Projektbeschreibung in GEPRIS, Abruf 02.09.2026; ferner das Forschungsprogramm des SFB.↩︎
  12. Rogers Brubaker und Frederick Cooper: Beyond »identity«, in: Theory and Society 29 (2000), H. 1, S. 1–47, DOI 10.1023/A:1007068714468.↩︎
  13. Martin Mueller: Shakespeare His Contemporaries. Collaborative curation and exploration of Early Modern drama in a digital environment, in: Digital Humanities Quarterly 8 (2014), H. 3. Die Oregoner Feldphase im August 2026 gehört zur Arbeit im SFB 1604.↩︎
  14. Michel-Rolph Trouillot: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston 1995, Einleitung.↩︎
  15. Finola Finn und Donal Khosrowi: AI assistants in the archive and the lure of »instant history«, in: Cambridge Forum on AI. Culture and Society 2 (2026), Artikel e6, DOI 10.1017/cfc.2025.10012.↩︎
  16. Jessica Wehner und Christoph Rass: Disputed (Non-)Belonging. Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56, in: Journal of Contemporary History, OnlineFirst Dezember 2025, DOI 10.1177/00220094251396890. Die beiden abgebildeten Dokumente stammen aus den Beständen 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584 der Arolsen Archives; die Auskunft der Stadt Osnabrück entstammt der Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.↩︎
  17. Andreas Fickers: Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschungen 17 (2020), H. 1, S. 157–168, DOI 10.14765/zzf.dok-1765; ferner Andreas Fickers, Juliane Tatarinov und Tim van der Heijden: Digital history and hermeneutics. Between theory and practice, in: Andreas Fickers und Juliane Tatarinov (Hg.): Digital History and Hermeneutics, Berlin/Boston 2022, S. 1–20, DOI 10.1515/9783110723991-001.↩︎
  18. Auswertung der für Osnabrück verarbeiteten Teilmenge des Bestandes 3.2.1.1 der Arolsen Archives, vorgestellt auf Folie 13 der Keynote. Die Teilmenge umfasst die CM/1-Akten von Personen, die in Osnabrück verblieben sind.↩︎

Schlagworte: ICDAR 2026 · Document Analysis and Recognition · Handschriftenerkennung · Vision-Language-Modelle · Kategorien · »Displaced Persons« · CM/1 · Ausländermeldekartei · Arolsen Archives · TU Dortmund · SFB 1604 »Produktion von Migration«

Zur Keynote: Christoph A. Rass, From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding, Keynote #2 der ICDAR 2026, TU Wien, 1. September 2026. Die Arbeiten, über die der Vortrag berichtet, entstehen gemeinsam mit Gernot A. Fink, Arthur Matei und Tim Hallyburton (Pattern Recognition Group, TU Dortmund), mit Lukas Hennies, Jessica Wehner und dem Team der Arbeitsgruppe NGHM der Universität Osnabrück, in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, den Arolsen Archives und dem SFB 1604 »Produktion von Migration«.

Zum Autor: Christoph A. Rass ist Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück (ORCID 0000-0001-9492-907X).

Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026

Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.

Durchgeführt wurde das Projekt als Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück und der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.

Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.

Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.

Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.

Programm:

Tag 1 | 24. September 2026

EW-Gebäude | Seminarstraße 20, 49074 Osnabrück | Raum 15/130

13:00–13:15 Ankunft
13:15–13:30  Begrüßung & Projektvorstellung
| Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)

13:30–14:30  Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)

14:30–15:00  Pause

15:00–15:45  Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)

15:45–16:15  Pause

16:15–17:15  Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)

17:15–18:00  Pause

18:00–20:00  Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes


Tag 2 | 25. September 2026

Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste

08:30  Treffpunkt am Bus

08:45–10:15  Fahrt nach Dalum

10:15–11:45  Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)

11:45–13:15  Rückfahrt nach Osnabrück

13:15–13:45  Mittagspause

13:45–15:15  Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour

15:15–15:45  Abschlussrunde

Watching a Register Move | An Animated Card Index and the Production of Migration

This essay follows an animated visualization built from Osnabrück’s historic foreigners’ registration index to ask, from the perspective of CRC 1604 ‘Produktion von Migration’, whether a bureaucratic register merely records migration — or helps produce it.

On the screen (see animation below), the year 1943 burns in two colors. Blue points drift in from the west, green points from the east, and both settle into a dark map of Osnabrück that slowly fills with light wherever an address gathers many people at once. During the years of World War II and Nazi rule, the points do not represent ‘migrants’ but deportees, forced laborers brought to the city from the territories the ‘Third Reich’ occupied. A decade later, the palette turns. From the late 1950s, the incoming points run red, yellow, and orange: people moving to Osnabrück now hail from Spain, Italy, Portugal, Yugoslavia, or Turkey, from the UK or the Commonwealth. Labor migration under bilateral recruitment schemes and mobility tied to the large British garrison paint the picture.

Yet, no marker on the screen is a person. Each point is a record, an entry that a municipal office once made about someone it classified as a ‘foreigner’, and what we are watching is not migration but its administrative trace set in motion. We can watch it at all because the entire card index has since been reconstructed as machine-readable data, card by card, in an NGHM-research project at Osnabrück University.1

1943 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).
1974 movement data recorded in the Osnabrücker “Ausländermeldekartei” (Visualization: crass).

This is the center of what follows: an animation built from the Ausländermeldekartei of the city of Osnabrück, the foreigners’ registration index that the city administration kept on paper cards from 1930 to 1980, before its registration system was digitized.1 The animation belongs to a longer line of work at Osnabrück on the datafication of bureaucracy. Its digitization and analysis are the work of the project “Massendatenbasierte Langzeitmodelle migrationsinduziert wachsender Diversität im urbanen Kontext”, directed by Christoph Rass and Andreas Pott at the University of Osnabrück, funded by the Lower Saxony Ministry of Science and Culture and carried out together with the Niedersächsisches Landesarchiv and the city of Osnabrück.

In 2026, I read this data from the conceptual program of the Collaborative Research Centre 1604, Produktion von Migration. My argument moves from the image to the data behind it, from the data to the project that produced them, from there to the theoretical claim that a register does not record migration but helps produce it, and finally to the question that any such visualization must answer: how does one map an administrative apparatus without reprinting its categories as truth? The animation, I will argue, is most useful precisely where it refuses to behave like a conventional migration map.

Movements to and from and within Osnabrück by inhabitants of non-German nationality 1938-1980 as recorded in the municipal “Ausländermeldekartei” [(c) crass].

What moves on the screen

The animation derives from the digitized registration index an event model of residential movement. Every card records a sequence of addresses with dates; each transition between two addresses becomes one documented movement. The model reconstructs 207,325 such movements for 70,294 people: arrivals in Osnabrück, moves within the city, and departures. More than nine in ten of these movements carry exact coordinates. Osnabrück addresses are placed on the official municipal geocodes, transformed from the UTM grid to latitude and longitude; foreign places are deliberately resolved only to the level of the country.

A word on the period, since the data are uneven. The index was kept between 1930 and 1980, and the movement data became continuously reliable only from about 1938. The animation therefore runs from 1938 to 1980, and it states its window on screen at every moment. A further caution concerns the word ‘migration’ itself, because the index flattens what it gathers. The bright inflows of the war years are not migration in any ordinary sense. Between 1939 and 1945 the cards (partially) register the National Socialist forced-labor system already glimpsed above: the conscripted are fixed to registered addresses dominated by the forced-labor camps erected across the city.1

What follows is again distinct. The post-war growth records the survivors of that system, first as ‘displaced persons’ and, from 1950, as ‘homeless foreigners’ (Heimatlose Ausländer), the administrative aftermath of a violence-induced mobility rather than a fresh departure. Only from the late 1950s does the index document recruited labor migration, the ‘guest workers’ of the bilateral agreements, a euphemism the National Socialist state had already used to dress coercion as ordinary recruitment.2 To let coercion, displacement, and recruitment run under a single heading, as one field of moving points must, is already a category effect: they share an apparatus, not a phenomenon.

The visual grammar of the map animation is austere by design. Each datapoint represents a registered person as a small resting dot at their current address; where many people share an address, a company dormitory, say, the points pile into a bright node, so that brightness reads as occupancy. When someone moves, the point flies along a curved arc to the new address. Around the city sits a ring of countries of origin, arranged roughly by compass direction: arrivals fly inward from the ring, departures fly outward, as two separate, oppositely curved arcs. Color encodes the region of origin throughout. No connecting lines are drawn at all. Density and flow emerge only from the superimposition of many points, in the manner of the particle-flow maps that Max Galka and others made familiar, while the ring borrows the idea of directed in- and out-streams from the circular migration diagrams popularized by Guy Abel and Nikola Sander.3

From card to dataset: the Osnabrück registration project

The animation would be unreadable without the project that turned a drawer of cards into a research dataset. The digitized index comprises some 56,613 mostly double-sided cards holding information on around 70,000 people, and it is the first mass card index of its kind made accessible to research as a digitized dataset.4 For the operating period, the digitized dataset documents 66,111 arrivals in Osnabrück, 51,421 departures, and 99,264 changes of address across 10,720 distinct addresses.5

The extraction itself was done in 2020 with the AI-service provider omni:us, whose systems read strongly structured documents.6 Computer vision built on convolutional neural networks recognized document structure, and here the index posed a particular obstacle: twenty-five different form versions had to be identified before any field could be read. Natural-language processing characterized documents by word markers; recurrent neural networks read the handwritten entries. The raw tables were then rebuilt into a relational database that allows the growth of the index to be simulated over time and individual cards to be reconstructed as digital images, and the Osnabrück addresses were geocoded in cooperation with the city’s geodata service. Automated extraction proved not only faster and cheaper than manual capture but, against expectation, less error-prone, with every data point tied back to the card image for correction.

The pioneer project that led to this outcome is our work on the Osnabrück Gestapo index, which Sebastian Bondzio and I analyzed in a DFG-funded project as a ‘mass data store and world model’ (Massendatenspeicher und Weltmodell): the first attempt to extract by machine the entire data content of an analogue mass index, and an argument that such a card index is less a source about individuals than a body of historical mass data.7 The card index, on this reading, was a datafication technology long before the digital era. Data never represent an objective, observer-independent world model, and they never simply speak for themselves.8

Our published findings show what the dataset affords. In a 2021 study, we read the index through four cases: the dispersed settlement of arrivals in the mid-1950s, which fits no simple model of ‘arrival quarters’; the sharp post-war growth of those classified as ‘homeless foreigners’ among the displaced; the Latvian ‘watchmen’ whose wartime records were rewritten into employment with the British Army of the Rhine; and more than 3,800 cards for Italians between 1930 and 1980, tracing the fluid passage from ostensibly temporary labor to permanent family settlement.9 A separate study followed Spanish migration to Osnabrück between 1960 and 1980.10 This animation does not replace these close readings, it sets them in motion.

The register does not mirror migration: it produces it

Why insist that the points are records rather than people? Because the conceptual stakes of the CRC 1604 turn on exactly this distinction. Our research program proceeds from the premise that migration is socially produced rather than naturally given, and it borrows Durkheim’s fait social to treat migration, once produced, as a real social fact with effects beyond any actor’s intention.11 It speaks deliberately of production rather than mere construction: it is not only that ideas about migration are socially shaped, but that the reality itself is practically brought about, through apparatuses, procedures, and concrete administrative work. Migration, in this account, is produced through three coupled media: figures (the categories and types through which people are sorted), infrastructures, and spaces.

This is where all three media converge. The Ausländermeldekartei is a data infrastructure, an institutional and material arrangement that enables and constrains action, and at the same time a machine for producing figures, the condensed and socially effective categories through which people are addressed and sorted. It records one figure above all, the ‘Ausländer’, and it records it spatially: the registered are fixed to addresses and tracked through the recorded categories of movement and dwelling, so that the index composes the city itself as a sorted space. Figure, infrastructure, and space meet on a single card. The category ‘Ausländer’ is the clearest case. As the project team noted, it functions only within the logic of the nation-state, by setting the foreigner against the citizen; migration thereby becomes a category of difference, a marker of belonging and non-belonging.12

The index does not find foreigners in the world and record them. It is one of the instruments through which ‘the foreigner’ is made administrable in the first place. What we find on the cards are process-generated categories: in Rogers Brubaker’s terms, categories of practice, the working labels administrators use to sort people, rather than categories of analysis, the neutral concepts a scholar would choose. They are bureaucratically produced labels of the kind Roger Zetter described for ‘refugee’, and they operate, as Martina Tazzioli puts it, through a politics of counting.13

The history of one word shows how far this reaches. The term ‘guest worker’ (Gastarbeiter) is, as I have argued elsewhere, no innocent word.14 Max Weber used the term in the 1921 volume Hinduismus und Buddhismus of his Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, and may even have introduced it into German scholarly usage, though the attribution is a cautious one; the idea he attached to it was an impossibility of belonging founded on ‘foreignness’.15 By around 1940 the term had settled into the vocabulary of the National Socialist labor deployment, alongside ‘foreign worker’ and ‘Eastern worker’, as a racialized category of difference. The Osnabrück index registered the people these words were used to sort. To animate the index is therefore to animate a vocabulary, and the points that arrive after 1955 carry a label with a long and compromised past.

The trouble with migration maps

A register of movement invites an obvious visual form: arrows from there to here, flows scaled by volume, a choropleth of origins. That form is a trap. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy have shown how the conventional ‘invasion arrow’ of migration cartography slides from a neutral sign for movement into the iconography of military invasion, composing a threat where it claims only to describe.16 The straight, smooth, unidirectional arrow assumes a single destination and erases the lived geography and the broken time of actual journeys. The point predates the migration debate. In J. B. Harley’s deconstruction, the map is never a neutral mirror: its rules of objectivity are themselves an exercise of power-knowledge, and the silences of a map are as eloquent as its marks.17

The most influential modern migration graphic, the circular flow plot that Abel and Sander published in 2014, is elegant and widely imitated, and it is exactly the template one might lay over the Osnabrück data.18 Yet a chord, a band linking two points on the ring, or an arrow between two places, states a magnitude and a direction while saying nothing true about the path, and it converts an estimate or an administrative tally into a clean, authoritative band. At the same time, the danger for a registration index is specific. Its fields — nationality, occupation, reason for residence — look like hard facts; rendered as flows, they would harden further into a picture of migration as such when they are, in fact, the output of one office’s classifying work.

Designing against the arrow

The animation addresses these objections in its construction rather than in a caption, which is what makes it an argument rather than an illustration. It draws no lines. Movement appears only as points that fly and fade, so that the image never resolves into the false authority of a vector. What looks like density is the superimposition of many resting points, and density measures the frequency of documentation, not historical reality: a bright corridor means a path that was often recorded by an office under a regime of registration. Johanna Drucker’s distinction is the right one here. These are not data, Latin for ‘the given’, but capta, ‘the taken’: constructed, partial, the product of an act of observation, and a humanistic visualization should carry that constructedness rather than smooth it away.19

Two further choices follow the same logic. The index data available to us ends around 1980, which means that people who left afterward have not had a recorded departure and remain forever ‘present’ in the research dataset: the occupancy field fills up toward the end and never empties. The animation does not correct this artifact, the statistician’s right-censoring, a record cut off before its end, into a tidier curve. It shows the effect and marks it on screen from 1979, because the silence of the source is part of what the source is. And the points stay anonymous. The internal person identifier never leaves the project; only an anonymized movement identifier enters the image, and the animation deliberately declines to reproduce the individual visibility that the registration apparatus was built to achieve. Whose categories are being shown, and who is rendered (in)visible by them, are not incidental questions, as Catherine D’Ignazio and Lauren Klein have argued for data work in general.20 One quarter of the registered persons have no clear region of origin; rather than forcing them into a category, the animation lets them remain dimmed and unresolved.

What becomes visible, and what does not

Within these limits, the moving image makes patterns legible that a table holds only in latent form. Arrivals are dominated by southern Europe throughout the period, with a pronounced peak in 1970, the year of some 4,250 recorded arrivals. The net balance of arrivals over departures runs positive through the boom years and then turns negative in the recession years of 1966–67 and again in 1975, the very years West German recruitment collapsed. Recorded departures swell as the economy contracts: the cyclical steering of labor migration leaves its mark in the registrations themselves. A composition view sharpens the same story into a number. A diversity index, on a scale where 1.0 means many origins evenly mixed and 0 a single dominant group, stands near 0.90 in the early, mixed years, falls to about 0.72 in 1973 as Spanish southern-European dominance concentrates in the inner city, and recovers to about 0.82 by 1980 as Turkish and Yugoslav arrivals re-diversify the picture; in the dense core, orange mixes into red, a handover made visible.

Migrants moving through the collective housing facility at Weidenstraße 15.

The clearest structural finding concerns how movement inside the city was organized. Intra-urban moves are not diffuse. They are channeled through a few dormitory nodes, the guest-worker residences of the Karmann car factory, and the network analysis identifies the Bohmter Straße 52 as the dominant bridge, a single node through which a disproportionate share of moves passed.

The Weidenstraße 15 (see animation above), the largest of these residences, is the clearest case, and a companion animation follows this single address. In the event model, 4,979 people passed through it, of whom 4,154, more than eight in ten, had their prior registered residence in Spain, above all in Madrid, Valencia, Andalusia, and the small towns of Extremadura; the animation turns this into a visible rhythm, points streaming in from that recruitment geography, gathering at the one address, and then dispersing. It was not a place to live but a place to pass through, an entrance and a junction: of those who moved on, roughly 1,460 stayed in Osnabrück, first in the other Karmann dormitories and then in private flats across the city, while 1,045 returned to Spain and some 1,294 went elsewhere in Germany. It is the guest-worker system in miniature. Its designers intended a rotation, labor that would arrive, work, and leave again, and the building was the architecture of that intention. The dispersal, however, tells another story: the step from the dormitory into the city’s ordinary housing is the quiet beginning of settlement, of the families and futures the rotation principle was meant to prevent, and what the register caught at this address was therefore not transience as such but its conversion into residence, even as the label ‘guest worker’ traveled on with them. The same wave can be watched across the whole city, building and then dissolving, Spanish around 1964, then Turkish in the Südstraße and the Konrad-Adenauer-Ring from 1972–73, a density that migrates through the streets and changes color as it goes.

The “Wohnheim” in Weidenstraße 15 as “Gate” to the city? (Visualization: crass)

A second animation sets this case against another, and the comparison is the argument. The Osningstraße, in the Schölerberg quarter, was also a Karmann address, and its dormitory at number 18 housed a comparable, albeit smaller core of Spanish metalworkers passing through; the median stay there, about eleven months, is all but identical to that of the Weidenstraße. By the measure the register makes easiest, duration, the two streets are twins. Yet the Osningstraße (see animation below) is two worlds in one street. Alongside the company dormitory ran a fabric of private tenancies, and through it moved a more mixed population, Spanish but also Portuguese and Yugoslav and, from the early 1970s, increasingly Turkish, with a markedly higher share of women. Here the cards record what the Weidenstraße almost never shows: across the street, some 139 families and 306 children, nearly a quarter of them born in Osnabrück, and a wave of children registered ‘with their parents’ that swells precisely after the recruitment stop of 1973. The same eleven-month rotation, in other words, housed two different futures. At the Weidenstraße it stayed rotation; in the Osningstraße, which will be the subject of one of my coming case studies, it began, quietly, to become settlement, a “second generation” entering the register as foreigners in the city of their birth. The comparison shows what a single figure cannot: that identical administrative durations can hold entirely different social processes, and that the index marks the difference only at its margins, in an entry of ‘Hausfrau’ against an occupation, in a child whose address is given as its parents’.

Mobility profile of the Osningstraße (Visualization: crass).

What the image cannot show is as important as what it can, and its limit is a legal category, not a place. The index holds only those who, at a given moment, lacked German citizenship, and people leave it by changing category as much as by moving away. Naturalization is the clearest case: a registered ‘Spaniard’ who was naturalized became, in the register, a ‘German’ and simply dropped out of the data, without changing address. The gendered citizenship law of the period drew the same line in its own way: until 1953, a foreign woman who married a German man acquired German nationality automatically, and vanished from the index without moving a step. The boundary even ran against birth and descent: before the reform of 1975, a child born in Osnabrück to a German mother and a foreign father was a foreigner too, and so entered the index, not as an absence but as a record. Whether any of this changed how a person was seen on the street, whether the naturalized ‘Spaniard’ stopped being a ‘Spaniard’ to her neighbors, is another question, and one the register cannot answer. Foreign origins, in any case, resolve only to the country, never to the town, and nothing exists after 1980. The animation is, ultimately, a portrait of a registration practice and its reach, complete with the practice’s own blind spots.

The visualization as production

The reflexive consequence is unavoidable, and it should be stated rather than hidden. An analysis of this kind stands inside the process it depicts. To geocode, to assign a region, to color a point by nationality is to extend the classifying work of the office whose cards we are reading, and the scholarship that studies the production of migration also, in a small way, takes part in it. This is why the design choices are not cosmetic: a responsible visualization of an administrative register is one that keeps its own operations visible. The companion argument about large-scale digitization and the silences of the archive, developed for the Paris keynote and published separately on this blog, addresses the same problem from the methodological side.21

You may find this animation beautiful, and the beauty is precisely the risk. What looks like a city breathing, alive with diversity, is a city producing it. The light dots are not people arriving. They are a city learning to write down who it would call a foreigner.


Notes

  1. Sebastian Bondzio, Linda Ennen-Lange, Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980. Potenziale als Quelle der Stadt- und Migrationsgeschichte,” Osnabrücker Mitteilungen 126 (2021): 137–193. The paper frames the 1939–1945 entries as the National Socialist forced-labor system and the post-war registrations as displaced persons and “homeless foreigners,” the aftermath of a “gewaltinduzierte[n] Mobilität.” On the latter, see also Lukas Hennies, Sebastian Huhn and Christoph Rass, “Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen: ‘Displaced Persons’ in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg,” Osnabrücker Mitteilungen 123 (2018): 183–232.
  2. Christoph Rass, “Staatsverträge und ›Gastarbeiter‹ im Migrationsregime des ›Dritten Reiches‹. Motive, Intentionen und Kontinuitäten,” in Jochen Oltmer, ed., Nationalsozialistisches Migrationsregime und ›Volksgemeinschaft‹ (Paderborn: Schöningh, 2012), 159–183, DOI 10.30965/9783657773343_010. The Third Reich used bilateral treaties and the euphemism ›Gastarbeiter‹ to cast its wartime deployment of foreign workers as regulated labor migration, even as their treatment converged on that of forced laborers.
  3. Max Galka, “Here’s Everyone Who’s Immigrated to the U.S. Since 1820,” Metrocosm (blog), 3 May 2016, metrocosm.com/animated-immigration-map (archived 16 December 2016: Wayback Machine); Will Geary, “TransitFlow,” 2017. On the circular migration diagram: Guy J. Abel and Nikola Sander, “Quantifying Global International Migration Flows,” Science 343, no. 6178 (2014): 1520–1522, DOI 10.1126/science.1248676.
  4. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the number of cards (some 56,613) and persons (around 70,000) and on its standing as the first machine-readable mass card index of its kind.
  5. Ibid. Figures from the digitized dataset for the operating period 1930–1980: 66,111 arrivals, 51,421 departures, 99,264 changes of address, 10,720 addresses.
  6. Janine Wasmuth and Christoph Rass, “Die Osnabrücker Ausländermeldekartei. Vom Karteigut zum Forschungsdatensatz,” Archiv-Nachrichten Niedersachsen 27 (2023): 42–61. On the extraction with omni:us, the relational database and the geocoding.
  7. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Allmächtig, allwissend und allgegenwärtig? Die Osnabrücker Gestapo-Kartei als Massendatenspeicher und Weltmodell,” Osnabrücker Mitteilungen 124 (2019): 223–260.
  8. Sebastian Bondzio and Christoph Rass, “Big Data und die Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jahresbericht 2021 (Celle, 2022), 16–21; Christoph Rass and Sebastian Bondzio, “Next Stop Big Data? Erfahrungen mit der Digitalisierung von Geschichte und Geschichtswissenschaft,” in Paul Thomes and Tobias Drewes, eds., Vergangenheit analysieren – Zukunft gestalten, Aachener Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte 20, Düren: Shaker, 2020, 13–50). In the original: data “repräsentieren niemals ein objektives, d. h. ein beobachterunabhängiges Weltmodell” (never represent an objective, i.e. observer-independent, world model).
  9. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), the case studies by Pochadt, Ennen-Lange, Hennies and Wasmuth.
  10. Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, “Migration aus Spanien nach Osnabrück zwischen 1960 und 1980 im Spiegel der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Mobilität, Ankunft und Sozialprofil,” Osnabrücker Mitteilungen 128 (2023): 295–322.
  11. Collaborative Research Centre (SFB) 1604 “Produktion von Migration”, University of Osnabrück (funded by the German Research Foundation, DFG). The premises summarized here — production rather than construction, and the triad of figure, infrastructure and space — follow the CRC’s research program.
  12. Bondzio et al., Ausländermeldekartei (2021), on the category ‘Ausländer’ as a category of difference within the logic of the nation-state.
  13. Rogers Brubaker, Ethnicity without Groups (Cambridge, MA, 2004), on categories of practice versus categories of analysis; Roger Zetter, “Labelling Refugees: Forming and Transforming a Bureaucratic Identity,” Journal of Refugee Studies 4, no. 1 (1991): 39–62, DOI 10.1093/jrs/4.1.39; Martina Tazzioli, “Assembling traces of border violence. Counter-mapping as counter-archiving,” Environment and Planning D: Society and Space (2025), DOI 10.1177/02637758241303367 (on the “politics of counting”).
  14. Christoph Rass, “‘Gastarbeiter’. Zur Geschichte eines Schlüsselbegriffs der Produktion von Migration,” NGHM@UOS (blog), 14 June 2020, DOI 10.58079/sbwd.
  15. Ibid.; quoted there from Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie (Hinduismus und Buddhismus), Tübingen 1921, 126 f. Rass states the attribution cautiously (“scheint … eingeführt zu haben,” “vielleicht geprägt”: seems to have introduced it, perhaps coined it).
  16. Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy, “The migration map trap. On the invasion arrows in the cartography of migration,” Mobilities 15, no. 2 (2020): 196–219 (online 2019), DOI 10.1080/17450101.2019.1676031.
  17. J. B. Harley, “Deconstructing the Map,” Cartographica 26, no. 2 (1989): 1–20, DOI 10.3138/E635-7827-1757-9T53.
  18. Abel and Sander, “Quantifying Global International Migration Flows” (2014).
  19. Johanna Drucker, “Humanities Approaches to Graphical Display,” Digital Humanities Quarterly 5, no. 1 (2011); ead., Graphesis: Visual Forms of Knowledge Production (Cambridge, MA, 2014; metaLABprojects).
  20. Catherine D’Ignazio and Lauren F. Klein, Data Feminism (Cambridge, MA: MIT Press, 2020).
  21. Cf. the companion post on the DHIP Paris keynote, NGHM@UOS (2026), nghm.hypotheses.org/47456.

Notes from the DHIP-Summer University in Paris | Doing Migration History with Digital Methods.

This essay presents a shortened, reworked version of the keynote lecture given at the summer university ‘Doing Migration History with Digital Methods’, held at the German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) and organized by Dr. Mareike König, deputy director of the DHIP, together with the Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg), 22–26 June 2026. The keynote was delivered on the evening of Thursday 25 June and was chaired by Prof. Dr. Machteld Venken (C²DH, University of Luxembourg), one of the summer university’s organizers.


Conference impressions

The Summer-University week – in which I participated from the 24th of June – moved through the digital methods now reshaping migration history. After Lorella Viola’s opening keynote on mapping migrant worlds, the sessions ranged across geographic information systems and spatial analysis, optical-character and handwritten-text recognition, the modeling of migration through textual data, datafication and migration databases, and digital network analysis, with hands-on workshops from QGIS mapping to LLM-assisted workflows. One question ran through all of it: what a digital approach opens, and what it closes, in matters of bias, interpretation, and the limits of the method. The contributions were, for the most part, doctoral projects, each presented to the summer university, commented on by an expert, and discussed by the group.

Participants of the DHIT-Summer-University 2026 (Photo: Rass)

On Friday, I chaired the first session on digital network analysis, where Alexandre Binoux (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne / École française de Rome) read the eighteenth-century Greek colony of Corsica by turning parish registers and letters into networks, and Jorit Jens Hopp (Ludwig Maximilian University of Munich, ERC project T-MIGRANTS) traced the professional networks of German-language theatre people in the nineteenth-century Habsburg Empire.

Two further papers given in Thursday’s sessions stayed with me in particular: Timur Mitrofanov (University of Heidelberg / Herder Institute for Historical Research on East Central Europe) read the English-language press of the Latvian diaspora, some 7,270 articles across twenty-five titles, through topic modelling and named-entity recognition; and Valentin Rhodius (Université de Caen Normandie) built a database of the maritime crossings the International Refugee Organization organised between 1946 and 1952, more than 1,200 voyages that carried close to 700,000 of post-war Europe’s displaced overseas. Both connect directly to research lines pursued in our own NGHM working group (Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung) in Osnabrück.

The essay that follows reworks my own keynote, delivered on the Thursday evening: shortened, with the questions raised in the discussion folded into the argument and gathered again at the close.1


How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes

by Christoph Rass

On 13 February 1905, Tullio and Theresa Beltrami, who had come from Italy, moved into a flat in a workers’ district of Osnabrück.2 They stayed. Two daughters were born in the city, in 1909 and 1913: a second generation before the First World War. And yet, under the principle of ius sanguinis, those daughters were Italian, not German, born in Osnabrück and made foreign by descent. From 1916, the family lived as nationals of a state at war with the German Reich, classified as ‘enemy aliens’ on a street where they had already belonged for a decade.

This family is not to be found in a single coherent document. They left almost no trace of their own. They survive in the municipal foreigners’ registration index, a card file created in an administrative reform at the close of the 1920s, when the most advanced information technology of the day reached general administration. We reconstruct the Beltramis as a trajectory across that index: by reading handwritten entries and by record linkage, the matching of scattered cards into one family’s path.

This is the first thing worth noticing: the index did not record the Beltramis, it made them. So we read the “Ausländermeldekartei” twice: as a source for their lives, and as a source for the act that registered those lives. The friction between the two, between a biography and the grid that inscribes it, is what makes the file legible as an archive of its own categorical work.

Migration became data long before it became digital. Markus Krajewski has shown that the card index was already a data-processing machine; what our instruments add today is scale and speed, not the operation itself.3 This essay takes up that double reading. It traces how a categorical figure is produced, assigned, and contested; it asks what the methods of digital history open and what they close; and it locates the silences of the data infrastructure, naming a fourth one that is new in kind. One commitment runs through all of it, stated here against the temptation to read the diagnosis as a counsel of despair: the same operation that produces a silence can be turned against it, and the same digitization that deepens a silence can also help to break it. The argument is not a verdict on digital history. It is an attempt to keep the method usable and honest at scale.

A figure and its trajectory

Widen the focus from one family to the drawer that holds it. The Osnabrück foreigners’ index records about 83,000 arrival entries for more than 70,000 people between 1881 and 1980, with adequate data quality for analysis from the late 1930s onward.4 Across that period the same printed form runs through five different populations: the late Weimar administration that begins the file; the National Socialist state that turns it to the administration of forced labour; the British occupation that registers ‘displaced persons’; the Federal Republic that fills it, through the recruitment decades, with Spanish, Italian, Turkish, and Portuguese ‘guest workers’; and, after the recruitment ban of 1973, the children of family reunification, thousands of them born in Osnabrück as ‘foreigners’ by descent, as the Beltrami daughters had been six decades earlier. The people changed. So did the clerks, and even some of the forms. The grid was the constant.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

This is the wager of the Collaborative Research Center 1604 ‘Production of Migration’ in Osnabrück, where I work as one of the principal investigators, and the analytical position applied throughout is the one we have developed there.5 Migration is not the cause that explains social processes; it is their contested product. Human mobility is a fact. ‘Migration’ is a construct, and our object is the production of that construct, including by digital tools and, increasingly, with them. The word ‘production’ is chosen over ‘construction’ on purpose: construction points to language and discourse, production points to apparatuses, factors, and products, to the registration office as much as to the speech acts performed there. Migration, in Durkheim’s phrase, is treated as a social fact, something a society makes and then meets as if it were given; and the same may hold for the work of production itself.

Take the one word that organizes the index across decades, from the wartime years into the rise and decline of the West German ‘economic miracle’: ‘guest worker’, ‘Gastarbeiter’. It looks like a description of a labor-market arrangement. It is a sediment. Max Weber introduced the term in a context remote from labor migration;6 the National Socialist regime then took it up in wartime propaganda, where it performed a semantic radicalization. It masked coercion as legitimate exchange, gave the forced-labor system a pseudo-legal veneer, and folded the ‘Ausländereinsatz’, the deployment of foreign labor, into a pan-European fiction. When the Federal Republic revived ‘Gastarbeiter’ in 1961 to replace ‘Fremdarbeiter’, a term seen as compromised by its National Socialist forced-labor associations, the older meanings carried over into the practices of recruitment and their registration routines. The word did not simply label the arrangement: it shaped it. ‘Gastarbeiter’ meant one thing above all: a temporary, segregated presence performing a social function, with no path to belonging.

Figures of migration do not stand still once produced. They acquire trajectories: they activate institutions, they address the people they name, and they are, at times, turned against their makers. What holds for the figures we inherit holds for the figures we make.

In the model my colleague Hajo Holst and I have been developing at CRC 1604, in the Center’s work on ‘figures of migration’, we see three forces at work, rarely in equal measure.7 Institutionalization is the stabilizing pull of the apparatus: by 1955, when the Federal Republic signed its recruitment accord with Italy, more than two dozen instruments of regulated labor migration were already in force across Europe, each stabilizing a particular migration regime through the category it deployed. Subjectivation is the pressure of categorical address: a child first entered on a parent’s card as a dependent, a ‘Gastarbeiterkind’, then issued a card of its own at a first job, is handed a position before it can contest it. Transformation is the appropriation that rewrites a figure against its origin: Wir sind keine Gäste, we are no guests. With that slogan, immigrants demanded representation, fought deportation, and claimed equal treatment for their children at school and equal wages at work. The children of the recruited raised it in the 1970s and 1980s; the ‘third generation’ that followed them carries it still. Those produced by the call for ‘guest workers’ took the label and turned it into a claim to precisely what it had been built to deny. We watch that claim materialize in the index itself, as the first of those children crossed from the foreigners’ file into the residents’ register as naturalized citizens.

None of this is unique to migration. Ian Hacking described how classifications of people loop: the classified notice the category assigned to them, respond to it, and at times shift it in turn, so that human kinds become moving targets.8 The categorization is usually easy to spot; the contestation we have to detect with care. A figure is more than a classification: it carries a narrative and an image, a recognizable shape that takes part in the order it appears only to describe. The discipline of working with such figures is to register that twist, what Geoffrey Bowker and Susan Leigh Star call ‘torque’, the way a life is wrenched as it is forced to fit a classification,9 rather than to reproduce it. The reach is wider than one word: the ‘displaced person’ of 1945, a category built by the international relief apparatus, came alive in the same way, and the mechanism extends to gender, race, class, and disability alike. What we call ‘migration’ here might be better caught, as Janine Dahinden proposes, by ‘migrantization’, the process by which people are made migrants in the first place.10

The ‘second generation’ returns at the threshold of the second part of this argument. The city-born children who the law still counted as foreign reappear in the 1970s as a statistical wave, exactly when West German migration studies begin to produce them as a figure. In the Osnabrück file, the number of registered minors peaks in 1973, at roughly 2,500 children; in 1974, the year after the recruitment ban, some 850 new children arrive in a single year, family reunification overrunning the political intention to halt and reverse migration; and the cohort reaching school age rises eightfold between 1955 and 1977. As their numbers grew, the city administration itself began to label these children ‘Gastarbeiterkinder’.11 The administrative file and the scholarly corpus emerging at the same time record the same child from two sides. That correspondence is the bridge to the digital methods themselves.

What digital methods open, and what they close

Every digital method brings a gain in what we can see at the price of something we must fix in place. Our own vocabulary has a word for the second half, Gestaltschließung: the pressure to resolve every ambiguity into a value, a category, a column. Three modes organize the digital history of migration, and each pays the same price in its own currency.

Mapping comes first because it is the most frequent of these operations. What a map opens seems real at once: geocode the Osnabrück addresses, and a segregated social topography appears at a glance. One address resolves into more than five thousand entries, overwhelmingly Spanish, a company-run ‘guest worker’ hostel on a site that had itself been a forced-labor camp between 1942 and 1945, rendered as a single point. What a map closes is the question of what, exactly, has been mapped. A migration map rarely shows where people were or how they moved; it shows where an administration recorded them, projected onto coordinates the source never had, with a precision that only looks exact. We plot what John Searle calls social facts, things that exist only because an institution recorded them, as if they were brute facts that had been there all along.12 Critical cartography has insisted since Brian Harley that a map is an argument, not a mirror, and Johanna Drucker reminds us that what we plot is never simply data but capta, something taken, not given. Henk van Houtum has shown how the innocent arrow on a migration map manufactures the very sense of invasion it claims to depict.13 The answer is not to stop mapping but to map provenance alongside position: to mark whether a point is a measurement, an administrative category, or an imagined place.

The second mode reads language, and here I write as one of the accused: in one strand of the Centre’s research we built a diachronic corpus of the discipline’s own writing on migration and education: roughly six thousand German-language texts from the 1960s to the 2010s, some forty-five million words in the cleaned working corpus.14 The corpus is not about migration research in the abstract but about migration research and the school system, about the making of the ‘migrant child’ as an object of knowledge. That research began in Germany at the moment those children appeared in the classrooms, a country unprepared for an arrival no one had forecast; it was, in a sense, the zero hour of German migration studies, called into being by a real problem at the school gates. We use the corpus to ask not whether the children labeled ‘Gastarbeiterkinder’ or ‘Ausländerkinder’ or ‘deficit children’ had language problems, but how the research discourse produced the ‘language problem’ as a fact. Run the literature through the pipeline, and two operations appear at once: the one that produces voice, and the one that produces silence. The concepts stay stable while the labels change. One finding is visible only at scale: the theorem of ‘double semilingualism’, the claim that a child raised in two languages masters neither, enters the German debate abruptly around 1979, imported from Scandinavia, and arrives bound to a single companion, the vocabulary of danger. The collocation tells us what the concept was for. It did not describe the children’s needs; it warned society about them. The deficit term almost never sits in a monolingual setting: no monolingual German child with a small vocabulary is ever called ‘semilingual’. The word does not measure competence. It marks belonging and reports the mark as a measurement. The corpus also carries a hopeful counter-finding: from the early 1990s the field begins to turn on itself, and the vocabulary of construction, ascription, and reflection rises steadily across the following decades.

The third mode models data; it drives the work of networks and databases. What it opens is relation and differentiation: the nationality-specific timing by which Spanish families crossed into a second generation earlier than Turkish or Portuguese ones, a pattern no card-by-card reading could find. What it closes is identity itself. Record linkage decides which two cards are one life; entity disambiguation decides which person a name denotes in the first place. These are not neutral operations: a wrong merge invents a biography that never existed, a wrong split hides one that did. José van Dijck calls datafication an ideology, and the power of a classification lies precisely in its invisibility.15 In the Osnabrück foreigner’s register, the post-war category ‘unclear nationality’ resolves the ambiguity of a whole displaced continent into a seemingly unambiguous value: unclear-Polish, 914; unclear-Yugoslav, 892; stateless, 506. The clerk, in each instance, had to choose a box, and so does the data schema. The remedy is not to refuse the model but to keep the choice legible: documented schemas, data statements, a source criticism of process-generated data carried unbroken into the database.

Migration of a silence?

Three modes, one finding each: every gain in differentiation is paid for in disambiguation; the more powerful and the easier the tool, the less visible the closure becomes. On the handwritten card the categorical decision stands in plain sight: nationality, status, occupation, written in fields open to challenge. In the relational dataset it moves into the schema, already less visible. In the language model it settles into weights and into the distribution of the training data, far harder to inspect. With the rise of model power, the site of categorical inscription migrates from the visible surface into the opaque interior. The bias has not necessarily grown. Its transparency has fallen.

That formulation drew the sharpest exchange of the discussion after my talk, and it is worth keeping open rather than resolving. One can object, with reason, that the model does not merely hide an old bias but adds a new layer of its own, so that the bias does grow. Both readings hold. Whether the added model layer means ‘more bias’ or ‘the same bias, buried deeper’ is a genuine conceptual question, and the reflexive point survives either answer: a distortion we can no longer see is harder to contest than one written in a clerk’s hand.

Michel-Rolph Trouillot located silencing at four moments in the production of history: the making of sources, the making of archives, the making of narratives, and the making of history in its retrospective significance.16 What I have not seen done, and what seems worth doing, is to ask where each of these moments now sits in a data infrastructure. The making of sources moves into data modelling: the decision about what can become a field, a value, a class at all. The making of archives doubles the older question of what enters the archive with a new one: what gets digitized, and how the metadata classify it; and, as Geoffrey Bowker and Susan Leigh Star insist, every category valorizes one perspective and silences another.17 The making of narratives becomes the logic of ranking, indexing, and retrieval, the searchable shadow that Lara Putnam warned would make whatever has been digitized disproportionately visible.18 To read a source critically now means reading the whole pipeline that delivered it, not only the page at its end.

A fourth moment may be new in kind. It sits in the machine generalization of the large language model, where the distribution of the training data prejudges what can count as significant before the first question is asked. This is not a break with everything that came before. It is the same categorical operation, migrating one step further along a chain that runs from the clerk’s hand to the card index, from the card index to the relational database, and from the database into the trained model, carrying its silences at every step. Recent accounts tend to reach for the language of rupture, a paradigm break from archival mediation to opaque algorithms, yet without the historical depth that Trouillot, and Ann Laura Stoler’s work on the colonial archive, supply.19 Rupture, however, may be the wrong figure. What we are watching could also be read as a migration. Bias is the symptom; silencing, distributed across the moments of production, is the concept. And a migration can be made to run the other way: that is the reversal promised at the outset.

It helps to separate two debates that are usually run together. One is what large language models could do as a technology; the other is what the (commercial) models actually available to us do now. None of them is trained on historical sources, which is why they do not really read our sources and why they return curious explanations: the training data does not fit the purpose to which we put it. And their bias is not a separate machine defect set against an unbiased world. It is the reproduction of the bias already in the world, the same bias the archive has always reproduced from the time that made it. What we are trained to do with a biased source is exactly what a reflexive practice must learn to do with a model.

The reverse operation

If silence enters at four moments, a reflexive practice can answer at each. Where sources are made, we can model the ambiguity instead of resolving it away, and let ‘unclear nationality’ stand on the record as the open question it was. Where archives are made, handwritten-text recognition makes legible, at a scale no reading room ever allowed, what had been buried in undeciphered hands; and entity recognition can surface even a name that appears only once, a trace no index ever caught, as Mrinalini Luthra and colleagues have shown for the colonial archive.20 Where narratives are made, record linkage returns individuated lives from the categorical mass. The reason we now know the Beltramis by name across three generations is that these methods gave them back a trajectory rather than a type.

That recovery rested on the same fragile decisions warned against above. Every link in the Beltrami trajectory is a disambiguation that could have gone wrong, and a different choice would have given a different family. The categories are my data as much as the clerk’s: I counted the second generation through two definitions, and the two definitions yielded two different cohorts and two different images. This is unsilencing, and it is real, and it is not innocent, because to recover a life as data can re-objectify it, as Jessica Marie Johnson warns: every entity type and every linkage rule is itself a categorical decision.21 An unsilencing that knows it is also a kind of inscription: that is the discipline worth arguing for. Not refusal, and not blind faith, but a method turned against its own silences with eyes open.

The constructive task that follows is a research program, not a hope. It begins by relocating the question of confidence. Character recognition may, before long, become a solvable problem: given a controlled historical lexicon and a pass of human verification, domain-trained models already read difficult administrative hands at high accuracy, even on densely structured forms.22

The harder question lies one step further on. It is not whether the machine reads the character but whether the answer it then generates can travel back to its data points and carry a graded measure of its own certainty. That is the confidence score worth arguing about, and it sharpens at scale: forty or eighty thousand cards can still be checked, but when an archive offers three million, verification crosses a threshold beyond which only statistics and probabilities remain. The records that make recognition hardest are built up in strata of stamps, corrections, and rewritten decisions. The ‘CM/1’ files — the application files displaced persons submitted to the International Refugee Organization for assistance, now held at the Arolsen Archives — are the object of a collaboration with the pattern-recognition group of Professor Gernot A. Fink at TU Dortmund.23

The Summer University program also asks us to build richer digital objects. Why, for example, should a dataset travel alone? A project on the history of migration conferences that we are currently designing can build, around a relational core, a layered corpus: the proceedings themselves, the contemporary press coverage, the scholarship of the time, and the scholarship of today. Mixed methods then move between the macro-view, which locates where close reading is worth the historian’s attention, and the deep dive that returns, always, to the document. And it asks us to build the instruments ourselves and to divide the labor, rather than wait for firms whose general-purpose models answer to actors who do not share our questions or our sources. Let one kind of model open the source, reading, extracting, and linking at scale, ideally as a source-bound knowledge graph in which every statement carries its provenance and a graded measure of certainty, so that the contradictions in the record are preserved rather than smoothed away.24 Let the interpretation stay with us, tied to the documents and to the people those documents register, never to a model’s fluent voice. Joanna Guldi calls the text-mining turn at once a revolution and a danger, and both verdicts are true; Torsten Hiltmann’s experiments point to the corrective: the model performs best exactly where a historian’s knowledge guides it.25 There is no shortcut to expertise.

None of this is, in the end, a translation of the old craft into a new medium. The critical historian cannot simply be carried across. The coming generation will not transition from analog roots, as an older one did slowly over thirty years, from a first relational database in the early 1990s; it will grow up in a world where the non-digital method is marginal, something seen only once in a proseminar. The virtues of the craft have to be preserved, but the method itself has to be reinvented over what will likely be a period of trial and error, much as the critical method we now take for granted was the work of generations. To refuse that task would be a betrayal of one’s students and our discipline. It also has an institutional and economic edge that the humanities tend to avoid: unless we move from playing on our laptops to becoming serious computational actors, with access to real processing time and the resources it requires, we will be reduced to consumers of tools built by others, and the open question will be whether historians remain involved in the production of history at all.

The summer university’s visit to the Musée de l’histoire de l’immigration, in a building raised for a colonial exhibition and now given over to representing migration and diversity, is the place to close. CRC 1604 runs a transfer project in such a space, ‘Reflexive Migration Research in the Museum’, with the documentation center DOMiD, which is building Germany’s first national museum of the ‘migration society’, not of ‘immigration’: here, too, the category matters.26 The task it sets is to intervene without reproducing the very figures whose production we have traced. Adrian Favell has pressed the hardest version of the difficulty: every analytical vocabulary tends to acquire the governance function it set out to expose, and ‘production’, our own word, is not exempt.27 The name of our Center is itself a wager, and a reflexive discipline keeps that wager visible rather than pretending it has none. The tension cannot be dissolved. It can only be navigated, in the open.

An excursion took participants to the French Immigration Museum (Photo: Rass)

So this essay returns, at last, to the card. The clerk’s hand, when filling in Tullio Beltrami’s data, did not record a foreigner who was there. It made one, as data, and the figures made through norms, registers, classification practices, datafication, academic and public discourse went on to organize hostels, schools, statistics, scholarship, and now the maps, the corpora, and the models we build to study it. The same operation runs forward into the present, where asylum procedures and borders are datafied in real time, the new infrastructure layered over the old paper without ever fully replacing it. Even a fully digitized future would not retire the oldest questions: what counts as an event worth recording, who records it, who keeps the record, who is trained to read it, and who assigns significance to the narratives that result. Silencing is structural, not a function of scarcity. The honest task is not to claim a vantage point outside the categories, which we do not have and never will, but to write the history of migration and diversity from inside the work that produces them. On the card, the decision stood in plain sight. The model is the newest clerk, and it writes from a hand we can no longer read. The bias has not grown; its transparency has fallen; and to keep reading that hand, from the inside and with open eyes, is the work that remains.


Notes from the discussion

The exchange after the lecture circled, more than once, around a single worry, voiced most directly by the chair: that the diagnosis seemed to leave no way out, and that it placed a heavier burden on digital history than the analogue craft ever had to carry. My reply, and the questions that followed, sharpened several points.

Is the bias growing, or only less visible? Machteld Venken proposed that the new models add a layer of distortion of their own, so that bias grows rather than merely loses transparency. I let the tension stand: both readings are defensible, and the reflexive task holds either way. What I added was a concrete reason the worry is not a machine fault to be patched but a historical condition to be read: as their supply of text runs short, the firms building these models have begun buying up antiquarian books, reference works, and old scholarship to feed them, so that whatever a model later returns has already passed through the same archive, and the same biases, we are trained to read against the grain.28 If that is where the data come from, one might as well pay the national archive a visit. Venken also recalled a wiki-based knowledge graph shown earlier in the week that already did much of what the argument asks for, binding provenance and a graded certainty to each entry; the constructive direction was not hypothetical but already on the table.

Prof. Dr. Machteld Venken & Prof. Dr. Mareike König during the concluding discussion of the DHIP Summer-University (Photo: Rass)

Can you hold your own standards in the text-mining? Yes, and I tried to say how: standard text-mining components assembled in Python, documented code, and primary data prepared so the research can be reproduced. The harder problem is not the method but the practicable standard, what we must submit alongside our results so that a public can hold us to account, a demand that multiplies as the data grow. Why it matters shows in the corpus itself: run the discipline’s own writing through the pipeline, and the operations that produce voice and the operations that produce silence appear side by side. When, in the 1970s, the Chicago School’s ‘second generation’ was carried onto a different society, a few contemporaries warned that the transfer mistranslated both the term and the two societies it moved between; they were not heard, and the corpus still preserves the objection it silenced. One tension I cannot yet resolve sits underneath all of this: ambiguity-preserving documentation, which keeps every uncertainty on the record, and efficient modeling, which resolves them to move at scale, pull against each other, and the semantic-wiki and the hard-data-modeling traditions still barely speak. We are, in this, a little like Goethe’s sorcerer’s apprentice. One reason we press the question at all is that so few others do: the field is either too fascinated or too repelled to press us, which makes it the more important that we press ourselves.

What about confidence and probability scores? Recognition itself is, I think, largely a solvable problem, and a model that refuses to guess can be a virtue: faced with a barely legible hand, a model that declines to supply a plausible but unverifiable reading is doing exactly the right thing. Highly curated, domain-trained models already read difficult historical hands: the Swedish National Archives’ ‘Swedish Lion’, trained on court records from the seventeenth to the nineteenth centuries, reads early-modern Swedish at scale, and the Osnabrück indices were processed to a high reported accuracy on structured forms, every card checked by hand.29 As the essay argues, the question that matters lies not in the character but in the confidence of the answer the model builds from it — and that question only sharpens as the archive grows.

Translation, or reinvention? A participant asked whether the task was to translate the critical historian into the digital or to reinvent the figure. The latter, I believe — for the reasons the essay gives. A follow-up that anyone working on a category like ‘unclear nationality’ should first study the diplomatic record that produced it opened the most constructive idea of the afternoon: that a dataset need not travel alone, but can be built as a layered object in which quantitative reach and close reading become two movements of one practice.

And when the source problem disappears? A final question imagined a future in which nearly everything is digitized and source scarcity no longer constrains us. The structural questions the essay names would remain untouched: these, not the supply of documents, are where silencing lives. The closing note was institutional rather than technical: unless historians become serious participants in computation, with the processing time and resources it demands, the surface systems of the future will write history on request, on a sunny afternoon in Paris, without us. That is the prospect worth refusing, and the reason to hold our own.

Note: This section is reconstructed from my notes and paraphrased throughout. All errors are mine.

References

  1. Summer university ‘Doing Migration History with Digital Methods’, German Historical Institute Paris (DHIP) with the Luxembourg Center for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg), 22–26 June 2026. Speaker names, affiliations, session order and paper titles follow the conference program; the summaries draw on the speakers’ submitted papers. Sessions referenced: ‘Exploring Migration Using Digital Network Analysis I’ (chair: C. Rass; Binoux, Hopp); ‘Modelling and Analysing Migration through Textual Data’ (Mitrofanov); ‘Datafication and Migration Databases’ (Rhodius).↩︎
  2. The Beltrami case and the figures drawn from it derive from the Osnabrück foreigners’ registration index (Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83) as reconstructed in the author’s research; biographical details follow the verified keynote text. On the index as a source: Sebastian Bondzio, Linda Ennen-Lange, Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Max Pochadt, Christoph Rass and Janine Wasmuth, ‘Die Osnabrücker Ausländermeldekartei 1930–1980. Potenziale als Quelle der Stadt- und Migrationsgeschichte’, Osnabrücker Mitteilungen 126 (2021): 137–193; Janine Wasmuth and Christoph Rass, ‘Die Osnabrücker Ausländermeldekartei’, Archiv-Nachrichten Niedersachsen 27 (2023).↩︎
  3. Markus Krajewski, Paper Machines: About Cards and Catalogs, 1548–1929, trans. Peter Krapp (MIT Press, 2011).↩︎
  4. Aggregate figures for the Osnabrück index (c. 83,000 arrival entries, more than 70,000 persons, 1881–1980).↩︎
  5. DFG Collaborative Research Centre (SFB) 1604 ‘Production of Migration’ / ‘Produktion von Migration’, Universität Osnabrück.↩︎
  6. That Max Weber introduced the term ‘Gastarbeiter’ is a result of the author’s research on the genealogy of the figure: Christoph Rass, ‘Gastarbeiter’ – ‘Guest Worker’. Translating a Keyword in Migration Politics (IMIS Working Paper 17, Osnabrück 2023); and Christoph Rass, ‘Gastarbeiter’ in the Nazi Press (1933–1945). Formative Years of a Key Term in Migration Politics (IMIS Working Paper 22, Osnabrück 2026). Weber’s own usage: Hinduismus und Buddhismus (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie II, Mohr/Siebeck 1921).↩︎
  7. The three-forces model (institutionalization, subjectivation, transformation), developed by the author with Hajo Holst: Christoph Rass and Hajo Holst, ‘When Categories Come Alive: Theorizing Generative Dynamics in “Figures of Migration”’, in Production of Migration, vol. I: The Concept of the Production of Migration, ed. Andreas Pott et al. (Cham: Springer, forthcoming).↩︎
  8. Ian Hacking, ‘Making Up People’ (1986); ‘Kinds of People: Moving Targets’ (Proceedings of the British Academy 151, 2007, 285–318); the ‘woman refugee’ example is in The Social Construction of What? (Harvard UP, 1999).↩︎
  9. Geoffrey C. Bowker and Susan Leigh Star, Sorting Things Out: Classification and Its Consequences (MIT Press, 1999): on ‘torque’, and on the way every category valorizes one perspective and silences another.↩︎
  10. On the ‘displaced person’ of 1945 as a produced political category, Sebastian Huhn and Christoph Rass, ‘Displaced person(s): the production of a powerful political category’ (Ethnic and Racial Studies 48/4, 2025, 718–739). On ‘migrantization’, Katharine Charsley and Nicole Hoellerer, ‘Migrantisation: a key concept’ (Comparative Migration Studies 13, 2025); and Janine Dahinden, ‘A plea for the “de-migranticization” of research on migration and integration’ (Ethnic and Racial Studies 39/13, 2016, 2207–2225).↩︎
  11. Ahmet Celikten, Maik Hoops, Christoph Rass and Lale Yildirim, ‘Situating “Gastarbeiterkinder”: Science, School, and the Production of Figures of Migration’, in Production of Migration, vol. II: Empirical Approaches, ed. Isabelle Löhr et al. (Cham: Springer, forthcoming). The contribution shows that the city administration’s 1971 municipal report had deliberately avoided the compound ‘Gastarbeiterkind’. Primary source: Reinhardt Köhler, Bericht zur Situation der Gastarbeiter in Osnabrück (Stadt Osnabrück / Der Oberstadtdirektor, 1971), Stadtarchiv Osnabrück.↩︎
  12. John R. Searle, The Construction of Social Reality (Free Press, 1995), on institutional / social facts.↩︎
  13. J. B. Harley, ‘Deconstructing the Map’ (Cartographica 26/2, 1989, 1–20); Johanna Drucker, ‘Humanities Approaches to Graphical Display’ (Digital Humanities Quarterly 5/1, 2011), on ‘capta’; Henk van Houtum and Rodrigo Bueno Lacy, ‘The Migration Map Trap. On the Invasion Arrows in the Cartography of Migration’ (Mobilities 15/2, 2020, 196–219).↩︎
  14. Corpus of c. 6,000 German-language texts on migration and the school system: roughly 70 million words in raw form, c. 45 million in the cleaned working corpus (the figure used here).↩︎
  15. José van Dijck, ‘Datafication, Dataism and Dataveillance: Big Data between Scientific Paradigm and Ideology’ (Surveillance & Society 12/2, 2014).↩︎
  16. Michel-Rolph Trouillot, Silencing the Past: Power and the Production of History (Beacon Press, 1995).↩︎
  17. Bowker and Star, Sorting Things Out: on the way every category valorizes one perspective and silences another.↩︎
  18. Lara Putnam, ‘The Transnational and the Text-Searchable: Digitized Sources and the Shadows They Cast’ (American Historical Review 121/2, 2016).↩︎
  19. Ida Marie S. Lassen, Jens Christian Bjerring and Kristoffer L. Nielbo, ‘Silencing in Data Science Practices’ (Big Data & Society 12/3, 2025), which carries the vocabulary of silence into data work; contrasted here with Trouillot and with Ann Laura Stoler, Along the Archival Grain: Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense (Princeton UP, 2009).↩︎
  20. Mrinalini Luthra, Konstantin Todorov, Charles Jeurgens and Giovanni Colavizza, ‘Unsilencing Colonial Archives via Automated Entity Recognition’ (Journal of Documentation 80/5, 2024, 1080–1105).↩︎
  21. Jessica Marie Johnson, ‘Markup Bodies: Black [Life] Studies and Slavery [Death] Studies at the Digital Crossroads’ (Social Text 36/4, 2018, 57–79).↩︎
  22. Processing of the Osnabrück indices: external service provider, deep-neural-network recognition exploiting the geometry of the structured forms, with a historical register of residents and street names supplied as a lexicon. On the data-driven processing of these mass card indexes, including the Osnabrück Gestapo-Kartei: Sebastian Bondzio and Christoph Rass, ‘Data Driven History – methodische Überlegungen zur Osnabrücker Gestapo-Kartei als Quelle zur Erforschung datenbasierter Herrschaft’, Archiv-Nachrichten Niedersachsen 22 (2018): 124ff.; and Sebastian Bondzio and Christoph Rass, ‘Die Osnabrücker Gestapo-Datei’, Osnabrücker Mitteilungen 124 (Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2019).↩︎
  23. The ‘CM/1’ files are Arolsen Archives collection 3.2.1 (IRO ‘Care and Maintenance’ Program, c. 1947–1952). Prof. Gernot A. Fink holds the chair of Pattern Recognition at TU Dortmund (document-image analysis and handwriting recognition).↩︎
  24. On source-bound knowledge graphs with provenance and graded certainty, the lecture pointed to a wiki-based knowledge-graph approach presented earlier at the summer school.↩︎
  25. Jo Guldi, The Dangerous Art of Text Mining: A Methodology for Digital History (Cambridge University Press, 2023); Torsten Hiltmann et al., ‘NER4all, or Context is All You Need: Using LLMs for Low-Effort, High-Performance NER on Historical Texts. A Humanities-Informed Approach’ (arXiv:2502.04351, 2025).↩︎
  26. Transfer project ‘Reflexive Migration Research in the Museum’, with DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland), Cologne. DOMiD’s planned museum, long under the working title ‘Haus der Einwanderungsgesellschaft’, is to open as ‘Museum Selma’ (Cologne, scheduled 2029).↩︎
  27. Adrian Favell, The Integration Nation. Immigration and Colonial Power in Liberal Democracies (Polity, 2022); cf. Philosophies of Integration (Macmillan, 1998). The formulation ‘every analytical vocabulary tends to acquire the governance functions it set out to expose’ is the author’s own sharpening of Favell’s critique, not a quotation.↩︎
  28. As their supply of web text is exhausted, firms training large language models have turned to printed books as a data source, in some cases buying and destructively scanning them at scale. On these acquisitions and the antiquarian-book trade they have drawn on, see, e.g., ‘Inside an AI start-up’s plan to scan and dispose of millions of books’, The Washington Post, 27 January 2026; and ‘Rare book dealers fear tech firms are destroying obscure editions to train AI models’, NL Times, 25 June 2026.↩︎
  29. On domain-trained recognition of difficult historical hands, see the Swedish National Archives’ (Riksarkivet) ‘Swedish Lion’ handwritten-text-recognition model for Swedish court records, c. 1600–1900, developed by its AI lab (AIRA) with Transkribus and partner archives. On large language models reaching state-of-the-art transcription of historical manuscripts, see ‘Unlocking the Archives: Using Large Language Models to Transcribe Handwritten Historical Documents’ (arXiv:2411.03340, 2024). The claim here is that such models read difficult hands at scale, not that they surpass expert human readers in general.↩︎

›Production Site‹ | The First Episodes of the SFB 1604 Podcast Are Online

Czarina Wilpert, Gerhard Kromschröder, and the question of who studies migration, who describes it, and who is heard.

The first episodes of ›Production Site‹ are online, and with them, the podcast of the Collaborative Research Center 1604 ›Production of Migration‹ at Osnabrück University has begun its first season.

The series opens with a portrait of the research center and then moves into its conversations. Among the episodes now available, two were developed and co-hosted by Christoph Rass, each with a different second voice at the table: the first with Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), the second with Lale Yildirim (Kiel). Both proceed from the question that drives the entire CRC. How is migration produced? Not as a natural event that simply happens, but as something made: by policies, by institutions, by categories, and not least by scholarship itself.

That these conversations reach an audience at all is the work of Vera Hanewinkel, her colleague Feline Engling Cardoso, and their team, the science communicators at IMIS who built ›Production Site‹ and carried the entire season, from its concept to each released episode. Hanewinkel, responsible for the science communication of both IMIS and SFB 1604, held the series together across hosts, languages, and formats. Her editorial care is audible in every minute of the result. Outstanding work!

This post introduces episodes One and Two in four steps. It first sketches the format and its claim. A second section turns to the conversation with Czarina Wilpert, a third to the one with Gerhard Kromschröder. A final step asks what both encounters make visible about migration research itself.

I. A podcast about the ›production of migration‹

›Production Site‹ is not an explainer format that conveys settled knowledge. The podcast takes the making of migration as its object and, in doing so, carries a premise that runs through all of SFB 1604: that ‘migration’ is not a thing the world contains but a category the world produces. Who counts as a ‘migrant’ and who does not, which terms travel from the academy into schools and administrations, which visibilities and invisibilities result: these are the questions the research center pursues across its subprojects, and the podcast translates them for a wider public.

The reflexive closing dialogue is the format’s signature. Where the interview gives the floor to the guest, the dialogue turns the lens back onto the researchers: What stayed with us? What did we learn about our own blind spots? What remains open? Two registers that science communication usually keeps apart are joined here: engagement with a subject and the methodological self-examination of those who study it. This is what the CRC means by reflexive migration research, and the podcast performs it rather than merely describing it. The series runs across the summer of 2026 and is available on Podigee, Apple Podcasts, Spotify, YouTube, and Deezer.

II. The Forerunner: Czarina Wilpert and the beginnings of migration research

The first episode (in English, “The Forerunner”) belongs to a scholar who helped found migration research in Germany and yet long remained at the margins of its recognition: Czarina Wilpert, née Huerta. Behind the German-sounding surname lies a transatlantic life. Raised in a Mexican immigrant family in Los Angeles, Wilpert came to Berlin in the late 1960s and earned her doctorate from the Technical University of Berlin in 1980, with a study of the futures imagined by the ‘second generation’: a subject that would anchor her work for decades. She held positions at the Berlin Social Science Center (WZB), the TU Berlin, and the Federal Institute for Vocational Education and Training (BIBB); she coordinated a twelve-country European Science Foundation project on cultural identity and migration; and she co-founded civil-society organizations, among them the Initiative Selbstständiger Migrantinnen (1990). A scholar with her own experience of migration, then, who studied immigration while being marked, again and again, as an outsider.

Catherine Ramirez, Czarina Huerta and Christoph Rass (right to left; Photo: UOS)

That double position is what the conversation centers on. It asks what Wilpert could see through her own migration biography that her predominantly male colleagues, looking with what she calls a “purely German gaze,” could not. The episode points beyond the individual case to a mechanism: who belongs in a field, and whose knowledge counts, is decided not only by the quality of the work but by boundary-drawing that determines which voice appears legitimate. The reflexive dialogue brings Christoph Rass together with Catherine S. Ramírez, Professor of Latin American and Latino Studies at the University of California, Santa Cruz, whose book “Assimilation: An Alternative History” (2020) reads assimilation not as something migrants accomplish but as a power relation exercised by the receiving society. The two share a research interest that frames the episode: in the ›Translations of Migration‹ group, they examine how keywords such as ‘guest worker’ and ‘assimilation’ are translated across cultural contexts. Migration, on this reading, is neither a German nor an American subject; it is one whose understanding depends on the very perspectives that were long unheard.

III. Der Grenzgänger: Gerhard Kromschröder and “Als ich ein Türke war”

The second episode (in German, “Der Grenzgänger”) moves from academia into journalism. In the spring of 1982, the reporter Gerhard Kromschröder (b. 1941) dyed his hair, eyebrows, and mustache black, put on the uniform of the Frankfurt sanitation department, and worked undercover for three weeks as a supposedly Turkish street sweeper. His account appeared in October 1982 as a reportage in the weekly journal Stern (issue 42) and in 1983 as the book “Als ich ein Türke war” (Frankfurt am Main: Eichborn). He described himself in it as a “Glasmensch,” a man of glass: someone the surrounding world looks straight through without seeing. Almost three years before Günter Wallraff’s “Ganz unten” (1985), Kromschröder had tested a method of covert reportage that ran ahead of its time and, even so, remained in the shadow of the later bestseller.

Gerhard Kromschröder und Christoph Rass beim Interview in Hamburg (Photo: UOS)

The historical moment sharpens the report’s force. In 1982, Helmut Kohl replaced Helmut Schmidt as chancellor; several million people without German passports were living in the Federal Republic, a substantial share of them from Turkey. Official rhetoric oscillated between the label of those classified as ‘guest workers’, which suggested an eventual departure, and the slogan of ‘overforeignization’ (Überfremdung). Everyday racism was visible and politically denied. I first encountered Kromschröder not through migration history but in the Emsland, where the journalist had his earliest postings and became one of the early voices documenting the history of the so-called ‘Emsland camps’. That the same man later produced one of the earliest role reportages on racialized labor belongs to the corpus work of subproject A3, “Ihr seid Gastarbeiterkinder!”, which Christoph Rass and Lale Yildirim lead together within SFB 1604. A3 traces how, at the interface of scholarship and school, categories for naming young people read as migrants took shape from the 1960s onward, from ‘guest-worker children’ through ‘foreigner children’ to ‘migrant children’, and with what effect academic language encodes the reality of a migration society.

IV. Forgotten voices and the reflexive turn

Das Production Site Team at the Digi-Lab Studio producing Episode 2 (Photo: IMIS).

More than the timing of their release connects the two episodes. Both concern voices that saw and named, early, what others took up only much later, and that were pushed aside for precisely that reason. A scholar with a Mexican American biography researching Turkish migration in Berlin, and a journalist stepping into a racialized world of work: each looked from the outside at a society that long refused to understand itself as a country of immigration. That their contributions survive only partially in the field’s memory is not an accident. It is part of the very production of visibility and invisibility that the CRC sets out to study.

This is where the reflexive closing dialogue earns its place. It does not rest with honoring forgotten voices; it asks after the conditions under which knowledge about migration is made, and under which it is overlooked. What the two episodes enact, then, is less an answer than a stance: the willingness to treat one’s own gaze as part of the object. Migration is not something research simply finds. It is also a product of the gaze through which we choose to see it.


Listen and read on

→ ›Production Site‹ – all episodes: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/en/production-insights/podcast → Episode 1, “The Forerunner” (Czarina Wilpert): https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/en/production-insights/podcast/s01-e01 → Episode 2, “Der Grenzgänger” (Gerhard Kromschröder): https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast/s01-e02

Available on Podigee, Apple Podcasts, Spotify, YouTube, and Deezer.

Research Revisited | Zwölf Jahre Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück

Konfliktlandschaften in Osnabrück:
Zwischenbilanz nach zwölf Jahren

Im Frühjahr 2026 läuft das Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history” auf Hochtouren seinem Abschluss entgegen. Das Vorhaben baut auf einer Vorarbeit auf, die zwischen 2020 und 2022 im BKM-Programm „Jugend erinnert” geoarchäologische Untersuchungen an emsländischen Lagerstandorten umfasste, und es markiert zugleich einen Stand: den einer Arbeit, die an der Universität Osnabrück seit 2014/15 systematisch betrieben wird. Genau diese Verschränkung von laufender Forschung, universitärer Lehre und öffentlicher Vermittlung gibt den Anlass, einen Rückblick auf zwölf Jahre Konfliktlandschaftsforschung zu unternehmen.

Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) in sechs Schritten. Im Folgenden werden zunächst aktuelle Formate forschenden Lernens skizziert, sodann das laufende Emslandlager-Projekt im Detail vorgestellt. Ein dritter Abschnitt geht in die Genese der IAK seit 2014/15 zurück und zeichnet ihre konzeptionelle Grundlegung und ihre Kooperationsstruktur nach. Darauf folgt die Darstellung des methodischen Zugriffs, der die Osnabrücker Position im Feld der conflict landscape studies markiert. Ein chronologischer Überblick über Projekte, Tagungen und Publikationen zwischen 2014 und 2025 schließt sich an. Eine Bilanz schließt den Beitrag und fragt nach den institutionellen Bedingungen, unter denen sich der Osnabrücker Ansatz in Forschung, Lehre und Vermittlung verstetigen lässt.

Mitarbeiterinnen bei der Digitalisierung im Projekt „Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation.” (Imke Selle)

I. Forschendes Lernen 2025/26

Die Konfliktlandschaftsforschung an der Universität Osnabrück ist konsequent in Lehrveranstaltungen eingebunden, die vermitteln, wie Gewaltereignisse ihre Schauplätze überformen und wie sich daraus in der longue durée die Produktion von Deutung und Bedeutung, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwickelt. Eine Reihe von Formaten aus den Jahren 2025 und 2026 macht das exemplarisch sichtbar.

Im März 2025 führte eine Tagesexkursion zum ZeitZentrum Zivilcourage in Hannover. Im Juni 2025 erprobten Imke Selle und ihr Team im Rahmen eines Digital-Public-History-Workshops in der Gedenkstätte Esterwegen mit Schüler:innen des Georgianum Lingen ein 360°-Angebot über die fünfzehn ehemaligen Lagerstandorte und die neun Lagerfriedhöfe. Am 28. November 2025 folgte eine weitere Tagesexkursion nach Esterwegen, ebenfalls unter Leitung von Imke Selle.

Im Wintersemester 2025/26 thematisierte Christoph Rass die Perspektiven der Konfliktlandschaftsforschung an der NGHM-Professur in der Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Holocaust”. Aus der Vorlesung heraus folgte eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren. Am 19. Januar 2026 wurde im Bürgerhaus Ibbenbüren der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano gezeigt, der das Schicksal von Anna Strishkowa rekonstruiert, die als knapp Vierjährige im Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau registriert wurde. Am 27. Januar 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren ins Kulturhaus Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ein. Vorgesehen war ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zabarko, Historiker und Holocaustüberlebender aus Kiew; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, stand erneut Anna Strishkowa im Mittelpunkt. Christoph Rass übernahm die historische Einführung. Das Format des Zeitzeugengesprächs bot eine andere Rahmung als die Filmvorführung am 19. Januar: Statt der medialen Vermittlung durch den Dokumentarfilm stand das direkte Gespräch im Vordergrund, sodass die Studierenden beide Vermittlungsformate erleben und miteinander vergleichen konnten.

Eine ebenfalls im Januar 2026 durchgeführte zweistufige Exkursion unter Leitung von Imke Selle führte die Studierenden zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme: am 16. Januar war eine Gruppe vor Ort mit Führung und kritischer Auseinandersetzung mit der Ausstellung zur Lager-SS, am 23. Januar folgte eine zweite Exkursion digital durch die Audio-Rundgänge und 360°-Touren der vollständig digitalisierten Gedenkstätte. Das Format prüft die analoge und die digitale Erschließung eines Gewalt- und Erinnerungsortes nicht als Alternativen, sondern als Komplemente.

Forschendes Lernen gehört zum Profil der IAK seit ihren Anfängen. Die Karya-Prospektion im Frühjahr 2023 wurde als Exkursion von Studierenden mitgetragen, das aktuelle Emslandlager-Projekt ist um ein Projektseminar herum angelegt. Posterpräsentationen, Tagesexkursionen zu Gedenkstätten und die Tiny Desk Kolloquien bilden stehende Formate, in denen Forschung, Vermittlung und Lehre nicht nacheinander, sondern ineinander wirken.

II. Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation

Das aktuell laufende Projekt operiert auf einer Fläche, die sich über mehr als 100 Kilometer erstreckt: Fünfzehn Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager existierten zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Die meisten Standorte sind heute weder als Gedenkort markiert noch oberirdisch sichtbar. Sie sind Agrarfläche, Industriegebiet, Justizvollzugsanstalt, Wohngebiet. Genau hier setzt das Projekt an: Es dokumentiert die Transformation dieser Orte über neunzig Jahre hinweg digital, von der Gründung der Lager bis zur Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen, die als einzige Erinnerungsinstitution stellvertretend für das gesamte Lagersystem steht.

Aufnahme des Lagers Börgermoor am ehemaligen Lagerstandort (Imke Selle).

Methodisch verbindet das Vorhaben 360°-Panorama, 3D-Scan, UAV-Photogrammetrie und geoarchäologische Prospektion mit forschendem Lernen in der universitären Lehrer:innenbildung. Die Digitalisierungskampagnen begannen im März 2024 mit ersten Aufnahmen an mehreren Standorten; im Mai und Juni 2024 wurden die Lager IX Versen und XI Groß-Hesepe auf den Geländen der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen systematisch erfasst; 2025 folgten weitere Standorte sowie eine zweite Studierendenexkursion zu den Lagern Neusustrum, Oberlangen, Dalum, Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) und Wietmarschen. Die Bündelung der Daten in einer digitalen Public-History-Infrastruktur dient zweierlei: einer empirischen Rekonstruktion der ›Emslandlager‹ als Verwaltungs- und Gewaltraum, und einer didaktischen Übersetzung, die Studierende, Schüler:innen und die regionale Öffentlichkeit als Adressat:innen mitdenkt.

Das Projekt entstand an der Universität Osnabrück und wird seit dem Wechsel von Lale Yildirim an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 2024 als Kooperation zwischen ihr und Prof. Dr. Christoph Rass an beiden Standorten und mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen umgesetzt. Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstätte bearbeiten gemeinsam ein Vorhaben zwischen Forschung, Lehre und Vermittlung.

III. Konzeptionelle Grundlagen seit 2014

Die IAK formiert sich 2014/15 als interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Geschichte (epochenübergreifend), Historische Migrationsforschung, Archäologie, Geoarchäologie, Fernerkundung und digitale Methoden der Geistes- und Kulturwissenschaften zusammengeführt werden. Sie entstand damals auf der Grundlage von mehr als zwei Jahrzehnten Kooperation des Historischen Seminars mit seiner Professur für Archäologie der römischen Provinzen mit dem Museum und Park Kalkriese am Ort der Varus-Schlacht. Aus der Forschung dort stammt ein Befund, den die IAK in ihre Arbeit übernimmt und weiterführt: die These, dass post-battle processes, also die langfristigen Überformungen eines Gewaltortes nach dem unmittelbaren Kampfgeschehen, für das Verständnis historischer Konfliktlandschaften nicht weniger relevant sind als die Ereignisrekonstruktion selbst.

Die IAK übersetzt diesen Befund in ein eigenständiges Programm. Während battlefield archaeology einen Ort als Rekonstruktion des militärischen Geschehens liest, weitet der Osnabrücker Ansatz den Begriff in zwei Richtungen aus: zeitlich, indem nicht nur der Ereignishorizont, sondern auch die diskursive, materielle und erinnerungskulturelle Transformation des Ortes über die Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) hinweg untersucht wird, und thematisch, indem nicht nur ›Schlachtfelder‹ im engeren Sinne adressiert werden, sondern auch Lagerlandschaften, Vernichtungsorte der Shoah, Besatzungsräume, Grenzregime und Orte der Zwangsarbeit. Christoph Rass umreißt die Arbeit der IAK mit einem Satz: „Wir untersuchen gewaltüberformte Orte als Konfliktlandschaften mit einem integrierten Methodenspektrum, das von den Naturwissenschaften bis zu den Geistes- und Kulturwissenschaften reicht.”

Andreas Stele (Physische Geographie) erklärt den Teilnehmer:innen der Herbstschule in Aschendorfermoor (Projekt ‘Boden|Spuren’) die Funktionsweise des Georadars.

Institutionell ist die Gruppe derzeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung angesiedelt. Mit der Neubesetzung der Professur für Archäologie geht die Leitung an Prof. Dr. Marcus Zagermann über. Seit 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler:innen im Verbund mitgearbeitet oder mit der Gruppe kooperiert. Die Kerngruppe innerhalb der Universität Osnabrück umfasste in den Jahren 2014 bis 2024 beispielsweise Joachim Härtling und Andreas Stele (Physische Geographie), die jeweiligen Vertreter der Archäologie, Björn Waske, Thomas Jarmer und Marcel Storch (Fernerkundung und Digitale Bildanalyse, Informatik), Andreas Brenne (Kunstpädagogik) sowie, bis zum Wechsel an die CAU Kiel im Jahr 2024, Lale Yildirim (Geschichtsdidaktik). Eine Übersicht über Mitglieder und Kooperationen dieser Phase ist auf der Webseite der Gruppe zugänglich.

Außerhalb der Universität Osnabrück sind aus dieser Zeit zahlreiche Kooperationsstränge gewachsen, die je einen analytischen Konvergenzpunkt markieren. Die längste, andauernde Zusammenarbeit besteht mit der Geschichtswerkstatt Minsk und Aliaksandr Dalhouski: Die gemeinsame Arbeit ist auf die Untersuchung der Konfliktlandschaften aus deutscher Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus gerichtet, von Maly Trostenez über die ›verbrannten Dörfer‹ bis zur ›Bandenbekämpfung‹, die in mehreren Projekten und in Lehrkooperationen ausgreift. Mit Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) bündelt sich die Griechenland-Arbeit: Schneiders Datenbank zu deutschen Militär- und paramilitärischen Einheiten in Griechenland 1941–1944/45 ist ebenso wie das App-Projekt Pan-history und das Karya-Vorhaben ein gemeinsamer Bezugspunkt. Mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group an der TU Dortmund konvergiert die Zusammenarbeit auf der Verknüpfung von maschinellem Lernen und historischen Quellenkorpora, zuletzt in der gemeinsamen Publikation des CM1-Datasets auf der ICDAR 2025. Mit der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen liegt der gemeinsame Bezugspunkt zunächst in „Boden|Spuren” (2020–2022) und dann im aktuellen Emslandlager-Projekt, das die Konfliktlandschaft Emsland in den Mittelpunkt rückt. Weitere abgeschlossene Projektkooperationen schließen an: die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin im Karya-Verbund (2022–2024), der Landschaftsverband Rheinland im Hürtgenwald-Projekt (2020–2024), die Universität Göttingen, die Universität Lettlands in Riga und das Museum Friedland im Vorhaben „In Stein gemeißelt?” (2022–2023).

IV. Methodenkette, Disziplinverbund, Feldforschung

Methodisch verbindet die Konfliktlandschaftsforschung ein Set nicht-invasiver und geophysikalischer Verfahren mit Quellenarbeit, Kartographie und digitaler Public History. LiDAR-Fernerkundung, Magnetometrie, Georadar und Geoelektrik dienen der Detektion unterirdischer Strukturen; UAV-Photogrammetrie und 3D-Scanning erfassen Oberflächenbefunde in hoher Auflösung; 360°-Aufnahmen dokumentieren den heutigen Zustand der Orte und machen ihn in virtuellen Rundgängen erfahrbar. Die so erzeugte Evidenz tritt in einen analytischen Dialog mit Archivquellen, Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Satellitenbildern aus der Nachkriegszeit, Zeitzeugenberichten und kartographischer Überlieferung. Erst wenn diese Multimodalität robust ist, kommen invasive Verfahren (Bohrungen, Sondagen, Grabungen) überhaupt in Betracht. Die methodische Reihenfolge ist nicht bloß forschungsökonomisch begründet. Sie nimmt eine ethische Position gegenüber Orten ein, an denen Menschen verfolgt, gequält und ermordet wurden.

Aus dieser Praxis hat die IAK eine Typologie entwickelt, die neuzeitliche Konfliktlandschaften in drei Klassen einteilt: Typ 1 weist bauliche Überreste auf, Typ 2 ist durch deutliche Oberflächenbefunde gekennzeichnet, Typ 3 besitzt weder offenkundige bauliche Überreste noch Oberflächenspuren. Diese Klassifikation ist nicht nur eine akademische Sortierordnung. Sie hat Folgen: Sie strukturiert die Wahl der Verfahren, sie bestimmt, was als Befund überhaupt entstehen kann, und sie macht sichtbar, dass viele Gewaltorte des 20. Jahrhunderts heute zur dritten Klasse gehören, also Orte ohne Marker sind, an denen die Forschung erst die Voraussetzung dafür schaffen muss, dass sie als Erinnerungsorte überhaupt diskutiert werden können.

Die fünf seit Gründung der Gruppe beteiligten Disziplinen (Physische Geographie, Archäologie, Informatik, Geschichtswissenschaft, Künstlerische Gestaltung) verstehen sich dabei weder als additive noch als konkurrierende Sichten, sondern als sich wechselseitig bereichernde Zugänge in ständigem Austausch. Das ist eine Form von Interdisziplinarität, die über eine bloße Nebeneinander-Stellung disziplinärer Befunde hinausgeht. Sie verlangt eine gemeinsame Arbeit am Gegenstand und produziert eine Evidenzform, die in keinem der beteiligten Fächer allein entstünde.

V. Projekte, Tagungen, Publikationen

Frühphase 2015–2017: Verortung des Ansatzes

Die epochenübergreifende Ausrichtung der Gruppe dokumentieren zwei interepochale Exkursionen, die ihr Profil sichtbar machen. Im Jahr 2015 führt eine gemeinsame Exkursion Christoph Rass und Christiane Kunst (Alte Geschichte) in die Troas im Nordwesten der heutigen Türkei und liest die Region unter dem Titel „Die Troas zwischen Antike und Erstem Weltkrieg” als gestaffelte Konfliktlandschaft, in der sich die Schlacht am Granikos (334 v. Chr.), die troianischen Mythen und die Kämpfe um die Dardanellen 1915 überlagern. Aus dieser Exkursion geht 2018 Christiane Kunsts Sammelband Alexander der Große am Granikos hervor; ein zugehöriger Aufsatz von Kunst und Anna Katharina Romund eröffnet 2022 unter dem Titel „Granikos. Die Schlacht im Kopf” auch Band 1 der Reihe Konfliktlandschaften. Zwei Jahre später, 2017, folgt eine zweite interepochale Exkursion von Christoph Rass, Christiane Kunst und Thomas Vogtherr (Mittelalter) nach Malta, in eine Insellandschaft, deren konfliktgenetische Schichten von der Antike über die Belagerung von 1565 bis zu den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs reichen. Beide Exkursionen unterlegen den Anspruch, Konfliktlandschaften nicht epochenspezifisch zu denken, mit konkreter Feldforschung, die sich wiederum mit der universitären Lehre verschränkt.

Bereits im Juni 2016 zeigt die IAK in der Kunsthalle Osnabrück gemeinsam mit der Forschenden Kunst erste Ergebnisse ihrer multiperspektivischen Betrachtung unter dem Titel „Konfliktlandschaften erkunden: Eine Spurensuche zwischen Grund und Gründen”, bezeichnenderweise als Workshop mit Ausstellung, also in einem Format, das die künstlerische Auseinandersetzung gleichrangig neben die wissenschaftliche stellt. Im November 2016 folgt ein zweiter Workshop in Kalkriese, der die Kooperation mit dem Museum vertieft.

Konsolidierungsphase 2018–2019

Eine erste Konsolidierungsphase erreicht die Gruppe 2018/19. Im Oktober 2018 richtet sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Museum Kalkriese die Jahrestagung „Konfliktlandschaften. Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog” aus.

Im Oktober 2019 folgt mit dem Landschaftsverband Rheinland in Köln die internationale Fachtagung „Konfliktlandschaft Hürtgenwald”, im November 2019 in Osnabrück ein Methodenworkshop mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der den Einsatz konfliktarchäologischer Verfahren für die Dokumentation von Massengräbern der Shoah ausleuchtet. Parallel laufen ab 2017 das EVZ-geförderte Projekt zu transnationalen Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit und Migration, ab 2018 die Prospektion Schärpenburg in Heede, ab 2019 die Kooperation in einer Datenbank zur deutschen Besatzung Griechenlands 1941–1944/45.

Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im Hürtgenwald (Mirjam Adam).
Hochphase 2020–2024: Drei parallele Forschungsfelder

Die Jahre 2020 bis 2024 bilden eine besonders dichte Phase. Drei zentrale Stränge laufen parallel: erstens der Hürtgenwald, zweitens die ›Emslandlager‹, drittens die osteuropäischen Vernichtungsorte.

Hürtgenwald. Im Hürtgenwald führt die IAK von 2020 bis 2024 das vom LVR geförderte Projekt „Lernort ›Schlachtfeld‹? Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald” durch. Eine Kampagne im August 2020 dokumentiert anthropogene Eingriffe entlang des Kall-Trails und macht Raubgrabungen sowie Re-enactor-Aktivitäten sichtbar; weitere Feldforschungen im März 2023 ergänzen die Aufnahme; im November 2023 schließt die Abschlusstagung „Lernort Schlachtfeld? Der Hürtgenwald im Blick interdisziplinärer Forschung und kritischer Vermittlung” die Arbeit ab. Das Vorhaben verbindet Feldforschung und Vermittlung mit der Analyse einer problematischen lokalen Geschichtskultur, in der Militaria-Literatur und Re-enactment revisionistische Narrative reproduzieren. Eine Reihe digitaler Ausstellungen zu zentralen Orten dieser Konfliktlandschaft ist öffentlich zugänglich:

https://konfliktlandschaften.nghm-uos.de

Die Hürtgenwald-Forschung der IAK ist auch in den dokumentarischen Diskurs hineingewachsen. 2019 kooperierte die Arbeitsgruppe mit National Geographic an der Reihe „Buried Secrets of WWII”; in der Folge „America’s Bloodiest Battle” (Staffel 1 Folge 4, 24. September 2019) untersuchen Pete Kelsey und Martin K.A. Morgan den Hürtgenwald mit Mitteln digitaler 3D-Modellierung. In eine weitere Episode der Reihe zur ›Vergeltungswaffe‹ V2 gingen magnetometrische Befunde der IAK an Einschlagstellen in Südengland und ein LiDAR-Geländemodell des Standortes des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora ein. Im Februar 2020 sendete der WDR Carsten Günthers Dokumentation „Die Schlacht im Hürtgenwald” aus, in der Christoph Rass Befunde der IAK als historischer Kommentator einordnet.

Emsland. Im emsländischen Kontext kooperiert die IAK ab 2020 im BKM-geförderten Programm „Jugend erinnert” mit der Gedenkstätte Esterwegen im Projekt „Boden|Spuren”, parallel mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten „Boden erinnert”. Im August 2020 detektiert ein Team unter Einsatz von Drohnen-LiDAR die Lage von Grabstellen auf der Kriegsgräberstätte Dalum, wo zwischen 8.000 und 16.000 Opfer der NS-Gewaltherrschaft beigesetzt sind: die Größenordnung allein zeigt, in welchen Dimensionen von Gewalt diese Projekte oft arbeiten. Im Dezember 2022 gehen erste Projektergebnisse online; im November 2022 schließt die dritte Herbstschule in Esterwegen das Projekt didaktisch ab.

Osteuropa und Südosteuropa. In Osteuropa und im südosteuropäischen Raum entstehen zwischen 2021 und 2024 vier zusammenhängende Projekte. Das Auswärtige Amt fördert von 2021 bis 2023 die „Geoarchäologische Detektion und Dokumentation von Vernichtungsorten der Shoah in der Ukraine”. 2021/22 entsteht in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Minsk und unter EVZ-Förderung im Programm „Jugend erinnert” die digitale Erschließung des Vernichtungsortes Maly Trostenez, 2022 der „Virtuelle Lernort Malyj Trostenez/Maly Trascjanec”. Von 2022 bis 2024 läuft, ebenfalls mit der EVZ und mit Minsk, das Projekt „Гвалт і памяць — Mapping the Co-Presence of Violence and Memory in Belarus”, das die Geschichte der ›verbrannten Dörfer‹ und der nationalsozialistischen ›Bandenbekämpfung‹ im Zentrum hat und in mehreren Publikationen, zuletzt im Sammelband Verbrannte Dörfer (Berlin 2024) und in Ost-West 26/4 (2025), seinen Niederschlag findet.

Teilnehmer:innen der Herbstschule in Dalum im Projekt “Boden|Spuren”.

Karya. Im griechischen Karya wird zwischen 2022 und 2024 ein öffentlichkeitswirksames Projekt der jüngeren Geschichte der Gruppe umgesetzt. Im Frühjahr 1943 hatten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland verschleppt, um sie unter tödlichen Bedingungen einen mehr als 20 Meter tiefen Hangeinschnitt graben zu lassen. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 führte ein Team der IAK unter Leitung von Christoph Rass am Ort eine geoarchäologische Prospektion durch.

Die Ergebnisse fließen in die dreisprachige Wanderausstellung „Karya 1943 — Zwangsarbeit und Holocaust” sowie in den 2026 erschienenen gleichnamigen Katalog ein, herausgegeben vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Stiftung Denkmal und der Universität Osnabrück. Die Ausstellungswebsite macht die Ergebnisse zugänglich:

https://karya1943.eu

Im IAK Working Paper 3 sind Methodik und Befunde der Prospektion dokumentiert, im IAK Working Paper 4 der zugehörige Erfahrungsbericht. Parallel produzierte die IAK in Zusammenarbeit mit dem VirtUOS einen halbstündigen Dokumentarfilm über die Arbeiten in Karya.

Dokumentarfilm zur Prospektion.

Methodisch-programmatische Projekte und Tiny Desk

Parallel laufen zwischen 2023 und 2024 zwei kleinere, methodisch programmatische Projekte. „Pan-history”, gemeinsam mit Norbert de Lange (Umweltinformatik, Universität Osnabrück) und Valentin Schneider (National Hellenic Research Foundation, Athen) und gefördert durch das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programmbereich Europäische und internationale Zusammenarbeit, entwickelt eine App für ein crowdsourcing-basiertes Langzeitmonitoring von Konfliktlandschaften und erprobt sie 2023 im Field-Test an Gewaltorten in Griechenland. Daneben läuft „In Stein gemeißelt? Digital erfahrbare Erinnerungsdiskurse im Stadtraum von Niedersachsen und Osteuropa” im Programm Zukunftsdiskurse, gemeinsam mit der Universität Göttingen, der Geschichtswerkstatt Minsk, der Universität Lettlands in Riga und dem Museum Friedland. 2023 kommt das Projekt „Von der ›Grünen Hölle‹ zum ›Grünen Band‹. Gedenkort ›Juliushütte‹” der Stiftung Naturschutz Thüringen hinzu, das unter Leitung von Dr. Frank Wolff einen Außenposten des KZ Mittelbau-Dora an der einstigen innerdeutschen Grenze adressiert. Im März 2023 findet zudem das gemeinsam mit Kalkriese veranstaltete Tiny Desk Kolloquium „Conflict Landscapes: Archäologie, Landschaftskonzeptionen, Narrative und Public History” statt.

Publikationen

Begleitet wird diese empirische Arbeit von einer wachsenden Zahl von Publikationen. Im Juli 2022 erscheinen die ersten beiden Bände der Reihe Konfliktlandschaften bei V&R/Brill, herausgegeben für die Arbeitsgruppe von Christiane Kunst, Christoph Rass, Thomas Vogtherr und Lale Yildirim. Band 1 versammelt 16 Beiträge zu Gewaltorten von der Antike bis in die Gegenwart, vier davon mit ersten Befunden zum Hürtgenwald-Projekt; Band 2 ist Frank Möllers Analyse revisionistischer Militaria-Literatur über die ›Schlacht im Hürtgenwald‹. Die Bände 3 und 4 sind in Vorbereitung. Aufsätze in Antiquity (zum Vossenack Ridge 2021 und zum Kall-Trail 2022), im Journal of Conflict Archaeology (zu post-battle processes 2011), in Zeithistorische Forschungen (zu GIS-Anwendungen 2022) sowie eine eigene Working-Paper- und Short-Report-Reihe (IAK WP 1–4, IAK SR 1–4) dokumentieren die einzelnen Stränge.

Publikationen

VI. Die Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung im Forschungsfeld

Aus mehr als zehn Jahren Arbeit ist insgesamt ein Zugriff hervorgegangen, der nicht in einem einzelnen Ort und nicht in einer einzelnen Epoche aufgeht. Die Arbeit der Gruppe legt nahe, dass „Konfliktlandschaft” als analytischer Begriff dann tragfähig wird, wenn er drei Eigenschaften verbindet: ereignisübergreifende Temporalität, also die systematische Mitanalyse der Transformationen nach dem unmittelbaren Gewaltgeschehen; methodische Mehrebenheit, also die Verschränkung geophysikalischer, geoarchäologischer, kartographischer, historiographischer, kulturwissenschaftlicher sowie didaktischer Verfahren; und reflexive Auseinandersetzung mit der Produktion von Erinnerungsorten durch wissenschaftliche, museale und politische Praktiken. Die in Osnabrück entwickelte Klassifikation der drei Konfliktlandschaftstypen ist gerade an Orten ohne sichtbare Spuren von forschungspraktischer Bedeutung: Sie führt zu einem anderen Blick auf die Produktion von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sensibilisiert für die Bedingungen der Produktion von Erinnerbarkeit.

Die Geschichte der IAK ist zugleich eine Geschichte ihrer Kooperationen. Ohne die langjährige Bindung an Kalkriese wäre der Methodentransfer von der Provinzialarchäologie in die Zeitgeschichte nicht in dieser Tiefe möglich gewesen; ohne die andauernde Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk, ohne die Verbünde mit der Gedenkstätte Esterwegen, der Stiftung Denkmal und dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, dem LVR und ohne die Bindungen an Valentin Schneider in Athen und Gernot A. Fink in Dortmund wären die größeren Projekte nicht durchzuführen gewesen. Die IAK ist insofern weniger ein abgeschlossener Forschungsverbund als eine Plattform: ein Knoten in einem Netz, das in unterschiedlichen Konstellationen mal aktiv, mal ruhend, mal neu geknüpft wird.

Genau hier liegt die Frage, die sich aus dem aktuellen Emslandlager-Projekt ergibt. Die Arbeit von Imke Selle und ihrem Team an den fünfzehn Lagerstandorten ist nicht nur die digitale Dokumentation eines historischen Lagersystems. Sie ist auch ein Test , ob die in der Osnabrücker Konfliktlandschaftsforschung entwickelten Verfahren in einer Konstellation tragen, in der Forschung, Geschichtsdidaktik und Public History strukturell ineinandergreifen müssen, also über zwei Hochschulstandorte und eine Gedenkstätte hinweg, in der Lehrer:innenbildung wie in der Citizen Science, im Archiv wie im Feld. Was 2014 als interdisziplinäre Werkstatt begann, steht 2026 vor der Aufgabe, Studierende, Promovierende und Lehrende so in die laufende Arbeit einzubinden, dass sich die Methode als interdisziplinärer und epochenübergreifender Ansatz etabliert. Ob das gelingt, hängt nicht allein vom analytischen Anspruch ab, sondern davon, dass die institutionellen Bedingungen für diese Art von Forschung und Lehre weiter bestehen.


Aktivitäten, Exkursionen und Projekte der IAK werden laufend auf NGHM@hypotheses dokumentiert; eine Übersicht über Mitglieder, Tagungen, Working Papers und die Buchreihe findet sich auf den Seiten der NGHM-Professur.


Online Now | Zwei neue NGHM-Ausstellungen

Was lässt sich über lokale Geschichte erfahren, wenn wir Verwaltungsakten, Karteikarten und Erhebungsbögen nicht nur als Informationsträger lesen, sondern als Quellen, die selbst an der Produktion von Wissen über Bevölkerung, Zugehörigkeit und Ausschluss beteiligt waren?

Zwei neue digitale Ausstellungsprojekte von Studierenden der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung gehen dieser Frage nach. Beide sind aus Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass hervorgegangen und verbinden quellengestützte Analyse mit digitalen Präsentationsformen.

Nach einer abgeschlossenen wissenschaftlichen Redaktion durch Valentin Loos, M.Ed., machen die beiden Ausstellungen, die mit dem System Omeka S umgesetzt wurden, nun Ergebnisse aus Forschung und Lehre öffentlich zugänglich – und laden dazu ein, Osnabrücker Universitäts- und Stadtgeschichte nicht nur nachzulesen, sondern analytisch zu erkunden.


Die Universität Osnabrück – Gründung und Anfangsjahre

Am 17. April 1974 fanden an der neu gegründeten Universität Osnabrück die ersten offiziellen Lehrveranstaltungen statt. Doch die Geschichte unserer Hochschule reicht weiter zurück. Eine Vielzahl von Entwicklungen musste vor über fünfzig Jahren in Gang gesetzt und miteinander verwoben werden, um den Ort entstehen zu lassen, an dem wir heute studieren, lehren und forschen.

Die Ausstellung gliedert sich in sechs Themenschwerpunkte und nimmt ausgewählte gesellschaftliche, räumliche, didaktische und organisatorische Aspekte der Universitätsgründung in den Blick. Im Zentrum stehen unter anderem die politischen Konflikte, die den Gründungsprozess begleiteten – etwa die Auseinandersetzungen um die Entstehung des Campus am Westerberg. Darüber hinaus werden das Leben und die Selbstorganisation der Studierenden thematisiert, die Entwicklung zentraler Einrichtungen wie der Universitätsbibliothek nachgezeichnet und das Verhältnis von Wissenschaft und Emanzipation in der Frühphase der Universität befragt.

In den gewählten Themenfeldern spiegeln sich die Interessen der beteiligten Studierenden wider: Entscheidungen und Weichenstellungen, die vor fünfzig Jahren getroffen wurden, prägen den universitären Alltag bis heute. Die Gründungs- und Anfangsjahre sichtbar zu machen, kann dazu beitragen, gegenwärtige Strukturen einzuordnen und besser zu verstehen.

Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Universitätsarchiv Osnabrück und dessen Leiter Dr. Thorsten Unger. Das im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, angesiedelte Archiv verwahrt die zentralen Quellen zur Geschichte der Universität und ihrer Vorgängereinrichtungen und hat den Studierenden sowohl den Zugang zu den Beständen als auch die archivfachliche Beratung ermöglicht.


Die Lohstraße – Stadtgeschichtliche im Spiegel einer Straße

Das zweite Projekt nimmt eine einzelne Osnabrücker Straße in den Blick: die Lohstraße. Aus mikrohistorischer Perspektive fragt es danach, was sich über einen zunächst beliebig gewählten Ort und die Menschen, die dort lebten, erfahren lässt, wenn man systematisch verschiedene Quellenbestände miteinander verschränkt. Herangezogen wurden die Osnabrücker Gefallenenkartei, die Gestapokartei, die Ausländermeldekartei sowie die Erhebungsbögen der ersten Volkszählung in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jede dieser Quellen bildet die Lohstraße und ihre Bewohner:innen auf spezifische Weise ab – und erzeugt dabei jeweils eigene Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten. Die Gestapokartei erfasste andere Personen und Merkmale als die Ausländermeldekartei; die Volkszählungsbögen wiederum folgten einer ganz anderen administrativen Logik. Gerade in der Zusammenschau dieser unterschiedlichen Überlieferungen werden die Mechanismen erkennbar, durch die Verwaltungspraxis Kategorien wie ‚Ausländer’, ‚Gefallener’ oder ‚Verdächtiger’ nicht nur dokumentierte, sondern aktiv hervorbrachte.

Die Ausstellung macht so Stadtgeschichte auf eine Weise zugänglich, die über die Darstellung von Veränderungen im Stadtbild hinausgeht: Sie rückt die Lebenswelten der Menschen in den Mittelpunkt und zeigt, dass Migration, Mobilität und die Verwaltung von Bevölkerung keine Ausnahmephänomene waren, sondern längerfristige Bestandteile der Osnabrücker Stadtgesellschaft.

Erarbeitet wurde die Ausstellung in enger Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesarchiv. Die herangezogenen Quellenbestände werden in den Abteilungen Osnabrück und Hannover verwahrt, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Studierenden sowohl den Zugang zu den Archivalien als auch die fachliche Beratung bei der Quellenarbeit ermöglicht haben.

Digitale Ausstellungen als Format der Wissensvermittlung

Beide Projekte zeigen, was entstehen kann, wenn Studierende mit Quellenbeständen arbeiten und ihre Ergebnisse in digitalen Formaten aufbereiten. Die Verbindung von Lehrkontext und öffentlicher Präsentation schafft einen Raum, in dem Analyse nicht nur erarbeitet, sondern auch vermittelt wird. Zugleich machen beide Ausstellungen sichtbar, dass die Quellen, auf denen unser Wissen über die Vergangenheit beruht, selbst Produkte jener Praktiken sind, die wir in unseren Studien untersuchen.

Out Now | Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust – Der Katalog zur deutsch-griechischen Wanderausstellung

Mit dem Erscheinen des Ausstellungskatalogs Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust in deutscher und englischer Sprache liegt nun eine Publikation vor, die ein mehrjähriges deutsch-griechisches Verbundprojekt zur Aufarbeitung eines lange vergessenen Kapitels des Holocausts dokumentiert und in seinen historischen Kontext einordnet. Der vorliegende Beitrag stellt den Katalog vor und kontextualisiert ihn durch einen Rückblick auf das Projekt, die Wanderausstellung sowie den Beitrag der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) der Universität Osnabrück.


Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas & Universität Osnabrück (Hrsg.) (2026): Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust. Berlin


Karya – ein vergessener Tatort des Holocausts

Im Frühjahr 1943 verschleppten die deutschen Besatzer zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus dem Ghetto Thessaloniki an die Bahnstation Karya in Mittelgriechenland – einen abgelegenen Haltepunkt an der Bahnstrecke Athen–Thessaloniki, rund 250 Kilometer nördlich der griechischen Hauptstadt. Die Männer mussten für die Organisation Todt (OT) ein Ausweichgleis für Wehrmachtszüge und den Abtransport von Rohstoffen aus Griechenland bauen, wozu ein massiver Hangeinschnitt in den Fels getrieben wurde.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren katastrophal; ein Überlebender bezeichnete Karya nach dem Krieg als „Hölle auf Erden”. Wenigen gelang die Flucht zu den griechischen Partisanen. Die meisten Überlebenden der Zwangsarbeit wurden im August 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Der Fall Karya zeigt in aller Deutlichkeit die enge Verflechtung zwischen deutscher Besatzungsherrschaft, Zwangsarbeitssystem, wirtschaftlicher Ausbeutung und Holocaust in Südosteuropa.

Dieses Verbrechen wäre vermutlich für immer im Vergessen geblieben, hätte der griechische Sammler und Forscher Andreas Assael – selbst Sohn eines jüdischen Holocaust-Überlebenden aus Thessaloniki – nicht im Jahr 2002 auf einem Münchner Flohmarkt ein Fotoalbum mit der Aufschrift „Organisation Todt” entdeckt. Das Album des deutschen Ingenieurs Hanns Rössler enthält rund 80 Aufnahmen von der Baustelle in Karya – die einzigen bekannten fotografischen Zeugnisse des Zwangsarbeitseinsatzes griechischer Juden an diesem Ort. Assael erkannte die Tragweite des Fundes, machte den Schauplatz ausfindig, spürte die letzten Zeitzeugen auf und leistete über Jahre hinweg Grundlagenforschung, die schließlich den Anstoß für das Verbundprojekt und die Ausstellung gab.


Das Verbundprojekt Tödliche Zwangsarbeit in Karya

Die von Andreas Assael zusammengetragenen Quellen und Erkenntnisse bildeten den Ausgangspunkt für das Verbundprojekt Tödliche Zwangsarbeit in Karya. Deutsche Besatzung und der Holocaust in Griechenland, das von 2022 bis 2024 in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) sowie dem Bundesministerium der Finanzen gefördert wurde. Unter Federführung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit (Dr. Christine Glauning) brachte das Projekt die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Uwe Neumärker), die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften der Universität Osnabrück, das Jüdische Museum Griechenlands in Athen und die Aristoteles-Universität Thessaloniki zusammen. Die Schirmherrschaft übernahmen das griechische Kulturministerium und die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth.

Die Bahnstation Karya 2023 (Foto: UOS)

Ziel des Projekts war es, die NS-Verbrechen in Karya wissenschaftlich aufzuarbeiten, in den historischen Kontext der deutschen Besatzung und der Judenverfolgung in Griechenland einzuordnen und die Ergebnisse in einer multimedialen Wanderausstellung einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland und Griechenland zugänglich zu machen. Zugleich verband das Projekt Forschung mit historisch-politischer Bildungsarbeit, indem unter anderem eine deutsch-griechische Jugendbegegnung mit Studierenden der Universitäten Osnabrück und Thessaloniki sowie Workshops mit Nachkommen von Überlebenden stattfanden.


Die Wanderausstellung und ihre Stationen

Die multimediale und partizipative Wanderausstellung „Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust” wurde am 4. September 2024 im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide eröffnet, wo sie bis zum 30. März 2025 zu sehen war. Parallel dazu präsentierte das Benaki Museum in Athen vom 16. Oktober 2024 bis zum 16. Februar 2025 eine Zwillingsausstellung. Vom 30. Oktober bis zum 12. Dezember 2025 war die Ausstellung im Ariowitsch-Haus in Leipzig zu Gast – einer Stadt mit eigener lebendiger jüdischer Geschichte und engagierter Erinnerungsarbeit.

Die dreisprachige Ausstellung (Deutsch, Griechisch, Englisch) zeigt erstmals die historischen Fotografien aus der Sammlung Assael im Kontext der deutschen Besatzung und des Holocausts. Sie erzählt acht Biographien von Opfern und Überlebenden und macht den ehemaligen Tatort durch 3D-Geländemodelle und eine multimediale Station erfahrbar, die auf den Ergebnissen der Forschungsprospektion der IAK an der Universität Osnabrück basiert.

Die Ausstellungswebsite karya1943.eu bietet darüber hinaus vertiefende Informationen und Bildungsmaterialien.


Konfliktlandschaftsforschung in Karya – die Prospektion der IAK Osnabrück

Ein Baustein des Verbundprojekts war die Feldforschung der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften (IAK) der Universität Osnabrück. Vom 30. März bis zum 6. April 2023 untersuchte ein Team von Wissenschaftler:innen und Studierenden unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass die ehemalige Bahnstation Karya im Rahmen einer geoarchäologischen Prospektion. Die Feldforschung war die erste wissenschaftliche Untersuchung dieses Holocaust-Tatorts.

Die Forschungsprospektion verfolgte das Ziel, die für das Projekt zentrale Quelle – das Fotoalbum Rösslers – auf den konkreten Schauplatz der Ereignisse zu verorten und die materiellen Spuren der Zwangsarbeit zu dokumentieren. Im Zentrum standen dabei Fragen, die für die Konfliktlandschaftsforschung grundlegend sind: Wie schreiben sich die Verbrechen der Täter, das Leben, Leid und Sterben der Opfer in Orte und Landschaften ein? Wie nehmen wir das Sichtbare und das Verborgene wahr und deuten die Kopräsenz der Vergangenheit mit einem Blick, der stets aus der Gegenwart kommt? Wie gehen wir mit solchen Geschichtsorten um, wenn kein Mahnmal auf deren Vergangenheit hinweist?

In diesen Hang mussten die Zwangsarbeitenden 1943 einen massiven Einschnitt graben (Foto: UOS).

Methodisch setzte das Team ein breites Spektrum geoarchäologischer Verfahren ein: Drohnenbefliegung und Fotogrammetrie zur Erstellung hochauflösender 3D-Geländemodelle, Laserscan-Vermessung, magnetische Gradiometrie und Bodenradar zur Untersuchung des Untergrunds, GPS-Vermessung, bodenkundliche Bohrungen sowie eine systematische Oberflächenprospektion. Ein methodisch besonders ergiebiger Ansatz war die sogenannte Re-Photographie: Historische Aufnahmen aus dem Fotoalbum von 1943 wurden mit aktuellen Aufnahmen überlagert, um die Veränderungen des Geländes über acht Jahrzehnte hinweg sichtbar zu machen und die historischen Fotografien topographisch zu verorten.

Die Ergebnisse der Prospektion bestätigten und erweiterten die Erkenntnisse aus Berichten von Überlebenden und den historischen Quellen: Der von den Zwangsarbeitern geschaffene Hangeinschnitt misst etwa 20 Meter in der Tiefe und 100 Meter in der Länge. Innerhalb weniger Monate mussten die jüdischen Männer dafür rund 24.000 Kubikmeter Gestein abtragen – ein Befund, der die Brutalität des Arbeitseinsatzes in schiere Zahlen übersetzt. Im Gelände ließen sich die Terrassierungen der für den Abtransport genutzten Lorenbahn noch erkennen. Bei der Oberflächenprospektion wurden 96 Bodenfunde geborgen: Nägel – teils gebogen, möglicherweise zum Aufhängen von Kleidung genutzt –, ein Perlmuttknopf, der von einem Hemd eines Zwangsarbeiters stammen könnte, Patronenhülsen, Lorenschwellen und Schrauben. Jeder dieser Funde ist eine archivalische Spur, die den abstrakten historischen Befund mit der konkreten Materialität des Tatortes verbindet.

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Re-Photo Aufnahme: Die Bahnstation heute und beim Eintreffen der jüdischen Männer aus Thessaloniki 1943 (Foto: UOS/Andreas Assael)

Zeitzeugen aus der Umgebung hatten auf eine mögliche Grabstätte nahe der ehemaligen Baustelle hingewiesen. Für deren Existenz konnten die Untersuchungen allerdings keine Belege erbringen – was nicht ausschließt, dass Ermordete und Verunglückte an anderer Stelle verscharrt oder verschüttet wurden. Weitere archäologische Untersuchungen sind notwendig, um die Ereignisse in Karya zweifelsfrei zu klären.

Die Ergebnisse der Prospektion – 3D-Modelle des Hangschnitts und der Abraumloren, ein 360-Grad-Rundgang durch das Gelände sowie die Re-Photographie-Vergleiche – bilden eine zentrale Medienstation der Ausstellung. Sie machen den Tatort für Besucher:innen digital begehbar und beziehbar. Die Arbeiten sind im IAK Working Paper 3 sowie in einer Reihe von Beiträgen auf dem NGHM-Wissenschaftsblog – den sogenannten Karya Depeschen – dokumentiert.


Der Katalog

Der nun vorliegende Ausstellungskatalog – erschienen in einer deutschen und einer englischen Ausgabe – überführt die multimediale Wanderausstellung in eine dauerhafte Publikation. Der Katalog dokumentiert die Fotosammlung Assael, ordnet die Ereignisse in Karya in den Kontext der deutschen Besatzungsherrschaft und des Holocausts in Griechenland ein und stellt die Biographien der Opfer und Überlebenden vor, die im Zentrum der Ausstellung stehen.

Der Katalog verbindet Forschungsergebnisse und Bildungsziele des Verbundprojekts in einem Format, das über die zeitlich begrenzten Ausstellungsstationen hinaus wirkt und ergänzt so die digitalen Ressourcen des Projekts – die Website karya1943.eu und die auf dem NGHM-Blog veröffentlichten Forschungsberichte – um eine gedruckte Dokumentation.


Karya als ‚Historischer Ort’

Im Juli 2025 hat die griechische Regierung den ehemaligen Bahnhof Karya als „Historischen Ort” anerkannt – ein Schritt, der die Ergebnisse des Verbundprojekts und der Ausstellung auch erinnerungspolitisch verankert. Diese Anerkennung unterstreicht die Bedeutung der wissenschaftlichen Aufarbeitung für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen der deutschen Besatzungsherrschaft in Griechenland.


Forschungsperspektiven

Die Feldforschungen in Karya waren ein erster Schritt. Es folgen – so die Hoffnung – weitere geoarchäologisch-historische, aber vor allem auch archäologische Kampagnen, um das Leben und Leiden von zur Zwangsarbeit eingesetzten Menschen besser zu verstehen, zu dokumentieren und damit dem Vergessen zu entreißen. Die Frage nach den Grabstätten der Opfer bleibt offen. Zugleich bietet Karya einen Fall, an dem sich die interdisziplinäre Erforschung von Gewaltorten aus Kontexten von Besatzungsherrschaft, Vernichtungskrieg und Shoah empirisch und methodisch weiterentwickeln lässt. Auch in Griechenland bleiben zahlreiche Tatorte der Shoah noch unerforscht – insbesondere die Zwangsarbeitslager und -baustellen entlang der Eisenbahnlinien.

Vor diesem Hintergrund steht der Katalog nicht am Ende einer Aufarbeitung, sondern markiert eine Zwischenbilanz. Er dokumentiert, was bislang gelungen ist, und verweist zugleich auf das, was noch zu tun bleibt. Dass ein verlassener Haltepunkt an einer stillgelegten Bahnstrecke in Mittelgriechenland erst im 21. Jahrhundert als Tatort des Holocausts erkannt und wissenschaftlich untersucht wurde, zeigt, wie viele Spuren noch zu lesen sind – und wie fragil das Wissen um die Verbrechen bleibt, wenn nicht aktiv an seiner Sicherung gearbeitet wird.


Weitere Informationen und Ressourcen:

Digital Lehren und Studieren | Beitrag zur Ringvorlesung des UOS Zentrums für Lehrkräftebildung

Geschichtswissenschaft × Digital History × KI


Am 20. Januar 2026 sprach Christoph Rass im Rahmen der Ringvorlesung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt” an der Universität Osnabrück über Potenziale und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz für die Geschichtswissenschaft.


Die zentrale These des Beitrags: KI verändert nicht, was Geschichte ist. Jedoch zwingt sie uns, klarer zu artikulieren, was historische Kompetenz ausmacht. Ausgehend von Michel-Rolph Trouillots Theorie der vier Momente, in denen Schweigen in die Geschichtsproduktion eintritt, entwickelte der Vortrag das Konzept eines „fünften Moments” – des algorithmischen Silencing. Trainingsdaten, auf denen Sprachmodelle basieren, reproduzieren bestehende Machtverhältnisse. Die Algorithmen, die Informationen selektieren und synthetisieren, können bestehende Silencings verstärken, indem sie hegemoniale Narrative reproduzieren und marginalisierte Perspektiven weiter marginalisieren.

Vor diesem Hintergrund plädierte der Beitrag für kritische Integration statt pauschaler Ablehnung oder unkritischer Adoption. Das Leitprinzip: Augmentation, nicht Automation – KI soll mit Historikerinnen und Historikern arbeiten, nicht an ihrer Stelle. Das erfordert neue Kompetenzen: analytisches Verständnis der Funktionsweise von Sprachmodellen, methodische Fähigkeiten zur kritischen Prüfung von KI-Outputs und reflexive Kompetenz zur Einordnung der gesellschaftlichen und epistemischen Folgen dieser Technologien.

Die Vorlesung stellte zudem die Digital-History-Praxis der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung vor – von datengetriebenen Forschungsprojekten wie der Analyse der Osnabrücker Gestapo-Kartei und der Ausländermeldekartei bis hin zum Digital History Workshop, in dem Studierende praxisorientiert an digitalhistorische Methoden herangeführt werden.

Auf der NGHM-Website finden sich unter „Studium & Lehre” in der Rubrik NGHM DH-Werkstatt weiterführende Materialien: Hinweise zur Nutzung von LLM und KI im wissenschaftlichen Arbeiten, eine optimistische und eine pessimistische Perspektive auf KI in der Geschichtswissenschaft sowie Überlegungen zur Zukunft geschichtswissenschaftlicher Praxis unter digitalen Bedingungen.

NGHM WebApp-Slam | Studierende präsentieren historische WebApps

Am 21. Januar 2026 fand am Historischen Seminar der Universität Osnabrück der erste NGHM WebApp-Slam statt. Elf Studierende präsentierten in kurzen Pitches ihre im Wintersemester 2025/26 entwickelten WebApps zu historischen Themen. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” und machte zugleich sichtbar, welche Potenziale in der Verbindung von historischer Forschung, kritischer Reflexion und digitalen Werkzeugen liegen.

Kontext: Digital History in der Lehre

Prof. Dr. Christoph Rass begrüßte die Gäste und Studierenden und gab Einblicke in den Ablauf des Seminars (Foto: Jessica Wehner)

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung verfolgt seit Jahren das Ziel, digitale Methoden nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil geschichtswissenschaftlicher Ausbildung zu etablieren. Die Übung „Digital History Workshop” unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass, Lukas Hennies MA und Jessica-Sophie Wehner, M. Ed. erprobte in diesem Semester einen neuen Ansatz: Studierende sollten ohne Programmiervorkenntnisse eigenständig WebApps entwickeln, die historische Inhalte digital aufbereiten und vermitteln.

Im Zentrum stand dabei das sogenannte ‚Vibe Coding’, ein Verfahren, bei dem generative KI-Modelle auf Basis natürlichsprachlicher Anweisungen Programmcode erzeugen. Die Studierenden arbeiteten mit verschiedenen KI-Werkzeugen, darunter Google Gemini, ChatGPT und AbacusAI, und nutzten Plattformen wie GitHub und Netlify zur Veröffentlichung ihrer Projekte. Die kartographische Visualisierung erfolgte in den meisten Fällen über die Open-Source-Bibliothek Leaflet.

Die Projekte im Überblick

Die elf präsentierten WebApps deckten ein breites thematisches Spektrum ab, das von der Antike bis zur Zeitgeschichte reichte und methodisch zwischen Simulation, Visualisierung und Analysewerkzeug variierte.

Benjamin Rosenstengel entwickelte mit „Das war hier einmal anders…oder?” eine App, die historische Fotografien aus dem Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung im Niedersächsischen Landesarchiv an ihre ursprünglichen Aufnahmeorte im Osnabrücker Stadtraum zurückführt. Die georeferenzierten Bilder ermöglichen einen visuellen Vergleich zwischen historischer Aufnahme und gegenwärtiger Situation. Das Projekt versteht sich bewusst nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als Interface zwischen Quelle, Stadtraum und Nutzer:innen.

Sebastian Waldmann präsentierte eine KI-gestützte Verhandlungssimulation zum Westfälischen Frieden von 1648. Die Nutzer:innen schlüpfen in die Rolle des kaiserlichen Chefunterhändlers Maximilian von Trautmannsdorf und führen diplomatische Gespräche mit den Vertretern Frankreichs, Schwedens und der Reichsstände. Am Ende der Simulation vergleicht die eingebettete KI die erreichten Ergebnisse mit dem realhistorischen Friedensschluss.

Timo Diener widmete sich der Geschichte Ostfrieslands und entwickelte eine App, die Wasserstraßen, Teekultur und Wirtschaftsgeschichte der Region visualisiert. Die Karte zeigt historische Informationen zum Entstehungskontext der Kanäle und verbindet diese mit Aspekten der Alltagskultur. Das Projekt demonstriert, wie regionale Geschichte durch digitale Aufbereitung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden kann.

Felix Ruholl erstellte einen Industrie-Atlas für den Landkreis Vechta, der die Entstehung des Industriestandorts von 1920 bis heute nachzeichnet. Ein beweglicher Zeitstrahl ermöglicht es, die Ansiedlung von 41 Unternehmen aus verschiedenen Branchen chronologisch nachzuvollziehen. Die Visualisierung macht den industriellen Strukturwandel der Region auf einen Blick erfassbar.

Mit einem (post-)kolonialen Rundgang durch Osnabrück befasste sich das Projekt von Jannik Singer. Die App führt zu Orten, an denen koloniale Spuren im Stadtraum sichtbar werden, darunter die Erdteilallegorien im Schlossgarten. Die Anwendung bietet sowohl eine klassische Führung vor Ort als auch eine digitale Variante mit eingesprochenen Textpassagen und geplanten 3D-Scans der Objekte.

Paul Schwede entwickelte mit „Analyse History” einen Prototyp für die digitale Analyse historischer Artefakte. Am Beispiel von Objekten aus dem Kontext der Shoah, darunter ein Tagebuch, ein gelber Davidstern und eine Dose mit Murmeln, zeigt die App, wie dreidimensionale Digitalisate historische Objekte für die Forschung und Vermittlung zugänglich machen könnten.

Alexander Pracht rekonstruierte mit „Antike Reiserouten” die politischen Reisen von Plinius dem Jüngeren und Marc Aurel im 2. Jahrhundert. Die App verknüpft die literarischen Quellen mit einer kartographischen Darstellung der Reisestationen und bietet zu jedem Ort einen Textbeleg. Das Projekt verbindet quellenbasierte Arbeit mit digitaler Visualisierung.

Milena Lummer transformierte den Katalanischen Weltatlas von 1375 in eine interaktive Anwendung. Die mittelalterliche Weltkarte lässt sich erkunden, einzelne Orte sind mit Informationen hinterlegt, und das Design orientiert sich an der Ästhetik des Originals mit Juwelen-Markern und Pergament-Optik. Die App zeigt, dass auch historische Karten als Quellen digital erschlossen werden können.

Gesa Landwehr präsentierte eine Simulation des sogenannten ‚System Calmeyer’. Die App knüpft an die Ausstellung in der Villa Schlikker in Osnabrück an und ermöglicht es, den bürokratischen Prozess nachzuvollziehen, durch den während der deutschen Besatzung der Niederlande Jüdinnen und Juden Änderungsanträge gegen ihre Registrierung einreichen konnten. Das Projekt verbindet museale Vermittlung mit digitaler Interaktion.

Maria del Mar Julian Fernandez entwickelte ein narratives Dialogspiel mit dem Titel „Kommt ein Historiker in eine Bar…”. In einem simulierten Gespräch zwischen einem Historiker und einem Barkeeper werden zentrale Konzepte der Geschichtswissenschaft wie Quellenkritik und hermeneutisches Verstehen vermittelt. Die App reagiert auf verbreitete Klischees über das Fach und macht methodische Grundlagen spielerisch zugänglich.

Marvin Gehricke schließlich präsentierte den „KI-Historiker”, eine Anwendung zur systematischen Quellenanalyse. Die App ermöglicht es, historische Quellen hochzuladen und nach wissenschaftlichen Kriterien analysieren zu lassen. Neben einer Kernanalyse bietet sie verschiedene methodische Zugänge, darunter synoptischer Vergleich, Netzwerkanalyse und Diskursanalyse, sowie eine Literaturrecherche zum jeweiligen Thema.

NGHM liest: Ein Wissensgraph für das Studium

(Foto: Jessica Wehner)

Neben den studentischen Projekten stellte das NGHM-Team beim WebApp-Slam auch die neue Anwendung „NGHM liest” vor. Der Wissensgraph versammelt 65 Werke, die für das Studium an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung von besonderer Bedeutung sind. Die Auswahl umfasst klassische Texte der Holocaust- und NS-Forschung, postkoloniale Theoriebildung, migrationshistorische Grundlagentexte und geschichtstheoretische Reflexionen.

Die unter reader.nghm-uos.de erreichbare WebApp ermöglicht es, die Literatur nicht nur linear zu durchlaufen, sondern ihre Verbindungen und Kontexte zu erkunden. Filterfunktionen nach Themenfeldern, Schwierigkeitsgraden und Sprachen eröffnen verschiedene Zugänge. Der Graph visualisiert Beziehungen zwischen Werken, Autorinnen und Autoren sowie zwischen Themengebieten und will dazu ermutigen, Querverbindungen zu entdecken. Alle Titel sind über die Osnabrücker Universitätsbibliothek verfügbar.

Reflexion: Potenziale und Grenzen

Die präsentierten Projekte machten deutlich, dass ‚Vibe Coding’ Historiker:innen ohne Programmierkenntnisse tatsächlich in die Lage versetzt, funktionale WebApps zu entwickeln. Die Studierenden betonten in ihren Posterpräsentationen jedoch auch die Grenzen des Verfahrens: Die KI-generierten Codes erforderten häufig mehrfache Überarbeitung, die Ergebnisse waren nicht immer reproduzierbar, und längere Codeabschnitte führten mitunter zu unerwarteten Fehlern.

Zugleich wurde in mehreren Reflexionen auf die notwendige kritische Distanz zur Technologie hingewiesen. KI-Systeme sind ressourcenintensiv, ihre Antworten nicht fehlerfrei, und die generierten Inhalte erfordern stets fachliche Überprüfung. ‚Vibe Coding’ ersetzt weder historische Expertise noch kritisches Denken. Es eröffnet jedoch Gestaltungsmöglichkeiten, die zuvor Personen mit Programmierkenntnissen vorbehalten waren.

Die Projekte zeigten ein breites Spektrum an Ansätzen: von der quellenbasierten Rekonstruktion über die spielerische Simulation bis zum Analysewerkzeug. Gemeinsam war ihnen, dass sie historische Inhalte nicht einfach digital abbildeten, sondern neue Zugänge und Interaktionsmöglichkeiten schufen. Die bewusst reduzierten Kontextualisierungen in mehreren Projekten verweisen auf ein Vermittlungskonzept, das Nutzer:innen zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Material anregen will.

Die Studierenden des Seminars mit Christoph Rass, Jessica Wehner und Lukas Hennies (Foto:Annika Heyen)

Ausblick

Der erste NGHM WebApp-Slam hat gezeigt, dass die Verbindung von historischer Forschung und digitalen Werkzeugen produktive Ergebnisse zeitigen kann, wenn sie methodisch reflektiert erfolgt. Die Studierenden haben nicht nur technische Fertigkeiten erworben, sondern auch Erfahrungen mit der kritischen Evaluation von KI-generierten Inhalten gemacht. Diese Kompetenz dürfte angesichts der wachsenden Bedeutung generativer KI in Wissenschaft und Gesellschaft zunehmend relevant werden.

(Foto: Jessica Wehner)

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung wird das Format der Digital History Workshops weiterentwickeln und die methodische Reflexion des Einsatzes von KI in der Geschichtswissenschaft vertiefen. Die beim Slam präsentierten Projekte verstehen sich als Prototypen, die Anstöße für weitere Entwicklungen geben können. Einige der Apps sind bereits online zugänglich, andere befinden sich noch in der Weiterentwicklung.

NGHM liest | Ein Wissensgraph mit Literaturempfehlungen für das Studium an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der UOS

Lesen als kritische Praxis: Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Erkundung. Das Studium der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung bedeutet nicht nur, sich mit Methoden, Fakten und Daten vertraut zu machen. Es geht darum, kritisches Denken zu entwickeln, analytische Kategorien zu hinterfragen und die Konstruktionsprozesse von Geschichte selbst zu verstehen.

Genau dabei will die NGHM-Leseliste die Osnabrücker Studierenden unterstützen: Sie versammelt 65 Werke, die natürlich nicht als Kanon verstanden werden sollen, sondern als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen unseres Fachs und den spezifischen Perspektiven und Forschungsfeldern, in denen die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig ist.

Warum genau diese Werke?

Die ausgewählten Bücher und Aufsätze beziehen sich nicht vor allem auf die neueste Forschungsliteratur. Stattdessen konzentrieren wir uns auf eine Auswahl von Werken von herausragender fachlicher Bedeutung, die grundlegende Fragen aufwerfen und methodische Ansätze entwickelt haben, die die Geschichtswissenschaft nachhaltig geprägt haben. Von Hannah Arendts Analyse totalitärer Herrschaft über Michel-Rolph Trouillots Reflexionen über die Produktion von Geschichte bis hin zu Edward P. Thompsons Untersuchung der englischen Arbeiterklasse: Diese Texte zeigen, wie Geschichtswissenschaft gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar macht, Narrative hinterfragt und alternative Perspektiven entwickelt.

Die Liste verbindet ganz unterschiedliche historiographische Traditionen und Forschungsansätze. Sie umfasst klassische Werke der Holocaust- und NS-Forschung (Friedländer, Hilberg, Browning), postkoloniale Theoriebildung (Said, Spivak, Fanon, Mbembe), migrationshistorische Grundlagentexte (Bade, Noiriel, Gatrell) und geschichtstheoretische Reflexionen (Bloch, Koselleck, White). Diese thematische Vielfalt ist kein Zufall: Sie spiegelt wider, dass historisches Denken multiperspektivisch sein muss und unterschiedliche analytische Traditionen produktiv miteinander in Dialog bringen kann.

Der Wissensgraph als Werkzeug.

Filtermöglichkeiten in der WebApp.

Was die NGHM-Leseliste von herkömmlichen Leselisten unterscheidet, ist ihre digitale Aufbereitung als Wissensgraph. Unsere (experimentelle) WebApp unter https://reader.nghm-uos.de ermöglicht es, die 65 Titel nicht nur linear zu durchlaufen, sondern ihre Verbindungen und Kontexte zu erkunden. Sie können die Sammlung nach Themenfeldern filtern, Schwierigkeitsgrade berücksichtigen oder sich an Sprachkenntnissen orientieren. Diese Funktionalitäten machen die Liste zu einem lebendigen Instrument, das verschiedene Zugänge zur Literatur eröffnet. Und übrigens: alle Titel sind analog oder digital direkt über die Osnabrücker Universitätsbibliothek verfügbar.

Der Graph visualisiert Beziehungen zwischen Werken, Autorinnen und Autoren sowie zwischen Themengebieten. Dieser intuitive Zugang erschließt – zumindest ansatzweise –, wie einzelne Texte in größere Debatten eingebettet sind und wie sich bestimmte Fragestellungen über verschiedene historiographische Schulen hinweg fortentwickeln. Diese Form der Darstellung will dazu ermutigen, Querverbindungen zu entdecken: Wie stehen postkoloniale Theorien in Beziehung zur Analyse von Zwangsmigration? Welche methodischen Parallelen gibt es zwischen mikrohistorischen Studien und der Untersuchung von Alltagspraktiken in totalitären Regimen? Solche Fragen lassen sich durch die explorative Struktur des Graphs produktiv untersuchen.

Lesen als Prozess, nicht als Checkliste!

Die Lernpfade laden zum Entdecken der Literatur eines Themenbereichs ein.

Die Leseliste ist kein Katalog, der mechanisch bearbeitet werden soll. Sie fungiert vielmehr als Orientierung in einem schier unüberschaubaren Feld geschichtswissenschaftlicher und theoretischer Literatur. Manche Texte werden Ihnen immer wieder in Vorlesungen und Seminaren des ersten Studienabschnitts begegnen, auf andere treffen Studierende erst in fortgeschrittenen Phasen des Studiums. Einige Werke wollen gleich mehrfach gelesen werden, weil sie je nach Kontext neue Einsichten bieten. Andere dienen als Nachschlagewerke, die punktuell konsultiert werden können.

Wichtig ist, die Texte nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil größerer Diskussionszusammenhänge verstehen zu lernen. Ein Buch wie Carlo Ginzburgs “Der Käse und die Würmer” steht für einen mikrohistorischen Ansatz, der individuelle Lebenswelten ernst nimmt. Es lässt sich produktiv mit Natalie Zemon Davis’ Arbeiten zur frühneuzeitlichen Kulturgeschichte oder Edward P. Thompsons sozialgeschichtlicher Perspektive verbinden. Gleichzeitig wirft es Fragen nach der Repräsentativität von Einzelfällen auf, die sich mit quantitativen oder strukturgeschichtlichen Ansätzen kontrastieren lassen.

Kritisches Denken als Kern …

Alle Werke auf der Liste verbindet ein kritischer Impetus. Sie fragen nach den Bedingungen historischer Erkenntnis, nach der Konstruktion von Kategorien sowie nach Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Marc Blochs “Apologie der Geschichtswissenschaft” formuliert grundlegende Fragen zum Beruf des Historikers. Hayden Whites “Metahistory” analysiert, wie narrative Strukturen historische Darstellungen prägen. Michel-Rolph Trouillots “Silencing the Past” untersucht, wie Machtverhältnisse bestimmen, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht.

Das Herzstück der WebApp: der Wissensgraph (Auszug).

Diese kritische Perspektive ist zentral für Forschung und Lehre der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Ob wir uns mit der Analyse von Migrationsregimen befassen, mit der Geschichte organisierter Gewalt oder mit Fragen der Erinnerungskultur: Immer geht es darum, die Kategorien und Begriffe zu hinterfragen, unsere Positionen und Methoden zu reflektieren und neues Wissen über Vergangenheit und die Produktion von Geschichte zu erarbeiten und zu vermitteln.

Praktische Nutzung der Liste!

Wie können Sie konkret mit der Leseliste arbeiten? Einige Vorschläge:

Thematische Zugänge: Wenn Sie sich für ein bestimmtes Thema interessieren, nutzen Sie die Themenfilter der WebApp, um relevante Grundlagentexte zu identifizieren. Ein Seminar zur Geschichte des Kalten Krieges könnte Sie zu Hobsbawms “Age of Extremes” führen, aber auch zu postkolonialen Perspektiven auf diese Epoche.

In der Detailansicht finden sich zahlreiche Informationen zu den Themengebieten oder Zusammenfassungen von einzelnen Werken.

Methodische Orientierung: Interessieren Sie sich für Digital History? Die Liste enthält mit dem Band von Döring, Haas, König und Wettlaufer einen aktuellen Überblick über Konzepte und Methoden. Verknüpfen Sie diese Lektüre mit klassischen geschichtstheoretischen Texten, um methodische Innovationen in größere historiographische Debatten einzuordnen.

Biografische Kontexte: Die WebApp bietet zu vielen Autorinnen und Autoren biografische Informationen. Nutzen Sie diese, um die intellektuellen Traditionen zu verstehen, aus denen die Werke hervorgegangen sind. Frantz Fanons Schriften lassen sich nur vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Psychiater und antikolonialer Aktivist verstehen. Hannah Arendts Theorie des Totalitarismus ist eng mit ihrer eigenen Fluchtgeschichte verbunden.

Vergleichende Lektüre: Lesen Sie gezielt Texte, die unterschiedliche Perspektiven auf ähnliche Phänomene bieten. Kombinieren Sie etwa Omer Bartovs Arbeiten zur Wehrmacht mit Christopher Brownings Studie zum Reserve-Polizeibataillon 101. Vergleichen Sie strukturgeschichtliche Ansätze (Wehler) mit kulturgeschichtlichen Perspektiven (Koonz, Fulbrook).

Ein offenes Angebot …

Auf der Detailseite eines Werks findet man neben einer Zusammenfassung auch weitere Literaturhinweise.

Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Aufbereitung verstehen sich als Service für Studierende, nicht als Vorschrift. Wir wollen die Liste kontinuierlich erweitern, digitale und analoge Standortnachweise ergänzen und kurze Besprechungen der Titel sowie Biografien der Autorinnen und Autoren hinzufügen. Diese Entwicklung ist bewusst als offener Prozess angelegt: Rückmeldungen, Ergänzungsvorschläge und kritische Kommentare sind ausdrücklich erwünscht.

Das Projekt zeigt exemplarisch, wie digitale Werkzeuge geschichtswissenschaftliches Lernen unterstützen können, ohne das kritische Lesen zu ersetzen. Der Wissensgraph bietet Orientierung und eröffnet Zugänge, aber die eigentliche intellektuelle Arbeit bleibt Ihnen und uns nicht erspart: das genaue Lesen, das kritische Nachfragen, das Verknüpfen von Argumenten, die Entwicklung eigener Positionen. Diese Fähigkeiten sind zentral für jede geschichtswissenschaftliche Praxis, ob in der Forschung, in der Lehre oder in der öffentlichen Wissensvermittlung.

Warum sich die Mühe lohnt!

Kritisches historisches Denken zu entwickeln, ist keine leichte Aufgabe. Es erfordert Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf komplexe Argumentationen einzulassen. Die Werke auf der NGHM-Leseliste sind nicht immer einfach zugänglich. Manche Texte setzen theoretische Vorkenntnisse voraus, andere arbeiten mit empirischen Details, die zunächst überwältigend wirken können. Aber genau darin liegt ihr Mehrwert: Sie fordern heraus, sie zwingen zum Nachdenken, sie eröffnen neue Perspektiven.

Historische Bildung bedeutet nicht nur, Wissen über die Vergangenheit zu erwerben. Sie schult analytische Fähigkeiten, die weit über das Fach hinaus relevant sind: die Fähigkeit, Quellen kritisch zu bewerten, Argumente zu rekonstruieren und zu beurteilen, komplexe Sachverhalte zu strukturieren, alternative Erklärungen zu entwickeln. Diese Kompetenzen sind in einer Welt, in der Informationen ubiquitär verfügbar sind, zugleich aber Desinformation und vereinfachende Narrative zunehmen, wichtiger denn je. Weiterführende Texte zur Orientierung in diesen Themenfeldern finden sich auch im Beriche „Lehre“ auf der NGHM Website.

Die NGHM-Leseliste und ihre digitale Präsentation sind ein Hilfsmittel, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Nutzen Sie sie als Werkzeug für Ihr eigenes Lernen, als Ausgangspunkt für Diskussionen, als Grundlage für Ihre eigenen Forschungsprojekte. Lesen Sie kritisch, diskutieren Sie kontrovers, hinterfragen Sie auch die Auswahl, die wir getroffen haben. Denn auch hier geht es nicht einfach um das Reproduzieren von Wissen, sondern um die Entwicklung einer eigenständigen, kritischen historischen Perspektive.

Entdecken Sie die NGHM-Leseliste: reader.nghm-uos.de


Dieser Blogpost ist Teil der Lehrmaterialien der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge sind stets willkommen unter nghm@uni-osnabrueck.de oder auf unserem Blog nghm.hypotheses.org.

NGHM WebApp-Slam am 21. Januar 2026

Wie lassen sich historische Fragestellungen mit digitalen Mitteln neu denken? Mit dieser Frage haben sich im Wintersemester 2025/26 Studierende des Historischen Seminars in der NGHM Digital History Werkstatt befasst.

Beim NGHM WebApp-Slam präsentieren die Studierenden nun ihre experimentellen WebApp-Prototypen – entwickelt mit historischen Fragestellungen, kritischer Reflexion und KI-gestützten Werkzeugen. Wir laden die interessierte Universitätsöffentlichkeit herzlich ein, digitale Geschichte als Experimentierfeld und Diskussionsraum kennenzulernen.

21. Januar 2026 | 13:00–14:30 Uhr | Raum 02/E05


Digital History als Experiment

Am Mittwoch, den 21. Januar 2026, veranstaltet das Team Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) gemeinsam mit den Studierenden des Historischen Seminars aus der Digital-History-Werkstatt des Wintersemesters 2025/2026 den ersten NGHM WebApp-Slam.

Zwischen 13:00 und 14:30 Uhr stellen Studierende ihre im Seminar entwickelten WebApp-Prototypen rund um historische Themen und Fragestellungen der interessierten Universitätsöffentlichkeit vor.

Ort: Universität Osnabrück, Raum 02/E05
(Das Gebäude lässt sich u. a. über den NGHM Campus Navigator finden.)

Einblicke in die Werkstattarbeit

Der WebApp-Slam ist kein Wettbewerb und keine Produktpräsentation. Er ist als Werkstattformat angelegt, in dem Studierende ihre digitalen Prototypen vorstellen, erläutern und gemeinsam mit dem Publikum diskutieren. Im Mittelpunkt stehen historische Fragestellungen, die mithilfe digitaler Methoden modelliert, zugespitzt und experimentell bearbeitet wurden.

Die im Seminar entstandenen WebApps sind bewusst vorläufige Prototypen. Sie verstehen sich nicht als abgeschlossene Forschungsinstrumente, sondern als Denk- und Diskussionsangebote: Sie machen Annahmen sichtbar, eröffnen Perspektiven und regen zur kritischen Auseinandersetzung mit historischen Prozessen, Narrativen und Quellen an.

Vibe Coding, KI und Wissenschaft

In der Digital-History-WebApp-Werkstatt arbeiten Studierende auch mit KI-gestützten Entwicklungsumgebungen. Häufig wird dieser Zugang als „Vibe Coding“ bezeichnet: Ideen, Fragestellungen und fachliche Anforderungen werden in strukturierte Beschreibungen übersetzt, aus denen sich erste digitale Prototypen entwickeln lassen. Diese werden anschließend geprüft, angepasst, erweitert – oder bewusst verworfen.

Unser Ansatz ist dabei klar: Künstliche Intelligenz ersetzt keine (geschichts)wissenschaftliche Analyse. Sie kann jedoch helfen, Ideen schneller sichtbar zu machen, Modelle zu testen und neue Fragen zu formulieren. Historische Urteilskraft, Quellenkritik, Kontextualisierung und Interpretation bleiben dabei uneingeschränkt Aufgabe von Historiker:innen.

Der WebApp-Slam macht diese Haltung konkret erfahrbar – anhand der Projekte selbst, ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Grenzen.

Projekte, Themen, Perspektiven

Die im Slam vorgestellten Prototypen decken ein breites thematisches und methodisches Spektrum ab. Dazu gehören unter anderem:

  • Simulationen historischer Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse,
  • interaktive Modelle historischer Ordnungs- und Verwaltungssysteme,
  • narrative Experimente, die Rollen, Perspektiven und Wissensformen reflektieren,
  • räumliche Visualisierungen historischer Routen, Infrastrukturen und Stadträume,
  • analytische Interfaces, die Geschichte über 3D-Modelle oder strukturierte Artefaktdaten erfahrbar machen,
  • sowie erste KI-gestützte Zugänge zur historischen Analyse und Vermittlung.

Allen Projekten gemeinsam ist der experimentelle Charakter: Sie sind offen, diskussionsfähig und darauf angelegt, Fragen zu stellen – nicht, abschließende Antworten zu liefern.

Einladung zur Diskussion

Mit dem NGHM WebApp-Slam laden wir alle ein, die sich für Digitale Geschichte, Geschichtswissenschaft und KI sowie neue Lehr- und Lernformate interessieren. Angesprochen sind Studierende, Lehrende und Mitarbeitende aller Fachrichtungen.

Der Slam bietet Gelegenheit, Prototypen auszuprobieren, mit Studierenden über ihre Konzepte ins Gespräch zu kommen und gemeinsam darüber zu diskutieren, welche Rolle digitale Methoden in der geschichtswissenschaftlichen Praxis spielen können – heute und in den kommenden Semestern.


Am 20. Januar 2026 referiert Prof. Dr. Christoph Rass in der Ringvorlesung “Lehren und Lernen in der digitalen Welt” des Zentrums für Lehrkräftebildung (ZLB) der Universität Osnabrück. Sein Vortrag unter dem Titel Geschichtswissenschaft^(Digital History × KI): Potenziale und Herausforderungen für Forschung und Lehre befasst sich mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Geschichtswissenschaft.

Dienstag, 20. Januar 2026, 16 bis 18 Uhr, Raum 01/B01, Universität Osnabrück.

Ankündigung: Tiny Desk Kolloquium am 29. Januar 2026: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven

Am 29. Januar 2026 findet die fünfte Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt. Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück, die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” vorzustellen und zu diskutieren. 

Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.

Am 29. Januar bietet das TDK unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass  Einblicke in eine Abschlussarbeit zur Produktion der “Zweiten Generation” in der deutschsprachigen Migrationsforschung sowie in aktuelle Forschung zum Themenbereich “Der Holocaust und seine Folgen” mit regionalen und internationalen Perspektiven. Ergänzt wird das Angebot durch einen Vortrag von Studierenden der Digital-History-Werkstatt über die Entwicklung von WebApps für Historiker:innen.

Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

5. Tiny Desk Kolloquium: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven
Donnerstag, 29. Januar 2026
14.00 bis 17.00 Uhr
Raum 15/130

* * *

Die erste Ausgabe des TDK widmete sich 2023 der Kooperation mit dem Museum und Park Kalkriese. Dabei wurden  Neuigkeiten aus der Konfliktlandschaftsforschung und der Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Ort der Varusschlacht vorgestellt.

Die zweite Veranstaltung des TDK ermöglichte den Austausch zu Perspektiven im Kontext des Einsatzes von Virtual Reality und 3-D Modellen in Forschung und Lehre.

Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.

Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.


*** Programm ***

5. Tiny Desk Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, 29. Januar 2026, 14-17 Uhr, Raum 15/130

Begrüßung und Einleitung: Prof. Dr. Christoph Rass

Julia Lohmann
Die formative Phase der Produktion einer ‘Zweiten Generation’ in der deutschsprachigen Migrationsforschung seit Mitte der 1970er Jahre

Studierende der Digital-History-Werkstatt
Von der historischen Fragestellung zur WebApp. Vibe Coding in der Digital-History-Werkstatt

Martina Sellmeyer
Die Osnabrücker Jüdische Gemeinde im 20. Jahrhundert bis zur Vernichtung im Holocaust

Dr. Michael Gander
Auf den Spuren jüdischen Lebens in Lettland – Historische Bezüge und Kooperationen zwischen Akteur:innen der Gedenkstättenarbeit in der Region Osnabrück, in Riga und in Vishki

Dr. Sebastian Musch
Der Osnabrücker Synagogenneubau 1969 zwischen Wiedergutmachungsdiskurs und städtischer Erinnerungspolitik

Hin und wieder zurück | Exkursion zur Gedenkstätte Esterwegen

Ein Exkursionsbericht von Leonie Schwiers und Greta Petersen

Am 28. November fand unter Leitung von Imke Selle und mit Unterstützung von Ilka Schwerdtfeger eine Exkursion zu der seit 2011 bestehenden Gedenkstätte Esterwegen statt. In der vorbereitenden Sitzung erhielten die Teilnehmenden einen ersten Überblick über die Geschichte der 15 ehemaligen ‘Emslandlager’, der während des Aufenthalts in der Gedenkstätte weiter vertieft wurde.

Unser Besuch in der Gedenkstätte Esterwegen begann mit einer Einführung zur Entstehung der Gedenkstätte und zur Geschichte der ‘Emslandlager’. Daran schlossen eine Führung über das Außengelände, die Besichtigung der Dauerausstellung und zweier Sonderausstellungen an. Die Sonderausstellungen beschäftigen sich zum einen mit der Polizei im NS-Staat und zum anderen mit dem Bundesland Niedersachsen während des Nationalsozialismus. Unser Besuch endete mit einer Diskussion zum Thema “Erinnerung früher und heute”.

Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert an einen Verbund aus 15 Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlagern, der zwischen 1933 und 1945 im Emsland und der Grafschaft Bentheim existierte. An den übrigen ehemaligen Lagerstandorten sind heute – abgesehen von einzelnen Informationstafeln – kaum noch Spuren der historischen Nutzung erkennbar. Vor diesem Hintergrund nimmt Esterwegen im regionalen Kontext eine besondere Stellung ein.

Das Lager in Esterwegen wurde zunächst als Konzentrations-, später als Strafgefangenenlager genutzt. Esterwegen war zwar kein Vernichtungslager, dennoch kamen viele Menschen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen, der geringen Lebensmittelversorgung, der harten Arbeit, die die Gefangenen verrichten mussten, und der massiven Gewalt, der sie ausgesetzt waren, ums Leben. In den Lagern im Emsland litten etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene. Während des Krieges kamen weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene hinzu. Mehr als 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern sind in diesen Lagern umgekommen.

Bereits 1933 wurden die ersten Lager im Emsland errichtet und nahmen im Sommer desselben Jahres die ersten Insassen auf. Esterwegen selbst wurde bis 1936 als Konzentrationslager genutzt, dessen Überwachung von der SS erfolgte. In dieser Zeit wurden dort vor allem politische Gegner inhaftiert, die ohne rechtsstaatliches Verfahren in „Schutzhaft“ genommen worden waren. Ab 1937 wurde es unter Aufsicht der Justizverwaltung gestellt und bis zum Kriegsende als Strafgefangenenlager verwendet, in dem neben verurteilten Straftätern – hier muss beachtet werden, dass während des NS auch Taten strafbar waren, die nach heutigem Recht nicht mehr strafbar wären, wie z.B. Homosexualität – sogenannte „Nacht‑und‑Nebel‑Gefangene“ aus den besetzten Gebieten festgehalten wurden. Beide Phasen sind gekennzeichnet durch die gleichbleibenden schlechten Lebensbedingungen im Lager und die Zwangsarbeit, die die Gefangenen verrichten mussten. Dazu zählen unter anderem alltägliche Prügelstrafen auf der Lagerstraße und die Kultivierung der Moore. Die harte Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussen, ist auch Thema im Moorsoldatenlied, welches im ehemaligen ‘Emslandlager’ Börgermoor entstanden ist und sich schnell zu einem Widerstandslied entwickelte, das sich trotz seines Verbots schnell verbreitete. Ein Großteil der örtlichen Bevölkerung begrüßte die Einrichtung der Lager, da sie dadurch unter anderem einen vermehrten Zugang zu Arbeitskraft erhielt und sich einen wirtschaftlichen Aufschwung für das Emsland erhoffte.

Nach 1945 wurde das Lager Esterwegen weiter verwendet und es wurden dann zunächst Displaced Persons untergebracht. Danach nutzten man das Lager als Strafanstalt und am Schluss für militärische Zwecke der Bundeswehr.

Im Anschluss an die theoretische Einführung haben wir uns im Foyer der Gedenkstätte den historischen Aufbau des Lagergeländes anhand eines Luftbildes angesehen. Esterwegen zeichnete sich damals besonders durch die weiße Ziegelsteinmauer als Umrandung des Lagers aus, die von dem Erbauer als besonders schön empfunden wurde. Visuell wird hier auch die Unterteilung in Wachmannschafts- und Gefangenenbereich deutlich. Auffällig war hier die parkähnliche Gestaltung des Wachmannschaftsbereiches mit Anpflanzungen, einem Goldfischteich sowie Freizeitbereichen mit Sportplatz und Freibad. Im Gegensatz dazu waren im Gefangenenbereich lediglich die 10 x 40 Meter großen Baracken erkennbar.

Fotografie der Exkursionsgruppe vor einem Luftbild in der Gedenkstätte Esterwegen
Die Exkursionsgruppe an einem Luftbild des ehemaligen Lagers Esterwegen (Foto: Ilka Schwerdtfeger).

Anschließend haben wir uns auf das ehemalige Lagergelände begeben. Allgemein soll hier das Hauptaugenmerk auf den Gefangenen liegen, weshalb die Gestaltung im ehemaligen Wachmannschaftsbereich bewusst zurückhaltend ist. Beim Entlanggehen der früheren Lagerstraße, fällt auf, dass sich deren Verlauf trotz der Veränderungen im Gelände noch nachvollziehen lässt. An Aussparungen im Boden – sogenannten Zeitfenstern – ist noch der ursprüngliche Schotter erkennbar. An den massiv gewachsenen Bäumen wird sichtbar, wie viel Zeit seit den Ereignissen vergangen ist.

Die Exkursionsgruppe auf dem Außengelände der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Ilka Schwerdtfeger)

Zu Beginn der Führung haben wir den ehemaligen Bereich der Wachmannschaften und den Ort des ehemaligen Eingangstors besichtigt. Statt eines exakten Nachbaus des Tors entschied man sich hier für ein symbolische Gestaltung. Der Spalt im Tor erinnert daran, dass Gefangene nach außen blicken konnten und dass die Gesellschaft das Lager gesehen, aber nicht eingegriffen hat.

Die Exkursionsgruppe vor dem ehemaligen Eingangstor des Lagers (Foto: Ilka Schwerdtfeger).

An dieser Stelle befinden sich zwei Gedenksteine. Einer trägt die Inschrift „Die Hölle am Waldesrand“ und wurde von der Vereinigung der Moorsoldaten aufgestellt, der Zweite erinnert an den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der in Esterwegen inhaftiert war.

Am Rand der ehemaligen Lagerstraße befinden sich einige der wenigen baulichen Überreste. Die erhaltenen Stufen führten in der Zeit des Lagers zu einem Denkmal für zwei Wachleute, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Heute liegt dieses Denkmal unter der Erde verborgen. Die Entscheidung, es nicht erneut sichtbar zu machen, wurde bewusst getroffen und war Teil einer grundlegenden Diskussion darüber, an wen und was man erinnert. An dieser Stelle haben wir überlegt, wie wir mit einem solchen Relikt umgehen würden. Die unterschiedlichen Positionen in der Gruppe verdeutlichten, wie komplex die Frage nach angemessener Erinnerung ist. Ebenfalls wurde deutlich, vor welchen Herausforderungen Gedenkstätten stehen. Was soll sichtbar sein? Wie gewichtet man Erinnerung? Und welche Formen des Gedenkens erscheinen verantwortbar?

Die Exkursionsgruppe vor dem Treppenaufgang, der früher zu einem Denkmal für zwei Wachleute führte (Foto: Ilka Schwerdtfeger).

Der Übergang in den ehemaligen Gefangenbereich wird heute durch Stahlelemente und ein symbolisches Tor markiert. Dieses lässt bewusst Interpretationsspielraum zu. Manche assoziieren seine Form beispielsweise mit einem Trichter, als Metapher für die zunehmend ausweglosen Schicksale vieler Gefangener. Besonders eindrucksvoll sind hier die Baumpakete, welche die Maße der ehemaligen Baracken abbilden und aus genau 100 Bäumen bestehen, angelehnt an die Zahl der Menschen, die in einer Baracke untergebracht waren. Die Entscheidung über die Gestaltung wurde gemeinsam mit ehemaligen Gefangenen getroffen. So sollen die Bäume an die Personen im Gebäude erinnern, nicht an die bauliche Struktur. Das „lebendige“ Erinnerungsmedium soll stellvertretend dafür stehen, dass auch die Erinnerung an die Gefangenen lebendig bleibt. Gleichzeitig hat unser Guide betont, dass gerade jüngere Besucher:innen häufig einen Nachbau der Baracken erwarten, wodurch erneut deutlich wird, wie unterschiedlich Erwartungen an Erinnerungsorte ausfallen können.

Am Ende des Gefangenbereichs angekommen wurde uns erklärt, dass die Gedenkstätte nicht nur Esterwegen, sondern alle Standorte der ehemaligen ‘Emslandlager’ in den Blick nehmen möchte. Da an vielen dieser Orte kaum bauliche Überreste erhalten sind und die Zeit dort gewissermaßen „weitergegangen“ ist, verweist eine namentliche Auflistung an einer Corten-Stahlwand auf ihre Existenz und Geschichte.

Die Dauerausstellung präsentiert die chronologischen Abläufe in dem Zeitraum von 1933 bis 1945. Dabei werden sowohl zentrale Ereignisse, die Deutschland unmittelbar betrafen, als auch spezifische Lebensgeschichten der Gefangenen in Esterwegen und anderen Lagern dargestellt. Fotos, Texte und Objekte, wie Uniformen, dokumentieren die Geschichte der ‘Emslandlager’. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Erfahrungen der Häftlinge bei der Arbeit im Moor sowie ihr Leben und Leiden in den Lagern. Eine Portraitwand zeigt einen Teil der Gefangenen in den ‘Emslandlagern’, worunter auch drei Frauen zu finden sind. Hierbei handelt es sich um Frauen aus der polnischen Heimatarmee, die im Lager Oberlangen inhaftiert waren. Einen Bericht über eine Exkursion bei der die polnische Nachkriegsgeschichte im Emsland in den Fokus genommen wurde finden Sie hier.

Fortgeführt wurde die Ausstellung in einem weiteren kleineren Raum, der die Entwicklung des Lagers nach 1945 beleuchtet. Große Aufmerksamkeit erhielt hier das Lagermodell des Lagers Aschendorfermoor. Dieses wurde von einem Gefangenen aus seiner Erinnerung heraus selbst nachgebaut. Erkenntlich werden hier die Unterschiede zwischen dem Bereich der Wachmannschaften und dem der Gefangenen.

Die Studierenden am Modell des ehemaligen Lagers Aschendorfermoor (Foto: Ilka Schwerdtfeger).

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs befanden sich in der Gedenkstätte noch zwei Sonderausstellungen. Unter dem Titel „Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat“ wurde in Kooperation mit der Polizei Niedersachsen, die NS-Vergangenheit der Polizei aufgearbeitet. Die Ausstellung gibt unter anderem Informationen über eine der wenigen Verurteilungen eines Polizeibeamten in Niedersachsen. Friedrich Pradel trug durch den Umbau eines Lastkraftwagens, auf dessen Ladefläche Menschen mit Auspuffabgasen umgebracht wurden, zu dem Mord an mehreren Tausend Menschen bei.

Die zweite Ausstellung „Auf deutschem Boden für die ganze Welt“ zeigt die Entwicklung der Geschichte von 1933 bis 1945 im heutigen Niedersachsen. Anhand von Weltkarten werden unter anderem die lokalen und regionalen Bezüge aus Niedersachsen zu globalen Ereignissen deutlich. Zudem wird auf große Bauprojekte wie Truppenübungsplätzen oder dem Marinehafen in Niedersachsen eingegangen.

Abschließend sammelten wir gemeinsam unsere Eindrücke von den verschiedenen Ausstellungen und schauten einen Reportage von 1966, welcher im Emsland aufgenommen wurde. In dieser wurden verschiedene Personen der emsländischen Bevölkerung zu ihrem Wissen über die ‘Emslandlager’ befragt. Dieser Film zeigte, dass sich viele Menschen nicht mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben und wenig über die Hintergründe der ‘Emslandlager’ wussten. Anhand der Reportage haben wir gemeinsam über die Erinnerung an den NS früher und heute diskutiert und über positive Entwicklungen, aber auch Rückschritte gesprochen. Eine große Schwierigkeit, die dabei immer wieder zur Sprache kam, ist der Verlust der Zeitzeug:innen.

Exkursionsankündigungen

Im Januar 2026 bietet Team NGHM mehrere weitere spannende Exkursionen an:

Am 16. Januar findet eine Tagesexkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt. Die Exkursion umfasst eine thematische Einführung und verschiedenen Stationen im Gelände. Neben der Hauptausstellung und dem ehemaligen Häftlingslager werden weitere Orte im Gelände (Stichkanal, Klinkerwerk, Tongruben, Kommandantenhaus) erkundet oder, je nach Interesse der Gruppe, eine weitere Ausstellung einbezogen. Am 23. Januar gibt es zudem die Möglichkeit an einer digitalen Tagesexkursion teilzunehmen, bei dir wir online das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erkunden werden.

Am 19. und am 27. Januar findet zudem eine zweigeteilte Tagesexkursion nach Ibbenbüren statt. Am 19. Januar 2026 findet vormittags (9 Uhr oder 11.15 Uhr) im Bürgerhaus Ibbenbüren die Vorführung des Films “Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscana statt. Der Film thematisiert das Schicksal von Anna Strishkowa, die als Kleinkind am 4. Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz stand. Weder kannte sie die Namen ihrer Eltern, noch wusste sie, wo sie geboren wurde – bis heute. Am 27. Januar 2026 findet um 19.30 Uhr im Kulturhaus Ibbenbüren ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Boris Zarbarko (Holocaustüberlebender) statt. Prof. Dr. Christoph Rass wird die einleitenden Worte sprechen.

NGHM engagiert | Der Tag der Lehre und die Relevanz der Geschichtswissenschaft.

Der 3. Dezember 2025 stand für die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ganz im Zeichen zweier zentraler Aspekte universitärer Arbeit: der innovativen Lehre und der kritischen Reflexion über die gesellschaftliche Rolle der Geschichtswissenschaft.

Am Nachmittag präsentierte das NGHM-Team beim ersten “Tag der Lehre” an der Universität Osnabrück zwei LehrZeit-Projekte, die exemplarisch zeigen, wie digitale Methoden und gesellschaftliche Verantwortung in der Lehre zusammenwirken können.

Am Abend diskutierte Christoph Rass mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Historischen Seminar im Rahmen des Forums HistOS die Frage “Wozu Geschichte?” – eine Debatte über die gesellschaftliche Relevanz der Geschichtswissenschaft, die weit über akademische Legitimationsdiskurse hinausgeht.

Beide Veranstaltungen stehen für die Überzeugung, dass die Geschichtswissenschaft ihre gesellschaftliche Wirksamkeit dort entfaltet, wo Forschung, Lehre und öffentliches Engagement produktiv ineinandergreifen.

Was ist gute Lehre?

Am 3. Dezember fand an der Universität Osnabrück zum ersten Mal der „Tag der Lehre“ statt. Bei dieser Veranstaltung wurden einerseits die neuen LehrZeit-Preisträger:innen der Förderrunde 2025/26 geehrt und andererseits die LehrZeit-Projekte der Jahre 2022/23 bis 2024/25 vorgestellt.

Das hochschulinterne Förderformat „LehrZeit“ existiert seit 2018 und unterstützt Projekte, die neue Wege in der universitären Lehre erproben und zugleich die Qualitäts- und Qualifikationsziele (Q-Ziele) der Universität – Wissenschaftlichkeit, Interdisziplinarität, Profilbildung und Persönlichkeitsbildung – stärken. Im Zentrum steht dabei die Idee, Lehrende und Studierende gemeinsam an der konzeptionellen Weiterentwicklung von Lehr- und Lernformaten zu beteiligen und ihnen dafür gezielt Freiräume zu eröffnen.

Der “Tag der Lehre” bot Lehrenden und Studierenden die Möglichkeit, die vielfältigen LehrZeit-Projekte aus verschiedensten Förderrunden in einem World-Café und bei Posterpitches kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auch die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung war am “Tag der Lehre” mit zwei Projekten zu den Schwerpunktthemen Digitalisierung sowie Persönlichkeitsbildung und zivilgesellschaftliche Kompetenz vertreten, die wir im Rahmen der Veranstaltung präsentierten.

Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle präsentierten die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ aus der Förderrunde 2022/23. Im Rahmen dieses Projektes wurden – gemeinsam mit Prof. Dr. Lale Yildirim (Didaktik der Geschichte, inzwischen Uni Kiel) und Prof. Dr. Michael Brinkmeier (Didaktik der Informatik) – interdisziplinäre Lehr-Lernformate entwickelt und erprobt, in denen Studierende der Geschichtswissenschaft und der Informatik gemeinsam eine virtuelle Ausstellung konzipierten. Grundlage bildeten 3D-Scans historischer Denkmäler, die digital rekonstruiert, historisch kontextualisiert und schließlich in einem hybriden Ausstellungssetting erfahrbar gemacht wurden.

Das Projekt eröffnete den beteiligten Studierenden nicht nur neue technische Zugänge zu historischen Objekten, sondern auch ein vertieftes Verständnis dafür, wie digitale Rekonstruktion, forschungsorientiertes Lernen und historische Vermittlung miteinander verknüpft werden können.

Darüber hinaus stellten Dr. Sebastian Musch (Alfred Landecker Lecturer in der Arbeitsgruppe NGHM), Maria Flores Rojas, Bjarne Groß und Gloria Sherif das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien angedockte LehrZeit-Projekt „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Verstehen, Reflektieren, Handeln“ aus der Förderrunde 2024/25 vor. Am Projekt beteiligt waren darüber hinaus auch Helen Schwenken, Jamila Brüggemann und Mira Hazzaa.

Ziel des Projekts war die Entwicklung eines Lehrkonzepts, das beide Phänomene gemeinsam betrachtet, um Studierende für ihre historischen wie gegenwärtigen Wechselwirkungen zu sensibilisieren. Im Mittelpunkt standen kritische Reflexion, der Aufbau analytischer Kompetenzen sowie die Erarbeitung praxisorientierter Zugänge für eine rassismus- und antisemitismuskritische Lehre.

Beide Projekte zeigen exemplarisch, wie vielfältig die inhaltlichen und methodischen Zugänge der Arbeitsgruppe NGHM an der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung sind – und wie sich Forschung, Lehre und gesellschaftliche Verantwortung produktiv miteinander verbinden lassen. Der “Tag der Lehre” bot uns die Gelegenheit, diese Ansätze sichtbar zu machen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie innovative Lehrformate dauerhaft in die universitäre Praxis integriert werden können.

Wozu Geschichte?

Ebenfalls am 3. Dezember 2025 fand im Rahmen des Forums HistOS eine Roundtable-Diskussion zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft statt, an der auch Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück, teilnahm. Die von Dr. Jörgen Wolf moderierte Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Epochen – von der Alten Geschichte über die Mittelalterliche Geschichte und Frühe Neuzeit bis zur Geschichtsdidaktik – machte deutlich, dass die Frage nach dem gesellschaftlichen Beitrag der Geschichtswissenschaft keine abstrakte Legitimationsdebatte ist, sondern vielmehr einen Kernbereich unserer beruflichen Praxis betrifft: Wie machen wir die Befunde unserer wissenschaftlichen Arbeit gesellschaftlich wirksam – in der Lehre, aber auch über die Ausbildung von Studierenden hinaus?

Rass argumentierte dabei, dass nicht zuletzt zwei Handlungsfelder sich als zentral erweisen, um die Erkenntnisse und Befunde der Geschichtswissenschaft gesellschaftlich wirksam zu machen: gesellschaftliches Engagement, ein Eingreifen in Debatten mit geglückter Übersetzung von wissenschaftlichem Wissen für diverse Zielgruppen, und fachliche Innovation mit Blick auf methodische Aspekte – gerade im Kontext des aktuellen digitalen Technologiesprungs – und mit Blick auf die Fragestellungen, die Geschichtswissenschaft bearbeitet.

Gesellschaftliches Engagement bedeutet dabei nicht nur, Fachwissen bereitzustellen, sondern gerade historisches Wissen in verständlicher Form zu vermitteln, aktiv an der Gestaltung von Erinnerungskultur mitzuwirken, dominante historische Narrative stets kritisch zu hinterfragen und die politische Dimension der Geschichtsproduktion reflexiv sichtbar zu machen. Dies fordert geradezu die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen sowie auch Gedenkstätten, Museen und Bildungseinrichtungen – und es verlangt uns die Bereitschaft ab, öffentlich Stellung zu beziehen, wenn Geschichte instrumentalisiert oder Fakten verdreht werden.

Fachliche Innovation verstehen die Osnabrücker Historiker:innen als eine kontinuierliche methodische Weiterentwicklung, die es ermöglicht, neue Fragen zu stellen und komplexe historische Prozesse mit Blick auf den Ereignishorizont sowie auf die Übersetzung von Vergangenheit in Geschichte multiperspektivisch und präziser zu erfassen.

Für die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung schließt das explizit auch die Integration digitaler Methoden – von GIS-basierter Analyse über die Erschließung von Archivbeständen mittels künstlicher Intelligenz bis zur Entwicklung virtueller Vermittlungsformate – ein. Methodische Innovation in Forschung und Lehre eröffnet auf diese Weise nicht nur neue Forschungsperspektiven, sondern schafft auch neue Vermittlungsformate, die Geschichte zugänglicher machen und zugleich den kritischen Umgang mit Geschichtsproduktion schulen können. Gerade in diesem Semester, so referierte Rass, programmieren Osnabrücker Geschichtsstudierende in einer seiner Veranstaltungen zum ersten Mal eigene Web-Apps, um geschichtswissenschaftliche Inhalte über digitale Formate auf neue Art und Weise lesbar zu machen.

Ein weiterer Punkt in der Diskussion drehte sich um einen bisweilen übersehenen Aspekt der geschichtswissenschaftlichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen Relevanz: Die Kompetenzen, die Historiker:innen im Studium erwerben, haben einen Wert, der weit über die wissenschaftliche Arbeit in der Disziplin hinausreicht.

Kritisches Denken, der hinterfragende Umgang mit komplexen und stets unvollständigen Informationen, die Fähigkeit zur Kontextualisierung und Quellenanalyse, die Kompetenz, neues Wissen nach wissenschaftlichen Standards zu erarbeiten – all dies sind Fähigkeiten, die in einer Zeit zunehmender Informationsüberflutung und gezielter Desinformation gesellschaftlich dringend gebraucht werden. Wenn wir unseren Studierenden, gerade auch denjenigen, die später Lehrer:innen werden, beibringen, ihre Quellen zu prüfen, Narrative zu dekonstruieren und mit Unsicherheit methodisch kontrolliert umzugehen, befähigen wir sie nicht nur für akademische Karrieren, sondern für eine reflexive Teilhabe an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen – und für die Vermittlung dieser Kernkompetenzen der modernen Welt an ihre späteren Schüler:innen.

Geschichtswissenschaft kann ihre gesellschaftliche Relevanz nicht einfach postulieren oder bedauern, dass sie ihr abhanden käme. Wir können die Relevanz des Faches immer wieder durch kontinuierliches Engagement sowie inhaltliche und methodische Innovation neu herstellen. Die Antwort auf die Frage “Wozu Geschichte?” wird dann nicht zu einer defensiven Rechtfertigung, sondern zum selbstbewussten Verweis darauf, was wir als Fach leisten können und wollen – in der Forschung, in der Lehre und im öffentlichen Raum.