„Profound, necessary, and a delight to read“: Mit diesem Urteil hat Toni Morrison The Warmth of Other Suns von Isabel Wilkerson begrüßt, den fünfzehnten Titel der NGHM-Leseliste und ein Buch, das im Themenfeld ›Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung‹ ebenso zu Hause ist wie in der historischen Migrationsforschung. Wilkerson erzählt die Great Migration der Jahre zwischen 1915 und 1970 nicht als Wirtschaftsgeschichte, sondern als kollektiven Akt der Selbstbefreiung.
Isabel Wilkerson, geboren 1961, ist Tochter von Eltern, die selbst in der Great Migration nach Washington, D. C. gekommen waren. Sie war die erste Schwarze Frau, die den Pulitzer-Preis im Journalismus erhielt, 1994 als Chicago Bureau Chief der New York Times. Aus dieser doppelten Position (familiäre Zeugenschaft und journalistische Präzision) schreibt sie über eine Bewegung, die rund sechs Millionen Menschen umfasste und die amerikanische Nachkriegsgesellschaft neu ordnete. The Warmth of Other Suns ist das Ergebnis von fünfzehn Jahren Recherche, Interviews mit mehr als zwölfhundert Migrant:innen und einer Entscheidung: nicht die Statistiken zu erzählen, sondern die Menschen.
Isabel Wilkerson (geb. 1961), US-amerikanische Journalistin und Autorin von The Warmth of Other Suns, aufgenommen auf dem Texas Book Festival am 16. Oktober 2010 (Quelle: Larry D. Moore, CC BY 4.0, Wikimedia Commons)
Drei von ihnen tragen das Buch. Ida Mae Brandon Gladney verlässt Mississippi im Spätherbst 1937, George Swanson Starling besteigt am 14. April 1945 in Eustis, Florida, den Silver Meteor nach New York, Robert Joseph Pershing Foster fährt am Ostermontag 1953 die lange Strecke von Monroe, Louisiana, nach Los Angeles. Wilkerson folgt ihren Biografien von der Kindheit im Süden bis zum Lebensende in den Ankunftsstädten. Sie verschränkt diese Einzelschicksale mit einer breiteren historischen und statistischen Kontextualisierung, aber das Gewicht bleibt bei den Menschen.
Genau darin liegt die argumentative Pointe. Die Great Migration war lange als Reaktion gelesen worden: auf die Mechanisierung der Baumwollernte, auf die Nachfrage der Kriegsindustrie nach Arbeitskräften, also im Wesentlichen auf ökonomische Push- und Pull-Faktoren. Wilkerson kehrt die Blickrichtung um. Sie fragt nicht, was die Menschen bewegt hat, sondern was sie bewegt haben. Ihre Protagonist:innen sind keine ökonomischen Reaktionsgrößen, sondern Akteur:innen, die eine Entscheidung getroffen haben — unter Bedingungen des Jim-Crow-Regimes, das Wilkerson mit Genauigkeit in seiner rassistischen Menschenverachtung rekonstruiert. Zugleich zeigt sie, dass diese Entscheidung nicht am Bahnhof im Norden endete. Die zweite Hälfte des Buches folgt den drei Protagonist:innen durch Chicago, Harlem und Los Angeles, durch Enttäuschungen, kleine Aufstiege, familiäre Brüche.
Die Rezeption des Buches fiel außergewöhnlich aus. The Warmth of Other Suns gewann den National Book Critics Circle Award; Tom Brokaw nannte es „an epic for all Americans who want to understand the making of our modern nation“; David Levering Lewis, Jon Meacham, Gay Talese und Cornel West lobten das Werk überschwänglich. David Oshinsky attestierte dem Buch in der New York Times Book Review einen Sonderstatus: „[a] narrative epic rigorous enough to impress all but the crankiest of scholars, yet so immensely readable as to land the author a future place on Oprah’s couch.“ 2024 platzierte die Zeitung das Buch in ihrer Bilanz der ersten fünfundzwanzig Jahre dieses Jahrhunderts auf Rang zwei und damit als bestplatziertes Sachbuch der Liste.
Zu finden in der B-IMIS. Signatur: D5-4b10 4779-194 5.
Die Einwände stehen in derselben Rezension, die dem Buch den Sonderstatus attestiert. Oshinsky räumt ein, Historikerinnen und Historiker könnten Wilkersons Zugang in Frage stellen, weil sie „the migrants’ personal feelings over structural influences like the coming of the mechanical cotton picker“ bevorzuge. Er entkräftet den Einwand im selben Zug: Wilkerson kenne die Push- und Pull-Faktoren genau, sie habe sich lediglich für einen anderen Umgang mit ihnen entschieden. Schwerer wiegt, was Oshinsky ihr selbst vorhält, nämlich dass sie Nicholas Lemanns The Promised Land von 1991 übergeht, jene ungleich düsterere Bilanz der Migration nach Chicago, und dass sie zur nachfolgenden Generation wenig mehr beiträgt als eine freundliche Aufzählung von Politiker:innen, Sportler:innen und Musiker:innen. Der methodische Einwand ist ernst zu nehmen. Er ist zugleich das Spiegelbild dessen, was Wilkerson erreicht hat: eine Geschichte, die die Handlungsmacht ihrer Subjekte nicht in Strukturbedingungen auflöst.
Damit rückt The Warmth of Other Suns in die Nähe einer Frage, die im SFB 1604 „Produktion von Migration“ zentral ist: Wer produziert Migration? Und wie verhält sich diese Produktion zum Handeln der Migrant:innen selbst? Wilkerson gibt darauf eine dezidierte Antwort: Ihre Protagonist:innen sind nicht das Produkt eines Regimes, sondern diejenigen, die es unterlaufen und gar verändern. Diese Frage wird in einigen Wochen aus einer anderen Perspektive wiederkehren, wenn auf dieser Liste Gérard Noiriels The French Melting Pot besprochen wird, ein Text, der stärker auf die staatliche Herstellung von Migrationskategorien blickt.
Zwischen beiden Zugängen liegt eine methodische Differenz, die die Migrationsforschung bis heute strukturiert. Wilkerson zeigt, was eine narrative Geschichtsschreibung leisten kann, wenn sie die Aufmerksamkeit nicht auf Aggregate lenkt, sondern auf Einzelne — und was sie dabei riskiert. Ihr Buch hat die öffentliche Wahrnehmung der Great Migration als eigenständiges historisches Phänomen geprägt und wird bis heute im Schulunterricht und an Universitäten als Einstiegstext breit gelesen.
Ob sich die Migration für die drei Protagonist:innen gelohnt hat, bilanziert Wilkerson am Ende explizit. Sie beantwortet die Frage aber nicht mit einer These, sondern mit drei Lebensläufen. Das Nachdenken über diese Antwort beginnt, wo unser gemeinsames Lesen eines solchen Buches beginnt.
Osnabrücker Studierende finden Wilkersons The Warmth of Other Suns in der Universitätsbibliothek, Standort ‘Alte Münze’ im Bestand B-IMIS unter der Signatur D5-4b10 4779-194 5 (OPAC), dort in der Vintage-Ausgabe von 2011.
Isabel Wilkerson, The Warmth of Other Suns: The Epic Story of America’s Great Migration, New York: Random House 2010.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.
Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)
Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.
Transformationen einer Landschaft
Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.
Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)
Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.
Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.
Steuerung, Aushandlung, Beharrung
Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.
Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)
Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.
Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.
Akten, Netzwerke, Karten
Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)
Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.
Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.
Nach der Sammlung Richard
Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.
Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.
Projektstart im Oktober 2026
Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.
Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)
Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.
Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.
Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)
Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.
Ein Einführungswerk, das seine eigene Disziplin erzählt, statt sie zu ordnen: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft von Stephan Jordan, hier als vierzehnter Titel unserer Serie besprochen, eröffnet die NGHM-Leseliste und steht dort an der Spitze des Themenfelds Geschichtstheorie und Historiographie. Der Band liegt seit 2021 in fünfter, aktualisierter Auflage vor; ein Buch, dessen Aufbau sich als geglückter didaktischer Kunstgriff erweist.
Auffällig ist zuerst die Kontinuität. Zwischen der ersten und der fünften Auflage liegen zwölf Jahre, in denen die Disziplin erheblich in Bewegung geraten ist, von postkolonialen Perspektiven über digitale Methoden bis hin zu Debatten um Materialität, Umwelt und Gewalt. Der Rahmen des Buches kann diese Bewegung umfassen, ohne dass sein Grundriss dafür verändert werden muss. Dieser Befund verweist auf ein gelungenes Einführungswerk, dessen Anlagen die Aktualisierungen aufnehmen konnte, die ihm vier Neuauflagen zugemutet haben.
Stefan Jordan war bereits zum Zeitpunkt der ersten Auflage ein ausgewiesener Kenner des Feldes. Er hatte 2002 das Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe herausgegeben und 2005 die Einführung in das Geschichtsstudium vorgelegt, beide bei Reclam. Beide Bücher entstanden an der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, an der Jordan seit 1999 arbeitet und der Redaktion der Neuen Deutschen Biographie angehört, die er seit 2024 als Chefredakteur von NDB-online leitet. Lexikographische Arbeit, die einen Sachverhalt oder ein Leben auf den Umfang eines Artikels bringt, verlangt dieselbe Fähigkeit, die auch das Erarbeiten eines Einführungswerks braucht, nämlich eine Verdichtung, die auf Vollständigkeit verzichtet und dabei genau bleibt. Autorschaft und Arbeitszusammenhang lassen sich hier deshalb eng aufeinander beziehen.
Das Programm des Bandes ist klar umrissen. Die theoretischen Wissensbestände des Fachs werden, wie Benjamin Steiner in seiner Besprechung der Erstauflage festhält, in vielen Einführungen stillschweigend vorausgesetzt, während Jordan diesem Mangel an Reflexion über die Grundlagen des eigenen Fachs entgegentritt und Studienanfänger:innen an die Theorie- und Methodendiskussion heranführt. Die Anlage ist dabei historiographisch, nicht systematisch. Theorien und Methoden erscheinen als Geschichte der Auseinandersetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind.
Nach einleitenden Kapiteln zu Funktion und Definition von Geschichte sowie zum Umgang mit ihr datiert Jordan den „Beginn der modernen Geschichtswissenschaft“ ins 19. Jahrhundert, dessen Wurzeln er im Verwissenschaftlichungs- und Verfachlichungsprozess des 18. Jahrhunderts verortet. Es folgen der Historismus mit seiner disziplinären Matrix und der Historische Materialismus, deren Streit Jordan als „zweite Sattelzeit“ (ca. 1870–1920) fasst, danach die Schule der Annales und die Volksgeschichte, bevor die beiden letzten großen Kapitel um die befragten Einschnitte von 1945 und von 1989/90 herum gebaut werden und von der Sozial- und Strukturgeschichte über Alltagsgeschichte und Mikrohistorie bis zur Mentalitätengeschichte und zur Neuen Kulturgeschichte führen, in der Jordan die Diskursgeschichte verortet. Max Weber ist der einzige Theoretiker, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Er erscheint bei Jordan als Schlüsselfigur, weil er nach der Lesart des sozialhistorischen Neuanfangs der 1960er Jahre den Konflikt zwischen historistischer und materialistischer Geschichtsschreibung „löste“ und seines fachübergreifenden Interesses wegen „zum personifizierten Inbegriff der Historischen Sozialwissenschaften“ wurde, „die die disziplinäre Enge überwinden wollten“.
Das Schlusskapitel, überschrieben „Alles fließt – Warum Geschichtswissenschaft Demokratie benötigt und bedingt“, stellt den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit der Einzelnen, der offenen Diskussion innerhalb des Fachs und mit der Gesellschaft heraus. Seine Überschrift behauptet ein Wechselverhältnis, in dem die Geschichtswissenschaft demokratische Verhältnisse ebenso voraussetzt, wie sie zu ihnen beiträgt. Begleitet wird der Text von über dreißig grafisch hervorgehobenen Definitionsboxen, für die das Buch ein eigenes Verzeichnis führt und in denen Begriffe wie Sattelzeit, Historismus oder Oral History erklärt werden, während kapitelweise Literaturhinweise die weiterführende Literatur erschließen. Der Band lässt sich deshalb ebenso gut aufschlagen wie linear lesen.
Zu finden in der UB Osnabrück: die fünfte Auflage als Online-Ressource, gedruckt die vierte Auflage (Bibliothek Alte Münze, Signatur KXQ 6236-841 8) sowie die Erstauflage im Freihandmagazin.
Die Rezeption der Erstauflage fiel überwiegend positiv aus und würdigte insbesondere die didaktische Anlage. Dirk Fleischer nannte die Darstellung in der Theologischen Literaturzeitung klar, eingängig und didaktisch vorbildlich, Winfried Schulze bezeichnete den Band in H-Soz-Kult als „insgesamt klug angelegt und kenntnisreich geschrieben“. Benjamin Steiner indes formulierte in den sehepunkten einen Vorbehalt, der bis heute Bestand hat: Die synthetische Klarheit, mit der Jordan im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Linien der Kontinuität verbinde und die Brüche der Tradition im Zusammenhang vermittle, gerate bei der Darstellung der Geschichtswissenschaft in der „Postmoderne“ zur bloßen Aneinanderreihung. Schulze kam unabhängig davon zum selben Ergebnis, vermisste in diesem Kapitel „den kritisch-einordnenden Blick“ und hätte sich „eine stärkere Systematisierung und historische Verortung gewünscht“. Dass zwei Rezensenten dieselbe Stelle treffen, macht aus dem Einzelurteil einen Befund, der auf ein strukturelles Problem historiographischer Einführungen verweist, denn je näher die Darstellung an die Gegenwart rückt, desto schwerer fällt die kanonische Verdichtung, solange noch offen ist, was Kanon wird.
Was Jordan gegen Ende des Buches formuliert, verdient dennoch Aufmerksamkeit. Sein ethisches Verständnis von Geschichte findet seinen Ausdruck in einer „dreifachen Verantwortung des Historikers“, und zwar „gegenüber den Fachinhalten, gegenüber den Vertretern und Institutionen der eigenen Wissenschaft und gegenüber einer Öffentlichkeit, deren Bildung und Wohl der ganze Einsatz gilt“; Steiner hat dieses Bekenntnis das immer wiederkehrende Muster von Jordans Ausführungen genannt. Die Trias benennt präzise, was in theoretischen Einführungen leicht in den Hintergrund gerät: dass die Geschichtswissenschaft immer auch eine öffentliche Praxis ist. Weil in der NGHM-Leseliste Carrs Frage danach, was Geschichte sei, unmittelbar neben Jordan steht, lassen sich beide nebeneinander lesen, die Frage und eine institutionelle Antwort darauf.
Der bleibende Beitrag des Bandes liegt weniger in einer einzelnen These als in seiner Form. Historiographische Chronologie, Definitionsboxen und kapitelweise Literaturhinweise haben sich über fünf Auflagen hinweg als tragfähig erwiesen. Wer eine Disziplin einführen will, kann ihre Begriffe ordnen oder ihre Geschichte erzählen. Jordan hat sich für das Erzählen entschieden. Die Selbsthistorisierung der Geschichtswissenschaft ist dabei selbst ein methodischer Zugriff, der Studierenden ihr Fach als gewachsene und kontingente Praxis zeigt, deren nächste Wendung in diesem Buch noch nicht stehen kann.
Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (Orientierung Geschichte, UTB 3104), Stuttgart: UTB / Paderborn: Brill Schöningh, 5. aktualisierte Auflage 2021, 230 S. Die Erstauflage erschien 2009 bei Schöningh mit 228 S.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Am 1. September 2026 habe ich auf der ICDAR 2026 in Wien die zweite der drei Keynotes gehalten, unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding«.
Abb. 1: Die Keynote am 1. September 2026 in Wien, im Hintergrund die Karte der Familie Beltrami aus der Osnabrücker Ausländermeldekartei, von der weiter unten die Rede ist. Foto: (TR)
Ein Historiker steht dort vor einem Plenum von Informatikerinnen und Informatikern und verhandelt nicht historische Befunde sondern die Zusammenarbeit zwischen Dokumentenanalyse und Geschichtswissenschaft. Dieser Bericht ordnet zunächst die Tagung und die Kooperation ein, aus der die Einladung hervorging, hebt sodann einige Beiträge zur Konferenz hervor, auf die mein Vortrag Bezug genommen hat, und führt daraufhin in drei Schritten in das Argument der Keynote ein: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in die Daten mit ihnen geschieht, die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen, und ein Vorschlag zur Frage, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten prozessgenerierten Kategorie differenzieren kann.
Die Tagung
Die International Conference on Document Analysis and Recognition ist die zentrale internationale Tagung eines Forschungsfeldes, das sich mit der maschinellen Analyse und Erkennung von Dokumenten befasst. Sie wird von der International Association for Pattern Recognition getragen, genauer von deren Technical Committees TC10 für Graphics Recognition und TC11 für Reading Systems, von denen das erste sie neben dem GREC-Workshop als Flaggschiff führt. Bereits 1991 fand die erste Ausgabe in Saint-Malo statt. Bis 2023 tagte die Konferenz zweijährlich und seit 2024 jährlich, sodass Wien bereits die zwanzigste Ausgabe war.1
Ausgerichtet hat die Tagung die TU Wien, organisiert vom Computer Vision Lab unter den General Chairs Robert Sablatnig und Florian Kleber. Getagt wurde am Campus Gußhaus im 4. Wiener Bezirk. Die Hauptkonferenz fand vom 31. August bis zum 2. September 2026 statt, gerahmt von einem Tutorientag am 30. August sowie zwei Workshoptagen am 3. und 4. September. In das Programm gingen 140 begutachtete Volltextbeiträge aus 300 Einreichungen ein, dazu zwölf Beiträge des Journal Track und acht Berichte aus den Wettbewerben.2
Drei Keynotes gliederten die drei Konferenztage. C. V. Jawahar vom IIIT Hyderabad eröffnete am Montag mit »The Changing Landscape of Document Understanding«. Tong Sun, Senior Director bei Adobe, schloss am Mittwoch mit »The Next Frontier: From Document Understanding to Document Agency«, verschob die Frage also, wie der Titel ankündigt, vom Verstehen von Dokumenten auf deren Handlungsfähigkeit. Der Osnabrücker Beitrag lag am Dienstagmittag dazwischen und zugleich quer zu beiden, weil er weder eine Entwicklungsgeschichte der Dokumentenanalyse erzählte noch deren weitere Aussichten prognostizierte, sondern von außen auf dieses Feld blickte und danach fragte, was Verstehen von der Sache her verlangt, wenn der Gegenstand ein Korpus aus Verwaltungsdokumenten des zwanzigsten Jahrhunderts ist.3
Die Kooperation mit der TU Dortmund
Hinter der Einladung steht eine Arbeit, die 2018 in Osnabrück begonnen hat. Die Arbeitsgruppe NGHM hat damals begonnen, historische Massenquellen maschinell zu erschließen, zunächst zwei Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück: die Registratur der örtlichen Gestapo mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Beide wurden mithilfe der Handschriftenerkennung (und gemeinsam mit externen Partnern) in Datenmodelle überführt. Was zuvor Jahre gekostet hatte, dauerte in diesen Projekten nur Monate.
Der Weg über einen kommerziellen Dienstleister stieß allerdings an seine Grenzen, sobald das Vorhaben wuchs, denn für die drei Millionen Karten eines Folgeprojekts lag der Preis so weit außerhalb dessen, was historische Forschung finanzieren kann, dass das Vorhaben nicht mehr zustande kam. Damit ist ein Punkt berührt, der über den Einzelfall hinausgeht: Historische Daten müssen als kulturelles Erbe im öffentlichen Raum bleiben, und die Werkzeuge zu ihrer Erschließung ebenfalls, weil Forschung sonst später in dieser Dimension nur noch über Abonnements proprietärer Dienste betrieben werden kann. Insofern war unser Pioniervorhaben ein »proof of concept«, der uns dazu motiviert hat, nach offenen Lösungen zu suchen.
Abb. 2: Der gemeinsame Arbeitszusammenhang beim Konferenzabend im Wiener Rathaus, von links Tim Raven, Gernot A. Fink, Christoph Rass, Arthur Matei und Tim Hallyburton. Foto: (TR)
Seither arbeiten wir gemeinsam mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund. Professor Fink war bei der ICDAR 2026 einer der vier Program Chairs und Mitherausgeber der Proceedings. Der erste Beitrag der Gruppe, an dem auch wir beteiligt waren, erschien 2025 in den Proceedings der ICDAR in Wuhan und machte aus den CM/1-Formularen einen Datensatz, an dem sich prüfen lässt, wie gut große Vision-Language-Modelle (Modelle, die Bild und Text in einem Zug verarbeiten) einen handschriftlichen Namen und ein Geburtsdatum aus sehr wenigen Trainingsbeispielen lesen.4
Die CM/1-Akten sind die Anträge, über die »Displaced Persons« in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Unterstützung bei der International Refugee Organization beantragten. Der Bestand 3.2.1.1 »CM/1 Akten aus Deutschland« der Arolsen Archives umfasst nach der Bestandsbeschreibung über 196.000 Akten mit Hinweisen auf rund 578.000 Namen; der 2025 veröffentlichte Datensatz zählt anders, nämlich in Vorgängen und Personen, und beruht auf 140.114 Einzelvorgängen, von denen nach der Bereinigung 135.951 Deckblätter mit 203.112 Personen bleiben. Der aktuelle Beitrag der Dortmunder Gruppe, den wir als Historiker:innen erneut unterstützen konnten, geht 2026 tiefer in die Akten hinein und weitet die Datenextraktion auf weitere Felder aus.5
Was auf der Tagung zu sehen war
Mehrfach ließ sich in der Keynote selbst auf das Programm der Konferenz verweisen, in dem zahlreiche Beiträge unmittelbar an unsere eigenen Fragen anschlossen und spannende Lösungsperspektiven vorlegten.
Abb. 3: Zwei Seiten desselben Problems, nebeneinander in der Poster Session am Montag. Links der gemeinsame Beitrag aus Dortmund und Osnabrück, rechts die Arbeit von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu. Foto: (CR)
Sehr deutlich konnte ich solche Querbezüge an der Posterwand der Projektpräsentationen ablesen. Dort hingen zwei Arbeiten nebeneinander, die für beide Seiten desselben Problems stehen. Die eine, aus der Osnabrücker und Dortmunder Kooperation hervorgegangen, in Dortmunder Erstautorschaft vorgestellt und dort auch am Lamarr-Institut für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz angesiedelt, behandelt die Informationsextraktion aus Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts, hier den CM/1-Akten, also aus lesbaren, standardisierten Formularen, von denen es weit mehr gibt, als ein Mensch je durchsehen könnte. Die andere, von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu, untersucht das Auffinden historischer Dokumentbilder anhand ihres Aussehens und zielt damit auf ältere Handschriften und illuminierte Seiten ab, die entziffert werden müssen, bevor sie gelesen werden können. Im Vortrag habe ich diese beiden Ebenen als »the flood« und »the cipher« bezeichnet, weil die Mustererkennung diese beiden Sphären der Geschichtswissenschaft gleichzeitig bearbeitet. Auf derselben Posterwand stand mit »Writer Retrieval at Scale« von Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink auch eine weitere Dortmunder Arbeit.6
Abb. 4: Der Vortrag von Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall in der Session zur historischen Dokumentanalyse. Foto: (CR)
Zwei Beiträge, die ich am Vortragsmorgen noch hören konnte, sind ebenfalls gleich in meinen Foliensatz gewandert. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall vom schwedischen Reichsarchiv haben in der Session zur historischen Dokumentanalyse unter dem Titel »Quality Prediction for Large Scale HTR – Confidence Is All You Need« das Problem behandelt, wie sich die Qualität einer Handschriftenerkennung dort schätzen lässt, wo im laufenden Betrieb keine Referenztranskription vorliegt. Sie fassen die Aufgabe als Regression auf Seitenebene, die aus dem Bild und den Laufzeitausgaben der Erkennungskette sowohl die Güte der Segmentierung als auch die der Transkription vorhersagt, und finden, dass die Verteilung der Konfidenzwerte über eine Seite mehr trägt als der Mittelwert und die Auskunft von Bild- und Sprachmerkmalen weitgehend überflüssig macht. Die Grundlage bilden nach der im Vortrag gezeigten Übersicht 43.126 vollständig annotierte Seiten aus drei Datensätzen, dem schwedischen Swedish Lion mit 20.727 Seiten aus den Jahren 1550 bis 1900, dem norwegischen Norhand mit 11.203 Seiten und dem dänischen Danish Handwriting mit 11.196 Seiten, dazu eine Prüfmenge von 338 Seiten aus Archiven, die im Training nicht vorkamen. Für ein Archiv, das dabei ist, Millionen Seiten historischer Dokumente zu verarbeiten, und nicht jede einzelne prüfen kann, ist das die Voraussetzung dafür, Qualitätskontrolle überhaupt zu steuern.7
Abb. 5: Der Vortrag von Michael Zhang und Kolleginnen und Kollegen in der Session zur Handschriftenerkennung. Foto: (CR)
Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon haben am selben Vormittag in der Session zur Handschriftenerkennung ihre Arbeit »Democratizing the Medieval English Legal Tradition« vorgestellt. Die Überlieferung des englischen Rechts liegt in handschriftlichen Rollen in stark abgekürztem mittelalterlichem Latein vor, das weltweit nur wenige Fachleute lesen können, während der digitalisierte Teil, wie sie im Vortrag zeigten, bereits rund vier Millionen Seiten umfasst. Aus 193 Straf- und Zivilverfahren der Jahre 1272 bis 1461 haben sie einen Datensatz von 4.029 Zeilen gebaut und erreichen damit eine Wortgenauigkeit von 82 Prozent, die eine nachgeschaltete Korrektur durch ein Sprachmodell auf 88 Prozent hebt. Was daran hängt, führten sie an einem Verfahren von 1375 vor, in dem die Dichter John Gower und Geoffrey Chaucer gemeinsam mit zehn weiteren Männern von einer Agnes verklagt wurden, weil sie deren Erbe unrechtmäßig in Besitz hielten: Die beiden kannten einander demnach näher und mindestens drei Jahre früher, als die Forschung bislang annahm.8
Beide Vorträge sprachen die Frage an, wie aus mehr Dokumenten, als eine Person in ihrem Leben lesen kann, verlässliche historische Daten werden, und damit genau das, was ich weiter unten als den ersten der drei Orte beschreibe. Am Donnerstag wird im Workshop zur historischen Dokumentbildverarbeitung eine weitere Arbeit aus dem Dortmunder Zusammenhang vorgestellt, die dieser Frage forschungspraktisch nachgeht.9
Was Historikerinnen und Historiker brauchen
Für die Hand- und Maschinenschriften sowie die Dokumenttypen, mit denen ich bei meiner Arbeit umgehe, ist die reine Erkennung kein wirklich schwieriges Problem mehr. Multimodale Modelle erreichen auf komplexen historischen Handschriften einstellige Zeichenfehlerraten. Wo ein zweites Modell die Lesung des ersten korrigiert, rücken sie in die Nähe menschlicher Transkriptionen. Auf gedrucktem Material liegen die Fehlerraten noch einmal deutlich niedriger. Ganze Datensätze werden inzwischen maschinell aus Archivscans zusammengesetzt.10 Was die Geschichtswissenschaft darüber hinaus braucht, so mein Argument, ist die Unterscheidung zwischen einem korrekt gelesenen Wert und einer Kategorie, die etwa eine Behörde über einen Menschen verhängt. Zu fragen ist deshalb nicht allein, welchen Wert ein Modell liefern soll, sondern was ein System mit einem Wert anfängt, den es fehlerfrei gelesen hat und der zugleich, wie in vielen der Dokumente, die wir in der NGHM-Gruppe im Rahmen unserer Forschung zu »displaced persons« bearbeiten, ein Zug in einer Verhandlung um das eigene Überleben war.
Mein erstes Beispiel indes stammt aus unserer Analyse der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Tullio und Theresa Beltrami kamen im Februar 1905 aus Italien nach Osnabrück und blieben bis an ihr Lebensende. Die Ausländermeldekartei der Stadt wird seit 1930 geführt und enthält rückwirkende Einträge, die bis an die Jahrhundertwende reichen. Die Familie erscheint in ihr erst 1932. Ein Haushalt, der seit einem Vierteljahrhundert in der Stadt lebte, wurde nachträglich als »Ausländer« in den Bestand eingeschrieben. Die Kartei führte diesen Status über Jahrzehnte weiter, bis zu einer Enkelin, die 1957 einen deutschen Staatsangehörigen heiratete und mit dem Vermerk »siehe auch Ausländerkarte« in die Einwohnerkartei überführt wurde. Die italienische Staatsangehörigkeit der Familie war eine Tatsache vor alledem. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt der größte Teil der Familie nie. Was die Karte in der Ausländermeldekartei allerdings hervorbrachte, war ein Status als verwaltete »Ausländer« in eben der Stadt, die die Beltramis ihre Heimat nannten und in der ihre Töchter geboren wurden. Die Kartei hat die Familie nicht nur verzeichnet; sie hat ihr eine Position zugewiesen und diese über drei Generationen reproduziert.
Abb. 6: Die Karte der Familie Beltrami in der Osnabrücker Ausländermeldekartei. Zugezogen 1905, eingetragen 1932. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.
Genau das meinen wir, wenn wir in der reflexiven Migrations-forschung von einer Kategorie sprechen. Der Unterschied zum Sprachgebrauch der Informatik ist dabei ausdrücklich festzuhalten: Dort ist eine Kategorie eine Klasse, die zugewiesen wird und für die eine ground truth sagt, welche die richtige ist, während sie in der kritischen Geschichtswissenschaft (oder Migrationsforschung) eine Entscheidung bezeichnet, die ein Amt über einen Menschen getroffen, in ein Feld geschrieben und danach gegen ihn geltend gemacht hat, ohne dass irgendeine Lesung der Karte sagen könnte, ob diese Kategorisierung richtig oder wahr war.
Dass Kategorien nicht vorgefunden, sondern hergestellt werden, ist nicht einfach eine singuläre Beobachtung an dieser einen Karte. Diese Einsicht ist die Arbeitsgrundlage des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, in dem wir in Osnabrück forschen und der Migration als das »Produkt eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses« versteht, in dem »Kategorisierungen von Menschen, Gruppen und Praktiken« sich zu sozialen Figuren verdichten und die weiteren Aushandlungen prägen.11 Eine Ausländermeldekartei ist ein Ort, an dem sich dieser Vorgang Karte für Karte und über ein halbes Jahrhundert hinweg beobachten lässt. So gesehen erschließt, wer solche Bestände maschinell erschließt, keine Eigenschaften von Personen, sondern die Spuren eines Herstellungsvorgangs.
Meine eigene Disziplin hat daran ihren Anteil. Sie hat Wörter wie »Ausländer« verwendet, als bezeichneten sie eine Art von Menschen, die man untersuchen, zählen und erklären kann, obwohl diese Wörter in einem Amt entstanden sind und eine Kategorisierungsentscheidung festhalten. Rogers Brubaker und Frederick Cooper haben für diesen Fehler einen Begriff geprägt, nämlich die Verwechslung von Kategorien der Praxis, nach denen Menschen regiert wurden, mit Kategorien der Analyse, mit denen wir sie erklären.12 Die Karte ist dabei nicht der Fehler, sie ist das Material. Der Fehler liegt in einer Wissenschaft, die das Wort des kategorisierenden Apparates übernimmt und es zu ihrem eigenen Instrument macht. Eine Zählung kann also schon darin falsch sein, wie sie eine Kategorie zählt, lange bevor eine ihrer Zahlen nicht stimmt.
In meinem Beitrag habe ich drei Orte unterschieden, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kriterium der Geltung. Am ersten Ort findet die Erschließung statt: Eine Quelle wird in digitale, lesbare, strukturierte Daten überführt. Dort gibt es eine ground truth, denn das Zeichen steht in einem Dokument, gegen das sich jede Lesart prüfen lässt. Der zweite Ort ist das Berechnen, bei dem auf den erschlossenen Daten gemessen wird. An die Stelle der ground truth tritt hier die Nachvollziehbarkeit, weil nicht mehr ein einzelner Wert geprüft wird, sondern die Art und Weise, in der dieser Wert erzeugt wird. Ein fehlerhaftes Skript lässt sich lesen und prüfen, ein von einem Modell halluziniertes Ergebnis allerdings nicht. Gebaut wird am dritten Ort, wo das Korpus entsteht, an dem sich eine historische Frage überhaupt stellen lässt. Dort wartet kein Etikett auf der Seite, denn ob ein Dokument zu einer Frage gehört, ist keine Eigenschaft dieses Dokuments, sondern ein Urteil, das jemand fällt und verantwortet.
Wie sich die Arbeit an diesen drei Orten anfühlt, habe ich im August 2026 bei meiner Forschung in vier Archiven in Oregon erfahren. Mit einem Dokumentscanner, der das Papier nicht berührt, entstanden dort Digitalisate von rund 6.000 Seiten historischer Dokumente in Handarbeit, während mir eine bereits mitlaufende Auswertung anzeigte, welche Kartons aus dem Magazin ich in meiner Bestellliste womöglich übersehen hatte und welche sich im Licht erster Auswertungen doch als relevant erweisen könnten. Parallel dazu schrieb und lief ein generatives System Skripte, die auf der Grundlage der ersten Dokumentauswertung dutzende bereits digitalisierte Sammlungen durchsuchten und rund vierhunderttausend weitere Dokumente zu meiner Fragestellung zusammentrugen, jeden Treffer mit Quelle, Repositorium, Abrufdatum und Prüfstand versehen.
Das eine Korpus entstand im Tempo eines Menschen, das andere in der Geschwindigkeit eines digitalen Rechercheprozesses. Beide Erträge liegen nun in demselben Arbeitsbestand, aus dem ich die Analyse des Materials entwickle. Dieser Bestand ist deshalb ein ungleiches Gebilde: Von den vor Ort selbst aufgenommenen Seiten ist bekannt, warum sie im Karton lagen und warum ich sie ausgewählt habe, von den vierhunderttausend maschinell gezogenen Dokumenten dagegen nur, nach welchem Suchkriterium sie gefunden wurden, nicht aber, was im Repositorium neben ihren digitalen Repräsentationen liegt oder was im analogen Archiv verblieben ist und nie digitalisiert wurde. Wer aus einem solchen Bestand argumentiert, muss angeben können, aus welchem Teil eine Aussage stammt, und braucht eine Lesart, die zwischen dem Muster in der Masse und dem einzelnen, sprechenden Dokument Brücken schlägt. Martin Mueller hat das scalable reading genannt.13
Abb. 7: Die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der historischen Arbeit ankommen. Foliensatz Christoph A. Rass.
Vom ersten Ort, dem Erschließen, braucht die historische Arbeit drei Dinge. Das Erste ist eine Konfidenz zu jedem gelesenen Wert, also die Angabe, für wie sicher das Modell seine eigene Lesart hält. Dazu tritt eine Provenienz: Gemeint ist hier nicht die archivische Herkunft aus einem Bestand, sondern der Verweis auf die Stelle der Karte, aus der der Wert stammt. Ein Wert ohne diese beiden Angaben ist für uns Historiker:innen eine Tatsache ohne Fußnote. Als Drittes verlangt die Arbeit aber womöglich auch ein Attribut, das angibt, ob ein Feld bereits eine Entscheidung enthält. Wo eine Behörde festgelegt hat, welche Werte in einem Feld überhaupt vorkommen dürfen, ist die Deutung bereits vorgeprägt, bevor irgendeine geschichtswissenschaftliche Frage gestellt wird. Ein System, das diesen Umstand festhält, statt ihn zu überschreiben, macht die Stelle sichtbar, die später weiter befragt werden muss.
Abb. 8: Die Registratur der Osnabrücker Gestapo, 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei begonnen. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Rep 439 Nr. 3227.
Auch am Beispiel der Osnabrücker Gestapo-Registratur lässt sich ablesen, was mit einer Kategorie auf ihrem Weg durch die Zeit geschieht. Die Kartei (sie ist eine von nur wenigen in Deutschland erhaltenen Gestapo-Registraturen) wurde 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei angelegt. Nach 1933 wurde sie in denselben Karteikästen, auf denselben Formularen und in denselben Handschriften zum Instrument der Geheimen Staatspolizei des NS-Regimes. Kein einziges Zeichen musste sich ändern, damit sich die Bedeutung der Karten vollständig wandelte. Eine einfache Dokumentenanalyse liest die Karte von 1928 und die von 1938 gleich. Ein Verstehen kann sich das nicht leisten, weil zwischen beiden Karten ein Regimewechsel liegt.
Abb. 9: Die vier Momente, in denen nach Michel-Rolph Trouillot Verstummen entsteht, übertragen auf die Verarbeitungsketten der Dokumentanalyse. Foliensatz Christoph A. Rass.
Michel-Rolph Trouillot hat am Beispiel der Haitianischen Revolution gezeigt, wie Vergangenheit in der Geschichte zum Schweigen gebracht wird. Sein geschichtstheoretisches Modell verortet die Produktion dieses Schweigens in vier Momenten: beim Herstellen der Quellen, beim Herstellen der Archive, beim Herstellen der Erzählungen und bei der Herstellung von Bedeutung, die eine Gesellschaft dem Geschehenen als erzählte Geschichte im Rückblick zubilligt.14
Diese vier Momente wandern nun auch in die Verarbeitungsketten digitaler Dokumentanalyse und der Weiterverarbeitung der so gewonnenen Daten: in die Datenmodellierung, die vorab entscheidet, was überhaupt ein Feld werden darf; in die Auswahl dessen, was digitalisiert und wie es klassifiziert wird; in Ranking und Retrieval, die dem Digitalisierten einen durchsuchbaren Schatten geben, der es größer erscheinen lässt als alles Nichtdigitalisierte daneben; und schließlich in die flüssige Antwort eines Modells auf die Frage, was eine »displaced person« gewesen sei. Eine Bedingung liegt vor allen vieren: Ausgewählt, digitalisiert, modelliert und verallgemeinert werden kann nur, was überliefert ist. Die Bestände dieses Vortrags sind sämtlich Behördenschriftgut, das eine Verwaltung erzeugt und ein Archiv zu verwahren hatte.
Die Verzerrung der Überlieferung wächst in der digitalen Verarbeitung nicht notwendigerweise; sie verändert aber womöglich deren Sichtbarkeit: Im analogen historischen Dokument liegt die Entscheidung offen, im relationalen Schema ist sie schon ein Stück zurückgetreten, im trainierten KI-Modell (LLM) liegt sie über die Gewichte verteilt tief im System begraben. Finola Finn und Donal Khosrowi haben das Ergebnis dieser Produktion von Geschichte instant history genannt, die flüssige, unmittelbare Antwort eines LLMs, die verbirgt, wie jede Quelle immer bereits vermittelt war.15
Wie praxisrelevant das Problem ist, verdeutlicht ein Fall aus den CM/1-Akten. Im Januar 1948 beantragte eine Person bei der International Refugee Organization Unterstützung und gab als Nationalität »Türkisch« an, als Geburtsort »Istanbul«. Der zuständige eligibility officer schrieb das auf, zweifelte aber an dieser Erzählung und fragte bei der Stadt Osnabrück nach, unter welcher Kategorie dieser Arzt dort geführt werde. Die Auskunft kam aus derselben Kartei, aus der auch die Karte der Beltramis stammt: seit dem 1. Oktober 1943 war der Betreffende in Osnabrück verzeichnet, und zwar mit dem Geburtsort »Baku« in der Sowjetunion. Beide Einträge sind sauber lesbar und für die Dokumentenanalyse ohne Weiteres zu erfassen, wahr sein können sie indes nicht beide.
Abdulhalik Aleskerow war tatsächlich ein Feldarzt der Roten Armee aus Aserbaidschan, geriet 1942 in deutsche Gefangenschaft, durchlief das Lager Wustrau, in dem die Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene prüfte, die zur Kollaboration bereit waren, und wurde ab 1943 als Arzt in einem Zwangsarbeitslager in Osnabrück eingesetzt; er hatte seine biographische Erzählung geändert, weil eine Rückführung in die Sowjetunion für ihn sehr wahrscheinlich den Tod bedeutet hätte.
Abb. 10: Zwei Einträge zu einer Person, beide korrekt zu lesen, beide nicht zugleich zutreffend. Arolsen Archives 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584.
Im Juni 1950 wurde ihm schließlich der DP-Status aberkannt, weil vermutlich jemand aus der Formulierung, er habe die Türkei »auf eigenen Wunsch« verlassen, geschlossen hatte, ein freiwillig Gewanderter sei gar nicht verschleppt worden. Sechs Jahre lang stritten danach Behörden und Gerichte darüber, was er sei, und verwendeten dabei sieben Kategorien: »displaced person«, »heimatloser Ausländer«, »staatenlos«, »Muslim«, »Straftäter«, »Sowjetbürger«, »türkischer Staatsangehöriger«. 1956 hob ein Gericht die Ausweisungsverfügung auf. Aleskerow lebte bis 1977 in Osnabrück.16
Für eine Systemarchitektur folgt daraus, dass eine Konfidenz allein auf Lesbarkeit hinweisen kann; Aleskerows Akte war lesbar. Ob eine Kategorie umstritten ist, wie sie hergestellt und wem sie zugewiesen wurde, lässt sich der Lesbarkeit eines Eintrags nicht entnehmen. Ein komplexer Konfidenzwert, wie ihn die Geschichtswissenschaft produktiv nutzen könnte, braucht mehr.
Mein Vorschlag für ein Weiterdenken dieser Problemstellung verteilt die Arbeit deshalb auf zwei Modelle, die miteinander und mit uns Historiker:innen sprechen. Das erste, das Quellenmodell, fragt, was ein Dokument materiell und in seiner Überlieferung ist. Es liefert strukturierte Felder, heftet an jedes Feld eine Konfidenz und eine Provenienz und endet in einem quellenverankerten Graphen, also einer Datenstruktur, in der jede Aussage an ihre Belegstelle gebunden bleibt; über Bedeutung behauptet es nichts; seine Arbeit könnte uns an die äußere Quellenkritik im geschichtswissenschaftlichen Methodenseminar erinnern. Das zweite, das Expertenmodell, fragt, was das Dokument bedeutet und wie weit ihm zu trauen ist. Es markiert »Ausländer« als eine vom Amt hergestellte Kategorie, datiert die rückwirkende Eintragung der Beltramis von 1932 als interpretatives Ereignis, hält die Mehrdeutigkeit dort offen, wo die Quelle sie offengelassen hat, und verknüpft den Querverweis von 1957 über zwei Bestände hinweg.
Abb. 11: Der Vorschlag der Keynote. Ein Quellenmodell, ein Expertenmodell, und der Austausch zwischen beiden. Foliensatz Christoph A. Rass.
Der eigentliche Vorschlag liegt im Austausch zwischen beiden. Wo das Quellenmodell unsicher ist, schließt das Expertenmodell die Lücke nicht still, es fordert die Bildregion hinter dem Wert an und verzichtet auf eine Antwort, wenn diese nicht eindeutig ausfällt. Ein umstrittener Wert wird markiert und an eine andere Instanz oder an einen Menschen weitergereicht. Jeder Schritt wird protokolliert; das erzeugt die Nachvollziehbarkeit, die am zweiten Ort an die Stelle der ground truth tritt, und sie erlaubt es, auch so komplexe Analysen intersubjektiv zu prüfen. In der Sprache der Dokumentanalyse handelt es sich um selective prediction with abstention und ein Provenienzprotokoll. Neu ist weder das eine noch das andere. Was diese Schleife für die Geschichtswissenschaft bedeutet, hat Andreas Fickers digitale Hermeneutik genannt, das alte Handwerk der Interpretation, aktualisiert für Quellen, die eine Maschine bereits verarbeitet hat.17 Eine Frage bleibt dabei offen: wie ein solches Expertenmodell zu bauen und zu trainieren wäre.
Abb. 12: Der vorgeschlagene Maßstab in drei Teilen. Zwei davon kann das Feld allein spezifizieren, der dritte entsteht nur gemeinsam. Foliensatz Christoph A. Rass.
Eine Idee dazu habe ich in Wien als Diskussionsbeitrag vorgetragen, einen Maßstab aus drei Teilen. Die ersten beiden kann die Dokumentanalyse allein spezifizieren: eine Quellenbindung, gemessen als evidence attribution, bei der ein Befund nur zählt, wenn er nachweisbar auf die korrespondierende Stelle in der Quelle zurückzuführen ist; und eine kalibrierte Unsicherheit, die das offene Eingeständnis von Zweifel des Systems belohnt und die Produktion falscher Zuversicht härter bestraft als die ehrliche Zurückhaltung, die Lücken benennt. Der dritte Teil entstünde nur gemeinsam. Er prüft, ob ein Modell eine Kategorie als solche erkennt, also den Begriff, den eine Behörde produziert oder reproduziert, als hergestellte Kategorie markiert, statt ihn als einfache Tatsache über die Person weiterzureichen.
Wie hilfreich das wäre, zeigt die für Osnabrück ausgewertete Teilmenge der CM/1-Akten: In 575 Einträgen mit einer Religionsangabe und 584 mit einer Nationalitätsangabe stehen je sechzehn verschiedene Werte, in denen »Muslim« neben »Mohammedan« steht, »Jewish« neben »Hebrew«, und in denen »Jewish« zugleich als Nationalität auftaucht.18 Niemand hat diese Werte normalisiert. Deshalb hat die von den Werten repräsentierte Aushandlung im Durcheinander des Quellenmaterials überlebt. Bisher annotiert selbst unser veröffentlichter Datensatz in seiner zweiten Fassung zwar Nationalität, Geburtsort und Religion, aber keinen einzigen dieser Werte als umstritten. Der nächste Schritt wäre entsprechend ein Durchgang, in dem zwei Historiker:innen jeden Wert als geklärt oder umstritten markieren, ihren Dissens protokollieren und ein Modell dagegen gemessen wird, bis sichtbar ist, woran es scheitert und wie die dritte Dimension des Maßstabs erreicht werden kann.
Was offenbleibt
Abb. 13: Die Schlussfrage der Keynote. Foliensatz Christoph A. Rass.
Welchen Anteil haben unsere methodischen Entscheidungen an der Herstellung der epistemologischen Rahmungen, in denen wir schließlich mit digitalen Methoden arbeiten? Die Beltramis haben in meinem Vortrag einen Namen, weil Handschriftenerkennung ihre über viele Karten der Ausländermeldekartei verstreuten Einträge gelesen und record linkage (die Zusammenführung von Einträgen zu derselben Person über Bestände hinweg) ihnen über fünfzig Jahre hinweg wieder eine Geschichte gegeben hat. Dieselben Werkzeuge, die auf diese Art und Weise einen Bestand aufschließen können, können ihn indes auch schließen. Ein Leben als Datensatz zurückzugewinnen kann dieses Leben zugleich ein zweites Mal zum Objekt machen. Was von beidem eintritt, hängt von der Perspektive ab, die wir uns empirisch und methodisch erarbeiten. Dass der Einsatz komplexer digitaler Werkzeuge und selbstverständlich auch von künstlicher Intelligenz die Art und Weise verändert, wie Vergangenheit in Geschichte übersetzt wird, ist längst entschieden; offen ist, wie wir diesen Technologiesprung mit all seinen Konsequenzen als Geschichtswissenschaft und im Dialog mit anderen Disziplinen gestalten. Das ist nicht nur eine technische oder fachwissenschaftliche, sondern letztlich vor allem eine kulturelle Frage.
Zu Ort und Gremien ICDAR 2026, Conference Venue und Committees, Abruf 02.09.2026. Die Zahl der angenommenen und eingereichten Beiträge sowie die acht Wettbewerbsberichte nach dem Klappentext des Tagungsbandes: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, hrsg. von Gernot A. Fink, Alicia Fornés, Koichi Kise und Daniel Lopresti, Lecture Notes in Computer Science 16972–16975, Cham 2026; die zwölf Beiträge des Journal Track nach dem Programm, Abruf 03.09.2026.↩︎
ICDAR 2026, Keynote Speakers und Programm, Abruf 02.09.2026. Daneben standen am Dienstag die beiden Vorträge zum Young Investigator Award von Silvia Cascianelli und Jorge Calvo-Zaragoza.↩︎
Fabian Wolf, Oliver Tüselmann, Arthur Matei, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: CM1 – A Dataset for Evaluating Few-Shot Information Extraction with Large Vision Language Models, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2025, Teil II (Lecture Notes in Computer Science 16024), Cham 2025, S. 23–39, DOI 10.1007/978-3-032-04617-8_2; Preprint arXiv:2505.04214. Zu den Größenangaben ist Vorsicht geboten, weil drei Zählungen nebeneinanderstehen: Die Bestandsbeschreibung der Arolsen Archives nennt für 3.2.1.1 über 196.000 Akten und Hinweise auf rund 578.000 Namen, der genannte Beitrag spricht von rund 350.000 erhaltenen Fallakten des gesamten CM/1-Programms, und die Sprechfassung der Keynote nannte rund 155.000 Akten. Die Angaben zum Datensatz selbst (140.114 Vorgänge, 135.951 Deckblätter, 203.112 Personen) sind dem Beitrag entnommen.↩︎
Arthur Matei, Tim Hallyburton, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: Recent Advances in Information Extraction from Historical Archival Records, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, Teil III (Lecture Notes in Computer Science 16974), Cham 2026, S. 87–103, DOI 10.1007/978-3-032-36039-7_6.↩︎
Poster Session #1, Montag, 31. August 2026. Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu: An Exploratory Study of Text-to-Image Generation for Query-by-Example Retrieval of Historical Document Images; Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink: Writer Retrieval at Scale.↩︎
Oral Session #7, Historical document analysis, Dienstag, 1. September 2026. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall: Quality Prediction for Large Scale HTR. Confidence Is All You Need, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 450–466, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_26. Alle drei arbeiten am schwedischen Reichsarchiv in Stockholm. Die Angaben zu den verwendeten Datensätzen sind der im Vortrag gezeigten Übersicht entnommen, die als Abbildung 4 wiedergegeben ist.↩︎
Oral Session #6, Handwriting recognition, Dienstag, 1. September 2026. Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon: Democratizing the Medieval English Legal Tradition, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 378–394, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_22; Preprint arXiv:2605.00977. Das Material stammt aus den King’s Bench Rolls, Common Pleas Rolls und Justices Itinerant Rolls des Anglo-American Legal Tradition Archive. Die Angaben zum Umfang des digitalisierten Bestandes und der Fall von 1375 stammen aus dem Vortrag.↩︎
Tim Hallyburton, Anna Scius-Bertrand, Arthur Neto, Andreas Fischer und Gernot Fink: Reconstruction Error Ratios for Prototype-Anchored Unsupervised Learning in Optical Character Recognition, 8th International Workshop on Historical Document Imaging and Processing, Donnerstag, 3. September 2026.↩︎
Mark Humphries, Lianne C. Leddy, Quinn Downton u. a.: Unlocking the archives. Using large language models to transcribe handwritten historical documents, in: Historical Methods 58 (2025), H. 3, S. 175–193, DOI 10.1080/01615440.2025.2500309; Gavin Greif, Niclas Griesshaber und Robin Greif: Multimodal LLMs for OCR, OCR Post-Correction, and Named Entity Recognition in Historical Documents, arXiv:2504.00414 (2025); Niclas Griesshaber und Jochen Streb: Multimodal LLMs for Historical Dataset Construction from Archival Image Scans. German Patents (1877–1918), arXiv:2512.19675 (2025), mit 306.070 Patenten aus 9.562 Archivscans. Zur Verlagerung vom Lesen zum Bauen ferner Jan Černý, Kiril Avramov und Liladhar R. Pendse: A multi-stage agentic AI system for extracting information from large digital archives. Case study on the Czechoslovak year 1968 in CIA’s FOIA collection, in: The Electronic Library (2026), DOI 10.1108/EL-06-2025-0272, deren Fazit ich mir zu eigen mache: Der Effizienzgewinn ist real, die interpretatorische Verantwortung wandert nicht.↩︎
DFG-Sonderforschungsbereich 1604 »Produktion von Migration«, Universität Osnabrück, Projektnummer 501120656, Sprecher Andreas Pott, seit 2024. Die zitierten Wendungen nach der Projektbeschreibung in GEPRIS, Abruf 02.09.2026; ferner das Forschungsprogramm des SFB.↩︎
Rogers Brubaker und Frederick Cooper: Beyond »identity«, in: Theory and Society 29 (2000), H. 1, S. 1–47, DOI 10.1023/A:1007068714468.↩︎
Martin Mueller: Shakespeare His Contemporaries. Collaborative curation and exploration of Early Modern drama in a digital environment, in: Digital Humanities Quarterly 8 (2014), H. 3. Die Oregoner Feldphase im August 2026 gehört zur Arbeit im SFB 1604.↩︎
Finola Finn und Donal Khosrowi: AI assistants in the archive and the lure of »instant history«, in: Cambridge Forum on AI. Culture and Society 2 (2026), Artikel e6, DOI 10.1017/cfc.2025.10012.↩︎
Jessica Wehner und Christoph Rass: Disputed (Non-)Belonging. Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56, in: Journal of Contemporary History, OnlineFirst Dezember 2025, DOI 10.1177/00220094251396890. Die beiden abgebildeten Dokumente stammen aus den Beständen 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584 der Arolsen Archives; die Auskunft der Stadt Osnabrück entstammt der Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.↩︎
Andreas Fickers: Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschungen 17 (2020), H. 1, S. 157–168, DOI 10.14765/zzf.dok-1765; ferner Andreas Fickers, Juliane Tatarinov und Tim van der Heijden: Digital history and hermeneutics. Between theory and practice, in: Andreas Fickers und Juliane Tatarinov (Hg.): Digital History and Hermeneutics, Berlin/Boston 2022, S. 1–20, DOI 10.1515/9783110723991-001.↩︎
Auswertung der für Osnabrück verarbeiteten Teilmenge des Bestandes 3.2.1.1 der Arolsen Archives, vorgestellt auf Folie 13 der Keynote. Die Teilmenge umfasst die CM/1-Akten von Personen, die in Osnabrück verblieben sind.↩︎
Zur Keynote: Christoph A. Rass, From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding, Keynote #2 der ICDAR 2026, TU Wien, 1. September 2026. Die Arbeiten, über die der Vortrag berichtet, entstehen gemeinsam mit Gernot A. Fink, Arthur Matei und Tim Hallyburton (Pattern Recognition Group, TU Dortmund), mit Lukas Hennies, Jessica Wehner und dem Team der Arbeitsgruppe NGHM der Universität Osnabrück, in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, den Arolsen Archives und dem SFB 1604 »Produktion von Migration«.
Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.
Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.
Einblicke in die Projektarbeit bei einer Exkursion zur Gedenkstätte Esterwegen im Rahmen des Projektseminars (Fotos: Lina-Sofie Winkler)
Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.
Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.
Die Kriegsgräberstätte Dalum und der Erinnerungsort Lager Dalum (Fotos: Marlene Schurig / Lina-Sofie Winkler)
Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.
Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.
13:00–13:15 Ankunft 13:15–13:30 Begrüßung & Projektvorstellung | Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)
13:30–14:30 Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)
14:30–15:00 Pause
15:00–15:45 Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)
15:45–16:15 Pause
16:15–17:15 Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)
17:15–18:00 Pause
18:00–20:00 Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes
Tag 2 | 25. September 2026
Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste
08:30 Treffpunkt am Bus
08:45–10:15 Fahrt nach Dalum
10:15–11:45 Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)
11:45–13:15 Rückfahrt nach Osnabrück
13:15–13:45 Mittagspause
13:45–15:15 Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour
„[G]ender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relationships of power.“ Der Satz stammt aus dem Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis von Joan Wallach Scott, erschienen im Jahr 1986, der als zweites Kapitel in Gender and the Politics of History steht. Damit kommen wir zum dreizehnten Titel der NGHM-Leseliste. Mit diesem Buch verschob sich in den 1980er Jahren die Frage, was Geschichtsschreibung eigentlich tut. Gender steht in diesem Beitrag unübersetzt, weil ›Geschlecht‹ die körperliche Differenz und ihre gesellschaftliche Deutung in einem Wort mitführt und die Unterscheidung, an der Scotts Frage ansetzt, verschwinden lässt. Gender ist bei Scott keine weitere Kategorie neben Klasse und ›Rasse‹, denn die Kategorie schreibt um, wie historische Analyse Macht sichtbar macht und koproduziert. Der poststrukturalistisch verortete Band, der die Verfahren der Sozialgeschichte gegen ihre eigenen Voraussetzungen wendet, spaltete die Disziplin sofort.
Joan Wallach Scott, 1941 in Brooklyn, NY, geboren, wuchs als Tochter einer Geschichtslehrerin und eines Geschichtslehrers auf, in einem Haushalt, in dem, wie sie später erzählte, bei Tisch über Geschichte und Politik gesprochen wurde. Ihr Vater, Sam Wallach, von 1945 bis 1948 Präsident der New Yorker Teachers Union, wurde Anfang der 1950er Jahre vom New Yorker Board of Education entlassen, weil er die Zusammenarbeit mit den Gremien verweigerte, die nach ›Kommunisten‹ im Schuldienst fahndeten. Nach dem Studium an der Brandeis University (B.A. 1962) promovierte sie 1969 an der University of Wisconsin–Madison, und ihre frühen Arbeiten bewegten sich im Feld der französischen Sozial- und Arbeitergeschichte, deren Leitkategorie ›Arbeiter‹ sie in diesem Band selbst zum Gegenstand machen sollte. Nach Stationen an der University of Illinois at Chicago (1970 bis 1972), der Northwestern University (1972 bis 1974) und der University of North Carolina at Chapel Hill (1974 bis 1980) ging sie an die Brown University, wo sie das Pembroke Center for Teaching and Research on Women als Gründungsdirektorin aufbaute. 1985 wechselte sie an das Institute for Advanced Study in Princeton, an dessen School of Social Science sie bis 2014 forschte. Ihre wissenschaftlichen Papiere aus den Jahren 1954 bis 2019 liegen heute in der John Hay Library der Brown University; die Sammlung gehört dort zum Feminist Theory Archive des Pembroke Center.
Joan Wallach Scott (geb. 1941), US-amerikanische Historikerin und Autorin von Gender and the Politics of History (Foto: B. Sutherton, 21. März 2007, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0).
Die Erstausgabe von Gender and the Politics of History gliedert sich in vier Teile und umfasst neun Aufsätze. Teil I, Toward a Feminist History, prüft die bisherige Frauengeschichtsschreibung (women’s history) und entwickelt jene Definition von Gender, die den Kern des Buches ausmacht. Teil II, Gender and Class, wendet den Rahmen auf Sprache und Klassenanalyse an und setzt sich in einem eigenen Kapitel mit E. P. Thompsons The Making of the English Working Class auseinander. Teil III, Gender in History, erprobt die Argumentation am Pariser Konfektionsgewerbe von 1848, an der Gewerbestatistik von 1847/48 und am Diskurs der politischen Ökonomie zwischen 1840 und 1860. Teil IV, Equality and Difference, verbindet den Sears-Prozess mit einer Bilanz der amerikanischen Frauengeschichtsschreibung von 1884 bis 1984. Kategorien wie ›Arbeiter‹, ›Klasse‹ oder ›Gleichheit‹ sind, so die Pointe des Buches, bereits vergeschlechtlicht, bevor Historiker:innen sie überhaupt in die Hand nehmen.
Positive und negative Reaktionen erfolgten unmittelbar. Als Scott den Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis im Herbst 1985 in einem Seminar am Institute for Advanced Study vorstellte, waren die eigens erschienenen Princetoner Historiker, wie sie 2008 rückblickend schrieb, „to a man, appalled“. Der Aufsatz wurde gleichwohl rasch zum Bezugspunkt. William H. Sewell Jr. nannte ihn in seiner Rezension des Bandes einen „instant classic“, und laut Zahlen, die die American Historical Association Ende 2007 zusammenstellen ließ, war er damals schon seit fünf Jahren der meistabgerufene Aufsatz der AHR auf JSTOR. Der Widerspruch aber hielt an. Joan Hoff hielt 1994 der poststrukturalistischen Geschlechtergeschichte, und Scott im Besonderen, Nihilismus, Präsentismus, Ahistorizität, Verschleierung, Elitismus, Unterwerfung unter das Patriarchat, Ethnozentrismus, Irrelevanz und möglicherweise Rassismus vor, so referiert Joanne Meyerowitz später die Kritik. Angegriffen war damit der Ansatz selbst, Kategorien zum Gegenstand der Analyse zu machen; Hoff sah gar ›Frau‹ als Analysekategorie ausgelöscht.
Die zweite Kontroverse entfaltete sich vor Gericht. Im Diskriminierungsverfahren der Equal Employment Opportunity Commission gegen Sears, Roebuck and Company traten 1985 Rosalind Rosenberg für das Unternehmen und Alice Kessler-Harris für die Kommission als Sachverständige auf. Die Debatte darüber, die Thomas Haskell und Sanford Levinson 1988 in der Texas Law Review aufnahmen und auf die Kessler-Harris dort antwortete, machte sichtbar, was Scotts Grundfrage sowohl theoretisch als auch praktisch bedeutet: Wenn Historiker:innen vor Gericht aussagen sollen, ob ein Diskriminierungsmuster ›historisch‹ ist, entscheidet schon die Kategorienwahl das Ergebnis mit.
Die Revised Edition von 1999 im Bestand der UB Osnabrück.
Kritisch angemerkt wurde von Anfang an die Abstraktheit der frühen Kapitel, die Leser:innen bis heute mehr abverlangen als die späteren, fallbezogenen Essays, in denen die Argumentation an konkretem Material arbeitet. Der Joan Kelly Memorial Prize der American Historical Association ging gleichwohl bereits 1989 an das Buch, gemeinsam mit Mary Blewetts Men, Women, and Work; die Disziplin zeichnete es also aus, während sie noch heftig über das Buch stritt. 2018 legte Columbia University Press eine Jubiläumsausgabe vor, mit einem eigens für diese Ausgabe geschriebenen Vorwort und dem erstmals in einem Buch abgedruckten Essay The Conundrum of Equality, den Scott 1998 am Institute for Advanced Study vorgetragen und 1999 als Occasional Paper der School of Social Science publiziert hatte.
Scotts Argument berührt Fragen, die in der Reihe wiederkehren werden. E. P. Thompsons The Making of the English Working Class steht ebenfalls auf der Leseliste, und Scotts viertes Kapitel wird dort als Gegenlektüre produktiv sein.
Wer den Text heute liest, findet weniger eine Ergänzung der Sozialgeschichte als vielmehr eine Reflexion ihrer Voraussetzungen. Die Kategorien, mit denen Historiker:innen arbeiten, gehören selbst zu dem, was historische Analyse zu erklären hat. Dieser Befund schließt unmittelbar an unsere Arbeit im Sonderforschungsbereich 1604 an.
Osnabrücker Studierende finden im B-Freihand-Magazin der UB unter der Signatur 6187-725 6 die Revised Edition von 1999 (New York: Columbia University Press 1999, XVI, 267 S.), die gegenüber der Erstausgabe ein Vorwort zur Revised Edition sowie das zusätzliche Kapitel Some More Reflections on Gender and Politics enthält, das in der Jubiläumsausgabe von 2018 nicht mehr enthalten ist (OPAC).
Joan Wallach Scott (geb. 1941), Gender and the Politics of History, New York: Columbia University Press 1988; Revised Edition 1999; Jubiläumsausgabe 2018.
Nachweise: Joan W. Scott, Gender: A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 91 (1986), H. 5, S. 1053–1075, hier S. 1067. Dies., Unanswered Questions, in: The American Historical Review 113 (2008), H. 5, S. 1422–1429, hier S. 1422. Joanne Meyerowitz, A History of „Gender“, in: ebd., S. 1346–1356, hier S. 1346 f. Joan Hoff, Gender as a Postmodern Category of Paralysis, in: Women’s History Review 3 (1994), H. 2, S. 149–168, hier S. 149. William H. Sewell Jr., Rezension zu Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, in: History and Theory 29 (1990), H. 1, S. 71–82, hier S. 71. Thomas Haskell / Sanford Levinson, Academic Freedom and Expert Witnessing: Historians and the Sears Case, in: Texas Law Review 66 (1988), S. 1629–1659. Alice Kessler-Harris, Academic Freedom and Expert Witnessing: A Response to Haskell and Levinson, in: Texas Law Review 67 (1988), S. 429–440.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Die dritte Woche meiner Archivreise führte mich von Salem über Woodburn nach Portland: zwei Archive und zwei Gespräche. Auf die Frage dieser Reise, wer Arbeitsmigration wie, wann, warum und mit welchen Folgen benennt und so die ›Figuren der Migration‹ produziert, hat die Woche drei Antworten gebracht. In Salem werden die Menschen als Rechtsfigur und als Kostengröße benannt: ›alien workers‹. In Woodburn erklärt sich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen die so Bezeichneten selbst sprechen. Und in Portland liegt ein staatlicher Bericht von 1957, der festhält, mit welchen Wörtern die unterschiedlichen Gruppen von Landarbeiter:innen der Latino/Latina-Community einander in den 1950er Jahren belegten.
Die Arbeit im Staatsarchiv von Oregon beginnt (cr).
Die zweite Depesche endete in Corvallis, in den Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes der Oregon State University, der in Oregon das Bracero-Programm administrativ organisiert hat, die von 1942 bis 1964 laufende Anwerbung mexikanischer Landarbeiter über ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Von der ausführenden Behörde geht es nun auf die politische Ebene, auf der über solche Programme entschieden wurde, von der Frage also, wie eine Kategorie im Vollzug aussieht, zu der Frage, wer darüber entscheidet, welche Kategorien prozessrelevant werden sollen. Für den Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹, einen Osnabrücker Forschungsverbund zur Entstehung und Wirkung von Migrationskategorien, verfolge ich dabei die Figuren, unter denen Arbeitsmigration verwaltet, bestritten und erinnert wird, also Zuschreibungen wie ›bracero‹, ›guest worker‹ oder ›alien worker‹.
Salem: ›Alien Workers‹
Der Montagvormittag gehörte dem Staatsarchiv von Oregon in Salem, einer Abteilung im Amt des Secretary of State, das trotz des Titels natürlich kein Außenressort ist: Der Amtsinhaber wird in Oregon direkt gewählt und verantwortet neben Wahlen und Rechnungsprüfung auch das Archivwesen. Bestellt hatte ich zahlreiche Archivkartons aus den Akten der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt; den zweiten Bestand konnten mir die Archivarinnen vor Ort gleich vollständig digital zum Download zur Verfügung stellen!
Einen ersten spannenden Befund bietet das Frühjahr 1979. Das Büro des Gouverneurs verhandelt damals eine Gesetzesinitiative, die den Gouverneuren die Feststellung übertragen soll, ob einheimische Arbeitskräfte verfügbar sind, jene Feststellung also, von der die Zulassung ausländischer Arbeitskräfte in die Landwirtschaft abhängig gemacht werden soll. Die Akte bezeichnet die Menschen, um die es geht (vor allem Zuwandernde aus Mexiko), durchgehend als ›temporary alien workers‹. Bob Oliver, der Rechtsberater des Gouverneurs, stellt am 30. April 1979 in einem Memo mit dem Betreff ›Alien Workers‹ zwei Dinge gegeneinander, den Ärger mit den Gewerkschaften und den Zugewinn an Zuständigkeit für den Bundesstaat:
»On the one hand, you as Governor would be accepting a hot potato — a responsibility which might cause you to take actions displeasing to organized labor. On the other hand, my philosophy is that we should seize every opportunity to exercise authority at the state or local level.«
Atiyeh schreibt drei Tage später an Mark O. Hatfield, den Senator Oregons im Kongress, er selbst billige das Konzept, und ergänzt eine Verfahrensbitte: Es fehle eine Regelung, nach welcher Methode ein Gouverneur die Verfügbarkeit einheimischer Kräfte festzustellen habe, wünschenswert wären »uniform methods among the states«. Das Thema des Vorgangs ist nicht, wer kommt und unter welchen Bedingungen, sondern wer den Bedarf für die Rekrutierung feststellt und nach welchem Verfahren.
Der zweite Befund liegt drei Jahre später. 1982 verhandelt der Kongress über den Entwurf von Senator Alan Simpson und dem Abgeordneten Romano Mazzoli, der neben Arbeitgebersanktionen bei Beschäftigung illegalisierter Arbeitskräfte und einer Legalisierung von deren Aufenthalt auch neue Regeln für befristete ausländische Landarbeit vorsah; die Initiative scheitert in diesem Anlauf, die Reform der Migrationsgesetzgebung der USA sollte erst 1986 als Immigration Reform and Control Act zum Gesetz werden. Am 4. November 1982 schreibt derselbe Bob Oliver in diesem Zusammenhang ein Memo an Gerry Thompson im Büro des Gouverneurs:
»Estimates of the number of illegal aliens in the United States vary from 3 to 12 million, and in Oregon from 6,000 to 50,000. Up to now, this issue has directly impacted the Governor’s office primarily on occasions when the Immigration and Naturalization Service attempts to round them up, and we are contacted by ranchers and farmers, and other employers, who express concern about ›harrassment‹ of their workers who are legal residents. …«
Die Hauptsorge benennt das Memo selbst: »I believe our main concern ought to be fiscal impact on state government«. Unter der Annahme von 20.000 im Bundesstaat lebenden ›illegal aliens‹ rechnet die Sozialverwaltung im Fall einer Legalisierung für den Zweijahreshaushalt 1983 bis 1985 mit 3,2 Millionen Dollar an Sozialhilfe- und Bildungskosten im General Fund, dem allgemeinen Landeshaushalt. Ihre für die Sozialhilfe zuständige Abteilung, die Adult and Family Services Division, empfiehlt im beiliegenden Briefing Paper die Ablehnung, »because of the substantial financial burden that it will present to the state and local governments«. In der Zuarbeit an den Gouverneur läuft die Linie 1982 damit auf ein Nein zu Simpson-Mazzoli hinaus, begründet allein mit den Kosten für die Inklusion legalisierter Eingewanderter in die Sozialsysteme.
Ein drittes Schlaglicht zeigt, wie die Verwaltung ihre Grenzen definierte. 1979 rät die Employment Division, die Arbeitsverwaltung des Bundesstaates, davon ab, dass dieser das CETA-303-Programm in eigener Regie übernimmt, mit dem der Bund die Arbeitsförderung für Wander- und Saisonarbeitskräfte finanzierte. Der Vermerk begründet das damit, dass viele der Betroffenen spanischsprachig seien und solche Programme traditionell Organisationen getragen hätten, deren Mitarbeiter:innen einen ähnlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund hätten wie die Menschen, um die es gehe: »The Employment Division has no such identification«. Die Behörde hält damit selbst aktenkundig fest, dass sie die spanischsprachige Bevölkerung nicht erreicht, während in Woodburn seit 1977 eine Organisation dieses Typs arbeitet, das Willamette Valley Immigration Project.
Woodburn: die Risberg Hall
Am Nachmittag desselben Montags habe ich in Woodburn mit Larry Kleinman und Ramón Ramírez gesprochen, zwei der Gründer von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen in Oregon. Wir saßen in der Risberg Hall, einem Saal der Gewerkschaft, und schon der Ort erzählt Organisationsgeschichte: Er trägt den Namen von Kleinmans Großeltern Edward und Sonia Risberg. Beide waren Mitglieder des International Workers Order, einer linken Selbsthilfe- und Versicherungsorganisation von Einwanderer:innen.
PCUN ging aus ebenjenem Willamette Valley Immigration Project von 1977 hervor und wurde 1985 als Gewerkschaft gegründet. Die Entscheidung, mit der Rechtshilfe zu beginnen und erst danach gewerkschaftlich zu organisieren, fiel am Colegio César Chávez in Mount Angel, dem ersten akkreditierten, von Chicanos getragenen vierjährigen College in den Vereinigten Staaten, das die zweite Depesche kurz thematisiert hat.
Der Besuch im PCUN-Hauptquartier in Woodburn, OR, ein Höhepunkt der Archivreise (cr).
Larry Kleinman hat den Rahmen der Gewerkschaftsarbeit der PCUN im Gespräch so beschrieben: Landarbeiter:innen seien (nach wie vor) vom nationalen Tarifrecht ausgenommen, und Oregon kenne kein Verfahren, das Agrarbetriebe zur kollektiven Tarifverhandlung verpflichte. Eine Organisation, die unter diesen Bedingungen arbeite, erzeuge Druck über Boykotte, Öffentlichkeit, Prozesse und Gesetzgebung; für ihre Stellung gebe es inzwischen einen eigenen Ausdruck, ›labor adjacent‹, eine Organisation also, die wie eine Gewerkschaft arbeitet, ohne deren Verfahrensrechte zu haben. In der Phase, die für meine Fragestellung vorrangig relevant ist, von den 1980er bis zu den frühen 2000er Jahren, trugen erst das Immigration Project und dann PCUN den regionalen Widerstand gegen die Anläufe, ein Anwerbeprogramm für die Landwirtschaft neu einzurichten. Seit 2011 liegen die Akten der Bewegung an der University of Oregon in Eugene, wo ich meine erste Archivwoche verbracht habe. Dass es diesen Bestand gibt, führen Ramírez und Kleinman auf ihren Mitstreiter Cipriano Ferrel zurück, der früh darauf bestanden habe, dass die Gruppe Geschichte mache und sich entsprechend verhalten müsse; das erfordere die Bildung eines eigenen Archivs. Das ist der Befund der Woche für die zweite Frage dieser Reise: Neben den Wörtern verfolge ich, wie Bestände zu Migration und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen überhaupt entstehen, in Archive gelangen und zugänglich werden.
Auch auf die Frage der ersten beiden Depeschen, mit welchen Wörtern diese Arbeitsmigration bezeichnet wurde und wer die Wörter setzte, haben meine beiden Gesprächspartner eine spannende Antwort: Dass die Bewegung in den 1980er Jahren ›bracero‹ auf die Schilder schrieb und nicht ›guest worker‹, erklärte Kleinman aus der gelebten Erfahrung: ›Bracero‹, das Wort für die so angeworbenen Vertragsarbeiter, sei greifbar gewesen und habe in der Community einen Widerhall gehabt. Ramírez ergänzte, die Erinnerung an das Programm sei in den Familien geblieben, denn die Betroffenen seien die Väter und Großväter derer gewesen, die in Oregon geboren wurden und den Kampf gegen Diskriminierung in den 80er und 90er Jahren weiter trugen. Die Parole einer Kundgebung von 1997, ein ›guest worker program‹ sei legalisierte Sklaverei, erscheint von hier aus weniger als Zuspitzung denn als der entlarvende Verweis darauf, dass ein reines Relabeling rassistische Praktiken und Zuschreibungen nicht beseitigt, sondern nur tarnt.
Portland: die Oregon Historical Society
Das letzte Archiv im Arbeitsplan gehört der Oregon Historical Society (cr).
Von Dienstag bis Freitag habe ich in der Research Library der Oregon Historical Society (OHS) gearbeitet, der Bibliothek eines privaten, gemeinnützigen Geschichtsvereins von 1898, der zugleich die größte Sammlung zur Geschichte des Bundesstaates verwahrt (Engeman 2026). Für die Archivstudie interessiert mich an diesem Haus vor allem, wie es mit seiner eigenen Sammlungsgeschichte umgeht. Auf der Bestandsseite der Bibliothek steht dazu das Wesentliche: Die frühen Erwerbungen hätten »the pioneer, settler-colonial experience« in den Mittelpunkt gestellt, und »the biases and omissions of our early collecting continue to remain evident across the library’s collections«.
Dagegen setzt die Bibliothek zweierlei: eine Erwerbungspolitik, die künftig eine größere Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven abbilden soll, und die Überarbeitung der Verzeichnung, also der Beschreibungen, über die ein Bestand auffindbar wird. Für diese Überarbeitung gilt der Ausdruck ›reparative cataloging‹, und sie verlangt, mit den Communities zu klären, wie sie sich selbst bezeichnen, und den Zugang zur Überlieferung gegen mögliche Verletzungen abzuwägen.
Eindrucksvolles Zeugnis des Kurswechsels der OHS ist die aktuelle Ausstellung über die Familie Yasui (cr).
Wie weit die Historical Society die eigene Position reflektiert, zeigt exemplarisch eine zweite Entscheidung. Zwei Wochen nach dem rassistischen Doppelmord in einer Portlander Stadtbahn im Mai 2017 beschloss der Beirat der Oregon Historical Quarterly, mit den Mitteln der Zeitschrift auf das zu antworten, was die Zeitschrift selbst als Zunahme öffentlich auftretender Ansprüche auf Weiße Vorherrschaft beschrieb. 2019 erschien das Themenheft White Supremacy & Resistance, herausgegeben von Darrell Millner und Carmen Thompson. Dem Beirat, der den Band begleitete, gehörte neben anderen Natalia Fernández an, die Kuratorin der Oregon Multicultural Archives, mit der ich in der Vorwoche in Corvallis gesprochen habe. »The OHQ special issue is not neutral on the subject of White supremacy«, heißt es dazu in einem Blogbeitrag des Hauses ausdrücklich, und seit Februar 2021 stehen die zwölf Aufsätze des Bandes frei im Netz.
Am Freitag habe ich mit Brian Stauffer, dem Library Director, über Sammlungspolitik, Öffnung und diese besondere Trägerschaft gesprochen. Die Auswertung dieses Gesprächs gehört in meine Archivstudie und wird in mein Buch über Archive in Migrationsgesellschaften einfließen.
Die Akten des Stella Maris House
Der stärkste Portland-Befund liegt in der Sammlung des Stella Maris House, einer katholischen Laienorganisation für soziale Arbeit in Portland (Mss 1585), die am Donnerstag auf den Tisch kam, nachdem ich einen zweiten Tag in Salem gestrichen hatte. Ihre Mappen vermittelten mir Einblicke in die Situation der 1950er und 1960er Jahre.
Die Akten des Oregon AFL-CIO liegen ebenfalls bei der OHS, blieben aber für meine Studie weitgehend befundlos (cr).
Die älteste Schicht ist ein Bericht des Oregon Bureau of Labor, der Arbeitsbehörde des Bundesstaates, aus dem Jahr 1957: ›Vamonos pal Norte (Let’s Go North). A Social Profile of the Spanish Speaking Migratory Farm Laborer‹. Er dankt namentlich Landarbeiter:innen, die Auskunft gegeben haben, darunter »Susana R. Luckenbough, Portland University student, who has been a migrant farm worker for the past 20 years«. Für 1957 zählt er eine spanischsprachige Wanderarbeiterschaft von 11.000 bis 12.000 Personen in Oregon, dazu für das zurückliegende Jahr 800 über ein internationales Abkommen angeworbene ›Mexican Nationals‹. Er unterscheidet durchgehend zwischen ›imported laborer‹, den über das Abkommen Angeworbenen, und ›domestic laborer‹, den im Land ansässigen spanischsprachigen Landarbeiter:innen, und er hält fest, mit welchen Wörtern die beiden Gruppen einander belegten:
»The imported laborer and the Spanish-speaking laborer working in the same area frequently create a general feeling of antagonism and jealousy. This is essentially based in the following contributing factors: (1) imported laborer appears to have better living and working conditions (2) imported laborers develop or inspire more community interest and acceptance (3) domestic laborer calls imported labor ›surumatos‹ which is a derogatory term to describe the people from interior Mexico. And, imported laborer calls domestic labor ›pochos‹ which is also derogatory term for natives or residents of Spanish-speaking background …«
Die zweite Depesche hat gezeigt, wie eine Behörde die Menschen nach Herkunft und Rechtsstatus sortiert. Hier stehen die Wörter, mit denen die Bezeichneten einander bezeichnen: ›surumatos‹ für die aus dem Inneren Mexikos Angeworbenen, ›pochos‹ für die schon in den USA Ansässigen, Sortierungen nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit, die neben den staatlichen Kategorien herlaufen und eigene Kriterien haben. Und die Rangfolge, die der Bericht festhält, verläuft umgekehrt zu der, die später gegen Anwerbeprogramme ins Feld geführt wird, wonach gerade die Vertragsarbeiter die Rechtlosesten auf dem Feld sind: Den Vertragsarbeitern werden hier die besseren Unterkünfte und die größere Aufmerksamkeit der Gemeinden zugeschrieben, während die Einheimischen das Nachsehen haben.
Fünf Jahre jünger ist ein Rundbrief des National Advisory Committee on Farm Labor vom Februar 1962. Das Komitee, eine nationale Reformkoalition mit Sitz in New York, erklärt darin, warum es im Nordwesten kaum noch Vertragsarbeiter unter Public Law 78 gibt, dem Gesetz, das seit 1951 die Grundlage des Bracero-Programms bildete:
»Ten years ago the employment of Mexican workers under Public Law 78 in the Pacific Northwest was widespread. Wages were very low and living conditions in many places were intolerable. This changed as state and federal employment officers began making concerted efforts to ensure that farm employers were actually trying to attract domestic workers. … As wages rose, the ›shortage‹ of domestic labor disappeared and bracero labor in the Northwest became rare.«
Das ist, rund drei Jahrzehnte früher, das ökonomische Argument der Kampagnen, mit denen die Bewegung in den 1990er Jahren gegen neue Anwerbepläne stritt: Der behauptete Mangel an einheimischen Arbeitskräften verschwindet, sobald der Lohn steigt. Auf der einen Seite steht die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auf der anderen die Beschaffung ausbeutbarer Arbeitskräfte.
Warum Oregon in diesem System eine Sonderstellung hatte, erklärt ein Mitarbeiterblatt des Oregon Employment Service, der staatlichen Arbeitsvermittlung, von 1964. Roscoe West, in der Behörde für die Vermittlung von Landarbeit zuständig, referiert darin eine nationale Farm-Labor-Konferenz vom Februar 1964, auf der das Auslaufen von Public Law 78 angekündigt wurde; 1963 waren noch »almost 187,000 Mexican nationals, or braceros« ins Land gekommen. West wendet sich an die Erzeuger des eigenen Bundesstaates: Oregon habe zuletzt nur etwa 350 Vertragsarbeiter im Jahr beschäftigt, sei aber Jahr für Jahr auf fast 20.000 einheimische Wanderarbeiter:innen angewiesen. Sie kämen aus genau den Staaten, die am stärksten Braceros beschäftigt hätten, und diese Staaten würden künftig stärker um ihre eigenen Arbeitskräfte werben, also mit Oregon konkurrieren. »Oregon may be at the end of the chain, but the chain reaction will still affect the last link.«
Eine weitere Schicht von Befunden verbindet Portland mit Salem. In einer Sammlung von Pressemeldungen liegen drei Artikel des Oregonian, der Portlander Tageszeitung, vom 2. Mai 1967 nebeneinander: zum Mindestlohnentwurf, zur Inspektionspflicht für Wanderarbeiterlager und zu Arbeitsminister Willard Wirtz, der die Ausnahme der Landarbeiter:innen vom Tarifrecht »an affront to the American principle of equal justice under the law« nennt. Den Mindestlohnentwurf bringt in der ersten Meldung ein Staatssenator namens Victor Atiyeh durch den Ausschuss, derselbe Atiyeh, dessen Gouverneursakten zwölf Jahre später in Salem über ›alien workers‹ verhandeln.
Atiyeh, 1923 in Portland geboren, war selbst das Kind von Eingewanderten aus dem Osmanischen Reich, aus dem heutigen Syrien und dem Libanon, und mit ihm bekleidete zum ersten Mal ein ›Arab American‹ ein Gouverneursamt in den Vereinigten Staaten (Moore 2025). In den Salemer Vorgängen, die ich gesehen habe, kommt davon nichts vor; Herkunft ist dort eine Kategorie für die Verwalteten.
Jobs with Justice, 2006
Ein Sprung um vier Jahrzehnte, und in einen anderen Bestand der Oregon Historical Society: die Akten von Portland Jobs with Justice, einem Bündnis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die dessen Zusammenarbeit mit Einwandererorganisationen für die Jahre 2006 bis 2014 dokumentieren. Hier hat der Ausdruck ›guest worker‹, dem diese Reise gilt, seine Bedeutung verändert. Eine undatierte Zusammenstellung von Themen, Zielen und Prioritäten für den Dialog mit Community Organizations nennt »Overcoming divisions around guest worker programs« und, unter den bundespolitischen Vorhaben, »Creating guest worker programs where undocumented workers are treated fairly«. Eine E-Mail vom Juni 2006 sammelt Einwände für Workshops mit Gewerkschaftsmitgliedern, darunter den Satz, ein solches Programm setze nur die Strategie der Reagan-Jahre fort, den Arbeitsmarkt mit Arbeitskräften zu fluten und die Gewerkschaften zu brechen. Was ein Jahrzehnt zuvor als Anklage auf den Schildern der PCUN stand, wird hier als eine Position unter mehreren geführt, die in moderierten Gesprächen zu bearbeiten ist.
Ein erster Eindruck
Der Ertrag der Woche verweist auf die Strukturierung der Überlieferung. Der Staat verhandelt die Sache als Verfahrens- und Kostenfrage und führt die Menschen als ›alien workers‹, als Rechtsfigur und Haushaltsposten. Die Bewegung bewahrt ihre Unterlagen auf und schafft sich damit ihre eigene Überlieferung und eine Stimme in der Produktion von Geschichte; den Anstoß gab Cipriano Ferrels Beharren darauf, dass die eigenen Quellen wichtig sind. Der Geschichtsverein hält, was zwischen diesen beiden Akteuren liegt, von der katholischen Sozialarbeit bis zur Gewerkschaftskoalition, und arbeitet öffentlich an den Lücken und Biases, die seine eigenen Anfänge im Archiv festgeschrieben haben.
Der Bericht von 1957 fügt dem die Erweiterung hinzu, die für die Frage nach der ›Produktion von Migration‹ die wichtigste dieser Woche ist: Die Kategorienarbeit endet nicht an der Grenze der Community. ›Surumatos‹ und ›pochos‹ sortieren dieselben Felder, die der Staat mit ›Mexican Nationals‹ und ›alien workers‹ ordnet, nur nach eigenen Kriterien, nach Herkunftsregion und Zugehörigkeit statt nach Rechtsstatus. Wer die Figuren der Migration untersucht, hat es deshalb nicht nur mit einer Verwaltung zu tun, die kategorisiert, und einer Bevölkerung, die kategorisiert wird, sondern mit einem Feld, auf dem viele Akteure ›Figuren der Migration‹ produzieren.
Abschied von Oregon
Mein letztes Bild dieser Reise zeigt den Scanner, mit dem ich drei Wochen gearbeitet habe, auf einem leeren Tisch. Alle Akten gelesen? Kaum. Drei Wochen bin ich dem Ausdruck ›guest worker‹ nachgegangen, und am wenigsten stand er dort, wo das Anwerbeprogramm verwaltet wurde: In den Mappentiteln des Extension Service in Corvallis fehlt er, und ›bracero‹ fehlt dort ebenfalls, obwohl derselbe Dienst das Programm ausgeführt hat; im Büro des Gouverneurs in Salem heißen die Menschen ›alien workers‹. Die Bewegung, die in den 1980er Jahren gegen die Pläne für ein neues Anwerbeprogramm kämpfte, identifizierte indes ›guest worker‹ schon früh als eine Übersetzung aus Europa, die einem Relabeling der Zuwanderung aus Mexiko dienen sollte. PCUN selbst gebrauchte die Kategorie nie für die Bezeichnung von Arbeitsmigrant:innen; die Gewerkschaft verweigerte genau jene sprachliche Finte, deren sich die Politik im politisch-medialen Diskurs rund um die Reform der Migrationsgesetze bedienen wollte. ›Guest worker‹ wird 1997 mit voller Wucht zur Vokabel im politischen Kampf, als Anklage auf einer Kundgebung gegen ein neues Reformpaket: ein solches Programm sei legalisierte Sklaverei. Ein knappes Jahrzehnt darauf führt ein Bündnis von Gewerkschaften und Einwandererorganisationen in Portland denselben Ausdruck in seinen Arbeitspapieren, und zwar zweifach: als Ziel, ein solches Programm fair einzurichten, und als Einwand, es setze nur die Lohndrückerei der Reagan-Jahre fort. Ob sich dieser Weg des Ausdrucks in den Beständen so nachzeichnen lässt, wie es die ersten Schlaglichter aus drei Wochen hektischer Archivarbeit nahelegen, entscheidet die Lektüre der Akten in Osnabrück.
Eine Woche im Archiv der OHS geht zu Ende (cr).
Die Vielstimmigkeit, um die die Bibliothek in ihrer Verzeichnung ringt, ist übrigens im Museum des Hauses schon zu besichtigen. Die Dauerausstellung ›Experience Oregon‹, eröffnet im Februar 2019, hat die Oregon Historical Society gemeinsam mit neun indigenen Nationen des Bundesstaates erarbeitet. Deren Vertreter:innen stellten dabei eine Bedingung, die den Rundgang prägt: Am Anfang der Ausstellung zu stehen, weil sie zuerst da gewesen seien, genüge nicht, denn sie seien immer noch da. Seither kehrt die Erzählung immer wieder zu ihren Stimmen zurück. Die Ausstellung zeigt auch, was schmerzt, eine Kapuze des Ku-Klux-Klan etwa, hinter Glas. »Our job is to tell the truth. We’re not the tourism bureau«, hat Direktor Kerry Tymchuk diese Haltung gegenüber der Presse zusammengefasst.
Der Sockel des Theodore-Roosevelt-Denkmals ist seit 2020 leer. Die öffentliche Repräsentation von Geschichte kann verändert werden (cr).
Vor dem Haus, auf den South Park Blocks, ist auch etwas Bemerkenswertes zu sehen. Dort stand seit 1922 ein Reiterstandbild Theodore Roosevelts; im Oktober 2020 haben Demonstrierende es bei einer Protestaktion zum Indigenous Peoples Day niedergerissen, ebenso wie ein Standbild Abraham Lincolns wenige Schritte weiter. Roosevelt ist seither eingelagert; das Lincoln-Standbild wurde 2025 restauriert und wartet auf die Wiederaufstellung. Die Stadt hat entschieden, beide an ihre alten Standorte zurückkehren zu lassen, aber mit neuen Tafeln zur Einordnung. Über deren Inhalt wird 2026 noch öffentlich beraten.
Ich habe die Leerstelle fotografiert, denn sie führt vor, was der Sonderforschungsbereich in seinem Transferprojekt mit DOMiD, dem Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, digital erprobt: In einer Anwendung dieses Projekts, dem ›Place Changer‹, gestalten Nutzer:innen reale Orte am Bildschirm um, um auszuprobieren, wie Erinnerungslandschaften anders aussehen könnten und wer über sie bestimmt. In Portland ist dieses ›place changing‹ keine Simulation. Eine Stadtgesellschaft verhandelt am Ort selbst, wen sie im öffentlichen Raum erinnert, und die Leerstelle ist der Stand der Verhandlung.
Literatur
Engeman, Richard: Oregon Historical Society, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 6. Februar 2026 (dort die Rechtsform des Hauses).
Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024 (dort die Einordnung des College).
Moore, Jim: Victor Atiyeh (1923–2014), in: The Oregon Encyclopedia, Stand 7. März 2025.
Millner, Darrell / Thompson, Carmen (Hg.): White Supremacy & Resistance, Themenheft der Oregon Historical Quarterly, Winter 2019 (seit Februar 2021 frei zugänglich).
The Oregon Historical Society Refuses to Gloss Over the Ugly Parts of the State’s Past, in: Willamette Week, 10. Februar 2021 (dort die Angaben zur Entstehung von ›Experience Oregon‹ und das Zitat von Kerry Tymchuk).
City of Portland: What’s happening with the City’s monuments?, portland.gov, Stand August 2026 (dort der Stand zu den Standbildern Roosevelts und Lincolns).
Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
Rass, Christoph: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis, in: NGHM@UOS, 15. August 2026, DOI 10.58079/16ny4.
Die zweite Woche meiner Reise führte nach Corvallis. Im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University liegen die Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der das Bracero-Programm in Oregon verantwortet hat. Zwischen 1942 und 1947 kamen über dieses Programm 15.136 Männer aus Mexiko in den Bundesstaat, während die Anwerbung bundesweit bis Ende 1964 lief. Der amerikanische ›guest worker‹ ist eine Übersetzung des deutschen ›Gastarbeiter‹, und geläufig wurde der Ausdruck in den Vereinigten Staaten erst um 1980, als er gebraucht wurde, um zugewanderte Menschen aus Mexiko neu zu kategorisieren, nämlich als Arbeitskräfte auf Zeit, die keine Einwanderer sein sollten. Diese neue Figur der Migration wurde dabei in zwei Richtungen in Stellung gebracht: für die Programme, über die in den 1980er Jahren gestritten wurde, und zugleich rückwirkend als Projektion auf das Bracero-Programm, das nun ›guest worker program‹ heißen sollte. Für den Sonderforschungsbereich 1604 in Osnabrück arbeite ich an diesem Verhältnis zwischen der Sache und ihren Benennungen, die die soziale Wirklichkeit der Migration stets koproduzieren, und in Corvallis liegen die Akten aus der Zeit, in der um ebendiese Wirklichkeit schon gerungen wurde, nur unter anderen Namen.
Der Bestand
Wichtigster Bestand, die Akten des Extension Service (cr)
Meinen Besuch an der OSU hat Natalia Fernández vorbereitet, die am Special Collections and Archives Research Center die Oregon Multicultural Archives kuratiert. Am 24. Juni schrieb sie mir den Satz, mit dem die Arbeitshypothese für die Woche gesetzt war: In Oregon habe der Extension Service das Programm verwaltet, »however, Bracero Program related materials were not labeled as such, and this collection is quite large (137 cubic feet)«. Das sind, einen Archivkarton je Kubikfuß gerechnet, gut vierzig laufende Meter Regal, in denen der Gegenstand nicht ausgewiesen ist. Wer ihn sucht, muss also lesen, was die Behörde stattdessen geschrieben hat.
Vor der Anreise konnten mir die Archivar:innen schon zwei Bände des Hop Press digital zugänglich machen, eines Newsletters für Hopfenfarmer, den der Extension Service »for the convenience of County Agents« zusammenstellte, also für die Beratungsstellen in den Counties, über die er die Betriebe erreichte.
1951: Mexican nationals
Die Ausgabe vom 3. Juli 1951 warnt unter der Überschrift »FOOLING WITH FIRE« davor, sich auf Arbeitskräfte ohne Vertrag einzulassen, und erinnert an die geregelte Anwerbung der Kriegsjahre:
»Mexican nationals, some years ago, rendered admirable assistance to hop growers in Oregon and elsewhere. It should be remembered, however, that they were recruited under inter-governmental pacts insuring ›prevailing wage,‹ housing, insurance, and other emoluments.«
Für die Menschen, die auf diese Weise ins Land kamen, hat dieser Artikel eine einzige Bezeichnung: Mexican nationals, also ihre Staatsangehörigkeit. Der Artikel stellt dieser Bezeichnung die ungeregelte Anwerbung seiner Gegenwart gegenüber, nachdem die staatlich organisierte Vermittlung nach Oregon 1947 zunächst ausgelaufen war (Garcia 2023):
»Proponents of the peons say they do not argue, agitate, or complain and labor long for as low as 20 cents an hour.«
Peons heißen hier die Landarbeiter:innen aus Mexiko, die ohne Vertrag eingereist sind, und die Stelle lässt sich so lesen, dass die versprochene Fügsamkeit durch ihren unsicheren, oft illegalisierten Rechtsstatus bedingt ist. Ein weiterer Beitrag desselben Jahrgangs zitiert die Corvallis Gazette-Times vom 22. Juni 1951: »300 ›Wetbacks‹ Get Boot From Northwest.« ›Wetback‹ ist in dieser Zeit das gängige, rassistisch konnotierte Schimpfwort für illegalisierte Arbeitskräfte aus Mexiko. Herkunft und Arbeit sind dieselben wie bei den zuvor Angeworbenen; der veränderte Rechtsstatus ermöglicht Ausbeutung und rassistisches Labeling.
Wieder ist der Dokumentenscanner wichtigster Ausrüstungsgegenstand (cr)
Fünf Merkmale liegen damit 1951 beisammen, die drei Jahrzehnte später den ›guest worker‹ ausmachen werden: zwischenstaatliche Anwerbung, garantierter Lohn, gesicherte Unterkunft, Versicherung, dazu die Trennung der Vertragsarbeit von der illegalisierten Arbeit. Ein Wort dafür gibt es im amerikanischen Sprachgebrauch zu diesem Zeitpunkt nicht. Auf die Arbeitsmigration ins eigene Land wird ›guest worker‹ erst seit den späten 1970er Jahren angewendet, und in die amtliche Sprache kommt der Ausdruck 1980, als ein Regierungsbericht ihn als »a literal translation of the German word Gastarbeiter« einführt (Rass 2023: 18 und 39). 1951 ist die Sache präsent, nicht aber schon die Bezeichnung; die Figur hat noch andere Benennungen.
1953: Mexican help
Die Ausgabe vom 20. Mai 1953 allerdings gibt eine Meldung des Hermiston Herald weiter, aus dem Osten des Bundesstaates, denn das Rundschreiben bediente die Hopfenbetriebe in ganz Oregon. Fünfunddreißig Männer sind mit dem Bus in Hermiston angekommen, abgeholt am 1. April in Mexicali, angeworben für die Hopfengärten; die Zeitung nennt sie »swarthy«, dunkelhäutig. Das Verfahren wird wieder in allen Einzelheiten beschrieben: ein Vertrag zwischen der amerikanischen und der mexikanischen Regierung, ein Stundenlohn von etwa neunzig Cent einschließlich aller Leistungen, eine staatlich vorgeschriebene Versicherung, dazu die Begründung, kurzfristig seien keine Arbeitskräfte zu bekommen gewesen. Für die Männer selbst hält die Meldung drei Ausdrücke bereit, Mexican Nationals in der Schlagzeile, dazu Mexican laborers und Mexican help, und ein Verb: Die Farm habe »imported Mexican help«. Benannt werden die Neuankömmlinge über Herkunft, sozialen Stand und, erneut rassifizierend, über die Hautfarbe.
Das Findbuch
Das vorläufige Findbuch der Extension Service Records, das rund 2.500 Mappentitel für die Jahre 1903 bis 2011 verzeichnet, führt die Nomenklatur dieser Verwaltung vor. Die Arbeit benennt sie über Jahrzehnte hinweg: ›Farm Labor‹ für 1943, ›Farm labor emergency: General‹ für die Jahre 1943 bis 1947, ›Annual Report, Extension Farm Labor‹ für 1944, ›Agricultural labor‹ für 1966 bis 1973. In keinem dieser Titel steht, woher die Menschen kamen, die diese Arbeit verrichtet haben, denn Mexican, bracero, Hispanic, Latino und immigrant kommen unter den Mappentiteln des Findbuchs überhaupt nicht vor.
Die Arbeitenden erscheinen als Gruppe in genau sechs Titeln, die alle zwischen 1965 und 1975 liegen: ›Rural Areas Poverty Programs: Migrant Programs‹ von 1965, ›Valley Migrant League‹ für 1965 bis 1968, ›Chicano-Indian Study Center of Oregon‹ für 1971 und 1972, ›Migrant labor (housing)‹ von 1972, dazu ›Migrant programs‹ und ›Minorities‹, beide von 1975. Drei davon nennen ein Programm oder eine Einrichtung beim Namen, die Armutsprogramme für ländliche Räume, die Valley Migrant League und das Chicano-Indian Study Center. Eine eigene Mappe bekommen diese Menschen also dann, wenn ein Bundesprogramm sich an sie richtet und Rechenschaft verlangt. Ohne einen solchen Anlass führt der Dienst sie nicht als eigene Größe. Nach 1975 kommt kein solcher Titel mehr.
Einschlägige Sachakten laufen weiter, bis 1998, unter ›Civil Rights Act of 1964, Counties‹ und unter einem ›Cooperative Extension System National Center for Diversity‹. Im Inneren der Mappen kommen die Menschen weiterhin vor, in Berichten und in Statistiken, als Betreff verschwinden sie. Ein ›Civil Rights and Equal Employment Opportunity Data Form‹ vom August 1974 zeigt, in welcher Gestalt dabei Rechte erscheinen: als Nachweispflicht gegenüber einer vorgesetzten Stelle, als auszufüllende Erhebung und nicht als Anspruch, den jemand erhebt. Das ist zunächst ein Befund über die Ablage einer Behörde und nicht über das Archiv, denn die Titel eines Behördenbestands stammen in der Regel aus dessen eigener Registratur. Wie viel davon in Corvallis später hinzugesetzt wurde, gehört zu den Fragen, die ich mitnehme.
Eine Fotosammlung
Bilder dieser Männer gibt es dennoch, und sie stammen aus dem Extension Service selbst. Wer heute nach Aufnahmen von ›braceros‹ in Oregon sucht, findet eine Online-Sammlung der Universität, seit Oktober 2002 im Netz. Lawrence Landis, der die Digitalisierung vorgeschlagen hat, und Natalia Fernández beschreiben sie zehn Jahre später so: »The Braceros in Oregon Photograph Collection is an artificial collection«, damals mindestens 102 identifizierte Aufnahmen, für die Digitalisierung aus fünf Fotobeständen herausgesucht (Landis/Fernández 2012: 22 f.). Als Bestand hat es diese Sammlung nie gegeben.
Derselbe Aufsatz nennt die Herkunft der Bilder. Um das Programm durchzusetzen und Befürchtungen in der Bevölkerung zu zerstreuen, habe der Extension Service Werbematerial und sogar Radiosendungen produziert, woran Landis und Fernández den Satz knüpfen: »It was in part due to these efforts that we now have a printed and photographic record of Braceros in Oregon« (ebd.: 22).
Damit ist diese Überlieferung zweimal hergestellt worden, in den 1940er Jahren als Werbung für das Programm und sechs Jahrzehnte später als digitale Sammlung. Was von diesen Männern heute am leichtesten zu sehen ist, verdankt sich zum Teil der Kampagne für das Programm, das sie geholt hat.
Natalia Fernández
Am Nachmittag des 12. August habe ich mit Natalia Fernández über diese Sammlung gesprochen. Sie betreut die Oregon Multicultural Archives seit Ende 2010, ein Archiv, das 2005 eingerichtet wurde und nach seiner Selbstbeschreibung die Geschichten der »African American, Asian American, Latino/a, and Native American communities« Oregons dokumentieren soll.
Sie nennt die Fotosammlung eine kuratorische Entscheidung und verweist darauf, dass im Findmittel vermerkt werde, wenn eine Sammlung künstlich zusammengestellt worden ist. Zwischen passivem und aktivem Sammeln unterscheide sie ausdrücklich, denn ein Archiv wie die Oregon Multicultural Archives einzurichten heiße, künftig Überlieferung herzustellen. Sie bezieht die eigene Position ein: Archivar:innen verfügten über erhebliche Macht, und wäre die Stelle anders besetzt, sähen die Bestände anders aus.
Was sie über das Sammeln sagt, reicht bis in die Verzeichnung: Auch die Betreffe, unter denen die Behörde ihre Akten ablegte, hat jemand vergeben, und nach welchen Kriterien, ist nirgends vermerkt. Zuletzt trifft es meine eigene Arbeit. Bestellt habe ich die Kartons mit den Suchwörtern meines Fachs, ›bracero‹, ›Mexican‹, ›immigrant‹; gefunden habe ich das Material erst, als ich stattdessen mit den Wörtern der Behörde gesucht habe, mit ›farm labor‹ und seinen Verwandten. Dass die Begriffe der Migrationsforschung an diesem Bestand ins Leere laufen, ist deshalb kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache, in der wir heute nach diesen Menschen fragen, ist nicht die Sprache, in der die Verwaltung sie geführt hat, und eben dieser Abstand ist auch ein Gegenstand meines Projekts.
Fehlanzeigen
Auf 632 Seiten Hop Press steht weder ›bracero‹ noch ›guest worker‹. Bei ›guest worker‹ ist das erwartbar, bei ›bracero‹ nicht, denn mit diesem Wort, das vom spanischen brazo für Arm kommt, wurden die angeworbenen Arbeiter schon während des Programms bezeichnet (Garcia 2023), und bis heute ist es der Schlüsselbegriff der Erinnerung an sie; die digitale Sammlung der Universität trägt es im Namen. Die Erinnerung führt also ein Wort, das die Registratur nicht kennt. Wer von der Sammlung zu den Akten wechselt, muss das Vokabular wechseln, und diese Lücke gehört zum Befund über eine Behörde, die das Wort für die Menschen nicht führte, deren Arbeit sie organisierte. Die Auszählung folgt demselben Verfahren, mit dem wir im Sonderforschungsbereich die zwischen 1960 und 2010 erschienene deutschsprachige Fachliteratur zu Migration, Diversität und Bildung erschließen: Texterkennung, eine Matrix der einschlägigen Begriffe, Konkordanzen.
Dem Colegio hat die OSU vor einigen Jahren eine eigene Ausstellung gewidmet (cr)
Zwei weitere Bestellungen haben wenig erbracht. RG 128, die Akten des Departments für Agrar- und Ressourcenökonomie, hatte ich wegen der Berichte zum ländlichen Strukturwandel ausgehoben, und zur Fragestellung enthalten sie bislang nichts. Die Sammlung des Colegio César Chávez, der ersten akkreditierten vierjährigen Hochschule unter Leitung von Chicanos in den Vereinigten Staaten, die von 1973 bis 1983 in Mount Angel bestand (Knutson/Hyatt-Evenson 2024), lieferte ein einziges einschlägiges Stück, einen Zeitungsartikel über eine Champignonfabrik, in dem viermal ›illegal alien‹ steht. Auch dort, wo die Presse spricht, sortiert also der Rechtsstatus.
Die Gegenprobe
Die Gegenprobe lag in der Woche davor auf dem Tisch, denn in den Akten der Landarbeiter:innen-Gewerkschaft PCUN in Eugene geht es um dieselbe Arbeit in der gleichen Region, nur stehen dort die Wörter, die im Rundschreiben der Hopfenberatung fehlen. Ein Analysepapier der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan überträgt 1981 den Ausdruck ›guest worker‹ rückwirkend auf das Bracero-Programm, und sechzehn Jahre später stehen auf Pappschildern in Medford »NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST« und »GUEST Worker IS Legalized Slavery«. Rassismus und Ausbeutung werden in diesen Quellen klar benannt, und das ist kein Zufall der Überlieferung: Die Begriffe stehen dort, wo gestritten wird, denn der Streit um Benennungen setzt voraus, dass die Bezeichneten und ihre Verbündeten widersprechen können, und genau dafür ist eine Gewerkschaft da. Das Verfahren des Beratungsdienstes hält für einen Interessengegensatz dagegen keine Form bereit; wo Rechte bei ihm erscheinen, erscheinen sie als Formular, wie in jenem Data Form von 1974.
Dass die eine Seite Konfliktakten hinterlässt und die andere Jahresberichte, ist deshalb keine Störgröße. Die Aufzeichnungspraxis der Institution ist ausschlaggebend: Eine Gewerkschaft, die Ansprüche durchsetzen will, sammelt Verstöße, ein Dienst, der Betriebe berät, dokumentiert Fortschritte. Vergleichen lässt sich die Konstruktion des Gegenstands gerade deshalb, etwa am Beispiel der Unterkünfte für Landarbeiter:innen, über die der eine Bestand ebenso häufig schreibt wie der andere. In den Gewerkschaftsakten ist dieselbe elende Baracke ein Zustand, der eine Norm verletzt und deshalb einklagbar ist, beim Beratungsdienst eine Praxis, die sich verbessern lässt und deshalb beratungsfähig ist. Entsprechend stehen nach einem ersten Durchgang in den Akten in Eugene Mangel und Beschwerde um ein Mehrfaches häufiger neben der Baracke, während in den Dokumenten in Corvallis Hilfe und Schulung überwiegen.
Die Valley Library der OSU beherbergt auch das Archiv (cr)
Auch die Grammatik der Bestände unterscheidet sich. In Eugene stehen farmworkers, wirkliche Personen, häufiger als der abstraktere Begriff farm labor, in Corvallis liegt das Verhältnis andersherum. Auch dieser Unterschied passt zu den Institutionen: Wer die ländliche Welt als Feld erziehbarer Praxis führt, rechnet in Betrieben, und Arbeit ist darin ein Faktor, der knapp werden, aber nicht streiken kann; wer sie als Feld durchsetzbarer Ansprüche führt, rechnet in Personen, weil Ansprüche einzeln zustehen und Individuen Missbrauch und Diskriminierung erfahren. Welche Wirkung solche Kategorien entfalten, sobald sie in Umlauf sind, gehört zu den Fragen, an denen wir im SFB 1604 auch theoretisch arbeiten (Rass/Holst, in Vorbereitung).
Mein erster Eindruck
Corvallis zeigt eine Verwaltung, die das Verfahren benennt und die Menschen nicht, denn die Arbeit hat über drei Jahrzehnte hinweg einen Betreff. Damit aber werden die zugewanderten Menschen und ihre Lebensverhältnisse geradezu unsichtbar, und Missstände, wie die Gewerkschaftsüberlieferung sie später dokumentiert, bleiben in diesen Akten weitgehend außer Sicht.
Auf der deutschen Seite verläuft die Geschichte auf verblüffende Weise parallel, nur mit einem schon vorhandenen Wort. ›Gastarbeiter‹ ist seit Max Weber belegt (Weber 1921: 12 und 126 f.), die NS-Propaganda macht es ab 1941 groß (dazu der Long Essay vom 24. März 2025), und nach 1945 verliert es für gut anderthalb Jahrzehnte seine Konjunktur, ohne ganz zu verschwinden. Dann regelt das Abkommen, das die Bundesregierung im Dezember 1955 mit Italien schließt, die Anwerbung und Vermittlung italienischer ›Arbeitskräfte‹, ohne ein Kompositum mit ›Gast‹ zu verwenden. Aber wenige Jahre darauf überschreitet die Figur wieder die Wirksamkeitsschwelle und wird populär, als im Juni 1961 Ludwig Kroeber-Keneth in der Frankfurter Allgemeinen und Werner Höfer in der Neuen Illustrierten den ›Gastarbeiter‹ wieder aufrufen und in Umlauf bringen, und den Zugewanderten damit einen temporären, segregierten und prinzipiell ausgeschlossenen Ort in der sozialen Wirklichkeit zuweisen (Rass 2023: 18–20 und die Fundstücke vom 1. März 2025).
Beide Verwaltungen leisten damit dasselbe: In Oregon fehlt das Wort 1951 noch, in Bonn wird es 1955 nicht gebraucht, und in beiden Fällen ist die Produktion der Figur schon angelegt, bevor sie ihre Benennung erfährt. Die Figur entsteht jeweils außerhalb der Verwaltung, in der Bundesrepublik in der Publizistik, in den Vereinigten Staaten im politischen Streit, in dem auch die Bezeichneten sprechen, und sobald sie in der Welt ist, gehört sie zur Sache selbst, denn Regeln, Kritisieren und Erinnern laufen fortan in ihren Begriffen. Genau in diesem Sinn sprechen wir im Sonderforschungsbereich von der ›Produktion von Migration‹: Kategorien bilden Migration nicht einfach ab, sie stellen sie mit her.
Salem und Portland
In der kommenden Woche folgt nun Archivarbeit in Salem und Portland, im Staatsarchiv von Oregon und in der Oregon Historical Society, und damit der Übergang von der ausführenden Behörde zu denen, die über ihre Aufträge entschieden haben, von der Frage also, wie eine Kategorie entsteht, zu der Frage, was sie bewirkt.
Literatur
Gamboa, Erasmo: Mexican Labor and World War II. Braceros in the Pacific Northwest, 1942–1947, Austin 1990 (Neuausgabe Seattle 2000; die Standarddarstellung zum Programm im Nordwesten).
Garcia, Jerry: Bracero Program, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 8. November 2023 (dort die Zahl der nach Oregon angeworbenen Männer und das Ende der Anwerbung im Bundesstaat 1947).
Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024.
Landis, Lawrence A. / Fernández, Natalia: Documenting Oregon’s Latino Heritage. The Braceros in Oregon Photograph Collection, in: OLA Quarterly 18 (2012), H. 3, S. 21–27.
Rass, Christoph / Holst, Hajo: When Categories Come Alive. Theorizing Generative Dynamics in ›Figures of Migration‹, Manuskript, in Vorbereitung.
Rass, Christoph: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics, IMIS Working Paper 17, Osnabrück 2023.
Rass, Christoph: Fundstücke | ›Gastarbeiter‹ – ›Gastarbeitnehmer‹. Ein Moment der Kopräsenz, in: NGHM@UOS, 1. März 2025, DOI 10.58079/13emy.
Rass, Christoph: Long Essay | ›Gastarbeiter‹ in der NS-Presse. Formative Jahre eines migrationspolitischen Schlüsselbegriffs, in: NGHM@UOS, 24. März 2025, DOI 10.58079/13k66.
Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
Weber, Max: Hinduismus und Buddhismus (= Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 2), Tübingen 1921.
Even supposedly well-researched objects of history can generate new knowledge if considered from a new perspective. But how far can a researcher go in this regard while still valueing the established historiography? The following essay is an experiment of thought that explores two questions: First, how far can I go in my analysis of the 1943 Bermuda Conference from the perspective of historical migration studies, and how far can I deviate from established research in the field of Holocaust studies without telling a counter-history of the events? And second, what implications does this new perspective have for our understanding of the Bermuda Conference?
In April 1943, three delegates each from the United Kingdom and the United States of America met in Bermuda to discuss what they framed as the “refugee problem,” a problem at the heart of which were the persecuted Jews of Europe. However, in the midst of war, neither government was willing to change its existing restrictive refugee policies or divert resources from the war effort to the rescue of strangers, least of all Jews. Therefore, the Bermuda Conference concluded without any groundbreaking decisions being made; another failure after the 1938 Évian Conference, now in the face of systematic murder by the millions. At least, that is the narrative presented by the existing historiography covering the events of April 1943, a narrative that has been very much shaped by the perspective of Holocaust research.
Left to right: George Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US) and Osbert Peake (UK). Photo: USHMM.
The first written accounts of the subject appeared as early as the final phase of the Second World War and the immediate postwar period, within the sphere of Jewish organizations that had worked to save the Jews of Europe and therefore took a keen interest in the Bermuda Conference.1 In the late 1960s, historians first gained access to the previously unpublished documents from the conference and began a more in-depth examination of the conference, which continued from the 1970s into the 1980s.2 Since then, the Bermuda Conference has repeatedly been cited as an example of the Allies’ failure to rescue the Jews. Although the Bermuda Conference bears the title “on the refugee problem,” migration scholars have so far neglected the topic. If at all mentioned, the only references to the conference are to the findings of the aforementioned research in Holocaust Studies, but there are no thorough examinations from the perspective of Historical Migration Research.3 How can an approach situated in this field produce new insights into a topic that historians have already engaged with for decades?
Cover of Arieh Tartakower and Kurt Grossmann’s “The Jewish Refugee”, one of the earliest writings that mention the 1943 Bermuda Conference. Photo: Biblio.
First of all, considering the Bermuda Conference through the lens of Migration History allows us to shift the analytical focus from the ever-pending question in existing literature of “why were the Jews not rescued?” to “how did states manage, restrict, classify, and govern mobility a) under wartime conditions and b) in view of humanitarian catastrophe?” By doing so, we widen our perspective in two ways. On the one hand, we are able to see beyond the image of the “failed conference” to consider the individual and collective agency of a broadened variety of actors – governmental as well as non-governmental – involved. On the other hand, by considering the Bermuda Conference as part of the development of a refugee and migration regime over the span of the 20th century, not just the Holocaust and the events of the Second World War, longer path dependencies become visible, some of which continue to shape our present. Consequently, the Bermuda Conference shifts from a one-dimensional event of humanitarian failure to a nexus of multiple historical streams spanning the 20th and into the 21st century.
To take these approaches seriously means to read the Bermuda Conference against the grain. While still paying attention to the existing research, this demands an emancipation from established knowledge on the topic in question. To consider the Bermuda Conference as part of a Migration Regime4 in perpetual development, rather than a short-handed response to catastrophe, sheds a different light on one of its main aspects: its purpose. From their experiences gained throughout the First World War and its aftermath, the US and UK were well aware that the “refugee problem” would only increase once the fighting was over. While in 1918 the necessary structures to address the mounting crisis were only in their infancy and – due to member states’ adherence to state sovereignty and rising interwar nationalism, which led to a lack of robust enforcement powers – never developed into a fully functioning system.5 Reinterpreting the 1943 Bermuda Conference as an attempt to preempt chaos already looming on the horizon – in the spring of 1943, the question was not if the Allies would win the war but when – shifts its focus from the problem of the conference’s present to laying the foundation for future action.
“a great place in the post-war picture”? United States Delegation: Bermuda Conference Minutes Morning Conference, April 23, 1943. Source: National Archives and Records Administration (NARA), RG 59, Lot File no. 52 D 408, Box 3.
This reinterpretation allows us to recontextualize the conference’s outcome not as “meager results” and “failure” but as the starting point for long-term developments and institutional as well as conceptual path dependencies that only became visible years after the conference ended. The re-establishment and revision of the Intergovernmental Committee on Refugees in the context of the Bermuda Conference, its care and maintenance for refugees together with the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) from this perspective appear as strategic rather than accidental and of long-term consequence with the transfer of responsibility first to the International Refugee Organization (IRO) in 1947 and ultimately to the office of the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) in 1951.6
i.e., World Jewish Congress officials Arieh Tartakower and Kurt Grossmann: A. Tartakower and K. Grossmann, The Jewish Refugee (New York, NY 1944); K. Grossmann, ‘The Final Solution,’ The Antioch Review 15, 1 (1955), 55–72. ↩︎
A.D. Morse, While Six Million Died (New York, NY 1968), 37–64; H.L. Feingold, Politics of Rescue: The Roosevelt Administration and the Holocaust 1938–1945 (New York, NY 1970), 167–207; S.S. Friedman, No Haven for the Oppressed: United States Policy Toward Jewish Refugees, 1938–1945 (Chicago, IL 2017), 155–80; Y. Bauer, The Holocaust in Historical Perspective (Seattle, WA 1978), 26–28, 84, 131–132, 151; M.N. Penkower: The Jews were expendable. Free World Diplomacy and the Holocaust (Urbana, IL 1983), 98–21; M.N. Penkower, ‘The Bermuda Conference and Its Aftermath: An Allied Quest for ‘Refuge’ during the Holocaust’, in M. Marrus (ed) The Nazi Holocaust. Part 8. Bystanders to the Holocaust, Vol. 1 (Berlin 1989), 413–32; H. Druks, The Failure to Rescue (New York, NY 1977), 39–47; D.S. Wyman, The Abandonment of the Jews: America and the Holocaust, 1941–1945 (New York, NY 2007), 104–23; D.S. Wyman, America and the Holocaust. A Thirteen Volume Set Documenting the Editor’s Book The Abandonment of the Jews. Volume 3: The Mock Rescue Conference: Bermuda (New York, NY 1990). ↩︎
A sample in alphabetical order: I. Abella and H. Troper, None Is Too Many: Canada and the Jews of Europe, 1933–1948 (Toronto 1991); Y. Bauer, Jüdische Reaktionen auf den Holocaust (Berlin 2012); R. Breitman and A.M. Kraut, American Refugee Policy and European Jewry, 1933–1943 (Bloomington, IN 1987), 139; D. Dwork and R.J. van Pelt, Flight from the Reich: Refugee Jews, 1933–1946 (New York, NY 2009); R. Erbelding, Rescue Board: The Untold Story of America’s Efforts to Save the Jews of Europe (New York, NY 2018); T. Kushner, Refugees in an Age of Genocide: Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century (London 1999); T. Kushner, ‘The Western Allies and the Holocaust’, Holocaust and Genocide Studies, 5, 4 (1990), 381–402; P.A. Levine, ‘Attitudes and Action: Comparing the Responses of Mid-Level Bureaucrats to the Holocaust’, in D. Cesarini and P.A. Levine (eds) Bystanders to the Holocaust. A Re-Evaluation (Hoboken, NJ 2014), 212–36; L. London, Whitehall and the Jews, 1933–1948: British Immigration Policy, Jewish Refugees and the Holocaust (Cambridge 2003); M. Marrus, Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert (Berlin 1999); M. Marrus, The Holocaust in History (Hanover, NH 1987); R. Medoff, The Jews Should Keep Quiet (Lincoln, NE 2019); S. Musch, ‘Zwischen Bermuda und Palästina: Arieh Tartakowers und Kurt R. Grossmanns Suche nach Rettung für jüdische Flüchtlinge 1944’, Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History, 15 (2018), 576–582; J. Newman, Nearly the New World: The British West Indies and the Flight from Nazism, 1933–1945 (New York, NY 2019); A. Patt, ‘No Place for the Displaced: The Jewish Refugee Crisis before, during and after the Second World War’, in S.T. Katz and J. Wetzel (eds) Refugee Policies from 1933 until Today. Challenges and Responsibilities (Berlin 2018), 97–121; G. Schubert, Der Fleck auf Uncle Sams Weißer Weste: Amerika und die jüdischen Flüchtlinge 1938–1945 (Frankfurt am Main 2003); M. Sompolinsky, Britain and the Holocaust: The Failure of Anglo-Jewish Leadership? (Brighton 1999); B. Taylor, Refugees in Twentieth-Century Britain: A History (Cambridge 2021); G. Wallance, ‘The World Jewish Congress during World War II’, in M. Rosensaft (ed) The World Jewish Congress, 1936–2016 (New York, NY 2017); B. Wasserstein, Britain and the Jews of Europe, 1939–1945 (London 1999). Recently, the present author, together with Sebastian Musch, tried to break up this narrative; see S. Musch and A. Heyen, ‘The Bermuda Conference in April 1943: Allied Politics, Jewish Organizations, and the Emergence of the International Migration Regime’, Holocaust Studies, 30, 2 (2024) 290–307. ↩︎
C. Rass und F. Wolff, ‘What is in a Migration Regime? Genealogical Approach and Methodological Proposal,’ A. Pott et al. (eds.), Was ist ein Migrationsregime?/What is a Migration Regime? (Wiesbaden 2018), 19–64. ↩︎
M. Mazower, Governing the World. The History of an Idea (London 2012), 199. ↩︎
Musch and Heyen, ‘The Bermuda Conference’, 2024. ↩︎
Lässt sich das nationalsozialistische Konzentrationslager als eigenständige soziale Ordnung beschreiben – und was ändert sich, wenn man es nicht als Bruch mit der Moderne liest, sondern als eines ihrer Ergebnisse? Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors, der zwölfte Titel der NGHM-Leseliste, stellt genau diese Frage an eine Gewaltgeschichte, die sich lange gegen soziologische Zugriffe gesperrt hatte.
Sofskys Buch erscheint 1993 bei S. Fischer und wird im selben Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Es ist die Arbeit eines Soziologen, der sich einem Gegenstand nähert, den die Geschichtswissenschaft längst als ihren beansprucht hatte – und der genau dadurch eine Debatte auslöst, die weit über die eigene Disziplin hinausreicht. Die Jury würdigt das Buch in ausdrücklicher Anknüpfung an Eugen Kogons SS-Staat von 1946: Seither, so die Begründung, habe die Forschung zum NS-Lagersystem nicht aufgehört, doch Versuche zu einer umfassenden Erklärung seines Funktionierens seien selten geblieben. Sofskys Studie schließt genau diese Lücke – und provoziert zugleich einen scharfen, aber produktiven akademischen Streit.
Der argumentative Zugriff des Buches ist strukturanalytisch, nicht chronologisch. Sofsky rekonstruiert das Lager nicht als Institutionengeschichte, sondern als soziales Machtsystem, dessen Ordnungsprinzip er ›absolute Macht‹ nennt. Dabei stützt er sich vor allem auf Häftlingsberichte – eine Quellenwahl, die selbst schon eine Setzung ist. Nicht die Perspektive der Täter organisiert das Buch, sondern das, was sich aus den Aufzeichnungen der Überlebenden über die Funktionsweise des Systems rekonstruieren lässt. Aus diesen Berichten arbeitet Sofsky die Dimensionen heraus, entlang derer sich absolute Macht organisiert: Raum und Zeit, soziale Strukturen – sowohl die des SS-Personals als auch die der Häftlingshierarchien -, Arbeit, schließlich Gewalt und Tod.
Was er beschreibt, ist die systematische Zerstörung einer sozialen Welt. Zugleich zeigt er, dass diese Destruktion nicht chaotisch verläuft, sondern rational organisiert ist: als Verstümmelung der persönlichen Identität, als Veränderung des Raum- und Zeitsinns, als allmähliche Auflösung des Grundvertrauens in den Fortbestand einer sozialen Welt. Erniedrigung und psychische Nötigung sind keine Nebenprodukte, sondern Instrumente. Die Destruktionsmacht der NS-Politik wirkt bis in die verästelte Häftlingsgesellschaft hinein und macht die Opfer selbst zu Trägern eines Systems, das ihre Vernichtung betreibt.
Hier liegt die schmerzliche Pointe des Buches.
Für Sofsky fällt das Konzentrationslager keineswegs aus dem Rahmen moderner Zivilisation heraus, es ist vielmehr ein Bestandteil der Moderne, ein Ergebnis des Vernichtungswillens absoluter Macht und technischer Großorganisation. Diese These ist es, die den Streit auslöst. Sie verschiebt das Lager aus dem Bereich der Anomalie, des Zivilisationsbruchs, des Ausnahmezustands in den Bereich dessen, was moderne Organisationsrationalität hervorbringen kann. Wolfgang Benz nennt das Buch im Spiegel eine Bereicherung der Kenntnis vom Wesen menschlicher Natur, der Organisation von Herrschaft, der Ausübung von Gewalt; Jan Philipp Reemtsma spricht in der Zeit von einem ›unverzichtbaren Standardwerk‹.
Zu finden in der UB UOS. Signatur: 4565-865 3.
Zugleich stößt das Buch früh auf scharfe Kritik. Der Sozialpsychologe Harald Welzer gehört zu den ersten, die Sofskys Zugriff angreifen. Seine Kritik trägt die Debatte über Jahre und wird in einer späteren Relektüre von Maja Suderland in Medaon wieder aufgenommen. Der Streit dreht sich, kurz gesagt, um die Frage, was ein strukturanalytischer Zugriff auf das Lager leisten kann und wo er an seine Grenzen stößt: Reicht die soziologische Perspektive, um das Handeln der Häftlinge und der Täter zu erfassen, oder überschreibt sie es? Es ist eine Frage, die bis heute in der Forschung nachwirkt.
Ein Bezug zwischen Sofsky und unserer Arbeit im Bereich der Konfliktlandschaftsforschung in Osnabrück lässt sich produktiv diskutieren: Wo Sofsky das Lager als soziale Ordnung rekonstruiert, arbeiten archäologische und historische Zugänge an denselben Orten mit ihren materiellen Spuren. Beide Zugänge treffen sich an dem Punkt, an dem Gewalt als organisierter Vollzug lesbar wird – und nicht als Ausnahme dessen, was moderne Institutionen können. Wer Sofsky liest, wird später in dieser Reihe an Snyders Bloodlands denken, das dieselbe Frage nach der Ordnung nationalsozialistischer Gewalt anders, geographisch und komparativ, stellt.
Sofskys Buch zwingt seine Leser:innen dazu, die begriffliche Selbstverständlichkeit aufzugeben, mit der ›das Lager‹ oft als Anderes der Moderne behandelt wird. Was bleibt, ist eine Analyse, die den Preis dieser Verschiebung nicht verschweigt: dass sich absolute Macht als Struktur beschreiben lässt, ohne dass sie dadurch weniger unbegreiflich wird.
Osnabrücker Studierende finden Sofskys Die Ordnung des Terrors im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4565-865 3 (OPAC).
Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main: S. Fischer 1993.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Seit dem 3. August bin ich für drei Wochen in Oregon, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck. Die Reise gehört zum Teilprojekt A3 des SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und führt über Eugene und Corvallis nach Salem und Portland. Sie ist Teil meiner Arbeit über die Figur des ›guest worker‹ und ihre Herkunft aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹. Wie diese Figur im amerikanischen Einwanderungsdiskurs hergestellt wurde, steht in ›Inventing the Guestworker‹, dem Buch, das Julie Weise und ich derzeit in den Druck begleiten. Hier suche ich, was aus dieser Figur im Willamette Valley geworden ist.
Vorgeschichten
Die Wurzeln meiner Forschungsfrage reichen weit zurück. Ein Teil der Forschung datiert ›Gastarbeiter‹ auf die NS-Zeit, ein anderer auf die Anwerbeabkommen der Bundesrepublik. Beides ist zu spät. Geprägt hat den Begriff Max Weber, in der ›Wirtschaftsethik der Weltreligionen‹, geschrieben im Ersten Weltkrieg und 1916 erschienen. Weber spricht dort von ›Gasthandwerkern‹, von ›Gastvölkern‹ und schließlich von ›Gastarbeitern‹, und er bezeichnete damit Gruppen in Randstellungen im alten Indien und in Palästina. Zwanzig Jahre zuvor, in seiner Untersuchung über die Landarbeit im östlichen Deutschland, hatte er von ›Wanderarbeitern‹ gesprochen. Warum er die Figur wechselte, ist offen (Rass 2023: 11).
Warum ›Gast‹ und nicht ›Fremd‹? Im juristischen Deutsch des 19. Jahrhunderts standen beide Wörter oft nebeneinander. In den Schriften zum Fremdenrecht trug ›Gast‹ jedoch zweierlei zugleich: die Befristung des Aufenthalts und die Pflicht der ›Gastgeber‹, die Ankommenden schonend zu behandeln. Diese Doppelung hat der Begriff nie verloren, und sie erklärt einen Teil seiner Anziehungskraft (Jordans 1838: 291; Rass 2023: 12).
Benannt wird damit von Anfang an keine Herkunft, sondern eine Stellung: von außen gekommen, auf Zeit geduldet, für gering geachtete Arbeit vorgesehen, ohne Aussicht auf Zugehörigkeit (Rass 2023: 12). Deshalb lässt sich das Wort verschieben. Die NS-Propaganda zum ›Ausländereinsatz‹ macht es zum Standardvokabular, die Bundesrepublik nimmt es zwei Jahrzehnte später auf, seit den 1960er Jahren wandert es als Lehnwort in rund dreißig Sprachen. Ein Ausdruck, der eine exkludierende soziale Ordnung produziert, lässt sich überallhin mitnehmen. Auch die 50.000 Menschen aus Mexiko, die nach dem Reagan-Plan von 1981 jährlich in die USA kommen sollten, waren für eine solche Kategorisierung vorgesehen: der gerade aus Deutschland importierte Begriff ›Gastarbeiter‹ sollte als eine neue Bezeichnung dienen, um zu signalisieren, dass es für diese Immigranten keine Bleibe- oder Zugehörigkeitsperspektive geben sollte.
Diese transnationale Genealogie und ihre historische Semantik zu rekonstruieren, ist seit Jahren ein wichtiger Teil meiner Forschung; wie aus ›Gastarbeiter‹ im amerikanischen Einwanderungsdiskurs ›guest worker‹ wurde, steht in meinem Working Paper von 2023.
Daneben läuft eine zweite Linie, die nicht das Wort betrifft, sondern ein Instrument. In ›Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt‹ (2010) ging es nicht um eine Figur der Migration, sondern um einen Vertragstyp, der solche Figuren sie den ›Gastarbeiter‹ brauchte und koproduzierte – ohne das je selbst in den Vertragstexten klar zu benennen: die bilateralen Wanderungsverträge, mit denen europäische Staaten zwischen 1919 und 1974 die internationale Mobilisierung von Arbeitskraft regelten. Die Frage war, wie eine solche Institution mit eigener Logik entsteht, und wie wie über lange Zeiträume hinweg wirkt. Gemeinsam mit Julie Weise habe ich diese Linie über den Atlantik verlängert. ›Migrating Concepts‹ führt die transatlantischen Ursprünge des Bracero-Programms bis in die zwischenstaatliche Vertragspraxis der Zwischenkriegszeit zurück (Weise/Rass 2024). Es wandert also nicht nur der Name, sondern auch das Instrument. Beide bewegen sich aber nicht im selben Takt und erfahren eine eigene Translation.
Diese Linien lassen sich zunächst aus Akten von Regierungen, Ministerien und Kommissionen rekonstruieren. Solche Akten zeigen, wie eine Figur von oben hergestellt wird. Was mit der Figur geschieht, sobald sie in einer Agrarregion ankommt und dort in Gewerkschaftsbüros, Beratungsstellen und Redaktionen aufgegriffen wird, steht in diesen Akten nicht. Nach diesen Prozessen suche ich auf dieser Archivreise.
Die PCUN Records in Eugene
Die Special Collections and University Archives der University of Oregon verwahren die Überlieferung von PCUN, Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Gewerkschaft der Landarbeiter:innen aus Woodburn. ‘Coll 335’ umfasst 79,5 laufende Fuß in 58 Containern, Laufzeit 1952 bis 2012.
Diese 79,5 Fuß Aktenmaterial sind ein Ergebnis und kein Ausgangspunkt. 1999 ordnen PCUN-Beschäftigte, Studierende der University of Oregon und die Anthropologin Lynn Stephen das Archiv der Gewerkschaft in Woodburn. Anlass war damals ein Buchprojekt, für das auch vierzehn Interviews entstehen. Elf Jahre später, im Dezember 2010, fährt eine Delegation der SCUA nach Woodburn und nimmt auf, was dort an Dokumenten liegt: rund 240 laufende Fuß, Aktenordner, Audiokassetten, Videobänder, Fotografien und Negative, Plakate, Ephemera. Am 6. Juni 2011 unterzeichneten der Präsident der Universität, Richard Lariviere, und der Präsident von PCUN, Ramón Ramírez, in der Knight Library einen Deed of Gift.
Das Archiv der PCUN in den Special Collections des Universitätsarchivs (cr)
Wie werden aus 240 Fuß Material rund 80 Fuß Archivalien? Die Erwerbungsgeschichte, die zwei der Beteiligten 2014 publiziert haben, macht den Prozess transparent. Die Gewerkschaft hatte Gründe, Unterlagen zurückzuhalten: Notizen aus Tarifverhandlungen, Strategiesitzungen, alles, was den Aufenthaltsstatus von Mitgliedern berührt. Bis der Bestand benutzbar wurde, dauert es noch einmal drei Jahre. Anfang 2013 existiert dann ein unveröffentlichtes Inventar. Im September 2013 begann Sonia de la Cruz ein neunmonatiges Fellowship und erstellte ein zweisprachiges Findmittel. Am 7. Mai 2014 öffnet der Bestand mit einem Open House, im selben Lesesaal, in dem ich diese Woche sitze.
Was ich heute lese, ist kein ungefiltertes Abbild der Gewerkschaftsgeschichte. Es ist das Ergebnis einer Kette von Entscheidungen: was 1999 geordnet wurde, was 2010 aufgenommen, was 2011 übergeben, was zurückbehalten, was 2014 erschlossen wurde. Für ein Projekt über die Produktion von Kategorien ist das selbst schon Teil des Befundes.
Das Material
Dreizehn Kartons konnte ich in den ersten Tagen durcharbeiten. Der eine Teil sind Sachakten: Immigration und Farm Labor in Box 1 und 2, H-2A-Unterlagen von 1980 bis 1998, eine Mappe zum Bracero-Programm, die Kampagnenakten gegen den Smith-Wyden-Entwurf von 1998. In Box 54 liegen die Akten zur Gegnerschaft gegen H-2A von 1980 bis 2002, in Box 55 die Mappe gegen den Smith-Graham-Entwurf von 1999, in Box 8 ein Zeitungsartikel von 2004 über ein ›nuevo programa bracero‹.
Der Dokumentscanner macht die Arbeit im Archiv erst effizient (cr)
Der andere Teil ist ergiebiger. Box 3 der PCUN Sammlung enthält die Korrespondenz von 1977 bis 2002, Box 10 Plakate und Flugblätter, Box 13 die Bewegungspresse. Die Kartons 16, 18 und 41 sind Fotoserien von Demonstrationen zwischen 1977 und 1998. Dazu ein Karton aus den John Little Papers mit Unterlagen des Colegio César Chávez und Akten der Valley Migrant League. Kampagnensprache steht selten in Sachakten. Sie steht in Newslettern, auf Flugblättern und auf Schildern.
Ein Fundstück aus 1981: Die Gleichsetzung im Typoskript
In Box 54 liegt eine Mappe mit Unterlagen der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan, Laufzeit 1981 bis 1982. Darin ein zweiseitiges Typoskript ohne Tagesdatum, „Summary and Analysis of the Reagan Plan”, mit einem Postfach in Portland und einer Telefonnummer in Woodburn. Das Papier geht Punkt für Punkt das Einwanderungsprogramm durch, das die Regierung Reagan am 30. Juli 1981 vorgestellt hatte. Begründet hatte sie es mit dem Satz „we have lost control of our borders”. Hinter jedem Punkt des Papiers steht ein Absatz „Analysis”.
Punkt eins lautet:
„Creation of an ″experimental guest worker program″ to bring 50,000 Mexicans to the U.S. each year. Workers could not bring their families and would be ineligible for social services.”
Die Analyse dazu:
„Reagan seeks to revive the ″Bracero″ program which had been terminated in 1964. During its twenty-two year existence, the Bracero Program created slave-like conditions for ″guest workers″, depressed farmworker wages and was used to break strikes.”
Auffällig ist der Umgang mit dem Wort. „Experimental guest worker program” wird in Anführungszeichen aus der Regierungssprache übernommen, nicht übersetzt und nicht erläutert. Im Analyseabsatz kommt der Ausdruck wieder, immer noch in Anführungszeichen, jetzt als Bezeichnung für die Braceros der Jahre 1942 bis 1964. Die Gleichsetzung wird nicht behauptet. Sie wird über die Zeichensetzung vollzogen: ein fremdes Wort, gesetzt von der Gegenseite, das die Koalition mitführt, um es zu entkräften.
Was das Papier zurückweist, ist aus demselben Jahr in einem Anhörungsprotokoll nachzulesen. In den gemeinsamen Anhörungen der Einwanderungsunterausschüsse von Senat und Repräsentantenhaus im Mai 1981 hält Senator Alan K. Simpson aus Wyoming der Vertretung der AFL-CIO entgegen, er komme
„from an area of the Nation where the bracero program was used and the very term is offensive to the Hispanic people, the term ›bracero‹. That is why we use terms like guest workers” (Committee on the Judiciary 1981a: 91; Rass 2023: 43).
Simpson bringt im Jahr darauf gemeinsam mit dem Abgeordneten Romano Mazzoli den Gesetzentwurf ein, gegen den die PCUN bis 1986 kämpfen wird. Hier begründet er die Wortwahl als Rücksichtnahme: ›guest worker‹ ist der Ausdruck, der niemanden kränkt. Genau diese scheinbare Rücksichtnahme, die tatsächlich einer rassifizierenden und exkuldierenden Figur nur einen neuen Figurenbegriff mit gleicher Funktionalität verschaffen soll, verweigert das Papier aus Box 54. Es nimmt das neue Wort und legt es auf das alte Programm zurück.
Ein Fundstück aus 1997: Die Gleichsetzung auf dem Plakat
Sechzehn Jahre später steht dieselbe Gleichung auf Pappschildern. Box 41, Folder 37 enthält Aufnahmen einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford. Das Datum, der 20. September 1997, steht im Findmittel und als Aufdruck der Kamera auf den Bildern. Anlass war H.R. 2377, der Temporary Agricultural Worker Act of 1997, eingebracht von Bob Smith.
Auf den Schildern steht, englisch und spanisch nebeneinander:
„GUEST Worker IS Legalized Slavery” „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST” „ABAJO CON HR 2377″ „SOMOS MEXICANOS EXIGIMOS RESPET[O]”
Zwei Nationalflaggen sind nebeneinander aufgespannt, die mexikanische und die US-amerikanische, eine Person hält ein Bild der Virgen de Guadalupe hoch, in der ersten Reihe stehen Kinder und ältere Frauen. Medford liegt im Rogue Valley, weit im Süden des Bundesstaates. Auch das gehört zum Befund, denn die Auseinandersetzung ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf die Anbauregion um Woodburn beschränkt. 1981 stand die Gleichsetzung in einem Typoskript. 1997 machen die Betroffenen den Kategorisierungsversuch der Politik auf ihren Picketing-Signs öffentlich!
Das Korpus
Die Aufnahmen aus dem Lesesaal werden Teil eines größeren Korpus: Texterkennung, Begriffsmatrix, Auszählung nach Bild, danach Konkordanzen und, soweit das Material trägt, Kollokationen. Das Verfahren stammt aus Teilprojekt A3, wo knapp sechstausend deutschsprachige Fachtexte zu Migration, Diversität und Bildung aus den Jahren 1960 bis 2010 auf drei Ebenen gelesen werden, nach Struktur, nach Inhalt und nach Bedeutung (Celikten u. a. 2026, forthcoming). Der Grundsatz gilt für die Kartons in Eugene wie für die Bibliographien in Osnabrück: Kategorien in prozessgenerierten Daten spiegeln die Verhältnisse nicht, sie bringen sie hervor. Gezählt wird deshalb, welche Kategorie in welcher Dichte und mit welchen Bedeutungszuschreibungen im Umlauf war. Dass ich die Kartons nach genau diesen Kategorien bestellt habe, gehört zu diesem Befund und arbeitet nicht gegen ihn – dies zu reflektieren gehört zu unserer Arbeit im SFB 1604.
Ein Befund zeichnet sich bereits ab. ›Bracero‹ steht in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138. ›Trabajadores huéspedes‹ steht in vier. In der spanischsprachigen Teilmenge verhält sich die Selbstbezeichnung zur Übersetzung wie 66 zu 4. Diese Funde zu interpretieren wird der nächste Schritt des Projekts nach meiner Rückkehr nach Osnabrück.
El Foro, Mai 1980: die Herkunft wird mitgeliefert
Der Fund, der die beiden Fundstücke zusammenführt, ist eine Zeitung. In Serie 5 liegt El Foro vom Mai 1980, darin ein Artikel von John Alvarez über das ›guest worker‹-Programm und die Frage, wem es dient. Der Text nennt den spanischen Ausdruck beim Namen:
„El término trabajador huesped es netamente un eufemismo para ‘trabajador temporal’, puesto que estos trabajadores son destinados a la larga, a regresar a su país de origen.”
Die Herkunft liefert er gleich mit, in der englischen Parallelfassung:
„The term ‘guest worker’ comes from immigrant labor programs in Western Europe where the governments of West Germany, France, Switzerland, Holland, England, Sweden and several other countries in the post-World War II period, organized programs to import millions of workers…”
Das ist im Mai 1980 gedruckt. Dieselbe Herkunft wird zur selben Zeit in Washington, D.C. benannt, nur ohne Kritik. In einem Bericht des Justizausschusses von 1980 heißt es, ›guestworker‹ sei „a literal translation of the German word Gastarbeiter”, und der Ausdruck betone, dass ausländische Arbeitskräfte „temporary ›guests‹” seien (Committee on the Judiciary 1980a: 84; Rass 2023: 39). Im April desselben Jahres schlägt der neue amerikanische Botschafter in Mexiko, Julian Nava, ein Programm vor, ausdrücklich „similar to those currently operating in Europe” (Del Olmo 1980: 21; Rass 2023: 40). Neu ist die Gegenrede aus den Akten der PCUN.
Die Figur trifft auf Organisierende, die wissen, woher sie kommt und welche social facts sie etablieren soll.
Wie ein Archiv entsteht
Heute treffe ich Dr. Lynn Stephen. Sie ist Philip H. Knight Chair und Professorin für Anthropologie an der University of Oregon und hat 2012 gemeinsam mit PCUN die Geschichte der Organisation erarbeitet. Die Transkripte der Interviews gingen vor der Niederschrift an die Interviewten zurück, und die Gewerkschaft hat den Text geprüft und mehrfach überarbeitet. In ihrer Darstellung läuft die Kampagne der frühen 1980er Jahre nicht unter ›guest worker‹, sondern unter der Losung „Stop Reagan’s Bracero Program”.
Das ist kein Detail. Es spricht dafür, dass die Bewegung den Begriff nie übernommen, sondern durchgehend durch einen anderen ersetzt hat, der eine Erinnerung aufruft, statt eine Kategorie zu setzen. Sollte hier ein eupemistisches Überschreiben verhindert werden? Ob das eine bewusste Entscheidung war, wer sie traf und ob sie je in Frage stand, steht nicht in den Akten.
Das Universitätsarchiv ist wichtiger Akteur bei der Sicherung der Überlieferung marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen (cr)
Was 1999 in Woodburn geordnet wurde, hat mitbestimmt, was 2010 erfassbar war und 2011 übergeben werden konnte, was sich heute im Archiv findet – die Überlieferungsbildung war in diesem Fall ein komplexer und sensibler Prozess. Die Bewertung fand nicht erst im Magazin statt, sondern elf Jahre davor, in den Räumen einer Gewerkschaft, mit denjenigen, die die übergebenen Akten betreffen und unter Beteiligung einer Forscherin. Eine wichtige Frage ist, die mich im Rahmen eines aktuellen Beuchprojekts beschäftigt ist, wie in den USA solche Sammlungen erschlossen, gesichert und archiviert werden, und wie dabei die Interessen und Rechte der Depositgebenden respektiert werden.
Weiter nach Corvallis
Am Dienstag und Mittwoch geht es für zwei Tage nach Corvallis, an die Oregon State University, in das Special Collections and Archives Research Center. Dort liegen die Akten des Extension Service mit den Unterlagen zur Valley Migrant League und zu den Migrant Programs der 1960er und 1970er Jahre, dazu Jahresberichte einzelner Landkreise aus den 1940er Jahren zum Emergency Farm Labor Program. Der Katalog in Corvallis kennt weder ›guest worker‹ noch ›H-2A‹, kein einziger Treffer. Genau deshalb fahre ich hin. Dort liegt die Erfahrungsschicht, auf die sich die Auseinandersetzungen der 1980er und 1990er Jahre berufen konnten.
Literatur
Celikten, Ahmet/Hoops, Maik/Rass, Christoph/Yildirim, Lale (2026): Reflecting on Process-Generated Data and Categories of Practice. Migration Research as Its Own Object [im Erscheinen; Verfassende in alphabetischer Reihenfolge].
Committee on the Judiciary (1980a): Temporary Worker Programs, Background and Issues. A Report. Washington: U.S. Government Printing Office.
Committee on the Judiciary (1981a): Final Report of the Select Commission on Immigration and Refugee Policy. Joint Hearings before the Subcommittee on Immigration and Refugee Policy of the Senate Committee on the Judiciary and Subcommittee on Immigration, Refugees, and International Law of the House Committee on the Judiciary, Ninety-Seventh Congress. Washington: U.S. Government Printing Office.
Del Olmo, Frank (1980): Nava Foresees Mexican ›Guest Worker‹ Program. In: Los Angeles Times, 4. April.
Jordans, Sylvester (1838): Gastrecht (Fremdenrecht). In: von Rotteck, Carl/Welcker, Karl Theodor (Hg.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Leipzig: Brockhaus.
Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974. Paderborn: Schöningh.
Rass, Christoph (2023): ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17. Osnabrück: IMIS.
Stephen, Lynn (2012): The Story of PCUN and the Farmworker Movement in Oregon. Eugene: CLLAS, University of Oregon.
Weise, Julie/Rass, Christoph (2024): Migrating Concepts. The Transatlantic Origins of the Bracero Program, 1919–42. In: American Historical Review, 129.
Woken, David/de la Cruz, Sonia/Kays, Stephanie (2014): Latino History Is Oregon History. Preserving Oregon’s Latino Heritage through the Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste Archive. In: Who Are We Really? Papers of the Fifty-Ninth Annual Meeting of SALALM, S. 58–70.
Es gibt Orte, an denen sich die Frage, was Migration eigentlich ist, nicht theoretisch stellt, sondern jeden Tag praktisch beantwortet werden muss. Die Kalk-Mülheimer Straße in Köln ist so ein Ort. Am 28. Juli haben Christoph Rass und Leonie Stoll dort Aufnahmen für den Podcast des SFB 1604, »Production Site«, gemacht, gemeinsam mit dem Verein 180 Grad Wende, dessen Beraterinnen und Berater in Kalk und Mülheim seit dreizehn Jahren mit jungen Menschen arbeiten.
Die Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer«, und der Titel ist wörtlich gemeint. ›Place‹ bezeichnet zweierlei: den Ort und die Stelle, die jemand in einer Gesellschaft einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung. Genau das macht der Verein, und genau deshalb kehrt die Folge die gewohnte Richtung um: Nicht die Forschung erklärt hier die Praxis, sondern die Praxis wird gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.
Ein Verein, der aus dem Stadtteil kommt
Unter dem Motto »Niemanden zurücklassen: Gemeinsam Chancen schaffen« setzt sich 180 Grad Wende seit 2012 für die Chancengleichheit junger Menschen aus, wie es in der Sprache der Förderprogramme heißt, ›marginalisierten Communities‹ ein. Die Initiative arbeitet inzwischen auch international; ihr Schwerpunkt liegt gleichwohl dort, wo alles angefangen hat. In Kalk bietet der »Wendepunkt« eine Anlaufstelle, an der junge Menschen nicht nur zu Bildungsweg, Berufseinstieg und anderen Zukunftsfragen beraten werden, sondern auch an Empowerment- und Präventionsworkshops teilnehmen können.
Logo des Vereins 180 Grad Wende. Seit 2012 setzt sich die Initiative für Chancengleichheit junger Menschen ein und berät Jugendliche und junge Erwachsene in Kalk und Mülheim (Logo: 180 Grad Wende).
Der Kontext dieser Arbeit lässt sich beziffern: Im Stadtbezirk Kalk wächst rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut auf, der höchste Wert der neun Kölner Stadtbezirke (Kölner Kommunalstatistik). Wer über Perspektiven junger Menschen in diesem Quartier spricht, spricht immer auch über Verteilung.
Wer aufgenommen hat, und wofür
Die Folge entsteht im Transferprojekt »Reflexive Migrationsforschung im Museum« in Kooperation mit 180 Grad Wende. Leonie Stoll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt A2 »Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen«; sie bringt die Frage mit, wie zivilgesellschaftliche Akteure Kategorien der Diskriminierung nicht nur erleiden, sondern selbst hervorbringen und verschieben. Christoph Rass leitet gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt A3 »Ihr seid Gastarbeiterkinder« sowie das Transferprojekt.
Matthias Milberg von der Podcastfabrik und Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS beim Rundgang durch das Quartier (Foto: Annika Heyen).
Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik begleitete die Aufnahmen, insbesondere im Freien: An der belebten Kalk-Mülheimer Straße war einiger Aufwand nötig, damit die Stimmen der Sprechenden deutlich hörbar blieben. Das Interview mit Mimoun Berrissoun entstand anschließend im Kölner Studio Sounds Fresh, das uns für die Aufnahme seine Räume und seine Technik zur Verfügung stellte. Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück hielt den Tag filmisch fest; das Material soll in einen kurzen Dokumentarfilm über die Arbeit des Transferprojekts einfließen, Arbeitstitel: »Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen«.
Erster Teil: ein Stadtteil in Gegensätzen
Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll von Alparslan Korkmaz, Projektkoordinator des Programms »Azubi Buddy«, und von Samir Abrar, Projektmitarbeiter und Berater, durch das Quartier führen. Was dabei hängen blieb, war ein Eindruck von Gegensätzen.
v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen).
Korkmaz und Abrar beschreiben Kalk als lebenswerten und offenen Stadtteil, in dem die Menschen Freud und Leid miteinander teilen; zugleich erzeugen Überwachungskameras auf der Hauptstraße ein Gefühl der Unsicherheit. Auf den ersten Blick ist infrastrukturell alles vorhanden, was es zum Leben braucht, von Kindergärten über Schulen bis zum Krankenhaus. Auf den zweiten Blick fehlt es an Ausbildungsplätzen und Arbeit für junge Menschen. Dass Heranwachsende sich unter diesen Bedingungen abgehängt fühlen und mangels Alternativen abrutschen, ist dann keine Frage individueller Neigung, sondern eine Frage der Gelegenheiten.
Leonie Stoll, Alparslan Korkmaz und Samir Abrar bei der Begehung des Quartiers, u.a. einer spontan von Nachbarinnen und Nachbarn eingerichteten Gedenkstätte für die in der Türkei verunglückten Mitglieder einer in Kalk ansässigen Familie (Fotos: Annika Heyen).
Die Beraterinnen und Berater setzen dem eine Arbeitsweise entgegen, die sich leicht sagt und schwer durchhalten lässt: bedürfnisorientierte Hilfe ohne Zwang, auf Augenhöhe, ob bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, beim Ausfüllen behördlicher Formulare oder bei anderen alltäglichen Hürden. Dass dieser Ansatz wirkt, zeigt sich an unscheinbaren Zeichen: Klientinnen und Klienten empfehlen den Verein weiter, werden teilweise selbst aktiv, oder kommen mit ihren Familien und einem kleinen Dankeschön vorbei, um Erfolge mitzuteilen.
Zurück im “Wendepunkt” sprechen Alparslan Korkmaz, Samir Abrar und Leonie Stoll über die Beratungsarbeit der 180 Grad Wende (Foto: Annika Heyen).
Zweiter Teil: Vertrauen, das man nicht beantragen kann
Im zweiten Teil sprach Christoph Rass bei Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, Gründer und Geschäftsführer des Vereins, über die Anfänge und über die Widerstände der vergangenen dreizehn Jahre.
v.l.n.r.: Mimoun Berrissoun, Christoph Rass und Annika Heyen im Studio “Sounds Fresh” in Köln (Foto: Matthias Milberg).
Was 180 Grad Wende von anderen Präventionsangeboten unterscheide, die in Kalk und in anderen als ›Problemviertel‹ wahrgenommenen Quartieren verfügbar sind, sei das Vertrauen, das die Aktiven des Vereins genießen. Berrissoun und seine Kolleginnen und Kollegen kennen den Stadtteil und seine Bewohnerinnen und Bewohner, und sie sind dort bekannt. Vertrauen dieser Art lässt sich nicht ausschreiben und nicht beantragen: Es entsteht über Jahre, an einem Ort, durch Personen.
Christoph Rass und Mimoun Berrissoun bei der Aufnahme im Studio “Sounds Fresh” (Fotos: Annika Heyen).
Genau darin liegt allerdings ein struktureller Widerspruch. Der Verein arbeitet daran, dauerhafte Strukturen zu schaffen, ist dabei aber selbst auf befristete Fördermittel angewiesen. Die meisten Mitarbeitenden sind projektförmig angestellt, sodass Zeit und Personal immer wieder in die Beantragung der nächsten Finanzierung fließen, statt in die Arbeit selbst. Beziehungsarbeit braucht Dauer, Projektförderung gewährt sie nicht. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, wäre die Voraussetzung dafür, dass eingespielte Akteure wirksamer arbeiten können. Das Ziel des Vereins formuliert er als Aussicht auf die eigene Entbehrlichkeit: so viele junge Menschen »mit Gutem anzustecken«, dass er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich allmählich zurückziehen können.
Was die Folge fragt
Für den SFB 1604 ist dieser Besuch mehr als eine Reportage. Der Verbund untersucht, wie Migration hergestellt wird: nicht die Wanderung selbst, sondern ihre Bedeutung, also die Frage, wer als Migrantin oder Migrant gilt, wessen Schwierigkeiten auf Herkunft zurückgeführt werden und wer sich erklären muss. Solche Zuschreibungen entstehen in Statistiken, in Debatten, in Förderprogrammen. Sie entstehen auch in Quartieren wie Kalk.
Die Arbeit von 180 Grad Wende setzt an denselben Zuschreibungen an, meist allerdings in umgekehrter Richtung: Sie versucht, jungen Menschen Etiketten wieder abzunehmen. Was solche Etiketten anrichten, sehen die Beraterinnen und Berater früher als die Forschung, nämlich an denjenigen, die damit nicht weiterkommen. Tatsächlich stellt der Verein damit eine Kategorie in Frage, mit der die Migrationsforschung selbst arbeitet: Wenn junge Menschen der dritten Generation, hier geboren und aufgewachsen, an dieselben Wände stoßen wie neu Zugewanderte, erklärt ›Migration‹ wenig. Es stellt sich dann eher die Frage, warum bestimmte Zuschreibungen so hartnäckig überleben.
Diese Umkehrung ist der Kern der Folge, und sie trifft die Beteiligten auf beiden Seiten. Auch Forschung arbeitet befristet und förderabhängig; die Logik, über die der Verein spricht, ist der Wissenschaft nicht fremd. Im abschließenden Gespräch werden Leonie Stoll und Christoph Rass genau darüber sprechen: über das, was sie in Kalk gehört haben, und über das, was es mit den eigenen Begriffen macht.
Ausblick
»Die Place Changer« ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant. Ein Veröffentlichungsdatum steht noch nicht fest. Die Folgen der ersten Staffel, darunter »Die Vorreiterin« mit der Migrationsforscherin der ersten Stunde Czarina Wilpert und »Der Grenzgänger« mit dem Journalisten Gerhard Kromschröder, sind hier online zu hören: https://www.uni-osnabrueck.de/sfb1604/production-insights/podcast
Der Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” soll in eine zweite Staffel gehen. Die erste Staffel umfasst sechs Folgen und steht bereits online (Foto: SFB 1604).
Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück
Von Eduard Usov & Jessica Wehner
Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.
Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.
Einblicke
Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.
Vier Poster zeigen bereits die thematisch vielfältigen Forschungsvorhaben der Studierenden
Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.
Im Rahmen der Exkursion wurde auch der jüdische Friedhof in Neuenhaus besucht (Foto: Sebastian Musch)
Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein: Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.
Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.
Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.
Foto: Sebastian Musch
Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.
Links: Alparslan Korkmaz, Samir Abrar und Leonie beim Gespräch in der Beratungsstelle “Wendepunkt” der 180 Grad Wende (Foto: Annika Heyen)/ rechts: Mimoun Berrissoun, Christoph Rass und Annika Heyen im Studio “Sounds Fresh” in Köln (Foto: Matthias Milberg)
Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.
Foto: Christoph Rass
In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.
Notizen
(Foto: Gero Leege)
Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen.
(Foto: Bjarne Groß/ Gero Leege)
Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.
(Foto: Bjarne Groß)
Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.
Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.
Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.
Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.
Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei?
Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.
Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden.
Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.
In der fünften Ausgabe berichtet Sebastian Musch über seine Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UOS.
(Foto: privat)
Sebastian Musch ist seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig sowie Mitglied des Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und des Sonderforschungsbereichs 1604 “Die Produktion von Migration.” Seit 2021 ist er zudem Alfred Landecker Lecturer und forscht in dem Projekt “The Holocaust Migration Regime.” Im Sommersemester 2026 vertritt er die Professur.
Lieber Sebastian, in diesem Semester vertrittst du die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Wie bist du eigentlich Historiker geworden?
Tja, wie so oft im Leben war das eine Mischung aus Plänen, die man so schmiedet, Chancen, die sich daraus ergeben, und auch einer Prise Zufall. Ich habe ja eigentlich gar nicht Geschichte studiert, sondern in Heidelberg mit der Fächerkombination Jüdische Studien und Semitistik angefangen, habe dann aber schnell die Semitistik durch Philosophie ersetzt.
Auf die Idee, mich mit Jüdischen Studien zu beschäftigen, bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich nach dem Abitur als Ersatzdienst ein Jahr lang mit autistischen Kindern in Ra’anana, einem Vorort von Tel Aviv, gearbeitet habe. Ich bin dort fleißig jeden Tag zum Hebräisch-Unterricht gelaufen, zusammen mit vor allem Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran. Nach einem Jahr konnte ich ziemlich gut Hebräisch – eine zugegebenermaßen doch nur in wenigen Bereichen sinnvoll einsetzbare Fähigkeit –, sodass ich bei meiner Studienwahl letztendlich bei den Jüdischen Studien gelandet bin. Eine Entscheidung, die ich bis heute nie bereut habe.
Sebastian Muschs Dissertation als Buch bei Palgrave (Foto: Palgrave)
In Heidelberg habe ich dann, wie gesagt, Jüdische Studien an der Hochschule für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Heidelberg studiert. Zwischendurch war ich noch als Austauschstudent ein Jahr in Mailand, habe dort Philosophie studiert und Italienisch gelernt und mich schon bei meiner Magisterarbeit auf jüdische Ideengeschichte fokussiert. Danach wurde mir angeboten zu promovieren, ebenfalls mit dem Schwerpunkt Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen beschäftigt – auch ein Thema, auf das ich eher zufällig gestoßen bin. Über mehrere Ecken bin ich nach meinem M.A.-Abschluss in Sri Lanka gelandet und habe dort an der Uva Wellassa Universität Deutsch als Fremdsprache und Deutsche Geschichte unterrichtet. Da Sri Lanka eine buddhistisch geprägte Insel ist, habe ich mich gefragt, wie eigentlich deutsch-jüdische Denkerinnen und Philosophen auf den Buddhismus blicken, und bin so bei meinem Dissertationsthema gelandet. Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber trotzdem beschäftigt mich das Thema immer noch: 2022 hatten wir dazu ein Projekt an der University of Oxford gestartet und erst vor Kurzem habe ich einen Überblicksartikel zum Thema geschrieben: https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-51
Ich habe meine Promotionszeit als eine Periode großer Freiheit in Erinnerung. Ich hatte keine Stelle an der Universität, sondern habe mich mit Stipendien und Nebenjobs durchgeschlagen. Das war natürlich einigermaßen prekär und ich habe viel Zeit mit Bewerbungen verloren. Der Vorteil war aber: So konnte ich die fünf Jahre, die ich letztlich gebraucht habe, an ganz unterschiedlichen Orten verbringen: erst in Heidelberg, dann ein Jahr in Haifa, ein Jahr in Berlin und ein Jahr in Berkeley (USA) und anschließend, nach einer Station am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in Gent (Belgien). Währenddessen habe ich meine Dissertation geschrieben; das war eigentlich eine sehr tolle Zeit.
Sebastian Musch (Foto: Annika Heyen)
Kurz bevor ich fertig war, bekam ich die Chance, nach Osnabrück zu kommen, um in einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekt an einer Biografie über Hermann Helfgott/Zvi Asaria zu arbeiten. So bin ich hier gelandet. Jetzt bin ich schon einige Jahre am Osnabrücker Historischen Seminar und kann mich mittlerweile mit Fug und Recht als Historiker bezeichnen. Nach dem Projekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria bin ich seit 2021 als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle zwischen Migrationsgeschichte und Holocaustforschung tätig. Ich bin nach all den Jahren immer noch voll zufrieden, in einem so dynamischen und spannenden Umfeld arbeiten zu dürfen.
Wozu forschst Du gerade?
Sebastian Musch bei der fünften Ausgabe des Tiny-Desk-Kolloquiums (Foto: Jessica Wehner)
Ich forsche vorrangig zur jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zurzeit beschäftige ich mich intensiv mit jüdischer Migrationsgeschichte, besonders an der Schnittstelle von Holocaust- und Migrationsforschung. Meines Erachtens rückt ein migrationsgeschichtlicher Blick auf das 20. Jahrhundert – sowohl für die Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung als auch für die Nachkriegszeit – Aspekte in den Fokus, die bislang in der Forschung unterrepräsentiert sind. Gerade Migrationskonferenzen rücken hier in den Fokus. Wir forschen seit einigen Jahren ja zu Konferenzen, z.B. der Bermuda Konferenz im April 1943, als Ort an denen zentrale Kategorien des damaligen und auch heutigen Verständnisses von Migration gebildet werden. Seit 2024 gibt es ja in Osnabrück den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration”, der Migration nicht als gegebenes Phänomen behandelt, sondern fragt, wie sie überhaupt hergestellt wird. Genau an dieser Stelle werden jüdische Geschichte und Holocaustforschung anschlussfähig. Wer zwischen 1933 und 1945 als ›refugee‹, als ›Staatenloser‹ oder nach 1945 als ›displaced person‹ galt, für den stand keine Verwaltungsformalie zur Debatte, sondern der Zugang zu Visa, Quotenplätzen, Unterstützungsleistungen und im Extremfall die Frage des Überlebens. Diese Figuren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden in Konsulaten, in Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen hergestellt. Der SFB spricht von ›Figuren‹ und von ›Infrastrukturen‹, und diese Begriffe passen erstaunlich genau auf mein Material.
Die Chance liegt für mich in beiden Richtungen. Die Holocaustforschung gewinnt ein analytisches Vokabular, mit dem sich Verfolgung und Flucht nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Produkt von Ordnungsarbeit beschreiben lassen. Der Verbund wiederum gewinnt historische Tiefe: Die Kategorien, mit denen heute über Migration entschieden wird, haben eine Vorgeschichte in den 1930er und 1940er Jahren und in der Nachkriegsordnung, die daraus hervorgegangen ist. Dass sich das hier nicht im Alleingang, sondern mit Geograph:innen, Soziolog:innen und Rechtswissenschaftler:innen an einem Tisch diskutieren lässt, ist ein Luxus, den es an vielen anderen Orten nicht gibt.
Sebastian Musch während einer Gastprofessur in Mailand (Foto: privat)
Ich glaube, es ist ein extremes Privileg, dass man – trotz der Gehetztheit des universitären Betriebs mit all seinen Macken – immer noch Raum findet, interessengeleitet zu forschen. Das Tollste an meinem Job ist eigentlich, dass ich sagen kann: Das interessiert mich, da möchte ich mal ein Buch drüber lesen und etwas drüber schreiben. Dass man sich immer wieder neue Wissensgebiete erschließen kann und sich durch Lektüre und Nachdenken selbst in dem gesammelten Wissen zu einem Gebiet positionieren kann, sich argumentativ eindenken kann und muss, ja, sich eigentlich in einen Diskurs einschreibt, all das mag ich sehr. Letztendlich ist das ja ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Es gibt, immer mehr zu erlesen, zu erlernen und zu erdenken.
Gleichzeitig mag ich, dass es eben nicht nur eine Vita contemplativa, sondern auch eine Vita activa mit immer neuen Herausforderungen ist. Natürlich sitze ich viel am Computer und beantworte E-Mails oder schreibe, aber trotzdem gibt es viel Abwechslung. Wenn dann noch die Lehre und die Organisation von Veranstaltungen dazukommen, dann stimmt das Bild vom Gelehrten in seinem stillen Kämmerchen, das man so oft mit den Geisteswissenschaften verbindet, nicht mehr. Und ständig muss ich Dinge zum ersten Mal machen, wie jetzt etwa eine semesterlange Vorlesung zur Geschichte der jüdischen Migration halten – also irgendetwas tun, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Das ist auch immer wieder herausfordernd, aber dadurch auch nie eintönig. Ständig lerne ich neue Menschen kennen, erhalte neue Aufgaben und kann an neue Orte reisen. Deswegen: Augen auf bei der Wahl des Forschungsschwerpunkts! Durch meinen Schwerpunkt zum Buddhismus bin ich viel in Süd- und Ostasien unterwegs gewesen, durch meinen Fokus auf jüdische Geschichte oft in den USA und in Israel. Bis jetzt ist mir in all den Jahren als Historiker in Osnabrück oder anderswo noch nie langweilig geworden.
Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die Historiker:innen werden wollen?
Sebastian Musch während eines Aufenthalts an der Harvard University (Foto: privat)
Lernt Sprachen, geht ins Ausland und lest Bücher – und damit meine ich nicht unbedingt nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch Belletristik. Warum ich Sprachen sage, ist klar: Als Historiker:in ist die Sprache das Instrument, mit dem wir uns ausdrücken müssen, und gleichzeitig auch unsere Grenze. Wofür wir keine Sprache haben, können wir Dinge nur schwer ausdrücken; gleichzeitig müssen wir auch Quellen und Texte lesen können, die nicht auf Deutsch sind. Und heutzutage müssen wir in der Wissenschaft sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch auf wissenschaftlichem Niveau argumentieren und publizieren können. Jede weitere Sprachkenntnis erweitert den Rahmen dessen, was wir verstehen können, erheblich.
Der junge Sebastian Musch in einen buddhistischen Kloster in China (Foto: privat)
Das Gleiche gilt für meinen zweiten Rat: Geht ins Ausland! Es geht nicht nur darum, dort idealerweise eine Fremdsprache zu lernen – darum natürlich auch –, sondern auch ein anderes universitäres System kennenzulernen und zu merken, dass es woanders anders läuft als in Deutschland. Ich denke, dass man sich dabei selbst besser kennenlernt, daran wächst und den eigenen Horizont erweitert – alles Dinge, die eine:n gute:n Historiker:in ausmachen. Wissenschaft ist heute global, deswegen müssen Wissenschaftler:innen bis zu einem gewissen Grad auch Weltbürger:innen sein.
Mein dritter Ratschlag: Bücher lesen. Klar, wissenschaftliche Bücher und Aufsätze, so viel wie möglich neben all den anderen Anforderungen des Alltags. Aber unbedingt auch schöne Literatur! Als Historiker:innen beschäftigen wir uns mit der Wirklichkeit. Aber, um es mit Robert Musil zu sagen: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Ich glaube, dass Literatur uns befähigt, diesen Möglichkeitssinn zu entwickeln und ein Gespür für die Kontingenz historischer Abläufe zu bekommen. Deswegen: unbedingt die Klassiker lesen, aber auch Gegenwartsliteratur.
Welche Interessen und Hobbys hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?
Die Arbeit als Wissenschaftler:in ist schon zeitlich fordernd und man muss da schon mit Leib und Seele dabei sein. Meine Frau ist auch Wissenschaftlerin und wir haben zwei kleine Kinder (6 und 3 Jahre alt), da bleibt nicht mehr so viel Zeit für Anderes. Deswegen gilt: Freizeit ist bei mir Familienzeit. Ansonsten lese ich natürlich gerne – wenig überraschend –, koche auch viel und oftmals auch etwas aufwendiger. Sehr zur Enttäuschung meiner Kinder, die am liebsten immer nur Nudeln mit Tomatensoße essen wollen.
Am 23. Juli 1943 druckt The Oconee Enterprise, ein Wochenblatt aus Watkinsville im ländlichen Georgia, auf seiner Meinungsseite eine kurze, aus einem anderen Blatt übernommene Glosse (gezeichnet »—Exchange«) unter der Überschrift »GUESTS OF THE REICH«.
Der Artikel zitiert den Brief eines nach Berlin verschleppten belgischen Arbeiters an seine Familie und läuft auf das Satzpaar zu, das das eigentliche Fundstück bildet: »No amount of wages can make up for this loss. Nor any amount of new Hitler tosh about Germany’s ›guest workers‹.« In einem Provinzblatt der amerikanischen Heimatfront blitzt damit, schlaglichtartig, das nationalsozialistische Propagandawort ›Gastarbeiter‹ in seiner englischen Übersetzung auf, und es ist im selben Moment als durchschaute Lüge entlarvt.
Warum verdient ein solcher Beleg Aufmerksamkeit? Er fügt der Begriffsgeschichte von ›Gastarbeiter‹ einen Knoten an unerwarteter Stelle hinzu, den die bisherige Rekonstruktion nicht verzeichnet hat. Ihn gilt es in die Genealogie des Begriffs einzuordnen und zu fragen, was er für ein Forschungsprogramm bedeutet, das nach der Produktion der ›Figuren der Migration‹ fragt.
The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.
›Gastarbeiter‹ ist nicht, wie vielfach vermutet, eine Erfindung der frühen Bundesrepublik. Den Begriff geprägt hat bereits Max Weber im frühen 20. Jahrhundert, als soziologische Kategorie für eine Arbeitskraft, die ökonomisch integriert, sozial aber ausgeschlossen bleibt: Anwesenheit ohne Zugehörigkeit (Rass 2010, 2023, 2026). Die nationalsozialistische Presse übernahm dieses Wort zwischen 1933 und 1945 und setzte es zu Propagandazwecken ein. Ab 1941 rahmte sie mit ihm den ›Ausländereinsatz‹, das System der Zwangsarbeit, das die Kriegswirtschaft trug (Herbert 1985; Amenda/Rass 2012). Die im Wortbestandteil ›Gast‹ mitschwingende Semantik des legitimen Austauschs diente der Beschönigung von Verschleppung, Gewalt und Ausbeutung. Die Figur des ›Gastarbeiters‹ diente als Euphemismus, der den Zwang als Gastverhältnis lesbar machen sollte und zugleich jede Zugehörigkeit kategorisch ausschloss: Sie half, die soziale Ordnung des nationalsozialistischen Migrationsregimes zu produzieren. Ihren propagandistischen Höhepunkt erreichte diese Umdeutung 1943 und 1944.
Genau an dieser Naht setzt die Glosse aus Georgia an, allerdings auf Englisch: Sie belegt damit zugleich eine der frühesten Übersetzungen dieser Kategorie, ins Englische und ins Land des Kriegsgegners. Als früheste greifbare amerikanische Wahrnehmung galt bislang ein Eintrag aus dem 1944 in den USA zusammengestellten Wörterbuch »Nazi-Deutsch«, das ›Gastarbeiter‹ mit »foreign worker« übersetzte (Paechter 1944: 31), daneben vereinzelte Erwähnungen in der deutschsprachigen Exilpresse (Rass 2010). Die eigentliche amerikanische Karriere des Begriffs begann in den späten 1960er Jahren und erreichte in den frühen 1980er Jahren einen ersten Höhepunkt. Die Datierung knüpft an eine erste greifbare Medienspur in einer Meldung der Associated Press von 1962 an; das Wissen um seine nationalsozialistische Vorgeschichte lieferte Edward Homze wenige Jahre später in seiner Studie von 1967 (Rass 2023).
Dieser Fund rückt die früheste Marke zurück, und er verschiebt zugleich ihren Ort. Denn schon im Sommer 1943, ein Jahr vor dem »Nazi-Deutsch«-Glossar und ein Vierteljahrhundert vor Homze, stand das Propagandawort nicht in einem Fachbuch, sondern in einem Wochenblatt für Farmer, und es stand dort bereits als Propaganda markiert: »Hitler tosh«, hitlerschen Unsinn, nennt es die Glosse, und die ironische Überschrift »GUESTS OF THE REICH« nimmt die Gastmetapher beim Wort, um sie zu entlarven.
Das Gegenbild, an dem der Euphemismus zerbricht, steht im selben Text. Der verschleppte Belgier schreibt aus Berlin:
»Out of 14 men in our room three have been sent to prison for indiscipline or sabotage. Four others have mysteriously disappeared. Did they escape? Have they been locked up in a concentration camp? I don’t know.«
Dem als ›Gast‹ Etikettierten stehen Gefängnis, Verschwinden und die Angst vor dem Konzentrationslager gegenüber; erst danach fällt der Satz, mit dem das Blatt die Propaganda abweist.
The Oconee Enterprise, 23. Juli 1943.
Deutlich wird an diesem kurzen Text, dass die amerikanische Kriegsöffentlichkeit die euphemistische Ladung des Begriffs erkennen konnte, lange bevor er als scheinbar neutrale migrationspolitische Kategorie ins US-amerikanische Vokabular einwanderte und ab den 1980er Jahren auf die mexikanische Arbeitsmigration projiziert wurde (Rass 2023). Als Nachdruck aus dem Blätteraustausch (»Exchange«) war die Glosse überdies zur Weiterverbreitung bestimmt: Das Propagandawort und seine Zurückweisung waren im US-Mediendiskurs der Kriegsjahre prinzipiell verfügbar.
Für unsere Arbeit im Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604, die nach der Produktion von Migration und ihren Figuren fragt, liefert ein solcher Datenpunkt ein neues Detail: Kategorien wie ›Gastarbeiter‹ beschreiben Migration nicht bloß, sondern stellen sie her: Sie machen Menschen als Migrant:innen einer bestimmten Art lesbar, anwesend und gebraucht, aber nicht zugehörig. ›Guest worker‹ ist in dieser Perspektive eine Figur der Migration, die im nationalsozialistischen Kontext Zwang in Gastfreundschaft übersetzt und den markierten Menschen auf drei Ebenen einer sozialen Ordnung positioniert: propagandistisch als ›Gastarbeiter‹ privilegiert, gelesen durch die dem Begriff eingeschriebene Ausschlussklausel und im wirklichen Leben dem NS-Zwangsarbeitssystem ausgeliefert. Die Glosse hält den seltenen Moment fest, in dem diese Figur bei ihrer eigenen Herstellung ertappt und zurückgewiesen wird: Sie verweigert dem Wort ›Gast‹ seine Wirkung und liest die Kategorie gegen den Strich.
Begriffsgeschichte ist, so verstanden, keine Chronik von Wortbedeutungen, sondern eine Geschichte der Institutionalisierung von Kategorien, der Subjektivierung durch deren Zuweisung und der unmittelbaren Transformation solcher Figuren der Migration durch ihre Aneignung und Dekonstruktion.
Nun lässt sich zunächst wenig darüber sagen, ob der zitierte Brief echt ist oder ob der Artikel seinerseits Teil us-amerikanischer Informationspolitik war. Die Zeitungsseite teilt jedenfalls die Notiz mit Beiträgen zum Krieg gegen das Kaiserreich Japan im Pazifik sowie einem Artikel, der für die US-Marineinfanterie wirbt. Zugleich wissen wir nicht, in welcher Sprache das mögliche Original des Briefes das Wort ›guest worker‹ oder ›Gastarbeiter‹ verwendet hat und wie und durch wen die Übersetzung ins Englische erfolgt ist. Belegt ist nun allerdings, dass in den USA um die Mitte des Zweiten Weltkrieges Wissen über die Produktion der Figur des ›Gastarbeiters‹ durch die Europa-Propaganda des NS-Regimes als Teil seines Zwangsarbeitsregimes präsent und verfügbar war. An einer entlegenen Stelle – und wahrscheinlich ohne bedeutende Wirkung – gelang es einer Zeitungsglosse, mit diesem Wissen ein fait social des NS-Regimes – eine Figur der Migration, deren weitere Karriere nach 1945 im Schatten ihrer inhaltlichen Aufladung durch den NS-Staat steht – durch einfache und authentische Aneignung und Benennung zu demontieren.
Bezug: Christoph Rass: ›Gastarbeiter‹ in the Nazi Press (1933–1945). IMIS Working Paper 22 (2026); ders.: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics. IMIS Working Paper 17 (2023).
Weitere Literatur: Amenda, Lars/Rass, Christoph (2012): Fremdarbeiter, Ostarbeiter, Gastarbeiter. Semantiken der Ungleichheit und ihre Praxis im »Ausländereinsatz«, in: Kramer/Nolzen (Hg.): Ungleichheiten im »Dritten Reich«, Göttingen, S. 90–117. · Herbert, Ulrich (1985): Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn. · Paechter, Heinz (1944): Nazi-Deutsch. A Glossary of Contemporary German Usage, New York: Ungar. · Rass, Christoph (2010): Institutionalisierungsprozesse auf einem internationalen Arbeitsmarkt. Bilaterale Wanderungsverträge in Europa zwischen 1919 und 1974, Paderborn: Schöningh. · Rass, Christoph (2012): Staatsverträge und »Gastarbeiter« im Migrationsregime des »Dritten Reiches«, in: Oltmer (Hg.): Nationalsozialistisches Migrationsregime und »Volksgemeinschaft«, Paderborn, S. 159–183.
Der Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück