Gerade ist der von Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm herausgegebene Sammelband The Holocaust and Varieties of Migration bei De Gruyter erschienen und hier im Open Access zugänglich. Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die 2023 an der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See stattfand. Neben Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm sind Zofia Trebacz, Susanne Heim, Wendy Lower, Ayelet Eva Herbst, Hana G. Green, Edith Raim, Iris Helbing, Annika Heyen, Peter Gatrell und Tony Kushner mit Beiträgen vertreten.
Ausgangspunkt des Bandes ist die Beobachtung, dass die verschiedenen Formen von Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung, Internierung und Nachkriegsmigration während des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust nicht bloß Folgen der Gewalt waren, sondern in vielfältiger Weise zu deren Vorbereitung, Organisation und Durchführung gehörten. Zugleich richtet der Band den Blick auf die Zeit nach 1945 und fragt danach, wie Vertreibung, Flucht und Neuansiedlung internationale Ordnungen, politische Kategorien und Formen der Erinnerung geprägt haben. Hier berührt der Sammelband unmittelbar die Fragestellungen des SFB 1604 „Produktion von Migration“ an der Universität Osnabrück. Aus dieser Perspektive lässt sich The Holocaust and Varieties of Migration als historisch fokusierter Beitrag zu einer reflexiven Migrationsforschung lesen. Der Band macht sichtbar, dass auch im Kontext des Holocaust Kategorien wie „Flüchtling“, „Ausländer“, „Feindstaatenangehöriger“ oder „Umsiedler“ nicht einfach vorgefunden wurden, sondern durch politische, administrative und institutionelle Praktiken hergestellt und wirksam gemacht wurden. Zugleich zeigt er, dass auch die Holocaustforschung ihre eigenen Kategorien reflektieren muss. Gerade die Verbindung von Holocaustgeschichte und Migrationsgeschichte eröffnet deshalb einen Perspektivwechsel: Nicht nur wird Migration zum Verständnis des Holocausts nutzbar; umgekehrt wird der Holocaust selbst zu einem historischen Schlüssel, um die “Produktion”, d.h. die Entstehung, Veränderung und Nachwirkung von Migrationsregimen zu verstehen. Zudem unterstreicht der Band am Beispiel des Zweiten Weltkriegs exemplarisch den Zusammenhang von Massengewalt, Kriegsgeschehen und Zwangsmigration, deren intrinsische Verknüpfung über eine einfache Kausalbeziehung hinausgeht.
Von NGHM ist neben dem Mitherausgeber Sebastian Musch auch Annika Heyen mit ihrem Beitrag “’Conceived Reluctantly, Brought to Birth Grudgingly, Straitjacked from Birth.’ The Bermuda Conference, the World Jewish Congress, and the Emergence of the Postwar Migration Regime” in dem Band vertreten. Annika Heyen untersucht die Konferenz nicht lediglich als Rettungsinitiative, sondern als einen Ort, an dem sich Machtverhältnisse, politische Handlungsspielräume und institutionelle Logiken des entstehenden internationalen Migrationsregimes beobachten lassen. Die Konferenz wird als politischer Aushandlungsprozess analysiert, in dem Handlungsmöglichkeiten eröffnet, begrenzt und schließlich blockiert wurden.
Der Band bündelt damit Ansätze an der Schnittstelle von Holocaustforschung und Migrationsgeschichte, die innerhalb von NGHM seit Langem vorangetrieben werden und in den vergangenen Jahren u.a. in dem von Sebastian Musch geleiteten und von der Alfred Landecker Foundation finanzierten Forschungsprojekt The Holocaust Migration Regime sowie in dem von Sebastian Musch und Annika Heyen bearbeiteten und von der Gerda Henkel Stiftung finanzierten Projekt Die Bermuda-Konferenz 1943 gezielt untersucht wurden.
Der Band ist der Historikerin Edith Raim gewidmet, die mit einem Beitrag zu Zwangsarbeit und Zwangsmigration vertreten ist und 2025 während der Fertigstellung des Bandes verstarb.














