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NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt.

Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.

Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)

Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.

Transformationen einer Landschaft

Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.

Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)

Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.

Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.

Steuerung, Aushandlung, Beharrung

Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.

Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)

Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.

Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.

Akten, Netzwerke, Karten

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.

Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.

Nach der Sammlung Richard

Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.

Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.

Projektstart im Oktober 2026

Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.

Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)

Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.

Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.

Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)

Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.

 

Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026

Das Projekt „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer:innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ beschäftigt sich mit der digitalen Dokumentation und Analyse der historischen Standorte der Emslandlager und ihrer Transformation von Orten der nationalsozialistischen Lagergeschichte bis heute. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die räumlich weit verteilten ehemaligen Lagerstandorte, ihre materiellen Überreste und ihre unterschiedlichen Grade von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen.

Durchgeführt wurde das Projekt als Kooperationsprojekt zwischen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück und der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die Abschlusstagung nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und stellt die im Projekt entstandenen digitalen Angebote sowie weitere Forschungsergebnisse vor. Dabei werden sowohl die historischen Orte selbst als auch Prozesse ihrer Deutung und Vermittlung in den Blick genommen. Die Tagung verbindet Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit und fragt danach, welche Möglichkeiten digitale Formate für die Auseinandersetzung mit historischen Orten eröffnen und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Den Auftakt bildet ein Panel zur Frage, wie die “Emslandlager” als Konfliktlandschaft gelesen werden können. Anschließend wird die im Rahmen des Projekts entstehende Dissertation „Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘“ vorgestellt. Das zweite Panel widmet sich unter dem Titel „Digitalität & Partizipation“ den Möglichkeiten digitaler Formate für partizipative Zugänge zu historischen Orten sowie deren Bedeutung für Forschung, Vermittlung und Gedenkstättenarbeit.

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung werden zudem die im Projekt entwickelten digitalen Angebote vorgestellt. Ein Gespräch mit Studierenden des Projektseminars sowie ein anschließender Posterwalk geben Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche des Projekts und die dort entstandenen Ergebnisse.

Der zweite Tag führt im Rahmen einer Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum. Neben der Besichtigung des Erinnerungsortes und des Friedhofs stehen dort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation im Mittelpunkt. Ein anschließender Workshop widmet sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu digitalen 360°-Rundgängen.

Die Tagung möchte damit nicht nur die Ergebnisse des Projekts präsentieren, sondern zugleich Raum für einen fachlichen Austausch über Erinnerungskultur, Digitalität, Partizipation und historische Bildungsarbeit schaffen.

Bei Interesse melden Sie sich gerne bis zum 13. September 2026 per Mail unter imke.selle@uni-osnabrueck.de an.

Programm:

Tag 1 | 24. September 2026

EW-Gebäude | Seminarstraße 20, 49074 Osnabrück | Raum 15/130

13:00–13:15 Ankunft
13:15–13:30  Begrüßung & Projektvorstellung
| Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel) und Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück)

13:30–14:30  Panel 1: Die Emslandlager als Konfliktlandschaft lesen | Moderation: Lea Horstmann (Universität Osnabrück/Gedenkstätte Esterwegen); Podium: Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Dr. Sebastian Weitkamp (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. David Reinicke (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Prof. i.R. Dr. Dietmar von Reeken (Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg)

14:30–15:00  Pause

15:00–15:45  Vorstellung der im Projekt entstandenen Dissertation »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ‚Emslandlager‘« | Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück)

15:45–16:15  Pause

16:15–17:15  Panel 2: Digitalität & Partizipation | Moderation: Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück); Podium: Prof. Dr. Lale Yildirim (CAU Kiel), Jacqueline Meurisch, M.A. (Gedenkstätte Esterwegen), Dr. Andreas Hübner (CAU Kiel), Dr. Henning Wellmann (Arolsen Archives)

17:15–18:00  Pause

18:00–20:00  Öffentliche Abendveranstaltung | Einführende Worte / Begrüßung / Dank (Raum 15/128); Gespräch mit Studierende(n) aus dem Projektseminar; Empfang und Posterwalk im Foyer des Erweiterungsgebäudes


Tag 2 | 25. September 2026

Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum | Am Wasserwerk 8, 49744 Geeste

08:30  Treffpunkt am Bus

08:45–10:15  Fahrt nach Dalum

10:15–11:45  Exkursion zum Lager Dalum | Besichtigung des Erinnerungsortes & des Friedhofs, Digitalisierung auf dem Friedhof; Imke Selle, M.Ed. (Universität Osnabrück), Dr. Martin Koers (Gedenkstätte Esterwegen)

11:45–13:15  Rückfahrt nach Osnabrück

13:15–13:45  Mittagspause

13:45–15:15  Workshop: Von den Digitalisaten zur 360°-Tour

15:15–15:45  Abschlussrunde

INSIDE.NGHM | Sebastian Musch

Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.

In der fünften Ausgabe berichtet Sebastian Musch über seine Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UOS.

(Foto: privat)

Sebastian Musch ist seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig sowie Mitglied des Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und des Sonderforschungsbereichs 1604 “Die Produktion von Migration.” Seit 2021 ist er zudem Alfred Landecker Lecturer und forscht in dem Projekt “The Holocaust Migration Regime.” Im Sommersemester 2026 vertritt er die Professur.


Lieber Sebastian, in diesem Semester vertrittst du die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Wie bist du eigentlich Historiker geworden?

Tja, wie so oft im Leben war das eine Mischung aus Plänen, die man so schmiedet, Chancen, die sich daraus ergeben, und auch einer Prise Zufall. Ich habe ja eigentlich gar nicht Geschichte studiert, sondern in Heidelberg mit der Fächerkombination Jüdische Studien und Semitistik angefangen, habe dann aber schnell die Semitistik durch Philosophie ersetzt.

Auf die Idee, mich mit Jüdischen Studien zu beschäftigen, bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich nach dem Abitur als Ersatzdienst ein Jahr lang mit autistischen Kindern in Ra’anana, einem Vorort von Tel Aviv, gearbeitet habe. Ich bin dort fleißig jeden Tag zum Hebräisch-Unterricht gelaufen, zusammen mit vor allem Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran. Nach einem Jahr konnte ich ziemlich gut Hebräisch – eine zugegebenermaßen doch nur in wenigen Bereichen sinnvoll einsetzbare Fähigkeit –, sodass ich bei meiner Studienwahl letztendlich bei den Jüdischen Studien gelandet bin. Eine Entscheidung, die ich bis heute nie bereut habe.

Sebastian Muschs Dissertation als Buch bei Palgrave (Foto: Palgrave)

In Heidelberg habe ich dann, wie gesagt, Jüdische Studien an der Hochschule für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Heidelberg studiert. Zwischendurch war ich noch als Austauschstudent ein Jahr in Mailand, habe dort Philosophie studiert und Italienisch gelernt und mich schon bei meiner Magisterarbeit auf jüdische Ideengeschichte fokussiert. Danach wurde mir angeboten zu promovieren, ebenfalls mit dem Schwerpunkt Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen beschäftigt – auch ein Thema, auf das ich eher zufällig gestoßen bin. Über mehrere Ecken bin ich nach meinem M.A.-Abschluss in Sri Lanka gelandet und habe dort an der Uva Wellassa Universität Deutsch als Fremdsprache und Deutsche Geschichte unterrichtet. Da Sri Lanka eine buddhistisch geprägte Insel ist, habe ich mich gefragt, wie eigentlich deutsch-jüdische Denkerinnen und Philosophen auf den Buddhismus blicken, und bin so bei meinem Dissertationsthema gelandet. Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber trotzdem beschäftigt mich das Thema immer noch: 2022 hatten wir dazu ein Projekt an der University of Oxford gestartet und erst vor Kurzem habe ich einen Überblicksartikel zum Thema geschrieben: https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-51

Ich habe meine Promotionszeit als eine Periode großer Freiheit in Erinnerung. Ich hatte keine Stelle an der Universität, sondern habe mich mit Stipendien und Nebenjobs durchgeschlagen. Das war natürlich einigermaßen prekär und ich habe viel Zeit mit Bewerbungen verloren. Der Vorteil war aber: So konnte ich die fünf Jahre, die ich letztlich gebraucht habe, an ganz unterschiedlichen Orten verbringen: erst in Heidelberg, dann ein Jahr in Haifa, ein Jahr in Berlin und ein Jahr in Berkeley (USA) und anschließend, nach einer Station am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in Gent (Belgien). Währenddessen habe ich meine Dissertation geschrieben; das war eigentlich eine sehr tolle Zeit.

Sebastian Musch (Foto: Annika Heyen)

Kurz bevor ich fertig war, bekam ich die Chance, nach Osnabrück zu kommen, um in einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekt an einer Biografie über Hermann Helfgott/Zvi Asaria zu arbeiten. So bin ich hier gelandet. Jetzt bin ich schon einige Jahre am Osnabrücker Historischen Seminar und kann mich mittlerweile mit Fug und Recht als Historiker bezeichnen. Nach dem Projekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria bin ich seit 2021 als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle zwischen Migrationsgeschichte und Holocaustforschung tätig. Ich bin nach all den Jahren immer noch voll zufrieden, in einem so dynamischen und spannenden Umfeld arbeiten zu dürfen.

Wozu forschst Du gerade?

Sebastian Musch bei der fünften Ausgabe des Tiny-Desk-Kolloquiums (Foto: Jessica Wehner)

Ich forsche vorrangig zur jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zurzeit beschäftige ich mich intensiv mit jüdischer Migrationsgeschichte, besonders an der Schnittstelle von Holocaust- und Migrationsforschung. Meines Erachtens rückt ein migrationsgeschichtlicher Blick auf das 20. Jahrhundert – sowohl für die Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung als auch für die Nachkriegszeit – Aspekte in den Fokus, die bislang in der Forschung unterrepräsentiert sind. Gerade Migrationskonferenzen rücken hier in den Fokus. Wir forschen seit einigen Jahren ja zu Konferenzen, z.B. der Bermuda Konferenz im April 1943, als Ort an denen zentrale Kategorien des damaligen und auch heutigen Verständnisses von Migration gebildet werden. Seit 2024 gibt es ja in Osnabrück den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration”, der Migration nicht als gegebenes Phänomen behandelt, sondern fragt, wie sie überhaupt hergestellt wird. Genau an dieser Stelle werden jüdische Geschichte und Holocaustforschung anschlussfähig. Wer zwischen 1933 und 1945 als ›refugee‹, als ›Staatenloser‹ oder nach 1945 als ›displaced person‹ galt, für den stand keine Verwaltungsformalie zur Debatte, sondern der Zugang zu Visa, Quotenplätzen, Unterstützungsleistungen und im Extremfall die Frage des Überlebens. Diese Figuren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden in Konsulaten, in Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen hergestellt. Der SFB spricht von ›Figuren‹ und von ›Infrastrukturen‹, und diese Begriffe passen erstaunlich genau auf mein Material.

Die Chance liegt für mich in beiden Richtungen. Die Holocaustforschung gewinnt ein analytisches Vokabular, mit dem sich Verfolgung und Flucht nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Produkt von Ordnungsarbeit beschreiben lassen. Der Verbund wiederum gewinnt historische Tiefe: Die Kategorien, mit denen heute über Migration entschieden wird, haben eine Vorgeschichte in den 1930er und 1940er Jahren und in der Nachkriegsordnung, die daraus hervorgegangen ist. Dass sich das hier nicht im Alleingang, sondern mit Geograph:innen, Soziolog:innen und Rechtswissenschaftler:innen an einem Tisch diskutieren lässt, ist ein Luxus, den es an vielen anderen Orten nicht gibt.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt seit einigen Jahren auf der Erforschung von Flucht und Fluchtnetzwerken während des Zweiten Weltkriegs, einerseits nach Süd- und Ostasien, und andererseits unter Einbeziehung humanitärer Fragestellungen. 2024 habe ich am United States Holocaust Memorial Museum in Washington einen zweiwöchigen Workshop zu diesem Thema mitorganisiert ; dieses Jahr bin ich Teil eines Teams, das eine internationale Tagung zu dem Thema The Age of Humanitarianism. Jewish and Other Global Migrations Between Empire and Decolonisation organisiert

Warum bist Du gerne Historiker?

Sebastian Musch während einer Gastprofessur in Mailand (Foto: privat)

Ich glaube, es ist ein extremes Privileg, dass man – trotz der Gehetztheit des universitären Betriebs mit all seinen Macken – immer noch Raum findet, interessengeleitet zu forschen. Das Tollste an meinem Job ist eigentlich, dass ich sagen kann: Das interessiert mich, da möchte ich mal ein Buch drüber lesen und etwas drüber schreiben. Dass man sich immer wieder neue Wissensgebiete erschließen kann und sich durch Lektüre und Nachdenken selbst in dem gesammelten Wissen zu einem Gebiet positionieren kann, sich argumentativ eindenken kann und muss, ja, sich eigentlich in einen Diskurs einschreibt, all das mag ich sehr. Letztendlich ist das ja ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Es gibt, immer mehr zu erlesen, zu erlernen und zu erdenken.

Gleichzeitig mag ich, dass es eben nicht nur eine Vita contemplativa, sondern auch eine Vita activa mit immer neuen Herausforderungen ist. Natürlich sitze ich viel am Computer und beantworte E-Mails oder schreibe, aber trotzdem gibt es viel Abwechslung. Wenn dann noch die Lehre und die Organisation von Veranstaltungen dazukommen, dann stimmt das Bild vom Gelehrten in seinem stillen Kämmerchen, das man so oft mit den Geisteswissenschaften verbindet, nicht mehr. Und ständig muss ich Dinge zum ersten Mal machen, wie jetzt etwa eine semesterlange Vorlesung zur Geschichte der jüdischen Migration halten – also irgendetwas tun, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Das ist auch immer wieder herausfordernd, aber dadurch auch nie eintönig. Ständig lerne ich neue Menschen kennen, erhalte neue Aufgaben und kann an neue Orte reisen. Deswegen: Augen auf bei der Wahl des Forschungsschwerpunkts! Durch meinen Schwerpunkt zum Buddhismus bin ich viel in Süd- und Ostasien unterwegs gewesen, durch meinen Fokus auf jüdische Geschichte oft in den USA und in Israel. Bis jetzt ist mir in all den Jahren als Historiker in Osnabrück oder anderswo noch nie langweilig geworden.

Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die Historiker:innen werden wollen?

Sebastian Musch während eines Aufenthalts an der Harvard University (Foto: privat)

Lernt Sprachen, geht ins Ausland und lest Bücher – und damit meine ich nicht unbedingt nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch Belletristik. Warum ich Sprachen sage, ist klar: Als Historiker:in ist die Sprache das Instrument, mit dem wir uns ausdrücken müssen, und gleichzeitig auch unsere Grenze. Wofür wir keine Sprache haben, können wir Dinge nur schwer ausdrücken; gleichzeitig müssen wir auch Quellen und Texte lesen können, die nicht auf Deutsch sind. Und heutzutage müssen wir in der Wissenschaft sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch auf wissenschaftlichem Niveau argumentieren und publizieren können. Jede weitere Sprachkenntnis erweitert den Rahmen dessen, was wir verstehen können, erheblich.

Der junge Sebastian Musch in einen buddhistischen Kloster in China (Foto: privat)

Das Gleiche gilt für meinen zweiten Rat: Geht ins Ausland! Es geht nicht nur darum, dort idealerweise eine Fremdsprache zu lernen – darum natürlich auch –, sondern auch ein anderes universitäres System kennenzulernen und zu merken, dass es woanders anders läuft als in Deutschland. Ich denke, dass man sich dabei selbst besser kennenlernt, daran wächst und den eigenen Horizont erweitert – alles Dinge, die eine:n gute:n Historiker:in ausmachen. Wissenschaft ist heute global, deswegen müssen Wissenschaftler:innen bis zu einem gewissen Grad auch Weltbürger:innen sein.

Mein dritter Ratschlag: Bücher lesen. Klar, wissenschaftliche Bücher und Aufsätze, so viel wie möglich neben all den anderen Anforderungen des Alltags. Aber unbedingt auch schöne Literatur! Als Historiker:innen beschäftigen wir uns mit der Wirklichkeit. Aber, um es mit Robert Musil zu sagen: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Ich glaube, dass Literatur uns befähigt, diesen Möglichkeitssinn zu entwickeln und ein Gespür für die Kontingenz historischer Abläufe zu bekommen. Deswegen: unbedingt die Klassiker lesen, aber auch Gegenwartsliteratur.

Welche Interessen und Hobbys hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?

Die Arbeit als Wissenschaftler:in ist schon zeitlich fordernd und man muss da schon mit Leib und Seele dabei sein. Meine Frau ist auch Wissenschaftlerin und wir haben zwei kleine Kinder (6 und 3 Jahre alt), da bleibt nicht mehr so viel Zeit für Anderes. Deswegen gilt: Freizeit ist bei mir Familienzeit. Ansonsten lese ich natürlich gerne – wenig überraschend –, koche auch viel und oftmals auch etwas aufwendiger. Sehr zur Enttäuschung meiner Kinder, die am liebsten immer nur Nudeln mit Tomatensoße essen wollen.


Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes

(Foto: Jessica Wehner)

Das jüngste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung versammelte unter Leitung von Dr. Sebastian Musch fünf Beiträge, die von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über die digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen reichten. Trotz ihrer thematischen Heterogenität teilten die Beiträge ein gemeinsames Interesse: die Frage, wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen historisch hergestellt werden.


Einmal in jedem Semester bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit diesem Format die Gelegenheit, Abschlussarbeiten, Forschungsperspektiven und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Das TDK-Format führt dabei fünf bis sechs Referent:innen zu 15-minütigen Kurzvorträgen mit knapper Fragerunde zusammen, die ganze Veranstaltung dauert weniger als drei Stunden.



Glaubwürdigkeit und die Kategorie »kriminell« in NS-Prozessen

(Foto: Jessica Wehner)

Im ersten Vortrag stellte Lennart Blömer Befunde aus seiner Bachelorarbeit vor, in der er ein Verfahren der westdeutschen Nachkriegsjustiz zum Strafvollzug im Nationalsozialismus untersuchte. Dabei rückte er die prozessuale Konstruktion von Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit, so der Befund, wurde systematisch demjenigen zugeschrieben, dessen Aussage das gewünschte Narrativ stützte. Der Fall fügt sich in das strukturelle Problem der »wilden Urteile« der frühen Bundesrepublik ein, ohne dass sich daraus eine generelle Aussage über den strategischen Einsatz von Zeugenaussagen in NS-Prozessen ableiten ließe. Die Untersuchung arbeitete zugleich heraus, wie stark die Zuschreibung »kriminell« von unterschiedlichen rechtlichen und zeitlichen Kontexten abhing, etwa der Kategorie des »Berufsverbrechers« nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz von 1934, und verwies auf weitere Verfahren zur Strafanstalt Celle als Anschlussperspektive.

In der Diskussion wurde die Ausdifferenzierung des Kriminalitätsbegriffs vertieft, ebenso die Frage nach Klasse und sozialer Stigmatisierung; deutlich wurde dabei, dass die nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz Inhaftierten bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt sind.

Die digitale Ausstellung zum Vareler »Altersheim« für Displaced Persons

(Foto: Jessica Wehner)

Stellvertretend für eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück stellten im Anschluss Lea Horstmann und Jannik Singer die im April eröffnete digitale Ausstellung zum größten europäischen »Altersheim« für Displaced Persons vor, das zwischen 1950 und 1959 auf einem ehemaligen Kasernengelände in Varel bestand und aus einem über mehrere Semester angelegten Projektseminar von Dr. Sebastian Huhn in Kooperation mit dem Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel hervorging. Im Zentrum standen weniger der Inhalt der Ausstellung als das »Making of«: die systematische Digitalisierung und Auswertung der im Archiv des Heimatvereins verwahrten Meldekartei mit über 1.450 Personen, die redaktionelle Zusammenführung sehr heterogener Texte von Studierenden und Schüler:innen sowie die Möglichkeiten, die das digitale Format gegenüber einer klassischen Ausstellung eröffnet: geringe Kosten, permanente Korrigierbarkeit und Erweiterbarkeit. Vorgestellt wurde auch eine im Kontext einer Digital-History-Übung entstandene WebApp, die die Geburtsorte und Migrationswege der Bewohner:innen auf einer animierten Karte visualisiert und so die Datengrundlage zugänglich macht.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Die Diskussion kreiste um den schmalen Grat zwischen quellengetreuer Genauigkeit und ansprechender Vermittlung, insbesondere bei der Kartendarstellung, die Zwischenstationen der Verfolgung notwendig vereinfacht, sowie um Fragen des Datenschutzes, die durch die Publikation der Namen in den Arolsen Archives teilweise vorentschieden waren.

Displaced Persons als Studierende an der Universität Göttingen

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) präsentierte im ersten wissenschaftlichen Vortrag unter dem Titel »Unter besonderen Bedingungen« Ergebnisse eines Ausstellungsprojekts zu Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten. Die besondere Quellengrundlage bildet die Questur der Universität, die die DP-Studierenden ab dem Sommersemester 1946 gesondert verzeichnete, sodass sich rund 460 Studierende mit DP-Status rekonstruieren lassen, deren nationale Zusammensetzung, Fächerwahl und Wohnsituation Rode differenziert nachzeichnete. Sie betonte die semantische Trennung zwischen der empathisch besetzten deutschen »Vertreibungsgeschichte« und der lange marginalisierten DP-Geschichte und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit zu machen, statt sie zu übergehen.

In der Diskussion wurde auf die Übereinstimmung der nationalen Verteilung mit den von Henning Borggräfe für die IRO nachgewiesenen Mustern hingewiesen sowie auf ergänzende Bestände wie die Review-Board-Files, die Personen an den Rändern des DP-Status sichtbar machen.

Das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. David Templin (SFB 1604, Teilprojekt C1) verschob den Fokus ins späte 20. Jahrhundert und stellte eine Fallstudie zum 1989 gegründeten Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMkA) vor, verortet in der Frage nach der Bedeutung der kommunalen Ebene für die Entwicklung lokaler Migrations- und Integrationspolitiken. Templin skizzierte die »eigentümlich breite Koalition« der Multikulturalismus-Debatte, ordnete das AMkA zwischen Anerkennungspolitik, Kulturalisierung und Symbolpolitik ein und zeigte anhand des Quellenmaterials, wie das Amt über bilaterale Kontakte, bundesweite Vernetzung mit Ausländerbeauftragten und eine europäische Konferenz von 1991 versuchte, ein Gegengewicht zur restriktiven Bundespolitik zu bilden, während sich seine Kompetenzen in der kommunalen Praxis als begrenzt erwiesen.

Die Diskussion fragte nach der Semantik der Benennung als »Amt« im Unterschied zum »Zentrum«, nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus in der Begriffsprägung sowie nach der linken Kritik am Multikulturalismus, die vor allem dessen kulturalisierende Ausblendung struktureller Ungleichheit ins Visier nahm.

Das »gefährliche Archiv«: die verhinderte Geschichte der IRO

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Sebastian Huhn stellte abschließend eine gemeinsam mit Christoph Rass entwickelte Projektskizze zum Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes vor. Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Befund aus den IRO-Beständen der Archives nationales in Paris: Die zunächst von der History Unit erarbeitete offizielle, bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA hin gestoppt, das Team entlassen und die Aufgabe an Louise Holborn übertragen, deren 1956 erschienenes Werk seither als unhinterfragtes Referenzwerk fungiert. Mit Michel-Rolph Trouillot deutete Huhn diesen Vorgang als »Silencing of the Past« in Reinform und hob hervor, dass mit dem unveröffentlichten Hacking-Manuskript eine verhinderte Gegenerzählung für einen quellenkritischen Vergleich vorliegt.

Die Diskussion verband dies mit korpuslinguistischen Verfahren des Textvergleichs, mit denen sich Fortschreibungen, Umdeutungen und Auslassungen zwischen den Versionen systematisch nachweisen lassen, und richtete den Blick auf die noch offene Frage nach Warrens eigentlichen Motiven sowie auf die auffällige Semantik der Buchtitel zwischen geschichtswissenschaftlichem Anspruch und Rechenschaftsbericht.

Die Organisator:innen und Referent:innen des sechsten Tiny Desk Kolloquiums (v.l.n.r.: Lennart Blömer, Christoph Rass & Jessica Wehner (Organisation), David Templin, Maria Rhode, Sebastian Musch (Moderation) und Sebastian Huhn, es fehlen Lea Horstmann und Jannik Singer) (Foto: Annika Heyen)

Zur nächsten Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums laden wir Ende des Wintersemesters 2026/2027 ein!

Ankündigung: Tiny Desk Kolloquium am 2. Juli 2026: Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung

Am 2. Juli 2026 findet die sechste Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt. Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema Migrationsgeschichte vorzustellen und zu diskutieren. 

Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.

Am 2. Juli bietet das TDK unter Leitung von Dr. Sebastian Musch Einblicke in aktuelle Forschung zu Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland und Institutionen der Migrationspolitik der 80/90er Jahre. Ergänzt wird das Programm durch zwei studentische Beiträge. Der erste Beitrag – beruhend auf einer Abschlussarbeit – zu NS-Prozessen gegen Justizpersonal. Im zweiten Beitrag berichten Studierende des Projektseminars “Zwangsmigration, Flüchtlingspolitik und Gesellschaft in Niedersachsen nach dem Zweiten Weltkrieg” über ihre Arbeit und die vor kurzem veröffentlichte Ausstellung zum Altersheim für DPs in Varel.

Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

6. Tiny Desk Kolloquium: Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung
Donnerstag, 2. Juli 2026
14.00 bis 17.00 Uhr
Raum 02/E05

Die erste Ausgabe des TDK widmete sich 2023 der Kooperation mit dem Museum und Park Kalkriese. Dabei wurden  Neuigkeiten aus der Konfliktlandschaftsforschung und der Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Ort der Varusschlacht vorgestellt.

Die zweite Veranstaltung des TDK ermöglichte den Austausch zu Perspektiven im Kontext des Einsatzes von Virtual Reality und 3-D Modellen in Forschung und Lehre.

Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.

Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.

In der fünften Ausgabe des TDK unter dem Titel “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” präsentierten junge Historiker:innen des Historischen Seminars herausragende Abschlussarbeiten und WebApp-Projekte bevor Gäste und NGHM-Mitarbeitende Einblicke in ihre Forschung gaben.

*** Programm ***

6. Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, 2. Juli 2026, 14-17 Uhr, Raum 02/E05

Begrüßung und Einleitung: Dr. Sebastian Musch

Lennart Blömer
Die Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal

Studierende des Projektsseminars
Closed Case? Das Altersheim für Displaced Persons in Varel 1950 bis 1959 – Studierende berichten

Dr. Maria Rhode
Studieren unter besonderen Bedingungen. DPs an der Universität Göttingen 1946-1950

Dr. David Templin
Multikulturalismus und die Stadt. das Frankfurter “Amt für multikulturelle Angelegenheiten” und seine kommunalen Netzwerke in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren

Dr. Sebastian Huhn
„The archives must be considered dangerous“. Zum umkämpften Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes

Invitation: Lecture by Dr Samantha Knapton on Queer Experiences of Displacement, 4 June

On June 4 (6:30 pm), the Working Group on Modern History and Historical Migration Studies warmly invites you to a public evening lecture at 15/130. Samantha Knapton from the University of Nottingham will deliver a lecture in English titled “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe.”

Samantha Knapton (Foto: privat)

Samantha Knapton (University of Nottingham) is an Assistant Professor in History specializing in central and east-central Europe, displacement, and humanitarianism. She earned her PhD from Newcastle University (2019) and worked at the University of East Anglia. Her research includes a 2023 monograph on Polish displaced persons in post-war Germany and co-editing a volume on the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). She has held a fellowship in Warsaw and published widely on displacement, repatriation, and Anglo-Polish-German relations.

Abstract

The Second World War affected queer people in unique ways: from the destruction of social structures to a change in culture resulting in a new wave of discrimination, to criminalisation and persecution. These factors, compounded by the challenges of war, produced decades of queer displacement as planners sought to ‘recivilize’ in the wake of war. For those who were both queer and displaced the end of the war did not end their displacement but rather reinforced their exclusion from the great postwar reconstruction efforts. This paper will contextualise the place of those who were doubly marginalized in allied occupied Europe, and further explore how we can recover histories of those ‘twice displaced’ – from their homes and their lives – through extant sources.

The lecture is open to the public.

NGHM liest | 04 | Barbara W. Tuchman: The Guns of August (1962)

Kann ein Geschichtsbuch einen Atomkrieg verhindern? Barbara W. Tuchmans The Guns of August, der vierte Titel der NGHM-Leseliste, gewählt aus dem Feld Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung, erzählt die ersten dreißig Tage des Ersten Weltkriegs als Geschichte von Fehlkalkulationen, institutioneller Trägheit und der Eigendynamik militärischer Pläne. Dass John F. Kennedy das Buch wenige Monate vor der Kubakrise las, macht es zu einem singulären Fall: einem historischen Text, dessen politische Wirkung sich datieren lässt.

Barbara Wertheim Tuchman (1912–1989), US-amerikanische Historikerin und Autorin von The Guns of August (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Mai 1910, London: Die Könige und Staatsoberhäupter Europas versammeln sich zum Begräbnis Eduards VII. Mit dieser Szene eröffnet Tuchman ihr Buch: ein letztes Gruppenbild der alten Ordnung, bevor vier Jahre später ebenjene Bündnisse, die diese Ordnung zusammenhielten, Europa in den Krieg reißen sollten. Von diesem symbolischen Endpunkt aus führt der Text durch die Kriegspläne der Großmächte: den Schlieffen-Plan, den französischen Plan XVII, die russische Mobilmachung, die Entsendung der britischen Expeditionsstreitkräfte. Dann schildert Tuchman den August 1914 selbst, die Kampfhandlungen um Lüttich, die Grenzschlachten, die Zerstörung Löwens, die Verfolgung der Kriegsschiffe Goeben und Breslau im Mittelmeer, Tannenberg an der Ostfront, bis zur Ersten Marneschlacht. Am Ende steht die These, dass diese dreißig Tage den Stellungskrieg und damit den weiteren Verlauf des Jahrhunderts determinierten.

Tuchman kam nicht aus der Universität. Sie kam aus dem Journalismus und einer politisch verflochtenen Familie, die selbst Teil der Geschichte war, die sie beschrieb. Geboren 1912 in eine einflussreiche New Yorker Familie (ihr Großvater Henry Morgenthau Sr. war US-Botschafter im Osmanischen Reich, ihr Vater Maurice Wertheim Bankier und Eigentümer von The Nation), erwarb sie 1933 am Radcliffe College einen Bachelor in History and Literature, arbeitete als Auslandskorrespondentin im Spanischen Bürgerkrieg und während des Zweiten Weltkriegs im Office of War Information. Ein Promotionsstudium schloss sie nie an, was sie später selbst als Befreiung von akademischen Zwängen beschrieb. Stattdessen verfolgte sie bewusst einen literarischen Zugang zur Geschichtsschreibung, recherchierte an der New York Public Library, der Library of Congress, dem British Public Record Office und der Bibliothèque Nationale und bereiste die Schlachtfelder Belgiens und Frankreichs mit einem gemieteten Renault. The Guns of August erschien Ende Januar 1962, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Die politische Wirkung trat wenige Monate später ein. Kennedy, der das Buch vor der Kubakrise gelesen hatte, verwies wiederholt auf Tuchmans Warnung vor der Eskalationsdynamik militärischer Mobilmachung. Zu seinem Bruder Bobby sagte er: „I am not going to follow a course which will allow anyone to write a comparable book about this time [and call it] The Missiles of October.” Auch der britische Premierminister Harold Macmillan, den das Buch nachhaltig beeinflusst hatte, widersetzte sich im Oktober 1962 dem amerikanischen Drängen auf eine sofortige NATO-Alarmbereitschaft. Graham Allison analysierte diesen Einfluss später in Essence of Decision.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 4501-311 7.

Die akademische Rezeption fiel gespalten aus. Das Buch gewann 1963 den Pulitzer Prize for General Nonfiction und wurde zum Bestseller; 1998 nahm die Modern Library es in ihre Liste der 100 Best Nonfiction des 20. Jahrhunderts auf. Allerdings kritisierten mehrere Historiker die Quellengrundlage: Ulrich Trumpener bemängelte im Journal of Modern History die unzureichende Nutzung von Primärquellen und urteilte, „as a scholarly contribution to the history of World War I” sei das Buch „less satisfactory”; Tuchman habe die maßgeblichen diplomatiegeschichtlichen Arbeiten von Sidney Fay, Luigi Albertini, Pierre Renouvin und anderen ignoriert und sich stattdessen auf Generalstabsgeschichten und kontroverse Memoiren gestützt. Michael Gordon (New York Times Book Review, 1963) warf ihr eine antideutsche Voreingenommenheit vor: Das Buch erwecke den Eindruck, der Krieg sei „half the result of the fecklessness of the Kaiser and half the result of the unbelievably vicious character of the German people”. Samuel R. Williamson Jr. vermisste im Sewanee Review eine Analyse von Zivil-Militär-Beziehungen und Allianzstrukturen. Sidney Fay fasste das Spannungsfeld zusammen: Tuchman habe die Geschichte falsch dargestellt, gleichwohl müssten Historiker:innen schreiben wie sie, oder sie seien „out of business”.

In Fays Diktum steckt die produktive Spannung, die das Buch für die Leseliste relevant macht. The Guns of August ist ein idealtypisches Lehrstück über die Spannung zwischen narrativer Eingängigkeit und wissenschaftlicher Komplexität: selektive Quellenverwendung, deterministische Kausalitätsannahmen, nationale Stereotype auf der einen Seite; auf der anderen ein Text, der ein Massenpublikum erreichte, politische Entscheidungen beeinflusste und eine Generation populärer Historikerinnen und Historiker prägte, darunter Margaret MacMillan, die 2014 von Tuchmans Erzählung schrieb, die Lektüre sei gewesen, als ginge Geschichte „from black and white to Technicolor”.

Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Tuchman einen Fall, der Carrs Argument zugleich bestätigt und auf die Probe stellt: Tuchmans Auswahl, der Fokus auf die Westfront, das Fehlen des serbisch-österreichischen Kriegsschauplatzes, die Dramatisierung einzelner Entscheidungsmomente formten nicht nur eine Erzählung, sondern ein politisches Werkzeug. Dass Kennedy aus dieser Erzählung eine Handlungsmaxime für die Kubakrise ableitete, zeigt, dass narrative Geschichtsschreibung politische Relevanz entfalten kann und dass die Frage, welche Vergangenheit erzählt wird, Konsequenzen für die Gegenwart hat, die über akademische Debatten hinausreichen. Später in dieser Reihe wird Eric Hobsbawms The Age of Extremes das ›kurze 20. Jahrhundert‹ analytisch rahmen, das bei Tuchman mit jenen dreißig Augusttagen begann.

Dabei bleibt ein Detail, das Tuchman erst Jahrzehnte nach der Veröffentlichung preisgab, eine Art Fußnote zur eigenen Methode: Als zweijähriges Kind befand sie sich im August 1914 auf einem italienischen Passagierdampfer im Mittelmeer, der die Verfolgung der Goeben und Breslau miterlebte, eine Episode, die sie im Buch beschrieb, ohne sich selbst als Augenzeugin zu erkennen zu geben.

Osnabrücker Studierende finden Tuchmans The Guns of August im B-Magazin unter der Signatur 4501-311 7 (OPAC).


Barbara W. Tuchman (1912–1989), The Guns of August, New York: Macmillan 1962.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 03 | Klaus J. Bade: Europa in Bewegung (2000)

Ist Migration die Ausnahme oder die Regel europäischer Geschichte? Klaus J. Bades Europa in Bewegung, der dritte Titel der NGHM-Leseliste, kommt nun aus dem Feld der Migrationsgeschichte und -theorie und beantwortet diese Frage mit einer umfassenden Synthese, die Wanderungsbewegungen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart als Strukturmerkmal der europäischen Moderne sichtbar macht, nicht als Störung, sondern als Normalfall.

Klaus Jürgen Bade (*1944), deutscher Historiker und Autor von Europa in Bewegung (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als das Buch 2000 bei C.H. Beck erschien, war Bade Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und Initiator des dort 1991 gegründeten Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Wissenschaft und kritische Politikbegleitung gingen bei ihm Hand in Hand: Der Historiker, der die europäische Migrationsgeschichte schrieb, hatte mit dem von ihm 1993 initiierten Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung und dem 1998 gegründeten Rat für Migration bereits vor Europa in Bewegung die bundesdeutsche Einwanderungsdebatte mitgeprägt. Eberhard Seidel empfahl den Band denn auch in der taz als „Begleitlektüre” für die Arbeit der rot-grünen Bundesregierung an einer neuen Einwanderungsgesetzgebung. Europa in Bewegung erschien in der internationalen Reihe „Europa bauen”, die Jacques Le Goff herausgab und die bei C.H. Beck, Basil Blackwell, Crítica, Laterza und Le Seuil gleichzeitig veröffentlicht wurde, ein Rahmen, der den europäischen Anspruch des Buches programmatisch unterstrich.

Die Kernthese: Migration gehört zur Conditio humana. Der ›Homo migrans‹, so Bades konzeptioneller Zugriff, ist ebenso alt wie der Homo sapiens. Wanderungen sind nüchtern als notwendige Reaktionen auf ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandel zu begreifen, nicht als Anomalie, die es zu regulieren oder zu verhindern gilt.

Von diesem Grundsatz aus entfaltet das Buch eine chronologisch gegliederte Darstellung: Arbeitswanderungen und Wanderhandel im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft; transnationale und transkontinentale Wanderungen einschließlich des Massenexodus in die ›Neue Welt‹ und kolonialer Migration; Flucht, Vertreibung und Zwangsarbeit in den beiden Weltkriegen; Wanderungspolitik im Kalten Krieg, von Displaced Persons über ›Gastarbeiter‹ bis zu Asylwanderungen; schließlich der Einwanderungskontinent Europa am Ende des 20. Jahrhunderts mit Fragen der ›Festung Europa‹, kultureller Vielfalt und illegaler Einwanderung. Durchgängig verbindet Bade den Blick auf den Alltag des Migrationsgeschehens mit der Analyse staatlicher Steuerungsversuche. Das zentrale historische Argument liegt im Kontrast: die relativ ungehinderten proletarischen Massenwanderungen des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite, die politisch reglementierten Wanderungsbewegungen des 20. Jahrhunderts auf der anderen. Europa wandelte sich, in Bades Lesart, vom Aus- zum Einwanderungskontinent. Die Politik hinkte dieser Transformation beständig hinterher.

Die Rezeption fiel breit und überwiegend positiv aus. Dieter Oberndörfer sprach von einem „Standardwerk”. Rolf W. Brednich nannte Bade in einer Besprechung auf H-Soz-Kult den „bedeutendsten deutschsprachigen Migrationshistoriker” und das Buch eine „transnationale Migrationstopographie”. Steve Hochstadt besprach es in der American Historical Review, Ludger Pries in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Karine Rance in der Revue de l’IFHA. Das Buch wurde ins Italienische (Laterza 2001), ins Französische (du Seuil 2002), ins Spanische (Critica 2003), ins Englische (Blackwell 2003) und ins Tschechische (Nakladatelstvi Lidové noviny 2005) übersetzt. Allerdings blieb Kritik nicht aus. Leo Lucassen monierte in der International Review of Social History, Bade greife für die Periode nach 1914 zu sehr auf Bekanntes zurück und lasse systematische Längsschnittanalysen zu zentralen Themenfeldern vermissen; ein stärker thematischer Ansatz hätte noch mehr erbracht. Brednich merkte an, der Sprachstil sei für ein an breite Kreise gerichtetes Buch manchmal zu kompliziert. Jürgen Schmidt kritisierte, die Darstellung nehme sich keine Zeit, auf die Schicksale hinter den ›Wanderungsexistenzen‹ zu blicken: Einzelne Migrationsbiographien fehlten nahezu völlig.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 5031-064.

In einer der seltenen persönlichen Passagen schildert Bade das Migrationsschicksal einer Vogelsberger Bauernfamilie, die nach Essen und Paris ging. Eine Fußnote verrät, dass die Ausführungen familiengeschichtlichen Quellen im Besitz des Verfassers entstammen. Der Strukturhistoriker, der sonst konsequent auf Einzelschicksale verzichtet, machte bei seiner eigenen Familie die einzige Ausnahme.

Was das Buch für die Leseliste bedeutet, liegt weniger in den einzelnen Befunden als in der Perspektivverschiebung, die es vollzieht. Bade legte damit die erste epochenübergreifende deutschsprachige Synthese der europäischen Migrationsgeschichte vor; international hatte nur Leslie Page Moch mit Moving Europeans (1992) einen vergleichbaren Anlauf genommen, dort allerdings auf Westeuropa seit 1650 begrenzt. Bade etablierte den Rahmen, in dem Migration als gesamteuropäisches Strukturphänomen analysierbar wurde, nicht als nationales Sonderproblem. Wer Carrs Einsicht aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Bade ein Anwendungsbeispiel von erheblicher Tragweite: Die Entscheidung, Migration als Normalfall statt als Krisenphänomen zu rahmen, verändert nicht nur die Darstellung, sie verändert, welche Quellen überhaupt als relevant gelten und welche Fragen gestellt werden. Später in dieser Reihe wird Mark Wymans DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 einen spezifischen Ausschnitt jener Nachkriegswanderungen behandeln, die bei Bade in den größeren Bogen der europäischen Migrationsgeschichte eingebettet sind.

Osnabrücker Studierende finden Bades Europa in Bewegung in der B Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LLN 5031-064 (OPAC).


Klaus J. Bade (1944–), Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck 2000.


Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 02 | Christopher R. Browning: Ordinary Men (1992)

Wer waren die Täter des Holocaust? Christopher R. Brownings Ordinary Men, der zweite Titel der NGHM-Leseliste, diesmal aus dem Feld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung gewählt, gibt eine Antwort, die bis heute irritiert: keine Dämonen, keine Fanatiker, sondern Hamburger Reservepolizisten mittleren Alters: Familienväter aus der Arbeiter- und unteren Mittelschicht, die unter dem Druck von Konformität und Gehorsam zu Massenmördern wurden.

Christopher Robert Browning (*1944), US-amerikanischer Historiker und Autor von Ordinary Men (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Geboren 1944 in Durham, North Carolina, studierte Browning Geschichte am Oberlin College und promovierte 1975 an der University of Wisconsin–Madison, wo George L. Mosse zu einem wichtigen Mentor für ihn wurde. Als er Ordinary Men 1992 veröffentlichte, lehrte er an der Pacific Lutheran University in Tacoma und hatte sich bereits mit The Final Solution and the German Foreign Office (1978) sowie The Path to Genocide (1992) als Holocaust-Forscher etabliert. Das Material, auf dem das Buch aufbaut, stammt aus einer Quelle, die erst die westdeutsche Justiz erschlossen hatte: Aussagen von Tätern in Vernehmungsprotokollen der Hamburger Staatsanwaltschaft aus den 1960er Jahren, in denen 210 ehemalige Angehörige des Reservepolizeibataillons 101 über ihre Einsätze im besetzten Polen sprachen. Browning las diese Protokolle nicht als Jurist, der nach strafrechtlicher Verantwortung fragte, sondern als Historiker, der verstehen wollte, wie Tötungsbereitschaft entsteht.

Das Buch setzt mit einer Szene ein, die das gesamte Argument trägt. Am 13. Juli 1942 erhielt das Bataillon in Józefów den Befehl, rund 1.500 jüdische Frauen, Kinder und Alte zu erschießen. Der Kommandeur, Major Wilhelm Trapp (von seinen Männern ›Papa Trapp‹ genannt), weinte vor der versammelten Truppe, als er den Befehl verlas. Er bot den älteren Männern an, sie von der Aktion befreien zu lassen. Von rund 500 Männern traten weniger als zwölf hervor. Trapp selbst blieb dem Massaker fern.

Von diesem Ausgangspunkt aus rekonstruiert Browning chronologisch die Einsätze des Bataillons zwischen Juli 1942 und dem ›Erntefest‹-Massaker im November 1943: mindestens 38.000 Jüdinnen und Juden erschossen und 45.000 nach Treblinka deportiert. Dabei identifiziert er drei Gruppen unter den Tätern: eine Kerngruppe eifriger Mörder, eine Mehrheit, die pflichtgemäß, allerdings ohne Initiative, tötete, und eine kleine Minderheit, die sich der Teilnahme entzog. Im abschließenden analytischen Kapitel zieht Browning sozialpsychologische Forschung heran: Milgrams Gehorsamsexperimente erklären den Mechanismus der Autoritätsbindung, und in Zimbardos Stanford-Prison-Experiment erkennt Browning eine ausdrückliche Parallele zu den drei Tätergruppen des Bataillons. Die Schlussfrage verdichtet das Argument: „If the men of Reserve Police Battalion 101 could become killers under such circumstances, what group of men cannot?”*

Die Gegenrede kam schnell, und sie fiel scharf aus. Daniel Jonah Goldhagen kritisierte Brownings Interpretation bereits im Juli 1992 in The New Republic und legte 1996 mit Hitler’s Willing Executioners eine Gegenthese vor: Nicht situative Dynamiken, sondern ein spezifisch deutscher ›eliminatorischer Antisemitismus‹ hätten die Täter angetrieben. Browning habe die Mörder fälschlicherweise als universell austauschbare ›ordinary men‹ dargestellt. Bei einem öffentlichen Symposium am United States Holocaust Memorial Museum im April 1996 trafen beide Positionen direkt aufeinander; die Fachwelt bewertete die Debatte überwiegend zugunsten Brownings. Historiker wie Hans-Ulrich Wehler, Yehuda Bauer und Norbert Frei kritisierten Goldhagens Buch grundlegend. Browning selbst reagierte 1998 mit einem Nachwort in einer Neuauflage.

Zu finden in der UB UOS unter der Signatur 6135-944

Gleichwohl endete die Debatte nicht mit dieser Replik. In seiner Rezension von Richard J. Evans’ Hitler’s People (2024) hatte Neal Ascherson Evans’ Befund über ideologisch geschulte Freiwillige in der Ordnungspolizei auf Brownings Forschungen angewendet und von einer Schwächung von Brownings Schlussfolgerungen gesprochen. Browning antwortete mit einem Leserbrief in der New York Review of Books vom 26. Juni 2025 und stellte klar, dass das Reservepolizeibataillon 101 gerade nicht dem Muster ideologisch vorselektierter Verbände entsprach, sondern aus nachgezogenen Wehrpflichtigen bestand — und damit die Generalisierbarkeit seiner These bestätigte, nicht widerlegte. Doris Bergen kritisierte in der Festschrift Beyond „Ordinary Men” (Thomas Pegelow Kaplan u.a. Hg., Schöningh 2019) die Vernachlässigung von Genderfragen bei der Analyse der Gewaltdynamiken. Allgemeiner wurde eingewandt, Brownings Fokus auf situative Erklärungsfaktoren riskiere, die individuelle Verantwortung der Täter zu relativieren.

Gerade die Einwände kennzeichnen die Produktivität des Textes. Ordinary Men gilt als ein Gründungswerk der modernen Täterforschung und hat die Geschichtsschreibung zum Holocaust grundlegend verschoben: weg von der Dämonisierung einer kleinen NS-Elite hin zur Frage, unter welchen Bedingungen ›ganz normale‹ Menschen töten. Eine internationale Konferenz zu Brownings 75. Geburtstag im Oktober 2019 in Münster würdigte das Buch als Meilenstein der Täterforschung; in der Polizeiausbildung wird es als Lehrmaterial eingesetzt. Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst nimmt, dass Historiker:innen nicht neutrale Sammler:innen von Fakten, sondern aktive Interpret:innen sind, findet bei Browning ein radikales Anwendungsbeispiel: Dieselben Vernehmungsprotokolle, die Browning als Beleg für situative Täterdynamiken las, las Goldhagen als Beleg für kulturellen Antisemitismus. Nicht die Quellen allein machen die Debatte, sondern die Fragen, mit denen Historiker:innen an sie herantreten.

Später in dieser Reihe wird Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors die Frage nach den Mechanismen von Gewalt aus einer soziologischen Perspektive stellen, wobei Brownings historische Rekonstruktion in eine andere analytische Sprache übersetzt wird. Brownings Text bleibt indes ein zentraler Ausgangspunkt, an dem sich die Täterforschung seit mehr als drei Jahrzehnten abarbeitet — nicht, weil seine Antworten unbestritten wären, sondern weil seine Frage so grundlegend ist.

Osnabrücker Studierende finden Brownings Ordinary Men im B-Magazin unter der Signatur 4645-746 8 (OPAC).

Christopher R. Browning (1944–), Ordinary Men: Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York: HarperCollins 1992.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden (Link öffnet in einem neuen Tab).


*Dank geht an Clemens Villinger für die aufmerksame Lektüre & seinen Hinweis zur Präzisierung des Beitrags.

NGHM liest | 01 | Edward Hallett Carr: What is History? (1961)

Mit Edward Hallett Carrs What is History? beginnt unsere Reihe „NGHM liest“ in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Carrs sechs Vorlesungen, 1961 in Cambridge gehalten und über BBC Radio ausgestrahlt, formulierten eine Frage, die seither jede Generation von Historiker:innen neu beantworten muss: Was genau tun wir, wenn wir Geschichte schreiben?

Edward Hallett Carr (1892–1982), britischer Historiker und Autor von What is History? (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Wer war der Mann, der diese Frage stellte? Edward Hallett Carr (1892–1982) kam nicht auf dem klassischen Weg zur Geschichtswissenschaft. Er studierte Classics am Trinity College, Cambridge, trat 1916 in den diplomatischen Dienst ein und nahm an der Pariser Friedenskonferenz 1919 teil. Ab 1936 lehrte er als Woodrow Wilson Professor of International Politics am University College of Wales, Aberystwyth; danach folgten Jahre als Assistant Editor bei The Times, eine Tutorship am Balliol College, Oxford, und schließlich die Rückkehr nach Cambridge als Fellow des Trinity College. Sein Hauptwerk ist die vierzehnbändige Reihe A History of Soviet Russia, die zwischen 1950 und 1978 erschien. Politisch hatte sich Carr über die Jahrzehnte hinweg nach links bewegt; intellektuell positionierte er sich als Gegner des naiven Empirismus. Als er im Januar 1961 die George Macaulay Trevelyan Lectures hielt, sprach also kein Theoretiker im Elfenbeinturm, sondern ein Diplomat, Journalist und Großprojekt-Historiker, der die Praxis seines Faches aus mehreren Perspektiven kannte.

Die Kernthese ist schnell formuliert, aber schwer zu widerlegen. Geschichte sei kein bloßes Sammeln objektiver Fakten, sondern ein fortlaufender Prozess der Interaktion zwischen Historiker:innen und ihren Quellen: ein unendlicher Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Carr unterscheidet dabei scharf zwischen ›facts of the past‹ und ›historical facts‹: Letztere werden erst durch die Auswahl und Interpretation der Forschenden zu solchen. Die berühmt gewordene Aufforderung im ersten Kapitel bringt das auf den Punkt: „Study the historian before you begin to study the facts.”

Ein echtes Buch: Signatur in der UB UOS Signatur 4093-643 5.

In sechs Kapiteln entfaltet Carr dieses Argument systematisch: vom Verhältnis der Historiker:innen zu ihren Fakten über die Wechselbeziehung von Individuum und Gesellschaft, die Frage, ob Geschichte eine Wissenschaft sei und welche Rolle moralischen Urteilen zukommt, das Problem historischer Kausalität bis hin zur Idee des Fortschritts als Grundlage des historischen Denkens. Das abschließende Kapitel synthetisiert die Thesen und plädiert für eine zukunftsgerichtete Geschichtswissenschaft, die die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt ernst nimmt. Dabei schlägt Carr einen Mittelweg ein: weder naiver Empirismus, der an die Objektivität der ›Fakten‹ glaubt, noch absoluter Relativismus, der jede Aussage über die Vergangenheit für beliebig erklärt.

Die Gegenrede ließ nicht auf sich warten. Geoffrey Elton attackierte in The Practice of History (1967) Carrs Unterscheidung zwischen ›historical facts‹ und ›facts of the past‹ als Ausdruck einer arroganten Haltung gegenüber der Vergangenheit; er sah in Carrs Fortschrittsidee eine säkulare Version mittelalterlicher Heilsgeschichte, in der ›Progress‹ die Rolle Gottes übernehme. Hugh Trevor-Roper griff in Encounter (1962) Carrs Desinteresse an kontrafaktischen Szenarien an und bezeichnete Historiker:innen, die nur die Sieger der Geschichte untersuchten, als „bad historians”. Isaiah Berlin kritisierte 1962 im New Statesman unter dem Titel „Mr Carr’s Big Battalions” Carrs Umgang mit individueller Motivation und moralischem Urteil. Spätere Generationen haben eine weitere Leerstelle markiert: die exklusiv maskuline Sprache des Buches und Carrs weitgehendes Desinteresse an Genderfragen.

Was bleibt? Carrs Einsicht, dass Historiker:innen nicht neutrale Sammler:innen objektiver Fakten, sondern aktive Interpret:innen sind, deren Auswahl von ihrer Gegenwart geprägt wird, gehört heute zum Grundbestand des historiographischen Denkens. Das Buch hat sich weltweit über eine Viertelmillion Mal verkauft. Richard J. Evans verortete es in seiner Einleitung zur Neuausgabe von 2001 im Kontext der epistemologischen Debatten des späten 20. Jahrhunderts; David Cannadine edierte 2002 den Nachfolgeband What is History Now?, in dem zehn Historiker:innen Carrs Frage für eine neue Generation beantworteten (darunter Alice Kessler-Harris mit dem Kapitel „What is Gender History Now?”, das gerade an Carrs Blindstelle ansetzt).

Gleichwohl steckt in Carrs Formel vom ›unendlichen Dialog‹ eine Spannung, die das Buch selbst nicht auflöst: Wenn die Gegenwart bestimmt, welche Fakten zu ›historischen Fakten‹ werden, wer entscheidet dann, welche Gegenwarten zählen, und welche Vergangenheiten schweigen? Wer Carrs Argument ernst nimmt, wird sich später in dieser Reihe fragen, was passiert, wenn Michel-Rolph Trouillots Silencing the Past genau an diesem Punkt ansetzt und die Machtförmigkeit jener Auswahl untersucht, die Carr noch als Dialog beschrieb.


Osnabrücker Studierende finden Carrs What is History? in deutscher Übersetzung in der Bereichsbibliothek Alte Münze (Freihand) unter der Signatur 4093-643 5 (OPAC).

Edward Hallett Carr (1892–1982), What is History? The George Macaulay Trevelyan Lectures Delivered in the University of Cambridge January–March 1961, London: Macmillan 1961 (Neuausgabe mit Einleitung von Richard J. Evans: Basingstoke: Palgrave Macmillan 2001).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück (Prof. Dr. Christoph Rass), in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann auch als Wissensgraph online erkundet werden.

HistOS lädt ein | Forum HistOS im Sommersemester 2026: Quo Vadis?!

Das „Forum HistOS – Mehr als nur Geschichte(n)” geht in sein drittes Semester. Seit seiner Gründung im Sommersemester 2025 hat es sich als ein epochenübergreifender Gesprächsraum des Historischen Seminars der Universität Osnabrück bewährt: ein Ort, an dem Studierende, Hilfskräfte und Mitarbeitende gemeinsam über das nachdenken, was die Geschichtswissenschaft ausmacht, was sie kann und was sie soll. Dabei hat das Forum bewusst auf Vielfalt gesetzt. Im Wintersemester 2025/26 reichte das Spektrum von Thomas Vogtherrs Vortrag zu mittelalterlichen Wissensorten in Osnabrück über eine Roundtable-Diskussion zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft (mit Barbara Hanke, Christiane Kunst, Christoph Mauntel, Christoph Rass und Siegrid Westphal) bis hin zu Markus Zagermanns Einblicken in die römerzeitliche Konfliktarchäologie. Vorträge, Diskussionsrunden, interne Gespräche: Diese Formatbreite war gewollt und ist es weiterhin.

Zugleich stellt sich nach mehreren Semestern eine grundsätzliche Frage: Wie soll es weitergehen? Genau hier setzt der Auftakt am 15. April 2026 an. Unter dem Titel „Was tun?! Perspektiven des Forums HistOS” lädt die erste Sitzung des Sommersemesters alle Interessierten ein, gemeinsam Bilanz zu ziehen und Perspektiven zu entwickeln: Welche Formate haben sich bewährt, welche nicht? Welche Themen sollte das Forum künftig aufgreifen? Wie lässt sich ein Raum gestalten, der ebenso für Erstsemester wie für langjährige Mitarbeitende produktiv ist? Es geht nicht um organisatorische Routinen. Es geht um die Frage, was ein solches Forum für ein Historisches Seminar leisten kann, das sich als akademische Lehr-, Lern- und Forschungsgemeinschaft begreift.

Zwei weitere Termine folgen am 20. Mai und am 17. Juni 2026. Alle Sitzungen finden mittwochs um 18:15 Uhr in Raum 15/130 statt.

Wer das Forum bislang nicht kennt oder bisher nur aus der Ferne beobachtet hat, findet am 15. April einen guten Einstieg. Gerade weil an diesem Abend nicht vorgetragen, sondern gemeinsam nachgedacht wird, sind neue Stimmen besonders willkommen. Insgesamt lebt das Historische Seminar davon, dass seine Angehörigen bereit sind, über den Rand der eigenen Epoche hinauszublicken, und das Forum HistOS schafft dafür den Rahmen. Wir freuen uns auf alle, die am 15. April dabei sind und mitdiskutieren.

Hin und wieder zurück | Nürnberg zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus – Eine Exkursion in die historischen Schichten einer Stadt

Vom 17. bis 19. März 2026 führte eine gemeinsame Exkursion der Professur für die Geschichte des Mittelalters (Christoph Mauntel) und der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (Christoph Rass) der Universität Osnabrück nach Nürnberg: in eine Stadt, die wie kaum eine andere in Deutschland Schichten von Vergangenheit und Geschichte nicht nur konserviert, sondern auch permanent neu verhandelt.

Mittelalterliche Reichsstadt, Inszenierungsort nationalsozialistischer Herrschaft, Geburtsstätte des Völkerstrafrechts, Schauplatz aktueller Debatten um den Umgang mit historisch belasteter Architektur: Nürnberg verdichtet diese Phänomene auf engem Raum. Unter der Leitung von Christoph Rass (Neueste Geschichte) und Christoph Mauntel (Mittelalterliche Geschichte) erkundeten Studierende des Historischen Seminars über drei Tage hinweg neun Stationen in Nürnberg und Fürth.

Das Programm war dabei bewusst interdisziplinär angelegt und setzte sowohl die mediävistische als auch die zeithistorische Perspektive auf die Stadt in ein produktives Spannungsverhältnis. Es folgte zugleich einer Grundüberlegung, die sich als roter Faden durch alle drei Tage zog: Was wir in Nürnberg als historische Bausubstanz wahrnehmen, ist ganz überwiegend nachgebaut. Die Frage, was ›authentisch‹ ist, was inszeniert und was rekonstruiert, erwies sich dabei als weniger selbstverständlich als die pittoreske Oberfläche der Stadt suggeriert.

Tag 1: Kritische Perspektiven auf globale Vernetzung

Das Germanische Nationalmuseum. (Foto: Adrian Kuhnt)

Den Ausgangspunkt bildete am Nachmittag des 17. März eine Führung durch die Sonderausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300–1600″ im Germanischen Nationalmuseum, dem mit über 1,3 Millionen Objekten größten kulturhistorischen Museum des deutschen Sprachraums. Auf rund 1.000 Quadratmetern machten etwa 200 Exponate von 25 Leihgebern die globalen Vernetzungen der frühneuzeitlichen Handelsmetropole sichtbar.

Im Zentrum stand zu Beginn des Besuchs der Behaim-Globus von 1492/93: die älteste erhaltene Darstellung der Erde in Kugelform (seit 2023 UNESCO-Weltdokumentenerbe), zugleich eine Weltkarte ohne Amerika, denn Kolumbus landete zeitgleich auf den Bahamas, und der Erdumfang war mit nur 29.000 Kilometern dramatisch unterschätzt. Die Ausstellung selbst zeigte, wie Nürnberger Goldschmiede Kokosnüsse und Straußeneier aus dem Indischen Ozean verarbeiteten und Motive Albrecht Dürers in der indischen Buchmalerei rezipierten. Allerdings richtete sie den Blick auch auf die Schattenseiten dieser Vernetzung: Nürnberger Handelshäuser waren nicht nur am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt, sondern führten gemeinsam mit den Portugiesen an der ostafrikanischen Küste blutige Wirtschaftskriege. Dass die Erwerbungsgeschichte des Behaim-Globus selbst historisch belastet ist (1937 wurde er mit Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters Willy Liebel und Adolf Hitlers für das GNM erworben), verdeutlichte bereits am ersten Tag die für Nürnberg charakteristische Verschränkung von Kultur und politischer Instrumentalisierung.

Pforte zur Straße der Menschenrechte vor dem Germanischen Nationalmuseum (Foto: Adrian Kuhnt)

Von dort führte der Weg zur Straße der Menschenrechte, dem 1993 eingeweihten begehbaren Kunstwerk des israelischen Künstlers Dani Karavan: 27 weiße Betonsäulen, jeweils acht Meter hoch, tragen gekürzte Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in jeweils zwei Sprachen. Karavan, der Familienangehörige in der Shoah verloren hatte, empfand die Entscheidung, Kunst in der ehemaligen ›Stadt der Reichsparteitage‹ und der Nürnberger Rassengesetze zu schaffen, als zutiefst persönliche Herausforderung. Gleichwohl verstand er das Werk als „moralischen Gegenpol zur Nürnberger Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts”. Tatsächlich gilt die Einweihung der Straße als Geburtsstunde des internationalen Menschenrechtsprofils der Stadt, das sich in der Folge zum Nürnberger Menschenrechtspreis (seit 1995) und zum Internationalen Filmfestival der Menschenrechte verdichtete. Im Oktober 2018 verlieh Nürnberg Karavan die Ehrenbürgerschaft. Er starb am 29. Mai 2021 in Tel Aviv.

Der erste Tag endete in der Fränkischen Weinstube im Handwerkerhof am Königstor: einer 1971 zum 500. Geburtstag Albrecht Dürers errichteten, als temporäre Attraktion gedachten Inszenierung eines ›mittelalterlichen‹ Handwerkerstädtchens, die nie abgerissen wurde und seit über 50 Jahren das Erste ist, was viele Touristen von Nürnberg sehen. Der Ort warf damit bereits am ersten Abend die Grundfrage der gesamten Exkursion auf, die sich als grundsätzlich für das Verständnis der Stadt erwies: Nürnbergs Altstadt ist zu 90 Prozent Nachkriegsrekonstruktion, die Kaiserburg wurde nach NS-zeitlichen Umbauplänen wiederaufgebaut, und der Handwerkerhof ist ein Fantasie-Mittelalter aus den Siebzigerjahren. Was ist echt, was ist Konstruktion, und wer entscheidet darüber?

Panorama der Nürnberger “Altstadt”. (Foto: Adrian Kuhnt)

Tag 2: Mittelalterrezeption, NS-Propaganda und Lagergeschichte

Der zweite Tag war thematisch am dichtesten der gesamten Exkursion. Er begann mit einem Altstadtrundgang, der die Spannung zwischen Nürnbergs mittelalterlicher Geschichte und deren nahezu vollständiger Zerstörung am 2. Januar 1945 erfahrbar machte. Die Dimension dieser Zerstörung lässt sich in Zahlen fassen: 521 Lancaster-Bomber der RAF warfen innerhalb einer Stunde 6.000 Sprengbomben und über eine Million Brandbomben ab; 90 Prozent der mittelalterlichen Altstadt wurden zerstört, 1.800 Menschen starben, 100.000 wurden obdachlos. Die anschließende Entscheidung für einen Mittelweg zwischen modernem Wiederaufbau und historischer Rekonstruktion (ikonische Gebäude wie das Albrecht-Dürer-Haus wurden wiederhergestellt, neue Bauten in Maßstab und Charakter angepasst, ohne Kopien zu sein) prägt das Stadtbild bis heute und verkompliziert zugleich jede einfache Unterscheidung zwischen ›original‹ und ›rekonstruiert‹. Ganz aktuell sorgen archäologische Funde für Aufsehen: 2024 wurde im Stadtzentrum eines der größten jemals ausgegrabenen Massengräber Europas entdeckt (rund 1.000 Skelette von Pestopfern aus der Epidemie von 1632/33 mit einer ungewöhnlichen grünen Färbung durch Kupferoxid), und bei Grabungen am Hauptmarkt fanden sich in einer Schicht aus dem 12. Jahrhundert türkis glasierte Keramikscherben aus Raqqa in Nordsyrien, die Nürnbergs frühe Rolle im Fernhandel bezeugen.

Auf der Kaiserburg verdichtete die Führung „Kaiserburg und Hakenkreuz” von Geschichte für Alle e.V. das zentrale Thema des Tages: die nationalsozialistische Instrumentalisierung mittelalterlicher Symbolik zur Legitimation des Regimes. Ab 1933 erklärten die Nationalsozialisten Nürnberg zur ›Stadt der Reichsparteitage‹ und nutzten die mittelalterliche Burg gezielt als Propagandakulisse. Albert Speer richtete die Große Straße des Reichsparteitagsgeländes direkt auf die Kaiserburg aus: Die symbolische Verknüpfung von mittelalterlichen Reichstagen und nationalsozialistischen Masseninszenierungen wurde so architektonisch materialisiert. Das Stadtmodell von 1939, das die Gruppe vor Ort in Augenschein nahm, dokumentiert nicht nur 2.580 Gebäude aus Lindenholz im Maßstab 1:500, sondern auch die Spuren der NS-›Altstadtsanierung‹: Die am 10. August 1938 abgerissene Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz fehlt, und das Modell wird auf diese Weise zum unfreiwilligen Zeugnis der Vernichtung jüdischen Lebens in der Stadt.

Führung über das Reichsparteitagsgelände. (Foto: Adrian Kuhnt)

Den Nachmittag bestimmte die Begehung des Reichsparteitagsgeländes, das sich über 11 Quadratkilometer im Südosten der Stadt erstreckt. Der Fokus lag dabei auf einem Aspekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung des Geländes lange randständig geblieben ist: dem Kriegsgefangenenlager Stalag XIII D. Ab September 1939 in den SA-Lagergebäuden errichtet, wuchs dieses Lager zu einem riesigen Komplex an, in dem in der Spitze 150.000 Gefangene aus allen besetzten Ländern interniert waren. Nach dem Beginn des ›Unternehmens Barbarossa‹ im Juni 1941 strömten massenhaft sowjetische Kriegsgefangene ein. Mehr als 5.000 Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter liegen auf dem Nürnberger Südfriedhof in Einzel- und Massengräbern begraben; erst seit 2017 wird diese Geschichte in einem internationalen Forschungsprojekt systematisch aufgearbeitet. Deutlich wurde bei der Geländebegehung, dass das Reichsparteitagsgelände nicht nur ein Ort nationalsozialistischer Inszenierung war, sondern zugleich ein Ort von Lagerhaft, Zwangsarbeit und massenhaftem Sterben. Seine Erinnerungsschichten überlagern und kommentieren sich wechselseitig.

Nach einem langen Rundgang über das Gelände der “Reichsparteitage” blieb leider keine Zeit mehr für eine Erkundung der Interimsausstellung „Nürnberg – Ort der Reichsparteitage. Inszenierung, Erlebnis und Gewalt” im Dokumentationszentrum. Dieses ist im Nordflügel der unvollendeten Kongresshalle untergebracht, des drittgrößten erhaltenen NS-Monumentalbaus Deutschlands. Der 2001 eröffnete gläserne ›Pfahl‹ des österreichischen Architekten Günther Domenig durchbohrt den NS-Bau diagonal: ein bewusster architektonischer Bruch mit der Monumentalästhetik des Gebäudes. Die Ausstellung setzt erstmals konsequent auf die lokale Perspektive als Erzählprinzip und gliedert sich in vier ›Zeiträume‹ (1918–1933, 1933–1939, 1939–1945, 1945–2020). Gleichzeitig ist allerdings die Zukunft des Gebäudes selbst Gegenstand intensiver Debatten: Am 28. Januar 2026 hatte der Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossen, den Rundbau der Kongresshalle ab 2028 für Ateliers, Studiobühnen und eine Spielstätte des Staatstheaters auszubauen. Die Frage, ob eine solche kulturelle Umnutzung eines NS-Baus die Erinnerung belebt oder banalisiert, begleitete das abendliche Nachgespräch im Hotel.

Tag 3: Völkerstrafrecht und jüdische Geschichte

Eingangspforte des Abschnittes des Schwurgerichtssaals 600 im Nürnberger Justizpalast. (Foto: Johannes Pufahl)

Am dritten Tag führte das Programm zunächst in den Justizpalast, in den Schwurgerichtssaal 600. Hier begann am 20. November 1945 der bedeutendste Strafprozess der Geschichte: Zum ersten Mal wurden Einzelpersonen (Politiker, Militärs, Industrielle) persönlich für Völkerrechtsverbrechen vor einem internationalen Gericht zur Rechenschaft gezogen. Die hier formulierten ›Nürnberger Prinzipien‹ (individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeit, kein Schutz durch nationales Recht, kein Schutz durch Amt oder Rang, ›Befehlsnotstand‹ als kein Ausschlussgrund) bilden die direkte Linie zu den Strafgerichtshöfen für Jugoslawien (1993) und Ruanda (1995) sowie zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der am 1. Juli 2002 seine Arbeit aufnahm. 123 Staaten haben das Römische Statut ratifiziert. Bemerkenswert ist, dass Saal 600 über 100 Jahre lang als aktiver Gerichtssaal genutzt wurde; die letzte reguläre Verhandlung fand erst am 1. März 2020 statt. Das 2010 eröffnete Memorium steht vor seiner bislang größten Erweiterung: Phase 2 (geplant für 2027–2029) verdoppelt die Ausstellungsfläche um rund 635 Quadratmeter und macht erstmals das historische Beratungszimmer der alliierten Richter zugänglich. Damit positioniert es sich als einzige museale Stätte in Deutschland, die über die Geschichte des modernen Völkerstrafrechts aufklärt. Parallel dazu läuft seit Februar 2024 eine erneute UNESCO-Weltkulturerbe-Bewerbung für den gesamten Justizpalast.

Das Jüdische Museum Franken in Fürth. (Foto: Adrian Kuhnt)

Den Abschluss der Exkursion bildete der Besuch des Jüdischen Museums Franken in Fürth mit der Führung „Ein fränkisches Jerusalem”. Sie schlug den Bogen zurück zum ersten Tag und entfaltete die Frage nach Vertreibung, Koexistenz und Zerstörung des jüdischen Lebens in Franken über eine lange Dauer von mehr als fünf Jahrhunderten. 1499 hatte Kaiser Maximilian I. alle Juden aus Nürnberg vertrieben. Viele siedelten sich im nahen Fürth an, das durch seine einzigartige politische Struktur der ›Dreiherrschaft‹ (Bistum Bamberg, Markgrafschaft Ansbach, Reichsstadt Nürnberg) eine Niederlassung ohne Ghetto ermöglichte. Im frühen 19. Jahrhundert lebten fast 2.500 Jüdinnen und Juden in Fürth: rund 20 Prozent der Bevölkerung. Die Stadt besaß mehrere Synagogen, eine berühmte Talmudschule mit Studenten aus ganz Europa und ein Zentrum des hebräischen Buchdrucks. Daher der Beiname ›Fränkisches Jerusalem‹. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der gesamte Schulhof zerstört, das religiöse Zentrum der Gemeinde: ein Komplex aus Synagogen, Talmudschule, Bibliothek, Rabbinerhaus, Mikwe und koscherer Metzgerei. 300 Jahre jüdischer Geschichte wurden in einer Nacht ausgelöscht. Das Museum, 1999 eröffnet (genau 500 Jahre nach der Vertreibung aus Nürnberg), beherbergt in seinem Keller eine Mikwe aus der Zeit um 1600 und im Hinterhaus eine seltene fest eingebaute Sukka mit originaler Kassettendecke; eine Virtual-Reality-Anwendung rekonstruiert erstmals den 1938 zerstörten Schulhof. Die Führung verband sowohl die lange Geschichte des jüdischen Lebens in Franken als auch deren gewaltsame Zerstörung mit der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der musealen Rekonstruktion. Es ist eine Frage, die sich in Nürnberg an nahezu jedem Ort stellt.

Was bleibt

Insgesamt erwies sich die interdisziplinäre Ausgestaltung der Exkursion als analytisch produktiv. Die Verschränkung mediävistischer und zeithistorischer Zugänge legte eine Grundstruktur der Nürnberger Stadtgeschichte frei, die bei einer rein epochengebundenen Betrachtung unsichtbar geblieben wäre: Nürnbergs ›mittelalterliches‹ Erbe ist nicht einfach eine historische Gegebenheit, sondern eine in jeder Epoche neu verhandelte Ressource, von der Goldenen Bulle Karls IV. (1356) über die nationalsozialistische Instrumentalisierung der Kaiserburg bis zur Nachkriegsrekonstruktion und dem Fantasie-Mittelalter des Handwerkerhofs. Die Stadt arbeitet permanent an ihrem eigenen Bild.

Die Exkursionsgruppe vor dem Frauentor in Nürnberg. (Foto: Adrian Kuhnt)

Dabei verschränkten sich in Nürnberg Orte der Inszenierung und Orte des Leidens auf engem Raum. Diese Verschränkung erwies sich als Schlüssel zum Verständnis der aktuellen erinnerungspolitischen Debatten. Das Reichsparteitagsgelände war nicht nur Kulisse für Massenaufmärsche, sondern zugleich Standort eines Kriegsgefangenenlagers, in dem Zehntausende unter unmenschlichen Bedingungen interniert waren. Die Kongresshalle, als NS-Monumentalbau geplant und nie vollendet, dient heute sowohl als Dokumentationszentrum als auch, in Zukunft, als Spielstätte für Kultur. Die Debatte darüber, ob eine solche Umnutzung die Erinnerung belebt oder banalisiert, ist nicht abgeschlossen. Die 88-Millionen-Euro-Sanierung der Zeppelintribüne, die UNESCO-Bewerbung für Saal 600, der kulturelle Ausbau der Kongresshalle und die archäologischen Entdeckungen im Stadtzentrum verhandeln die Frage nach dem Umgang mit historisch belasteten Orten nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart.

Hin und wieder zurück | Digitale Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Ein Exkursionsbericht von Jule Kumbrink

Im Rahmen einer digitalen Tagesexkursion widmete sich eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück am 23. Januar 2026 der Geschichte und medialen Auseinandersetzung mit dem Konzentrationslager Neuengamme. Die von Imke Selle geleitete Exkursion stand unter besonderen Vorzeichen: Aufgrund des Wintereinbruchs mit Schnee und Eis wurde das ursprünglich geplante Format spontan in einer hybriden Form umgesetzt.

Der Einstieg in die Thematik erfolgte über eine literarische Vorbereitung. In Partnerarbeit wurde ein Text von Detlef Garbe1 diskutiert, in dem das Konzentrationslager Neuengamme als zentrales Konzentrationslager für den nordwestdeutschen Raum verortet wird. In diesem Zusammenhang wurde die historische Bedeutung des Ortes evident. Mit über 80 Außenlagern und einer Gesamtzahl von über 100.000 Häftlingen, von denen mindestens 42.900 Personen die Haft nicht überlebten,2 repräsentiert Neuengamme einen zentralen Schauplatz der NS-Verbrechen. In der Diskussion wurde insbesondere auf die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime hingewiesen. Die Stadt Hamburg verfolgte bereits seit dem Jahr 1935 Pläne für eine städtebauliche Neugestaltung des Altonaer Elbuferraums In diesem Rahmen war der Bau monumentaler Gebäude wie eines 250 Meter hohen Gauhochhauses und einer Volkshalle vorgesehen. Für diese Neugestaltung sollten in Neuengamme Klinkersteine hergestellt werden. Im Jahr 1940 schloss die Stadt einen Vertrag mit der SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) über den Bau eines großen Klinkerwerkes in Neuengamme. Im Rahmen der Exkursion reflektierten die Studierenden insbesondere die vielfältigen Zwangsarbeits-Einsätze, denen Häftlinge im KZ Neuengamme ausgesetzt waren: angefangen bei der schweren Erd- und Kanalbauarbeit an der Dove Elbe, über den Tonabbau und den Bau des Klinkerwerks bis hin zur Produktion in Rüstungsbetrieben. Diese schwersten körperlichen Arbeiten bei oft mangelnder Ernährung, langer Arbeitszeit und brutaler Bewachung machten die systematische Ausbeutung und das mit ihr verbundene Prinzip der “Vernichtung durch Arbeit” im KZ Neuengamme deutlich.

Das Klinkerwerk auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Frank Wobig)

Nach dieser theoretischen Grundlegung erfolgte die digitale Begehung des Lagers, welche in Form eines gemeinsamen 360-Grad-Rundgangs mit einem eher allgemeinen Fokus sowie mit einem Fokus auf sowjetische Kriegsgefangene in Neuengamme stattfand. Dieser Rundgang ermöglicht es, das heute weitläufige und baulich stark veränderte Gelände in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ein besonderes Angebot war die Begehung des Geländes mit Virtual Reality-Brillen für die vor Ort anwesenden Studierenden. Die Nutzung von VR-Brillen wurde zwar als innovatives und spannendes Angebot bewertet, jedoch wurde im Austausch auch eine kritische Distanz gewahrt. Die Studierenden berichteten, dass die Darstellungen in der Brille oft überlebensgroß wirkten, was dem angestrebten Gefühl, tatsächlich “vor Ort” zu sein, eher entgegenwirkte. Die Beobachtung verdeutlicht, dass Immersion in der Gedenkstättenpädagogik nicht per se zu einem besseren Verständnis führt, wenn die visuelle Skalierung eine Darstellung erzeugt, die eher eine ästhetische Wirkung als eine historisch reflektierte Rekonstruktion nahelegt.

Die VR-Brillen, mit denen die Studierenden das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme digital erkunden konnten (Foto: Imke Selle)

Auch hatten die Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen eines individuellen Rundgangs eigene Schwerpunkte innerhalb der digitalen Ausstellung zu setzen. Die digitale Ausstellung ist in zehn Kategorien unterteilt, die von der Geschichte des Standorts über den Alltag der Häftlingsgruppen bis hin zur Nachnutzung und heutigen Formen des Erinnerns reichen. Besonders hervorzuheben ist das Interesse vieler Studierender an der Nachnutzung des Geländes. Die Geschichte Neuengammes nach 1945 ist geprägt von einer langen Phase der Verdrängung. Nach dem Ende des Krieges wurde das Lager zunächst als Internierungslager durch die britischen Streitkräfte genutzt, bevor die Hamburger Justizbehörde dort 1948 ein Gefängnis eröffnete. Die Nutzung als Justizvollzugsanstalt Vierlande erstreckte sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und erschwerte den Aufbau einer angemessenen Gedenkstätte erheblich. Die Verlagerung des Gefängnisses und eine umfassende Neugestaltung des Areals konnten erst durch den Druck von Überlebendenverbänden wie der Amicale Internationale de Neuengamme und einen gesellschaftlichen Wandel in den 1980er Jahren durchgesetzt werden. Die Exkursionsgruppe erachteten diese komplexe Nachkriegsgeschichte als ein zentrales Element für das Verständnis heutiger Erinnerungskultur.

Haus des Gedenkens, die weißen Stoffbanden zeigen die Namen der Opfer nach Todesdatum aufgelistet (Foto: Frank Wobig)

Die Exkursion mündete in eine kooperative Phase, in welcher die Studierenden in Gruppenarbeit verschiedene Ausstellungsabschnitte vertieften und deren wesentlichste Merkmale präsentierten. Die Themen reichten von der Zwangsarbeit in der Ziegelproduktion über die Mobilisierung für die Kriegswirtschaft bis hin zur detaillierten Betrachtung deutscher und ausländischer Häftlingsgruppen sowie des Systems der Außenlager. Die Präsentationen verdeutlichten eindrucksvoll, in welchem Spannungsfeld das Konzentrationslager Neuengamme zu verorten ist.

Es lässt sich festhalten, dass die digitale Exkursion trotz – oder gerade wegen – ihrer hybriden Form eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort ermöglichte. Die Verbindung von theoretischer Vorbereitung durch die Texte Garbes, der individuellen Erkundung des 360-Grad-Rundgangs und der kritischen Reflexion technologischer Vermittlungsformen wie VR schärfte den Blick der Studierenden für die Komplexität der Gedenkstättenarbeit. Die digitale Begehung vermag die physische Erfahrung des Ortes nicht zu ersetzen, doch sie ermöglicht die Analyse historischer Strukturen, die vor Ort oftmals der emotionalen Wirkung des Geländes unterliegen. Ein digitaler Besuch des Lagers Neuengamme eröffnet die Möglichkeit, die historischen Narrative und ihre mediale Vermittlung kritisch zu analysieren. Auf diese Weise kann digitale Erkundung einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit im digitalen Zeitalter unterstützen.

  1. Garbe, Detlef: SS-Verbrechen in Norddeutschland. Das KZ Neuengamme, die Gedenkstätte und die Bewahrung der Erinnerung, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven, 5 (2001) S. 73-94. ↩︎
  2. Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. KZ‑Gedenkstätte Neuengamme: Geschichte, unter: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/. Zugriff: 2. März 2026. ↩︎

„Deutsche Hörer!” – Studierende entwickeln Perspektiven auf Thomas Manns Rundfunkansprachen

Studierendenkonferenz des Seminars „Deutsche Hörer! Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen als Quelle der Exil- und Migrationsgeschichte” im Wintersemester 2025/26.


Im Wintersemester 2025/26 haben Studierende der Universität Osnabrück in einem Blockseminar Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen ›Deutsche Hörer!‹ (1940–1945) nicht als literarisches Werk, sondern als historisches Dokument untersucht: als Quelle für die Geschichte erzwungener Migration und des Exils, als Material transnationaler Kommunikation unter den Bedingungen von Diktatur und Krieg, und als Gegenstand der Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Der dritte Seminartag hatte das Format einer Studierendenkonferenz: Vierzehn Vorträge, gegliedert in vier thematische Panels, präsentierten eigenständige Analysen desselben Quellenbestands und eröffneten dabei ein Spektrum an Zugriffen, das von mediengeschichtlicher Kontextualisierung über rhetorische Textanalyse und ideengeschichtliche Einordnung bis zur soziologischen Feldtheorie reichte. Der vorliegende Beitrag dokumentiert die Ergebnisse dieser Konferenz in drei Schritten: Zunächst verortet er das Seminar und seinen Gegenstand. Sodann gibt er die vierzehn Vorträge in der Reihenfolge des Programms wieder und versieht jeden Beitrag mit einer kurzen analytischen Einordnung. Daraufhin fasst er die übergreifenden Befunde zusammen, die sich aus der Zusammenschau der Beiträge ergeben.


Das Seminar und sein Gegenstand

Thomas Mann verließ Deutschland im Februar 1933 und kehrte von einer Vortragsreise nicht mehr zurück. Nach Jahren in der Schweiz emigrierte er 1938 in die Vereinigten Staaten; 1936 hatte ihm das NS-Regime die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Der Literaturnobelpreisträger von 1929 war damit zu dem geworden, was man damals als ›Emigranten‹ bezeichnete – ein Begriff, der die Perspektive der Vertreibenden übernahm und die Dimension erzwungener Migration verschleierte. Im amerikanischen Exil eignete sich Mann eine öffentliche Rolle an, die er zuvor nicht in dieser Form innegehabt hatte: Er wurde zur Stimme dessen, was er selbst und andere als das ›andere Deutschland‹ bezeichneten.

Im Herbst 1940 trat die BBC an Mann heran mit der Bitte, regelmäßig Ansprachen an die deutsche Bevölkerung zu halten. Die erste Sendung wurde am 18. Oktober 1940 ausgestrahlt; bis Mai 1945 folgten rund 55 weitere. Der Produktionsweg dokumentiert die materiellen Bedingungen dieser Form von ›Widerstandskommunikation‹: Mann sprach seine fünf- bis achtminütigen Ansprachen in einem Studio in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC auf Langwelle ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der zeigt, welche Infrastruktur notwendig war, um eine Stimme aus dem Exil in den geschlossenen Kommunikationsraum des sogenannten ›Dritten Reiches‹ zu bringen.

Das Seminar hat diese Quellengruppe bewusst aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung erschlossen. Die leitende Frage galt nicht der literarischen Qualität der Ansprachen, sondern ihrem Quellenwert für die Geschichte des Exils, der transnationalen Kommunikation und der politischen Rhetorik unter Kriegsbedingungen. Dabei stand die Spannung zwischen Ermöglichung und Begrenzung im Zentrum: Mann konnte aus dem amerikanischen Exil Dinge tun, die ihm im Reich unmöglich gewesen wären; zugleich musste er erfahren, dass seine Stimme nur unter bestimmten Bedingungen überhaupt ankommen konnte – wenn sie überhaupt ankam.

Der dritte Seminartag überführte die Ergebnisse der gemeinsamen Quellenarbeit in das Format einer Studierendenkonferenz. Das Programm gliederte die vierzehn Vorträge in vier thematische Panels: Annika Heyen moderierte das erste Panel zu Manns Wissen um den Holocaust und die alliierte Berichterstattung, Sebastian Musch leitete die ideengeschichtlichen Perspektiven des zweiten Panels, Sebastian Huhn führte durch das dritte Panel zu Demokratie, Realpolitik und Kriegsbegeisterung, und Jessica Wehner übernahm die Moderation des vierten Panels zu Rollenverständnissen und der Hörer-Redner-Beziehung. Die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass. Im Folgenden werden die Beiträge in der Reihenfolge des Programms dokumentiert.


Die Vorträge

Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung

Gesa Landwehr: „Deutsche Hörer!” als Teil des BBC German Service

Gesa Landwehr rekonstruierte den institutionellen Rahmen, in dem Manns Ansprachen entstanden, und verortete die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen im Kontext des BBC German Service als Propagandaapparat. Der Beitrag arbeitete die Doppelstruktur heraus, die Manns Position innerhalb der BBC kennzeichnete: Einerseits genoss er als Nobelpreisträger bemerkenswerte Freiheiten. Die BBC ließ ihm weitgehend freie Hand bei der inhaltlichen Gestaltung seiner Beiträge. Andererseits war er Teil einer institutionellen Struktur, die eigene propagandistische Ziele verfolgte und gelegentlich versuchte, besonders scharfe Formulierungen zu mildern. Zugleich zeigte Landwehr, dass BBC-interne Dokumente belegen, wie Manns ›Sonderstatus‹ – ein Begriff, der seine Stellung zwischen Instrumentalisierung und Autonomie markiert – immer wieder neu ausgehandelt werden musste.

Der Beitrag legte damit das institutionelle Fundament, auf dem alle weiteren Vorträge aufbauen konnten, und machte zugleich eine Spannung sichtbar, die für das gesamte Quellenkorpus konstitutiv ist: die Frage, inwieweit Mann Instrument alliierter Propaganda war und inwieweit er eine eigene Agenda verfolgte.

Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik”

Lea Horstmann untersuchte, wie Mann die nationalsozialistischen Verbrechen in seinen Ansprachen darstellte, und rekonstruierte dabei eine chronologische Entwicklung in vier Phasen – von einer zunächst abstrakten Darstellung der Verfolgung über die zunehmende Konkretisierung bis hin zur expliziten Dokumentation der Vernichtung. Die zentrale These des Vortrags lautete, dass Mann die NS-Verbrechen weniger dokumentarisch als vielmehr argumentativ einsetzte: als moralisches ›Exemplum‹, das die Hörerinnen und Hörer zur Einsicht und zum Handeln bewegen sollte. Die Grenze zwischen Aufklärung und Appell – so der Titel des Vortrags – erwies sich dabei als fließend.

Die Beobachtung, dass Mann Verbrechen nicht primär dokumentierte, sondern rhetorisch instrumentalisierte, ist ein Befund, der weit über die Quellenanalyse hinausweist und Fragen nach dem Verhältnis zwischen historischer Berichterstattung und politischer Überzeugungsarbeit aufwirft.

Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen

Felix Ruholl verfolgte die Entwicklung von Manns Holocaust-Berichterstattung chronologisch und identifizierte drei Phasen: eine Phase vager Andeutungen, eine Phase zunehmender Konkretisierung und schließlich eine Phase der direkten Konfrontation mit dem Ausmaß der Vernichtung. Der analytisch produktivste Befund lag in der sogenannten ›Spiegelthese‹: Ruholl argumentierte, dass Manns Berichterstattung nicht seiner individuellen Erkenntnislage folgte, sondern weitgehend den Informationsstand der amerikanischen Öffentlichkeit spiegelte – die ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen wären demnach weniger ein Dokument exklusiven Wissens als vielmehr ein Gradmesser für die öffentlich verfügbare Information über den Genozid.

Die ›Spiegelthese‹ ist ein starkes Argument, das die Frage aufwirft, ob die Ansprachen als Quelle für die Wissensgeschichte des Holocaust gelesen werden können, und wenn ja, für wessen Wissen: das der amerikanischen Öffentlichkeit, das der Exilgemeinschaft oder das der BBC?

Anna Louisa Asbrock: „‚[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat’ – Die Darstellung des Nationalsozialismus”

Anna Louisa Asbrock analysierte Manns Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Systems und identifizierte drei analytische Zugriffe, die Mann in seinen Ansprachen miteinander verschränkt: die Kritik an der NS-Propaganda, die Dokumentation der Gewalt und die Personalisierung des Systems in der Figur Hitlers. Dabei zeigte der Vortrag, dass Mann den Nationalsozialismus nicht nur als politisches Regime, sondern als zivilisatorischen Bruch darstellte, eine Deutung, die das System als Ganzes delegitimierte, zugleich allerdings die Frage aufwarf, inwieweit Manns eigene Darstellungsstrategien – insbesondere die Personalisierung – den Strukturen ähnelten, die er am Regime kritisierte.

Die Beobachtung einer strukturellen Ähnlichkeit zwischen Manns rhetorischen Mitteln und denen der NS-Propaganda ist ein Befund, der in der Abschlussdiskussion der Konferenz eine zentrale Rolle spielen sollte.

Felix Ruholl, Lea Horstmann, Anna Louisa Asbrock, Gesa Landwehr und Annika Heyen im Gespräch mit dem Plenum (Foto: Jessica Wehner)

Panel II – Das „Böse”, die „Zivilisation” und der „Humanismus”: Ideengeschichtliche Perspektiven

Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische” – Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen

Gloria Sherif untersuchte, mit welchen sprachlichen Mitteln Mann das ›Böse‹ als analytische Kategorie in den Ansprachen konstruierte, und identifizierte drei rhetorische Strategien: Ironie, die Aneignung von ›Feindsprache‹ – also die bewusste Übernahme und Umcodierung nationalsozialistischer Begriffe – und eine Verurteilungsrhetorik, die das NS-Regime als Manifestation des schlechthin Teuflischen markierte. Dabei zeigte der Vortrag, dass Manns Konzeption des ›Bösen‹ nicht primär theologisch, sondern ästhetisch-moralisch grundiert war: Das Regime erschien als Perversion kultureller Werte, nicht als Ausdruck metaphysischer Mächte.

Der Befund, dass Mann das ›Böse‹ als ästhetische Kategorie fasste, verweist auf eine Denkfigur, die sich durch sein gesamtes politisches Denken zieht und die die Frage aufwirft, ob die Verschränkung von Ästhetik und Moral bei Mann nicht auch problematische Implikationen hat.

Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation – Humanismus und ›Judenfrage‹ in der BBC-Rede vom 27. September 1942

Daria Ivanov legte eine Close-Reading-Analyse der Rede vom 27. September 1942 vor – jener Ansprache, die von mehreren Beiträgen der Konferenz unabhängig voneinander als Schlüsseldokument identifiziert wurde. Der Vortrag zeigte, dass Mann in dieser Rede den Begriff ›Jude‹ 22 Mal verwendet – eine für das Gesamtkorpus einzigartige Häufung – und den Holocaust als Prüfstein des Humanismus rahmt. Dabei arbeitete Ivanov eine Transformation des Humanismusbegriffs heraus: Humanismus erschien in der September-Rede nicht mehr als Bildungsideal, sondern als ethische Haltung, deren Geltung sich an der Reaktion auf die Verfolgung der europäischen Juden zu erweisen hatte.

Die empirische Dichte dieses Beitrags machte ihn zu einem der analytisch stärksten der Konferenz; zugleich warf er die Frage auf, inwieweit Manns Humanismusbegriff die Opfer als eigenständige Subjekte adressierte oder sie primär als moralisches Argument für eine europäisch-humanistische Tradition in Anspruch nahm.

Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann

Timo Diener verfolgte die ideengeschichtliche Entwicklung von Manns Denken über den Gegensatz von ›Kultur‹ und ›Zivilisation‹, einem Begriffsfeld, das für das Verständnis der Ansprachen zentral ist, weil es auf die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ von 1918 zurückverweist. Die analytische Pointe des Vortrags lag in der These einer ›Funktionsäquivalenz‹: Während in den ›Betrachtungen‹ die ›Zivilisation‹ als Bedrohung der deutschen ›Kultur‹ erschien, nahm in den Rundfunkansprachen der Nationalsozialismus exakt die strukturelle Position ein, die zuvor die Zivilisation innehatte. Der Feind der Kultur hatte gewechselt, die Denkstruktur war geblieben.

Die Funktionsäquivalenz-These ist ein bemerkenswerter Befund, weil sie zeigt, dass Manns intellektuelle Biographie in den Ansprachen nicht einfach überwunden, sondern transformiert wurde – ein Ergebnis, das den Befunden von Rehfeld und Schmitz korrespondiert.

Daria Ivanov, Timo Diener, Gloria Sherif und Sebastian Musch (Foto: Jessica Wehner)

Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik

Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt

Luca Herrmann untersuchte die Darstellung Franklin D. Roosevelts in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen und argumentierte, dass Mann den US-Präsidenten nicht einfach als politischen Verbündeten würdigte, sondern systematisch als demokratisches Gegenbild zu Hitler aufbaute. Die zentrale These lautete, dass Mann den ›Führerbegriff‹ – einen zentralen Topos der NS-Propaganda – umcodierte, indem er Roosevelt als den ›wahren Führer‹ präsentierte: nicht als charismatischen Demagogen, sondern als demokratisch legitimierten Staatsmann. Der analytisch stärkste Befund des Vortrags betraf allerdings das, was Mann nicht sagte: Die Executive Order 9066 – Roosevelts Anordnung zur Internierung japanischstämmiger US-Bürger – wurde in den Ansprachen konsequent verschwiegen, obwohl Mann als Exilant im selben Land lebte und die Internierung hätte kennen müssen.

Die Beobachtung des bewussten Verschweigens ist analytisch produktiver als die Rekonstruktion des Gesagten, weil sie zeigt, dass Manns Roosevelt-Darstellung strategisch selektiv war – ein Befund, der die Grenze zwischen Überzeugung und Propaganda innerhalb der Ansprachen selbst markiert.

Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten?

Pieter Rehfeld zeichnete Manns Demokratieverständnis nach und argumentierte, dass sich Mann im Verlauf der Ansprachen von einer konservativ-kulturkritischen Position zu einem ›moralischen Demokraten‹ entwickelte, dessen Demokratiebegriff allerdings eine spezifische Signatur trug: Er definierte sich wesentlich ex negativo – aus der Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Rehfeld identifizierte drei Aspekte dieses Demokratieverständnisses: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und begrenzte Freiheit. Zugleich zeigte der Vortrag, dass Manns Demokratiebegriff nicht systematisch-theoretisch, sondern narrativ entwickelt wurde – in der Auseinandersetzung mit konkreten historischen Situationen.

Die These einer ex-negativo-Demokratie wirft eine Frage auf, die über die Quellenanalyse hinausweist: Was passiert mit einem Demokratiebegriff, der sich wesentlich aus der Abgrenzung zu einem Feind speist, wenn dieser Feind verschwindet?

Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege

Leon Schmitz dokumentierte den intellektuellen Bruch zwischen Manns Kriegsbegeisterung von 1914 – niedergelegt in den ›Gedanken im Kriege‹ – und seiner Position in den Rundfunkansprachen. Der Vortrag zeigte, dass Mann in den ›Deutsche Hörer!‹-Sendungen seinen eigenen Militarismus von 1914 nicht explizit thematisierte, allerdings implizit – durch die Schärfe seiner Kritik am NS-Militarismus – eine Distanzierung vollzog, die der Beitrag als Selbstkorrektur ohne Selbstkritik charakterisierte.

Die Formel der ›Selbstkorrektur ohne Selbstkritik‹ ist analytisch treffend und verweist auf ein strukturelles Merkmal der Ansprachen: Mann sprach 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies je explizit zu machen.

Pieter Rehfeld, Luca Herrmann, Leon Schmitz und Sebastian Huhn (Foto: Jessica Wehner)

Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen

Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns

Alexander Pracht analysierte die Verwendung von ›Angst‹ und ›Furcht‹ als rhetorische Instrumente in den Ansprachen und rekonstruierte ein argumentatives Triptychon: In einer ersten Phase setzte Mann Angstrhetorik zur Mobilisierung ein. Die Hörer sollten die eigene Lage als bedrohlich erkennen. In einer zweiten Phase diente die Angstdiagnose der Situationsanalyse. Mann identifizierte die Angst der Deutschen als Symptom der Diktatur. In einer dritten Phase wandelte sich die Rhetorik zur Zuversicht. Die Angst des Regimes, nicht die der Bevölkerung, stand nun im Zentrum. Dabei zeigte Pracht, dass Mann eine Gegenrhetorik entwickelte, die biblische Wendungen – etwa die Formel ›Fürchtet euch nicht‹ – aufgriff und gegen die nationalsozialistische Angstproduktion wendete.

Die Beobachtung, dass Mann Angst nicht nur thematisierte, sondern als rhetorisches Instrument einsetzte – also Angst erzeugte, um Angst zu bekämpfen –, verweist auf die strukturelle Ähnlichkeit seiner Mittel mit denen der Propaganda, die er kritisierte.

Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!”

Emma Breulmann systematisierte Manns wechselnde Sprecherpositionen mit Hilfe der Feldtheorie Pierre Bourdieus und rekonstruierte vier Phasen des Rollenwandels: vom ›kulturellen Sprecher Deutschlands‹, der seine Legitimation erst begründen musste, über den ›Zeugen und Aufklärer‹, der über die nationalsozialistischen Verbrechen berichtete, zum ›Anwalt der Nation‹, der zwischen Anklage und Verteidigung eines ›anderen Deutschlands‹ vermittelte, bis hin zum ›historischen Deuter‹, der den Nationalsozialismus als Episode einordnete und eine Zukunftsperspektive entwarf. Der Beitrag arbeitete dabei heraus, wie Mann sein kulturelles und symbolisches Kapital – Nobelpreis, literarisches Werk, Exilstatus – strategisch in politisches Kapital konvertierte, um eine Position zu besetzen, für die er über keine originäre Legitimation – etwa ein politisches Amt – verfügte.

Die Übertragung der Feldtheorie auf Manns Exilsituation macht Dynamiken sichtbar, die eine rein textimmanente Analyse nicht erfassen würde; zugleich wirft sie die Frage auf, ob Bourdieus Kategorien – entwickelt für Felder mit eingespielten Regeln und Hierarchien – auf eine Situation übertragbar sind, in der die Zugehörigkeit zu den relevanten Feldern selbst prekär geworden war.

Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”

Jennifer Funk untersuchte die Hörer-Redner-Beziehung in Manns Ansprachen anhand eines methodisch dreigliedrigen Zugriffs: einer Wortfeldstudie zu den Anredepronomen, einer Analyse der Argumentationsstrategien und einer Kontrastierung mit den privaten Tagebucheinträgen. Die Pronomenanalyse ergab eine signifikante Verschiebung: von direkten, individuellen Anredeformen (›ihr‹, ›euch‹) hin zu kollektivierenden Verbindungen (›ihr Deutsche‹) und schließlich zur bloßen Anrede als ›Deutsche‹ – eine Entwicklung, die Funk als Bewegung von empathischer Nähe zu analytischer Distanz deutete. Zugleich rekonstruierte der Vortrag ein wiederkehrendes Fünfschritt-Argumentationsmuster – kultureller Bezug, Problemstellung, moralische Diagnose, Perspektivverschiebung, Appell –, das die Ansprachen bei aller inhaltlichen Variation strukturell verband. Der analytisch produktivste Befund lag allerdings in der Kontrastierung mit Thomas Manns Tagebüchern: Funk zeigte, dass Mann bereits 1940 privat an der Möglichkeit eines innerdeutschen Widerstands zweifelte, den er öffentlich beschwor, ein Befund, der die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer – im Anschluss an Benedict Anderson – als doppelt imaginiert erscheinen ließ: imaginiert nicht nur von den Hörern untereinander, sondern auch vom Redner selbst.

Die Verbindung von quantitativer Pronomenanalyse, rhetorischer Strukturanalyse und Tagebuchkontrastierung machte diesen Beitrag methodisch zu einem der vielschichtigsten der Konferenz; der Befund, dass Mann privat am Widerstand zweifelte, den er öffentlich beschwor, gehört zu den Ergebnissen, die unser Bild von Mann als moralischer Instanz grundsätzlich komplizieren.

Carlotta Pioch: Das Sprecherverständnis Thomas Manns – Zur rhetorischen Konstruktion einer Sprecherfigur

Carlotta Pioch setzte den dezidiert literaturwissenschaftlichen Akzent der Konferenz und fragte nicht nach der historischen Person Thomas Mann, sondern nach der rhetorisch konstruierten ›Sprecherfigur‹, die sich innerhalb der Texte formiert. Die analytische Prämisse lautete, dass Manns Autorität in den Ansprachen nicht vorausgesetzt, sondern performativ hergestellt wird, ein Befund, den Pioch anhand von fünf Stationen nachzeichnete: vom analytischen Beobachter (November 1940) über den moralisch-ästhetischen Kritiker (Februar 1941) und die Zäsur der eigenen Stimme (März 1941) – dem Moment, in dem Mann seine Ansprachen erstmals selbst einspricht und die Metapher der ›Stimme‹ eine leibliche Dimension gewinnt – zur historisch-ironischen Autorität (1942/43) und schließlich zum Deuter der ›deutschen Katastrophe‹. Besonders aufschlussreich war dabei die Beobachtung, dass Mann in einem doppelten Adressierungsfeld operierte: Er sprach zu den Deutschen, inszenierte sich allerdings zugleich vor einem amerikanischen Publikum; eine Konstellation, die die Sprecherfigur nicht auf einen Adressatenkreis hin konstruiert, sondern in einem Spannungsfeld zwischen mindestens zwei Publika situiert.

Die konsequente Unterscheidung zwischen der historischen Person und der rhetorisch konstruierten Sprecherfigur – narratologisch selbstverständlich, in der politikgeschichtlichen Forschung allerdings keineswegs immer beachtet – eröffnete einen analytischen Raum, in dem die performative Dimension der Ansprachen sichtbar wurde: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Der Beitrag bildete damit ein produktives Gegenstück zu Breulmanns soziologischem Zugriff. Beide erreichten von ganz verschiedenen Richtungen denselben Kernbefund.

Emma Breulmann, Carlotta Pioch, Jennifer Funk, Alexander Pracht und Jessica Wehner (Foto: Annika Heyen)

Die Befunde der Konferenz quer gelesen.

Christoph Rass fasst die Konferenzergebnisse zusammen (Foto: Jessica Wehner)

In seiner Abschlussanalyse zog Christoph Rass die übergreifenden Linien der Konferenz zusammen und fragte, was sich ergibt, wenn man vierzehn Perspektiven auf denselben Quellenbestand nebeneinanderlegt. In seinem Beitrag identifizierte er fünf Befunde.

Erstens: Die ›Deutschen Hörer!‹ sind ein Prozess, kein Text. Mindestens sieben Vorträge hatten chronologische Entwicklungslinien rekonstruiert: in der Holocaust-Berichterstattung, im Demokratieverständnis, in der Rollenentwicklung, in der Angstrhetorik, in der Höreransprache, in der Konstruktion der Sprecherfigur. Das Korpus dokumentiert nicht eine Position, sondern deren Wandel.

Zweitens: Die Grenze zwischen Aufklärung und Propaganda ist fließend. Landwehr hat gezeigt, dass die BBC Mann instrumentalisierte. Funk hat gezeigt, dass Mann selbst die Diskrepanz zwischen Privatüberzeugung und öffentlicher Botschaft managte. Asbrock, Sherif und Pracht haben gezeigt, dass seine rhetorischen Mittel – Personalisierung, Angsterzeugung, Begriffsumcodierung – strukturell den Mitteln ähneln, die er am Regime kritisierte. Das ist kein Einwand von außen, sondern ein Befund dieser Konferenz.

Drittens: Die intellektuelle Biographie reicht zurück. Diener, Rehfeld und Schmitz haben unabhängig voneinander gezeigt, dass man die Rundfunkansprachen nicht ohne die ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹ und anderer früherer Werke verstehen kann. Mann spricht 1940 nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern auch gegen seine eigene Position von 1918, ohne dies jedoch explizit zu machen.

Viertens: Autorität wird nicht vorausgesetzt, sondern hergestellt. Das ist ein Befund, den Pioch und Breulmann aus ganz verschiedenen Richtungen erreichen, Breulmann über die Kapitalkonversion im Sinne Bourdieus, Pioch über die performative Konstruktion der Sprecherfigur im Text. Mann spricht nicht als anerkannte Autorität, sondern muss seine Berechtigung in jeder Ansprache neu begründen. Dieses Ergebnis ist analytisch stark, weil es die Ansprachen als Orte der Autoritätsproduktion lesbar macht und weil es zeigt, dass die Bedingungen des Exils nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form der Kommunikation prägten.

Fünftens: Die Rezeption bleibt eine Leerstelle. Fast kein Vortrag konnte sagen, wer Mann hörte und wie die Ansprachen aufgenommen wurden. Funk hat das am schärfsten formuliert: Die ›imaginierte Gemeinschaft‹ der Hörer ist doppelt imaginiert, auch für den Redner.

Rass schloss seine Analyse mit drei Fragen, die er der Konferenz zur Diskussion stellte: die Frage nach dem analytischen Unterschied zwischen Propaganda und Gegenpropaganda, wenn die rhetorischen Verfahren strukturell ähnlich sind; die Frage nach der Stellung der Opfer in Manns Reden, die als moralisches Argument erscheinen, selten allerdings als eigenständige Subjekte; und die Frage nach der Tragfähigkeit eines Demokratiebegriffs, der sich wesentlich ex negativo definiert.


Studierendenkonferenz Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer

Im Wintersemester 2025/2026 veranstaltet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung eine Studierendenkonferenz im Rahmen des Blockseminars “Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer”, durchgeführt von Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Huhn, Dr. Sebastian Musch, Annika Heyen und Jessica Wehner.

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.

Thomas Mann (1937)

Im Mittelpunkt des Semianrs stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Wir analysieren, wie Mann aus dem kalifornischen Exil versuchte, auf die deutsche Gesellschaft einzuwirken, welche Botschaften und Positionen er vermittelte und wie er die Entwicklungen des Krieges und der NS-Herrschaft kommentierte. Dabei untersuchen wir auch die praktischen Bedingungen der Rundfunkproduktion im Exil, die Zusammenarbeit mit der BBC und die Frage nach der tatsächlichen Hörerschaft im Reich.

Das Seminar arbeitet intensiv mit den Originalquellen und ordnet Manns Radioreden in den größeren Kontext der Exilpublizistik, des Kriegsverlaufs und der Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein. Methodisch verbinden wir medienhistorische, migrationsgeschichtliche und politikgeschichtliche Zugänge.

Am 16. Januar fand der erste Seminartag gemeinsam mit Dr. Anneke Thiel statt. Dabei stand eine erste Auseinandersetzung mit den Quellen und eine Einführung in das Leben und Werk Thomas Manns im Vordergrund.

Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)

Am 6. März fand ein gemeinsamer Workshop-Tag statt bei dem die Studierenden sich miteinander und den Lehrenden über ihre Themen und ihre Vorträge austauschen konnten.

Am 7. März, 9-17 Uhr findet dann in 15/130 die Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen!

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Programm

9:00 Uhr: Begrüßung (Christoph Rass)

9:10 Uhr: Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung (Moderation: Annika Heyen)

Gesa Landwehr: Deutsche Hörer! als Teil des German Service

Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik in Thomas Manns Radioansprachen ‚Deutsche Hörer!‘“

Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen „Deutsche Hörer!“

Anna Louisa Asbrock: „[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat.” – Die Darstellung des Nationalsozialismus in Thomas Manns “Deutsche Hörer”-Reden

10:50 Uhr: Pause

11:00 Uhr: Panel II – Das „Böse“, die „Zivilisation“ und der „Humanismus“: Ideengeschichtliche Perspektiven auf Thomas Mann (Moderation: Sebastian Musch)

Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische“. Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen in Thomas Manns „Deutsche Hörer!“

Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation: Humanismus und “Judenfrage ”in Thomas Manns BBC-Rede vom 27. September 1942

Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann

12:20 Uhr: Mittagspause

13:00 Uhr: Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik (Moderation: Sebastian Huhn)

Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt in „Deutsche Hörer!“

Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten? Thomas Manns Demokratieverständnis in den Rundfunkreden „Deutsche Hörer!“

Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege.

14:20 Uhr: Pause

14:30 Uhr: Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen (Moderation: Jessica Wehner)

Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns

Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!“

Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”

Carlotta Pioch: Rollenverständnis und Rollenvielfalt

16:10 Uhr: Abschlussdiskussion (Christoph Rass)

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