Alle Beiträge von Jessica Wehner

NGHM-Tracker (8/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.

Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.

Im Rahmen der Exkursion wurde auch der jüdische Friedhof in Neuenhaus besucht (Foto: Sebastian Musch)

Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein:
Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.

Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.

Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.

Foto: Sebastian Musch

Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.

Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.

Foto: Christoph Rass

In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.

Notizen

(Foto: Gero Leege)

Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen. 

(Foto: Bjarne Groß/ Gero Leege)

Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.

(Foto: Bjarne Groß)

Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.

Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.

Blogbeiträge im Juli

Ausblick & aktuelle Termine

Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.

Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.

Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei? 

Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.

Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden. 

Team NGHM in Tutzing | Conference “From Geneva to Schengen”

Jessica Wehner und Annika Heyen während der Tagung (Foto: Marcel Berlinghoff)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Annika Heyen während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Annika Heyen stellte ihren Ansatz, die bisher nur aus der Perspektive der Holocaustforschung und der Jüdischen Studien untersuchte Bermuda-Konferenz von 1943 aus einem migrationshistorischen Blickwinkel zu betrachten, zur Diskussion. Anhand einer Fallstudie zum Mandat der Konferenz selbst sowie das vorgeschlagene Mandat ihres Hauptprodukts, dem wiederbelebten Intergovernmental Committee on Refugees, präsentierte sie unter dem Titel „‚In Limited Terms‘: The 1943 Bermuda Conference on the ‚Refugee Problem‘ and the Emergence of the Post-War Refugee Regime“ ihre These, dass die Konferenz zwar als Reaktion auf den öffentlichen Druck auf die Regierungen der USA und des Vereinigten Königreichs infolge des „Problems“ der verfolgten Jüdinnen und Juden Europas stattfand, jedoch den Blick bereits auf die Zukunft richtete. Ihre These stützte sich auf die Beobachtung, dass die Alliierten aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs ableiten konnten, dass das eigentliche „refugee problem“ erst nach Ende der Kampfhandlungen beginnen würde, und, dass sie im Verlauf der Konferenz versuchten, mit der Wiederbelebung des IGCR internationale Strukturen zu schaffen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Zu diesem Zweck waren Reformen des Komitees nötig, die ihm die nötige Flexibilität verliehen, um auf jede neue Entwicklung im Hinblick auf die Flüchtlingskrise flexibel reagieren zu können. Während die Teilnehmer der Bermuda-Konferenz also über eine relativ kleine Gruppe von gerade einmal 56.000 Personen sprachen, für die sie auch unter Kriegsbedingungen Lösungen zu finden hofften, schlugen sie ein offener formuliertes Mandat für das IGCR vor. Es solle Schritte unternehmen

“… to preserve, maintain and transport those persons displaced from their homes by their effort to escape from areas where their lifes and liberty are in danger on account of their race, religion or their political beliefs.“ (US and UK Delegations to the Bermuda Conference, Final Report to the Governments of the United Kingdom and the United States of America, May 20, 1943, National Archives UK, National Archives UK, FO 371/36725.)

Jessica Wehner während ihres Vortrags (Foto: Marcel Berlinghoff)

Jessica Wehner thematisierte in ihrem Beitrag aktuelle Ergebnisse aus ihrem Dissertationsprojekt “Normen, Praktiken und Marginalität. Aushandlungen an den Rändern des Displacement-Managements der International Refugee Organization (1946-1952)”. Zentral dabei ist die Bedeutung von Whiteness in verschiedenen Aushandlungen im Migrationsregime der Nachkriegszeit, bei denen forced migrants durch Statuszuweisungen kategorisiert werden sollten. Anhand von Beispielen als “muslimisch” bzw. “asiatisch” gelesener Personen innerhalb der Großkategorie “Displaced Persons” diskutierte Wehner, welche Herausforderungen die Gruppen bei der Aushandlung des DP-Status und von Resettlement-Optionen bewältigen mussten und wie die Ergebnisse der Aushandlung Mobilitätschancen öffneten oder verschlossen. Der Vortrag berührte dabei Fragen nach rassifizierenden Zuschreibung und damit einhergehender (Un-)Erwünschtheit als nicht-westlich gelesener Personen.

v.l.n.r.: Marcel Berlinghoff, Annika Heyen und Jessica Wehner (Foto: Akademie Tutzing)

Dabei waren auch zahlreiche Kolleg:innen und Freund:innen von Team NGHM. Ein weiteres Gesicht aus den Reihen des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” war Isabella Löhr, PI im Projekt A5 “›Flüchtlinge‹ und andere: Die Produktion fluchtbezogener Figuren seit den 1970er Jahren” mit ihrem Vortrag “Being a Refugee in Post-War Germany: The Internationalisation and Political Belonging of a Contested Figure.” IMIS-Kollege Marcel Berlinghoff referierte über “Humanitarian Admission and Political Constraints: The Ambivalent Resettlement of Vietnamese Boat Refugees in Europe.” Darüber hinaus gab es ein Wiedersehen unter anderem mit Matti Välimäki, der sich Anfang des Jahres als Gast am IMIS aufgehalten hatte, und Philipp Strobl, mit dem die NGHM über die letzten Jahre eng im Bereich der DP-Forschung zusammengearbeitet hat.

NGHM-Tracker (7/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juni brachte eine bemerkenswerte thematische Dichte: Displacement, Erinnerung und die Frage, wessen Erfahrungen in der Geschichtsschreibung sichtbar werden – und wessen nicht. Im Zentrum stand der Vortrag von Samantha Knapton über queere Erfahrungen von Vertreibung im Nachkriegseuropa, der zugleich Anlass war, grundsätzlicher über die blinden Flecken klassischer Migrationsgeschichte nachzudenken. Hinzu kamen Einblicke in die Konferenzreisen von Team NGHM. Was die Beiträge und Ereignisse des Monats verband, war eine gemeinsame Frage, die selten so klar hervortrat: Wie entscheiden wir, welche Geschichten erzählt werden – und mit welchen Methoden lassen sie sich überhaupt fassen?

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juniausgabe des Newsletters.

Einblicke

Das NGHM-Team richtete gemeinsam mit IMIS und SFB 1604 am 4. Juni die vierte Alfred-Landecker-Lecture (organisiert von Dr. Sebastian Musch) aus. Samantha Knapton (Nottingham) sprach zu ihrem Konzept “twice displaced”: Queere NS-Verfolgte, die Lager überlebten, erfuhren mit Kriegsende keinen Ausschluss aus einem Territorium mehr, sondern aus Anerkennung und Historiographie – die Nachkriegsjahre bezeichnete Knapton als “straightestes” Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Anhand des Falles Pierre Seels zeigte sie, wie ein Betroffener nie staatliche Anerkennung erhielt und 2005 staatenlos starb.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Methodisch plädierte Knapton dafür, queere Leerstellen im Archiv nicht als Quellenlücke, sondern als Produkt der Kategorien selbst zu lesen (etwa des fortgeltenden §175). Eine rein empiristische Lektüre der Akten reproduziere epistemische Gewalt. In der Diskussion blieb offen, wo die Grenze zwischen disziplinierter Rekonstruktion und Hineinlesen ins Schweigen verläuft.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Christoph Rass nahm vom 18. bis zum 20. Juni an einer Tagung des Dokumentations- und Lernorts Bückeberg, der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten und der Leibniz Universität Hannover teil, die der Frage “Die NS-Gesellschaft als ‘Volksgemeinschaft’?” nachging. Im Zentrum standen soziale Praktiken statt Begriffsetiketten – am Tagungsort selbst, dem Schauplatz der “Reichserntedankfeste” (1933–1937).

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)
Das Wesertal als Kulisse der Inszenierung)

Der Workshop präsentierte Ergebnisse aus dem DFG-Projekt “Überwachung. Macht. Ordnung.”, das die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück digital erschlossen hat: Verfolgungswissen stammte demnach stärker aus Verwaltung und Wirtschaft als aus Partei oder Gestapo, private Denunziation spielte eine geringere Rolle. In der Kriegsphase betrafen fast zwei Drittel der Haftereignisse Zwangsarbeiter:innen. “Volksgemeinschaft” erscheint damit als arbeitsteilige gesellschaftliche Praxis, nicht als bloße Stimmung. Eine Exkursion zum Lernort sowie ein Podium mit Elke Gryglewski und Wiebke Hiemesch verbanden diese Befunde mit Fragen der Gedenkstättenarbeit.

Danach ging es für Christoph Rass weiter nach Paris: Dort hielt er die Keynote der Summer School ‘Doing Migration History with Digital Methods’, die vom 22. bis zum 26. Juni am German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) stattfand und von Prof. Dr. Mareike König gemeinsam mit dem Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg) organisiert wurde. Seine Keynote unter dem Titel “How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes” thematisierte die Möglichkeiten digitaler Methoden in einer reflexiven Migrationsforschung. In Kürze folgt eine gekürzte Version der Keynote als Blogbeitrag.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Jessica Wehner und Annika Heyen bei der anschließenden Diskussion des Panels Shaping the Refugee Regime before the Geneva Convention (Foto: Marcel Berlinghoff)

Nicht nur Team NGHM war auf Reisen, sondern auch die Studierenden: Derzeit findet erneut das Willy-Brandt-Seminar statt, das die NGHM jährlich in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin anbietet. Das von Frank Wolff geleitete Seminar mit Exkursion verbindet Forschung und Public History direkt. Zum einen erforschen die Studierenden anhand spannender und selten genutzter Quellen aus dem Nachlass Willy Brandts eigene Forschungsfragen. Zum anderen konzipieren sie sehr konkret, wie diese Inhalte in eine öffentliche Ausstellung übertragen werden können. In diesem Jahr beschäftigen sich die Teilnehmer:innen mit der Frage, welche Europakonzepte im Exil und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus entwickelt wurden, wie sie sich je nach politischer Ausrichtung unterschieden und welche Themen dabei im Vordergrund standen: Wie gelingt Frieden? Welches „Europa“ braucht es dafür? Wie verhindert man Imperialismus? Und wie stärkt und sichert man Rechte?

Seminarteilnehmer:innen in intensiver Diskussion im Forum Willy Brandt, Berlin.

Um dies lebendig zu gestalten, fuhren die Teilnehmerinnen vom 2. bis 5. Juni 2026 nach Berlin. Dort fand der Kernteil des Seminars erneut im eigens dafür für einige Tage reservierten Forum Willy Brandt, der Berliner Dauerausstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, statt. So konnten die Studierenden in intensiver Arbeit direkt „vor Ort“ Ideen entwickeln, wie sich Geschichte in die Öffentlichkeit bringen lässt. Komplettiert wurde das Seminar durch Exkursionen zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zum Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, bei denen die Seminarteilnehmerinnen durch besondere kuratorische Führungen Einblicke in das laufende Geschäft und hinter die Kulissen des Ausstellungsmachens erhielten.

Am 22. und 23. Juni 2026 fand unter Leitung von Sebastian Musch eine Exkursion nach Köln statt. Im Zentrum stand dabei die jüdische Geschichte Kölns. Die Domstadt am Rhein kann sich mit der seit dem Jahr 321 n. u. Z. verbürgten Ansiedlung jüdischer Menschen der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen rühmen.

Diese rund 1700 Jahre jüdischen Lebens sind geprägt von Verfolgung und Antisemitismus – vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus, als beinahe die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt vertrieben oder ermordet wurde. Daneben ist die jüdische Geschichte Kölns aber auch eine Geschichte von Resilienz, gesellschaftlichem Aufstieg und Wiederaufbau. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte das Kölner Judentum eine Periode der Prosperität und Anerkennung. Auf dem Programm standen ein Besuch des Doms, der Altstadt, der Synagoge, des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, des Lern- und Gedenkortes Jawne und des NS-Dokumentationszentrums. Ein gemeinsamer Exkursionsbericht der Teilnehmer:innen folgt auf diesem Blog.

Am 30.6. moderierte Sebastian Musch eine Podiumsdiskussion zum Thema “Antisemitismus heute” am Nussbaum Museum in Osnabrück. Es diskutierten Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Pastorin Dr. Daniela Koeppler, die Beauftragte f. christl.-jüd. Dialog im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte, Dr. Winfried Verburg von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück e.V. und Du’A Zeitun von der Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land MUJOS e.V. Es wurde eine lebhafte Diskussion, die vor allem die Notwendigkeit deutlich machte, in öffentlichen Räumen einen konstruktiven Rahmen für eben solche Debatten zu bieten. Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung Van den Yoden statt, die noch bis zum 30. August 2026 im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück zu sehen ist.

Am 24. Juni endete nach drei Monaten der Gastaufenthalt von Morten Baarvig Thomsen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und damit im Team NGHM. Morten nutzte die Zeit am Institut für den Austausch mit Kolleg:innen, die Begleitung von Lehrveranstaltungen und die vertiefte Arbeit an seinem Dissertationsprojekt ‘Experiences of the Danish Refugee Care System: Allied Displaced Persons in Denmark 1945-1953′.

History@SFB

Am 1. Juni war Christoph Rass im Rahmen des Transferprojekts des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” zu Gast im ReflexLab. Unter dem Titel “Revisiting Solingen and Hanau. The living memory of racist attack and the (potential) roles of migration researchers” ging er in den Austausch mit Mert Peksen und Emma Brahm mit ihrem ebenfalls am IMIS angesiedelten Projekt “GeRäuMig“. Die Gemeinsamkeit der beiden Projekte? Beide befassen sich unter anderem mit der lokalen Erinnerungskultur an den rassistisch motivierten Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in der Unteren Wernerstraße in Solingen in der Nacht vom 29. Mai 1993. Geleitet von der Frage nach dem Einfluss von Forscher:innen auf die Erinnerungskultur diskutierten sie mit Jens Schneider vom Reflex Lab über ihre Erfahrungen im Feld und die Grenzen dessen, was sie mit ihrer Arbeit erreichen können und sollten. 

Am 16. Juni begaben sich Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott gemeinsam mit unserem Kollegen Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung sprichwörtlich “ins Feld”. Marcel Storch digitalisierte mit Unterstützung durch das Team T-Projekt die mit zum Teil kniehohem Gras umgebene “Friedensbaracke” im Osnabrücker Landwehrviertel. Die Baracke wurde 1937 als Teil einer Ausbildungskaserne der Wehrmacht errichtet, diente ab 1940 als Kriegsgefangenenlager – ab 1941 vor allem für serbische Offiziere – sowie nach Kriegsende als Lager für sogenannte “Displaced Persons” und anschließend bis 2009 als Baracke der britischen Streitkräfte in Deutschland. Obwohl bislang vor allem konnotiert mit dem Thema Krieg und Frieden, hat dieser Ort also auch Bezüge zur Migrationsgeschichte, die jedoch auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. 

Bei der Scanaktion fanden zwei verschiedene Methoden Anwendung: Mithilfe einer Drohne wurde eine Reihe von Fotos aufgenommen, aus denen ein sogenanntes fotogrammetrisches Modell der Baracke zusammengesetzt werden kann. Der Terrestrische Laserscanner arbeitet hingegen mit LiDAR (Light Detection and Range), bei dem das Gerät für das menschliche Auge unsichtbare Laserstrahlen aussendet und misst, in welcher Entfernung diese Strahlen auf Widerstand treffen. Dadurch entsteht eine “Punktwolke”, aus der wiederum ein dreidimensionales, digitales Modell erstellt werden kann. Die Scanaktion verfolgte neben der Erstellung eines digitalen Zwillings der Baracke das Ziel, diese beiden Methoden anhand eines Objekts auf ihre Praktikabilität und die Qualität des am Ende generierten digitalen Modells miteinander zu vergleichen.

Notizen

Im Juni verabschiedete sich Team NGHM von Timo Diener. Timo war seit Anfang 2025 studentischer Mitarbeiter im Team und hat das Kernteam bei der Zuarbeit in Forschung und Lehre unterstützt. Ab Juli übernimmt Timo eine Volontariatsstelle und schließt seine Masterarbeit ab. Wir wünschen ihm alles Gute für seine berufliche Zukunft!

Zum 1. Juni begrüßte Team NGHM ein altbekanntes Gesicht: Eduard Usov, der bereits im A3-Team des SFB 1604 Teil der NGHM war und im Bachelor studiert, unterstützt nun die Redaktion des NGHM-Blogs auf Hypotheses. Zu ihm gibt es ein ausführliches Portrait.

Zum 15. Juni durfte das Team Lennart Blömer begrüßen. Lennart hat kürzlich seinen Bachelor mit einer Arbeit zur Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal abgeschlossen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wird er am 2. Juli auch im sechsten Tiny Desk Kolloquium vorstellen.

Am 30. Juni erschienen die ersten Podcastfolgen des SFB 1604 – Produktion von Migration. Die Reihe beginnt mit einem Porträt des Forschungszentrums und geht anschließend auf dessen Interviews ein. Unter den derzeit verfügbaren Folgen wurden zwei von Christoph Rass konzipiert und mitmoderiert, jeweils mit einer anderen Gesprächspartnerin: die erste mit Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), die zweite mit Lale Yildirim (Kiel). Beide gehen von der Frage aus, die das gesamte CRC leitet: Wie entsteht Migration? Nicht als natürliches Ereignis, das einfach geschieht, sondern als etwas, das geschaffen wird: durch Politik, durch Institutionen, durch Kategorien und nicht zuletzt durch die Wissenschaft selbst.

Blogbeiträge im Juni

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Juli findet das sechste Tiny Desk Kolloquium zum Thema “Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung” statt. Studierende bekommen zuerst die Gelegenheit Abschluss- und Projektarbeiten vorzustellen und im zweiten Teil folgen Kurzvorträge.

Alle Interessierten sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen!
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Invitation: Lecture by Dr Samantha Knapton on Queer Experiences of Displacement, 4 June

On June 4 (6:30 pm), the Working Group on Modern History and Historical Migration Studies warmly invites you to a public evening lecture at 15/130. Samantha Knapton from the University of Nottingham will deliver a lecture in English titled “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe.”

Samantha Knapton (Foto: privat)

Samantha Knapton (University of Nottingham) is an Assistant Professor in History specializing in central and east-central Europe, displacement, and humanitarianism. She earned her PhD from Newcastle University (2019) and worked at the University of East Anglia. Her research includes a 2023 monograph on Polish displaced persons in post-war Germany and co-editing a volume on the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). She has held a fellowship in Warsaw and published widely on displacement, repatriation, and Anglo-Polish-German relations.

Abstract

The Second World War affected queer people in unique ways: from the destruction of social structures to a change in culture resulting in a new wave of discrimination, to criminalisation and persecution. These factors, compounded by the challenges of war, produced decades of queer displacement as planners sought to ‘recivilize’ in the wake of war. For those who were both queer and displaced the end of the war did not end their displacement but rather reinforced their exclusion from the great postwar reconstruction efforts. This paper will contextualise the place of those who were doubly marginalized in allied occupied Europe, and further explore how we can recover histories of those ‘twice displaced’ – from their homes and their lives – through extant sources.

The lecture is open to the public.

NGHM-Tracker (6/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Mai zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt an Aktivitäten aus, die von Archivrecherchen in Paris bis hin zu Vorträgen und Diskussionen in Osnabrück und darüber hinaus reichten und zentrale Fragen der historischen Migrationsforschung berührten. Ob die Spurensuche nach Displaced Persons in den Beständen der International Refugee Organization, die Auseinandersetzung mit KI-gestützten Methoden in der Geschichtswissenschaft oder neue Perspektiven auf jüdische Migration und transnationale Wissenszirkulation – die Beiträge des Monats verbinden empirische Forschung mit methodischer Reflexion.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Huhn nutzte ein kurzes Zeitfenster im Mai, um, diesmal im frühlingshaften Paris, erneut im französischen Nationalarchiv den Akten der International Refugee Organization (IRO) nachzuspüren. Wie schon im Herbst 2024 ging er hier der Frage nach, wie es Anfang der 1950er-Jahre dazu kam, dass die britische Militärregierung und die IRO in der niedersächsischen Kleinstadt Varel das mit bis zu 1.000 Bewohner:innen größte „Altersheim” für jene Displaced Persons errichteten, die das Resettlement-Programm der IRO in Deutschland zurückgelassen hatte.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Sebastian Huhn vorm Besuch in den Archives Nationales in Paris (Foto: Sebastian Huhn)

Im Mai hat das NGHM-Team auch verschiedene Vorträge gehalten:

Am 19. Mai 2026 stellten Jessica Wehner und Lukas Hennies im Rahmen der Online-Reihe „KI.kompakt“ Überlegungen zur Nutzung digitaler Tools und künstlicher Intelligenz in der Geschichtswissenschaft vor. Der Beitrag knüpfte an die Arbeit der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an, in der KI-gestützte Methoden als logische Fortführung datengestützter Digital Humanities in Forschung und Lehre erscheint. Neben grundsätzlichen Fragen reflektierter und informierter KI-Nutzung wurde auch aus der Lehrpraxis berichtet: Im „NGHM Digital History Workshop“ realisierten Studierende mithilfe von KI-gestütztem Vibe Coding eigene datengestützte Webanwendungen zu historischen Themen. Gerade diese Verbindung von kritischer Reflexion und praktischer Anwendung machte deutlich, wie sehr der kompetente Umgang mit KI zur digitalen Handlungsfähigkeit beiträgt und Studierenden neue Formen eigenständiger Gestaltung im digitalen Raum eröffnet.

Sebastian Musch hat in einem Online-Workshop der Working Group on German Rabbis after 1933, geleitet von Cornelia Wilhelm (LMU München), einen Vortrag über den Rabbiner Zvi Asaria gehalten.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen Asarias Rückkehr nach Deutschland nach dem Holocaust und seine Tätigkeit als Rabbiner der Kölner Gemeinde in den 1950er-Jahren. Sebastian Muschs Forschung zu Zvi Asaria basiert auf dem Forschungsprojekt „Hermann Helfgott – Zvi Asaria. Ein transnationales Rabbinerleben im Zeitalter der Extreme (1913–2002)“, das von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde. Bevor Asaria nach Deutschland zurückkehrte, war er u. a. als Rabbiner im Displaced Persons Camp Bergen-Belsen tätig, das sich nach 1945 bald zum Zentrum jüdischen Lebens in der britischen Besatzungszone entwickelte. Diese Thematik steht auch im Fokus des Buches Postwar Migration Policy and the Displaced of the British Zone in Germany, 1945–1951: Fighting for a Future von Imogen Bayley, das Sebastian Musch für die Mai-Ausgabe des Bulletin des German Historical Institute London rezensiert hat.

Frank Wolff bei der Präsentation (Foto: Jessica Wehner)

Am 21. Mai begrüßte Team NGHM PD Dr. Frank Wolff im Kolloquium für einen Gastvortrag. Er berichtete unter dem Titel “Innovation und Frustration: Willy Brandts Nachlass als Zugang zu einer Intellectual History der europäischen Integration jenseits eingespielter Narrative” aus seinem aktuellen Forschungsprojekt bei der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung.

History@SFB1604

Auf Einladung von Prof. Dr. Lale Yildirim stellte Ahmet Celikten am 12. Mai im Rahmen ihres Kolloquiums an der CAU Kiel den aktuellen Stand seines Promotionsvorhabens vor. Auf seinen Vortrag mit dem Titel „(Re)Producing the Figure of the Migrantized ‘Other’: Educational Discourse and Turkey-Related Migration“ folgte eine fruchtbare Diskussion mit Masterstudierenden, Doktorand:innen und Mitgliedern des Forschungsteams von Prof. Dr. Lale Yildirim.

Am 27. Mai hielt Ahmet Celikten einen Einführungsvortrag bei einer von der IMIB-Fachschaft organisierten Dokumentarfilmvorführung. Vor der Vorführung gab er Einblicke in die Migration zwischen Deutschland und der Türkei und erörterte die Rolle der Kunst beim Ausdruck von Erfahrungen und Emotionen im Zusammenhang mit Migration, Diskriminierung und rassistischer Gewalt. Im Anschluss an die Vorführung diskutierten die Teilnehmer:innen über den Dokumentarfilm sowie über weiterführende Fragen rund um Migration in Deutschland.

Im Mai gab es noch weitere erfreuliche Neuigkeiten:
Die personelle Verknüpfung von Team NGHM und dem Sonderforschungsbereich 1604 “Produktion von Migration” verfestigt sich weiter – seit Mai 2026 sind drei Mitglieder des Teams als Assoziierte nun offiziell Teil des SFB, der sie in ihren jeweiligen Forschungsvorhaben unterstützt. Sebastian Musch forscht in seinem aktuellen Projekt zu Fragen an der Schnittstelle von jüdischer Migration, Flucht und Zwangsmigration während der Zeit des Nationalsozialismus sowie zu Flucht und Wissenstransfer. Valentin Loos untersucht in seinem Promotionsprojekt die Translation zentraler sozialwissenschaftlicher Migrationskonzepte im deutsch-amerikanischen Wissenschaftstransfer zwischen 1945 und 2000 und fragt danach, wie diese Konzepte im transatlantischen Austausch übersetzt wurden und inwiefern diese Translationsprozesse an der Konstitution von Migrationsregimen mitwirkten. Jonathan Roters analysiert in seinem Promotionsprojekt die diskursive Verschränkung der Figuren des “Wilden” und des “Vagabunden” in deutschsprachigen Texten des langen 19. Jahrhunderts und rekonstruiert, wie sich aus dieser Verschränkung gesellschaftliche Wahrnehmungen von Mobilität verfestigen.

Notizen

Nyanaponika Maha Thera (geboren als Siegmund Feniger), Island Hermitage in Kandy, Sri Lanka, 1991. Foto nyana_ponika; Wikimedia Commons.

Sebastian Muschs Beitrag„Im heiligen Land des Buddhismus. Deutsch-jüdische Migrant:innen auf Sri Lanka“ für das Online-Projekt Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora ist jetzt auch auf Englisch unter dem Titel „In the Holy Land of Buddhism: German-Jewish Migrants in Sri Lanka“ erschienen. Dieser Sonderfall der deutsch-jüdischen Diaspora in dem Inselstaat im indischen Ozean ist vor allem durch die enge Verknüpfung mit der Buddhismusbegeisterung im deutschsprachigen Raum Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt und brachte mehrere bedeutende Persönlichkeiten hervor, die vor allem im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute bekannt sind.

Am 22. Mai traf sich das Team NGHM für einen gemeinsamen Nachmittag zum Kegeln und Pizzaessen. Ganz im Sinne des Historiker:innen-Daseins wurde auch die Vereinsgeschichte des Kegelheims und des Kegelsports diskutiert.

Blogbeiträge im Mai

Ausblick & aktuelle Termine

Am 4. Juni organisiert die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung einen öffentlichen Abendvortrag im Rahmen der Alfred-Landecker-Lectures. Dr. Samantha Knapton von der University of Nottingham wird einen englischsprachigen Vortrag mit dem Titel “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe” halten. Der Vortrag findet von 18.30 bis 20 Uhr in Raum 15/130 statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

In ihrem Vortrag untersucht Samantha Knapton wie der Zweite Weltkrieg sich auf queere Menschen auswirkte und beleuchtet dabei die Zerstörung sozialer Strukturen ebenso wie die Welle der Diskriminierung im Kriegskontext, bis hin zu Kriminalisierung und Verfolgung. Diese Faktoren, verstärkt durch die Herausforderungen des Krieges, führten zu jahrzehntelanger Entwurzelung queerer Menschen. Für diejenigen, die sowohl queer als auch vertrieben waren, bedeutete das Kriegsende nicht das Ende ihrer Vertreibung, sondern verstärkte vielmehr ihre Ausgrenzung von den Wiederaufbaubemühungen der Nachkriegszeit. In dem Vortrag wird weiter diskutiert, wie wir die Geschichten der „zweimal Vertriebenen“ anhand erhaltener Quellen rekonstruieren können.

NGHM-Tracker (5/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der April brachte eine bemerkenswerte Dichte an Impulsen, die von Florenz bis Osnabrück reichten und dabei grundlegende Fragen der Geschichtswissenschaft berührten. Mit der neuen Reihe „NGHM liest” eröffnete das Team gleich zwei Fenster in die Geschichtstheorie und die Täterforschung. Was den Monat zusammenhält, ist eine gemeinsame Bereitschaft, unbequeme und offene Fragen nicht zu umgehen – in der Forschung, in der Lehre und im Dialog.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Aprilausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Huhn and Christoph Rass in front of the European University Institutes’ Villa Salviati

Vom 23. bis 24. April 2026 nahmen Christoph Rass und Sebastian Huhn an der Konferenz des InechO-Projekts (International Organizations and their European Consequences and Hidden Outcomes) am Alcide De Gasperi Research Centre des European University Institute in Florenz teil. Das von Kiran Klaus Patel und seinem Team an der LMU München entwickelte Projekt untersucht das Nachleben aufgelöster internationaler Organisationen.

Christoph Rass und Sebastian Huhn präsentierten ein Papier, das im Rahmen des SFB 1604 „Produktion von Migration” entstanden ist und die Auflösung der International Refugee Organization (IRO, 1946–1952) in den Blick nimmt. Die IRO war insofern eine singuläre Institution, als sie Rechtsschutz, materielle Fürsorge und das Resettlement von Displaced Persons unter einem institutionellen Dach vereinte. Ihr Ende folgte weder dem Modell einer geordneten Nachfolge noch dem einer schlichten Auflösung. Sebastian Huhn und Christoph Rass schlagen dafür das analytische Konzept einer „functional disaggregation” vor: die gezielte Aufspaltung eines integrierten Mandats auf mehrere Nachfolgeorganisationen, von denen jede spezifische Funktionskomponenten erbte, während eine institutionelle Kontinuität gleichzeitig negiert wurde. Der UNHCR übernahm den Rechtsschutz mit minimalem Budget; das gut ausgestattete ICEM – heute IOM – erbte den operativen Transportapparat samt zwölf IRO-Schiffen. Begleitet wurde dieser Prozess von einer doppelten Amnesie: Beide Nachfolgeorganisationen distanzierten sich in sorgfältig kuratierten Archiven von ihren IRO-Ursprüngen.

Jessica Reinisch, Christoph Rass and Sebastian Huhn

Die Diskussion des Papiers durch Jessica Reinisch (Birkbeck, University of London) erwies sich als besonders produktiv: Sie wies darauf hin, dass das beschriebene Muster nicht nur das Ende, sondern bereits den Beginn der IRO kennzeichnet – auch die UNRRA war eine integrierte Organisation, deren Auflösung Funktionen ungleich auf Nachfolger verteilte. Diese Beobachtung verweist auf eine längere Kette internationaler Flüchtlingsorganisationen seit den 1920er-Jahren und legt nahe, dass funktionale Disaggregation kein singuläres Auflösungsereignis beschreibt, sondern einen wiederkehrenden Modus, in dem die internationale Gemeinschaft ihre Reaktion auf gewaltinduzierte Mobilität immer wieder neu organisiert hat. Das Papier wird als Beitrag in dem geplanten Sammelband des InechO-Projekts erscheinen.

Nicht ganz so weit in die Ferne ging es am 30. April:

An diesem Tag fand in der Aula des Lothar-Meyer-Gymnasium (LMG) in Varel die Eröffnung der digitalen Ausstellung über das größte Altersheim für Displaced Persons statt, das zwischen 1950 und 1959 auf dem Gelände einer ehemaligen Wehrmachtskaserne in der niedersächsischen Stadt Varel bestand. Das Ausstellungsprojekt entstand in einer ungewöhnlichen Kooperation: Sebastian Huhn (NGHM, Universität Osnabrück) und Christian Lütje (LMG Varel) führten über zwei Jahre hinweg Studierende und Schülerinnen und Schüler in einem gemeinsamen Forschungs- und Ausstellungsprojekt zusammen. Die Studierenden des Historischen Seminars der Universität Osnabrück erschlossen das kaum erforschte Thema auf Grundlage nationaler und internationaler Archivquellen, die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten biographische Skizzen einzelner Bewohnerinnen und Bewohner — darunter NS-Opfer, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Flüchtlinge vor dem Stalinismus aus mindestens dreizehn Ländern. Das Heim, in dem zeitgleich bis zu 1.000 Menschen lebten, steht exemplarisch für ein weitgehend vergessenes Kapitel der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte: den Umgang der frühen Bundesrepublik mit jenen Displaced Persons, denen ein Resettlement nicht gelungen war.

Den Abend eröffnete Sebastian Huhn mit einer Einführung in den historischen Kontext: von der Situation der über sieben Millionen Displaced Persons nach Kriegsende über die Arbeit der International Refugee Organization bis zur Übergabe der Versorgungsverantwortung an die frühe Bundesrepublik — und zur Frage, was deren Umgang mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern über die gesellschaftliche Verfasstheit dieser Zeit aussagt. Vom Osnabrücker Team nahmen auch Anna Louisa Asbrock, Timo Diener, Dirk Hobein, Lea Horstmann, Johannes Pufahl, Jannik Singer und Hannah Spille teil, die den sehr interessierten Gästen Einblicke in die Ausstellung gaben. Die Vernissage stieß auf großes öffentliches Interesse; auch die Nordwest-Zeitung berichtete.

Die Ausstellung ist ab sofort unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de zu besuchen.

Die Ausstellung ergänzt damit das umfangreiche Ausstellungsprogramm der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Weitere Ausstellungen zu folgenden Themen sind ebenfalls verfügbar:

Seit Anfang April 2026 bereichern zwei internationale Gastwissenschaftler die Forschungsgruppe von Prof. Dr. Christoph Rass am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

Morten Baarvig Thomsen und Matti Tapio Välimäki zu Gast am IMIS und in Team NGHM (Foto: Jessica Wehner)

Matti Tapio Välimäki von der Universität Helsinki und Morten Baarvig Thomsen von der Universität Süddänemark brachten unterschiedliche nationale Perspektiven und Epochen mit – und trafen sich doch auf einem gemeinsamen analytischen Terrain: der staatlichen Steuerung von Bewegung, Aufenthalt und Ausweisung. Im Mittelpunkt der Forschung Välimäkis stand das Konzept des „Non-Entry Regime” an Finnlands Ostgrenze. Seine These war historisch zugespitzt: Die vieldiskutierten Grenzschließungen der 2020er Jahre seien weniger ein Bruch als die Wiederherstellung einer jahrzehntelangen, administrativ stillen Praxis, die seit dem Kalten Krieg das finnisch-sowjetische Grenzverhältnis geprägt hatte. Scheinbare Krisen – von Überläufern des Kalten Krieges bis zu jüngsten „Instrumentalisierungsepisoden” – erschienen so als Momente, in denen ein eingespielter Konsens kurz sichtbar wurde. Baarvig Thomsen, Doktorand an der Universität Süddänemark, untersucht in seiner Dissertation die rund 34.000 sogenannten „nicht-deutschen” Displaced Persons, die zwischen 1945 und 1953 dänische Flüchtlingslager durchliefen. Statt administrative Strukturen von oben zu beschreiben, fragte er nach den alltäglichen Aushandlungsprozessen zwischen Flüchtlingen und dänischem Personal – und widersprach damit dem Bild passiver Hilfsobjekte in uniformen Wartesälen. Sein Aufenthalt in Osnabrück ist Teil seines von der New Carlsberg Foundation geförderten Promotionsprojekts.

Am 23. April stellte Matti seine derzeitigen Forschungsvorhaben auch im Kolloquium von Team NGHM vor.

Mitglieder der Arbeitsgruppe Negotiating Migration und des SFB 1604 gemeinsam mit unseren Gästen (Lukas Hennies, Anna Schlutter, Valentin Loos, Morten Baarvig Thomsen, Jonathan Roters, Jessica Wehner, Ahmet Celikten, Sebastian Musch, Matti Tapio Välimäki und Annika Heyen vlnr.; Foto: Hannah Spille)

Einen weiteren internationalen Gast durfte Team NGHM am 30. April begrüßen. Dr. Carl Mauzy, Marilena‑Laskaridis Visiting Research Fellow an der University of Amsterdam und Absolvent des King’s College London, arbeitet in der neueren griechischen Geschichte mit einem besonderen Fokus auf Fotografie und Bildgeschichte; in seinem Vortrag stellte er aktuelle Forschungen zu Amateurfotos deutscher Soldaten während der Besatzung Griechenlands 1941–1944 vor und zeigte, wie diese Bilder als „uneasy witnesses“ historische Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erinnerungskonstellationen transnational vermitteln.

Lukas Hennies bei der Präsentation (Foto: Imke Selle)

Am 8. April waren Mitarbeiter:innen von Team NGHM an die Technische Universität Dortmund, Fachbereich Informatik, eingeladen. Zur Auftaktveranstaltung der Master-Projektgruppe ‚Mustererkennung‘ an der Professur von Prof. Dr. Gernot Fink sprachen Imke Selle und Lukas Hennies über die im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, überlieferte Kartei der Emslandlager und deren Potenziale für eine automatisierte Erschließung mit informatischen Verfahren. Der Vortrag der beiden vermittelte Genese, Nutzung und Archivierung der unterschiedlichen Karteien der Emslandlager und erläuterte das Erkenntnisinteresse von Historiker:innen an diesem seriellen Bestand.

Die Zusammenarbeit der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der Arbeitsgruppe für Mustererkennung ermöglicht Studierenden damit zum zweiten Mal einen interdisziplinären Blick auf einen historischen Quellenbestand. Bereits 2025/26 hatte sich eine Master-Projektgruppe der Erschließung von personenbezogenen Massendaten aus den sog. ‚CM/1‘ Files der Arolsen Archives angenommen.

Am 12. April hielt Prof. Dr. Christoph Rass im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck einen Vortrag im Augustaschacht in Osnabrück unter dem Titel “Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig? Was die Osnabrücker Gestapokartei über NS-Herrschaft und Volksgemeinschaft erzählt.”

Am 26. März 1945, neun Tage bevor britische Truppen Osnabrück erreichten, legte ein Beamter der Gestapo-Leitstelle Osnabrück die letzte Karte einer Personenkartei an, die seit 1928 geführt wurde. Während die Ermittlungsakten der Leitstelle im Innenhof des Schlosses verbrannt wurden, nahmen die Beamten die Kartei auf die Flucht: zu wichtig, um sie den Flammen zu übergeben, zu belastend, um sie zurückzulassen. Mit 48.767 Karteikarten zu rund 48.000 Personen und 40.934 dokumentierten Vorgängen gehört sie heute zu den nur sechs noch substantiell erhaltenen Personenkarteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im ehemaligen Reichsgebiet. Anlass für die Wiederannäherung an dieses Quellenkonvolut bot eine Gedenkveranstaltung der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e.V. am Ort des ehemaligen AEL Ohrbeck, am Hüggel südwestlich von Osnabrück, in dessen Augustaschacht-Pumpenhaus die Gestapo zwischen Januar 1944 und März 1945 Tausende von ausländischen Zwangsarbeiter:innen disziplinieren ließ. Der hier vorgetragene Forschungsstand wurde von der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück im Rahmen des DFG-Projekts ›Überwachung. Macht. Ordnung. Personen- und Vorgangskarteien als Herrschaftsinstrument der Gestapo‹ (2018 bis 2021) erarbeitet, in dem die Osnabrücker Kartei als erste regionale Gestapo-Personenkartei vollständig digitalisiert und datenbankgestützt erschlossen wurde. Nun bot eine Gedenkveranstaltung Gelegenheit, die Gestapokartei noch einmal mit spezifischem Blick auf das AEL Ohrbeck auszuwerten. 

Drei Befunde des Vortrags lassen sich knapp zuspitzen: Erstens zeigt die Kartei eine institutionelle Transformation der Leitstelle, die in der bisherigen Forschung nur für einzelne regionale Fälle dokumentiert war: 86,5 Prozent der 4.719 benannten Haftereignisse fallen in die Phase IV (1942–1945), 77,1 Prozent betreffen Personen, die in der Kartei als Zwangsarbeiter:innen identifiziert sind. Zweitens macht die quantitative Auswertung das Haftsystem als reichsweite Infrastruktur sichtbar: 448 distinkte Haftorte, von Polizeigefängnissen in den besetzten Niederlanden über Konzentrationslager bis zu Zuchthäusern in Schlesien. Im Zentrum stehen zwei Arbeitserziehungslager, die zusammen 53 Prozent aller benannten Haftereignisse absorbierten: das AEL Ohrbeck im eigenen Bezirk und das von der Gestapo Köln verwaltete AEL am Flughafen Essen/Mülheim, in das die Osnabrücker Leitstelle mehr als eintausend Personen überstellte.  Drittens verschiebt die Kartei den Blick auf die ›Volksgemeinschaft‹ als Verfolgungspraxis. Mit 1.794 dokumentierten Ereignissen ist das Arbeitsamt der mit Abstand häufigste institutionelle Kooperationspartner der Leitstelle, gefolgt von Landräten (1.044), Firmen (1.102) und Bürgermeistern (175).

Christoph Rass beim Vortrag (Foto: Giulia Lambert/Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht)

History@SFB1604

Vom 14. bis zum 17. April nahmen Ahmet Celikten und Annika Heyen an der Spring School “Production of Migration” des Sonderforschungsbereichs 1604 teil. Abgesehen von den Doktorand:innen des Sonderforschungsbereichs nahmen 22 PhD Students aus 15 Ländern an der Veranstaltung teil. Zusätzlich reisten auch Nina Glick Schiller (University of Manchester) und Valentina Mazzucato (Maastricht University) für die Key Note Lectures sowie Nader Talebi (Humboldt University Berlin), Shahram Khosravi (Stockholm University), Janine Dahinden (University of Neuchâtel) und Stefan Manser-Egli für die Durchführung des Workshopprogramms an. Im Rahmen von Paper Presentations sprachen Ahmet Celicten über “The Production of the Turkey-Related ‘Other’: A Mixed-Methods Analysis of Migrantized Figures in Academic Discourse” und Annika Heyen über “Categories and Crisis: The Prodiuction of the ‘Refugee’ in the Context of the 1943 Bermuda Conference”.

Am 17. April unterstützten Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott vom Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” Sebastian Musch und Thea Kruse bei der im Rahmen der Spring School angebotenen Exkursion zur Baracke 35. Die einstmals als Teil eines Ausbildungslagers der Wehrmacht errichtete Baracke wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten als Kriegsgefangenenlager vor allem für serbische Offiziere genutzt. Nach Ende des Krieges wurden hier sogenannte ‘Displaced Persons’ vor ihrer Repatriierung bzw. vor ihrem Resettlement untergebracht. Der Verein, der die Baracke betreut, konzentriert seine Arbeit vor allem auf die Förderung von Frieden und anti-Kriegs-Bildung. Ziel der Exkursion war es, gemeinsam mit den Mitgliedern des Vereins “Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V.” über die migrationshistorischen Aspekte des Ortes zu diskutieren. Die Mitglieder des Transferprojekts demonstrierten darüber hinaus, wie digitale Werkzeuge dazu eingesetzt werden können, über einen Ort und seine Bedeutung neu nachzudenken.

Notizen

Im April startete die neue Reihe “NGHM Liest”, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Geschichtstheorie und Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Bereits online sind die folgenden Beiträge:

Prof. Dr. Christoph Rass war zu Gast im “Verhör” beim Zentrum Virtuos der Universität Osnabrück. In diesem Format befragen die Kolleg:innen vom Virtuos unterschiedliche Professor:innen rund um den Alltag von Forschung und Lehre.

Unter anderem erklärt Christoph Rass dort, wie die geschichtswissenschaftliche Praxis im Studium aussieht, welches Wort im Wortschatz von Historiker:innen nicht fehlen darf und welches Tier die Geschichtswissenschaft seiner Meinung nach wäre.

Sebastian Musch hat für Central European History die Monografie Österreich und der Buddhismus. Asiatische Abenteuer vom 16. Jahrhundert bis um 1960 von Hubert Weitensfelder rezensiert.

Zum 15. April konnten wir Gesa Landwehr im NGHM-Team begrüßen. Sie studiert Neueste Geschichte im Fachmaster und unterstützt nun als studentische Hilfskraft das Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”. Neben ihrer Tätigkeit bei uns arbeitet sie noch als Guide bei der Villa_ – Forum für Erinnerungskultur und Zeitgeschichte. Gesa interessiert sich für Geschichte aus einer Perspektive der Vermittlung. Sie findet besonders spannend, Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung außerhalb der Schule und mit digitalen Werkzeugen zu untersuchen. Beispielsweise entwickelte sie in der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” eine Web-App und berichtete davon im letzten Tiny Desk Kolloquium. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Mitte April verabschiedete sich das A3-Team des SFB 1604 von Elif Celik, die das Team in den vergangenen drei Monaten intensiv bei der Datenerhebung und Literaturrecherche unterstützt hatte. Wir danken ihr für ihre wertvollen Beiträge und wünschen ihr alles Gute und viel Erfolg für ihr Masterstudium.

Ende April verabschiedete Team NGHM außerdem Benjamin Look, der maßgeblich an der Tracker-Redaktion und der allgemeinen Blogredaktion beteiligt war. Diese Ausgabe des Trackers ist damit die letzte gemeinsam gestaltete Ausgabe. In Kürze wird Benjamin sein Masterstudium abschließen und Team NGHM wünscht ihm alles Gute für seinen beruflichen Werdegang!

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 12. Mai, 12.30 bis 13.30 Uhr, referieren Lukas Hennies und Jessica Wehner auf Einladung des Netzwerks Hochschule.digital Niedersachsen in der Reihe “KI Kompakt” zum Thema “Digitale Tools und KI-Nutzung in der Geschichtswissenschaft: Potenziale und Herausforderungen für die Lehre”.

Der Vortrag beleuchtet, wie im Rahmen des Geschichtsstudiums in die kritische Nutzung von generativer und nicht-generativer KI eingeführt werden kann. Konkret sollen Ansätze vorgestellt werden, die sowohl die (historische) Wissensproduktion als auch die Entwicklung von Vermittlungsformaten mit Hilfe von KI-Modellen betreffen. Anhand von Praxisbeispielen aus der Lehrtätigkeit an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) der Universität Osnabrück zeigt der Vortrag auf, welche Herausforderungen und Potentiale die technische Entwicklung von ‚Künstlicher Intelligenz‘ mit sich bringt und wie diese sinnvoll in die Lehre integriert werden kann. Abschließend soll diskutiert werden, wie eine kritisch-reflexive Nutzung digitaler Werkzeuge ausgestaltet werden kann.

Interessierte sind herzlich zum digitalen Vortrag eingeladen!

NGHM-Tracker (4/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der März stand im Zeichen von Bewegung – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Gleich mehrere Beiträge kreisten um das Thema Exkursion: Studierende reisten nach Nürnberg, erkundeten die historischen Schichten einer Stadt, die wie kaum eine andere Mittelalter und Nationalsozialismus in sich trägt, und erprobten dabei erstmals eine eigens entwickelte WebApp als digitales Begleittool. Dass historisches Lernen auch ohne physische Anwesenheit gelingen kann, zeigte unterdessen eine hybride Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Neben diesen didaktischen Experimenten rückte Thomas Mann ins Zentrum: Eine Studierendenkonferenz widmete sich seinen BBC-Rundfunkansprachen an die „Deutschen Hörer” und fragte, was diese Quellen über Exil, Widerstand und erzwungene Migration aussagen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Märzausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Wintersemester 2025/26 führte Team NGHM ein Blockseminar durch, das Thomas Manns BBC-Rundfunkansprachen „Deutsche Hörer!” (1940–1945) als historisches Dokument der Exil- und Migrationsgeschichte erschloss. Am Ende der Lehrveranstaltung fand ein Workshoptag mit anschließender Studierendenkonferenz statt, bei der vierzehn Vorträge in vier thematischen Panels präsentiert wurden. Die Moderation übernahmen Annika Heyen, Sebastian Musch, Sebastian Huhn und Jessica Wehner; die abschließenden Betrachtungen lagen bei Christoph Rass.

Die Studierendenkonferenz fand in unterschiedlichen Panels statt und gab Studierenden und Lehrenden ausreichend Zeit für Diskussionen (Foto: Jessica Wehner)

Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, wie intellektueller Widerstand aus dem Exil funktionieren konnte. Mann sprach seine Ansprachen in Kalifornien auf Schallplatte, die Aufnahmen wurden nach New York transportiert, per Telefonleitung nach London übertragen und über den deutschen Dienst der BBC ausgestrahlt – ein transatlantischer Produktionsweg, der die enormen infrastrukturellen Anforderungen dieser Form von Widerstandskommunikation sichtbar machte. Die Studierenden näherten sich dem Quellenkorpus aus mediengeschichtlicher, rhetorischer, ideengeschichtlicher und soziologischer Perspektive. Besonders aufschlussreich war etwa die sogenannte „Spiegelthese”: Manns Holocaust-Berichterstattung folgte demnach weniger seiner individuellen Erkenntnislage als dem öffentlich verfügbaren Informationsstand in den USA. Ebenso produktiv erwies sich die Frage nach Manns Doppelrolle – zwischen institutioneller Einbindung in den BBC-Propagandaapparat und eigenem intellektuellem Anspruch.

Nach dem Blockseminar vor Ort ging es für einige Kolleg:innen des Teams NGHM gemeinsam mit Kolleg:innen von der Professur für die Geschichte des Mittelalters Richtung Süden:

Das Germanische Nationalmuseum. (Foto: Adrian Kuhnt)

Vom 17. bis 19. März 2026 unternahmen Studierende des Historischen Seminars der Universität Osnabrück eine dreitägige Exkursion nach Nürnberg – eine Stadt, die wie kaum eine andere historische Schichten verdichtet und permanent neu verhandelt. Geleitet wurde die Reise von Christoph Rass (Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung) und Christoph Mauntel (Geschichte des Mittelalters) – und begleitet von Lukas Hennies, Sebastian Huhn und Lara Jäger –, die bewusst eine interdisziplinäre Perspektive anlegten. Der rote Faden der Exkursion war dabei eine ebenso einfache wie verstörende Erkenntnis: Was in Nürnberg als historische Bausubstanz wahrgenommen wird, ist zu weiten Teilen nachgebaut. Die Frage nach Authentizität, Inszenierung und Rekonstruktion erwies sich als weit weniger selbstverständlich, als die pittoreske Oberfläche der Stadt vermuten ließ. An neun Stationen in Nürnberg und Fürth erkundeten die Studierenden die vielschichtige Geschichte der Stadt. Im Germanischen Nationalmuseum stand der Behaim-Globus von 1492/93 im Mittelpunkt – die älteste erhaltene Erddarstellung in Kugelform, die zugleich eine Welt ohne Amerika zeigte. Die Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300–1600” beleuchtete nicht nur die globalen Handelsverflechtungen der Stadt, sondern auch deren Schattenseiten: Nürnberger Handelshäuser waren am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. Ein Altstadtrundgang machte die Dimension der Zerstörung vom 2. Januar 1945 erfahrbar, als 90 Prozent der mittelalterlichen Altstadt in Schutt und Asche sanken. Auf der Kaiserburg zeigte eine Führung, wie die Nationalsozialisten mittelalterliche Symbolik gezielt zur Legitimation ihres Regimes instrumentalisierten. Das Reichsparteitagsgelände rückte wiederum einen lange vernachlässigten Aspekt in den Vordergrund: die Geschichte der dort eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Die Exkursion verband so mediävistische und zeithistorische Perspektiven zu einem produktiven Spannungsverhältnis – und stellte grundlegende Fragen darüber, wer Geschichte wie und für wen konstruiert.

Die Exkursionsgruppe vor dem Frauentor in Nürnberg (Foto: Adrian Kuhnt)

Eine etwas andere Art der Exkursion fand am 23. Januar 2026 statt: Eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück unternahm unter der Leitung von Imke Selle eine digitale Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplant, wurde das Format aufgrund von Schnee und Eis spontan in eine hybride Form umgewandelt – ein Umstand, der die Auseinandersetzung mit dem Ort keineswegs schmälerte. Den Einstieg bildete die gemeinsame Lektüre eines Textes von Detlef Garbe, der Neuengamme als zentrales Konzentrationslager des nordwestdeutschen Raums einordnete. Mit über 80 Außenlagern und mindestens 42.900 Todesopfern unter mehr als 100.000 Häftlingen stand die historische Dimension des Ortes schnell im Mittelpunkt. Besonders aufschlussreich war die Diskussion über die enge Verflechtung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem Lagerregime: Die Stadt hatte das Lager gezielt für die Produktion von Klinkern für ihre monumentalen Stadtumbaupläne genutzt. Im Zentrum der digitalen Begehung stand ein 360-Grad-Rundgang, der das weitläufige Gelände erfahrbar machte. Ergänzend kamen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz – ein Angebot, das die Studierenden zwar als innovativ bewerteten, aber auch kritisch reflektierten. Die überlebensgroße Darstellung in der VR-Umgebung wirkte dem angestrebten Präsenzgefühl eher entgegen und regte zur grundsätzlichen Frage an, ob technologische Immersion tatsächlich zu tieferem historischen Verstehen beiträgt. Besonderes Interesse weckte die Nachkriegsgeschichte des Geländes: Jahrzehntelang als Gefängnis genutzt, konnte eine angemessene Gedenkstätte erst durch den Druck von Überlebendenverbänden und den gesellschaftlichen Wandel der 1980er Jahre entstehen. Der Bericht von Jule Kumbrink zeigte eindrücklich, wie digitale Formate einen reflektierten Zugang zur Erinnerungsarbeit ermöglichen können – ohne den physischen Besuch zu ersetzen.

Studierende bei einer digitalen Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Foto: Imke Selle)

Doch nicht nur Exkursionen, auch Feldforschung stand auf dem Plan von Team NGHM: Am 24. März 2026 brachen Lea Horstmann, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Ilka Schwerdtfeger unter Leitung von Imke Selle ins Emsland auf, um ergänzende Aufnahmen an den Standorten der 15 ehemaligen Emslandlager und 9 Lagerfriedhöfe im Rahmen des Projekts „Die Emslandlager als Konfliktlandschaft in Transformation. Forschendes Lernen am Schnittpunkt von universitärer Lehrer*innenbildung, Gedenkstättenpädagogik und partizipativer digital public history“ anzufertigen. Ziel war die Vervollständigung der historischen Dokumentation und Digitalisierung der ehemaligen Lagerstandorte.

Informatik meets Digital History: Workshop in Osnabrück

Am 22. März 2026 fand in Osnabrück ein eintägiger Workshop statt, bei dem Prof. Dr. Christoph Rass und Prof. Dr. Gernot A. Fink (AG Mustererkennung, TU Dortmund) die Zusammenarbeit ihrer Arbeitsgruppen vertieft haben. Die beiden Arbeitsgruppen kooperieren seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Informatik: Seit 2023 arbeiten sie an Verfahren, mit denen historische Großkarteien und andere massenhaft überlieferte personenbezogene Akten mithilfe von KI systematisch maschinenlesbar gemacht werden können. Im Sommersemester 2025 befasste sich bereits eine Dortmunder Masterprojektgruppe mit dieser Frage am Beispiel der CM/1-Akten aus den Arolsen Archives, einer zentralen Quelle für die vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Gewaltmigrationen. Aus dieser Kooperation ging auch eine gemeinsame Publikation auf der ICDAR 2025 hervor.

Der Workshop bereitete nun eine weitere Masterprojektgruppe vor, die sich im Sommersemester 2026 an der TU Dortmund mit der KI-gestützten Datenextraktion aus historischen Quellen befassen wird. Die Osnabrücker Geschichtswissenschaftler:innen begleiten die Projektgruppe erneut beratend und bringen ihre Expertise zu quellenkundlichen Fragen, zum Forschungskontext der historischen Massendaten sowie zu den inhaltlichen Anforderungen an die Tiefenerschließung ein. Damit setzt die Kooperation zwischen NGHM und der AG Mustererkennung einen Weg fort, auf dem die Möglichkeiten und Grenzen von LLMs und KI für die Arbeit im Archiv systematisch erprobt werden.

Annika Heyen und Vera Hanewinkel (Foto: Tim Ott)

Außerdem wirkten am 9. März Tim Ott und Annika Heyen an der Präsentation des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” durch Vera Hanewinkel im Rahmen der 21. LeLa-Jahrestagung mit und zeigten den Teilnehmenden digitale Werkzeuge aus dem Kontext des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum“. Die Präsentation des Sonderforschungsbereichs umfasste neben der Digital Public History-Station des T-Projekts eine Posterpräsentation zu verschiedenen Teilprojekten, assoziierten Projekten sowie dem ReflexLab und war Teil einer Exkursion, die auch das Landesarchiv und den Gestapokeller umfasste. Die LeLa-Tagung – kurz für “Lernort Labor” – ist ein Angebot des Bundesverbands der Schülerlabore. Insofern interessierten sich die Exkursionsteilnehmenden bei der Diskussion nicht nur für Fragen nach der Erzählung von Migrationsgeschichte und -gegenwart sowie der Beforschung derselben, sondern insbesondere auch für die Anwendbarkeit der digitalen Werkzeuge bei der Arbeit mit verschiedenen Gruppen. 

Für das Online-Portal Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, ein hybrides Publikationsprojekt der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts (LBI) und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ), Universität Potsdam, hat Sebastian Musch einen Beitrag zu deutsch-jüdischen Migrant:innen auf Sri Lanka geschrieben. In dem Beitrag zeigt er, wie Sri Lanka (damals British Ceylon), obwohl abseits der großen Migrationsbewegungen, die das deutsche Judentum im 20. Jahrhundert prägten, gelegen, als „heiliges Land des Buddhismus“ für deutsch-jüdische Migrant:innen ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort wurde. In dem Beitrag stellt er außerdem einige deutsch-jüdische Persönlichkeiten vor, die im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute prägen. Dazu gehören Nyanaponika Thera (Siegmund Feniger), ein ursprünglich aus Hanau stammender deutscher Jude, der auf der Insel als buddhistischer Mönch ordiniert wurde und zu einem der wichtigsten Denker des Theravada-Buddhismus im 20. Jahrhundert aufstieg, die buddhistische Mönchin Ayya Khema (Ilse Kussel), die Indologin Betty Heimann und die Schriftstellerin Anna Ranasinghe.

History@SFB1604

Christoph Rass, Lale Yildirim und Anna Kaim haben in der Reihe IMIS Working Papers unter dem Titel “Museen als Kontaktzone(n) der Migrationsgesellschaft?” eine neue Publikation veröffentlicht. Der Beitrag fragt danach, wie Museen als geschichtskulturelle Institutionen der Migrationsgesellschaft zu Orten werden können, an denen Migration nicht als Ausnahme oder Sonderfall, sondern als gesellschaftliche Normalität – als conditio humana – verhandelt wird. Dabei nehmen die Autor*innen zunächst eine begrifflich-konzeptionelle Verortung vor, die Migration als konstitutives Strukturmerkmal moderner Gesellschaften fasst und zugleich die Konstruktionsmechanismen von Differenzkategorien wie ‚Migrationshintergrund‘ kritisch reflektiert. In einem zweiten Schritt rückt das Museum als gesellschaftliche Institution und Bildungsort in den Blick, wobei sowohl seine historische Verstrickung in nationale Identitätserzählungen als auch sein Potenzial als Raum der Begegnung und Aushandlung – im Sinne einer von Nora Sternfeld vorgeschlagenen ‚Kontaktzone‘ – diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund analysiert der Beitrag bestehende Strategien der Musealisierung von Migration und legt offen, welche konzeptionellen Schwierigkeiten sich aus dem grundsätzlichen Widerspruch zwischen Migration als Prozess der Bewegung und dem Museum als Institution der Fixierung ergeben.

Als konkreten Beitrag zur Überwindung dieser Spannungen stellt der Aufsatz das am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück seit 2014 entwickelte Workshopformat ‚Familiengeschichte als Migrationsgeschichte‘ vor, das durch einen lebensweltlichen, alle Teilnehmenden einbeziehenden Zugang über vier Generationen hinweg Mobilität und Migration als geteilte Erfahrung sichtbar macht. Die zwischen 2017 und 2019 in Kooperation mit dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven erprobte Übertragung dieses Formats in den musealen Kontext wird ebenso dargestellt wie die daraus abgeleiteten Potenziale für die museale Praxis – nicht zuletzt die Möglichkeit, räumliche Ebenen zu transzendieren, transkulturelles Lernen zu fördern und Ambiguitätstoleranz als Grundlage einer pluralen Erinnerungskultur zu stärken.

Notizen

Sebastian Musch hat für H-Soz-Kult das Buch „Nicht alles ist erlaubt, nicht alles ist verboten“. Die deutsch-israelischen Beziehungen in den Geisteswissenschaften (1950–1990) von Sharon Livne, Irene Aue-Ben-David und Silja Behre rezensiert. Das Buch zeichnet die Anfänge der israelischen universitären Institutionalisierung des Forschens zu deutscher Sprache, Literatur und Geschichte nach und ergänzt durch eine detaillierte Wissenschaftsgeschichte die Forschung zur Geschichte der (bundes-)deutsch-israelischen Beziehungen.

Gero Wollgarten, Doktorand der NGHM, publizierte seinen Beitrag “Ein Österreichischer Minsk-Prozess?« Biografische Zugänge zur österreichischen Strafverfolgung von NS-Tätern am Beispiel von Helmut Heiss (1913–1985) und Johann Kunz (1898–?)” im Sammelband “Biografien als Sonden der Transformation”. Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf einen Workshop an der Universität Wien im Jahr 2022 zurück.

Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung verfolgt seit Jahren das Ziel, digitale Methoden nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil geschichtswissenschaftlicher Ausbildung zu etablieren. So auch zuletzt im Rahmen von Exkursionen: Für die Exkursion „Nürnberg zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus” im März 2026 entwickelte das NGHM-Team um Christoph Rass eine eigene WebApp, die Logistik, Kartenmaterial und historische Kontexte auf dem Smartphone bündelt. Statt WhatsApp-Gruppen, E-Mails und ausgedruckter Handouts stand den Teilnehmer:innen eine kartenbasierte Anwendung zur Verfügung, die alle Exkursionsstationen als verlinkte Informationsknoten auf einer OpenStreetMap-Karte darstellte. Farbcodierte Marker unterschieden Exkursionsstationen, Kontextorte und Infrastruktur; ein Zeitstrahl hob automatisch die aktuelle oder die nächste Station hervor. Das Herzstück der App bildeten historisch fundierte Einführungstexte zu neun zentralen Orten – von Nürnbergs Aufstieg zur Reichsstadt und der Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel über das Reichsparteitagsgelände bis zu den Nürnberger Prozessen und der Geschichte jüdischen Lebens in Franken. Besonders experimentell war die Integration eines photogrammetrisch erstellten 3D-Scans eines Kunstwerks der Straße der Menschenrechte, der „on the fly” in die App eingebunden wurde. Entwickelt wurde die Anwendung mit dem Ansatz des sogenannten „Vibe Codings” – KI-gestützter Programmierung im Dialog mit einem KI-System, ohne klassische Programmierkenntnisse. Dieser Ansatz knüpfte direkt an die Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” an, in der Studierende im Wintersemester 2025/26 eigene WebApps entwickelt und beim ersten NGHM-WebApp-Slam präsentiert hatten. Die Exkursions-App reiht sich damit in das wachsende Digital-History-Profil der Arbeitsgruppe ein – und zeigte im Feld, dass situativer Zugang zu Kontextwissen direkt am historischen Ort gelingen kann.

Ein Einblick in die WebApp

Blogbeiträge im März

Ausblick & aktuelle Termine

Am 7. April beginnt das Sommersemester 2026 an der Universität Osnabrück. Team NGHM ist mit einem spannenden Lehrprogramm dabei, das wir in Kürze auch auf unserem Blog veröffentlichen!

Studierendenkonferenz Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer

Im Wintersemester 2025/2026 veranstaltet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung eine Studierendenkonferenz im Rahmen des Blockseminars “Worte und/als Widerstand: Thomas Mann und die Deutschen Hörer”, durchgeführt von Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Huhn, Dr. Sebastian Musch, Annika Heyen und Jessica Wehner.

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.

Thomas Mann (1937)

Im Mittelpunkt des Semianrs stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Wir analysieren, wie Mann aus dem kalifornischen Exil versuchte, auf die deutsche Gesellschaft einzuwirken, welche Botschaften und Positionen er vermittelte und wie er die Entwicklungen des Krieges und der NS-Herrschaft kommentierte. Dabei untersuchen wir auch die praktischen Bedingungen der Rundfunkproduktion im Exil, die Zusammenarbeit mit der BBC und die Frage nach der tatsächlichen Hörerschaft im Reich.

Das Seminar arbeitet intensiv mit den Originalquellen und ordnet Manns Radioreden in den größeren Kontext der Exilpublizistik, des Kriegsverlaufs und der Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein. Methodisch verbinden wir medienhistorische, migrationsgeschichtliche und politikgeschichtliche Zugänge.

Am 16. Januar fand der erste Seminartag gemeinsam mit Dr. Anneke Thiel statt. Dabei stand eine erste Auseinandersetzung mit den Quellen und eine Einführung in das Leben und Werk Thomas Manns im Vordergrund.

Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)

Am 6. März fand ein gemeinsamer Workshop-Tag statt bei dem die Studierenden sich miteinander und den Lehrenden über ihre Themen und ihre Vorträge austauschen konnten.

Am 7. März, 9-17 Uhr findet dann in 15/130 die Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen!

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Programm

9:00 Uhr: Begrüßung (Christoph Rass)

9:10 Uhr: Panel I – Wissen um das Unvorstellbare: Thomas Mann, der Holocaust und die alliierte Berichterstattung (Moderation: Annika Heyen)

Gesa Landwehr: Deutsche Hörer! als Teil des German Service

Lea Horstmann: „Zwischen Aufklärung und Appell: Die Darstellung von NS-Verbrechen und der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik in Thomas Manns Radioansprachen ‚Deutsche Hörer!‘“

Felix Ruholl: Die Berichterstattung Thomas Manns über den Holocaust im Laufe der Radioansprachen „Deutsche Hörer!“

Anna Louisa Asbrock: „[Die] infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat.” – Die Darstellung des Nationalsozialismus in Thomas Manns “Deutsche Hörer”-Reden

10:50 Uhr: Pause

11:00 Uhr: Panel II – Das „Böse“, die „Zivilisation“ und der „Humanismus“: Ideengeschichtliche Perspektiven auf Thomas Mann (Moderation: Sebastian Musch)

Gloria Sherif: „Das schlechthin Teuflische“. Sprachliche und moralische Konzeption des Bösen in Thomas Manns „Deutsche Hörer!“

Daria Ivanov: Menschlichkeit als Prüfstein der Zivilisation: Humanismus und “Judenfrage ”in Thomas Manns BBC-Rede vom 27. September 1942

Timo Diener: Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann

12:20 Uhr: Mittagspause

13:00 Uhr: Panel III – Lichtgestalten, Demokratie und Kriegsbegeisterung: Thomas Mann und die Realpolitik (Moderation: Sebastian Huhn)

Luca Herrmann: Thomas Mann und sein Verhältnis zu US-Präsident Roosevelt in „Deutsche Hörer!“

Pieter Rehfeld: Vom Konservativen zum moralischen Demokraten? Thomas Manns Demokratieverständnis in den Rundfunkreden „Deutsche Hörer!“

Leon Schmitz: Flammende Begeisterung – Thomas Manns Auseinandersetzung mit Militarismus und Kriegsbegeisterung angesichts zweier Weltkriege.

14:20 Uhr: Pause

14:30 Uhr: Panel IV – Thomas Mann und die Deutschen Hörer: Rollenverständnisse und Beziehungen (Moderation: Jessica Wehner)

Alexander Pracht: Angst und Furcht in der Rhetorik Thomas Manns

Emma Breulmann: Thomas Manns Rollenverständnis in „Deutsche Hörer!“

Jennifer Funk: Thomas Manns Beziehung zu dem „Deutsche[n] Hörer!”

Carlotta Pioch: Rollenverständnis und Rollenvielfalt

16:10 Uhr: Abschlussdiskussion (Christoph Rass)

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NGHM-Tracker (3/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im Februar begann für Team NGHM die vorlesungsfreie Zeit und damit die konzentrierte Arbeit an Texten, Projekten und Vorträgen. Daneben standen auch einige Reisen – beispielsweise nach Hamburg oder Bremen – an.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Februarausgabe des Newsletters.

Einblicke

In der Lehre versuchen die Mitarbeiter:innen der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung immer wieder auch neue (digitale) Methoden und Tools gemeinsam mit Studierenden auszuprobieren. Ein mittlerweile bewährtes Konzept stellen dabei die von unseren Studierenden gestalteten digitalen Ausstellungsprojekte dar, von denen zwei im Februar online gehen konnten. Beide sind aus Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Christoph Rass hervorgegangen und verbinden quellengestützte Analyse mit digitalen Präsentationsformen.

Nachdem die wissenschaftliche Redaktion der Beiträge durch Valentin Loos, M.Ed. – in enger Abstimmung mit dem Universitätsarchiv – abgeschlossen werden konnte, sind die beiden mit dem System Omeka-S umgesetzten Ausstellungen nun online gegangen. Sie machen Ergebnisse aus Forschung und Lehre öffentlich zugänglich – und laden dazu ein, Osnabrücker Universitäts- und Stadtgeschichte nicht nur nachzulesen, sondern auch analytisch zu erkunden:

Die Universität Osnabrück – Gründung und Anfangsjahre

Die Lohstraße – Stadtgeschichtliche im Spiegel einer Straße

Auf unserem Blog berichteten wir bereits ausführlich über die Veröffentlichung:

Online sind bereits folgende Ausstellungen zugänglich, die teils aus Lehrveranstaltungen, teils aus Forschungsprojekten hervorgegangen sind:

Nicht nur unser Ausstellungsportfolio ist gewachsen:
Die Reihe der IMIS Working Papers ist um zwei Beiträge erweitert, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit einer gemeinsamen Frage befassen: Wie produzieren Sprache, Wissen und Kategorien jene sozialen Ordnungen bzw. Phänomene, die wir als ›Migration‹ verhandeln?

Beide Texte sind an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück entstanden und schließen an die Arbeiten im Sonderforschungsbereich 1604 ›Produktion von Migration‹ an. Dabei greifen sie zwei Stränge auf, die die Arbeit der Arbeitsgruppe NGHM seit Jahren prägen: die Begriffsgeschichte migrationspolitischer Schlüsselkategorien und die kritische Analyse jener Wissensordnungen, die bestimmen, wie Gesellschaften über Zugehörigkeit und Ausschluss verhandeln.

Das IMIS Working Paper 22, ‘Gastarbeiter’ in the Nazi Press (1933–1945). Formative Years of a Key Term in Migration Politics, wendet sich einer bislang unzureichend erforschten Phase in der Geschichte eines Begriffs zu, den die Arbeitsgruppe NGHM seit über einem Jahrzehnt untersucht.

Das IMIS Working Paper 23Zum Verhältnis von Produktion und Projektion. Reflexive Perspektiven auf antiziganistische Wissensordnungen, verfasst von Christoph Rass und Jonathan Roters, geht auf einen Vortrag bei der wissenschaftlichen Auftaktveranstaltung zum Konzept der Z-Projektion am 8. September 2025 in Hannover zurück. Der Beitrag unternimmt einen anderen Zugriff auf die Frage, wie Kategorien soziale Ordnung herstellen.

History@SFB1604

Vom 23. bis 25. Februar 2026 fand in Bremen das SFB 1604-Retreat 2026 statt, bei dem die Teilprojekte und die beteiligten Projektmitglieder zu einem intensiven Austausch zusammenkamen. Das A3-ProjektteamChristoph Rass, Lale Yildirim, Ahmet Celikten und Maik Hoops – war beim Retreat vollständig vertreten. Für das Team referierte Christoph Rass am Montagnachmittag über erste Ergebnisse der korpuslinguistischen Analysen und gab einen Ausblick auf das Arbeits- und Publikationsprogramm für 2026.

Der Dienstag begann mit einem intensiven Programm, darunter Diskussionen zu „Production Approaches“ und eine PhD-Session. Anschließend wurden die ersten SFB-Podcasts vorgestellt. Die ersten beiden Folgen kommen aus dem Teilprojekt A3: Christoph Rass und Catherine Ramirez sprechen in Folge 1 mit der Migrationsforscherin Czarina Wilpert, in Folge 2 setzen sich Christoph Rass und Lale Yildirim mit der Arbeit des Journalisten Gerhard Kromschröder und seinem Buch “Als ich Türke war” auseinander.

Darüber hinaus trafen sich die Mitglieder desTransferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” zu einem Strategietreffen mit der SFB-Leitung sowie den Kolleg:innen für Öffentlichkeitsarbeit. Ziel war eine Bestandsaufnahme der Projektfortschritte seit Förderbeginn sowie das Besprechen weiterer Schritte für die nächste Zukunft sowie für den Rest der Projektlaufzeit.
Außerdem traf sich A3 mit den SFB 1604-Teilprojekten A5 und C1 zu einem Austausch über korpusbezogene Forschungsansätze. 

Das SFB-Team (Leona Schmidt, Christoph Rass, Lale Yildirim, Vera Hanewinkel und Feline Engling Cardoso, vlnr) bei der Aufnahme (Foto: Jessica Wehner)

Am letzten Tag des Retreats nahm das A3-Projekt an der Sitzung „Media Linkages” mit einer Gruppe von Projekten aus allen drei Clustern (Figure, Infrastructure, Space) teil. In der Abschlusssitzung des Retreats stellte Christoph Rass die empirische Arbeit des A3-Projekts im Rahmen einer Diskussion innerhalb der A-Cluster-Projekte zu Methoden, Daten und Ergebnisperspektiven vor. 

Das SFB 1604 A3-Team hat kürzlich Elif Çelik als neue studentische Hilfskraft begrüßt. Sie ist Masterstudentin im ersten Semester des Studiengangs Conflict Studies and Peacebuilding. Sie wird das Projekt insbesondere bei der Textsammlung, der Erweiterung des Korpus und der Datenverwaltung für türkischsprachige Materialien unterstützen, die für die Dissertationsprojekte zusammengestellt werden. Wir freuen uns, sie in unserem Team zu haben!

Notizen

In der vergangenen Woche ist der Exkursionsbericht zum Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme veröffentlicht worden.

Das Konzentrationslager Neuengamme gehörte zu den größten Zwangsarbeitslagern Norddeutschlands. Mehr als 100.000 Menschen wurden dort inhaftiert, mindestens 42.000 von ihnen kamen ums Leben. Aufgrund verschiedener historischer Entwicklungen, Entscheidungen und äußerer Umstände sind – wie bei vielen ehemaligen Konzentrationslagern – heute nur noch wenige originale bauliche Überreste erhalten. Dennoch gelingt es der Gedenkstätte durch umfassende Ausstellungen und professionelle Führungen, die Geschichte des Ortes anschaulich und nachvollziehbar zu vermitteln.

Kürzlich erschien der Ausstellungskatalog “Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust”. Dieser dokumentiert ein mehrjähriges deutsch-griechisches Verbundprojekt zur Aufarbeitung eines lange vergessenen Kapitels des Holocausts und ordnet dieses in seinen historischen Kontext ein.

Auf unserem Wissenschaftsblog berichteten wir bereits ausführlich über die im März/April 2023 durchgeführte Prospektion in Karya sowie die daraus resultierenden Forschungsergebnisse.

Weitere Informationen und Ressourcen:

Vom 25. bis zum 27. Februar fuhr Imke Selle zur Universität Hamburg, um dort gemeinsam mit Lale Yildirim am FUER-Kolloquium teilzunehmen. Hier wurden verschiedene Dissertationsprojekte vorgestellt und eine Weiterentwicklung des Modells FUER (Förderung und Entwicklung eines reflektierten und selbst-reflexiven) Geschichtsbewusstsein(s) diskutiert.

Blogbeiträge im Februar

Ausblick & aktuelle Termine

Am 7. März, 9 bis 17 Uhr, findet im Rahmen der von Christoph Rass, Sebastian Musch, Sebastian Huhn, Annika Heyen und Jessica Wehner angebotenen Lehrveranstaltung “Worte und/als Widerstand. Thomas Mann und die deutschen Hörer” eine Studierendenkonferenz statt. Interessierte sind herzlich eingeladen. Das Konferenzprogramm erscheint in Kürze auf unserem Blog.

NGHM-Tracker (1-2/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Nach einer kurzen Winterpause ist die Tracker-Redaktion wieder zurück im Dienst der Öffentlichkeitsarbeit. Im Dezember und Januar hat Team-NGHM gemeinsam mit Studierenden und Kolleg:innen die Zeit genutzt, um aktuelle Projekte und Forschung vorzustellen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Dezember- und Januar-Doppelausgabe des Newsletters.

Einblicke

Sebastian Musch, Bjarne Groß, Gloria Sherif und Maria Flores Rojas beim Tag der Lehre (Foto: Imke Selle)

Am 3. Dezember 2025 fand an der Universität Osnabrück erstmals der Tag der Lehre statt, bei dem verschiedene LehrZeit-Projekte ihre innovativen Ansätze zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre präsentierten. Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle stellten die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ vor, das gemeinsam mit Prof. Dr. Lale Yildirim (inzwischen CAU Kiel) und Prof. Dr. Michael Brinkmeier realisiert wurde und interdisziplinäre Lehrformate zwischen Geschichtswissenschaft und Informatik erprobte. Darüber hinaus präsentierten Dr. Sebastian Musch, Maria Flores Rojas, Bjarne Groß und Gloria Sherif das LehrZeit-Projekt „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Verstehen, Reflektieren, Handeln“, an dem außerdem Helen Schwenken, Jamila Brüggemann und Mira Hazzaa beteiligt waren und das ein integriertes Lehrkonzept zur gemeinsamen Analyse beider Phänomene entwickelte.

Nach dem Tag der Lehre an der UOS gab es auch in der Lehre von Team NGHM einige Highlights:

Am 16. Januar gestalteten Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Sebastian Musch, Dr. Sebastian Huhn, Annika Heyen und Jessica Wehner den ersten Tag des Blockseminars “Worte uns/als Widerstand. Thomas Mann und die Deutschen Hörer”. Mit dabei war auch Dr. Anneke Thiel von der Universitätsbibliothek, die einen Vortrag über das Leben und Werk Thomas Manns hielt.

Anneke Thiel, Jessica Wehner, Annika Heyen, Sebastian Huhn, Christoph Rass und Sebastian Musch (vlnr) beim Thomas Mann Seminar (Foto: Timo Diener)

Zwischen 1940 und 1945 wandte sich Thomas Mann in monatlichen Radioansprachen über die BBC an die deutsche Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland. Diese “Deutsche Hörer!”-Sendungen stellen eine bedeutende Quelle für die Geschichte des intellektuellen Widerstands aus dem Exil dar. Das Seminar untersucht Thomas Manns Rundfunkreden als historisches Dokument der Exilerfahrung, als Medium transnationaler Kommunikation in Kriegszeiten und als Versuch politischer Einflussnahme unter den Bedingungen der NS-Diktatur.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Reichweite und Rezeption dieser Sendungen, ihrer Funktion im Kontext alliierter Propaganda und ihrer Bedeutung für die deutsche Exilgeschichte. Am 7. März findet dann am letzten Tag des Blockseminars eine Konferenz statt, bei der die Studierenden ihre Forschungsergebnisse präsentieren und diskutieren.

Ein weiteres Highlight stellte der NGHM WebApp-Slam dar. Am 21. Januar 2026 fand dieser am Historischen Seminar der Universität Osnabrück statt. Elf Studierende präsentierten in kurzen Pitches ihre im Wintersemester 2025/26 entwickelten WebApps zu historischen Themen. Die Veranstaltung bildete den Abschluss der Übung „Digital History Workshop: KI & Personal Information Management für Historiker:innen” und machte zugleich sichtbar, welche Potenziale in der Verbindung von historischer Forschung, kritischer Reflexion und digitalen Werkzeugen liegen. Folgende WebApps wurden vorgestellt:

  • Benjamin Rosenstengel: “Das war hier einmal anders… Oder?”
  • Sebastian Waldmann: “Verhandlungssimulator – Westfälischer Frieden”
  • Timo Diener: “Eine App zur Geschichte Ostfrieslands”
  • Felix Ruholl: “Industrie-Atlas für den Landkreis Vechta. Eine Kleine Zeitreise von 1920 bis heute”
  • Jannik Singer: “Koloniale Spurensuche in Osnabrück”
  • Paul Schwede “Analyse History”
  • Alexander Pracht: “Antike Reiserouten. Politische Reisen im 2. Jahrhundert”
  • Milena Lummer: “Vom Pergament zum Pixel. Eine digitale Edition des Katalanischen Weltatlas”
  • Gesa Landwehr: “Eine Simulation des “System Calmeyer”
  • Maria del Mar Julian Fernandez: “Kommt ein Historiker in eine Bar…”
  • Marvin Gehricke: “KI-Historiker”
  • Team NGHM: “NGHM liest”

In der letzten Seminarwoche nutzten die Lehrenden gemeinsam mit den Studierenden der NGHM die Möglichkeit, die angehenden Forschungsprojekte zu diskutieren. Im Proseminar “‘Uprooted from their homes’ – Die Bewältigung von Kriegsfolgemigration durch die International Refugee Organization (IRO)”, geleitet von Lukas Hennies und Jessica Wehner, präsentierten 30 Studierende ihre Forschungsvorhaben für die Hausarbeiten. Aus Team NGHM kamen auch Valentin Loos, Jonathan Roters, Hannah Foth und Eduard Usov vorbei, um mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Zum Abschluss des Seminars “Antisemitismus und Rassenideologie im Nationalsozialismus” von Sebastian Musch fand am 29. Januar ein Studierenden-Workshop statt, in dem die Teilnehmerinnen des Seminars in Vorträgen die Themen präsentierten, die sie im Laufe des Semesters erarbeitet hatten. Die Themenauswahl reichte von der NS-Schulpolitik bis hin zu philosophie- und ideengeschichtlichen Ansätzen bei Georg Mosse und Hannah Arendt. Aus den Arbeitsgruppen nahmen Imke Selle, Annika Heyen und Ahmet Celikten als Diskutand:innen teil.

Am 30. und 31. Januar 2026 fand an der Universität Osnabrück die Abschlusstagung zweier Lehrveranstaltungen, geleitet von Dr. Aliaksandr Dalhouski und Dr. Dr. Valentin Schneider, statt, in denen Studierende im Wintersemester 2025/26 Primärquellen zur Geschichte des Holocausts analysiert haben. Die Tagung brachte Forschungen zu Tatorten in Belarus und Griechenland in einen vergleichenden Dialog. Die Ergebnisse präsentierten die Studierenden nun im Rahmen einer gemeinsamen Abschlusstagung, die die beiden Lehrveranstaltungen in einem komparativen Ansatz zusammenführte.

Nicht nur vor Ort in Osnabrück fand der Austausch statt, sondern auch zwei Exkursionen standen im Januar an:

Die Exkursionsgruppe vor der ehemaligen Arrestbaracke (Foto: Frank Wobig)

Im Januar 2026 wurden unter der Leitung von Imke Selle zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme durchgeführt. Bei einer Präsenzexkursion am 16. Januar erhielten die Teilnehmenden im Rahmen einer Führung Einblicke in die Geschichte des Konzentrationslagers als eines der größten Zwangsarbeitslager Norddeutschlands sowie in zentrale Fragen der Erinnerungskultur. Neben der Opferperspektive wurden dabei auch Aspekte von Täterschaft und Nachgeschichte sowie die gesonderte Ausstellung zur Lager-SS thematisiert, deren Einbindung in die Gedenkstättenarbeit kontrovers diskutiert wird. Ergänzend dazu fand am 23. Januar eine digitale Exkursion statt, die anhand von Audio-Rundgängen und 360°-Touren eine vertiefte Auseinandersetzung mit weiteren Ausstellungsbereichen der vollständig digitalisierten Gedenkstätte ermöglichte.

Eine zweigeteilte Tagesexkursion führte am 19. Januar 2026 ins Bürgerhaus Ibbenbüren, wo Studierende der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an einer Filmvorführung teilnahmen. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker – rotes Blut” von Luigi Toscano über das Leben der Auschwitz-Überlebenden Anna Strishkowa. Am 27. Januar 2026 – dem 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – lud die Katholische Schulseelsorge Ibbenbüren zur Gedenkveranstaltung „Stimme der Geschichte – Erinnern für unsere Zukunft” ins Kulturhaus ein. Im Zentrum stand die Begegnung mit Anna Strishkowa, einer Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, die 1939 geboren wurde und als knapp vierjähriges Kind im Dezember 1943 an der Rampe von Birkenau registriert worden war. Prof. Dr. Christoph Rass übernahm die historische Einführung – ein Anlass, über die Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Erinnerungsarbeit nachzudenken.

Christoph Rass und Numan Özer von der “180 Grad Wende” im Gespräch.
Lea Horstmann, Tim Ott und Johannes Pufahl beim Anfertigen von 360°-Aufnahmen der Keupstraße in Köln-Kalk.

Am 15. Dezember besuchten Christoph Rass, Lea Horstmann, Johannes Pufahl, Tim Ott und Annika Heyen im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” die Initiative “180 Grad Wende” in Köln. Unter dem Motto “Niemanden zurücklassen: Gemeinsam Chancen schaffen” setzt sich der Verein mit Projekten zu Orientierung, Demokratieförderung, Prävention und Empowerment für Chancengleichheit junger Menschen aus marginalisierten Communities, insbesondere in den Stadtteilen Kalk und Mülheim ein. Den ersten Teil ihres Besuchs verbrachten die Mitglieder des Teams T-Projekt in den Räumlichkeiten der “180 Grad Wende” und sprachen mit Geschäftsführer Mimoun Berrissoun und Numan Özer, zuständig für die Gesamtprojektbetreuung, über die Arbeit der Initiative, ihre persönlichen Beweggründe, sich für die Jugendlichen zu engagieren, sowie über die Ziele, die der Verein verfolgt. Anschließend führte Nouman Özer das Team durch die weithin bekannte Keupstraße in Köln Kalk, wo Lea Horstmann, Johannes Pufahl und Tim Ott mithilfe einer 360°-Kamera Aufnahmen anfertigten, um daraus einen interaktiven Rundgan zu erarbeiten. In diesen Rundgang sollen später Video-Interviews mit Anwohnenden, Mitgliedern des Vereins “180 Grad Wende” sowie weiterführende Materialien eingebettet werden, die das Leben im Stadtteil insbesondere für junge Menschen thematisieren. Im zweiten Teil des Besuchs sprachen die Teammitglieder mit Alparslan Korkmaz, der im sogenannten “Wendepunkt”, einer Beratungsstelle des Vereins “180 Grad Wende” in Mülheim Jugendliche dabei unterstützt, Wissen zu erlangen, um in ihrem Alltag wirksam handeln zu können. Die Gespräche mit dem Verein legten die Grundlage für weitere mögliche Kooperationen, beispielsweise im Hinblick auf das “Exhibition Builder”-Modul des SFB 1604 Transferprojekts, für das die Teammitglieder derzeit auf der Suche nach engagierten zivilgesellschaftlichen Gruppen sind.

Am 20. Januar 2026 sprach Christoph Rass im Rahmen der Ringvorlesung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt” an der Universität Osnabrück über Potenziale und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz für die Geschichtswissenschaft. Die zentrale These des Beitrags: KI verändert nicht, was Geschichte ist. Jedoch zwingt sie uns, klarer zu artikulieren, was historische Kompetenz ausmacht. Ausgehend von Michel-Rolph Trouillots Theorie der vier Momente, in denen Schweigen in die Geschichtsproduktion eintritt, entwickelte der Vortrag das Konzept eines „fünften Moments” – des algorithmischen Silencing. Trainingsdaten, auf denen Sprachmodelle basieren, reproduzieren bestehende Machtverhältnisse. Die Algorithmen, die Informationen selektieren und synthetisieren, können bestehende Silencings verstärken, indem sie hegemoniale Narrative reproduzieren und marginalisierte Perspektiven weiter marginalisieren.

Im Dezember berichtete der Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück auf seinem Blog über das Erscheinen des neuesten Bandes der Osnabrücker Mitteilungen. In der diesjährigen Ausgabe ist die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit Valentin Loos und Simon Hellbaum zweifach vertreten. Die beiden Beiträge widmen sich zentralen Fragen sozialer Ausgrenzung, Herrschaft und Gegenhandeln im 20. Jahrhundert und sind zugleich eng mit aktuellen methodischen Debatten der Zeitgeschichtsforschung verbunden. Am 15. Januar 2026 fand die offizielle Vorstellung der neuesten Ausgabe der Osnabrücker Mitteilungen im Museumsquartier Osnabrück statt. Drei ausgewählte Beiträge wurden im Rahmen der Veranstaltung vorgestellt, darunter auch der Aufsatz “Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand. Wahrnehmung und Bewertung des regionalen NS-Widerstands” von Valentin Loos. Die Veröffentlichung des mittlerweile 130. Bandes stieß auf großes Interesse und regte lebhafte Diskussionen an, die im Anschluss an die Veranstaltung in entspannter Atmosphäre fortgesetzt wurden.

Valentin Loos stellt die Ergebnisse seines Aufsatzes “Widerstand in Osnabrück – Osnabrück im Widerstand” vor (Foto: Annika Heyen)

Zum Semesterabschluss fand am 29. Januar traditionell unser fünftes Tiny Desk Kolloquium statt. In diesem Semester schloss das TDK an unser Schwerpunktthema in der Lehre “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” an.
Mit dabei waren Julia Lohmann, Gesa Landwehr und Jannik Singer, die studentische Projekte vorstellten.
Im zweiten Block referierten Martina Sellmeyer, Dr. Sebastian Musch und Annika Heyen, die kurzfristig für den erkrankten Dr. Michael Gander eingesprungen ist. Ein ausführlicher Bericht zum TDK erscheint in Kürze auf unserem Blog.

Sebastian Musch, Annika Heyen, Christoph Rass, Julia Lohmann, Janik Singer und Gesa Landwehr nach dem TDK (vlnr); leider fehlt Martina Sellmeyer (Foto: Jessica Wehner)

History@SFB1604

Am 22. Januar besuchte Max Schellbach unser Kolloquium der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung. Max ist als Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl “Historische Bildungsforschung” von Prof. Till Kössler an der Universität Köln beschäftigt und präsentierte unter dem Titel “Der Kampf um Integration. ‘Ausländische’ Jugendliche und die Münchner Jugendarbeit der 1970er und 1980er Jahre” spannende Ergebnisse aus seinem Promotionsprojekt “Freizeit als Problem. Migrantische Jugendliche und die Transformation städtischer Jugendarbeit im deutsch-britischen Vergleich (1970-1990)”.  Angesichts des gemeinsamen Forschungsfelds – dem Nexus von Bildung und Migration in historischer Perspektive – ist der Austausch mit Max insbesondere für die Projektmitarbeitenden des SFB-Projekt A3 von Gewinn, die bereits im November im Gegenzug ins Kolloquium der Historischen Bildungsforschung nach Köln eingeladen waren. Wir freuen uns auf weiteren Austausch mit Max in der Zukunft.

Arbeitsgruppe “Negotiating Migration” und Mitglieder des SFB1604 gemeinsam mit unserem Gast Max Schellbach (Foto: Timo Diener)

Ende Januar verabschieden wir uns von Rosalie Nele Seyde und Eduard Usov, die über fast zwei Jahre hinweg im SFB-Projekt A3-Team tätig waren und wertvolle Arbeit beim Aufbau des digitalen Quellenkorpus, der Literaturrecherche und dem Einsatz der Analyse-Software MAXQDA leisteten. Eduard verlässt zwar das A3-Team, bleibt dem SFB 1604 jedoch erhalten und wird in den kommenden Monaten das C1-Team mit seiner Arbeit unterstützen. Rosalie steht indessen kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums. Wir danken den beiden herzlich für ihr Engagement und die gute Zusammenarbeit während ihrer Zeit in unserem Team und wünschen beiden alles Gute für ihr weiteres Studium und ihre berufliche Laufbahn.

Notizen

Im Dezember erschienen gleich mehrere Publikationen von Teammitgliedern:

Am 1. Dezember 2025 online first erschienen ist der von Christoph Rass gemeinsam mit Jessica Wehner verfasste Artikel “Disputed (Non-)Belonging: Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56” im Journal of Contemporary History (JCH 2025). Die Studie untersucht, wie als „muslimisch” markierte „Displaced Persons” zwischen 1945 und 1956 die Kategorisierungspraktiken von UNRRA, IRO und lokalen Behörden strategisch navigierten und dabei durch eigene Agency institutionelle Praktiken herausforderten.

Der Artikel analysiert drei Dimensionen migrantischer Handlungsfähigkeit: das Erkennen von Widersprüchen in institutionellen Klassifikationen, die strategische Manipulation dieser Kategorien zur Vermeidung von Zwangsrepatriierung und die kumulative Beeinflussung institutioneller Praktiken durch individuelle und kollektive Handlungen. Die Untersuchung erweitert damit die Perspektive auf die Produktion migrationspolitischer Kategorien um die Analyse der Handlungsfähigkeit derjenigen Menschen, die durch solche Kategorien zu marginalisierten Gruppen gemacht wurden, und zeigt, wie gerade Prozesse der Kategorisierung und Ausgrenzung paradoxerweise Spielräume für Agency eröffnen konnten.

Am 3. Dezember ist außerdem der von Jessica Wehner verfasste Aufsatz ‘An apparently indissoluble clot of unwanted humanity’. ‘Non-European’ Displaced Persons in Postwar Resettlement in einer Special Issue von “Diasporas. Circulations, Migrations, Histoire” erschienen. In ihrem Beitrag thematisiert sie das Schicksal von rund 800 kalmückischen Displaced Persons, denen 1951 die Umsiedlung nach Paraguay verweigert wurde. Anhand von Quellen der Internationalen Flüchtlingsorganisation und des Archivs Arolsen zeigt dieser Artikel, wie ihre Darstellung als „Asiaten” und Nachkommen Dschingis Khans den öffentlichen Diskurs und die Migrationspolitik prägte. Diese Kategorisierungen behinderten ihre Auswanderung, obwohl sie sich bemühten, sich als „Europäer” zu präsentieren. Der Fall veranschaulicht, wie die humanitäre Politik der Nachkriegszeit tief mit rassistischen und kulturellen Vorurteilen verflochten war und Einfluss darauf hatte, wer als ‘assimilierbar’ und einer neuen Heimat würdig angesehen wurde.

Im 130. Band der Osnabrücker Mitteilungen war Team NGHM gleich zweimal vertreten. Simon Hellbaum (ehemals Team NGHM) untersucht in seinem Beitrag die Osnabrücker Obdachlosenunterkunft ‘Papenhütte’ als einen Ort sozialer Marginalisierung und kommunaler Ordnungspolitik im 20. Jahrhundert. Auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Recherchen zeigt er, wie Wohnungslosigkeit in Verwaltung, Öffentlichkeit und Stadtplanung verhandelt wurde und wie sich dabei Kategorien wie ‘Asozialität’ und ‘Würdigkeit’ von Fürsorge verfestigten. Die räumliche Konzentration von Obdachlosen an den Rändern des Stadtgebiets erscheint dabei als bewusste Strategie sozialer Ausgrenzung. Für die Zeit des Nationalsozialismus arbeitet Hellbaum heraus, wie bestehende Praktiken der Stigmatisierung radikalisiert und in das System rassistischer Verfolgung integriert wurden. Der Aufsatz macht deutlich, wie stark sich langfristige Kontinuitäten kommunaler Sozialpolitik über politische Zäsuren hinweg nachvollziehen lassen. Eine ausführliche Betrachtung der ‘Papenhütte’ in ihrer Gesamtgeschichte findet sich auf der NGHM-Online-Ausstellung.

Valentin Loos widmet sich in seinem Beitrag der Frage, was unter ‘Widerstand’ gegen den Nationalsozialismus im lokalen Kontext eigentlich verstanden werden kann. Ausgehend von den kontroversen Debatten um enge und weite Widerstandsbegriffe analysiert er anhand der Osnabrücker Gestapo-Kartei, wie widerständiges Handeln quellenabhängig konstruiert wird. Der Aufsatz zeigt, dass unterschiedliche Widerstandsdefinitionen zu deutlich divergierenden Befunden führen – sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der sozialen Zusammensetzung der als widerständig identifizierten Akteur:innen. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Reflexion mit einer datenbasierten Auswertung eines zentralen Überlieferungskomplexes nationalsozialistischer Herrschaftspraxis. Loos plädiert damit für einen selbstreflexiven Umgang mit Widerstandsbegriffen und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von NS-Herrschaft und Verfolgung auf lokaler Ebene.

Ende Dezember verabschiedete sich Team NGHM von unserer studentischen Hilfskraft Gero Leege nach über fünf Jahren Zusammenarbeit. Gero hat als Hilfskraft im Kernteam die Professur bei allen wichtigen Aufgaben – Lehre, Publikationen, Veranstaltungsorganisation – unterstützt. Im Team hat er sich mehrfach als Sprecher:in der studentischen Hilfskräfte engagiert. Seit Januar 2026 promoviert er nun in einem Projekt der Alten Geschichte an der Universität Osnabrück. Wir danken Gero für seine langjährige Mitarbeit und wünschen ihm für sein Promotionsvorhaben alles Gute!

Blogbeiträge im Dezember und Januar

Ausblick & aktuelle Termine

Vom 17. – 19. März bieten die Abteilungen „Mittelalter“ (Prof. Dr. Christoph Mauntel) und „Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung“ (Prof. Dr. Christoph Rass) eine gemeinsame Exkursion nach Nürnberg an.
Nürnberg war nicht nur eine der bedeutendsten Handelsstädte des späten Mittelalters, sondern auch eine der wichtigsten Reichsstädte des Römischen Reichs. Die Nationalsozialisten knüpften u.a. an diese Tradition an, als sie Nürnberg zur „Stadt der Reichsparteitage“ ausbauten.
Die Exkursion zielt darauf ab, das Erbe Nürnbergs zwischen Mittelalter und Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Programmpunkte sind u.a. der Besuch der aktuellen Ausstellung „Nürnberg global: 1300-1600“ und des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Interessierte Studierende können sich ab dem 9. Februar für die Exkursion anmelden.

Ankündigung: Tiny Desk Kolloquium am 29. Januar 2026: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven

Am 29. Januar 2026 findet die fünfte Ausgabe des NGHM-Tiny Desk Kolloquiums statt. Wieder einmal erhalten junge Historiker:innen der Universität Osnabrück, die Gelegenheit, herausragende Abschlussarbeiten vorzustellen, und unsere Gäste haben die Möglichkeit, ihre Forschung zum Thema “Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven” vorzustellen und zu diskutieren. 

Mit dem TDK hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ein Format aus Kurzvorträgen und knappen Diskussionsrunden gewählt, mit dem einmal in jedem Semester in überschaubarer Zeit sechs Themen vorgestellt sowie untereinander und mit dem Publikum in Dialog gebracht werden.

Am 29. Januar bietet das TDK unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Rass  Einblicke in eine Abschlussarbeit zur Produktion der “Zweiten Generation” in der deutschsprachigen Migrationsforschung sowie in aktuelle Forschung zum Themenbereich “Der Holocaust und seine Folgen” mit regionalen und internationalen Perspektiven. Ergänzt wird das Angebot durch einen Vortrag von Studierenden der Digital-History-Werkstatt über die Entwicklung von WebApps für Historiker:innen.

Alle Interessierten – und gerade auch Osnabrücker Studierende – sind herzlich eingeladen! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

5. Tiny Desk Kolloquium: Der Holocaust und seine Folgen – regionale und internationale Perspektiven
Donnerstag, 29. Januar 2026
14.00 bis 17.00 Uhr
Raum 15/130

* * *

Die erste Ausgabe des TDK widmete sich 2023 der Kooperation mit dem Museum und Park Kalkriese. Dabei wurden  Neuigkeiten aus der Konfliktlandschaftsforschung und der Zusammenarbeit zwischen Universität und dem Ort der Varusschlacht vorgestellt.

Die zweite Veranstaltung des TDK ermöglichte den Austausch zu Perspektiven im Kontext des Einsatzes von Virtual Reality und 3-D Modellen in Forschung und Lehre.

Das dritte TDK bot ein Forum für junge Historiker:innen, die ihre Abschlussarbeiten zur Osnabrücker Regionalgeschichte vorstellten, und gab Einblicke in Drittmittelprojekte, in denen sich Doktorand:innen an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück qualifizieren.

Die vierte Ausgabe bot Einblicke in den Bereich der Digital Humanities: Neben Einblicken in Arbeiten zum System der NS-“Euthanasie” und der “Internally Displaced Persons”, die im Rahmen von Abschlussarbeiten am Historischen Seminar entstanden sind, wurden Beiträge über KI in Forschung und Lehre sowie die technischen Möglichkeiten im Bereich der Digital Humanities durch ReferentInnen des VirtUOS und der Universitätsbibliothek vorgetragen.


*** Programm ***

5. Tiny Desk Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, 29. Januar 2026, 14-17 Uhr, Raum 15/130

Begrüßung und Einleitung: Prof. Dr. Christoph Rass

Julia Lohmann
Die formative Phase der Produktion einer ‘Zweiten Generation’ in der deutschsprachigen Migrationsforschung seit Mitte der 1970er Jahre

Studierende der Digital-History-Werkstatt
Von der historischen Fragestellung zur WebApp. Vibe Coding in der Digital-History-Werkstatt

Martina Sellmeyer
Die Osnabrücker Jüdische Gemeinde im 20. Jahrhundert bis zur Vernichtung im Holocaust

Dr. Michael Gander
Auf den Spuren jüdischen Lebens in Lettland – Historische Bezüge und Kooperationen zwischen Akteur:innen der Gedenkstättenarbeit in der Region Osnabrück, in Riga und in Vishki

Dr. Sebastian Musch
Der Osnabrücker Synagogenneubau 1969 zwischen Wiedergutmachungsdiskurs und städtischer Erinnerungspolitik

NGHM-Tracker (12/25)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Im November durfte Team NGHM einerseits einige Gäste bei uns an der Professur begrüßen, um sich über unsere wissenschaftlichen Methoden und Projekte auszutauschen. Andererseits standen auch Feldforschung – unter anderem Schulungen und Exkursionen – auf dem Programm.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Novemberausgabe des Newsletters.

Einblicke

Vor Ort in Osnabrück gab es einige spannende Aktivitäten bei uns im Institut: Imke Selle, Marlene Schurig, Tim Ott, Johannes Pufahl und Annika Heyen versuchten am diesjährigen Hochschulinformationstag am 20. November zukünftige Studierende für die VR-Projekte der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung zu begeistern. Während die Kolleg:innen vom Historischen Seminar an einem Infostand Auskunft über das Geschichtsstudium gaben, konnten Schüler:innen auf der Bühne der Schlossaula die 360°-Tour “Tödliche Zwangsarbeit in Karya“, die von Studierenden erstellte Lehrzeit-Ausstellung “Das Denkmal in Bewegung” sowie die im Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) erstellte VR-Anwendung des SFB-1604-Transferprojekts erleben. Parallel dazu zeigten Tim Ott und Marlene Schurig Interessierten, wie sie mit ihren eigenen digitalen Endgeräten digitale 3D-Modelle von Objekten und sogar von ihren Mitmenschen herstellen können; eine Technik, die auch bei der Erstellung der VR-Anwendungen eingesetzt wurde. 

Am 24. November durften Christoph Rass und Annika Heyen Esteban Durán-Delgado vom Costa Rica Zentrum der Universität Osnabrück sowie Alice Brenes-Maykall von der Universidad Nacional de Costa Rica zu einem Gespräch über das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” begrüßen. Als Vicerrectoría de Extensión ist Brenes-Maykall auch für die Interaktion zwischen Universität und außeruniversitären Akteur:innen zuständig, ein Thema, das auch für das Transferprojekt von großer Bedeutung ist. Im Gespräch über das Transferprojekt ging es unter anderem darum, wie marginalisierte Narrative sicht- und hörbarer gemacht werden können, welche Rolle technische Werkzeuge – etwa Virtual Reality – einerseits und Kunst andererseits dabei spielen. 

Esteban Durán-Delgado, Christoph Rass, Alice Brenes-Maykall und Annika Heyen (v.l.n.r.) beim Austausch (Foto: Jessica Wehner)

Am 10. November 2025 führten Imke Selle, Lukas Hennies, Tim Ott und Johannes Pufahl gemeinsam mit Henning Wellmann, Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der Arolsen Archives, einen Praxis-Workshop zur 3D-Digitalisierung von Kleinstobjekten durch. Bei den Objekten, zwei Schlüssel, eine Kokarde und ein Ring, handelt es sich um die Effekten eines niederländischen Polizisten, der 1944 wegen Dienstverweigerung zur Zwangsarbeit in das KZ Neuengamme deportiert wurde. Die mittels Fotogrammmetrie erstellten „digital twins“ der Objekte sollen auf einer neuentstehenden Online-Plattform der Arolsen Archives im Bildungsbereich verwendet werden. 

Tim Ott, Johannes Pufahl, Henning Wellmann (Arolsen Archives), Imke Selle und Lukas Hennies (v.l.n.r.) bei der 3D-Digitalisierung (Foto: Jessica Wehner)

Team NGHM arbeitete aber nicht nur vor Ort, sondern begab sich auch auf unterschiedliche Reisen:

Lea Horstmann und Marlene Schurig untersuchen einen Verdachtspunkt an dem zuvor der Metalldetektor angeschlagen hat (Foto: Frank Wobig)

Am 7. November absolvierten unsere studentischen Hilfskräfte Marlene Schurig, Lea Horstmann, Johannes Pufahl und Frank Wobig in Zusammenarbeit mit der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück sowie dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege einen Praxiskurs zur Qualifikation als Sondengänger:innen. Unter Anleitung von Prospektionstechniker Stephan Zeisler vom „Museum und Park Kalkriese“ wurden Kenntnisse zu Suchstrategien vermittelt sowie Bestimmungsübungen durchgeführt, bevor es mit den Metalldetektoren auf einem Acker auf die Suche nach Artefakten aus der Geschichte ging. Hierbei fanden unsere Hilfskräfte unter anderem Münzen und Knöpfe, die sich teilweise bis in die frühe Neuzeit zurückdatieren ließen. Mit den nun ausgebildeten Sondengänger:innen erweitert die AG Konfliktlandschaften der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung (NGHM) ihr Portfolio für zukünftige interdisziplinäre Feldforschungen. 

Unsere Hilfskräfte mit Prospektionstechniker Stephan Zeisler (links) vom “Museum und Park Kalkriese” und weiteren Kursteilnehmern (Foto: NGHM)

Mit Forschungsdesideraten und dem Wissenstransfer zu den Themenbereichen NS-Zwangsarbeit und Displaced Persons in der britischen Besatzungszone befassten sich am 27. und 28. November die Teilnehmer:innen eines internationalen Workshops am Nordost-Institut (IKGN) in Lüneburg, zu dem PD Dr. Kirsten Bönker (Nordost-Institut an der Universität Hamburg) und Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) eingeladen hatten. Sebastian Huhn stellte beim Workshop den Fall des größten „Altersheims“ für Displaced Persons vor, das die britische Control Commission for Germany und die IRO 1950 in der friesischen Stadt Varel eröffneten, das Mitte 1950 in deutsche Verantwortung überging und das bis zu seiner Schließung Ende 1959 bis zu 1.000 älteren Displaced Persons ein Zuhause bot. Anhand dieses Falls sprach er über Forschungsdesiderate zum Thema Displaced Persons, die einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Übergangszeit von Krieg zu Nachkrieg bzw. Nationalsozialismus und Demokratie leisten können und nicht zuletzt helfen, die Verfasstheit der damaligen deutschen Bevölkerung besser zu verstehen.

Am 28. November fand unter Leitung von Imke Selle und mit Unterstützung von Ilka Schwerdtfeger eine Exkursion zur Gedenkstätte Esterwegen statt. Die Gedenkstätte Esterwegen dokumentiert am Ort des ehemaligen Konzentrations- und Strafgefangenenlagers Esterwegen die Geschichte der sogenannten Emslandlager.
Zwischen 1933 und 1945 unterhielt der NS-Staat im Emsland und in der Grafschaft Bentheim einen Komplex von 15 Konzentrations-, Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlagern, die als Teil des Systems von SS, Justiz und Wehrmacht Orte des nationalsozialistischen Terrors waren. In den Lagern litten etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene. Während des Krieges kamen weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene hinzu. Mehr als 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern sind in diesen Lagern umgekommen.

Die Studierenden erhielten bei der Exkursion Einblicke in die Entstehung der Gedenkstätte Esterwegen sowie in die Geschichte der „Emslandlager“ und eine Führung über das ehemalige Lagergelände. Einen detaillierten Bericht finden Sie in Kürze auf unserem NGHM-Blog.

Die Studierenden erhalten einen Überblick über das ehemalige Lagergelände (Foto: NGHM).

History@SFB1604

Am 18. Dezember besuchte Maik Hoops das gemeinsame Kolloquium der Professuren für Historische Bildungsforschung und Neuere und Neueste Geschichte unter Leitung von Prof. Till Kössler und PD Dr. Nina Verheyen an der Universität Köln. Dort stellte er sein Dissertationsprojekt „‚Gastarbeiterkinder‘ – ‚Ausländerkinder‘ – ‚Migrantenkinder‘. Eine historische Semantik der Produktion von Figuren migrantisierter Anderer im bildungswissenschaftlichen Diskurs (Von den 1960er bis in die 2000er Jahre)“ vor. Von den Kolloquiumsteilnehmer:innen, die mit Bildung als historischen Untersuchungsgegenstand vertraut sind, erhielt er dabei wertvolle Anregungen und fruchtbare Kritik für sein Projekt. Der ebenfalls nach Köln eingeladene Ahmet Celikten musste seine Teilnahme leider aufgrund einer Erkrankung absagen.

Den Austausch hatte Max Schellbach angeregt, den Ahmet Celikten und Maik Hoops auf einer Tagung kennengelernt hatten. Dieser wird im Januar das Kolloquium der NGHM in Osnabrück besuchen und sein Dissertationsprojekt “Freizeit als Problem. Migrantische Jugendliche und die Transformation städtischer Jugendarbeit im deutsch-britischen Vergleich (1970-1990)” vorstellen.

Notizen

Bereits Anfang Mai hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück ihre Online-Präsenz auf eine neue Website umgestellt, die wir weiterhin erweitern und ausbauen.

Im November ergänzte Team NGHM den Abschnitt Studium & Lehre/ NGHM DH-Werkstatt um weitere Hinweise und Angebote:

  • WebApp-Werkstatt
  • Digital Humanities | Digital History
  • Digital History | NGHM
  • KI und kritisches Denken | Ein pessimistischer Blick
  • KI und Geschichtswissenschaft | Ein optimistischer Blick
  • KI und geschichtswissenschaftliche Praxis | Zukunft

Blogbeiträge im Oktober

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Dezember 2025, 18:00 Uhr, spricht Prof. Dr. Christoph Rass an der FernUniversität Hagen im Forschungskolloquium des Historischen Seminars als Gast von Prof. Dr. Felix Ackermann über „Die Ko-Präsenz der Gewalt: Konfliktlandschaften aus Besatzung, Vernichtungskrieg und Holocaust in Belarus (1941-1944)”. Der Vortrag präsentiert Forschungsergebnisse der interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften zu Tatorten der deutschen Besatzung in Belarus sowie eine Fallstudie zu Holocaust und Zwangsarbeit aus Griechenland (Ort: FernUniversität Hagen, Universitätsstraße 33, Gebäude 2, Raum 6)

Am 3. Dezember 2025 ist Prof. Dr. Christoph Rass Gast bei einer Roundtable-Diskussion mit Barbara Hanke (Didaktik der Geschichte), Christiane Kunst (Alte Geschichte), Christoph Mauntel (Mittelalter) und Siegrid Westphal (Frühe Neuzeit) zur Frage “Wozu Geschichte? Zur gesellschaftlichen Relevanz der Geschichtswissenschaft.” Die Diskussion findet im Rahmen des “Forums HistOS – Mehr als nur Geschichte(n)” des Historischen Seminars statt. Interessierte sind herzlich eingeladen! Die Veranstaltung findet am 3. Dezember von 18 bis 20 Uhr im Gebäude 15 Raum 130 statt.

Ebenfalls am 3. Dezember 2025 findet an der Universität Osnabrück erstmals der Tag der Lehre statt, an dem verschiedene LehrZeit-Projektgruppen ihre innovativen Ansätze zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre präsentieren. Im Rahmen des World-Cafés am Nachmittag stellen Prof. Dr. Christoph Rass und Imke Selle die Ergebnisse des LehrZeit-Projekts „Forschen, vermitteln, ausstellen. Virtuelle Lernräume in der Geschichtswissenschaft“ aus der Förderrunde 2022/23 vor.

Das Projekt entwickelte und erprobte interdisziplinäre Lehr-Lernformate, in denen Studierende der Geschichtswissenschaft und der Informatik gemeinsam eine VR-basierte Ausstellung konzipierten. Mithilfe von 3D-Scanning und VR-Technologien wurden historische Denkmäler digital rekonstruiert, kontextualisiert und in einer hybriden Ausstellung erfahrbar gemacht. 

Besucher:innen können an unserem Stand die VR-Ausstellung selbst erkunden und damit Einblick in die Arbeit der Studierenden erhalten.


Zum 1. Januar 2026 legt die Tracker-Redaktion eine kleine Winterpause ein und kehrt am 1. Februar mit einer Dezember-Januar-Doppelausgabe zurück. Wir wünschen allen Leser:innen eine erholsame Auszeit!


NGHM fragt | Wo sind eigentlich Gedenkorte für Displaced Persons in Deutschland zu finden?

Warum diese Frage?

Archives Nationales, AJ43/1133

Nach der Befreiung im Mai 1945 befanden sich zwischen 6,5 und 11 Millionen „Displaced Persons” (DPs) auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Unter diese Kategorie fielen ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene sowie andere durch den Krieg und die NS-Verfolgung entwurzelte Personen. Jüdische Überlebende des Holocausts bildeten mit schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Personen eine vergleichsweise kleine, aber bedeutsame Gruppe.

Die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück befasst sich in mehreren Projekten mit der Geschichte der gewaltinduzierten Mobilität sogenannter „Displaced Persons”, ihrer Kategorisierung als „DPs” und der Folgeprozesse dieser Gewaltmigration bis weit in die Nachkriegszeit hinein.

Die Un-/Sichtbarkeit von Lagern in Osnabrück

Die Lagergeschichte Osnabrücks verdeutlicht ebenso die Kontinuitäten und Brüche zwischen der NS-Zeit und der Nachkriegszeit wie die Selektivität der Erinnerung und der Erinnerungsorte. Allein für Osnabrück erfasste Fisser-Blömer bereits 1982 über 50 Wohn- und Haftstätten für Zwangsarbeiter_innen und Kriegsgefangene unter nationalsozialistischer Herrschaft. Gander und Issmer erweiterten diese Aufstellung 2015 auf 169 einzelne Lager, einschließlich Haftstätten für Kriegsgefangene, das Arbeitserziehungslager „Augustaschacht” sowie zahlreiche Gemeinschaftslager der kleinen und großen Industriebetriebe in Osnabrück. Nach der Befreiung Anfang April 1945 wuchs die Anzahl der Überlebenden des NS-Terrors, die bald als „DPs” kategorisiert werden würden, in Lagern, die nun von der UNRRA übernommen beziehungsweise eingerichtet wurden, von etwa 4.500 auf über 20.000 Menschen um die Jahresmitte 1945. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich in Osnabrück eine weit verzweigte Lagerstruktur, teils in den vormaligen Kasernenanlagen wie der Winkelhausenkaserne sowie in den vormaligen Gefangenenlagern des NS-Staates wie dem Offiziers-Gefangenenlager der Wehrmacht (OffLag VIc) in der Eversheide oder dem ehemaligen Lager für Zwangsarbeitende „Fernblick”, das nun unter demselben Namen am Hauswöhrmannsweg/Berningshöhe in Osnabrück für DPs weiter betrieben wurde.

Eigene Darstellung, aus: Hennies, Lukas; Huhn, Sebastian; Rass, Christoph: Gewaltinduzierte Mobilität und ihre Folgen. ‘Displaced Persons’ in Osnabrück und die Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Osnabrücker Mitteilungen (123) 2018, S. 183-232.

Neben den genannten Untersuchungen mit Blick auf die Zwangsarbeiter_innen und Kriegsgefangenen blieb die Frage, was mit diesen Menschen nach der Befreiung geschah, lange kaum erforscht. In den vergangenen Jahren wurden einzelne Orte durch die Arbeit von zwei zivilgesellschaftlichen Initiativen sichtbar gemacht, so etwa das ehemalige OffLag VIc, das als Kriegsgefangenenlager der Internierung jugoslawischer Offiziere gedient hatte, oder die Etablierung einer Gedenktafel für das Lager „Fernblick”, in dem vor 1945 Zwangsarbeitende und nach 1945, teils dieselben Personen, als „DPs” untergebracht waren.

Weiten wir den Blick auf das weitere Umland Osnabrücks, ist das Dokumentationszentrum Haren/Mazków hervorzuheben, das seit 2020 die einzigartige Geschichte einer polnischen Exklave im Emsland zwischen 1945 und 1948 beleuchtet. Insgesamt bleiben die meisten Schauplätze dieser Episode der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der Millionen von Überlebenden in Deutschland ausharren, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren, in Drittstaaten weiterwandern oder sich dauerhaft als „heimatlose Ausländer” in Deutschland niederlassen können, eher unbeachtet und unsichtbar.

Ein lange Zeit „verschwundener” Ort aus diesem historischen Kontext in Norddeutschland steht im Zentrum eines aktuellen Forschungsprojekts der Arbeitsgruppe: Das größte „Altersheim” für DPs in ganz Europa befand sich im niedersächsischen Varel.

Das Heim wurde 1950 von der Control Commission for Germany (British Element) gegründet, kurz darauf in deutsche Verantwortung übergeben und bestand bis 1960. Insgesamt lebten in den 1950er-Jahren mehr als 1.500 ältere osteuropäische DPs in dieser größten Einrichtung ihrer Art, Menschen, die von den Nationalsozialisten aus ihren Lebenskontexten gerissen worden oder vor der Roten Armee geflohen waren. Das vorher von der Wehrmacht, nachher von der Bundeswehr genutzte Kasernengelände wurde 2017 abgerissen. An das DP-„Altersheim” erinnert vor Ort heute nichts mehr. Einen ersten Erinnerungsort schuf 2023 eine lokale Initiative, die die verbliebenen 63 Grabsteine in Varel verstorbener DPs restaurieren ließ und auf dem lokalen Friedhof wiederherrichtete. Die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und historische Migrationsforschung forscht nun in einem vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Projekt zur Geschichte des Heims und zu Varel als Mikrokosmos einer Migrationsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit Studierenden der Universität Osnabrück und Schülerinnen und Schülern des Vareler Lothar-Meyer-Gymnasiums entsteht eine virtuelle Ausstellung, die zum Gedenken an die Geschichte der „Displaced Persons” in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beitragen soll.

Die Gedenklandschaft zu diesem Thema ist in Deutschland nach wie vor fragmentarisch. Viele ehemalige DP-Lager sind heute kaum noch erkennbar oder durch spätere Bebauung verschwunden. Einige Beispiele verdeutlichen sowohl die Vielfalt der Erinnerungsorte als auch die bestehenden Lücken.

Gibt es weitere bedeutende Erinnerungsorte der DP-Geschichte? Natürlich, hier einige Beispiele.

Erinnerungsort Badehaus, Waldram (ehemals Föhrenwald)

Ort: Kolpingplatz, 82515 Wolfratshausen-Waldram, Bayern
Art der Einrichtung: Museum, Gedenkstätte und Bildungsort

Historischer Kontext:
Föhrenwald war das am längsten bestehende jüdische DP-Lager in Europa (Oktober 1945 bis Februar 1957). Ursprünglich 1939/40 als NS-Mustersiedlung für Rüstungsarbeiter errichtet, diente es nach Kriegsende zeitweise bis zu 6.000 jüdischen Holocaust-Überlebenden als Zuflucht. Die Bewohner entwickelten eine autonome Verwaltung mit Schulen, Synagogen, Mikwaot, Theater, Sportvereinen und jiddischsprachigen Zeitungen. Föhrenwald wurde zum ostjüdischen Schtetl im Land der Täter.

Gedenkarbeit:
Der 2012 gegründete Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald e.V.” rettete das historische Badehaus vor dem Abriss und eröffnete 2018 ein mehrfach ausgezeichnetes Museum (u.a. Obermayer-Award 2022). Die multimediale Dauerausstellung auf über 900 qm dokumentiert die drei Zeitschichten: NS-Rüstungssiedlung, jüdisches DP-Lager und Heimatvertriebenensiedlung. Das Museum basiert auf über 90 Zeitzeugeninterviews und umfangreicher Quellenarbeit. Der Erinnerungsort wird ehrenamtlich betrieben.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Föhrenwald ist in der Forschung gut dokumentiert (Königseder/Wetzel, Brenner, Krafft). Der Erinnerungsort bietet einen der wenigen Orte in Deutschland, wo die DP-Geschichte umfassend und didaktisch aufbereitet zugänglich ist.

Website: https://erinnerungsort-badehaus.de

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Ort: Anne-Frank-Platz, 29303 Lohheide, Niedersachsen
Art der Einrichtung: Gedenkstätte mit Dokumentationszentrum

Historischer Kontext:
Im Juli 1945 wurden in der ehemaligen Wehrmachtskaserne unweit des befreiten KZ Bergen-Belsen zwei DP-Camps eingerichtet: eines für polnische DPs (bis zu 10.000 Personen, aufgelöst 1946) und eines für jüdische Überlebende (bis zu 12.000 Personen, bestehend bis 1950). Bergen-Belsen war das größte jüdische DP-Camp in Deutschland und Zentrum jüdischen Lebens in der britischen Zone. Unter Vorsitz von Josef Rosensaft entstand hier das „Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone”. Die DPs entwickelten politische, kulturelle und religiöse Strukturen und kämpften für die Auswanderung nach Palästina.

Gedenkarbeit:
Die 1952 eingeweihte Gedenkstätte wurde 2007 durch ein neues Dokumentationszentrum erweitert. Die Dauerausstellung behandelt multiperspektivisch die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers, des KZ und des DP-Camps. Videointerviews mit Überlebenden bilden einen Schwerpunkt. Auf dem Kasernengelände befinden sich zwei historische Friedhöfe für DP-Verstorbene.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Bergen-Belsen ist in der internationalen Forschung gut erschlossen. Die Gedenkstätte gehört zur Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und bietet umfangreiche Bildungsangebote.

Website: https://www.bergen-belsen.de

Gedenkorte in Berlin (Ron Golz-Projekt)

Ort: Verschiedene Standorte in Berlin (Skutaristraße/Mariendorf, Kurstraße/Zehlendorf)
Art der Einrichtung: Informationstafeln im öffentlichen Raum

Historischer Kontext:
In Berlin existierten zahlreiche DP-Lager, darunter Camps in Mariendorf und im Bereich Schlachtensee/Zehlendorf, die von 1946 bis 1948 jüdische „Displaced Persons” beherbergten.

Gedenkarbeit:
Der Künstler Ron Golz hat seit 1998 in Kooperation mit der Wall AG Gedenkorte im öffentlichen Raum geschaffen. An Bus-Wartehallen wurden Informationstafeln installiert, die an die DP-Lager erinnern. Im September 2010 wurden zwei weitere Standorte in Mariendorf und Zehlendorf eingeweiht.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Diese Form der Erinnerung im öffentlichen Raum ist niedrigschwellig, aber die historische Aufbereitung ist begrenzt. Eine systematische wissenschaftliche Dokumentation der Berliner DP-Lager steht noch aus.

Website: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Online-Lernen/content/9174

DP-Lager Stuttgart (Reinsburgstraße)

Ort: Obere Reinsburgstraße (Hausnummern 189-224), Stuttgart-West
Art der Einrichtung: Historischer Ort ohne Gedenkstätte (Gebäude erhalten)

Historischer Kontext:
Von Herbst 1945 bis Juni 1949 befand sich in der oberen Reinsburgstraße eines der größten DP-Lager in der amerikanischen Zone für jüdische Überlebende, vor allem aus Radom. 39 mehrstöckige Wohnhäuser wurden beschlagnahmt. Das Lager verfügte über Schulen, Mikwe und koschere Küchen. Im März 1946 erschoss ein deutscher Polizist bei einer Razzia den Auschwitz-Überlebenden Samuel Danziger – ein international beachteter Skandal, der nie aufgeklärt wurde.

Gedenkarbeit:
Die Gebäude sind vollständig erhalten, doch es existiert keine Gedenkstätte oder Markierung vor Ort. Stadtführungen und Initiativen (Buch & Plakat, Die AnStifter) bieten gelegentlich historische Rundgänge an. Die fehlende Erinnerungskultur an diesem bedeutenden Ort ist problematisch.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Die Quellenlage ist gut (Yad Vashem, Stadtarchiv Stuttgart), aber eine systematische Aufarbeitung und öffentliche Sichtbarmachung fehlt weitgehend.

Website: https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/displaced-persons-im-deutschen-suedwesten

DP-Lager Frankfurt-Zeilsheim

Ort: Frankfurt am Main-Zeilsheim
Art der Einrichtung: Historischer Ort (heute Wohnsiedlung, keine Gedenkstätte)

Historischer Kontext:
Die amerikanische Militärregierung beschlagnahmte 1945 eine Werkssiedlung der I.G. Farben mit über 200 Häusern. Zeilsheim entwickelte sich zu einem wichtigen DP-Camp mit umfassender Infrastruktur: Synagoge, Jeschiwa, Schulen, Kindergarten, Theater, Sportvereine, Zeitung „Untervegs”. Es existierte eine eigene Fußball-Liga. Der renommierte Historiker Arno Lustiger sammelte hier erste journalistische Erfahrungen.

Gedenkarbeit:
Keine institutionalisierte Gedenkstätte. Das Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hat dokumentarische Arbeit geleistet.

Wissenschaftliche Bedeutung:
Gut dokumentiert durch amerikanische und israelische Archivbestände. Die Geschichte wurde vom Nürnberger Institut wissenschaftlich aufgearbeitet.

Website: https://www.nurinst.org/das-displaced-persons-lager-zeilsheim/

Forschungsdesiderate

Die fragmentierte Erinnerungslandschaft wirft zentrale Fragen auf:

Fragmentierte Erinnerungslandschaft: Im Gegensatz zur umfassenden KZ-Gedenkstättenlandschaft fehlt eine systematische Aufarbeitung der DP-Geschichte im öffentlichen Raum.

Fehlende Markierungen: Die meisten ehemaligen DP-Lager sind heute unsichtbar. Gebäude wurden abgerissen oder umgenutzt, ohne dass Hinweise auf ihre Geschichte angebracht wurden.

Mehrfachbelegung: Viele Orte haben mehrere Bedeutungsschichten (NS-Lager, KZ, DP-Camp), wobei die DP-Phase häufig in den Hintergrund tritt.

Regionale Disparitäten: Bayern und Hessen verfügen über bessere Dokumentation als andere Bundesländer.

Begrenzte wissenschaftliche Aufarbeitung: Wolfgang Jacobmeyers Standardwerk (1985) hatte bereits das Forschungsdefizit festgestellt. Trotz neuerer Arbeiten (Königseder/Wetzel, Brenner, Hagen et al. 2022) bleibt die DP-Geschichte in vielen Feldern noch unzureichen bearbeitet .

Weiterlesen

Königseder, Angelika/Wetzel, Juliane: Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt a.M. 2004

Hagen, Nikolaus et al. (Hrsg.): Displaced Persons-Forschung in Deutschland und Österreich. Eine Bestandsaufnahme zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Berlin 2022

Arolsen Archives: Alphabetisches Verzeichnis der DP-Lager in der US Besatzungszone: https://digital-library.arolsen-archives.org/content/thumbview/7261971

Arolsen Archives: Register der DP Lager (mit Suchfunktion zum Download): https://arolsen-archives.org/aroa/documents/dp-camp_inventory_2023-10-26.xlsx

Eine Antwort?

Die Gedenklandschaft für „Displaced Persons” in Deutschland ist lückenhaft und steht in keinem Verhältnis zur historischen Bedeutung dieses Kapitels der Nachkriegsgeschichte. Während Föhrenwald/Waldram und Bergen-Belsen bereits nachhaltig Gedenkarbeit leisten, bleiben die meisten ehemaligen DP-Lager im öffentlichen Raum unsichtbar. Eine systematische Erfassung, Markierung und wissenschaftliche Aufarbeitung einer wachsenden Zahl von DP-Lager-Standorten bildet ein dringendes Desiderat der Erinnerungskultur in Deutschland.


Inside.NGHM | Annika Heyen

Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.

In der dritten Ausgabe berichtet Annika Heyen über ihre Arbeit als Historikerin.

Annika Heyen studierte Geschichte und Kulturwissenschaft im Zwei-Fächer-Bachelor an der Universität Bremen sowie den Fachmaster Geschichtswissenschaft mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Seit 2022 promoviert sie zur “Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” und ist seit 2024 Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Historische Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”.


Wie bist du Historikerin geworden?

Ich bin ein sogenanntes „Arbeiterkind“, soll heißen: akademische Berufe gab es in meinem familiären Umfeld nicht. „Historikerin“ war also kein Beruf, der in meinem Mikrokosmos existierte. Nach meinem Schulabschluss plante ich, Journalistin zu werden. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren Mitglied der Jugendredaktion der Nordsee-Zeitung und hatte Freude am Schreiben. Um auszuprobieren, ob das wirklich ein guter Beruf für mich ist, hospitierte ich mehrere Monate als Praktikantin bei der Nordsee-Zeitung sowie in der Presse- und Marketingabteilung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Dort teilte ich mir in den ersten Wochen ein Büro mit einem der Historiker, Christoph Bongert, und stellte fest: Pressearbeit? Spannend, aber was Christoph da macht, interessiert mich noch viel mehr! Der Journalismus war für mich noch nicht ganz vom Tisch, aber für das nächste Wintersemester schrieb ich mich für den Zweifächerbachelor mit Geschichte im Profil- und Kulturwissenschaft im Komplementärfach an der Universität Bremen ein. Während meines Bachelorstudiums weckte vor allem die Geschichte der Sklaverei – ein Schwerpunkt der dortigen Professur für die Geschichte der Frühen Neuzeit – mein Interesse. Ich hatte das Glück, im EU-geförderten Datenbankprojekt „German Slavery“ als studentische Hilfskraft für Rebekka von Mallinckrodt arbeiten zu dürfen und so erste Einblicke in die Arbeit von Historiker:innen an der Universität zu erhalten. Parallel dazu blieb ich allerdings auch als Guide am Deutschen Auswandererhaus, wo mir im Museumsshop immer wieder die Bücher eines gewissen Jochen Oltmer ins Auge fielen. Über ihn bin ich auf das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und den daraus resultierenden Schwerpunkt auf die Migrationsforschung auch im Fach Geschichte aufmerksam geworden. Für das Masterstudium wechselte ich an die Universität Osnabrück. Während meines Fachmasterstudiums mit Schwerpunkt auf die Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung durfte ich als studentische Hilfskraft für Jochen Oltmer arbeiten und ihn unter anderem bei Recherchen für seine Publikation “Die Grenzen der EU” unterstützen. Anfang 2022 ging mein Masterstudium nahtlos in die Promotion über, gefördert durch ein Stipendium der Gerda Henkel Stiftung. Ohne dieses Stipendium hätte ich die Uni wohl nach dem Abschluss verlassen, um in den Archivarsdienst, ins Museumsvolontariat oder doch wieder den Journalismus zu wechseln; das Arbeiterkind in mir hatte über eine Promotion nicht einmal nachgedacht, bis sich die konkrete Gelegenheit bot. Parallel zu meiner Promotion betreute ich kleinere Projekte zur Digital Public History und Erinnerungskultur an die Verbrechen des NS-Regimes sowohl in Niedersachsen als auch in Osteuropa. Das lief ziemlich gut und als die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration“ bewilligte, schlug Christoph Rass mich für die Stelle der Projektkoordinatorin des Transferprojekts vor.

Was sind deine Aufgaben als Projektkoordinatorin des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration”?

Transferprojekte in Sonderforschungsbereichen haben für gewöhnlich die Aufgabe, Wissen aus dem SFB in die Öffentlichkeit zu tragen, also Wissenstransfer herzustellen. Deshalb ist es einigermaßen ungewöhnlich, dass wir bereits in der ersten Förderphase ein Transferprojekt haben, denn erst einmal muss ja Wissen generiert werden, bevor es nach außen getragen werden kann. Unser Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” geht aber ein Stück weiter und will auch Wissen aus der Zivilgesellschaft in den SFB hineintragen. Konkret untersuchen wir, inwiefern digitale Werkzeuge, vor allem Virtual Reality, dazu eingesetzt werden können, Agency bei der Herstellung und Erzählung von Geschichte weg von etablierten Akteuren und hin zu migrantisierten und deshalb oft marginalisierten Personen zu verschieben.

VR als Werkzeug bei der Erzählung und Vermittlung von Geschichte (Foto: NGHM).

Dazu haben wir zwei Werkzeuge und Projektzweige entwickelt. Der sogenannte Exhibition Builder ermöglicht es Angehörigen zivilgesellschaftlicher Gruppen, ihre eigenen Geschichten in VR-Ausstellungen zu erzählen. Hier arbeiten wir eng mit unserem externen Anwendungspartner, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), das einerseits seine deutschlandweit größte Sammlung von migrationsbezogenen Objekten und andererseits Erfahrungen im Bereich der Museumspädagogik und Ausstellungsgestaltung mit ins Projekt einbringt. Der sogenannte Place Changer arbeitet mit real existierenden Orten, von denen wir digitale und veränderbare Zwillinge herstellen. So können wir beispielsweise an Orten, an denen Menschen Opfer rassistischer Gewalt geworden sind, Denkmäler errichten. Den Ort digital transformiert zu sehen, kann wiederum Debatten über den real existierenden Ort anstoßen.

(v.l.n.r.) Julia Becker, Lale Yildirim, Michael Brinkmeier, Diane Doan Hoang Dy, Christoph Rass, Aladin El-Mafaalani, Annika Heyen und Han Eckelberg während der Auftakttagung des Sonderforschungsbereichs 1604 im Oktober 2024. Hoang Dy und Eckelberg vom Wing Luke Museum in Seattle berieten das Transferprojekt im Hinblick auf Community Driven Narratives (Foto: NGHM).

Am Transferprojekt sind allein innerhalb des SFB vier verschiedene Professuren aus vier verschiedenen Disziplinen und Subdisziplinen an drei Standorten beteiligt: Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung unter Christoph Rass und die Professur für Sozialpsychologie unter Julia Becker in Osnabrück, die Professur für Didaktik der Geschichte unter Lale Yildirim an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und die Professur für Migrations- und Bildungssoziologie unter Aladin El-Mafaalani an der Technischen Universität Dortmund. Hinzu kommen unser externer Anwendungspartner, das DOMiD, sowie unsere technischen Anwendungspartner, Michael Brinkmeier von der Professur für Didaktik der Informatik und Thomas Jarmer und Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung. Meine Aufgabe als Koordinatorin ist es, dafür zu sorgen, dass alle Projektbeteiligten miteinander im Gespräch bleiben, Termine zu koordinieren, das Budget des Projekts zu überwachen und die studentischen Hilfskräfte anzuweisen. Gleichzeitig bin ich das Sprachrohr zu den anderen Projekten des SFBs und zum sogenannten „Reflexivity Lab“ sowie zur Verwaltung. Nach außen bin ich die Ansprechperson für potentielle Kooperationspartner, zuletzt für das Projekt „Hermes“ der Deutschen Nationalbibliothek.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was macht dir am meisten Spaß?

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es eigentlich gar nicht. Das ist zwar einerseits eine Herausforderung, andererseits aber auch eine der schönen Seiten unseres Berufs: Jeder Tag ist anders; wir treffen viele interessante Menschen und dürfen an spannende Orte reisen. Wie unsere Tage aussehen, wird letztendlich davon bestimmt, was gerade ansteht. Gerade haben wir beispielsweise wieder eine sehr produktive Phase im Transferprojekt, in der wir unser bisheriges Workshopkonzept für den Exhibition Builder überarbeiten und uns mit unseren Partner:innen über das weitere Vorgehen beraten. Da verbringe ich auch mal den einen oder anderen Arbeitstag in Videokonferenzen oder damit, E-Mails zu beantworten, Konzepte zu erstellen, Workshops zu organisieren und Konferenzbeiträge vorzubereiten.

Zusätzlich lebt mein Arbeitsalltag vom Austausch mit meinen Kolleg:innen im Sonderforschungsbereich, an der Professur und vor allem auch der Arbeitsgruppe „Negotiating Migration“, in der wir alle zu Themen der gewaltinduzierten Migration infolge des Zweiten Weltkriegs arbeiten. Abgesehen von regelmäßigen Präsentationen im Kolloquium der Professur und im Integrierten Graduiertenkolleg des SFB sind die Diskussionen in dieser kleinen Gruppe und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Forschung ein wichtiger und inspirierender Bestandteil meines Universitätsalltags.
Es gibt aber auch immer wieder ruhigere Arbeitsphasen, gerade in der vorlesungsfreien Zeit, in denen ich mich intensiver mit meiner Dissertation beschäftige. Das bedeutet vor allem das Auseinandersetzen mit und Analysieren meines Quellenmaterials sowie immer wieder intensive Schreibphasen, in denen ich meine Erkenntnisse in Form von Aufsätzen oder Dissertationskapiteln zu Papier bringe. Gerade habe ich die Arbeit an einem Beitrag für eine Special Issue zum Thema „Refugee Agency“ für das Journal of Contemporary History abgeschlossen. In solchen Phasen sitze ich auch schon mal von morgens bis abends vor dem PC und schreibe.

Die “Neg-Migs” (v.l.n.r.): Lukas Hennies, Sebastian Huhn, Sebastian Musch, Jessica Wehner, Annika Heyen (Foto: NGHM).

Das Schreiben ist einer von drei Aspekten, die mir besonders an meinem Beruf gefallen, auch wenn dieser Prozess mir manchmal Blut, Schweiß, Tränen und reichlich Nerven abverlangt. In solchen Momenten verstehe ich sehr gut, was Dorothy Parker meint, wenn sie schreibt: „Ich hasse es zu schreiben, ich liebe es geschrieben zu haben.“ Allerdings ist das Schreiben auch eine Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Vielleicht nicht gerade etwas, was Außenstehende mit akademischer Arbeit verbinden, aber wahr: Historiker:innen hinterfragen bestehende Narrative über unsere Vergangenheit und interpretieren und erzählen Geschichte, basierend auf ihren Quellenbefunden und geleitet von Fragen aus der Gegenwart, neu.

Der zweite Aspekt, der mir besonders an meinem Beruf gefällt, ist das Reisen. Ich habe das große Glück und Privileg, dass das Stipendium der Gerda Henkel Stiftung auch ein Budget für Forschungsreisen umfasste. Das hat es mir ermöglicht, für Archivrecherchen nach London, New York, Washington, D.C., und sogar nach Bermuda zu reisen. Konferenzen, Workshops, Summer Schools und die Projektarbeit haben mich außerdem in verschiedene Städte innerhalb Deutschlands sowie nach Brighton, Warschau, Vilnius und Odense geführt.

Das dritte Lieblingselement ist eng mit dem Reisen verknüpft: Archivaufenthalte. In Archiven herrscht immer diese geschäftige, aufgeregte und gleichzeitig meditativ stille Atmosphäre. Jede:r ist in sein und ihr Projekt und das Quellenmaterial versunken, und doch liegt die Neugier auf die Geheimnisse der Vergangenheit als verbindendes Moment ebenso in der Luft wie der Geruch nach Staub und Papier. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Alten genauso wie vor den Archivar:innen als strenge und zugleich serviceorientierte Hüter:innen dieser Schätze, der subtile Nervenkitzel der eigentlichen Spurensuche der Historikerin und – im Idealfall – das eine oder andere Heureca machen Archivaufenthalte immer wieder zu einem spannenden Erlebnis, das sich auch nicht in Museen oder Bibliotheken reproduzieren lässt.

Warum hast du dich für dein Dissertationsthema entschieden? Was fasziniert dich daran?

Eigentlich war es andersherum: Das Dissertationsthema hat sich für mich entschieden. Mein Kollege und Co-Betreuer Sebastian Musch war bei seinen Recherchen über die Bermuda-Konferenz gestolpert und hatte 2021 ein Projekt zu diesem Thema bei der Gerda Henkel Stiftung beantragt, das er selbst aufgrund anderer Verpflichtungen aber nicht durchführen konnte. Da ich mich zu dem Zeitpunkt auf der Zielgeraden meines Masterstudiums befand – ich schrieb gerade betreut von ihm und Christoph Rass meine Abschlussarbeit über das Phänomen der „Übersiedelungen“ im Königreich Hannover zwischen 1830 und 1866 – und ich mich sehr interessiert an Themen der Historischen Migrationsforschung und speziell der Entwicklung des Flüchtlingsregimes der Nachkriegszeit zeigte, schlug er mich als alternative Empfängerin des Stipendiums vor. Zu meinem großen Glück ließ sich die Gerda Henkel Stiftung auf den Wechsel ein und ich konnte im Februar 2022 mit meiner Promotion unter dem Arbeitstitel „Die Bermuda-Konferenz 1943. Die Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?“ beginnen.
In meinem Dissertationsprojekt versuche ich, die Bermuda-Konferenz, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren schon einmal das Interesse von Historiker:innen erregte, aus der Perspektive der historischen Migrationsforschung als formierendes Moment des modernen Migrationsregimes neu zu erzählen. Da die ältere Forschungsliteratur vor allem aus dem Bereich der Holocaustforschung stammt, wurde diesem Aspekt bislang wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Außerdem gibt es auch noch keine eigene Monographie, die sich ausschließlich mit der Bermuda-Konferenz befasst. Ergo werden die bisherigen Kapitel und Aufsätze zu diesem Thema der Komplexität der Konferenz in meinen Augen nicht gerecht.

Die Delegierten der Bermuda-Konferenz 1943 vor dem Hotel “Horizon and Cottages”, v.l.n.r.: George
Hall (UK), Harold Dodds (US), Richard K. Law (UK), Sol Bloom (US), Osbert Peake (UK) (Foto: USHMM).

Die Bermuda-Konferenz war eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich, in deren Rahmen diskutiert wurde, was diese beiden Länder tun konnten, um das „European Refugee Problem“ zu lösen. Mitten im Zweiten Weltkrieg lautete trotz Drängens vor allem jüdischer Nichtregierungsorganisationen die Antwort: nicht viel. Die Passivität der Alliierten angesichts des millionenfachen Mordes an den Jüd:innen Europas – um die es eigentlich ging – löste massive Enttäuschung in der Weltöffentlichkeit aus und die Bermuda-Konferenz geriet als „gescheitert“ alsbald in Vergessenheit.

Je tiefer ich mich in das Quellenmaterial einarbeite, desto mehr bislang noch unbeachtete Nuancen werden für mich sichtbar. Wer waren die in die Ereignisse involvierten Akteur:innen – Organisationen, Regierungsdepartments wie Individuen – und welche Mandate verfolgten sie? Welche Macht besaßen sie, um die Flüchtlingspolitik der USA und des Vereinigten Königreichs zu beeinflussen? Und wo waren ihnen Grenzen gesetzt? Welche institutionellen, ideologischen, rechtlichen oder politischen Pfadabhängigkeiten lassen sich ausgehend von der Bermuda-Konferenz beobachten? Von welchen ist sie das Ergebnis? Wie fügt sich die Konferenz in das Kriegsgeschehen, in den Ablauf der Shoah und in die parallel bereits voranschreitende Entwicklung des Flüchtlingsregimes des Nachkriegszeit ein? Diese und noch viele weitere Fragen beschäftigen mich und selbst wenn ich mal glaube, eine Antwort gefunden zu haben, kann diese durch den Fund neuer Dokumente in Archiven oder auch Gespräche mit Kolleg:innen wieder weiterentwickelt und verändert werden.

Quellen zur Bermuda-Konferenz im Jenter for Jewish History in New York (Foto: Annika Heyen).

Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die eine Promotion in der Geschichte anstreben/gerne als studentische Hilfskraft arbeiten würden?

Für mich hat es sich auf dem Weg zur Promotion ausgezahlt, schon früh als studentische Hilfskraft an der Universität tätig gewesen zu sein. Sowohl an der Universität Bremen als auch an der Universität Osnabrück verdankte ich meine Anstellung der Empfehlung von Lehrenden, die sie aufgrund des von mir gezeigten Interesses und der Beteiligung an den Diskussionen in ihren Lehrveranstaltungen sowie meinen schriftlichen Leistungen getätigt hatten. Als studentische Hilfskraft hatte ich nicht nur die Möglichkeit, meine Vorgesetzten bei ihren Recherchen für ihre Publikationen zu unterstützen und so schon einmal ein grobes Gefühl für die post-Master-Liga in Akademia zu entwickeln, sondern auch schon an Tagungen teilzunehmen und mit Wissenschaftler:innen verschiedener Karrierestufen ins Gespräch zu kommen. Dadurch wird man nicht nur innerhalb der eigenen Universität sichtbar für potentielle Betreuer:innen für die Promotion; wie oben schon erwähnt, ich habe nicht die Dissertation gefunden, sondern die Dissertation samt Betreuern mich.

Bereits als Studentin und als studentische Hilfskraft hat es sich also gelohnt, aktiv, interessengeleitet und nicht nur mit Aussicht auf den Erwerb von Credit Points an Lehrveranstaltungen teilzunehmen und auch mal das extra bisschen Mühe in die Ausarbeitung von Hausarbeiten und sogar einfachen Referaten zu stecken; dadurch wurden die richtigen Menschen auf mich aufmerksam.

Durchhaltevermögen, ein gewisses Maß an Ehrgeiz und Interesse an historischen Themen und der Forschung darüber sind nach dem Masterabschluss nicht weniger wichtig, sondern umso essenzieller. Darüber hinaus benötigt man aber auch einige – nennen wir sie – handwerkliche Skills. Erstens: Schreiben. In unserer Arbeit produzieren wir vor allem eins: Text. Das heißt, wir müssen in der Lage sein, nicht nur Worte und Sätze grammatikalisch richtig aneinanderzureihen, sondern auch unsere Argumente sorgfältig aufzubauen und über Texte mit variierender Länge mit Evidenz zu unterfüttern. Schön lesen lassen sollte sich das Endprodukt außerdem. Zumindest in meinem Forschungsfeld ist eine große Herausforderung, dass ich viele meiner Publikationen nicht in meiner Muttersprache Deutsch verfassen kann, da sie im Anglo-Amerikanischen Raum besser aufgehoben sind. Auch die Forschungsliteratur und das Quellenmaterial zu meinem Thema stehen fast ausschließlich auf Englisch zur Verfügung. Das heißt, ein zweiter Hardskill, den man für eine Promotion mitbringen sollte: Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Englischkenntnisse. Das Latinum ist ohnehin Grundvoraussetzung für das Geschichtsstudium. Jede weitere Fremdsprache öffnet neue Forschungsmöglichkeiten und Zugang zu weiterem Quellenmaterial.

Welche Interessen/Hobbies hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?

So sehr mir meine Arbeit als Historikerin auch Freude bereitet: Manchmal brauche auch ich eine Auszeit. Und spätestens hier kommt der Vollblutnerd in mir zum Vorschein.

Nerdbeschäftigung Nr. 1: Klassische Chormusik. Mein Kammerchor Corona Vocalis erarbeitet vor allem a cappella Musik von Renaissance bis Moderne, manchmal aber auch Stücke mit Instrumentalbegleitung. Gerade proben wir schon für die Weihnachtszeit, das letzte Konzert des Jahres traditionell am Donnerstag vor Heiligabend in der Kleinen Kirche am Dom. Zwei Mal im Jahr treffe ich mich aber auch immer noch mit anderen Ehemaligen aus den Kinder- und Jugendchorgruppen in Bremerhaven und erarbeite mit ihnen Stücke in Frauenchorbesetzung, in der Regel ebenfalls a cappella. Warum dieses Hobby? Abgesehen davon, dass Chorsingen nachweislich gesundheitsfördernd ist – Atemtechnik, Standtechnik, soziales Miteinander etc. –, tut es manchmal einfach gut, das Gehirn dazu zu zwingen, nicht an die Arbeit zu denken. In gemischter Stellung – also nicht nach Stimmen sortiert – neue Stücke zu lernen, indem man die eigene Notenzeile in einem manchmal vier-, gerne aber auch mal acht- oder noch mehrstimmigen System zu lesen, dabei den Text mitzunehmen, auf den Dirigenten zu achten und aufzupassen, was die anderen Sänger:innen um einen herum eigentlich machen ist kognitiv so herausfordernd, dass nicht mehr viel Hirnschmalz für Anderes bleibt.

Nerdbeschäftigung Nr. 2: Pen and Paper Roleplay. Ich spiele seit etwa zehn Jahren. Kurz zur Erklärung: Eine Gruppe von Spieler:innen erfindet und erstellt nach bestimmten Regeln Charaktere, mit denen sie unter der Leitung eines Spielmeisters oder einer Spielmeisterin Abenteuer erleben und eine gemeinsame Geschichte erzählen, die via Stift und Papier festgehalten werden – Pen and Paper, eben. Polyedrische Würfel dienen im Spiel als Zufallsgeneratoren, die den Geschichten manchmal sehr unerwarterte Wendungen verleihen. Derzeit bin ich als Spielerin in einer Kampagne dabei und leite als Meisterin eine weitere. Der Reiz an diesem Hobby? Gemeinsames Geschichtenerzählen, sich in Charaktere und Figuren reindenken, deren Charaktereigenschaften nicht unbedingt den eigenen entsprechen müssen, gemeinsam Problemlösungsstrategien entwerfen und nicht zu vergessen: der Nervenkitzel, wenn die Würfel fallen.

NGHM-Tracker (11/25)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Benjamin Look & Jessica Wehner

Der Oktober markierte den Start ins Wintersemester 2025/2026 und stand damit ganz im Zeichen der Vorbereitung und Durchführung der ersten Lehrveranstaltungen. Die einzelnen Statusgruppen der Professur nutzten außerdem die Gelegenheit, gemeinsam auf das kommende Semester zu schauen.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Oktoberausgabe des Newsletters.


Einblicke

Den Start in das Wintersemester 25/26 bildete die Erstsemesterwoche an der Universität Osnabrück. Am 8. Oktober fand das Format “Gesichter aus der Geschichte” der Fachschaft Geschichte des Historischen Seminars Osnabrück statt. Im Rahmen dieser Veranstaltungen haben sich die Abteilungen des Historischen Seminars den Erstsemesterstudierenden vorgestellt. Prof. Dr. Christoph Rass hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung vorgestellt. Im Gespräch mit der Fachschaft gab er dabei Einblicke, welche historische Persönlichkeit er gerne getroffen hätte (nämlich den Historiker Michel-Rolph Trouillot und die Historikerin Barbara Tuchman) und was er besonders spannend an der Geschichtswissenschaft findet.

Adrian Kuhnt (Fachschaft Geschichte) mit Prof. Dr. Christoph Rass, Prof. Dr. Marcus Zagermann, Dr. David Templin, Dr. Jörgen Wolf, Prof. Dr. Christiane Kunst, Marcel Lewerentz und Lara Jäger im Gespräch (Foto: Jessica Wehner)

Ab dem 13. Oktober starteten dann auch die Lehrveranstaltungen an der Universität. Die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung thematisiert in diesem Semester den Holocaust und seine Folgen. Insgesamt haben unsere Studierenden eine Auswahl aus einer Vorlesung, drei Vertiefungsseminaren, einem Proseminar und drei Übungen.

In den ersten Wochen stand dann in den meisten Veranstaltungen die Einarbeitung in den historischen Kontext auf dem Seminarplan.

Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens lud das Filmfest Osnabrück am 11. Oktober zu einer besonderen Podiumsdiskussion ins Felix-Nussbaum-Haus ein. Gemeinsam mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und dem ThinkTank Migrationspolitik e.V. wurde der Frage nachgegangen, wie sich filmische Erzählungen über Migration, Zugehörigkeit und Identität in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert haben.

Die Berliner Filmemacherin Serpil Turhan diskutierte mit Prof. Dr. Christoph Rass vom IMIS über Brüche und Kontinuitäten in der filmischen Darstellung Deutschlands als Einwanderungsland. Turhan, die selbst aus einer kurdischen Familie stammt und in ihren Dokumentarfilmen wie “Köy” (2021) Fragen nach Identität und Migration verhandelt, brachte ihre Perspektive als Filmschaffende ein, die zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten navigiert. Die Kulturwissenschaftlerin Aurora Rodonò, die als Diversity-Managerin am Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln arbeitet und zur italienischen Gastarbeitermigration forscht, musste krankheitsbedingt absagen.

Von den “Gastarbeiterfilmen” der 1980er Jahre über die Darstellung rassistischer Gewalt in den 1990ern bis zu aktuellen Narrativen über Flucht und Integration: Die Diskussion zeigte, wie das Medium Film gesellschaftliche Debatten prägt. “Filme tragen wesentlich zur Interpretation und Konstruktion von Wirklichkeit und damit auch zur Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten bei”, betonte Christoph Rass. “Sie haben Wirkungsmacht, lenken unsere Blicke und Aufmerksamkeit, erzeugen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und sind in einer visuell geprägten Kultur stark an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen um Migration beteiligt.”

Während Christoph Rass vor Ort in Osnabrück die Bedeutung von Migrationsgeschichte(n) diskutierte, widmete sich Sebastian Musch diesem Thema in Köln: Die Veranstaltung unter dem Titel „Nie wieder auf deutschen Bühnen…! Theaterschaffende aus dem Rheinland zwischen Heimat und Exil 1945–1965“ fand am 28. Oktober im Horion-Haus (Köln) statt und erinnerte an die berühmte israelische Schauspielerin Orna Porat (gebürtige Irene Klein aus Köln-Porz). Die Kölnerin emigrierte 1947 mit ihrem Ehemann nach Palästina, wo ihre Karriere begann und sie zu einer prägenden Figur des israelischen Theaters wurde.

Orna Porat im Januar 2005 (Foto: Wikimedia Commons)

Im Rahmen des Abends hielt Dr. Sebastian Musch einen Vortrag zu „Migrationsgeschichte(n) zwischen Rheinland und Palästina/Israel“, gefolgt von Prof. Dr. Peter W. Marx, Theaterwissenschaftler an der Universität zu Köln, der über „Rückkehr, aber wohin? Jüdische Theaterkünstler in der Bonner Republik“ sprach. Zum Abschluss folgte ein moderiertes Gespräch, an dem Lital Porat, die Tochter von Orna Porat, Dr. Sebastian Musch, Prof. Dr. Peter W. Marx und PD Dr. Henning Türk (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte) teilnahmen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR-ILR) in Kooperation mit dem MiQua (LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln), dem Städtepartnerschaftsverein Köln – Tel Aviv – Yafo sowie der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Porz.

Am 28. Oktober erschien Annika Heyens Aufsatz “‘A Façade for Inaction’? Governmental Actors, the Bermuda Conference and the Non-Rescue of Jewish Refugees” online first im Journal of Contemporary History als erster Beitrag der gemeinsam mit unseren Wiener Kolleg:innen geplanten Special Issue zum Thema Refugee Agency. In ihrem Beitrag untersucht Annika Heyen, wie die Alliierten im Kontext der Bermuda-Konferenz 1943 Nicht-Handeln im Hinblick auf die Rettung der verfolgten Jüdinnen und Juden Europas herstellten. 

Am 23. Oktober war Sarah Grandke (Universität Regensburg) zu Gast im Arbeitsgruppenkolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Dort stellte sie die Ergebnisse ihres Dissertationsvorhabens “Displaced Persons und Erinnerungsaktivismus. Die Beispiele Flossenbürg und Ebensee nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des Kalten Krieges” vor. Insbesondere die Erfahrungen ukrainischer und polnischer “Memory Activists” wurden diskutiert.

Team Negotiating Migration und Team SFB1604 mit Sarah Grandke; Dr. Sebastian Musch, Sarah Grandke, Annika Heyen, Christoph Rass, Ahmet Celikten, Jessica Wehner und Maik Hoops, leider fehlten Sebastian Huhn und Lukas Hennies (v.l.n.r., Foto: Johannes Pufahl)

History@SFB1604

Lale Yildirim und Christoph Rass, die gemeinsam das Teilprojekt A3 des Sonderforschungsbereichs 1604 (“Ihr seid Gastarbeiterkinder”) leiten, haben Gerhard Kromschröder getroffen, um ihn für den SFB-Podcast zu interviewen und seine Intervention in dem Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer migrationsbedingt wachsenden Diversität zu verstehen. Dazu waren die beiden in Hamburg beim Studio HelloRobin zu Gast, einem Partner der Bielefelder Podcastfabrik, die mit uns die SFB 1604 Podcast-Reihe produziert.

Am 21. Oktober 1985 erschien “Ganz unten” von Günther Wallraff. Fast genau drei Jahre zuvor, am 14. Oktober 1982 hatte bereits eine andere Rollenreportage im “Stern” auf den alltäglichen Rassismus aufmerksam gemacht, den Migrant*innen aus der Türkei in Deutschland erlebten. Im Jahr darauf veröffentlichte der Journalist Gerhard Kromschröder seine Beobachtungen und Erfahrungen in dem Buch “Als ich ein Türke war” (mehrere Auflagen 1983 bis 1985) im Eichborn Verlag.

Kromschröder hatte 1982 mehrere Wochen in der Rolle eines Einwanderers aus der Türkei in Frankfurt a. M. bei der Stadtreinigung gearbeitet und den Alltag von migrantisch gelesenen Menschen Anfang der 1980er Jahre in Deutschland erkundet.

Notizen

Am 6. Oktober trafen sich die studentischen Hilfskräfte und Doktorand:innen der Arbeitsgruppe zu ihrer regelmäßigen Gesprächsrunde zu Semesterbeginn. Gemeinsam wurde im Übergang zwischen den Semestern die aktuelle Situation reflektiert und auf die Aufgaben und Herausforderungen des kommenden Semesters geblickt. Dabei wurden auch wieder Sprecher:innen gewählt, um die interne Kommunikation in der Arbeitsgruppe zu begleiten. Imke Selle übernimmt eine weitere Amtszeit für das WS 25/26 und erhält neu Unterstützung von Hannah Foth. Das Team dankt beiden für ihr Engagement!

Bereits Anfang Mai hat die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit der gesamten Universität Osnabrück ihre Online-Präsenz auf eine neue Website umgestellt, die wir weiterhin erweitern und ausbauen.

Im Oktober ergänzte Team NGHM den Abschnitt Studium & Lehre um weitere Hinweise und Angebote:

  • Seite zu Kommunikationshinweisen
  • NGHM-UOS-Campus Navigator
  • NGHM-Migrationsforschung Navigator
  • NGHM-Neueste Geschichte Navigator.

Im Oktober verabschiedete sich das Team der Neuesten Geschichte und Historischen Migrationsforschung von Steven Richardt. Steven unterstützte das Kernteam der Professur seit dem 1. August 2024 vor allem im Bereich der Literaturrecherche und Redaktion von Texten. Wir wünschen Steven alles Gute für den Abschluss seines Masterstudiums!

Zum 1. Oktober konnten wir Ilka Schwerdtfeger im NGHM-Team begrüßen. Sie studiert Germanistik und Geschichte im Zwei-Fächer-Bachelor im dritten Semester und unterstützt nun als studentische Hilfskraft sowohl das Kernteam der Professur als auch das Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”. Besonders interessant an der Geschichte findet Ilka dabei den Zweiten Weltkrieg, dessen Ursachen und Folgen. Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

Blogbeiträge im Oktober

Ausblick & aktuelle Termine

Am 28. November bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung unter der Leitung von Imke Selle eine Tagesexkursion zur Gedenkstätte Esterwegen an. Gemeinsam mit den studentischen Hilfskräften im Projekt “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation”, Lea Horstmann und Ilka Schwerdtfeger, erhalten die Studierenden eine Einführung in die Geschichte der “Emslandlager”, begehen das Außengelände und haben Zeit, die Dauer- und Sonderausstellung zu erkunden.