Am 21. Mai war Prof. Dr. Christoph Rass am Georgianum in Lingen zu Gast. Dort haben Schüler:innen im Rahmen ihres Seminarfachs Geschichte eine Podiumsdiskussion zu Fragen der Geschichts- und Erinnerungskultur im Kontext von NS-Herrschaft, Zweitem Weltkrieg und Holocaust vorbereitet und daraus gemeinsam mit der Ems-Vechte-Welle eine Radiosendung gemacht.
Am 21. Mai 2025 fand in der Mensa des Gymnasium Georgianum in Lingen eine außergewöhnliche Podiumsdiskussion statt. Schülerinnen und Schüler der Oberstufe hatten eine Expertenrunde zum gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Zeit vorbereitet. Im intergenerationellen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Schüler:innen ergaben sich spannende Perspektiven demokratischer Meinungsbildung und historischer Bildung.

Was also bedeutet die NS-Vergangenheit für unsere heutige Gesellschaft? Diese Frage wollten die Schüler:innen in einem interdisziplinären Dialog klären und brachten Wissenschaft, Medien, Justiz und Erinnerungskultur zusammen: Prof. Dr. Christoph Rass von der Universität Osnabrück repräsentierten die Geschichtswissenschaft, Marko Schnittker brachte als Geschäftsführer der Ems-Vechte-Welle die mediale Perspektive ein, Dr. Sebastian Weitkamp, Leiter der Gedenkstätte Esterwegen diskutierte aus der Perspektive praktischer Erinnerungs- und Bildungsarbeit mit, Markus Hardt, Direktor des Amtsgerichts Lingen, brachte rechtswissenschaftliche bzw. juristische Expertise in die Debatte ein.

Nach einer kurzen Einleitung durch Schulleiter Lucas Sieberg und Geschichtslehrer Stefan Roters konfrontierten die Schüler:innen die Experten mit Fragen zu vier Themenfeldern:
(1) Das deutsche Selbstverständnis und die „Schuldfrage”. Der erste Fragenkomplex widmete sich der bis heute virulenten Diskussion um historische Verantwortung und grenzte diese von der immer wieder von politisch rechten Akteuren wiederbelebe “Schuldfrage” ab. Dabei wurden sowohl philosophische Grundfragen als auch aktuelle juristische Aspekte behandelt. Die Vertreter der Geschichtswissenschaft differenzierten, wie verschiedene Generationen seit Kriegsende mit diesen Phänomenen umgegangen sind und wie sich dies auch spezifisch in der Region Emsland aufzeigen lässt.
(2) Erinnerung in der digitalen Ära. Im zweiten Block stand die Zukunft der Erinnerungskultur im Fokus. Die Diskutanten erörterten, wie traditionelle Gedenkstätten ihre Vermittlungs- und Bildungsarbeit in Zeiten von YouTube und TikTok weiter entwickeln und ihre Erinnerungsarbeit zukunftssicher gestalten können. Für die Schüler:innen von heute, die sich als primär digital sozialisiert verstehen, erwiesen sich diese Fragen als besonders interessant.


(3) Demokratie und ihre Grenzen. Der dritte Fragenkomplex behandelte aktuelle Herausforderungen für die Demokratie. Von der Meinungsfreiheit in sozialen Medien bis hin zu konkreten Fällen wie der Diskussion um die Bernd-Rosemeyer-Straße in Lingen spannten die Schüler:innen einen weiten Bogen zwischen historischer Aufarbeitung, Geschichtskultur und deren Bedeutung für gegenwärtige gesellschaftlichen Debatten.
(4) Zukunftsperspektiven. Abschließend richtete sich der Blick nach vorn: Welche Lehren können aus der Geschichte gezogen werden und wie lässt sich Erinnerung bewahren, wenn die letzten Zeitzeugen:innen uns verlassen?
Das Ergebnis der 90-minüten Runde waren nicht nur ein spannender Dialog zwischen Vertretern von Medien, Wissenschaft und Verwaltung, sondern ein außergewöhnliches Beispiel innovativer Bildungsarbeit, bei der Schülerinnen und Schüler nicht nur passive Zuhörer blieben, sondern mit ihrem Wissen und ihrer kritischen Perspektive als Moderator:innen und Fragesteller:innen den Diskurs aktiv gestalteten. Solche Formen partizipativer Bildungsarbeit zeigen, wie historisches Lernen und demokratische Kompetenzentwicklung auch und gerade im Schulalltag miteinander verknüpft werden können.
Eindrucksvoll hat sich am Georgianum gezeigt, wie zeitgemäße Geschichtsvermittlung aussehen kann. Durch die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise, medialer Präsentation und intergenerationeller Partizipation ist ein produktives Format entstanden, das 80 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft allen Forderungen nach einem “Schlussstrich” ein eindrucksvolles Zeichen kritischer und reflektierter Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit entgegen gesetzt hat.
Die Schüler:innen des Georgianums haben gezeigt, wie das Übernehmen historischer Verantwortung im besten Sinne gelingen kann. Die nächste Generation ist bereit.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
TEAM NGHM (23. Mai 2025). NGHM zu Gast | „80 Jahre danach – mit Geschichte für Demokratie”: Podiumsdiskussion am Georgianum in Lingen. NGHM@UOS. Abgerufen am 13. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/1406g
Ein Gedanke zu „NGHM zu Gast | „80 Jahre danach – mit Geschichte für Demokratie”: Podiumsdiskussion am Georgianum in Lingen.“