NGHM-Tracker (9-10/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Nach einer kleinen Sommerpause meldet sich die Tracker-Redaktion mit einer August-September-Doppelausgabe des NGHM-Newsletters zurück.

Selten verdichteten sich so viele Dimensionen des historischen Arbeitens wie im August und September: Recherche- und Workshopreisen von Köln, London, Wien bis Oregon; die Kommunikation von Forschungsergebnissen in Form von Essays auf dem Blog oder neuen Büchern; der direkte Austausch mit Kolleg:innen auf Tagungen sowie der Neubeginn historischen Arbeitens in Form eines neuen Kooperationsprojekts. Was die Monate besonders prägte, war die Spannung zwischen dem Blick zurück – auf unsere Forschungsthemen Konflikte, Flucht, Vertreibung, verdrängte Erinnerung – und dem Blick nach vorn: auf neue Methoden, neue Kooperationen, neue Lesarten.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere August- und Septemberdoppelausgabe des Newsletters.

Einblicke

Anfang August brach Prof. Dr. Christoph Rass für eine Forschungsreise nach Oregon auf, die ihn für drei Wochen nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland führte. Die Reise war Teil des Teilprojekts A3 des SFB 1604 „Produktion von Migration” und verfolgte eine präzise Forschungsfrage: Was wurde aus der Figur des ›guest worker‹ im Willamette Valley – und wie reagierten die Betroffenen auf diesen aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹ importierten Begriff?

Relevant waren unter anderem die PCUN Records der University of Oregon – das Archiv von Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Landarbeitergewerkschaft aus Woodburn. Der Bestand entstand durch eine Ordnungsaktion 1999, eine Übernahme von rund 240 laufenden Fuß Material im Jahr 2010 und eine mehrjährige Erschließungsarbeit, die schließlich 2014 zur Öffnung des heute rund 80 laufende Fuß umfassenden Bestands führte. Für ein Projekt zur Produktion von Migrationskategorien war dieser Entstehungsprozess selbst bereits Bestandteil des Befundes. Einzelne Quellen stachen hervor: Beispielsweise ein undatiertes Typoskript aus dem Jahr 1981 zeigte, wie die Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan den neuen Begriff ›guest worker‹ in Anführungszeichen übernahm und ihn unmittelbar mit dem Bracero-Programm der Jahre 1942 bis 1964 gleichsetzte – nicht durch Argumentation, sondern durch Zeichensetzung. Sechzehn Jahre später, 1997, stand dieselbe Gleichung auf Picketing-Signs bei einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford: „GUEST Worker IS Legalized Slavery” und „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST”. Die Betroffenen machten den Kategorisierungsversuch der Politik öffentlich sichtbar.

Die Archivreise lieferte damit erste belastbare Befunde für ein größeres Korpus: ›Bracero‹ erschien in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138 – und ›trabajadores huéspedes‹ lediglich in vier. Die Interpretation dieser Verteilung steht noch aus und dürfte weitere Aufschlüsse über die Wege liefern, auf denen eine exportierte Figur auf organisierten Widerstand trifft.

Danach ging die Arbeit im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University in Corvallis weiter. Dort stand der Bestand des Oregon Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der zwischen 1942 und 1947 die Anwerbung von 15.136 mexikanischen Arbeitern im Rahmen des Bracero-Programms organisierte, im Zentrum. Der Bestand umfasst 137 Kubikfuß – rund vierzig laufende Regalmeter – und nennt das Programm darin an keiner Stelle beim Namen. Das war zugleich der Ausgangspunkt und das Ergebnis der Woche: Begriffe wie „bracero”, „Mexican” oder „immigrant” tauchen im Findbuch nicht auf. Wer das Material finden will, muss mit der Sprache der Behörde suchen – mit „farm labor” und seinen Varianten.

Eine wichtige Gesprächspartnerin war Natalia Fernández, Kuratorin der Oregon Multicultural Archives an der OSU. Sie reflektierte offen über die Machtdimension archivarischer Entscheidungen: Wer sammelt, entscheidet über Überlieferung. Die digitale Fotosammlung zu den Braceros in Oregon etwa sei eine künstliche, kuratorisch hergestellte Kollektion – zusammengestellt aus fünf verschiedenen Beständen, deren Bilder ursprünglich Werbematerial für das Programm waren. Was heute am leichtesten sichtbar ist, verdankt sich also zum Teil der Kampagne, die diese Männer ins Land geholt hat.

Den Kontrast lieferte der Vergleich mit den Gewerkschaftsakten der PCUN aus Eugene, die Rass in der Vorwoche gesichtet hatte. Dort standen Begriffe wie „guest worker”, „racist” und „slavery” – und echte Personen, nicht abstrakte Arbeitskräfte. Die unterschiedliche Grammatik der Bestände ist kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache der Migrationsforschung und die Sprache der Verwaltung klaffen auseinander – und genau dieser Abstand ist der eigentliche Gegenstand des Projekts im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1604 in Osnabrück.

Die dritte Woche der Archivreise lieferte gleich drei prägnante Antworten auf die zentrale Forschungsfrage: Wer benennt Arbeitsmigration, mit welchen Begriffen, und welche Konsequenzen hat das? Die Stationen Salem, Woodburn und Portland offenbarten dabei unterschiedliche Perspektiven auf die Produktion von Migrationskategorien – ein Kernthema des Sonderforschungsbereichs 1604 „Produktion von Migration” an der Universität Osnabrück.

Im Staatsarchiv von Oregon in Salem dominierte die Sprache der Verwaltung und des Rechts. In Akten aus dem Büro der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt tauchten Migrantinnen und Migranten – überwiegend Menschen aus Mexiko – konsequent als „temporary alien workers” auf. Besonders aufschlussreich war ein Memo des Rechtsberaters Bob Oliver aus dem Jahr 1982, das im Kontext des gescheiterten Simpson-Mazzoli-Gesetzentwurfs entstand: Die Hauptsorge des Gouverneursbüros galt nicht den Lebens- oder Arbeitsbedingungen der Betroffenen, sondern den fiskalischen Auswirkungen einer möglichen Legalisierung auf den Staatshaushalt. Ein weiterer Befund zeigte, dass die staatliche Arbeitsverwaltung selbst aktenkundig machte, die spanischsprachige Bevölkerung schlicht nicht zu erreichen.

In Woodburn traf Christoph Rass auf Larry Kleinman und Ramón Ramírez, zwei Gründungsmitglieder der Landarbeitergewerkschaft PCUN. Das Gespräch in der Risberg Hall – einem Saal, der nach Kleinmans Großeltern benannt ist – machte deutlich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen Migrantinnen und Migranten selbst zu Wort kommen: Der frühe Mitstreiter Cipriano Ferrel hatte darauf bestanden, dass die Bewegung Geschichte mache und deshalb ein eigenes Archiv brauche.

Die Wochen verdeutlichten damit eindrücklich, dass Migrationskategorien auf mehreren Ebenen gleichzeitig entstehen – in der Verwaltungssprache, in der politischen Interessenabwägung, im zivilgesellschaftlichen Widerstand und in den Communities selbst. Wer diese Schichten zusammenliest, versteht, warum Begriffe wie „guest worker” oder „bracero” nie neutral sind – und warum ihre Geschichte bis in die Gegenwart nachwirkt.

Zurück aus Oregon ging es für Christoph Rass weiter nach Wien: Auf der ICDAR 2026, der zwanzigsten Ausgabe der International Conference on Document Analysis and Recognition, hielt Christoph Rass am 1. September 2026 in Wien die zweite von drei Keynotes. Unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding« trat ein Historiker vor ein Plenum von Informatikerinnen und Informatikern – und stellte nicht historische Befunde in den Mittelpunkt, sondern die Frage, was Dokumentenverständnis im Kern bedeutet, wenn der Gegenstand Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts ist.

Der Beitrag war eingebettet in eine seit 2018 gewachsene Kooperation zwischen der NGHM und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund unter Gernot A. Fink. Ausgangspunkt war die maschinelle Erschließung historischer Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv – darunter die Osnabrücker Gestapo-Registratur mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Was zuvor Jahre erfordert hätte, ließ sich mithilfe von Handschriftenerkennung in Monaten bewältigen. Der Wechsel zu offenen, nicht-proprietären Lösungen war dabei keine technische Präferenz, sondern eine forschungspolitische Notwendigkeit: Historische Daten als kulturelles Erbe dürfen nicht hinter kommerziellen Abonnementschranken verschwinden.

Im Zentrum der Keynote standen drei Aspekte: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in maschinenlesbare Daten mit ihnen geschieht; an welchen drei Orten Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit wirksam werden; und schließlich ein konkreter Vorschlag, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten, behördlich hergestellten Kategorie unterscheiden kann. Letzteres markiert den entscheidenden Unterschied zwischen dem informatischen und dem historischen Kategorienbegriff: Während die Dokumentenanalyse nach einer ground truth fragt, interessiert sich die kritische Geschichtswissenschaft für den Herstellungsvorgang selbst – die Entscheidung, die ein Amt über einen Menschen getroffen und über Jahrzehnte reproduziert hat.

Sebastian Musch an der University of London (Foto: Sebastian Musch)

Sebastian Musch hingegen zog es nach London: Am 17. September hat er dort auf der Tagung Refugee Academics and their Networks, organisiert vom Research Centre for German & Austrian Exile Studies (University of London) und der Gesellschaft für Exilforschung e. V., einen Vortrag zum Thema „The Republic of Reference Letters: Community and Networking among German Refugee Classicists in the U.S.“ gehalten. Bereits 2024 hatte Sebastian Musch an der Harvard University im Rahmen der Veranstaltung „Refugees (Not) Welcome: European Exile Scholars at Harvard in the 1930s and 1940s“ zu dieser Exilbiografie referiert und setzt somit die damals begonnene Beschäftigung mit Werner Jaeger fort.

Außerdem hat Sebastian Musch am 7. September ein Webinar zum Thema „Refugees from Nazi Germany in British Ceylon. A Forgotten History“ durchgeführt. Damit setzt sich die Zusammenarbeit mit der Rajarata University fort. Bereits im Oktober 2024 war Manoj Samarathunga von der Rajarata University of Sri Lanka bei uns zu Gast und präsentierte in der Reihe „IMIS-Talks“ seine Forschungen zum Thema Transactional Intimacy and Migration Aspirations: Analyzing the Relationships Between Sri Lankan Beach Boys and Foreign Tourists. Die Flucht nach Südasien, insbesondere nach British Ceylon (seit 1948 Sri Lanka), während der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung steht seit einigen Jahren im Fokus der Forschung von Sebastian Musch. Sie war Thema eines Vortrags an der Cambridge University im Februar 2025 sowie seines Aufsatzes„Jewish Migration from Germany to British Ceylon in the Context of the Second World War: Orientalism and the Place of Ideas in the Migration Regime“. Daher freuen wir uns, dass wir unsere wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen aus Sri Lanka weiter ausbauen konnten.

Auch in Osnabrück selber stand der wissenschaftliche Austausch im Vordergrund mit einer Tagung:

Am 24. und 25. September fand die Abschlusstagung des Projekts „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation“ statt. Im Mittelpunkt standen die im Projekt erarbeiteten digitalen Angebote sowie die Frage, wie sich die historischen Orte der ehemaligen „Emslandlager“ und ihre Transformation digital dokumentieren und sichtbar machen lassen. In zwei Panels wurden die „Emslandlager“ als Konfliktlandschaft sowie die Möglichkeiten und Herausforderungen von Digitalität und Partizipation diskutiert. Zudem stellte Imke Selle zentrale Ergebnisse ihrer Dissertation vor. Im Mittelpunkt standen dabei die Praktiken von Studierenden, die im Rahmen des Projekts an der digitalen Dokumentation der ehemaligen Lagerstandorte gearbeitet haben.

Bei der Tagung kamen Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit zusammen. Bei einer öffentlichen Abendveranstaltung wurden die Projektergebnisse bei einem Posterwalk und an Medienstationen präsentiert.

Am zweiten Tag führte eine Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum und zum dortigen Lagerfriedhof. Im Fokus standen neben der Auseinandersetzung mit dem historischen Ort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation. Ein anschließender Workshop widmete sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu 360°-Rundgängen. Ein ausführlicher Bericht zur Tagung folgt in Kürze. Das Team dankt ganz besonders der Unterstützung unserer studentischen Mitarbeiter:innen – Gesa Landwehr, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Lennart Blömer – für die erfolgreiche Durchführung der Tagung.

Die Tagungsteilnehmer:innen bei der Exkursion (Foto: Johannes Pufahl)

Wo ein Projekt endet, fängt bei Team NGHM stets ein neues an: Ein neues Forschungsprojekt der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück fragt danach, wie Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad wieder verlassen – und wählt dafür einen ebenso konkreten wie aufschlussreichen Ort: das Bourtanger Moor im Emsland. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur bewilligte im August 2026 im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen das Vorhaben »Moorlandschaften als Interventionsräume«, das in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation dieser Landschaft zwischen 1945 und 2025 untersuchen wird. Kooperationspartnerin war das Emsland Moormuseum in Geeste, die Arbeit begann im Oktober 2026.

Dr. Tanja Hasselberg und Prof. Dr. Christoph Rass (Foto: Emsland Moormuseum)

Der historische Ausgangsbefund war so schlicht wie provokant: Was ein Jahrhundert lang als zivilisatorische Erschließung von »Ödland« galt – Entwässerung, Abtor­fung, Kultivierung –, gilt heute als Zerstörung einer zentralen Klimaressource. Moore bedecken nur drei bis vier Prozent der globalen Landfläche, binden aber rund ein Drittel des in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Das Bourtanger Moor hatte im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen: zunächst eine Phase massiver Erschließung, die mit dem Emslandplan nach 1950 ihren Höhepunkt erreichte, dann seit den 1970er Jahren eine Gegenbewegung aus Umweltbewegung, Naturschutzpolitik und Klimadebatte. Beide Bewegungen waren staatlich geplant, wissenschaftlich legitimiert – und dennoch historisch erklärungsbedürftig.

Theoretisch kombiniert das Projekt drei Ansätze: das Konzept der »Interventionslandschaft«, das bislang vor allem auf autoritäre Regime angewandt worden war und hier erstmals auf demokratische Planungsprozesse übertragen wird; den Ansatz der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, der die materielle und diskursive Ebene einer Landschaft verschränkt; sowie ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum Entwicklungspfade selbst dann fortbestehen, wenn ihre Voraussetzungen längst entfallen sind. Der Vergleich mit den Niederlanden, wo die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre einsetzte – also gut zwei Jahrzehnte früher als in Deutschland –, bietet dabei eine besonders scharfe analytische Linse.

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Projekt auf die rund 18.500 Objekte umfassende Sammlung des Emsland Moormuseums, auf Aktenbestände aus dem Kreisarchiv Emsland, dem Niedersächsischen Landesarchiv und dem niederländischen Drents Archief sowie auf Zeitzeugengespräche. Die Auswertung folgt drei aufeinander bezogenen Wegen: Diskursanalyse, Netzwerk- und Kollektivbiographie sowie GIS-gestützte Flächenrekonstruktion. Auf Seiten des Museums verantwortet Dr. Tanja Hasselberg, seit Juni 2025 Leiterin des Emsland Moormuseums, die Kooperation; im kommenden Wintersemester übernimmt sie zudem einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Universität Osnabrück.

Ob sich aus dem Emsland Bedingungen ableiten lassen, unter denen demokratische Gesellschaften eingeschlagene Wege tatsächlich verlassen – diese Frage reicht weit über die Regionalgeschichte hinaus und macht das Projekt zu einem Vorhaben mit Gegenwartsbedeutung.

History@SFB

Am 28. Juli reisten Christoph Rass, Annika Heyen und Leonie Stoll nach Köln, um dort Podcast-Aufnahmen für die zweite Staffel von »Production Site«, dem Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, zu machen. Die entstehende Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer« und ist in Kooperation mit dem Verein 180 Grad Wende entstanden – einer Initiative, die seit 2012 in den Kölner Stadtteilen Kalk und Mülheim mit jungen Menschen aus marginalisierten Communities arbeitet.

Der Titel der Folge war dabei wörtlich zu nehmen: »Place« bezeichnete sowohl den Ort als auch die gesellschaftliche Stellung, die jemand einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung – und genau das war die Leitfrage des Tages. Statt Forschung, die Praxis erklärt, wurde die Praxis gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.

v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen)

Der Aufnahmetag gliederte sich in zwei Teile. Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt Reflexive Migrationsforschung im Museum, von Alparslan Korkmaz und Samir Abrar durch das Quartier führen. Kalk zeigte sich dabei als Ort voller Gegensätze: ein lebendiger, offener Stadtteil, in dem zugleich rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut aufwächst – der höchste Wert aller neun Kölner Stadtbezirke. Ausbildungsplätze und Perspektiven fehlten, Überwachungskameras auf der Hauptstraße erzeugten ein Gefühl der Unsicherheit. Der Verein setzt dem eine bedürfnisorientierte, niedrigschwellige Beratung entgegen, deren Wirkung sich an unscheinbaren Zeichen zeigt: Klientinnen und Klienten empfehlen die Initiative weiter, werden selbst aktiv oder kehren zurück, um Erfolge zu teilen.

Christoph Rass und Mimoun Berrissoun bei der Aufnahme im Studio “Sounds Fresh” (Fotos: Annika Heyen)

Im zweiten Teil sprach Christoph Rass, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt Ihr seid Gastarbeiterkinder leitet, im Kölner Studio Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, dem Gründer und Geschäftsführer des Vereins. Berrissoun benannte dabei einen strukturellen Widerspruch: Die Beziehungsarbeit des Vereins brauche Dauer und Vertrauen, das über Jahre an einem Ort entsteht – doch die Finanzierung erfolgt über befristete Fördermittel, die immer wieder neu beantragt werden müssen. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, sei Voraussetzung für wirksameres Arbeiten.

Für den Aufnahmetag sorgten Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik für den Ton sowie Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück für die filmische Dokumentation, die in einen Kurzfilm über das Transferprojekt einfließen soll. Die fertige Folge ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant und verspricht, den Begriff ›Migration‹ selbst in Frage zu stellen – eine Einladung, die erste Staffel schon jetzt zu entdecken.

Am 18. September lud die Professur für Chemiedidaktik interessierte Osnabrücker:innen zur Experimentiermeile 2026 auf den Ledenhof ein. Neben zahlreichen Projekten aus den Naturwissenschaften waren auch das am IMIS angesiedelte Projekt “FuturMig – Wissenschaftsraum ‘Zukünfte der Migration’” und das Transferprojekt des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” vertreten und gewährten den Besucher:innen Einblicke in die Arbeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer.

Das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” – also Annika Heyen, Tim Ott und Johannes Pufahl – hatte seine VR-Brillen im Gepäck und ließ die Besucher:innen der Experimentiermeile an seinem Experiment “Changing Places” teilhaben. In diesem bekommen Proband:innen digitale Versionen des Osnabrücker Friedenssaals in Virtual Reality zu sehen. Das Experiment geht der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung und das Identifikationspotenzial von historisch aufgeladenen Orten verändern, wenn sie anders aussehen als gewöhnlich.

Am 23. September war das Team Transferprojekt gemeinsam mit dem Stadtteillabor in der Hustadt (Bochum) unter der Leitung von Christiane Falge zu Gast bei DOMiD in Köln. Im Rahmen des “Exhibition Building”-Workshops des Transferprojekts setzten sich die Teilnehmer:innen mit Themen der Ausstellungsgestaltung, der Sammlung von Objekten und dem Bilden von Narrativen bei der Erzählung von Geschichte und Gegenwart auseinander. Außerdem digitalisierten sie selbst mitgebrachte sowie aus den Beständen von DOMiD zur Verfügung gestellte Objekte und tauschten sich über die Geschichte(n) hinter den Gegenständen aus. Am Ende des Tages hatte die Gruppe angeleitet von Bebero Lehmann von DOMiD, den Studentischen Hilfskräften Johannes Pufahl, Denise Klaus und Jakob von den Driesch sowie Annika Heyen ein Konzept für eine neue VR-Anwendung erarbeitet, in deren Zentrum die Arbeit des Stadtteillabors sowie des Stadtteilgesundheitszentrums in der Hustadt steht. Mit dabei waren außerdem Timos Zdoupas vom VirtUOS, der den Tag filmisch festhielt, sowie Jens Schneider vom ReflexLab des SFB 1604, der das Geschehen beobachtete und auf diese Weise qualitative Daten für die Projektauswertung produzierte. 

Notizen

Im August erschien auf dem Blog der essayistische Beitrag “A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian” von Annika Heyen. Sie wagte in ihrem Blogbeitrag ein Gedankenexperiment: Sie betrachtete die Bermuda-Konferenz konsequent aus der Perspektive der Historischen Migrationsforschung – und stieß dabei auf überraschend neue Deutungsmöglichkeiten.

Der Beitrag stellte eine grundlegende methodische Frage in den Mittelpunkt: Wie weit kann sich eine Forscherin von etablierten Narrativen der Holocaustforschung entfernen, ohne in eine Gegengeschichte abzugleiten? Heyen argumentierte, dass der Wechsel der analytischen Linsе – weg von der Frage „Warum wurden die Juden nicht gerettet?” hin zu „Wie haben Staaten Mobilität unter Kriegsbedingungen reguliert und kontrolliert?” – den Blick auf ein breiteres Akteursfeld und längerfristige institutionelle Entwicklungen freigebe.

Neben den Publikationen auf dem Blog, gab es auch neue Bücher auf dem Schreibtisch:

Der dritte Band der Reihe „Konfliktlandschaften” war erschienen – und er stellte eine grundlegende Frage: Wie wird aus Gewalt Geschichte? Herausgegeben von Christoph Rass und verantwortet von der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, nahm »Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur« nicht die militärischen Operationen von 1944/45 selbst zum Gegenstand, sondern die nachträgliche Konstruktion der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ als Erzählung. Denn unter diesem Namen hatte niemand gekämpft – er entstand erst im Nachhinein, fügte eine Serie militärischer Einzeloperationen zu einem kohärenten Großereignis zusammen und lud einen Ort emotional auf, der seither als ›Verdun der Eifel‹ vermarktet wird.

Mit vierzehn Beiträgen in drei thematischen Teilen versammelte der Band ein breites Spektrum an Perspektiven. Der erste Teil widmete sich der Musealisierung von Krieg und Gewalt, der zweite der Ereignisgeschichte und Erinnerungspolitik rund um den Hürtgenwald, der dritte gab regionalen Akteuren eine Stimme, die sich vor Ort seit Jahren gegen revisionistische Narrative stemmen. Diese editorische Entscheidung veränderte den Charakter des Bandes: Aus externer akademischer Kritik wurde ein Dialog, der lokale Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutung ernst nahm und sichtbar machte.

Der Band markierte zugleich den Abschluss eines Forschungsprojekts und den Auftakt zu Neuem: Die Reihe wird mit Bänden zu den Emslandlagern und zu Moorlandschaften als Interventionsräumen fortgesetzt, an denen Imke Sofie Selle maßgeblich beteiligt ist. Wer verstehen möchte, unter welchen Bedingungen eine Gesellschaft ein über Jahrzehnte verfestigtes Geschichtsbild zu revidieren vermag – und wie schwer ihr das fällt –, findet in diesem Band eine unbequeme, aber erhellende Antwort.

Außerdem ist der von Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm herausgegebene Sammelband The Holocaust and Varieties of Migration bei De Gruyter erschienen und hier im Open Access zugänglich. Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die 2023 an der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See stattfand. Neben Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm sind Zofia Trebacz, Susanne Heim, Wendy Lower, Ayelet Eva Herbst, Hana G. Green, Edith Raim, Iris Helbing, Annika Heyen, Peter Gatrell und Tony Kushner mit Beiträgen vertreten. In ihrer Einleitung „Introduction: Forced Migration and Flight Before, During, and After the Holocaust“ fragen Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm, wie verschiedene Formen von Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung, Internierung und Nachkriegsmigration während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust nicht bloß Folgen der Gewalt waren, sondern in vielfältiger Weise zu deren Vorbereitung, Organisation und Durchführung gehörten. Von NGHM ist neben dem Mitherausgeber Sebastian Musch auch Annika Heyen mit ihrem Beitrag „‘Conceived Reluctantly, Brought to Birth Grudgingly, Straitjacked from Birth.’ The Bermuda Conference, the World Jewish Congress, and the Emergence of the Postwar Migration Regime“ in dem Band vertreten.

Für H-Soz-Kult hat Sebastian Musch das Buch Between Borders. The Great Jewish Migration from Eastern Europe von Tobias Brinkmann rezensiert. „Ein neues Standardwerk“, so sein Fazit.

Blogbeiträge in August und September

Eduard Usov & Jessica Wehner: NGHM-Tracker (8/26), 03. August 2026.
Annika Heyen: History@SFB 1604 | »Die Place Changer«: Podcast-Aufnahmen bei der 180 Grad Wende in Köln-Kalk., 05. August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997., 07. August 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993), 10. August 2026.
Annika Heyen: A problem of the present – a conference for the future? The 1943 Bermuda Conference on the “Refugee Problem” re-read from the perspective of a Migration Historian, 11 August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis., 15. August 2026.
Christoph Rass: Willamette Depesche #3 | Wer benennt wen? Salem, Woodburn und Portland., 24. August 2026
Christoph Rass: NGHM liest | 13 | Scott: Gender and the Politics of History (1988), 27. August 2026.
Imke Selle & Team NGHM: Abschlusstagung: “Die ‘Emslandlager’ als Konfliktlandschaft in Transformation” am 24. und 25. September 2026, 31. August 2026.



Christoph Rass: Keynote | ICDAR 2026 Wien | Geschichtswissenschaft und Dokumentenanalyse im Dialog, 04. September 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 14 | Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (2021), 07. September 2026.
Team NGHM: NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt., 10. September 2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 15 | Wilkerson: The Warmth of Other Suns (2010), 11. September 2026
Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext., 14. September 2026.
Sebastian Musch: OUT NOW | The Holocaust and Varieties of Migration, 20. September 2026.
Team NGHM: Leerstellen der Erinnerungskultur | Zwischen Gedenken und Verdrängung. Podiumsgespräch am 1. Oktober in der vhs Osnabrück., 29.09.2026.
Christoph Rass: NGHM liest | 16 | Ulrich Herbert: Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur (2016), 29.09.2026.
Annika Heyen: History@SFB 1604 | Das Transferprojekt mit seinem VR-Experiment “Changing Places” bei der Experimentiermeile 2026 auf dem Ledenhof, 30.09.2026.

Ausblick & aktuelle Termine

Im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” können Interessierte am 7. Oktober, 21. Oktober und 28. Oktober jeweils von 12 bis 18 Uhr im Studierendenzentrum (StudZ) am VR-Experiment “Changing Places” teilnehmen, in dem es um die Wahrnehmung historischer und historisch aufgeladener Orte geht, an denen Details verändert wurden. Eine Terminbuchung ist hier möglich.