In Osnabrück konstituiert sich mit dem neuen akademischen Jahr eine Fußnotengesellschaft. Im Wintersemester 26/27 trifft sich an drei Dienstagabenden dieser neue Lektürekreis, der je einen Text in voller Länge liest und darüber streitet. Die Fußnotengesellschaft ist offen für Studierende aller Semester sowie für Lehrende. Was diese Runde übt, hat eine Geschichte, die sich auf einer Buchseite aus dem Jahr 1697 besichtigen lässt.
Pierre Bayle hat 1697 ein Buch veröffentlicht, in dem die Fußnoten den Haupttext von der Seite drängen. Auf Seite 930 des ersten Bandes seines »Dictionnaire historique et critique« behaupten sich oben noch acht Zeilen, auf der folgenden Seite ist davon eine einzige übrig, die den angefangenen Satz zu Ende führt. Alles andere gehört dem Apparat: zwei eng gesetzte Spalten mit Anmerkungen, an beiden Rändern begleitet von schmalen Spalten, die auf die Stellen verweisen, an denen sich das Behauptete nachprüfen lässt.
Pierre Bayle, »Dictionnaire historique et critique«, Bd. 1,2, Rotterdam: Reinier Leers 1697, S. 930 und S. 931, aus dem Artikel »David«. Bibliothèque nationale de France, département Arsenal, FOL-H-5119 (2) (Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France).
Diese Anordnung ist kein Zufall der Setzerei. In den acht Zeilen auf Seite 930 lobt Bayle eine Lebensbeschreibung König Davids aus der Feder des Abbé de Choisy und fügt hinzu, das Buch wäre erheblich besser, wenn jemand sich die Mühe gemacht hätte, am Rand die Jahre der einzelnen Begebenheiten zu vermerken und dazu die Stellen aus der Bibel oder aus Josephus, aus denen der Verfasser schöpft. Ein Leser bleibe nämlich ungern darüber im Unklaren, ob das, was er liest, aus einer heiligen oder aus einer profanen Quelle stammt. Was Bayle dort fordert, führen die Randspalten der Folgeseite vor.
Anthony Grafton zitiert genau diese Stelle in der ersten Geschichte der historiographischen Fußnote, die 1995 auf Deutsch unter dem Titel »Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote« und zwei Jahre später in einer erweiterten englischen Fassung bei Harvard University Press erschien. Grafton sucht den Ursprung des historischen Belegs um 1700 und findet ihn bei Bayle, dessen Werk von Anfang an als Verzeichnis der Fehler anderer Nachschlagewerke angelegt war, zuerst gegen den »Grand dictionnaire historique« des Louis Moréri von 1674. Wer einen Irrtum korrigieren will, muss offenlegen, woher er oder sie es besser weiß. Über Bayles Seiten, schreibt Grafton, führe nur eine dünne und brüchige Kruste aus Text, unter der sich der Sumpf des Kommentars auftue.
Diese Art zu schreiben hatte übrigens ihren Preis. Im Konsistorium der Wallonischen Kirche in Rotterdam prüften ab September 1697 sechs Kommissare den »Dictionnaire« Artikel für Artikel, am 17. November 1697 den über David, dem sie ein schreckliches Bild von der Lebensführung und der Regierung dieses Königs und Propheten entnahmen. Beanstandet wurden damit Artikel, deren Substanz zum weitaus größten Teil in den Anmerkungen steht. Bayle sagte Korrekturen zu, ließ sich Zeit und antwortete 1702 in der zweiten Auflage mit den »Éclaircissements« und einer überarbeiteten Fassung seins Textes.
Eine Lektüre, die unten auf der Seite beginnt, kostet Zeit und lohnt sich selten allein. An dieser Stelle setzt die Fußnotengesellschaft an, die sich im Wintersemester 2026/27 an der Universität Osnabrück konstituiert und von Christoph Mauntel und Christoph Rass ins Leben gerufen wird. Als akademischer Leseclub geht die Fußnotengesellschaft davon aus, dass in den Anmerkungen häufig mehr steckt als im Haupttext und dass es sich lohnt, einem Verweis zu folgen, auch wenn vorher niemand weiß, wohin er führt.
Die Fußnotengesellschaft ordnet sich keiner Fakultät zu, ist keinem Prüfungsamt unterstellt, und der Erwerb von Leistungspunkten ist in ihr unmöglich. Eine Zusammenkunft der Gesellschaft dauert sechzig Minuten und sie kennt neun Sitze. Wer einen Sitz einnimmt, spricht; wer später dazukommt, hört zu und ist als Gast willkommen.
Gelesen wird ein Aufsatz, ein Buchkapitel oder ein Essay. Während der Sitzung bleiben alle Geräte ausgeschaltet. Diese Regel ist nicht technikfeindlich, sondern schützt ein knappes Gut: eine Stunde ununterbrochener Aufmerksamkeit für einen Gedankengang und ein Gespräch. Drei der neun Plätze stehen vorher fest, weil an ihnen eine Aufgabe hängt. Die sechs übrigen nimmt ein, wer kommt und gelesen hat.
Eine Sitzung dauert sechzig Minuten und folgt einem festen Ablauf. Zu Beginn stellt eine Person in fünf Minuten die Kernthese des Textes vor, benennt einen zentralen Begriff und lädt ausdrücklich zum Widerspruch ein. Danach wird gut eine halbe Stunde lang diskutiert, ohne Tagesordnung und ohne Referat, wobei niemand länger als drei Minuten am Stück spricht.
Die letzte Viertelstunde gehört dem Teil, der der Gesellschaft ihren Namen gibt. Eine zweite Person hat sich vorab eine einzige Fußnote des Textes vorgenommen, ist ihr nachgegangen und berichtet, was dort zu finden war: ein Verweis, ein vergessener Titel, eine Überraschung, gelegentlich ein ganzes Forschungsfeld in einer Anmerkung. Anschließend bestimmt die Runde gemeinsam, was beim nächsten Mal gelesen wird. Zeigt die vorgestellte Fußnote auf einen Text, folgt die Gesellschaft ihr dorthin, und über ein Semester hinweg legt sie auf diese Weise einen Leseweg zurück, den kein Seminarplan vorgezeichnet hat.
Die Texte des ersten Durchgangs kommen beispielsweise aus der NGHM-Leseliste, die auf diesem Blog in der Reihe »NGHM liest« vorgestellt wird und bereits vollständig als Wissensgraph erkundet werden kann. Was tatsächlich gelesen wurde, welcher Begriff im Mittelpunkt stand und welche Fußnote die Runde verfolgt hat, hält die Gesellschaft in einem eigenen Verzeichnis fest.
Die Fußnote ist in der Geschichtswissenschaft die Stelle, an der eine Behauptung in ihren Beleg übergeht, und zugleich die Stelle, an der ein Text zugibt, woher er stammt. Sie zu lesen gehört zu den Fertigkeiten, die sich die Fußnotengesellschaft zu pflegen vornimmt. . Ob das Format trägt, entscheidet sich an einer sehr schlichten Bedingung: Eine Sitzung kommt zustande, sobald drei Lesende erscheinen, die den Text wirklich gelesen haben.
Termine im Wintersemester 2026/27: Dienstag, 3. November 2026 · Dienstag, 8. Dezember 2026 · Dienstag, 19. Januar 2027, jeweils 19 bis 20 Uhr
Weitere Informationen gibt es im StudIP-Kurs Nr. 2280.
Essay zur Einführung in die Tagung »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, Osnabrück, 24. September 2026.
Nördlich des Lagers XII Dalum, dessen Gelände heute größtenteils unter einem Gewerbegebiet liegt, legte die Wehrmacht im September 1941 auf einer Parzelle, die zuvor als Lager des Reichsarbeitsdienstes gedient hatte, einen Friedhof an. Bis zum Sommer 1943 bestattete sie dort die Toten, genauer: die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen aus fünf Lagern, aus Dalum, Groß Hesepe, Alexisdorf, Wietmarschen und Bathorn. Anfangs ließ sie Einzelgräber ausheben; als sie die Gefangenen in ihren Lagern zu Tausenden sterben ließ, ging sie zu Massengräbern über. Während die Schätzungen auf Grundlage der Gräberlisten zwischen acht- und sechzehntausend Toten schwanken, geht die Gedenkstätte Esterwegen nach dem heutigen Forschungsstand von etwa zehntausend Opfern aus, fast alle ohne Namen.1 Einen Obelisken mit Sowjetstern, den der Friedhof nach dem Krieg erhalten hatte, entfernte man bei der Neugestaltung in den 1950er Jahren wegen des Kalten Krieges wieder; wer dieses »man« war, gehört zu den Fragen, die der Friedhof bis heute aufgibt. Wer die amtlich als ›Kriegsgräberstätte‹ geführte Anlage heute betritt, sieht weder markierte Grablagen noch das Denkmal, das einmal an sie erinnerte. Der Friedhof Dalum präsentiert sich als vielfach überformter Ort, der vom Lager des Reichsarbeitsdienstes über den Lagerfriedhof und die Kriegsgräberstätte zum Gedenkort geworden ist und heute das Erscheinungsbild eines vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten Friedhofs trägt.
Die Kriegsgräberstätte Dalum und der Erinnerungsort Lager XII Dalum (Fotos: Marlene Schurig / Lina-Sofie Winkler).
An dieser Differenz zwischen den unsichtbaren Spuren der Gewalt und dem, was ein Ort heute zeigt, setzt der Begriff der Konfliktlandschaft an, mit dem wir in der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften an der Universität Osnabrück seit 2014/15 arbeiten. Er bildete den Ausgangspunkt der Einführung zu einer Tagung, auf der wir das Projekt »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« am 24. und 25. September 2026 in Osnabrück und Dalum vorgestellt und seine bisherigen Ergebnisse zur Diskussion gestellt haben.
Einblicke in die Abschlusstagung des Projekts »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« (Fotos: Lennart Blömer/Johannes Pufahl).
Dieser Beitrag fasst das Argument der Einführung in drei Schritten zusammen. Zunächst bestimmen wir den Begriff der Konfliktlandschaft als analytische Kategorie und zeigen an zwei Schauplätzen, welche Perspektiven er eröffnet. Ein zweiter Schritt erklärt, weshalb er sich gerade an den Lagerstandorten bewähren muss, die unter dem Namen ›Emslandlager‹ zusammengefasst werden. Daraufhin wechselt die Perspektive zum Projekt, das diese Standorte digital erschließt und dabei in eben jene Geschichtsproduktion eingreift, die es untersucht.
Konfliktlandschaften als analytische Kategorie
Unser Interesse gilt dem Verhältnis zwischen der materiellen Überprägung eines Ortes durch Gewalt und der diskursiven Produktion seiner Bedeutung, vor allem aber den Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Eine Konfliktlandschaft verstehen wir deshalb als einen soziokulturell bestimmbaren Raum, den gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt haben und in dem deren Spuren materiell wie immateriell fortbestehen, während Menschen ihn fortwährend umgestalten und um seine Deutung ringen. Materielle Spuren sprechen dabei nicht für sich; zu Belegen werden sie erst, wenn Erzählungen, Benennungen und Gedenkpraktiken sie rahmen. Zugleich greift die Produktion von Geschichte in die Materialität des Schauplatzes ein, durch Umbettung und Neugestaltung, durch das Setzen und Entfernen von Denkmälern, durch Raubgrabungen oder das Einrichten von Gedenkstätten und selbstverständlich auch durch unsere eigene Arbeit, die einen Gewaltort deutet, sobald sie ihn vermisst, benennt und zeigt, und die dort, wo sie archäologisch vorgeht, auch seine Materialität verändert.
Die Beteiligung der Forschung gehört deshalb in den Befund. Der Begriff bezeichnet also keinen Ortstyp, den man auf einer Karte einkreisen könnte, sondern ein Verhältnis zwischen Raum, Spur und Deutung, das rekonstruiert werden will. In diesem Sinne lassen sich Konfliktlandschaften als dynamische Palimpseste lesen, in denen sich die Schichten der Gewalt, ihrer Nachgeschichte und ihrer jeweiligen Deutungen überlagern. Entwickelt haben wir diesen Ansatz in langjährigen Forschungen zum ›Hürtgenwald‹. Die Einsicht, dass das, was nach dem Ereignis mit einem Schauplatz der Gewalt geschieht, für sein Verständnis ebenso zählt wie das Ereignis selbst, verdankt er zugleich der langen Zusammenarbeit des Historischen Seminars mit Museum und Park Kalkriese am Ort der Varusschlacht, aus der 2014/15 die Arbeitsgruppe hervorgegangen ist.2
Der Hürtgenwald und die Bahnstation Karya
Zwei Gewaltorte, die wir in den vergangenen Jahren intensiv erforscht haben, zeigen, in welche Richtungen die Wechselwirkung von Materialität und Deutung ausschlagen kann. Im Hürtgenwald in der Nordeifel prägt die Deutung die Materie. Für eine Serie von Gefechten, in denen US-Armee und Wehrmacht zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen, setzte sich erst nach dem Krieg die Bezeichnung ›Schlacht im Hürtgenwald‹ durch. Der Wald war als Ort der Kämpfe schon damals präsent, von einer ›Schlacht‹ sprach jedoch keine der beteiligten Seiten. Seit den fünfziger Jahren verbreitete Militaria-Literatur, nicht selten von Wehrmachtsveteranen und ihnen nahestehenden Autoren verfasst, unter diesem Namen ein Narrativ, das Angehörige der Wehrmacht als Helden darstellte. Dieses Narrativ formt den Wald bis heute, und zwar ganz materiell. So legen Reenactors Stellungssysteme nach Fotografien an, welche die Literatur dem Hürtgenwald zuschreibt, die aber vom Kriegsschauplatz Italien stammen; nachfolgende Besucher:innen lesen diese Eingriffe in den Boden als authentische Spuren und gleichen sie mit eben jenem Foto ab, das sie zu beglaubigen scheint. Mit dem dritten Band der Buchreihe »Konfliktlandschaften«, die wir als Arbeitsgruppe im Universitätsverlag Osnabrück herausgeben, liegt der Abschluss dieser Arbeit vor; der Band ist Open Access zugänglich.3
Anders liegt der Fall in Karya in Mittelgriechenland. Dort zwang die Organisation Todt, die Bauorganisation des NS-Staates, im Frühjahr 1943 zwischen 300 und 500 jüdische Männer aus Thessaloniki, welche die deutsche Besatzungsmacht verschleppt hatte, unter tödlichen Bedingungen einen mehr als zwanzig Meter tiefen Hangeinschnitt für ein Ausweichgleis auszuheben. Am ehemaligen Bahnhof sind nur einzelne Überreste der Bahnanlage und der Einschnitt im Hang geblieben. Hier trägt die Landschaft eine Geschichte, die sie allein nicht erzählen kann. Lesbar zu machen versuchten wir sie mit einer Prospektion, die wir im Frühjahr 2023 mit Studierenden durchgeführt haben, und mit der Ausstellung »Karya 1943. Zwangsarbeit und Holocaust«, an der wir mitgewirkt haben.4 Nach ähnlichen Wechselwirkungen fragen wir an Stätten deutscher Vernichtungspolitik in Belarus, seit vielen Jahren gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Minsk, sowie an Orten der Shoah in der Ukraine.
Die Bahnstation Karya 2023 (Foto: UOS).
Das Lagersystem im Emsland
Unter dem Namen ›Emslandlager‹ werden fünfzehn Lager zusammengefasst, zwölf im heutigen Landkreis Emsland und drei in der Grafschaft Bentheim. Von 1933 an richtete die SS dort Konzentrationslager ein, die sie bis 1936 bewachte. Die Strafgefangenenlager, die von 1934 bis 1945 unter Aufsicht der Justizverwaltung standen, bewachte eine in den Justizdienst übernommene SA-Einheit, die sogenannte ›Moor-SA‹; die Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht bestanden von 1939 bis 1945. Nach den Angaben der Gedenkstätte Esterwegen hielten SS, Justiz und Wehrmacht dort etwa 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene sowie weit mehr als 100.000 Kriegsgefangene fest. Über 20.000 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern starben in den Lagern.5
Wie dicht sich die Verfügungsgewalt verschiedener Instanzen an einem einzigen Lagerstandort ablöste, zeigt wiederum Dalum. Die Justizverwaltung ließ das Lager im Mai 1939 für 1.500 Strafgefangene fertigstellen, belegte es bis zum Kriegsbeginn aber nicht mehr. Im September 1939 übernahm es die Wehrmacht als Kriegsgefangenenlager, 1942 richtete die Luftwaffe darin ein Gerätedepot ein, im Januar 1945 schließlich machte die SS es zum Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Nach 1945 setzte sich diese Reihe als Abfolge von Nutzungen fort, als in mehreren Lagern ›Displaced Persons‹ untergebracht wurden. Esterwegen diente den Briten bis 1947 als Internierungslager, danach bis 1951 als Strafanstalt der deutschen Justiz für NS-Täter, die Spruchgerichte der britischen Zone verurteilt hatten, von 1953 bis 1959 als Durchgangslager für Flüchtlinge aus der DDR und von 1963 bis 2001 als Depot der Bundeswehr.6
Wie weit Nutzung und Überformung die Lager unsichtbar gemacht haben, unterscheidet sich von Standort zu Standort. Auf dem Gelände des Lagers II Aschendorfermoor liegt heute ein Acker, in dessen Boden sich die Spuren des Lagers archäologisch nachweisen lassen. Über dem Lager Alexisdorf steht die Siedlung Neugnadenfeld, über dem größten Teil des Lagers Dalum ein Gewerbegebiet, in dem die Trafostation und das Wachgebäude seit 2023 als Erinnerungsort »Lager XII Dalum« zugänglich sind. In Versen und Groß Hesepe reicht die Abfolge der Nutzungen bis in die Gegenwart, weil dort Lagerbaracken auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalten Meppen und Lingen stehen. In Oberlangen informiert seit 2014 ein Gedenkpavillon auf dem früheren Lagergelände, in Esterwegen erschließt seit 2011 die Gedenkstätte den Ort, den zuvor die Bundeswehr genutzt hatte. Die Gedenkstätte Esterwegen arbeitet heute an allen Standorten und unterrichtet dort mit Informationstafeln über die jeweilige Lagergeschichte.7
Diese bis heute nicht abgeschlossene Abfolge von Verfügungsgewalt, Nutzung, Überformung und schließlich Inobhutnahme durch die Gedenkstätte meint der Titel unseres Projekts, wenn er von einer »Konfliktlandschaft in Transformation« spricht. An einem Lagersystem, dessen Spuren so ungleich sichtbar sind, muss sich zeigen, ob ein Begriff trägt, der das Verhältnis von Spur und Deutung erfassen will. Denn an vielen Standorten stellt sich die Frage, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugen kann. Dieser Frage gehen wir im Emsland seit dem Projekt »Boden|Spuren« nach, das wir von 2020 bis 2022 mit der Gedenkstätte Esterwegen durchgeführt haben und dessen digitale Ausstellung die Spuren einzelner Lagerstandorte erschließt.
Digitale Erschließung als Teil der Geschichtsproduktion
Das laufende Projekt, das die Universität Osnabrück gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Gedenkstätte Esterwegen durchführt und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Programm PRO*Niedersachsen fördert, dehnt diese Erschließung auf das gesamte Lagersystem aus. In drei Kampagnen hat das Team um Imke Selle, die das Projekt als verantwortliche Mitarbeiterin umsetzt, alle fünfzehn Lagerstandorte und alle neun Lagerfriedhöfe in 360°-Aufnahmen dokumentiert, an mehreren Standorten zudem mit 3D-Scans und Drohnenbefliegungen. So liegt für ein weit verteiltes System, dessen Schauplätze im Gelände überwiegend nicht mehr als Lager zu erkennen sind, eine zusammenhängende digitale Anschauung vor. Das Vorhaben verbindet diese Forschung mit der Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer und mit der Gedenkstättenpädagogik, deren geschichtsdidaktische Seite Lale Yildirim vertritt.
Das Projektteam bei der Digitalisierung verschiedener Lagerstandorte (Fotos: Marlene Schurig/Imke Selle)
Was eine solche Anschauung leistet und wo sie an Grenzen stößt, haben Schüler:innen der Jahrgänge 11 und 12 des Gymnasiums Georgianum in Lingen erarbeitet, die im Juni 2025 in der Gedenkstätte Esterwegen die Rundgänge erprobt und um eigene Texte erweitert haben. Die Rundgänge, so ihr Befund, hätten ihnen räumlich vorstellbar gemacht, wie viele Lager es gab, den Besuch der Gedenkstätte könnten sie aber nicht ersetzen.8 Das digitale Angebot erschließt damit ein System, das sich an keinem einzelnen Standort ablesen lässt, ohne dem Geschichtsort selbst seine Bedeutung abzusprechen.
Imke Selle mit den Schüler:innen in der Gedenkstätte Esterwegen (Foto: Niklas Eilers).
Diese Frage nach dem Verhältnis analoger und digitaler Zugänge hat Imke Selle im Januar 2026 weiterverfolgt, als sie mit Studierenden zwei Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisierte, eine vor Ort, die andere als Online-Führung. In ihre Dissertation über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager« bezieht sie die Praktiken unseres eigenen Projekts ein, denn wer Lagerstandorte vermisst, digitalisiert und zu Rundgängen fügt, greift in ihre Deutung ein.
Wie geht es weiter?
Drei laufende und anlaufende Vorhaben unterstreichen, welche Bedeutung das Emsland als Forschungsgegenstand für die Osnabrücker Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung hat. Im Oktober 2026 beginnt gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste das Projekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« zur sozio-ökologischen Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Es fragt, unter welchen Bedingungen demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad verlassen, einen Pfad, in dessen Vorgeschichte die Lager gehören, weil SS, SA und Justizverwaltung die Gefangenen von 1933 an zur Arbeit im Moor zwangen. Mit dem Landkreis Emsland erarbeiten wir derzeit ein Handbuch zur Geschichte des Emslandes in der NS-Zeit, das 2028 erscheinen soll. Auch die nächsten drei Bände der Reihe »Konfliktlandschaften« widmen sich dem Emsland: Die Bände 4 und 5 werden aus dem Emslandlager- und dem Moorlandschaften-Projekt hervorgehen, Band 6 wird, in Absprache mit der Gedenkstätte Esterwegen, die Friedhöfe der Emslandlager behandeln.
Für den Begriff der Konfliktlandschaft ist das Emsland damit ein Prüfstand. Seine Lagerstandorte zeigen Überformungen jeder Art, vom Acker über das Gewerbegebiet bis zur Gedenkstätte, während das Projekt diese Überformung dokumentiert und ihr zugleich eine weitere, digitale Schicht hinzufügt. Ob der Begriff erklären kann, was ein Schauplatz ohne sichtbare Spur noch bezeugt und was eine digitale Anschauung neben dem Besuch am Ort zu leisten vermag, wird die Studie von Imke Selle zeigen, die sie voraussichtlich 2027 abschließt, wobei ihre Antwort auch die Rundgänge betreffen wird, die wir selbst hergestellt haben.
Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext (wie Anm. 2); Team NGHM: Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext, NGHM@UOS, 14.09.2026; Frank Möller: »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?« Militaria-Literatur über den Zweiten Weltkrieg am Beispiel des Kriegsschauplatzes Nordeifel/›Hürtgenwald‹ (Konfliktlandschaften 2), Göttingen: V&R unipress 2022. ↩
Gedenkstätte Esterwegen: Die Emslandlager, Abruf 28.09.2026; Sebastian Weitkamp / Martin Koers (Hg.): Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945, Göttingen: Wallstein 2025; David Reinicke: Die ›Moor-SA‹. Siedlungspolitik und Strafgefangenenlager im Emsland 1934–1942, Göttingen: Wallstein 2022. ↩
Imke Selle: Digital Public History-Workshop »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation«, NGHM@UOS, 29.07.2025, https://doi.org/10.58079/14g43. ↩
Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück
Von Eduard Usov & Jessica Wehner
Nach einer kleinen Sommerpause meldet sich die Tracker-Redaktion mit einer August-September-Doppelausgabe des NGHM-Newsletters zurück.
Selten verdichteten sich so viele Dimensionen des historischen Arbeitens wie im August und September: Recherche- und Workshopreisen von Köln, London, Wien bis Oregon; die Kommunikation von Forschungsergebnissen in Form von Essays auf dem Blog oder neuen Büchern; der direkte Austausch mit Kolleg:innen auf Tagungen sowie der Neubeginn historischen Arbeitens in Form eines neuen Kooperationsprojekts. Was die Monate besonders prägte, war die Spannung zwischen dem Blick zurück – auf unsere Forschungsthemen Konflikte, Flucht, Vertreibung, verdrängte Erinnerung – und dem Blick nach vorn: auf neue Methoden, neue Kooperationen, neue Lesarten.
Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere August- und Septemberdoppelausgabe des Newsletters.
Einblicke
Anfang August brach Prof. Dr. Christoph Rass für eine Forschungsreise nach Oregon auf, die ihn für drei Wochen nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland führte. Die Reise war Teil des Teilprojekts A3 des SFB 1604 „Produktion von Migration” und verfolgte eine präzise Forschungsfrage: Was wurde aus der Figur des ›guest worker‹ im Willamette Valley – und wie reagierten die Betroffenen auf diesen aus dem deutschen ›Gastarbeiter‹ importierten Begriff?
Relevant waren unter anderem die PCUN Records der University of Oregon – das Archiv von Pineros y Campesinos Unidos del Noroeste, der Landarbeitergewerkschaft aus Woodburn. Der Bestand entstand durch eine Ordnungsaktion 1999, eine Übernahme von rund 240 laufenden Fuß Material im Jahr 2010 und eine mehrjährige Erschließungsarbeit, die schließlich 2014 zur Öffnung des heute rund 80 laufende Fuß umfassenden Bestands führte. Für ein Projekt zur Produktion von Migrationskategorien war dieser Entstehungsprozess selbst bereits Bestandteil des Befundes. Einzelne Quellen stachen hervor: Beispielsweise ein undatiertes Typoskript aus dem Jahr 1981 zeigte, wie die Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan den neuen Begriff ›guest worker‹ in Anführungszeichen übernahm und ihn unmittelbar mit dem Bracero-Programm der Jahre 1942 bis 1964 gleichsetzte – nicht durch Argumentation, sondern durch Zeichensetzung. Sechzehn Jahre später, 1997, stand dieselbe Gleichung auf Picketing-Signs bei einer Demonstration vor dem Jackson County Justice Building in Medford: „GUEST Worker IS Legalized Slavery” und „NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST”. Die Betroffenen machten den Kategorisierungsversuch der Politik öffentlich sichtbar.
Die Archivreise lieferte damit erste belastbare Befunde für ein größeres Korpus: ›Bracero‹ erschien in 166 Aufnahmen, ›guest worker‹ in 142, ›campesino‹ in 138 – und ›trabajadores huéspedes‹ lediglich in vier. Die Interpretation dieser Verteilung steht noch aus und dürfte weitere Aufschlüsse über die Wege liefern, auf denen eine exportierte Figur auf organisierten Widerstand trifft.
Danach ging die Arbeit im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University in Corvallis weiter. Dort stand der Bestand des Oregon Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der zwischen 1942 und 1947 die Anwerbung von 15.136 mexikanischen Arbeitern im Rahmen des Bracero-Programms organisierte, im Zentrum. Der Bestand umfasst 137 Kubikfuß – rund vierzig laufende Regalmeter – und nennt das Programm darin an keiner Stelle beim Namen. Das war zugleich der Ausgangspunkt und das Ergebnis der Woche: Begriffe wie „bracero”, „Mexican” oder „immigrant” tauchen im Findbuch nicht auf. Wer das Material finden will, muss mit der Sprache der Behörde suchen – mit „farm labor” und seinen Varianten.
Eine wichtige Gesprächspartnerin war Natalia Fernández, Kuratorin der Oregon Multicultural Archives an der OSU. Sie reflektierte offen über die Machtdimension archivarischer Entscheidungen: Wer sammelt, entscheidet über Überlieferung. Die digitale Fotosammlung zu den Braceros in Oregon etwa sei eine künstliche, kuratorisch hergestellte Kollektion – zusammengestellt aus fünf verschiedenen Beständen, deren Bilder ursprünglich Werbematerial für das Programm waren. Was heute am leichtesten sichtbar ist, verdankt sich also zum Teil der Kampagne, die diese Männer ins Land geholt hat.
Den Kontrast lieferte der Vergleich mit den Gewerkschaftsakten der PCUN aus Eugene, die Rass in der Vorwoche gesichtet hatte. Dort standen Begriffe wie „guest worker”, „racist” und „slavery” – und echte Personen, nicht abstrakte Arbeitskräfte. Die unterschiedliche Grammatik der Bestände ist kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache der Migrationsforschung und die Sprache der Verwaltung klaffen auseinander – und genau dieser Abstand ist der eigentliche Gegenstand des Projekts im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1604 in Osnabrück.
Die dritte Woche der Archivreise lieferte gleich drei prägnante Antworten auf die zentrale Forschungsfrage: Wer benennt Arbeitsmigration, mit welchen Begriffen, und welche Konsequenzen hat das? Die Stationen Salem, Woodburn und Portland offenbarten dabei unterschiedliche Perspektiven auf die Produktion von Migrationskategorien – ein Kernthema des Sonderforschungsbereichs 1604 „Produktion von Migration” an der Universität Osnabrück.
Im Staatsarchiv von Oregon in Salem dominierte die Sprache der Verwaltung und des Rechts. In Akten aus dem Büro der Gouverneure Atiyeh und Goldschmidt tauchten Migrantinnen und Migranten – überwiegend Menschen aus Mexiko – konsequent als „temporary alien workers” auf. Besonders aufschlussreich war ein Memo des Rechtsberaters Bob Oliver aus dem Jahr 1982, das im Kontext des gescheiterten Simpson-Mazzoli-Gesetzentwurfs entstand: Die Hauptsorge des Gouverneursbüros galt nicht den Lebens- oder Arbeitsbedingungen der Betroffenen, sondern den fiskalischen Auswirkungen einer möglichen Legalisierung auf den Staatshaushalt. Ein weiterer Befund zeigte, dass die staatliche Arbeitsverwaltung selbst aktenkundig machte, die spanischsprachige Bevölkerung schlicht nicht zu erreichen.
In Woodburn traf Christoph Rass auf Larry Kleinman und Ramón Ramírez, zwei Gründungsmitglieder der Landarbeitergewerkschaft PCUN. Das Gespräch in der Risberg Hall – einem Saal, der nach Kleinmans Großeltern benannt ist – machte deutlich, warum es überhaupt Quellenbestände gibt, in denen Migrantinnen und Migranten selbst zu Wort kommen: Der frühe Mitstreiter Cipriano Ferrel hatte darauf bestanden, dass die Bewegung Geschichte mache und deshalb ein eigenes Archiv brauche.
Die Wochen verdeutlichten damit eindrücklich, dass Migrationskategorien auf mehreren Ebenen gleichzeitig entstehen – in der Verwaltungssprache, in der politischen Interessenabwägung, im zivilgesellschaftlichen Widerstand und in den Communities selbst. Wer diese Schichten zusammenliest, versteht, warum Begriffe wie „guest worker” oder „bracero” nie neutral sind – und warum ihre Geschichte bis in die Gegenwart nachwirkt.
Zurück aus Oregon ging es für Christoph Rass weiter nach Wien: Auf der ICDAR 2026, der zwanzigsten Ausgabe der International Conference on Document Analysis and Recognition, hielt Christoph Rass am 1. September 2026 in Wien die zweite von drei Keynotes. Unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding« trat ein Historiker vor ein Plenum von Informatikerinnen und Informatikern – und stellte nicht historische Befunde in den Mittelpunkt, sondern die Frage, was Dokumentenverständnis im Kern bedeutet, wenn der Gegenstand Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts ist.
Der Beitrag war eingebettet in eine seit 2018 gewachsene Kooperation zwischen der NGHM und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund unter Gernot A. Fink. Ausgangspunkt war die maschinelle Erschließung historischer Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv – darunter die Osnabrücker Gestapo-Registratur mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Was zuvor Jahre erfordert hätte, ließ sich mithilfe von Handschriftenerkennung in Monaten bewältigen. Der Wechsel zu offenen, nicht-proprietären Lösungen war dabei keine technische Präferenz, sondern eine forschungspolitische Notwendigkeit: Historische Daten als kulturelles Erbe dürfen nicht hinter kommerziellen Abonnementschranken verschwinden.
Im Zentrum der Keynote standen drei Aspekte: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in maschinenlesbare Daten mit ihnen geschieht; an welchen drei Orten Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit wirksam werden; und schließlich ein konkreter Vorschlag, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten, behördlich hergestellten Kategorie unterscheiden kann. Letzteres markiert den entscheidenden Unterschied zwischen dem informatischen und dem historischen Kategorienbegriff: Während die Dokumentenanalyse nach einer ground truth fragt, interessiert sich die kritische Geschichtswissenschaft für den Herstellungsvorgang selbst – die Entscheidung, die ein Amt über einen Menschen getroffen und über Jahrzehnte reproduziert hat.
Sebastian Musch an der University of London (Foto: Sebastian Musch)
Sebastian Musch hingegen zog es nach London: Am 17. September hat er dort auf der Tagung Refugee Academics and their Networks, organisiert vom Research Centre for German & Austrian Exile Studies (University of London) und der Gesellschaft für Exilforschung e. V., einen Vortrag zum Thema „The Republic of Reference Letters: Community and Networking among German Refugee Classicists in the U.S.“ gehalten. Bereits 2024 hatte Sebastian Musch an der Harvard University im Rahmen der Veranstaltung „Refugees (Not) Welcome: European Exile Scholars at Harvard in the 1930s and 1940s“ zu dieser Exilbiografie referiert und setzt somit die damals begonnene Beschäftigung mit Werner Jaeger fort.
Auch in Osnabrück selber stand der wissenschaftliche Austausch im Vordergrund mit einer Tagung:
Am 24. und 25. September fand die Abschlusstagung des Projekts „Die ‚Emslandlager‘ als Konfliktlandschaft in Transformation“ statt. Im Mittelpunkt standen die im Projekt erarbeiteten digitalen Angebote sowie die Frage, wie sich die historischen Orte der ehemaligen „Emslandlager“ und ihre Transformation digital dokumentieren und sichtbar machen lassen. In zwei Panels wurden die „Emslandlager“ als Konfliktlandschaft sowie die Möglichkeiten und Herausforderungen von Digitalität und Partizipation diskutiert. Zudem stellte Imke Selle zentrale Ergebnisse ihrer Dissertation vor. Im Mittelpunkt standen dabei die Praktiken von Studierenden, die im Rahmen des Projekts an der digitalen Dokumentation der ehemaligen Lagerstandorte gearbeitet haben.
Bei der Tagung kamen Perspektiven aus Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Gedenkstättenarbeit zusammen. Bei einer öffentlichen Abendveranstaltung wurden die Projektergebnisse bei einem Posterwalk und an Medienstationen präsentiert.
(Fotos: Lennart Blömer und Imke Selle)
Am zweiten Tag führte eine Exkursion zum Erinnerungsort Lager Dalum und zum dortigen Lagerfriedhof. Im Fokus standen neben der Auseinandersetzung mit dem historischen Ort auch praktische Fragen der digitalen Dokumentation. Ein anschließender Workshop widmete sich der Weiterverarbeitung von Digitalisaten zu 360°-Rundgängen. Ein ausführlicher Bericht zur Tagung folgt in Kürze. Das Team dankt ganz besonders der Unterstützung unserer studentischen Mitarbeiter:innen – Gesa Landwehr, Marlene Schurig, Hannah Foth, Johannes Pufahl und Lennart Blömer – für die erfolgreiche Durchführung der Tagung.
Die Tagungsteilnehmer:innen bei der Exkursion (Foto: Johannes Pufahl)
Wo ein Projekt endet, fängt bei Team NGHM stets ein neues an: Ein neues Forschungsprojekt der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück fragt danach, wie Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad wieder verlassen – und wählt dafür einen ebenso konkreten wie aufschlussreichen Ort: das Bourtanger Moor im Emsland. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur bewilligte im August 2026 im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen das Vorhaben »Moorlandschaften als Interventionsräume«, das in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation dieser Landschaft zwischen 1945 und 2025 untersuchen wird. Kooperationspartnerin war das Emsland Moormuseum in Geeste, die Arbeit begann im Oktober 2026.
Dr. Tanja Hasselberg und Prof. Dr. Christoph Rass (Foto: Emsland Moormuseum)
Der historische Ausgangsbefund war so schlicht wie provokant: Was ein Jahrhundert lang als zivilisatorische Erschließung von »Ödland« galt – Entwässerung, Abtorfung, Kultivierung –, gilt heute als Zerstörung einer zentralen Klimaressource. Moore bedecken nur drei bis vier Prozent der globalen Landfläche, binden aber rund ein Drittel des in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Das Bourtanger Moor hatte im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen: zunächst eine Phase massiver Erschließung, die mit dem Emslandplan nach 1950 ihren Höhepunkt erreichte, dann seit den 1970er Jahren eine Gegenbewegung aus Umweltbewegung, Naturschutzpolitik und Klimadebatte. Beide Bewegungen waren staatlich geplant, wissenschaftlich legitimiert – und dennoch historisch erklärungsbedürftig.
Theoretisch kombiniert das Projekt drei Ansätze: das Konzept der »Interventionslandschaft«, das bislang vor allem auf autoritäre Regime angewandt worden war und hier erstmals auf demokratische Planungsprozesse übertragen wird; den Ansatz der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, der die materielle und diskursive Ebene einer Landschaft verschränkt; sowie ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum Entwicklungspfade selbst dann fortbestehen, wenn ihre Voraussetzungen längst entfallen sind. Der Vergleich mit den Niederlanden, wo die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre einsetzte – also gut zwei Jahrzehnte früher als in Deutschland –, bietet dabei eine besonders scharfe analytische Linse.
Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)
Empirisch stützt sich das Projekt auf die rund 18.500 Objekte umfassende Sammlung des Emsland Moormuseums, auf Aktenbestände aus dem Kreisarchiv Emsland, dem Niedersächsischen Landesarchiv und dem niederländischen Drents Archief sowie auf Zeitzeugengespräche. Die Auswertung folgt drei aufeinander bezogenen Wegen: Diskursanalyse, Netzwerk- und Kollektivbiographie sowie GIS-gestützte Flächenrekonstruktion. Auf Seiten des Museums verantwortet Dr. Tanja Hasselberg, seit Juni 2025 Leiterin des Emsland Moormuseums, die Kooperation; im kommenden Wintersemester übernimmt sie zudem einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Universität Osnabrück.
Ob sich aus dem Emsland Bedingungen ableiten lassen, unter denen demokratische Gesellschaften eingeschlagene Wege tatsächlich verlassen – diese Frage reicht weit über die Regionalgeschichte hinaus und macht das Projekt zu einem Vorhaben mit Gegenwartsbedeutung.
History@SFB
Am 28. Juli reisten Christoph Rass, Annika Heyen und Leonie Stoll nach Köln, um dort Podcast-Aufnahmen für die zweite Staffel von »Production Site«, dem Podcast des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, zu machen. Die entstehende Folge trägt den Arbeitstitel »Die Place Changer« und ist in Kooperation mit dem Verein 180 Grad Wende entstanden – einer Initiative, die seit 2012 in den Kölner Stadtteilen Kalk und Mülheim mit jungen Menschen aus marginalisierten Communities arbeitet.
Der Titel der Folge war dabei wörtlich zu nehmen: »Place« bezeichnete sowohl den Ort als auch die gesellschaftliche Stellung, die jemand einnimmt. Wer beides verändert, verändert es meist in einer Bewegung – und genau das war die Leitfrage des Tages. Statt Forschung, die Praxis erklärt, wurde die Praxis gefragt, was sie über Migration weiß, das ein Forschungsverbund nicht weiß.
v.l.n.r.: Leonie Stoll, Matthias Milberg und Samir Abrar beim letzten Mikro-Check vor der Aufnahme an der Kalk-Mühlheimer Straße (Foto: Annika Heyen)
Der Aufnahmetag gliederte sich in zwei Teile. Im ersten Teil ließ sich Leonie Stoll, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt Reflexive Migrationsforschung im Museum, von Alparslan Korkmaz und Samir Abrar durch das Quartier führen. Kalk zeigte sich dabei als Ort voller Gegensätze: ein lebendiger, offener Stadtteil, in dem zugleich rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Armut aufwächst – der höchste Wert aller neun Kölner Stadtbezirke. Ausbildungsplätze und Perspektiven fehlten, Überwachungskameras auf der Hauptstraße erzeugten ein Gefühl der Unsicherheit. Der Verein setzt dem eine bedürfnisorientierte, niedrigschwellige Beratung entgegen, deren Wirkung sich an unscheinbaren Zeichen zeigt: Klientinnen und Klienten empfehlen die Initiative weiter, werden selbst aktiv oder kehren zurück, um Erfolge zu teilen.
Christoph Rass und Mimoun Berrissoun bei der Aufnahme im Studio “Sounds Fresh” (Fotos: Annika Heyen)
Im zweiten Teil sprach Christoph Rass, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Teilprojekt Ihr seid Gastarbeiterkinder leitet, im Kölner Studio Sounds Fresh mit Mimoun Berrissoun, dem Gründer und Geschäftsführer des Vereins. Berrissoun benannte dabei einen strukturellen Widerspruch: Die Beziehungsarbeit des Vereins brauche Dauer und Vertrauen, das über Jahre an einem Ort entsteht – doch die Finanzierung erfolgt über befristete Fördermittel, die immer wieder neu beantragt werden müssen. Ein Umdenken im Fördersystem, so Berrissoun, sei Voraussetzung für wirksameres Arbeiten.
Für den Aufnahmetag sorgten Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik für den Ton sowie Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS der Universität Osnabrück für die filmische Dokumentation, die in einen Kurzfilm über das Transferprojekt einfließen soll. Die fertige Folge ist für die zweite Staffel von »Production Site« geplant und verspricht, den Begriff ›Migration‹ selbst in Frage zu stellen – eine Einladung, die erste Staffel schon jetzt zu entdecken.
Am 18. September lud die Professur für Chemiedidaktik interessierte Osnabrücker:innen zur Experimentiermeile 2026 auf den Ledenhof ein. Neben zahlreichen Projekten aus den Naturwissenschaften waren auch das am IMIS angesiedelte Projekt “FuturMig – Wissenschaftsraum ‘Zukünfte der Migration’” und das Transferprojekt des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” vertreten und gewährten den Besucher:innen Einblicke in die Arbeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer.
Das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” – also Annika Heyen, Tim Ott und Johannes Pufahl – hatte seine VR-Brillen im Gepäck und ließ die Besucher:innen der Experimentiermeile an seinem Experiment “Changing Places” teilhaben. In diesem bekommen Proband:innen digitale Versionen des Osnabrücker Friedenssaals in Virtual Reality zu sehen. Das Experiment geht der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung und das Identifikationspotenzial von historisch aufgeladenen Orten verändern, wenn sie anders aussehen als gewöhnlich.
Team Transferprojekt bei der Arbeit (Fotos: Jessica Wehner)
Am 23. September war das Team Transferprojekt gemeinsam mit dem Stadtteillabor in der Hustadt (Bochum) unter der Leitung von Christiane Falge zu Gast bei DOMiD in Köln. Im Rahmen des “Exhibition Building”-Workshops des Transferprojekts setzten sich die Teilnehmer:innen mit Themen der Ausstellungsgestaltung, der Sammlung von Objekten und dem Bilden von Narrativen bei der Erzählung von Geschichte und Gegenwart auseinander. Außerdem digitalisierten sie selbst mitgebrachte sowie aus den Beständen von DOMiD zur Verfügung gestellte Objekte und tauschten sich über die Geschichte(n) hinter den Gegenständen aus. Am Ende des Tages hatte die Gruppe angeleitet von Bebero Lehmann von DOMiD, den Studentischen Hilfskräften Johannes Pufahl, Denise Klaus und Jakob von den Driesch sowie Annika Heyen ein Konzept für eine neue VR-Anwendung erarbeitet, in deren Zentrum die Arbeit des Stadtteillabors sowie des Stadtteilgesundheitszentrums in der Hustadt steht. Mit dabei waren außerdem Timos Zdoupas vom VirtUOS, der den Tag filmisch festhielt, sowie Jens Schneider vom ReflexLab des SFB 1604, der das Geschehen beobachtete und auf diese Weise qualitative Daten für die Projektauswertung produzierte.
Links: Die Teilnehmerinnen des “Exhibition Building”-Workshops mit den mitgereisten SFB-Kolleg:innen und Bebero Lehmann vor dem Bezirksrathaus in Köln-Ehrenfeld, in dessen oberstem Stockwerk DOMiD seine Räumlichkeiten hat (Foto: Timos Zdoupas); rechts: Bei der Führung durch die DOMiD-Räumlichkeiten warfen die Workshopteilnehmerinnen mit Bebero Lehmann einen Blick in die verschiedenen Magazinräume (Foto: Annika Heyen)
Der Beitrag stellte eine grundlegende methodische Frage in den Mittelpunkt: Wie weit kann sich eine Forscherin von etablierten Narrativen der Holocaustforschung entfernen, ohne in eine Gegengeschichte abzugleiten? Heyen argumentierte, dass der Wechsel der analytischen Linsе – weg von der Frage „Warum wurden die Juden nicht gerettet?” hin zu „Wie haben Staaten Mobilität unter Kriegsbedingungen reguliert und kontrolliert?” – den Blick auf ein breiteres Akteursfeld und längerfristige institutionelle Entwicklungen freigebe.
Neben den Publikationen auf dem Blog, gab es auch neue Bücher auf dem Schreibtisch:
Der dritte Band der Reihe „Konfliktlandschaften” war erschienen – und er stellte eine grundlegende Frage: Wie wird aus Gewalt Geschichte? Herausgegeben von Christoph Rass und verantwortet von der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften, nahm »Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur« nicht die militärischen Operationen von 1944/45 selbst zum Gegenstand, sondern die nachträgliche Konstruktion der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ als Erzählung. Denn unter diesem Namen hatte niemand gekämpft – er entstand erst im Nachhinein, fügte eine Serie militärischer Einzeloperationen zu einem kohärenten Großereignis zusammen und lud einen Ort emotional auf, der seither als ›Verdun der Eifel‹ vermarktet wird.
Mit vierzehn Beiträgen in drei thematischen Teilen versammelte der Band ein breites Spektrum an Perspektiven. Der erste Teil widmete sich der Musealisierung von Krieg und Gewalt, der zweite der Ereignisgeschichte und Erinnerungspolitik rund um den Hürtgenwald, der dritte gab regionalen Akteuren eine Stimme, die sich vor Ort seit Jahren gegen revisionistische Narrative stemmen. Diese editorische Entscheidung veränderte den Charakter des Bandes: Aus externer akademischer Kritik wurde ein Dialog, der lokale Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutung ernst nahm und sichtbar machte.
Der Band markierte zugleich den Abschluss eines Forschungsprojekts und den Auftakt zu Neuem: Die Reihe wird mit Bänden zu den Emslandlagern und zu Moorlandschaften als Interventionsräumen fortgesetzt, an denen Imke Sofie Selle maßgeblich beteiligt ist. Wer verstehen möchte, unter welchen Bedingungen eine Gesellschaft ein über Jahrzehnte verfestigtes Geschichtsbild zu revidieren vermag – und wie schwer ihr das fällt –, findet in diesem Band eine unbequeme, aber erhellende Antwort.
Außerdem ist der von Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm herausgegebene Sammelband The Holocaust and Varieties of Migration bei De Gruyter erschienen und hier im Open Access zugänglich. Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die 2023 an der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See stattfand. Neben Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm sind Zofia Trebacz, Susanne Heim, Wendy Lower, Ayelet Eva Herbst, Hana G. Green, Edith Raim, Iris Helbing, Annika Heyen, Peter Gatrell und Tony Kushner mit Beiträgen vertreten. In ihrer Einleitung „Introduction: Forced Migration and Flight Before, During, and After the Holocaust“ fragen Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm, wie verschiedene Formen von Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung, Internierung und Nachkriegsmigration während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust nicht bloß Folgen der Gewalt waren, sondern in vielfältiger Weise zu deren Vorbereitung, Organisation und Durchführung gehörten. Von NGHM ist neben dem Mitherausgeber Sebastian Musch auch Annika Heyen mit ihrem Beitrag „‘Conceived Reluctantly, Brought to Birth Grudgingly, Straitjacked from Birth.’ The Bermuda Conference, the World Jewish Congress, and the Emergence of the Postwar Migration Regime“ in dem Band vertreten.
Für H-Soz-Kult hat Sebastian Musch das Buch Between Borders. The Great Jewish Migration from Eastern Europe von Tobias Brinkmann rezensiert. „Ein neues Standardwerk“, so sein Fazit.
Im Rahmen des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” können Interessierte am 7. Oktober, 21. Oktober und 28. Oktober jeweils von 12 bis 18 Uhr im Studierendenzentrum (StudZ) am VR-Experiment “Changing Places” teilnehmen, in dem es um die Wahrnehmung historischer und historisch aufgeladener Orte geht, an denen Details verändert wurden. Eine Terminbuchung ist hier möglich.
Der Wissenschaftsblog der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück