„Profound, necessary, and a delight to read“: Mit diesem Urteil hat Toni Morrison The Warmth of Other Suns von Isabel Wilkerson begrüßt, den fünfzehnten Titel der NGHM-Leseliste und ein Buch, das im Themenfeld ›Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung‹ ebenso zu Hause ist wie in der historischen Migrationsforschung. Wilkerson erzählt die Great Migration der Jahre zwischen 1915 und 1970 nicht als Wirtschaftsgeschichte, sondern als kollektiven Akt der Selbstbefreiung.
Isabel Wilkerson, geboren 1961, ist Tochter von Eltern, die selbst in der Great Migration nach Washington, D. C. gekommen waren. Sie war die erste Schwarze Frau, die den Pulitzer-Preis im Journalismus erhielt, 1994 als Chicago Bureau Chief der New York Times. Aus dieser doppelten Position (familiäre Zeugenschaft und journalistische Präzision) schreibt sie über eine Bewegung, die rund sechs Millionen Menschen umfasste und die amerikanische Nachkriegsgesellschaft neu ordnete. The Warmth of Other Suns ist das Ergebnis von fünfzehn Jahren Recherche, Interviews mit mehr als zwölfhundert Migrant:innen und einer Entscheidung: nicht die Statistiken zu erzählen, sondern die Menschen.

Drei von ihnen tragen das Buch. Ida Mae Brandon Gladney verlässt Mississippi im Spätherbst 1937, George Swanson Starling besteigt am 14. April 1945 in Eustis, Florida, den Silver Meteor nach New York, Robert Joseph Pershing Foster fährt am Ostermontag 1953 die lange Strecke von Monroe, Louisiana, nach Los Angeles. Wilkerson folgt ihren Biografien von der Kindheit im Süden bis zum Lebensende in den Ankunftsstädten. Sie verschränkt diese Einzelschicksale mit einer breiteren historischen und statistischen Kontextualisierung, aber das Gewicht bleibt bei den Menschen.
Genau darin liegt die argumentative Pointe. Die Great Migration war lange als Reaktion gelesen worden: auf die Mechanisierung der Baumwollernte, auf die Nachfrage der Kriegsindustrie nach Arbeitskräften, also im Wesentlichen auf ökonomische Push- und Pull-Faktoren. Wilkerson kehrt die Blickrichtung um. Sie fragt nicht, was die Menschen bewegt hat, sondern was sie bewegt haben. Ihre Protagonist:innen sind keine ökonomischen Reaktionsgrößen, sondern Akteur:innen, die eine Entscheidung getroffen haben — unter Bedingungen des Jim-Crow-Regimes, das Wilkerson mit Genauigkeit in seiner rassistischen Menschenverachtung rekonstruiert. Zugleich zeigt sie, dass diese Entscheidung nicht am Bahnhof im Norden endete. Die zweite Hälfte des Buches folgt den drei Protagonist:innen durch Chicago, Harlem und Los Angeles, durch Enttäuschungen, kleine Aufstiege, familiäre Brüche.
Die Rezeption des Buches fiel außergewöhnlich aus. The Warmth of Other Suns gewann den National Book Critics Circle Award; Tom Brokaw nannte es „an epic for all Americans who want to understand the making of our modern nation“; David Levering Lewis, Jon Meacham, Gay Talese und Cornel West lobten das Werk überschwänglich. David Oshinsky attestierte dem Buch in der New York Times Book Review einen Sonderstatus: „[a] narrative epic rigorous enough to impress all but the crankiest of scholars, yet so immensely readable as to land the author a future place on Oprah’s couch.“ 2024 platzierte die Zeitung das Buch in ihrer Bilanz der ersten fünfundzwanzig Jahre dieses Jahrhunderts auf Rang zwei und damit als bestplatziertes Sachbuch der Liste.

Die Einwände stehen in derselben Rezension, die dem Buch den Sonderstatus attestiert. Oshinsky räumt ein, Historikerinnen und Historiker könnten Wilkersons Zugang in Frage stellen, weil sie „the migrants’ personal feelings over structural influences like the coming of the mechanical cotton picker“ bevorzuge. Er entkräftet den Einwand im selben Zug: Wilkerson kenne die Push- und Pull-Faktoren genau, sie habe sich lediglich für einen anderen Umgang mit ihnen entschieden. Schwerer wiegt, was Oshinsky ihr selbst vorhält, nämlich dass sie Nicholas Lemanns The Promised Land von 1991 übergeht, jene ungleich düsterere Bilanz der Migration nach Chicago, und dass sie zur nachfolgenden Generation wenig mehr beiträgt als eine freundliche Aufzählung von Politiker:innen, Sportler:innen und Musiker:innen. Der methodische Einwand ist ernst zu nehmen. Er ist zugleich das Spiegelbild dessen, was Wilkerson erreicht hat: eine Geschichte, die die Handlungsmacht ihrer Subjekte nicht in Strukturbedingungen auflöst.
Damit rückt The Warmth of Other Suns in die Nähe einer Frage, die im SFB 1604 „Produktion von Migration“ zentral ist: Wer produziert Migration? Und wie verhält sich diese Produktion zum Handeln der Migrant:innen selbst? Wilkerson gibt darauf eine dezidierte Antwort: Ihre Protagonist:innen sind nicht das Produkt eines Regimes, sondern diejenigen, die es unterlaufen und gar verändern. Diese Frage wird in einigen Wochen aus einer anderen Perspektive wiederkehren, wenn auf dieser Liste Gérard Noiriels The French Melting Pot besprochen wird, ein Text, der stärker auf die staatliche Herstellung von Migrationskategorien blickt.
Zwischen beiden Zugängen liegt eine methodische Differenz, die die Migrationsforschung bis heute strukturiert. Wilkerson zeigt, was eine narrative Geschichtsschreibung leisten kann, wenn sie die Aufmerksamkeit nicht auf Aggregate lenkt, sondern auf Einzelne — und was sie dabei riskiert. Ihr Buch hat die öffentliche Wahrnehmung der Great Migration als eigenständiges historisches Phänomen geprägt und wird bis heute im Schulunterricht und an Universitäten als Einstiegstext breit gelesen.
Ob sich die Migration für die drei Protagonist:innen gelohnt hat, bilanziert Wilkerson am Ende explizit. Sie beantwortet die Frage aber nicht mit einer These, sondern mit drei Lebensläufen. Das Nachdenken über diese Antwort beginnt, wo unser gemeinsames Lesen eines solchen Buches beginnt.
Osnabrücker Studierende finden Wilkersons The Warmth of Other Suns in der Universitätsbibliothek, Standort ‘Alte Münze’ im Bestand B-IMIS unter der Signatur D5-4b10 4779-194 5 (OPAC), dort in der Vintage-Ausgabe von 2011.
Isabel Wilkerson, The Warmth of Other Suns: The Epic Story of America’s Great Migration, New York: Random House 2010.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.