NGHM forscht | Vom »Ödland« zum Klimaschützer: Neues Kooperationsprojekt mit dem Emsland Moormuseum bewilligt.

Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.

Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)

Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.

Transformationen einer Landschaft

Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.

Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)

Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.

Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.

Steuerung, Aushandlung, Beharrung

Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.

Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)

Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.

Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.

Akten, Netzwerke, Karten

Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)

Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.

Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.

Nach der Sammlung Richard

Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.

Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.

Projektstart im Oktober 2026

Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.

Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)

Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.

Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.

Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)

Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.