Ein Einführungswerk, das seine eigene Disziplin erzählt, statt sie zu ordnen: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft von Stephan Jordan, hier als vierzehnter Titel unserer Serie besprochen, eröffnet die NGHM-Leseliste und steht dort an der Spitze des Themenfelds Geschichtstheorie und Historiographie. Der Band liegt seit 2021 in fünfter, aktualisierter Auflage vor; ein Buch, dessen Aufbau sich als geglückter didaktischer Kunstgriff erweist.
Auffällig ist zuerst die Kontinuität. Zwischen der ersten und der fünften Auflage liegen zwölf Jahre, in denen die Disziplin erheblich in Bewegung geraten ist, von postkolonialen Perspektiven über digitale Methoden bis hin zu Debatten um Materialität, Umwelt und Gewalt. Der Rahmen des Buches kann diese Bewegung umfassen, ohne dass sein Grundriss dafür verändert werden muss. Dieser Befund verweist auf ein gelungenes Einführungswerk, dessen Anlagen die Aktualisierungen aufnehmen konnte, die ihm vier Neuauflagen zugemutet haben.
Stefan Jordan war bereits zum Zeitpunkt der ersten Auflage ein ausgewiesener Kenner des Feldes. Er hatte 2002 das Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe herausgegeben und 2005 die Einführung in das Geschichtsstudium vorgelegt, beide bei Reclam. Beide Bücher entstanden an der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, an der Jordan seit 1999 arbeitet und der Redaktion der Neuen Deutschen Biographie angehört, die er seit 2024 als Chefredakteur von NDB-online leitet. Lexikographische Arbeit, die einen Sachverhalt oder ein Leben auf den Umfang eines Artikels bringt, verlangt dieselbe Fähigkeit, die auch das Erarbeiten eines Einführungswerks braucht, nämlich eine Verdichtung, die auf Vollständigkeit verzichtet und dabei genau bleibt. Autorschaft und Arbeitszusammenhang lassen sich hier deshalb eng aufeinander beziehen.
Das Programm des Bandes ist klar umrissen. Die theoretischen Wissensbestände des Fachs werden, wie Benjamin Steiner in seiner Besprechung der Erstauflage festhält, in vielen Einführungen stillschweigend vorausgesetzt, während Jordan diesem Mangel an Reflexion über die Grundlagen des eigenen Fachs entgegentritt und Studienanfänger:innen an die Theorie- und Methodendiskussion heranführt. Die Anlage ist dabei historiographisch, nicht systematisch. Theorien und Methoden erscheinen als Geschichte der Auseinandersetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind.
Nach einleitenden Kapiteln zu Funktion und Definition von Geschichte sowie zum Umgang mit ihr datiert Jordan den „Beginn der modernen Geschichtswissenschaft“ ins 19. Jahrhundert, dessen Wurzeln er im Verwissenschaftlichungs- und Verfachlichungsprozess des 18. Jahrhunderts verortet. Es folgen der Historismus mit seiner disziplinären Matrix und der Historische Materialismus, deren Streit Jordan als „zweite Sattelzeit“ (ca. 1870–1920) fasst, danach die Schule der Annales und die Volksgeschichte, bevor die beiden letzten großen Kapitel um die befragten Einschnitte von 1945 und von 1989/90 herum gebaut werden und von der Sozial- und Strukturgeschichte über Alltagsgeschichte und Mikrohistorie bis zur Mentalitätengeschichte und zur Neuen Kulturgeschichte führen, in der Jordan die Diskursgeschichte verortet. Max Weber ist der einzige Theoretiker, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Er erscheint bei Jordan als Schlüsselfigur, weil er nach der Lesart des sozialhistorischen Neuanfangs der 1960er Jahre den Konflikt zwischen historistischer und materialistischer Geschichtsschreibung „löste“ und seines fachübergreifenden Interesses wegen „zum personifizierten Inbegriff der Historischen Sozialwissenschaften“ wurde, „die die disziplinäre Enge überwinden wollten“.
Das Schlusskapitel, überschrieben „Alles fließt – Warum Geschichtswissenschaft Demokratie benötigt und bedingt“, stellt den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit der Einzelnen, der offenen Diskussion innerhalb des Fachs und mit der Gesellschaft heraus. Seine Überschrift behauptet ein Wechselverhältnis, in dem die Geschichtswissenschaft demokratische Verhältnisse ebenso voraussetzt, wie sie zu ihnen beiträgt. Begleitet wird der Text von über dreißig grafisch hervorgehobenen Definitionsboxen, für die das Buch ein eigenes Verzeichnis führt und in denen Begriffe wie Sattelzeit, Historismus oder Oral History erklärt werden, während kapitelweise Literaturhinweise die weiterführende Literatur erschließen. Der Band lässt sich deshalb ebenso gut aufschlagen wie linear lesen.

Die Rezeption der Erstauflage fiel überwiegend positiv aus und würdigte insbesondere die didaktische Anlage. Dirk Fleischer nannte die Darstellung in der Theologischen Literaturzeitung klar, eingängig und didaktisch vorbildlich, Winfried Schulze bezeichnete den Band in H-Soz-Kult als „insgesamt klug angelegt und kenntnisreich geschrieben“. Benjamin Steiner indes formulierte in den sehepunkten einen Vorbehalt, der bis heute Bestand hat: Die synthetische Klarheit, mit der Jordan im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Linien der Kontinuität verbinde und die Brüche der Tradition im Zusammenhang vermittle, gerate bei der Darstellung der Geschichtswissenschaft in der „Postmoderne“ zur bloßen Aneinanderreihung. Schulze kam unabhängig davon zum selben Ergebnis, vermisste in diesem Kapitel „den kritisch-einordnenden Blick“ und hätte sich „eine stärkere Systematisierung und historische Verortung gewünscht“. Dass zwei Rezensenten dieselbe Stelle treffen, macht aus dem Einzelurteil einen Befund, der auf ein strukturelles Problem historiographischer Einführungen verweist, denn je näher die Darstellung an die Gegenwart rückt, desto schwerer fällt die kanonische Verdichtung, solange noch offen ist, was Kanon wird.
Was Jordan gegen Ende des Buches formuliert, verdient dennoch Aufmerksamkeit. Sein ethisches Verständnis von Geschichte findet seinen Ausdruck in einer „dreifachen Verantwortung des Historikers“, und zwar „gegenüber den Fachinhalten, gegenüber den Vertretern und Institutionen der eigenen Wissenschaft und gegenüber einer Öffentlichkeit, deren Bildung und Wohl der ganze Einsatz gilt“; Steiner hat dieses Bekenntnis das immer wiederkehrende Muster von Jordans Ausführungen genannt. Die Trias benennt präzise, was in theoretischen Einführungen leicht in den Hintergrund gerät: dass die Geschichtswissenschaft immer auch eine öffentliche Praxis ist. Weil in der NGHM-Leseliste Carrs Frage danach, was Geschichte sei, unmittelbar neben Jordan steht, lassen sich beide nebeneinander lesen, die Frage und eine institutionelle Antwort darauf.
Der bleibende Beitrag des Bandes liegt weniger in einer einzelnen These als in seiner Form. Historiographische Chronologie, Definitionsboxen und kapitelweise Literaturhinweise haben sich über fünf Auflagen hinweg als tragfähig erwiesen. Wer eine Disziplin einführen will, kann ihre Begriffe ordnen oder ihre Geschichte erzählen. Jordan hat sich für das Erzählen entschieden. Die Selbsthistorisierung der Geschichtswissenschaft ist dabei selbst ein methodischer Zugriff, der Studierenden ihr Fach als gewachsene und kontingente Praxis zeigt, deren nächste Wendung in diesem Buch noch nicht stehen kann.
Osnabrücker Studierende können Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft als Online-Ressource über die UB Osnabrück im OPAC abrufen.
Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (Orientierung Geschichte, UTB 3104), Stuttgart: UTB / Paderborn: Brill Schöningh, 5. aktualisierte Auflage 2021, 230 S. Die Erstauflage erschien 2009 bei Schöningh mit 228 S.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.