Am 18. September lud die Professur für Chemiedidaktik interessierte Osnabrücker:innen zur Experimentiermeile 2026 auf den Ledenhof ein. Neben zahlreichen Projekten aus den Naturwissenschaften waren auch das am IMIS angesiedelte Projekt “FuturMig – Wissenschaftsraum ‘Zukünfte der Migration'” und das Transferprojekt des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” vertreten und gewährten den Besucherinnen und Besuchern Einblicke in die Arbeit geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer.
Foto: Johannes Pufahl.
Mehr als 40 Stände reihten sich am 18. September auf dem Ledenhof aneinander, betreut von Experimentierfreudigen aus Kindertagesstätten und Schulen über die Universität bis hin zu Osnabrücker Unternehmen. Unter dem Motto “Getragen von der ganzen Stadt” zeigten die Aktiven Experimente für alle Altersgruppen und ließen die Besucher:innen auch selbst Hand anlegen.
FuturMig präsentierte unter dem Titel “OUT of the Box” die Lebensgeschichten von fünf Personen. Anhand von Gegenständen, die Umbruch, Halt und Zukunft symbolisieren, diskutierten Vera Hanewinkel, Feline Engling Cardoso und Philipp Schäfer mit den Besucher:innen darüber, was ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Lebensgeschichten verbindet, und wie eine gerechte Zukunft für alle aussehen könnte. Auf einer gemeinsamen Pinnwand konnten die Besucher:innen ihre konkreten Forderungen und Visionen miteinander teilen.
Links: Annika Heyen im Gespräch mit SFB 1604-Kollegin Helen Schwenken. Rechts: Tim Ott mit Lukas Hennies beim VR-Experiment (Fotos: Jessica Wehner).
Das Transferprojekt “Reflexive Migrationsforschung im Museum” hatte seine VR-Brillen im Gepäck und ließ die Besucher:innen der Experimentiermeile an seinem Experiment “Changing Places” teilhaben. In diesem bekommen Proband:innen digitale Versionen des Osnabrücker Friedenssaals in Virtual Reality zu sehen. Das Experiment geht der Frage nach, wie sich die Wahrnehmung und das Identifikationspotenzial von historisch aufgeladenen Orten verändern, wenn sie anders aussehen als gewöhnlich.
Weitere Möglichkeiten zur Teilnahme am VR-Experiment bieten sich jeweils mittwochs am 7. Oktober, 21. Oktober und 28. Oktober von 12 bis 18 Uhr im Foyer des Studierendenzentrums (StudZ) auf dem Campus Innenstadt. Eine Terminbuchung ist hier möglich.
Einladungsflyer zum VR-Experiment “Changing Places” am 7.10., 21.10. und 28.10., jeweils von 12 bis 18 Uhr (Grafik: Annika Heyen).
Lässt sich die Geschichte des ›Dritten Reiches‹ auf gut 120 Seiten erzählen, ohne sie zu verkürzen? Ulrich Herbert nennt das Vorhaben im Vorwort seines 2016 bei C.H. Beck erschienenen Bandes selbst „ein Wagnis“. Mit diesem Titel aus dem Themenfeld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung setzt die Reihe NGHM liest ihre Vorstellung der NGHM-Leseliste fort. Der Band zeigt, was eine Überblicksdarstellung leisten kann, wenn ein Historiker sie schreibt, der das Feld über Jahrzehnte mitgeprägt hat.
Als der Band erscheint, blickt Herbert auf ein langes Forscherleben zurück. 1951 in Düsseldorf geboren, promovierte er 1985 an der Universität Essen bei Lutz Niethammer über den ›Fremdarbeiter‹-Einsatz in der Kriegswirtschaft des NS-Staates. Von 1992 bis 1995 leitete er die Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Danach hatte er bis 2019 den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg inne. 2014 legte er seine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert vor, die im selben Jahr den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt. Auf dieses Werk stützt sich der schmale Band nach Herberts eigenem Hinweis „in vielen Teilen“, auch wenn er „zum Teil andere Akzente und Schwerpunkte“ setzt.
Aus dieser Genese erklärt sich der Zugriff. Wer über Zwangsarbeit geforscht, mit der Biographie Werner Bests (1996) die Weltanschauungselite des Reichssicherheitshauptamts ausgeleuchtet und zuletzt ein Panorama des gesamten Jahrhunderts geschrieben hat, verdichtet in einem solchen Band das eigene Wissen zur analytischen Skizze. Herbert begründet diese Form mit dem Stand der Forschung, deren Ergebnisse ein „außerordentlich vielfältiges und kompliziertes Gesamtbild“ ergäben, das sich von der früher üblichen Reduzierung auf wenige Personen und zentrale Ereignisse deutlich unterscheide. Robert Probst hob in der Süddeutschen Zeitung entsprechend hervor, dass Herbert auf Personalisierung und auf den Lesefluss unterbrechende Zitate verzichtet.
Auch die Proportionen des Bandes folgen einer inhaltlichen Entscheidung. Weil nur die Jahre von 1933 bis 1939 spezifisch deutsche Geschichte seien, die Kriegsjahre dagegen „Teil der europäischen und Weltgeschichte“, nimmt die Zeit bis 1939 lediglich etwa zwei Fünftel der Darstellung ein. Ein erster Teil verfolgt die langfristigen Voraussetzungen vom Kaiserreich über die Nachkriegsjahre bis zur Rechten in Weimar, bevor der zweite von der ›Machtergreifung‹ über Verfolgung, Wirtschaft und Gesellschaft, Expansion und Novemberpogrome zum Kriegskurs führt. Den Schwerpunkt bildet der dritte Teil. Seine Kapitel reichen von der „Explosion der Gewalt“ über „Barbarossa“, „Vernichtungspolitik“ und „Krieg und Besatzung“ bis zur „Volksgemeinschaft im Krieg“ und zum Widerstand.
Das Programm fasst Herbert in eine präzise Wendung: Es gehe darum, „Zusammenhänge zu erläutern und Bezüge zu erklären, um die Geschichte des Dritten Reiches nicht in unverbundene Einzelheiten aufzulösen“. Damit reagiert er auf ein Thema, das unter der Materialfülle der Forschung leicht in Detailinseln zerfällt, und antwortet mit Auswahl nach Zusammenhang. Den Preis benennt er selbst. Die Darstellung komme „fast ganz ohne Berücksichtigung der Forschungsentwicklung und Forschungskontroversen“ aus, die an anderer Stelle ausführlich dargelegt seien, weshalb nur die Zitate nachgewiesen werden. Wer die Debatten des Feldes sucht, wird deshalb zu den Einzelstudien in unserer Leseliste greifen müssen.
Die Erstrezeption hat diese Entscheidung überwiegend anerkannt. Gregor Schöllgen sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem „großen Wurf auf kleinem Raum“, Matthias Arning empfahl den Band in der Frankfurter Rundschau als „Standard-Lektüre“. Probst, nach eigenem Bekunden zunächst skeptisch, bescheinigte Herbert Präzision und betonte, hier liege keine bloße Einführung ins Thema vor. Als Schwerpunkt seiner Darstellung stelle Herbert die Beziehung zwischen dem deutschen Volk und der NS-Führung in den Vordergrund.
Von diesem Schwerpunkt her gelesen, verschiebt der Verzicht auf die Kontroversen das Gewicht auf eine Frage, die Herberts Arbeit seit Jahrzehnten begleitet. Das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Regime erscheint weniger als moralische Frage nach Schuld denn als analytische Frage nach Bindungskräften, nach Zustimmung, Duldung und Mitwirkung sowie nach deren Grenzen. Hinter der scheinbar neutralen Chronologie steht damit eine These über die soziale Reichweite einer Diktatur.
Das Vorwort verweist zudem auf die Herkunft des Bandes aus Lehre und Gespräch. Herbert dankt Sybille Steinbacher und Susanne Heim für kritische Lektüre. Die knappe Skizze sei vor allem das Ergebnis von Diskussionen mit Studierenden, Doktoranden sowie Kolleginnen und Kollegen, in denen man sich „mit immer neuen, herausfordernden Fragen“ konfrontiert gesehen habe.
Zu finden in der UB Osnabrück unter der Signatur LQP 6259-645 5.
Seinen Platz auf der Leseliste hat der Band als Gerüst, das die Einzelstudien des Themenfeldes in einen Zusammenhang stellt. Ein Gegenstück bietet Ian Kershaws Hitler, das in wenigen Wochen in dieser Reihe vorgestellt wird. Kershaw bindet die Person des Diktators an die Struktur charismatischer Herrschaft, während Herbert die Personalisierung zurücknimmt. Nebeneinander gelesen, erhellen beide Zugänge ein Herrschaftssystem, das sich weder auf seinen ›Führer‹ noch auf seine Strukturen reduzieren lässt.
Kürze wird bei Herbert zur Bedingung für einen Zugriff, der die Zusammenhänge sichtbar macht, weil er Einzelheiten weglassen muss. Dazu passt, dass er das eigene Buch ausdrücklich nur als „Zwischenergebnis“ versteht, denn entgegen der verbreiteten Überzeugung, das ›Dritte Reich‹ sei erforscht oder gar „aufgearbeitet“, stehe die Forschung in vielen Punkten „erst am Anfang“.
Osnabrücker Studierende können Das Dritte Reich als Online-Ressource oder als Präsenzbuch über die UB Osnabrück abrufen (OPAC).
Ulrich Herbert, Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur, München: C.H. Beck 2016 (C.H. Beck Wissen).
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Am Donnerstag, dem 1. Oktober 2026, findet um 18:00 Uhr im Vortragssaal der vhs|os in der Bergstraße 8 in Osnabrück das Podiumsgespräch »Leerstellen der Erinnerungskultur. Zwischen Gedenken und Verdrängung« statt. Die Volkshochschule Osnabrück veranstaltet es gemeinsam mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti, der Kunsthalle Osnabrück und dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Das Gespräch gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung »Aus Niedersachsen nach Auschwitz«, zu Gast sind Mario Franz und Kutlu Yurtseven.
Mario Franz ist Präsident des Niedersächsischen Verbands Deutscher Sinti und Geschäftsführer der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma. Er gehört dem Beirat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten an und hat das Konzept der Z-Projektion entwickelt, ein Analyseinstrument, mit dem sich die Mechanismen antiziganistischer Diskriminierung erfassen lassen. Als Komponist hat er das Stück »Unku« für Erna Lauenburger geschrieben, die 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.
Nachdem er 2007 Kontakt zur Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano aufgenommen hatte, gab die Gruppe mit ihr in 13 Jahren mehr als 900 Konzerte. Seit 2021 setzt Microphone Mafia diese Arbeit gemeinsam mit Esther Bejaranos Sohn Joram Bejarano fort. Kutlu Yurtseven engagiert sich zudem bei Herkesin Meydanı (Platz für alle), einer Initiative, die sich für einen Erinnerungsort an den Nagelbombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße vom 9. Juni 2004 einsetzt.
Moderiert von Christoph Rass folgt der Abend einer Überlegung des Anthropologen und Historikers Michel-Rolph Trouillot. In »Silencing the Past« (1995) hat er gezeigt, dass Geschichte nicht nur aus dem besteht, was geschehen ist, sondern auch aus dem, was davon aufgeschrieben, aufbewahrt und erzählt wird, und dass dazwischen Entscheidungen liegen, die Menschen mit unterschiedlicher Macht treffen. Geschichgte als Stille wird nach seiner Analyse an vier Stellen produziert: wenn Quellen entstehen, wenn Archive aufgebaut werden, wenn aus dem Archiv Erzählungen werden und wenn diesen Erzählungen später Bedeutung zugemessen wird. Als Beispiel dient ihm die Haitianische Revolution, die für die europäischen Zeitgenossen undenkbar war und deshalb lange kaum erzählt wurde.
Vor diesem Hintergrund fragt das Gespräch nach dem Genozid an Sinti und Roma sowie nach rassistischer Gewalt nach 1945, zwei Themen, die je ihre eigene Geschichte haben und zugleich Ähnlichkeiten aufweisen. Es geht darum, wer, wann, wie und warum an den vier Stellen entschieden hat und was sich an den Folgen dieser Entscheidungen für eine inklusive Erinnerungskultur ändern lässt. Die Leitfrage lautet, was die Erinnerung derjenigen in einer Gesellschaft wert ist, die nicht zu den privilegierten Akteuren der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur zählen.
Wir bewegen uns im Gespräch durch drei Felder. Im ersten fragen wir, welche Erinnerung an den Genozid an Sinti und Roma und an rassistische Gewalt nach 1945 im öffentlichen Raum sichtbar ist, welche fehlt und wer an ihrer Gestaltung beteiligt wird. Im zweiten diskutiert das Podium, wessen Wissen als Quelle zählt, wer über Archive und den Zugang zu ihnen entscheidet und welche Medien und Ausdrucksformen, vom Denkmal über den Straßennamen bis zu Musik, Kunst und digitalen Formen, als Erinnerung anerkannt werden. Im dritten betrachten wir das Verhältnis von Institutionen und Arbeit an der Basis und fragen, welche Ressourcen, welche geteilte Entscheidungsmacht und welche Bedingungen für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit gegeben sein müssen. Als Maßstab gilt dabei der Satz »Nothing about us without«.
Die Gäste auf dem Podium diskutieren etwa 60 Minuten. Danach sind die Zuhörer:innen im Saal für weitere 20 Minuten zu Fragen und Beiträgen eingeladen.
Mario Franz (Niedersächsischer Verband Deutscher Sinti), Kutlu Yurtseven (Microphone Mafia, Herkesin Meydanı)
Moderation
Christoph Rass (IMIS)
Veranstalter
Volkshochschule Osnabrück, mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti, der Kunsthalle Osnabrück und dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück
Kursnummer
26B7820
Eintritt und Anmeldung
[frei]
Auskunft
Dr. Tobias Pischel de Ascensão, Telefon 0541 323-21 97; Leon Nicolaysen, Telefon 0541 323-41 73
Gerade ist der von Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm herausgegebene Sammelband The Holocaust and Varieties of Migration bei De Gruyter erschienen und hier im Open Access zugänglich. Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die 2023 an der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See stattfand. Neben Sebastian Musch und Cornelia Wilhelm sind Zofia Trebacz, Susanne Heim, Wendy Lower, Ayelet Eva Herbst, Hana G. Green, Edith Raim, Iris Helbing, Annika Heyen, Peter Gatrell und Tony Kushner mit Beiträgen vertreten.
Ausgangspunkt des Bandes ist die Beobachtung, dass die verschiedenen Formen von Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung, Internierung und Nachkriegsmigration während des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust nicht bloß Folgen der Gewalt waren, sondern in vielfältiger Weise zu deren Vorbereitung, Organisation und Durchführung gehörten. Zugleich richtet der Band den Blick auf die Zeit nach 1945 und fragt danach, wie Vertreibung, Flucht und Neuansiedlung internationale Ordnungen, politische Kategorien und Formen der Erinnerung geprägt haben. Hier berührt der Sammelband unmittelbar die Fragestellungen des SFB 1604 „Produktion von Migration“ an der Universität Osnabrück. Aus dieser Perspektive lässt sich The Holocaust and Varieties of Migration als historisch fokusierter Beitrag zu einer reflexiven Migrationsforschung lesen. Der Band macht sichtbar, dass auch im Kontext des Holocaust Kategorien wie „Flüchtling“, „Ausländer“, „Feindstaatenangehöriger“ oder „Umsiedler“ nicht einfach vorgefunden wurden, sondern durch politische, administrative und institutionelle Praktiken hergestellt und wirksam gemacht wurden. Zugleich zeigt er, dass auch die Holocaustforschung ihre eigenen Kategorien reflektieren muss. Gerade die Verbindung von Holocaustgeschichte und Migrationsgeschichte eröffnet deshalb einen Perspektivwechsel: Nicht nur wird Migration zum Verständnis des Holocausts nutzbar; umgekehrt wird der Holocaust selbst zu einem historischen Schlüssel, um die “Produktion”, d.h. die Entstehung, Veränderung und Nachwirkung von Migrationsregimen zu verstehen. Zudem unterstreicht der Band am Beispiel des Zweiten Weltkriegs exemplarisch den Zusammenhang von Massengewalt, Kriegsgeschehen und Zwangsmigration, deren intrinsische Verknüpfung über eine einfache Kausalbeziehung hinausgeht.
Von NGHM ist neben dem Mitherausgeber Sebastian Musch auch Annika Heyen mit ihrem Beitrag “’Conceived Reluctantly, Brought to Birth Grudgingly, Straitjacked from Birth.’ The Bermuda Conference, the World Jewish Congress, and the Emergence of the Postwar Migration Regime” in dem Band vertreten. Annika Heyen untersucht die Konferenz nicht lediglich als Rettungsinitiative, sondern als einen Ort, an dem sich Machtverhältnisse, politische Handlungsspielräume und institutionelle Logiken des entstehenden internationalen Migrationsregimes beobachten lassen. Die Konferenz wird als politischer Aushandlungsprozess analysiert, in dem Handlungsmöglichkeiten eröffnet, begrenzt und schließlich blockiert wurden.
Der Band bündelt damit Ansätze an der Schnittstelle von Holocaustforschung und Migrationsgeschichte, die innerhalb von NGHM seit Langem vorangetrieben werden und in den vergangenen Jahren u.a. in dem von Sebastian Musch geleiteten und von der Alfred Landecker Foundation finanzierten Forschungsprojekt The Holocaust Migration Regime sowie in dem von Sebastian Musch und Annika Heyen bearbeiteten und von der Gerda Henkel Stiftung finanzierten Projekt Die Bermuda-Konferenz 1943 gezielt untersucht wurden.
Der Band ist der Historikerin Edith Raim gewidmet, die mit einem Beitrag zu Zwangsarbeit und Zwangsmigration vertreten ist und 2025 während der Fertigstellung des Bandes verstarb.
In der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ hat unter diesem Namen 1944/45 niemand gekämpft. Weder die Einheiten der US-Armee noch die der Wehrmacht kannten die Bezeichnung, als sie zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen; sie entstand ex post und fasste eine Serie militärischer Operationen in der nachträglichen Erzählung zu einem kohärenten Großereignis zusammen. Seither führen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur die ›Schlacht im Hürtgenwald‹ als feste Größe, und als Slogan hat sie einen Ort emotional aufgeladen, der als ›Verdun der Eifel‹ vermarktet wurde. Band 3 der Reihe „Konfliktlandschaften“ nimmt diesen Prozess der Geschichtsproduktion zum Gegenstand: In den Beiträgen des Buches geht es weniger um Ereignisgeschichte als um die Übersetzung von Gewaltereignissen in Geschichte.
Mit »Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur« liegt nun der dritte Band der Reihe »Konfliktlandschaften« vor, herausgegeben von Christoph Rass. Die Reihe verantworten ab diesem Band Christiane Kunst, Christoph Mauntel, Christoph Rass, Lale Yildirim und Marcus Zagermann für die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften. Der Band umfasst 334 Seiten mit 35 Abbildungen, ist bei V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück erschienen und in der V&R eLibrary vollständig Open Access zugänglich, mit eigener DOI für jeden Beitrag.
Von der Tagung zum Projektabschluss
Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die im Oktober 2019 unter dem Titel »Konfliktlandschaft Hürtgenwald« in Köln stattfand und die der Landschaftsverband Rheinland gemeinsam mit der Universität Osnabrück ausgerichtet hat. Er dokumentiert zugleich das Forschungsprojekt »Lernort ›Schlachtfeld‹? – Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald«, das von 2020 bis 2024 an der Universität Osnabrück durchgeführt wurde. Geschichtswissenschaftliche Analyse, geophysikalische Prospektion, archäologische Feldforschung und digitale Vermittlungsformate waren dort miteinander verschränkt; mit diesem Buch schließt das Projekt seine Arbeit ab.
Getragen wurde diese Arbeit über ihre gesamte Laufzeit vom Landschaftsverband Rheinland, der Tagung, Projekt und Drucklegung gefördert hat. Ein Förderer, der ein Vorhaben dieser Art über Jahre hinweg begleitet, ermöglicht mehr als eine Publikation: Er schafft die Voraussetzung dafür, dass in einer Region, in der die Deutung der eigenen Vergangenheit umstritten ist, überhaupt wissenschaftlich fundiert gearbeitet werden kann. Dafür gilt dem LVR unser ausdrücklicher Dank.
Der Projektverlauf selbst gehört zum Befund. Die Pandemie zwang dazu, Feldforschungen und Vernetzungsworkshops abzusagen und den Schwerpunkt auf digitale Erschließung und Vermittlung zu verlagern, was sich als produktive Anpassung erwies. Schwerer wogen die lokalen Widerstände: verweigerte Zugänge zu Untersuchungsgebieten, ausbleibende Kooperationen, teils offene Anfeindung. Diese Widerstände sind ihrerseits Gegenstand des Bandes geworden, weil sie zeigen, mit welcher Beharrungskraft die regionale Geschichtskultur auf ihre Infragestellung reagiert.
Konfliktlandschaft als analytisches Konzept
Konfliktlandschaften sind, so die begriffliche Grundlage, soziokulturell bestimmbare Räume, die durch gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt wurden und in denen die Spuren dieser Konflikte materiell wie immateriell fortbestehen, ohne je zur Ruhe zu kommen. Entscheidend ist die Denkfigur dahinter: ›Landschaft‹ und insbesondere das ›Schlachtfeld‹ existieren nicht als gegebene Entität, sondern werden diskursiv koproduziert, durch narrative Konstruktionen, Benennungspraktiken, kommemorative Performanz und die Deutung materieller Spuren. Diese Produktion wirkt auf die Materialität des Ortes zurück. Raubgrabungen von ›Schlachtfeldtouristen‹, Reenactments, touristische Erschließung und nicht zuletzt die wissenschaftliche Prospektion selbst verändern den Ort, den zu lesen sie beanspruchen.
Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im ›Hürtgenwald‹ (Foto: IAK).
Die Nordeifel lässt sich so als Palimpsest lesen, in dem sich die vorkriegszeitliche Kulturlandschaft, die Militarisierung durch den ›Westwall‹-Bau ab 1936 unter massivem Einsatz von Zwangsarbeit, die Zerstörungen von 1944/45, die Waldbrände der späten 1940er Jahre, die Rodungen und Aufforstungen der 1950er und 1960er Jahre, die touristische Erschließung seit den 1980er Jahren und schließlich die aktuellen Waldschäden durch Klimawandel und Borkenkäferbefall übereinanderlegen. Jede dieser Schichten wurde diskursiv gerahmt, in das dominante Narrativ der ›Schlacht‹ integriert oder aus ihm herausgehalten. Aus dieser Perspektive will der Band drei Themenfelder voranbringen: die Musealisierung von Krieg und Gewalt, die Auseinandersetzung mit Ereignisgeschichte und Erinnerungskultur im Fall des ›Hürtgenwaldes‹ sowie die Entwicklung einer kritischen Geschichtskultur mit Blick auf die NS-Vergangenheit der Region.
In memoriam: G. Stephen Lauer und Frank Möller
Der Band ist dem Andenken zweier Autoren gewidmet, die seine Fertigstellung nicht mehr erlebt haben.
G. Stephen Lauer (1952–2020) starb unerwartet am 27. Mai 2020. Nach 26 Jahren als Infanterieoffizier im United States Marine Corps promovierte er 2010 an der Florida State University in Militärgeschichte und lehrte zuletzt als Associate Professor für Militärtheorie und -geschichte an der U.S. Army School of Advanced Military Studies in Fort Leavenworth. Seine hier publizierte Analyse der amerikanischen Operationsführung gehört zu seinen letzten wissenschaftlichen Arbeiten. Sie betrachtet militärische Entscheidungen nicht vom grünen Tisch aus, sondern aus der Perspektive derjenigen, die unter denselben Bedingungen zu entscheiden hatten.
Frank Möller (1954–2025) starb am 23. März 2025 nach langer schwerer Krankheit. Als Historiker, Journalist und Zeitungsverleger verband er Grundlagenforschung mit gesellschaftspolitischem Engagement. Der gemeinsam mit Karola Fings herausgegebene Band »Hürtgenwald – Perspektiven der Erinnerung« (2016) markierte einen Wendepunkt in der kritischen Aufarbeitung der Regionalgeschichte; mit Band 2 dieser Reihe hat er 2022 Standards für die Dekonstruktion revisionistischer Geschichtsproduktion gesetzt. Dass sich der Umgang mit dem ›Hürtgenwaldmarsch‹ gewandelt hat, geht auf seine beharrliche Arbeit zurück und zeigt, wie kontingent solche Aushandlungsprozesse bleiben. Wir haben am 1. April 2025 mit einem Nachruf im NGHM-Blog von ihm Abschied genommen.
Beide standen, der amerikanische Militärhistoriker mit operationsgeschichtlicher Expertise und der deutsche Journalist und Wissenschaftler mit seinem Blick auf lokale Geschichtspolitik, für jene Multiperspektivität, von der die Konfliktlandschaftsforschung lebt.
Eine Erzählung in vierzehn Beiträgen
Der erste Teil des Bandes behandelt die Musealisierung von Krieg und Gewalt. Heidrun Derks zeichnet den Weg vom Fundplatz zum Museum und Park Kalkriese nach und hält die nach dreißig Jahren noch immer offene Frage, ob Kalkriese ein Ort der Varusschlacht sei, aus musealer Sicht für einen Glücksfall. Christopher Sommer untersucht militärhistorische Dioramen zwischen einer »Ästhetik des Schönen« und einer »Ästhetik des Hässlichen« und findet gerade in ihrer offensichtlichen Künstlichkeit ein reflexives Potenzial, das selten ausgeschöpft wird. Sebastian Weitkamp verfolgt, wie Nachnutzungen als Strafgefangenenlager, Geflüchtetenunterkunft und Bundeswehrdepot das Lagergelände Esterwegen baulich und diskursiv überformten, bis es als Ort nationalsozialistischer Gewalt nahezu unkenntlich wurde. Ralf Raths entwickelt am Deutschen Panzermuseum Munster vier »Balanceakte« und plädiert dafür, »Töten und Getötetwerden als Kern des Krieges« nicht hinter technischer Faszination verschwinden zu lassen. Martin Weber zeigt an den Seelower Höhen, dass konfliktarchäologische Befunde weit über das Gefechtsfeld im engeren Sinne hinausreichen, bis zu Waldlagern der Roten Armee, Versorgungsbauten und nachkriegszeitlichen Erinnerungsorten.
Der zweite Teil gilt Ereignisgeschichte und Erinnerungspolitik. Stefan Wunsch beschreibt die NS-Ordensburg Vogelsang auf ihrem Weg zum Internationalen Platz Vogelsang IP und die Aufgabe, an einem Täterort kritische Bildungsarbeit zu leisten, ohne die Faszination der monumentalen Architektur zu reproduzieren. Frank Möller hat im Fall des Grabes von Walter Model in Vossenack mit der Überlieferung des Volksbundes und des Dürener Stadt- und Kreisarchivs gegen eine Deutung angearbeitet, die sich über Jahrzehnte hinweg als bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber der Aktenlage erwiesen hat. G. Stephen Lauer hat rekonstruiert, wie Waldgelände und Mittelgebirgslage die Überlegenheit der US-Armee neutralisierten, und benennt mit dem Narrativ der »unnötigen Schlacht« eine kritische Perspektive, die in der deutschen Erinnerungskultur fehlt. Robert Sterling Rush zeigt in einer personalstatistischen Mikrostudie zur A-Kompanie des 22. Infanterieregiments, wie ungleich sich die Last der Verluste auf erfahrene Soldaten und neu zugeführten Ersatz verteilte, und stellt damit gängige Annahmen über eine Überlegenheit der Wehrmacht infrage. Ian Spurgeon stellt das Hürtgenwaldprojekt der Defense POW/MIA Accounting Agency vor, das Archivrecherche, GIS, archäologische Feldarbeit und forensische Anthropologie verbindet, um etwa 200 vermisste US-Soldaten zu bergen und zu identifizieren.
Stimmen aus der Region
Der dritte Teil verdankt sich einer editorischen Entscheidung. Neben der in Köln begonnenen internationalen und interdisziplinären Diskussion sollten gezielt jene Akteure ein Forum erhalten und miteinander vernetzt werden, die sich vor Ort seit Jahren gegen die dominanten revisionistischen Narrative stemmen und dabei oft isoliert arbeiten müssen. Franz Albert Heinen führt die Gewalt gegen polnische und sowjetische Zwangsarbeiter:innen in der Nordeifel ebenso vor Augen wie die Verdrängungsleistung, mit der die regionale Nachkriegsgesellschaft darauf reagierte. Dieter Lenzen zeigt am Friedhof in Simmerath-Rurberg, wie irreführende Bezeichnungen, fehlende Kontextualisierung und die räumliche Trennung von den ursprünglichen Gewaltorten NS-Verbrechen verschleiern. Benedikt und Konrad Schöller verfolgen über mehrere Jahrzehnte hinweg den Umgang mit einem Gedenkstein und einer Gräberstätte in Nideggen-Schmidt. Katharina Isabel Franke untersucht Roetgen, die erste Gemeinde auf deutschem Boden, die alliierte Truppen im September 1944 erreichten, und zeigt, wie lokale Geschichtsvereine dort von einer ›Besetzung‹ statt einer ›Befreiung‹ sprechen.
Damit verschiebt sich der Charakter des Bandes. Aus externer akademischer Kritik wird ein Dialog, der die regionalen Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutungen ernst nimmt und veröffentlicht. Er zeigt zugleich, dass eine problematische Erinnerungskultur auch in diesem Fall nicht alternativlos ist.
Die beiden Vorgängerbände
Band 1, »Konfliktlandschaften interdisziplinär lesen«, entwickelt das theoretische und methodische Fundament des Konzepts. Die Beiträge zeigen an Fallbeispielen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, wie Gewalt ihre Schauplätze materiell verändert und wie sich daran geknüpfte Narrative, Diskurse, Ereignisse und Akteure aufeinander beziehen. Behandelt werden kriegerische Kampfplätze ebenso wie militarisierte Grenzen sowie Gewalt- und Vernichtungsorte der Shoah. Die Integration naturwissenschaftlicher, sozial- und kulturwissenschaftlicher Ansätze, für die die IAK steht, macht dabei die Wechselwirkungen zwischen materieller und diskursiver Ebene in einem Prozess fortwährender Transformation fassbar.
Band 2, Frank Möllers Studie »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?«, analysiert zehn Titel der deutschen Militaria-Literatur zum Kampfgeschehen der Endphase des Zweiten Weltkriegs in der Nordeifel und im ›Hürtgenwald‹. Möller fragt nach Quellen, Intention, Zielgruppen und Unterstützerkreisen dieser Werke und legt offen, wie sie einer revisionistischen Geschichtsauffassung den Weg bereiten und bis in die lokale und regionale Geschichtspolitik hineinwirken. Aus der Analyse leitet er zehn Thesen ab, die zur weiteren Diskussion einladen. Wer verstehen will, wie ein Geschichtsbild von rechts gemacht wird, findet hier die Werkstatt.
Band 3 führt beide Linien zusammen, das konzeptionelle Programm des ersten und die ideologiekritische Präzision des zweiten, und ergänzt sie um die gegenwärtigen Herausforderungen kritischer Erinnerungsarbeit.
Konfliktlandschaftsforschung an der UOS
Der Abschluss des Hürtgenwald-Projekts fällt in eine Phase, in der die Konfliktlandschaftsforschung an der Professur in zwei Richtungen weiterläuft.
Am 24. und 25. September 2026 findet in Osnabrück die Abschlusstagung des Projekts »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« statt, das die NGHM gemeinsam mit der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführt hat. Wo der Hürtgenwald-Band fragt, wie ein Raum zum ›Schlachtfeld‹ gemacht wird, fragt dieses Projekt, wie sich weit verstreute Lagerstandorte mit sehr unterschiedlichen Graden von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen. Die Tagung stellt die entstandenen digitalen Angebote vor, dazu die Dissertation von Imke Sofie Selle über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ›Emslandlager‹«; am zweiten Tag führt sie zum Erinnerungsort Lager Dalum.
Im Oktober 2026 beginnt das neu bewilligte Kooperationsprojekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« mit dem Emsland Moormuseum in Geeste, gefördert aus dem Programm Pro*Niedersachsen. Es untersucht die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025 und überträgt die Analytik auf einen Fall, in dem die Überformung einer Landschaft nicht aus Krieg, sondern aus Planung hervorgeht. Die Verbindung zum Emsland-Komplex ist dabei keine bloß geografische: Weil die Kultivierung der Moore zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt auch in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte.
Aus diesen beiden Projekten werden die Bände vier und fünf unserer Reihe hervorgehen.
Alle drei Vorhaben teilen eine Frage, die der Hürtgenwald-Band in besonderer Schärfe stellt: unter welchen Bedingungen eine Gesellschaft eine Deutung revidiert, in der sie sich über Jahrzehnte eingerichtet hat. Der Fall Nordeifel gibt darauf eine unbequeme Antwort. Er ist nicht deshalb aufschlussreich, weil dort besonders viele Menschen starben oder die Kämpfe besonders bedeutsam gewesen wären, sondern weil sich an ihm beobachten lässt, wie schwer eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fällt und wie viel beharrliche Arbeit nötig ist, bis sich daran etwas ändert.
Christoph Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur (= Konfliktlandschaften, Bd. 3). Göttingen: V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück 2026. 334 S., 35 Abb. ISBN 978-3-8471-1990-6 (Print), ISBN 978-3-7370-1990-3 (PDF). Open Access: https://doi.org/10.14220/9783737019903
„Profound, necessary, and a delight to read“: Mit diesem Urteil hat Toni Morrison The Warmth of Other Suns von Isabel Wilkerson begrüßt, den fünfzehnten Titel der NGHM-Leseliste und ein Buch, das im Themenfeld ›Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung‹ ebenso zu Hause ist wie in der historischen Migrationsforschung. Wilkerson erzählt die Great Migration der Jahre zwischen 1915 und 1970 nicht als Wirtschaftsgeschichte, sondern als kollektiven Akt der Selbstbefreiung.
Isabel Wilkerson, geboren 1961, ist Tochter von Eltern, die selbst in der Great Migration nach Washington, D. C. gekommen waren. Sie war die erste Schwarze Frau, die den Pulitzer-Preis im Journalismus erhielt, 1994 als Chicago Bureau Chief der New York Times. Aus dieser doppelten Position (familiäre Zeugenschaft und journalistische Präzision) schreibt sie über eine Bewegung, die rund sechs Millionen Menschen umfasste und die amerikanische Nachkriegsgesellschaft neu ordnete. The Warmth of Other Suns ist das Ergebnis von fünfzehn Jahren Recherche, Interviews mit mehr als zwölfhundert Migrant:innen und einer Entscheidung: nicht die Statistiken zu erzählen, sondern die Menschen.
Isabel Wilkerson (geb. 1961), US-amerikanische Journalistin und Autorin von The Warmth of Other Suns, aufgenommen auf dem Texas Book Festival am 16. Oktober 2010 (Quelle: Larry D. Moore, CC BY 4.0, Wikimedia Commons)
Drei von ihnen tragen das Buch. Ida Mae Brandon Gladney verlässt Mississippi im Spätherbst 1937, George Swanson Starling besteigt am 14. April 1945 in Eustis, Florida, den Silver Meteor nach New York, Robert Joseph Pershing Foster fährt am Ostermontag 1953 die lange Strecke von Monroe, Louisiana, nach Los Angeles. Wilkerson folgt ihren Biografien von der Kindheit im Süden bis zum Lebensende in den Ankunftsstädten. Sie verschränkt diese Einzelschicksale mit einer breiteren historischen und statistischen Kontextualisierung, aber das Gewicht bleibt bei den Menschen.
Genau darin liegt die argumentative Pointe. Die Great Migration war lange als Reaktion gelesen worden: auf die Mechanisierung der Baumwollernte, auf die Nachfrage der Kriegsindustrie nach Arbeitskräften, also im Wesentlichen auf ökonomische Push- und Pull-Faktoren. Wilkerson kehrt die Blickrichtung um. Sie fragt nicht, was die Menschen bewegt hat, sondern was sie bewegt haben. Ihre Protagonist:innen sind keine ökonomischen Reaktionsgrößen, sondern Akteur:innen, die eine Entscheidung getroffen haben — unter Bedingungen des Jim-Crow-Regimes, das Wilkerson mit Genauigkeit in seiner rassistischen Menschenverachtung rekonstruiert. Zugleich zeigt sie, dass diese Entscheidung nicht am Bahnhof im Norden endete. Die zweite Hälfte des Buches folgt den drei Protagonist:innen durch Chicago, Harlem und Los Angeles, durch Enttäuschungen, kleine Aufstiege, familiäre Brüche.
Die Rezeption des Buches fiel außergewöhnlich aus. The Warmth of Other Suns gewann den National Book Critics Circle Award; Tom Brokaw nannte es „an epic for all Americans who want to understand the making of our modern nation“; David Levering Lewis, Jon Meacham, Gay Talese und Cornel West lobten das Werk überschwänglich. David Oshinsky attestierte dem Buch in der New York Times Book Review einen Sonderstatus: „[a] narrative epic rigorous enough to impress all but the crankiest of scholars, yet so immensely readable as to land the author a future place on Oprah’s couch.“ 2024 platzierte die Zeitung das Buch in ihrer Bilanz der ersten fünfundzwanzig Jahre dieses Jahrhunderts auf Rang zwei und damit als bestplatziertes Sachbuch der Liste.
Zu finden in der B-IMIS. Signatur: D5-4b10 4779-194 5.
Die Einwände stehen in derselben Rezension, die dem Buch den Sonderstatus attestiert. Oshinsky räumt ein, Historikerinnen und Historiker könnten Wilkersons Zugang in Frage stellen, weil sie „the migrants’ personal feelings over structural influences like the coming of the mechanical cotton picker“ bevorzuge. Er entkräftet den Einwand im selben Zug: Wilkerson kenne die Push- und Pull-Faktoren genau, sie habe sich lediglich für einen anderen Umgang mit ihnen entschieden. Schwerer wiegt, was Oshinsky ihr selbst vorhält, nämlich dass sie Nicholas Lemanns The Promised Land von 1991 übergeht, jene ungleich düsterere Bilanz der Migration nach Chicago, und dass sie zur nachfolgenden Generation wenig mehr beiträgt als eine freundliche Aufzählung von Politiker:innen, Sportler:innen und Musiker:innen. Der methodische Einwand ist ernst zu nehmen. Er ist zugleich das Spiegelbild dessen, was Wilkerson erreicht hat: eine Geschichte, die die Handlungsmacht ihrer Subjekte nicht in Strukturbedingungen auflöst.
Damit rückt The Warmth of Other Suns in die Nähe einer Frage, die im SFB 1604 „Produktion von Migration“ zentral ist: Wer produziert Migration? Und wie verhält sich diese Produktion zum Handeln der Migrant:innen selbst? Wilkerson gibt darauf eine dezidierte Antwort: Ihre Protagonist:innen sind nicht das Produkt eines Regimes, sondern diejenigen, die es unterlaufen und gar verändern. Diese Frage wird in einigen Wochen aus einer anderen Perspektive wiederkehren, wenn auf dieser Liste Gérard Noiriels The French Melting Pot besprochen wird, ein Text, der stärker auf die staatliche Herstellung von Migrationskategorien blickt.
Zwischen beiden Zugängen liegt eine methodische Differenz, die die Migrationsforschung bis heute strukturiert. Wilkerson zeigt, was eine narrative Geschichtsschreibung leisten kann, wenn sie die Aufmerksamkeit nicht auf Aggregate lenkt, sondern auf Einzelne — und was sie dabei riskiert. Ihr Buch hat die öffentliche Wahrnehmung der Great Migration als eigenständiges historisches Phänomen geprägt und wird bis heute im Schulunterricht und an Universitäten als Einstiegstext breit gelesen.
Ob sich die Migration für die drei Protagonist:innen gelohnt hat, bilanziert Wilkerson am Ende explizit. Sie beantwortet die Frage aber nicht mit einer These, sondern mit drei Lebensläufen. Das Nachdenken über diese Antwort beginnt, wo unser gemeinsames Lesen eines solchen Buches beginnt.
Osnabrücker Studierende finden Wilkersons The Warmth of Other Suns in der Universitätsbibliothek, Standort ‘Alte Münze’ im Bestand B-IMIS unter der Signatur D5-4b10 4779-194 5 (OPAC), dort in der Vintage-Ausgabe von 2011.
Isabel Wilkerson, The Warmth of Other Suns: The Epic Story of America’s Great Migration, New York: Random House 2010.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Um 1880 arbeiteten im nordwestdeutschen Moorgebiet etwa fünfzig Torfbetriebe, vier Jahrzehnte später waren es über eintausendzweihundert. In derselben Landschaft, in der bis in die 1980er Jahre hinein in großem Maßstab entwässert, abgetorft und kultiviert wurde, laufen heute Wiedervernässungsprogramme, deren Begründung nicht mehr aus der Agrarpolitik stammt, sondern aus der Klimaforschung: Moore bedecken weltweit nur drei bis vier Prozent der Landfläche, binden dabei aber etwa ein Drittel des gesamten in Böden gespeicherten Kohlenstoffs. Was ein Jahrhundert lang als Erschließung von Ödland galt, gilt heute als Zerstörung einer Umweltressource. Wie eine Gesellschaft einen solchen Richtungswechsel vollzieht, ist nicht zuletzt eine historische Frage.
Moore bildeten die Grundlage zur Gewinnung von Brenntorf, Torfkoks und Torfteer per Torfbagger. Durch diese Ausbeutung wurden sie weitgehend zerstört. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0121, 1.Seite)
Im August 2026 hat das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen ein Projekt bewilligt, das genau hier ansetzt. »Moorlandschaften als Interventionsräume« untersucht in den kommenden drei Jahren die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025. Das Vorhaben wird von der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Emsland Moormuseum in Geeste durchgeführt. Die Arbeit beginnt im Oktober.
Transformationen einer Landschaft
Das Bourtanger Moor, das sich über die deutsch-niederländische Grenze erstreckt, hat im 20. Jahrhundert zwei gegensätzliche Transformationen durchlaufen. Auf eine Phase maximaler Erschließung, in der Siedlungsgenossenschaften, Kultivierungsprogramme und schließlich der Emslandplan seit 1950 die Landschaft großflächig in Agrarland überführten, folgte seit den 1970er Jahren eine Bewegung in die Gegenrichtung, die aus Umweltbewegung, europäischer Naturschutzpolitik und Klimadebatte gespeist wurde und in die heutige Renaturierung mündete. Beide Bewegungen wurden von staatlichen Stellen geplant, wissenschaftlich beraten und öffentlich legitimiert.
Die Torfbagger von Dr. Wielandt leisteten nach dem 2. Weltkrieg einen wichtigen Beitrag zur Torfgewinnung. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0144, 1.Seite)
Daraus ergibt sich die Leitfrage des Projekts: Unter welchen Bedingungen verändern demokratische Gesellschaften einen einmal eingeschlagenen Entwicklungspfad? Die Frage ist deshalb reizvoll, weil die Bundesrepublik nach 1945 zunächst das Gegenteil tat. Sie übernahm ein Kultivierungsprogramm, dessen Grundzüge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus entwickelt worden waren, verstärkte es und rechtfertigte es neu, diesmal mit Wohnraum für Vertriebene, mit Arbeitsplätzen und mit der Überwindung eines als »Notstandsgebiet« beschriebenen Rückstands. Erst zwei Jahrzehnte später begann sich das Deutungsmuster zu verschieben. Wann genau, durch welche Akteure und gegen welche Widerstände? Das zu erarbeiten ist ein zentraler Gegenstand des Projekts.
Der Blick über die nahe Grenze schärft dabei unsere Frageperspektive: In den Niederlanden setzte die Renaturierung des Bargerveen bereits Ende der 1960er Jahre ein, in Deutschland vergleichbare Maßnahmen erst ab den 1990er Jahren. Zwei Gesellschaften, dieselbe Landschaft, dieselbe ökologische Ausgangslage, ein Abstand von zwei Jahrzehnten: Das ist eine Konstellation, an der sich die Bedingungen solcher Kurswechsel gut studieren lassen.
Steuerung, Aushandlung, Beharrung
Theoretisch verbindet das Projekt zwei Konzepte. Das erste, die »Interventionslandschaft«, wurde von Thomas Bohn und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbundprojekt »Polesien als Interventionslandschaft« für die Pripjatsümpfe entwickelt und beschreibt Landschaften, die durch Territorialisierung, Planung und Optimierung systematisch verfügbar gemacht werden, ohne dass die Planung je vollständig aufginge. Bislang wurde dieses Konzept vor allem auf autoritäre Regime angewandt. Das Emsland ermöglicht es, dieselbe Analytik auf demokratische Planungsprozesse zu richten und zu prüfen, ob und wie sich die Steuerung verändert, wenn sie sich rechtfertigen muss.
Vorbereitung eines Torfbaggers im Jahr 1954. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Wielandt_0183, Ausschnitt 1. Seite)
Das zweite Konzept stammt aus der eigenen Werkstatt. Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften untersucht seit 2014 gewaltüberformte Orte in der Verschränkung ihrer materiellen und diskursiven Ebene, also in der fortwährenden Übersetzung zwischen der Erzählung einer Landschaft in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einerseits und der sozialen Realität und materiellen Konfiguration einer Landschaft andererseits. Für das Emsland ist diese Perspektive alles andere als abstrakt: Weil die Kultivierung der Moore hier zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte, zu der die Professur gemeinsam mit der Gedenkstätte Esterwegen sowie dem Landkreis Emsland arbeitet. Das neue Projekt erweitert die Konfliktlandschaftsforschung um einen umweltgeschichtlichen Fall, in dem sich Aushandlung in Planung, Protest und politischen Programmen manifestiert.
Ergänzt wird beides um ein Modell der Pfadabhängigkeit, das erklärt, warum sich Entwicklungspfade selbst dann behaupten, wenn ihre Voraussetzungen entfallen sind, und mit dem Begriff der »critical juncture« jene Momente benennt, in denen sie verhandelbar werden. Die Verbindung der drei Zugänge ist die eigentliche methodische Wette des Projekts: Steuerung, Aushandlung und Beharrung sollen nicht nacheinander behandelt, sondern in ihrem Zusammenspiel über acht Jahrzehnte rekonstruiert werden.
Akten, Netzwerke, Karten
Seit den 1950er Jahren wurde die Intensivierung der Moorbewirtschaftung vorangetrieben. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Kultivierung_021, 1.Seite)
Empirisch stützt sich das Vorhaben auf die Sammlung des Emsland Moormuseums, die mit rund 18.500 Objekten und einer Fachbibliothek von etwa 4.000 Bänden zu den bedeutendsten Beständen zur Moorkultivierung in Europa zählt, ferner auf das Niedersächsische Landesarchiv, das Kreisarchiv Emsland mit den Akten zum Emslandplan, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auf niederländische Überlieferungen im Drents Archief in Assen. Hinzu kommen Fachzeitschriften, regionale Presse und ein Bestand an Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Transformation als Arbeitende, als Planende oder als Widersprechende erlebt haben.
Wir werten dieses Material auf drei Wegen aus, die aufeinander bezogen bleiben: Eine Diskursanalyse nimmt die Planungs-, Verbands- und Presseüberlieferung in den Blick, eine Netzwerk- und Kollektivbiographie erfasst die Schlüsselakteure zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft, während eine GIS-gestützte Rekonstruktion die Flächenveränderung in mehreren Zeitschnitten sichtbar macht. Erst im Zusammenspiel dieser drei Zugänge lässt sich prüfen, ob die semantischen Verschiebungen den materiellen vorausgingen, ihnen folgten oder ob beide Ebenen sich wechselseitig so weit stützten, dass die Frage nach dem Vorher und Nachher komplexer beantwortet werden muss.
Nach der Sammlung Richard
Das Vorhaben knüpft an eine bereits erprobte Zusammenarbeit an. Seit 2024 haben Universität und Museum, ebenfalls im Programm Pro*Niedersachsen, den Nachlass des Ingenieurs Karl-Hinrich Richard erschlossen, der in mehr als fünfzig Aktenordnern die technische Entwicklung des Torfabbaus zwischen 1950 und 1980 dokumentiert. Was dort über Maschinen, Patente und Fachnetzwerke sichtbar wurde, liefert dem neuen Projekt einen seiner empirischen Ausgangspunkte.
Auf Seiten des Museums liegt die Kooperation bei dessen Leiterin, Dr. Tanja Hasselberg, die das Emsland Moormuseum seit Juni 2025 führt. Die Verbindung reicht künftig über das Projekt hinaus: Im kommenden Wintersemester übernimmt sie am Historischen Seminar einen Lehrauftrag, sodass Studierende der Universität Osnabrück museale Praxis nicht nur als Exkursionsziel, sondern auch als Arbeitsfeld kennenlernen.
Projektstart im Oktober 2026
Die Arbeit beginnt bei den Beständen. In den ersten Monaten stehen die Erschließung der Museumssammlung und die Archivrecherche an, zunächst im Kreisarchiv Emsland, dessen Akten zum Emslandplan inzwischen zugänglich sind, sowie im Niedersächsischen Landesarchiv; parallel dazu entsteht die Forschungsdatenbank, in der die digitalisierten Quellen zusammenlaufen und für spätere Auswertungen verfügbar bleiben. Die ersten Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind noch für das erste Projektjahr vorgesehen, weil die Generation, die den Emslandplan als Arbeitende oder als Planende erlebt hat, nicht unbegrenzt Auskunft geben kann.
Naturschutz und Landschaftspflege wurden seit den 1970er Jahren immer stärker in den Blick genommen. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_016, 1.Seite)
Aus dieser Arbeit heraus entstehen zwei Sonderausstellungen im Emsland Moormuseum, die die Befunde dorthin zurücktragen, wo sie erhoben wurden. Die erste zeigt im zweiten Projektjahr die Ergebnisse zur Nachkriegsplanung, die zweite zum Projektabschluss die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des Moorschutzes. Ein Museum mit dieser Sammlung ist für ein solches Vorhaben nicht bloß Quellenort, sondern der Ort, an dem sich die Ergebnisse einem Publikum stellen müssen, das die Landschaft kennt, über die wir schreiben.
Um beides herum entsteht Lehre. Begleitende Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar führen Studierende an die Quellen und an die Methoden des Projekts heran, den Anfang macht der Lehrauftrag von Dr. Hasselberg im kommenden Wintersemester. Wie schon im Richard-Projekt bietet das Emsland Moormuseum Praktikumsplätze an. Themen für Bachelor- sowie Masterarbeiten lassen sich im Projektzusammenhang entwickeln, von der Torfindustrie über die Siedlungsgeschichte bis hin zur Geschichte des Naturschutzes in der Region. Interessierte Studierende melden sich bitte bei der Professur NGHM.
Die Erhaltung der Moore wurde im Jahr 1987 auch von dem bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann propagiert. (Sammlung Richard, Emsland Moormuseum, Naturschutz_0203, 1.Seite)
Das Emsland gilt als Region, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt hat. Diese Erzählung historisch zu prüfen, heißt auch, sie anhand ihrer Kosten zu messen, und zwar sowohl an den ökologischen als auch an jenen, die Menschen getragen haben, die in dieser Landschaft arbeiten mussten. Ob sich aus einem solchen Fall Bedingungen ableiten lassen, unter denen Gesellschaften eingeschlagene Wege verlassen, wird das Projekt zeigen müssen; mit solchen Fragen reicht das Projekt über den unmittelbaren Gegenstand der materiellen Transformation des Emslandes und ihrer diskursiven Produktion hinaus.
Ein Einführungswerk, das seine eigene Disziplin erzählt, statt sie zu ordnen: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft von Stephan Jordan, hier als vierzehnter Titel unserer Serie besprochen, eröffnet die NGHM-Leseliste und steht dort an der Spitze des Themenfelds Geschichtstheorie und Historiographie. Der Band liegt seit 2021 in fünfter, aktualisierter Auflage vor; ein Buch, dessen Aufbau sich als geglückter didaktischer Kunstgriff erweist.
Auffällig ist zuerst die Kontinuität. Zwischen der ersten und der fünften Auflage liegen zwölf Jahre, in denen die Disziplin erheblich in Bewegung geraten ist, von postkolonialen Perspektiven über digitale Methoden bis hin zu Debatten um Materialität, Umwelt und Gewalt. Der Rahmen des Buches kann diese Bewegung umfassen, ohne dass sein Grundriss dafür verändert werden muss. Dieser Befund verweist auf ein gelungenes Einführungswerk, dessen Anlagen die Aktualisierungen aufnehmen konnte, die ihm vier Neuauflagen zugemutet haben.
Stefan Jordan war bereits zum Zeitpunkt der ersten Auflage ein ausgewiesener Kenner des Feldes. Er hatte 2002 das Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe herausgegeben und 2005 die Einführung in das Geschichtsstudium vorgelegt, beide bei Reclam. Beide Bücher entstanden an der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, an der Jordan seit 1999 arbeitet und der Redaktion der Neuen Deutschen Biographie angehört, die er seit 2024 als Chefredakteur von NDB-online leitet. Lexikographische Arbeit, die einen Sachverhalt oder ein Leben auf den Umfang eines Artikels bringt, verlangt dieselbe Fähigkeit, die auch das Erarbeiten eines Einführungswerks braucht, nämlich eine Verdichtung, die auf Vollständigkeit verzichtet und dabei genau bleibt. Autorschaft und Arbeitszusammenhang lassen sich hier deshalb eng aufeinander beziehen.
Das Programm des Bandes ist klar umrissen. Die theoretischen Wissensbestände des Fachs werden, wie Benjamin Steiner in seiner Besprechung der Erstauflage festhält, in vielen Einführungen stillschweigend vorausgesetzt, während Jordan diesem Mangel an Reflexion über die Grundlagen des eigenen Fachs entgegentritt und Studienanfänger:innen an die Theorie- und Methodendiskussion heranführt. Die Anlage ist dabei historiographisch, nicht systematisch. Theorien und Methoden erscheinen als Geschichte der Auseinandersetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind.
Nach einleitenden Kapiteln zu Funktion und Definition von Geschichte sowie zum Umgang mit ihr datiert Jordan den „Beginn der modernen Geschichtswissenschaft“ ins 19. Jahrhundert, dessen Wurzeln er im Verwissenschaftlichungs- und Verfachlichungsprozess des 18. Jahrhunderts verortet. Es folgen der Historismus mit seiner disziplinären Matrix und der Historische Materialismus, deren Streit Jordan als „zweite Sattelzeit“ (ca. 1870–1920) fasst, danach die Schule der Annales und die Volksgeschichte, bevor die beiden letzten großen Kapitel um die befragten Einschnitte von 1945 und von 1989/90 herum gebaut werden und von der Sozial- und Strukturgeschichte über Alltagsgeschichte und Mikrohistorie bis zur Mentalitätengeschichte und zur Neuen Kulturgeschichte führen, in der Jordan die Diskursgeschichte verortet. Max Weber ist der einzige Theoretiker, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Er erscheint bei Jordan als Schlüsselfigur, weil er nach der Lesart des sozialhistorischen Neuanfangs der 1960er Jahre den Konflikt zwischen historistischer und materialistischer Geschichtsschreibung „löste“ und seines fachübergreifenden Interesses wegen „zum personifizierten Inbegriff der Historischen Sozialwissenschaften“ wurde, „die die disziplinäre Enge überwinden wollten“.
Das Schlusskapitel, überschrieben „Alles fließt – Warum Geschichtswissenschaft Demokratie benötigt und bedingt“, stellt den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit der Einzelnen, der offenen Diskussion innerhalb des Fachs und mit der Gesellschaft heraus. Seine Überschrift behauptet ein Wechselverhältnis, in dem die Geschichtswissenschaft demokratische Verhältnisse ebenso voraussetzt, wie sie zu ihnen beiträgt. Begleitet wird der Text von über dreißig grafisch hervorgehobenen Definitionsboxen, für die das Buch ein eigenes Verzeichnis führt und in denen Begriffe wie Sattelzeit, Historismus oder Oral History erklärt werden, während kapitelweise Literaturhinweise die weiterführende Literatur erschließen. Der Band lässt sich deshalb ebenso gut aufschlagen wie linear lesen.
Zu finden in der UB Osnabrück: die fünfte Auflage als Online-Ressource, gedruckt die vierte Auflage (Bibliothek Alte Münze, Signatur KXQ 6236-841 8) sowie die Erstauflage im Freihandmagazin.
Die Rezeption der Erstauflage fiel überwiegend positiv aus und würdigte insbesondere die didaktische Anlage. Dirk Fleischer nannte die Darstellung in der Theologischen Literaturzeitung klar, eingängig und didaktisch vorbildlich, Winfried Schulze bezeichnete den Band in H-Soz-Kult als „insgesamt klug angelegt und kenntnisreich geschrieben“. Benjamin Steiner indes formulierte in den sehepunkten einen Vorbehalt, der bis heute Bestand hat: Die synthetische Klarheit, mit der Jordan im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Linien der Kontinuität verbinde und die Brüche der Tradition im Zusammenhang vermittle, gerate bei der Darstellung der Geschichtswissenschaft in der „Postmoderne“ zur bloßen Aneinanderreihung. Schulze kam unabhängig davon zum selben Ergebnis, vermisste in diesem Kapitel „den kritisch-einordnenden Blick“ und hätte sich „eine stärkere Systematisierung und historische Verortung gewünscht“. Dass zwei Rezensenten dieselbe Stelle treffen, macht aus dem Einzelurteil einen Befund, der auf ein strukturelles Problem historiographischer Einführungen verweist, denn je näher die Darstellung an die Gegenwart rückt, desto schwerer fällt die kanonische Verdichtung, solange noch offen ist, was Kanon wird.
Was Jordan gegen Ende des Buches formuliert, verdient dennoch Aufmerksamkeit. Sein ethisches Verständnis von Geschichte findet seinen Ausdruck in einer „dreifachen Verantwortung des Historikers“, und zwar „gegenüber den Fachinhalten, gegenüber den Vertretern und Institutionen der eigenen Wissenschaft und gegenüber einer Öffentlichkeit, deren Bildung und Wohl der ganze Einsatz gilt“; Steiner hat dieses Bekenntnis das immer wiederkehrende Muster von Jordans Ausführungen genannt. Die Trias benennt präzise, was in theoretischen Einführungen leicht in den Hintergrund gerät: dass die Geschichtswissenschaft immer auch eine öffentliche Praxis ist. Weil in der NGHM-Leseliste Carrs Frage danach, was Geschichte sei, unmittelbar neben Jordan steht, lassen sich beide nebeneinander lesen, die Frage und eine institutionelle Antwort darauf.
Der bleibende Beitrag des Bandes liegt weniger in einer einzelnen These als in seiner Form. Historiographische Chronologie, Definitionsboxen und kapitelweise Literaturhinweise haben sich über fünf Auflagen hinweg als tragfähig erwiesen. Wer eine Disziplin einführen will, kann ihre Begriffe ordnen oder ihre Geschichte erzählen. Jordan hat sich für das Erzählen entschieden. Die Selbsthistorisierung der Geschichtswissenschaft ist dabei selbst ein methodischer Zugriff, der Studierenden ihr Fach als gewachsene und kontingente Praxis zeigt, deren nächste Wendung in diesem Buch noch nicht stehen kann.
Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (Orientierung Geschichte, UTB 3104), Stuttgart: UTB / Paderborn: Brill Schöningh, 5. aktualisierte Auflage 2021, 230 S. Die Erstauflage erschien 2009 bei Schöningh mit 228 S.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
Am 1. September 2026 habe ich auf der ICDAR 2026 in Wien die zweite der drei Keynotes gehalten, unter dem Titel »From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding«.
Abb. 1: Die Keynote am 1. September 2026 in Wien, im Hintergrund die Karte der Familie Beltrami aus der Osnabrücker Ausländermeldekartei, von der weiter unten die Rede ist. Foto: (TR)
Ein Historiker steht dort vor einem Plenum von Informatikerinnen und Informatikern und verhandelt nicht historische Befunde sondern die Zusammenarbeit zwischen Dokumentenanalyse und Geschichtswissenschaft. Dieser Bericht ordnet zunächst die Tagung und die Kooperation ein, aus der die Einladung hervorging, hebt sodann einige Beiträge zur Konferenz hervor, auf die mein Vortrag Bezug genommen hat, und führt daraufhin in drei Schritten in das Argument der Keynote ein: wie Verwaltungskategorien entstehen und was auf dem Weg in die Daten mit ihnen geschieht, die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen, und ein Vorschlag zur Frage, wie ein System zwischen dem gelesenen Wert und der von diesem Wert repräsentierten prozessgenerierten Kategorie differenzieren kann.
Die Tagung
Die International Conference on Document Analysis and Recognition ist die zentrale internationale Tagung eines Forschungsfeldes, das sich mit der maschinellen Analyse und Erkennung von Dokumenten befasst. Sie wird von der International Association for Pattern Recognition getragen, genauer von deren Technical Committees TC10 für Graphics Recognition und TC11 für Reading Systems, von denen das erste sie neben dem GREC-Workshop als Flaggschiff führt. Bereits 1991 fand die erste Ausgabe in Saint-Malo statt. Bis 2023 tagte die Konferenz zweijährlich und seit 2024 jährlich, sodass Wien bereits die zwanzigste Ausgabe war.1
Ausgerichtet hat die Tagung die TU Wien, organisiert vom Computer Vision Lab unter den General Chairs Robert Sablatnig und Florian Kleber. Getagt wurde am Campus Gußhaus im 4. Wiener Bezirk. Die Hauptkonferenz fand vom 31. August bis zum 2. September 2026 statt, gerahmt von einem Tutorientag am 30. August sowie zwei Workshoptagen am 3. und 4. September. In das Programm gingen 140 begutachtete Volltextbeiträge aus 300 Einreichungen ein, dazu zwölf Beiträge des Journal Track und acht Berichte aus den Wettbewerben.2
Drei Keynotes gliederten die drei Konferenztage. C. V. Jawahar vom IIIT Hyderabad eröffnete am Montag mit »The Changing Landscape of Document Understanding«. Tong Sun, Senior Director bei Adobe, schloss am Mittwoch mit »The Next Frontier: From Document Understanding to Document Agency«, verschob die Frage also, wie der Titel ankündigt, vom Verstehen von Dokumenten auf deren Handlungsfähigkeit. Der Osnabrücker Beitrag lag am Dienstagmittag dazwischen und zugleich quer zu beiden, weil er weder eine Entwicklungsgeschichte der Dokumentenanalyse erzählte noch deren weitere Aussichten prognostizierte, sondern von außen auf dieses Feld blickte und danach fragte, was Verstehen von der Sache her verlangt, wenn der Gegenstand ein Korpus aus Verwaltungsdokumenten des zwanzigsten Jahrhunderts ist.3
Die Kooperation mit der TU Dortmund
Hinter der Einladung steht eine Arbeit, die 2018 in Osnabrück begonnen hat. Die Arbeitsgruppe NGHM hat damals begonnen, historische Massenquellen maschinell zu erschließen, zunächst zwei Karteien im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück: die Registratur der örtlichen Gestapo mit rund 50.000 Karten und die Ausländermeldekartei mit rund 80.000 Karten. Beide wurden mithilfe der Handschriftenerkennung (und gemeinsam mit externen Partnern) in Datenmodelle überführt. Was zuvor Jahre gekostet hatte, dauerte in diesen Projekten nur Monate.
Der Weg über einen kommerziellen Dienstleister stieß allerdings an seine Grenzen, sobald das Vorhaben wuchs, denn für die drei Millionen Karten eines Folgeprojekts lag der Preis so weit außerhalb dessen, was historische Forschung finanzieren kann, dass das Vorhaben nicht mehr zustande kam. Damit ist ein Punkt berührt, der über den Einzelfall hinausgeht: Historische Daten müssen als kulturelles Erbe im öffentlichen Raum bleiben, und die Werkzeuge zu ihrer Erschließung ebenfalls, weil Forschung sonst später in dieser Dimension nur noch über Abonnements proprietärer Dienste betrieben werden kann. Insofern war unser Pioniervorhaben ein »proof of concept«, der uns dazu motiviert hat, nach offenen Lösungen zu suchen.
Abb. 2: Der gemeinsame Arbeitszusammenhang beim Konferenzabend im Wiener Rathaus, von links Tim Raven, Gernot A. Fink, Christoph Rass, Arthur Matei und Tim Hallyburton. Foto: (TR)
Seither arbeiten wir gemeinsam mit Gernot A. Fink und der Pattern Recognition Group der TU Dortmund. Professor Fink war bei der ICDAR 2026 einer der vier Program Chairs und Mitherausgeber der Proceedings. Der erste Beitrag der Gruppe, an dem auch wir beteiligt waren, erschien 2025 in den Proceedings der ICDAR in Wuhan und machte aus den CM/1-Formularen einen Datensatz, an dem sich prüfen lässt, wie gut große Vision-Language-Modelle (Modelle, die Bild und Text in einem Zug verarbeiten) einen handschriftlichen Namen und ein Geburtsdatum aus sehr wenigen Trainingsbeispielen lesen.4
Die CM/1-Akten sind die Anträge, über die »Displaced Persons« in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Unterstützung bei der International Refugee Organization beantragten. Der Bestand 3.2.1.1 »CM/1 Akten aus Deutschland« der Arolsen Archives umfasst nach der Bestandsbeschreibung über 196.000 Akten mit Hinweisen auf rund 578.000 Namen; der 2025 veröffentlichte Datensatz zählt anders, nämlich in Vorgängen und Personen, und beruht auf 140.114 Einzelvorgängen, von denen nach der Bereinigung 135.951 Deckblätter mit 203.112 Personen bleiben. Der aktuelle Beitrag der Dortmunder Gruppe, den wir als Historiker:innen erneut unterstützen konnten, geht 2026 tiefer in die Akten hinein und weitet die Datenextraktion auf weitere Felder aus.5
Was auf der Tagung zu sehen war
Mehrfach ließ sich in der Keynote selbst auf das Programm der Konferenz verweisen, in dem zahlreiche Beiträge unmittelbar an unsere eigenen Fragen anschlossen und spannende Lösungsperspektiven vorlegten.
Abb. 3: Zwei Seiten desselben Problems, nebeneinander in der Poster Session am Montag. Links der gemeinsame Beitrag aus Dortmund und Osnabrück, rechts die Arbeit von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu. Foto: (CR)
Sehr deutlich konnte ich solche Querbezüge an der Posterwand der Projektpräsentationen ablesen. Dort hingen zwei Arbeiten nebeneinander, die für beide Seiten desselben Problems stehen. Die eine, aus der Osnabrücker und Dortmunder Kooperation hervorgegangen, in Dortmunder Erstautorschaft vorgestellt und dort auch am Lamarr-Institut für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz angesiedelt, behandelt die Informationsextraktion aus Verwaltungsschriftgut des zwanzigsten Jahrhunderts, hier den CM/1-Akten, also aus lesbaren, standardisierten Formularen, von denen es weit mehr gibt, als ein Mensch je durchsehen könnte. Die andere, von Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu, untersucht das Auffinden historischer Dokumentbilder anhand ihres Aussehens und zielt damit auf ältere Handschriften und illuminierte Seiten ab, die entziffert werden müssen, bevor sie gelesen werden können. Im Vortrag habe ich diese beiden Ebenen als »the flood« und »the cipher« bezeichnet, weil die Mustererkennung diese beiden Sphären der Geschichtswissenschaft gleichzeitig bearbeitet. Auf derselben Posterwand stand mit »Writer Retrieval at Scale« von Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink auch eine weitere Dortmunder Arbeit.6
Abb. 4: Der Vortrag von Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall in der Session zur historischen Dokumentanalyse. Foto: (CR)
Zwei Beiträge, die ich am Vortragsmorgen noch hören konnte, sind ebenfalls gleich in meinen Foliensatz gewandert. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall vom schwedischen Reichsarchiv haben in der Session zur historischen Dokumentanalyse unter dem Titel »Quality Prediction for Large Scale HTR – Confidence Is All You Need« das Problem behandelt, wie sich die Qualität einer Handschriftenerkennung dort schätzen lässt, wo im laufenden Betrieb keine Referenztranskription vorliegt. Sie fassen die Aufgabe als Regression auf Seitenebene, die aus dem Bild und den Laufzeitausgaben der Erkennungskette sowohl die Güte der Segmentierung als auch die der Transkription vorhersagt, und finden, dass die Verteilung der Konfidenzwerte über eine Seite mehr trägt als der Mittelwert und die Auskunft von Bild- und Sprachmerkmalen weitgehend überflüssig macht. Die Grundlage bilden nach der im Vortrag gezeigten Übersicht 43.126 vollständig annotierte Seiten aus drei Datensätzen, dem schwedischen Swedish Lion mit 20.727 Seiten aus den Jahren 1550 bis 1900, dem norwegischen Norhand mit 11.203 Seiten und dem dänischen Danish Handwriting mit 11.196 Seiten, dazu eine Prüfmenge von 338 Seiten aus Archiven, die im Training nicht vorkamen. Für ein Archiv, das dabei ist, Millionen Seiten historischer Dokumente zu verarbeiten, und nicht jede einzelne prüfen kann, ist das die Voraussetzung dafür, Qualitätskontrolle überhaupt zu steuern.7
Abb. 5: Der Vortrag von Michael Zhang und Kolleginnen und Kollegen in der Session zur Handschriftenerkennung. Foto: (CR)
Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon haben am selben Vormittag in der Session zur Handschriftenerkennung ihre Arbeit »Democratizing the Medieval English Legal Tradition« vorgestellt. Die Überlieferung des englischen Rechts liegt in handschriftlichen Rollen in stark abgekürztem mittelalterlichem Latein vor, das weltweit nur wenige Fachleute lesen können, während der digitalisierte Teil, wie sie im Vortrag zeigten, bereits rund vier Millionen Seiten umfasst. Aus 193 Straf- und Zivilverfahren der Jahre 1272 bis 1461 haben sie einen Datensatz von 4.029 Zeilen gebaut und erreichen damit eine Wortgenauigkeit von 82 Prozent, die eine nachgeschaltete Korrektur durch ein Sprachmodell auf 88 Prozent hebt. Was daran hängt, führten sie an einem Verfahren von 1375 vor, in dem die Dichter John Gower und Geoffrey Chaucer gemeinsam mit zehn weiteren Männern von einer Agnes verklagt wurden, weil sie deren Erbe unrechtmäßig in Besitz hielten: Die beiden kannten einander demnach näher und mindestens drei Jahre früher, als die Forschung bislang annahm.8
Beide Vorträge sprachen die Frage an, wie aus mehr Dokumenten, als eine Person in ihrem Leben lesen kann, verlässliche historische Daten werden, und damit genau das, was ich weiter unten als den ersten der drei Orte beschreibe. Am Donnerstag wird im Workshop zur historischen Dokumentbildverarbeitung eine weitere Arbeit aus dem Dortmunder Zusammenhang vorgestellt, die dieser Frage forschungspraktisch nachgeht.9
Was Historikerinnen und Historiker brauchen
Für die Hand- und Maschinenschriften sowie die Dokumenttypen, mit denen ich bei meiner Arbeit umgehe, ist die reine Erkennung kein wirklich schwieriges Problem mehr. Multimodale Modelle erreichen auf komplexen historischen Handschriften einstellige Zeichenfehlerraten. Wo ein zweites Modell die Lesung des ersten korrigiert, rücken sie in die Nähe menschlicher Transkriptionen. Auf gedrucktem Material liegen die Fehlerraten noch einmal deutlich niedriger. Ganze Datensätze werden inzwischen maschinell aus Archivscans zusammengesetzt.10 Was die Geschichtswissenschaft darüber hinaus braucht, so mein Argument, ist die Unterscheidung zwischen einem korrekt gelesenen Wert und einer Kategorie, die etwa eine Behörde über einen Menschen verhängt. Zu fragen ist deshalb nicht allein, welchen Wert ein Modell liefern soll, sondern was ein System mit einem Wert anfängt, den es fehlerfrei gelesen hat und der zugleich, wie in vielen der Dokumente, die wir in der NGHM-Gruppe im Rahmen unserer Forschung zu »displaced persons« bearbeiten, ein Zug in einer Verhandlung um das eigene Überleben war.
Mein erstes Beispiel indes stammt aus unserer Analyse der Osnabrücker Ausländermeldekartei: Tullio und Theresa Beltrami kamen im Februar 1905 aus Italien nach Osnabrück und blieben bis an ihr Lebensende. Die Ausländermeldekartei der Stadt wird seit 1930 geführt und enthält rückwirkende Einträge, die bis an die Jahrhundertwende reichen. Die Familie erscheint in ihr erst 1932. Ein Haushalt, der seit einem Vierteljahrhundert in der Stadt lebte, wurde nachträglich als »Ausländer« in den Bestand eingeschrieben. Die Kartei führte diesen Status über Jahrzehnte weiter, bis zu einer Enkelin, die 1957 einen deutschen Staatsangehörigen heiratete und mit dem Vermerk »siehe auch Ausländerkarte« in die Einwohnerkartei überführt wurde. Die italienische Staatsangehörigkeit der Familie war eine Tatsache vor alledem. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt der größte Teil der Familie nie. Was die Karte in der Ausländermeldekartei allerdings hervorbrachte, war ein Status als verwaltete »Ausländer« in eben der Stadt, die die Beltramis ihre Heimat nannten und in der ihre Töchter geboren wurden. Die Kartei hat die Familie nicht nur verzeichnet; sie hat ihr eine Position zugewiesen und diese über drei Generationen reproduziert.
Abb. 6: Die Karte der Familie Beltrami in der Osnabrücker Ausländermeldekartei. Zugezogen 1905, eingetragen 1932. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.
Genau das meinen wir, wenn wir in der reflexiven Migrations-forschung von einer Kategorie sprechen. Der Unterschied zum Sprachgebrauch der Informatik ist dabei ausdrücklich festzuhalten: Dort ist eine Kategorie eine Klasse, die zugewiesen wird und für die eine ground truth sagt, welche die richtige ist, während sie in der kritischen Geschichtswissenschaft (oder Migrationsforschung) eine Entscheidung bezeichnet, die ein Amt über einen Menschen getroffen, in ein Feld geschrieben und danach gegen ihn geltend gemacht hat, ohne dass irgendeine Lesung der Karte sagen könnte, ob diese Kategorisierung richtig oder wahr war.
Dass Kategorien nicht vorgefunden, sondern hergestellt werden, ist nicht einfach eine singuläre Beobachtung an dieser einen Karte. Diese Einsicht ist die Arbeitsgrundlage des Sonderforschungsbereichs 1604 »Produktion von Migration«, in dem wir in Osnabrück forschen und der Migration als das »Produkt eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses« versteht, in dem »Kategorisierungen von Menschen, Gruppen und Praktiken« sich zu sozialen Figuren verdichten und die weiteren Aushandlungen prägen.11 Eine Ausländermeldekartei ist ein Ort, an dem sich dieser Vorgang Karte für Karte und über ein halbes Jahrhundert hinweg beobachten lässt. So gesehen erschließt, wer solche Bestände maschinell erschließt, keine Eigenschaften von Personen, sondern die Spuren eines Herstellungsvorgangs.
Meine eigene Disziplin hat daran ihren Anteil. Sie hat Wörter wie »Ausländer« verwendet, als bezeichneten sie eine Art von Menschen, die man untersuchen, zählen und erklären kann, obwohl diese Wörter in einem Amt entstanden sind und eine Kategorisierungsentscheidung festhalten. Rogers Brubaker und Frederick Cooper haben für diesen Fehler einen Begriff geprägt, nämlich die Verwechslung von Kategorien der Praxis, nach denen Menschen regiert wurden, mit Kategorien der Analyse, mit denen wir sie erklären.12 Die Karte ist dabei nicht der Fehler, sie ist das Material. Der Fehler liegt in einer Wissenschaft, die das Wort des kategorisierenden Apparates übernimmt und es zu ihrem eigenen Instrument macht. Eine Zählung kann also schon darin falsch sein, wie sie eine Kategorie zählt, lange bevor eine ihrer Zahlen nicht stimmt.
In meinem Beitrag habe ich drei Orte unterschieden, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der geschichtswissenschaftlichen Arbeit ankommen. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kriterium der Geltung. Am ersten Ort findet die Erschließung statt: Eine Quelle wird in digitale, lesbare, strukturierte Daten überführt. Dort gibt es eine ground truth, denn das Zeichen steht in einem Dokument, gegen das sich jede Lesart prüfen lässt. Der zweite Ort ist das Berechnen, bei dem auf den erschlossenen Daten gemessen wird. An die Stelle der ground truth tritt hier die Nachvollziehbarkeit, weil nicht mehr ein einzelner Wert geprüft wird, sondern die Art und Weise, in der dieser Wert erzeugt wird. Ein fehlerhaftes Skript lässt sich lesen und prüfen, ein von einem Modell halluziniertes Ergebnis allerdings nicht. Gebaut wird am dritten Ort, wo das Korpus entsteht, an dem sich eine historische Frage überhaupt stellen lässt. Dort wartet kein Etikett auf der Seite, denn ob ein Dokument zu einer Frage gehört, ist keine Eigenschaft dieses Dokuments, sondern ein Urteil, das jemand fällt und verantwortet.
Wie sich die Arbeit an diesen drei Orten anfühlt, habe ich im August 2026 bei meiner Forschung in vier Archiven in Oregon erfahren. Mit einem Dokumentscanner, der das Papier nicht berührt, entstanden dort Digitalisate von rund 6.000 Seiten historischer Dokumente in Handarbeit, während mir eine bereits mitlaufende Auswertung anzeigte, welche Kartons aus dem Magazin ich in meiner Bestellliste womöglich übersehen hatte und welche sich im Licht erster Auswertungen doch als relevant erweisen könnten. Parallel dazu schrieb und lief ein generatives System Skripte, die auf der Grundlage der ersten Dokumentauswertung dutzende bereits digitalisierte Sammlungen durchsuchten und rund vierhunderttausend weitere Dokumente zu meiner Fragestellung zusammentrugen, jeden Treffer mit Quelle, Repositorium, Abrufdatum und Prüfstand versehen.
Das eine Korpus entstand im Tempo eines Menschen, das andere in der Geschwindigkeit eines digitalen Rechercheprozesses. Beide Erträge liegen nun in demselben Arbeitsbestand, aus dem ich die Analyse des Materials entwickle. Dieser Bestand ist deshalb ein ungleiches Gebilde: Von den vor Ort selbst aufgenommenen Seiten ist bekannt, warum sie im Karton lagen und warum ich sie ausgewählt habe, von den vierhunderttausend maschinell gezogenen Dokumenten dagegen nur, nach welchem Suchkriterium sie gefunden wurden, nicht aber, was im Repositorium neben ihren digitalen Repräsentationen liegt oder was im analogen Archiv verblieben ist und nie digitalisiert wurde. Wer aus einem solchen Bestand argumentiert, muss angeben können, aus welchem Teil eine Aussage stammt, und braucht eine Lesart, die zwischen dem Muster in der Masse und dem einzelnen, sprechenden Dokument Brücken schlägt. Martin Mueller hat das scalable reading genannt.13
Abb. 7: Die drei Orte, an denen die Werkzeuge der Dokumentanalyse in der historischen Arbeit ankommen. Foliensatz Christoph A. Rass.
Vom ersten Ort, dem Erschließen, braucht die historische Arbeit drei Dinge. Das Erste ist eine Konfidenz zu jedem gelesenen Wert, also die Angabe, für wie sicher das Modell seine eigene Lesart hält. Dazu tritt eine Provenienz: Gemeint ist hier nicht die archivische Herkunft aus einem Bestand, sondern der Verweis auf die Stelle der Karte, aus der der Wert stammt. Ein Wert ohne diese beiden Angaben ist für uns Historiker:innen eine Tatsache ohne Fußnote. Als Drittes verlangt die Arbeit aber womöglich auch ein Attribut, das angibt, ob ein Feld bereits eine Entscheidung enthält. Wo eine Behörde festgelegt hat, welche Werte in einem Feld überhaupt vorkommen dürfen, ist die Deutung bereits vorgeprägt, bevor irgendeine geschichtswissenschaftliche Frage gestellt wird. Ein System, das diesen Umstand festhält, statt ihn zu überschreiben, macht die Stelle sichtbar, die später weiter befragt werden muss.
Abb. 8: Die Registratur der Osnabrücker Gestapo, 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei begonnen. Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Rep 439 Nr. 3227.
Auch am Beispiel der Osnabrücker Gestapo-Registratur lässt sich ablesen, was mit einer Kategorie auf ihrem Weg durch die Zeit geschieht. Die Kartei (sie ist eine von nur wenigen in Deutschland erhaltenen Gestapo-Registraturen) wurde 1928 als Kartei einer demokratischen Polizei angelegt. Nach 1933 wurde sie in denselben Karteikästen, auf denselben Formularen und in denselben Handschriften zum Instrument der Geheimen Staatspolizei des NS-Regimes. Kein einziges Zeichen musste sich ändern, damit sich die Bedeutung der Karten vollständig wandelte. Eine einfache Dokumentenanalyse liest die Karte von 1928 und die von 1938 gleich. Ein Verstehen kann sich das nicht leisten, weil zwischen beiden Karten ein Regimewechsel liegt.
Abb. 9: Die vier Momente, in denen nach Michel-Rolph Trouillot Verstummen entsteht, übertragen auf die Verarbeitungsketten der Dokumentanalyse. Foliensatz Christoph A. Rass.
Michel-Rolph Trouillot hat am Beispiel der Haitianischen Revolution gezeigt, wie Vergangenheit in der Geschichte zum Schweigen gebracht wird. Sein geschichtstheoretisches Modell verortet die Produktion dieses Schweigens in vier Momenten: beim Herstellen der Quellen, beim Herstellen der Archive, beim Herstellen der Erzählungen und bei der Herstellung von Bedeutung, die eine Gesellschaft dem Geschehenen als erzählte Geschichte im Rückblick zubilligt.14
Diese vier Momente wandern nun auch in die Verarbeitungsketten digitaler Dokumentanalyse und der Weiterverarbeitung der so gewonnenen Daten: in die Datenmodellierung, die vorab entscheidet, was überhaupt ein Feld werden darf; in die Auswahl dessen, was digitalisiert und wie es klassifiziert wird; in Ranking und Retrieval, die dem Digitalisierten einen durchsuchbaren Schatten geben, der es größer erscheinen lässt als alles Nichtdigitalisierte daneben; und schließlich in die flüssige Antwort eines Modells auf die Frage, was eine »displaced person« gewesen sei. Eine Bedingung liegt vor allen vieren: Ausgewählt, digitalisiert, modelliert und verallgemeinert werden kann nur, was überliefert ist. Die Bestände dieses Vortrags sind sämtlich Behördenschriftgut, das eine Verwaltung erzeugt und ein Archiv zu verwahren hatte.
Die Verzerrung der Überlieferung wächst in der digitalen Verarbeitung nicht notwendigerweise; sie verändert aber womöglich deren Sichtbarkeit: Im analogen historischen Dokument liegt die Entscheidung offen, im relationalen Schema ist sie schon ein Stück zurückgetreten, im trainierten KI-Modell (LLM) liegt sie über die Gewichte verteilt tief im System begraben. Finola Finn und Donal Khosrowi haben das Ergebnis dieser Produktion von Geschichte instant history genannt, die flüssige, unmittelbare Antwort eines LLMs, die verbirgt, wie jede Quelle immer bereits vermittelt war.15
Wie praxisrelevant das Problem ist, verdeutlicht ein Fall aus den CM/1-Akten. Im Januar 1948 beantragte eine Person bei der International Refugee Organization Unterstützung und gab als Nationalität »Türkisch« an, als Geburtsort »Istanbul«. Der zuständige eligibility officer schrieb das auf, zweifelte aber an dieser Erzählung und fragte bei der Stadt Osnabrück nach, unter welcher Kategorie dieser Arzt dort geführt werde. Die Auskunft kam aus derselben Kartei, aus der auch die Karte der Beltramis stammt: seit dem 1. Oktober 1943 war der Betreffende in Osnabrück verzeichnet, und zwar mit dem Geburtsort »Baku« in der Sowjetunion. Beide Einträge sind sauber lesbar und für die Dokumentenanalyse ohne Weiteres zu erfassen, wahr sein können sie indes nicht beide.
Abdulhalik Aleskerow war tatsächlich ein Feldarzt der Roten Armee aus Aserbaidschan, geriet 1942 in deutsche Gefangenschaft, durchlief das Lager Wustrau, in dem die Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene prüfte, die zur Kollaboration bereit waren, und wurde ab 1943 als Arzt in einem Zwangsarbeitslager in Osnabrück eingesetzt; er hatte seine biographische Erzählung geändert, weil eine Rückführung in die Sowjetunion für ihn sehr wahrscheinlich den Tod bedeutet hätte.
Abb. 10: Zwei Einträge zu einer Person, beide korrekt zu lesen, beide nicht zugleich zutreffend. Arolsen Archives 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584.
Im Juni 1950 wurde ihm schließlich der DP-Status aberkannt, weil vermutlich jemand aus der Formulierung, er habe die Türkei »auf eigenen Wunsch« verlassen, geschlossen hatte, ein freiwillig Gewanderter sei gar nicht verschleppt worden. Sechs Jahre lang stritten danach Behörden und Gerichte darüber, was er sei, und verwendeten dabei sieben Kategorien: »displaced person«, »heimatloser Ausländer«, »staatenlos«, »Muslim«, »Straftäter«, »Sowjetbürger«, »türkischer Staatsangehöriger«. 1956 hob ein Gericht die Ausweisungsverfügung auf. Aleskerow lebte bis 1977 in Osnabrück.16
Für eine Systemarchitektur folgt daraus, dass eine Konfidenz allein auf Lesbarkeit hinweisen kann; Aleskerows Akte war lesbar. Ob eine Kategorie umstritten ist, wie sie hergestellt und wem sie zugewiesen wurde, lässt sich der Lesbarkeit eines Eintrags nicht entnehmen. Ein komplexer Konfidenzwert, wie ihn die Geschichtswissenschaft produktiv nutzen könnte, braucht mehr.
Mein Vorschlag für ein Weiterdenken dieser Problemstellung verteilt die Arbeit deshalb auf zwei Modelle, die miteinander und mit uns Historiker:innen sprechen. Das erste, das Quellenmodell, fragt, was ein Dokument materiell und in seiner Überlieferung ist. Es liefert strukturierte Felder, heftet an jedes Feld eine Konfidenz und eine Provenienz und endet in einem quellenverankerten Graphen, also einer Datenstruktur, in der jede Aussage an ihre Belegstelle gebunden bleibt; über Bedeutung behauptet es nichts; seine Arbeit könnte uns an die äußere Quellenkritik im geschichtswissenschaftlichen Methodenseminar erinnern. Das zweite, das Expertenmodell, fragt, was das Dokument bedeutet und wie weit ihm zu trauen ist. Es markiert »Ausländer« als eine vom Amt hergestellte Kategorie, datiert die rückwirkende Eintragung der Beltramis von 1932 als interpretatives Ereignis, hält die Mehrdeutigkeit dort offen, wo die Quelle sie offengelassen hat, und verknüpft den Querverweis von 1957 über zwei Bestände hinweg.
Abb. 11: Der Vorschlag der Keynote. Ein Quellenmodell, ein Expertenmodell, und der Austausch zwischen beiden. Foliensatz Christoph A. Rass.
Der eigentliche Vorschlag liegt im Austausch zwischen beiden. Wo das Quellenmodell unsicher ist, schließt das Expertenmodell die Lücke nicht still, es fordert die Bildregion hinter dem Wert an und verzichtet auf eine Antwort, wenn diese nicht eindeutig ausfällt. Ein umstrittener Wert wird markiert und an eine andere Instanz oder an einen Menschen weitergereicht. Jeder Schritt wird protokolliert; das erzeugt die Nachvollziehbarkeit, die am zweiten Ort an die Stelle der ground truth tritt, und sie erlaubt es, auch so komplexe Analysen intersubjektiv zu prüfen. In der Sprache der Dokumentanalyse handelt es sich um selective prediction with abstention und ein Provenienzprotokoll. Neu ist weder das eine noch das andere. Was diese Schleife für die Geschichtswissenschaft bedeutet, hat Andreas Fickers digitale Hermeneutik genannt, das alte Handwerk der Interpretation, aktualisiert für Quellen, die eine Maschine bereits verarbeitet hat.17 Eine Frage bleibt dabei offen: wie ein solches Expertenmodell zu bauen und zu trainieren wäre.
Abb. 12: Der vorgeschlagene Maßstab in drei Teilen. Zwei davon kann das Feld allein spezifizieren, der dritte entsteht nur gemeinsam. Foliensatz Christoph A. Rass.
Eine Idee dazu habe ich in Wien als Diskussionsbeitrag vorgetragen, einen Maßstab aus drei Teilen. Die ersten beiden kann die Dokumentanalyse allein spezifizieren: eine Quellenbindung, gemessen als evidence attribution, bei der ein Befund nur zählt, wenn er nachweisbar auf die korrespondierende Stelle in der Quelle zurückzuführen ist; und eine kalibrierte Unsicherheit, die das offene Eingeständnis von Zweifel des Systems belohnt und die Produktion falscher Zuversicht härter bestraft als die ehrliche Zurückhaltung, die Lücken benennt. Der dritte Teil entstünde nur gemeinsam. Er prüft, ob ein Modell eine Kategorie als solche erkennt, also den Begriff, den eine Behörde produziert oder reproduziert, als hergestellte Kategorie markiert, statt ihn als einfache Tatsache über die Person weiterzureichen.
Wie hilfreich das wäre, zeigt die für Osnabrück ausgewertete Teilmenge der CM/1-Akten: In 575 Einträgen mit einer Religionsangabe und 584 mit einer Nationalitätsangabe stehen je sechzehn verschiedene Werte, in denen »Muslim« neben »Mohammedan« steht, »Jewish« neben »Hebrew«, und in denen »Jewish« zugleich als Nationalität auftaucht.18 Niemand hat diese Werte normalisiert. Deshalb hat die von den Werten repräsentierte Aushandlung im Durcheinander des Quellenmaterials überlebt. Bisher annotiert selbst unser veröffentlichter Datensatz in seiner zweiten Fassung zwar Nationalität, Geburtsort und Religion, aber keinen einzigen dieser Werte als umstritten. Der nächste Schritt wäre entsprechend ein Durchgang, in dem zwei Historiker:innen jeden Wert als geklärt oder umstritten markieren, ihren Dissens protokollieren und ein Modell dagegen gemessen wird, bis sichtbar ist, woran es scheitert und wie die dritte Dimension des Maßstabs erreicht werden kann.
Was offenbleibt
Abb. 13: Die Schlussfrage der Keynote. Foliensatz Christoph A. Rass.
Welchen Anteil haben unsere methodischen Entscheidungen an der Herstellung der epistemologischen Rahmungen, in denen wir schließlich mit digitalen Methoden arbeiten? Die Beltramis haben in meinem Vortrag einen Namen, weil Handschriftenerkennung ihre über viele Karten der Ausländermeldekartei verstreuten Einträge gelesen und record linkage (die Zusammenführung von Einträgen zu derselben Person über Bestände hinweg) ihnen über fünfzig Jahre hinweg wieder eine Geschichte gegeben hat. Dieselben Werkzeuge, die auf diese Art und Weise einen Bestand aufschließen können, können ihn indes auch schließen. Ein Leben als Datensatz zurückzugewinnen kann dieses Leben zugleich ein zweites Mal zum Objekt machen. Was von beidem eintritt, hängt von der Perspektive ab, die wir uns empirisch und methodisch erarbeiten. Dass der Einsatz komplexer digitaler Werkzeuge und selbstverständlich auch von künstlicher Intelligenz die Art und Weise verändert, wie Vergangenheit in Geschichte übersetzt wird, ist längst entschieden; offen ist, wie wir diesen Technologiesprung mit all seinen Konsequenzen als Geschichtswissenschaft und im Dialog mit anderen Disziplinen gestalten. Das ist nicht nur eine technische oder fachwissenschaftliche, sondern letztlich vor allem eine kulturelle Frage.
Zu Ort und Gremien ICDAR 2026, Conference Venue und Committees, Abruf 02.09.2026. Die Zahl der angenommenen und eingereichten Beiträge sowie die acht Wettbewerbsberichte nach dem Klappentext des Tagungsbandes: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, hrsg. von Gernot A. Fink, Alicia Fornés, Koichi Kise und Daniel Lopresti, Lecture Notes in Computer Science 16972–16975, Cham 2026; die zwölf Beiträge des Journal Track nach dem Programm, Abruf 03.09.2026.↩︎
ICDAR 2026, Keynote Speakers und Programm, Abruf 02.09.2026. Daneben standen am Dienstag die beiden Vorträge zum Young Investigator Award von Silvia Cascianelli und Jorge Calvo-Zaragoza.↩︎
Fabian Wolf, Oliver Tüselmann, Arthur Matei, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: CM1 – A Dataset for Evaluating Few-Shot Information Extraction with Large Vision Language Models, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2025, Teil II (Lecture Notes in Computer Science 16024), Cham 2025, S. 23–39, DOI 10.1007/978-3-032-04617-8_2; Preprint arXiv:2505.04214. Zu den Größenangaben ist Vorsicht geboten, weil drei Zählungen nebeneinanderstehen: Die Bestandsbeschreibung der Arolsen Archives nennt für 3.2.1.1 über 196.000 Akten und Hinweise auf rund 578.000 Namen, der genannte Beitrag spricht von rund 350.000 erhaltenen Fallakten des gesamten CM/1-Programms, und die Sprechfassung der Keynote nannte rund 155.000 Akten. Die Angaben zum Datensatz selbst (140.114 Vorgänge, 135.951 Deckblätter, 203.112 Personen) sind dem Beitrag entnommen.↩︎
Arthur Matei, Tim Hallyburton, Lukas Hennies, Christoph Rass und Gernot A. Fink: Recent Advances in Information Extraction from Historical Archival Records, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026, Teil III (Lecture Notes in Computer Science 16974), Cham 2026, S. 87–103, DOI 10.1007/978-3-032-36039-7_6.↩︎
Poster Session #1, Montag, 31. August 2026. Melissa Cote und Alexandra Branzan Albu: An Exploratory Study of Text-to-Image Generation for Query-by-Example Retrieval of Historical Document Images; Tim Raven, Tim Hallyburton und Gernot A. Fink: Writer Retrieval at Scale.↩︎
Oral Session #7, Historical document analysis, Dienstag, 1. September 2026. Erik Lenas, Viktoria Löfgren und Olof Karsvall: Quality Prediction for Large Scale HTR. Confidence Is All You Need, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 450–466, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_26. Alle drei arbeiten am schwedischen Reichsarchiv in Stockholm. Die Angaben zu den verwendeten Datensätzen sind der im Vortrag gezeigten Übersicht entnommen, die als Abbildung 4 wiedergegeben ist.↩︎
Oral Session #6, Handwriting recognition, Dienstag, 1. September 2026. Michael Zhang, Elise Wang, Charlotte Whatley, Seth Strickland und Dylan Bannon: Democratizing the Medieval English Legal Tradition, in: Document Analysis and Recognition – ICDAR 2026 (Lecture Notes in Computer Science 16972), Cham 2026, S. 378–394, DOI 10.1007/978-3-032-36023-6_22; Preprint arXiv:2605.00977. Das Material stammt aus den King’s Bench Rolls, Common Pleas Rolls und Justices Itinerant Rolls des Anglo-American Legal Tradition Archive. Die Angaben zum Umfang des digitalisierten Bestandes und der Fall von 1375 stammen aus dem Vortrag.↩︎
Tim Hallyburton, Anna Scius-Bertrand, Arthur Neto, Andreas Fischer und Gernot Fink: Reconstruction Error Ratios for Prototype-Anchored Unsupervised Learning in Optical Character Recognition, 8th International Workshop on Historical Document Imaging and Processing, Donnerstag, 3. September 2026.↩︎
Mark Humphries, Lianne C. Leddy, Quinn Downton u. a.: Unlocking the archives. Using large language models to transcribe handwritten historical documents, in: Historical Methods 58 (2025), H. 3, S. 175–193, DOI 10.1080/01615440.2025.2500309; Gavin Greif, Niclas Griesshaber und Robin Greif: Multimodal LLMs for OCR, OCR Post-Correction, and Named Entity Recognition in Historical Documents, arXiv:2504.00414 (2025); Niclas Griesshaber und Jochen Streb: Multimodal LLMs for Historical Dataset Construction from Archival Image Scans. German Patents (1877–1918), arXiv:2512.19675 (2025), mit 306.070 Patenten aus 9.562 Archivscans. Zur Verlagerung vom Lesen zum Bauen ferner Jan Černý, Kiril Avramov und Liladhar R. Pendse: A multi-stage agentic AI system for extracting information from large digital archives. Case study on the Czechoslovak year 1968 in CIA’s FOIA collection, in: The Electronic Library (2026), DOI 10.1108/EL-06-2025-0272, deren Fazit ich mir zu eigen mache: Der Effizienzgewinn ist real, die interpretatorische Verantwortung wandert nicht.↩︎
DFG-Sonderforschungsbereich 1604 »Produktion von Migration«, Universität Osnabrück, Projektnummer 501120656, Sprecher Andreas Pott, seit 2024. Die zitierten Wendungen nach der Projektbeschreibung in GEPRIS, Abruf 02.09.2026; ferner das Forschungsprogramm des SFB.↩︎
Rogers Brubaker und Frederick Cooper: Beyond »identity«, in: Theory and Society 29 (2000), H. 1, S. 1–47, DOI 10.1023/A:1007068714468.↩︎
Martin Mueller: Shakespeare His Contemporaries. Collaborative curation and exploration of Early Modern drama in a digital environment, in: Digital Humanities Quarterly 8 (2014), H. 3. Die Oregoner Feldphase im August 2026 gehört zur Arbeit im SFB 1604.↩︎
Finola Finn und Donal Khosrowi: AI assistants in the archive and the lure of »instant history«, in: Cambridge Forum on AI. Culture and Society 2 (2026), Artikel e6, DOI 10.1017/cfc.2025.10012.↩︎
Jessica Wehner und Christoph Rass: Disputed (Non-)Belonging. Migrant Agency in the European Displacement Crisis 1945–56, in: Journal of Contemporary History, OnlineFirst Dezember 2025, DOI 10.1177/00220094251396890. Die beiden abgebildeten Dokumente stammen aus den Beständen 3.2.1.1/78872005 und 2.1.2.1/70716584 der Arolsen Archives; die Auskunft der Stadt Osnabrück entstammt der Ausländermeldekartei, Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Dep 3 c Akz. 2019/83.↩︎
Andreas Fickers: Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschungen 17 (2020), H. 1, S. 157–168, DOI 10.14765/zzf.dok-1765; ferner Andreas Fickers, Juliane Tatarinov und Tim van der Heijden: Digital history and hermeneutics. Between theory and practice, in: Andreas Fickers und Juliane Tatarinov (Hg.): Digital History and Hermeneutics, Berlin/Boston 2022, S. 1–20, DOI 10.1515/9783110723991-001.↩︎
Auswertung der für Osnabrück verarbeiteten Teilmenge des Bestandes 3.2.1.1 der Arolsen Archives, vorgestellt auf Folie 13 der Keynote. Die Teilmenge umfasst die CM/1-Akten von Personen, die in Osnabrück verblieben sind.↩︎
Zur Keynote: Christoph A. Rass, From Archives to Algorithms and Back: What Historians Need from Document Understanding, Keynote #2 der ICDAR 2026, TU Wien, 1. September 2026. Die Arbeiten, über die der Vortrag berichtet, entstehen gemeinsam mit Gernot A. Fink, Arthur Matei und Tim Hallyburton (Pattern Recognition Group, TU Dortmund), mit Lukas Hennies, Jessica Wehner und dem Team der Arbeitsgruppe NGHM der Universität Osnabrück, in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, den Arolsen Archives und dem SFB 1604 »Produktion von Migration«.