Lässt sich ein Jahrhundert, das man selbst durchlebt hat, mit den Mitteln der Geschichtsschreibung fassen, und wenn ja, um welchen Preis? Eric J. Hobsbawms The Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914–1991, der neuteTitel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Globalgeschichte und Sozialgeschichte, beantwortet diese Frage mit einer Periodisierung, die Schule gemacht hat, und einer pessimistischen Diagnose, die bis heute Widerspruch hervorruft.

Als Hobsbawm 1994 bei Michael Joseph in London den Schlussband seiner Tetralogie zur Geschichte des langen 19. und kurzen 20. Jahrhunderts vorlegte, war er Mitte siebzig. 1936 war er als Student in Cambridge der Communist Party of Great Britain beigetreten, 1991, beim Ende der Partei, ließ er die Mitgliedschaft halbherzig erlöschen. Drei Jahre später erschien das Buch, dessen letztes Kapitel die Bilanz des ›Realen Sozialismus‹ enthält. Niall Ferguson, dessen politische Position weit von Hobsbawm entfernt ist, hat die Tetralogie als beste Einführung in die moderne Weltgeschichte in englischer Sprache bezeichnet, eine Würdigung, die zeigt, wie weit die Leserschaft des Werks ihre disziplinären und ideologischen Grenzen längst überschritten hat.
Die Architektur des Buches ist streng. Auf ein einleitendes Überblickskapitel folgen drei Teile: ›The Age of Catastrophe‹ für die Jahre 1914 bis 1950, ›The Golden Age‹ für die Jahre 1950 bis 1973 und ›The Landslide‹ für die Zeit von 1973 bis 1991. Die neunzehn Kapitel sind weitgehend eigenständig komponiert und behandeln den totalen Krieg, die Russische Revolution, die Weltwirtschaftskrise, das Ende des Liberalismus und den Aufstieg der Diktaturen, die Anti-Faschismus-Allianz, die Dekolonisation, das Goldene Zeitalter, die Krise der 1970er Jahre und das Ende des ›Realen Sozialismus‹. Eigene Kapitel zu Kunst, Kultur und Naturwissenschaften erweitern den Zugriff über eine Politik- und Wirtschaftsgeschichte hinaus.
Hobsbawm schreibt keine Ereignisgeschichte. Vielmehr will er drei große Veränderungen seiner Lebenszeit erklären: den Niedergang europäischer Vormacht, die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹ durch die Revolution in Kommunikation und Transport sowie den Zerfall früherer sozialer Beziehungsmuster. Aus dieser Trias entwickelt sich eine globale Erzählung, in der die Krise ab den frühen 1970er Jahren nicht bloß als ökonomisches Phänomen erscheint, sondern als Erschütterung der institutionellen und ideologischen Grundlagen aller Regime. Im Schlusskapitel diagnostiziert Hobsbawm einen Verlust an staatlicher Steuerungsfähigkeit. Damit kündigt er nicht den Triumph des demokratischen Kapitalismus an, den die zeitgenössische Publizistik nach 1989 ausrief, sondern eine drohende Anarchie. In seiner Analyse der Russischen Revolution formuliert er pointiert, dass der Kapitalismus sich an seinen Rändern leichter überwinden ließ als in seinen Stammländern: eine Spannung, in der das ganze Werk seine Position hält, nämlich die Anerkennung der Stabilität des Kapitalismus dort, wo der Marxist Hobsbawm ihn am liebsten überwunden gesehen hätte.
Genau hier setzt die Kontroverse an, die das Buch bis heute begleitet. Lawrence Freedman würdigte in seiner Rezension Hobsbawms umfassende Analyse und seinen weiten Bogen und erklärte den Band zum Maßstab für Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Zugleich hielt er Hobsbawms Sicht auf den Kapitalismus als unbändige und intrinsisch extremistische Kraft sowie seine Sorge vor einer triumphierenden Anarchie für nicht überzeugend. Auch die Etiketten der Periodisierung stießen in der Rezeption auf Vorbehalte: Die Zeit nach 1973 als ›Landslide‹ zu beschreiben, als seien die Dinge seitdem stetig bergab gerollt, erschien mehreren Kritikern kaum überzeugend – Tony Judt überschrieb seine Besprechung nicht zufällig mit ›Downhill All the Way‹. Die durchgängig unsympathische Behandlung der USA führe, so Freedman, zu einem unzureichenden Verständnis der globalen Anziehungskraft des ›American way‹. Eine andere Kritiklinie betrifft die Quellenbasis: Das Buch stützt sich fast ausschließlich auf Sekundärliteratur, deren Grenzen gelegentlich sichtbar werden, und der Raum, den Hobsbawm dem Sozialismus einräumt, lässt eigene Voreingenommenheiten erkennen. Von links wiederum las die Internationalist Communist Review das Buch als Ausdruck einer Wandlung Hobsbawms vom Stalinisten zum Verteidiger ›demokratischer Werte‹: ein Vorwurf aus entgegengesetzter Richtung.

Trotz dieser Vorbehalte ist die zentrale Setzung des Buches in das Vokabular der Globalgeschichte eingegangen. Mit dem ›kurzen 20. Jahrhundert‹, als Pendant zum ›langen 19. Jahrhundert‹, hat Hobsbawm eine bis heute prägende Periodisierung etabliert. Die Dreiteilung in Katastrophe, Goldenes Zeitalter und Landslide strukturiert die Erzählung der Epoche weit über das eigene Werk hinaus. Wer die Geschichte des Westens nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern in den ungleichen Schüben von Kapitalismus und Klassenbildung sowie in der Wucht des Nationalismus erzählen will, kann hinter diesen Zugriff kaum zurück.
An einer Stelle bleibt das Buch dabei eigentümlich blass: Migration. Hobsbawm registriert die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹, ohne die Bewegungen von Menschen, also Vertreibungen, Arbeitsmigrationen, Fluchten, Displaced Persons der Nachkriegszeit, als eigenständigen Strang seiner Erzählung zu führen. Mit Wymans DPs, dem ersten Titel zur Flüchtlingsgeschichte auf unserer Liste, wird sichtbar, was bei Hobsbawm strukturell unterbelichtet bleibt: dass die Produktion von Migrationsregimen kein Nebenphänomen des kurzen 20. Jahrhunderts war, sondern einer seiner Kernprozesse.
Was bleibt, ist eine Periodisierung, die ihr eigenes Datum trägt: 1991 als Endpunkt, geschrieben von einem Historiker, der diesen Endpunkt selbst als Zäsur seiner politischen Biografie erlebt hatte.
Osnabrücker Studierende finden Hobsbawms The Age of Extremes im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4595-484 9 (OPAC).
Eric J. Hobsbawm (1917–2012), The Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1914–1991, London: Michael Joseph 1994.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.