NGHM-Tracker (7/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juni brachte eine bemerkenswerte thematische Dichte: Displacement, Erinnerung und die Frage, wessen Erfahrungen in der Geschichtsschreibung sichtbar werden – und wessen nicht. Im Zentrum stand der Vortrag von Samantha Knapton über queere Erfahrungen von Vertreibung im Nachkriegseuropa, der zugleich Anlass war, grundsätzlicher über die blinden Flecken klassischer Migrationsgeschichte nachzudenken. Hinzu kamen Einblicke in die Konferenzreisen von Team NGHM. Was die Beiträge und Ereignisse des Monats verband, war eine gemeinsame Frage, die selten so klar hervortrat: Wie entscheiden wir, welche Geschichten erzählt werden – und mit welchen Methoden lassen sie sich überhaupt fassen?

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juniausgabe des Newsletters.

Einblicke

Das NGHM-Team richtete gemeinsam mit IMIS und SFB 1604 am 4. Juni die vierte Alfred-Landecker-Lecture (organisiert von Dr. Sebastian Musch) aus. Samantha Knapton (Nottingham) sprach zu ihrem Konzept “twice displaced”: Queere NS-Verfolgte, die Lager überlebten, erfuhren mit Kriegsende keinen Ausschluss aus einem Territorium mehr, sondern aus Anerkennung und Historiographie – die Nachkriegsjahre bezeichnete Knapton als “straightestes” Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Anhand des Falles Pierre Seels zeigte sie, wie ein Betroffener nie staatliche Anerkennung erhielt und 2005 staatenlos starb.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Methodisch plädierte Knapton dafür, queere Leerstellen im Archiv nicht als Quellenlücke, sondern als Produkt der Kategorien selbst zu lesen (etwa des fortgeltenden §175). Eine rein empiristische Lektüre der Akten reproduziere epistemische Gewalt. In der Diskussion blieb offen, wo die Grenze zwischen disziplinierter Rekonstruktion und Hineinlesen ins Schweigen verläuft.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Christoph Rass nahm vom 18. bis zum 20. Juni an einer Tagung des Dokumentations- und Lernorts Bückeberg, der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten und der Leibniz Universität Hannover teil, die der Frage “Die NS-Gesellschaft als ‘Volksgemeinschaft’?” nachging. Im Zentrum standen soziale Praktiken statt Begriffsetiketten – am Tagungsort selbst, dem Schauplatz der “Reichserntedankfeste” (1933–1937).

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)
Das Wesertal als Kulisse der Inszenierung)

Der Workshop präsentierte Ergebnisse aus dem DFG-Projekt “Überwachung. Macht. Ordnung.”, das die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück digital erschlossen hat: Verfolgungswissen stammte demnach stärker aus Verwaltung und Wirtschaft als aus Partei oder Gestapo, private Denunziation spielte eine geringere Rolle. In der Kriegsphase betrafen fast zwei Drittel der Haftereignisse Zwangsarbeiter:innen. “Volksgemeinschaft” erscheint damit als arbeitsteilige gesellschaftliche Praxis, nicht als bloße Stimmung. Eine Exkursion zum Lernort sowie ein Podium mit Elke Gryglewski und Wiebke Hiemesch verbanden diese Befunde mit Fragen der Gedenkstättenarbeit.

Danach ging es für Christoph Rass weiter nach Paris: Dort hielt er die Keynote der Summer School ‘Doing Migration History with Digital Methods’, die vom 22. bis zum 26. Juni am German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) stattfand und von Prof. Dr. Mareike König gemeinsam mit dem Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg) organisiert wurde. Seine Keynote unter dem Titel “How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes” thematisierte die Möglichkeiten digitaler Methoden in einer reflexiven Migrationsforschung. In Kürze folgt eine gekürzte Version der Keynote als Blogbeitrag.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Jessica Wehner und Annika Heyen bei der anschließenden Diskussion des Panels Shaping the Refugee Regime before the Geneva Convention (Foto: Marcel Berlinghoff)

Nicht nur Team NGHM war auf Reisen, sondern auch die Studierenden: Derzeit findet erneut das Willy-Brandt-Seminar statt, das die NGHM jährlich in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin anbietet. Das von Frank Wolff geleitete Seminar mit Exkursion verbindet Forschung und Public History direkt. Zum einen erforschen die Studierenden anhand spannender und selten genutzter Quellen aus dem Nachlass Willy Brandts eigene Forschungsfragen. Zum anderen konzipieren sie sehr konkret, wie diese Inhalte in eine öffentliche Ausstellung übertragen werden können. In diesem Jahr beschäftigen sich die Teilnehmer:innen mit der Frage, welche Europakonzepte im Exil und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus entwickelt wurden, wie sie sich je nach politischer Ausrichtung unterschieden und welche Themen dabei im Vordergrund standen: Wie gelingt Frieden? Welches „Europa“ braucht es dafür? Wie verhindert man Imperialismus? Und wie stärkt und sichert man Rechte?

Seminarteilnehmer:innen in intensiver Diskussion im Forum Willy Brandt, Berlin.

Um dies lebendig zu gestalten, fuhren die Teilnehmerinnen vom 2. bis 5. Juni 2026 nach Berlin. Dort fand der Kernteil des Seminars erneut im eigens dafür für einige Tage reservierten Forum Willy Brandt, der Berliner Dauerausstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, statt. So konnten die Studierenden in intensiver Arbeit direkt „vor Ort“ Ideen entwickeln, wie sich Geschichte in die Öffentlichkeit bringen lässt. Komplettiert wurde das Seminar durch Exkursionen zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zum Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, bei denen die Seminarteilnehmerinnen durch besondere kuratorische Führungen Einblicke in das laufende Geschäft und hinter die Kulissen des Ausstellungsmachens erhielten.

Am 22. und 23. Juni 2026 fand unter Leitung von Sebastian Musch eine Exkursion nach Köln statt. Im Zentrum stand dabei die jüdische Geschichte Kölns. Die Domstadt am Rhein kann sich mit der seit dem Jahr 321 n. u. Z. verbürgten Ansiedlung jüdischer Menschen der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen rühmen.

Diese rund 1700 Jahre jüdischen Lebens sind geprägt von Verfolgung und Antisemitismus – vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus, als beinahe die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt vertrieben oder ermordet wurde. Daneben ist die jüdische Geschichte Kölns aber auch eine Geschichte von Resilienz, gesellschaftlichem Aufstieg und Wiederaufbau. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte das Kölner Judentum eine Periode der Prosperität und Anerkennung. Auf dem Programm standen ein Besuch des Doms, der Altstadt, der Synagoge, des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, des Lern- und Gedenkortes Jawne und des NS-Dokumentationszentrums. Ein gemeinsamer Exkursionsbericht der Teilnehmer:innen folgt auf diesem Blog.

Am 30.6. moderierte Sebastian Musch eine Podiumsdiskussion zum Thema “Antisemitismus heute” am Nussbaum Museum in Osnabrück. Es diskutierten Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Pastorin Dr. Daniela Koeppler, die Beauftragte f. christl.-jüd. Dialog im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte, Dr. Winfried Verburg von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück e.V. und Du’A Zeitun von der Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land MUJOS e.V. Es wurde eine lebhafte Diskussion, die vor allem die Notwendigkeit deutlich machte, in öffentlichen Räumen einen konstruktiven Rahmen für eben solche Debatten zu bieten. Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung Van den Yoden statt, die noch bis zum 30. August 2026 im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück zu sehen ist.

Am 24. Juni endete nach drei Monaten der Gastaufenthalt von Morten Baarvig Thomsen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und damit im Team NGHM. Morten nutzte die Zeit am Institut für den Austausch mit Kolleg:innen, die Begleitung von Lehrveranstaltungen und die vertiefte Arbeit an seinem Dissertationsprojekt ‘Experiences of the Danish Refugee Care System: Allied Displaced Persons in Denmark 1945-1953′.

History@SFB

Am 1. Juni war Christoph Rass im Rahmen des Transferprojekts des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” zu Gast im ReflexLab. Unter dem Titel “Revisiting Solingen and Hanau. The living memory of racist attack and the (potential) roles of migration researchers” ging er in den Austausch mit Mert Peksen und Emma Brahm mit ihrem ebenfalls am IMIS angesiedelten Projekt “GeRäuMig“. Die Gemeinsamkeit der beiden Projekte? Beide befassen sich unter anderem mit der lokalen Erinnerungskultur an den rassistisch motivierten Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in der Unteren Wernerstraße in Solingen in der Nacht vom 29. Mai 1993. Geleitet von der Frage nach dem Einfluss von Forscher:innen auf die Erinnerungskultur diskutierten sie mit Jens Schneider vom Reflex Lab über ihre Erfahrungen im Feld und die Grenzen dessen, was sie mit ihrer Arbeit erreichen können und sollten. 

Am 16. Juni begaben sich Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott gemeinsam mit unserem Kollegen Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung sprichwörtlich “ins Feld”. Marcel Storch digitalisierte mit Unterstützung durch das Team T-Projekt die mit zum Teil kniehohem Gras umgebene “Friedensbaracke” im Osnabrücker Landwehrviertel. Die Baracke wurde 1937 als Teil einer Ausbildungskaserne der Wehrmacht errichtet, diente ab 1940 als Kriegsgefangenenlager – ab 1941 vor allem für serbische Offiziere – sowie nach Kriegsende als Lager für sogenannte “Displaced Persons” und anschließend bis 2009 als Baracke der britischen Streitkräfte in Deutschland. Obwohl bislang vor allem konnotiert mit dem Thema Krieg und Frieden, hat dieser Ort also auch Bezüge zur Migrationsgeschichte, die jedoch auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. 

Bei der Scanaktion fanden zwei verschiedene Methoden Anwendung: Mithilfe einer Drohne wurde eine Reihe von Fotos aufgenommen, aus denen ein sogenanntes fotogrammetrisches Modell der Baracke zusammengesetzt werden kann. Der Terrestrische Laserscanner arbeitet hingegen mit LiDAR (Light Detection and Range), bei dem das Gerät für das menschliche Auge unsichtbare Laserstrahlen aussendet und misst, in welcher Entfernung diese Strahlen auf Widerstand treffen. Dadurch entsteht eine “Punktwolke”, aus der wiederum ein dreidimensionales, digitales Modell erstellt werden kann. Die Scanaktion verfolgte neben der Erstellung eines digitalen Zwillings der Baracke das Ziel, diese beiden Methoden anhand eines Objekts auf ihre Praktikabilität und die Qualität des am Ende generierten digitalen Modells miteinander zu vergleichen.

Notizen

Im Juni verabschiedete sich Team NGHM von Timo Diener. Timo war seit Anfang 2025 studentischer Mitarbeiter im Team und hat das Kernteam bei der Zuarbeit in Forschung und Lehre unterstützt. Ab Juli übernimmt Timo eine Volontariatsstelle und schließt seine Masterarbeit ab. Wir wünschen ihm alles Gute für seine berufliche Zukunft!

Zum 1. Juni begrüßte Team NGHM ein altbekanntes Gesicht: Eduard Usov, der bereits im A3-Team des SFB 1604 Teil der NGHM war und im Bachelor studiert, unterstützt nun die Redaktion des NGHM-Blogs auf Hypotheses. Zu ihm gibt es ein ausführliches Portrait.

Zum 15. Juni durfte das Team Lennart Blömer begrüßen. Lennart hat kürzlich seinen Bachelor mit einer Arbeit zur Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal abgeschlossen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wird er am 2. Juli auch im sechsten Tiny Desk Kolloquium vorstellen.

Am 30. Juni erschienen die ersten Podcastfolgen des SFB 1604 – Produktion von Migration. Die Reihe beginnt mit einem Porträt des Forschungszentrums und geht anschließend auf dessen Interviews ein. Unter den derzeit verfügbaren Folgen wurden zwei von Christoph Rass konzipiert und mitmoderiert, jeweils mit einer anderen Gesprächspartnerin: die erste mit Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), die zweite mit Lale Yildirim (Kiel). Beide gehen von der Frage aus, die das gesamte CRC leitet: Wie entsteht Migration? Nicht als natürliches Ereignis, das einfach geschieht, sondern als etwas, das geschaffen wird: durch Politik, durch Institutionen, durch Kategorien und nicht zuletzt durch die Wissenschaft selbst.

Blogbeiträge im Juni

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Juli findet das sechste Tiny Desk Kolloquium zum Thema “Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung” statt. Studierende bekommen zuerst die Gelegenheit Abschluss- und Projektarbeiten vorzustellen und im zweiten Teil folgen Kurzvorträge.

Alle Interessierten sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen!
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.