Was geschieht mit Millionen Menschen, deren Leiden unter Verfolgung und gewaltinduzierter Mobilität mit dem Kriegsende 1945 nicht endet, sondern erst in eine eigene, schwer fassbare nächste Phase eintritt? Mark Wymans DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51, der sechste Titel der NGHM-Leseliste und der erste aus dem Feld Displaced Persons und Flüchtlingsgeschichte, beantwortet diese Frage mit einem Buch, das den Begriff der ›Displaced Person‹ für ein englischsprachiges Publikum überhaupt erst als historiografische Untersuchungseinheit etabliert hat.
Eine Beobachtung vorneweg, die für ein Buch über Nachkriegsflüchtlinge mit Erscheinungsjahr 1989 ungewöhnlich ist: Wyman hat für seine Studie etwa achtzig ehemalige DPs sowie Mitarbeitende der mit ihnen befassten Hilfsorganisationen interviewt. Diese Oral-History-Basis liegt einer Darstellung zugrunde, die sonst aus publizierten Primärquellen und Archivmaterial gespeist ist, und sie verschiebt den Tonfall des Buches spürbar weg von einer bloßen Diplomatie- und Verwaltungsgeschichte. Wer die DPs nur durch die Akten der UNRRA, der IRO oder der amerikanischen Militärregierung gelesen hatte, fand bei Wyman erstmals breit hörbar, was die so Verwalteten selbst zu sagen hatten.
Wyman, heute Distinguished Professor Emeritus of History an der Illinois State University, war zur Entstehungszeit des Buches Professor of History ebendort. Sein Weg dorthin führte über ein Studium an der University of Washington, wo er promovierte, sowie eine frühere Tätigkeit als Labor Reporter der Minneapolis Tribune. Seine Dissertation behandelte die Hard-Rock-Bergleute des amerikanischen Westens, und das Werkverzeichnis reicht von transnationalen Studien zu Rückwanderung und Displaced Persons bis zu lokalgeschichtlichen Arbeiten. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 2004 lehrte Wyman an der ISU. Als DPs 1989 zuerst beim Balch Institute Press in Philadelphia erschien und 1998 von Cornell University Press als Paperback neu aufgelegt wurde, übernahm die Cornell-Ausgabe den Text und ergänzte ihn um eine ›Introduction to the Cornell edition‹, in der Wyman den Stoff in die nach 1989 entstandenen post-sowjetischen Kontexte einordnet, etwa in die kroatischen Rückkehrprogramme, in die litauische Staatsangehörigkeitsregelung für Exilfamilien bis in die Enkelgeneration und in die Eigentumsrückgaben in Estland.
Das Buch selbst beginnt 1945 auf einem zerstörten Kontinent.
Von dort führt Wyman durch die Versorgung der Befreiten, das Lagerleben und die Repatriierungspolitik mit ihren Zwangsrückführungen in die Sowjetunion, durch die Frage verschleppter Kinder und die Konsolidierung der Lager zu eigenen Communities. Ein zentraler Abschnitt rückt die jüdischen DPs als ›Surviving Remnant‹ und die nationalen Exilkulturen der baltischen, polnischen und ukrainischen Gruppen in den Blick. Die Schlusskapitel verfolgen die Auswanderungswellen nach Übersee, als sich nach 1948 die ›gates‹ öffneten, und bilanzieren die politischen, kulturellen und diplomatischen ›legacies‹ des DP-Problems. Methodisch verbindet Wyman die genannten Interviews mit publizierten Quellen und Archivmaterial zu einer narrativen Sozial- und Diplomatiegeschichte. Das Buch hat keine programmatische Theoriearchitektur, sondern erzählt aus einem Material heraus, das diese Theorie überhaupt erst herausfordern sollte.
Genau hier liegt der bleibende Beitrag. M. Mark Stolarik bezeichnete DPs als das einzige Werk, das die Lage der Nachkriegsflüchtlinge in Westeuropa umfassend und einfühlsam darstelle. Das Journal of American Ethnic History hob die breite Interview-Basis hervor und kennzeichnete das Buch als wichtigen Überblick, der weitere Forschung anregen sollte. Die International Migration Review nannte es ein faszinierendes und tief bewegendes Buch, Choice würdigte die Verbindung von Diplomatiegeschichte, Geschichte der internationalen Beziehungen und Sozialgeschichte. In der späteren historiografischen Verortung gilt das Buch, neben Wolfgang Jacobmeyers Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985), als Referenzwerk der ›ersten Welle‹ der DP-Forschung, an das jüngere Arbeiten anknüpfen, etwa Gerard Daniel Cohens In War’s Wake (Oxford University Press 2011), Sheila Fitzpatricks Lost Souls (Princeton University Press 2024) und Ruth Balints Destination Elsewhere (Cornell University Press 2021).

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Allerdings liegt zwischen diesen Wellen eine Verschiebung, die für die heutige Lektüre wichtig ist. Cohens Studie und verwandte Arbeiten haben den Akzent vom ethnografisch-erzählenden Zugang Wymans hin zum postwar humanitarian regime und seinen internationalen Organisationen verlagert. Was bei Wyman vor allem als Erfahrung erzählt wird, also Lager, Wartezeit, Auswanderung, lesen jüngere Studien als Effekt eines Migrationsregimes, das DPs überhaupt erst als verwaltbare Kategorie herstellt. Wer beide Linien zusammenhält, gewinnt etwas, das keine allein liefert: eine Geschichte, in der die Stimmen der Verwalteten und die Strukturen der Verwaltung sich gegenseitig lesbar machen. Wenn später in dieser Reihe mit Gérard Noiriels The French Melting Pot ein Klassiker zur staatlichen Produktion von Migration folgt, wird sichtbar, an welcher Stelle Wymans Buch heute steht: als unverzichtbarer Ausgangspunkt und als Aufforderung, weiter zu lesen.
Der letzte Satz des Buches gehört dem Verschwinden seines eigenen Gegenstandes: Die Buchstaben DP, schreibt Wyman, würden eines Tages weit weg klingen, und Enkel würden fragen, was eine DP überhaupt sei. Eingetreten ist diese Vorhersage nur zur Hälfte. Der historische Gegenstand entfernt sich, die Nachkriegs-DPs werden zur erklärungsbedürftigen Chiffre, der Begriff aber verschwindet nicht, sondern kehrt zurück: Die jüngere Migrationsforschung nimmt ›displaced persons‹ wieder auf, als breitere, inklusivere Alternative zu ›refugees‹ und damit für andere Sachverhalte als jene, im ursprünglichen historischen Kontext. Nicht der Begriff vergeht also, sondern seine Referenz verschiebt sich: Der Gegenstand verschwindet, während die Kategorie umgedeutet und für die Gegenwart neu in Dienst genommen wird.
Dass ›displaced persons‹ bereits in den 1940er Jahren weniger eine soziale Wirklichkeit beschrieb als eine politische ›category of action‹ herstellte, macht die Differenz zwischen dem, was der Ausdruck einmal benannte, und dem, was er heute benennen soll, zum eigentlichen Gegenstand der historischen Arbeit (Huhn und Rass 2024).
Wie nötig diese Arbeit bleibt und wie wichtig es ist, die Geschichte gewaltinduzierter Mobilität während und nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder neu zu befragen, führte am 4. Juni 2026 ein Abendvortrag in Osnabrück vor Augen: Dr. Samantha Knapton (University of Nottingham) sprach auf Einladung der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung über „Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe“. Knapton richtete den Blick auf jene, die zugleich queer und Displaced Person waren und deren Ausschluss mit dem Kriegsende nicht endete, sondern sich im Wiederaufbau verfestigte: die ›twice displaced‹, verdrängt aus ihren Wohnorten wie aus ihren Lebensentwürfen. Damit verlängerte der Vortrag genau die Frage, die Wymans Buch stellt und die diese Reihe durchzieht, wessen Erfahrung in die Überlieferung gelangt und wer durch die Kategorien der Verwaltung wie der späteren Geschichtsschreibung hindurchfällt.
Osnabrücker Studierende können DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 als Online-Ressource über die UB Osnabrück abrufen (OPAC).
Mark Wyman, DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51, Ithaca: Cornell University Press 1998 (Erstausgabe Philadelphia: Balch Institute Press 1989).
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.