Archiv der Kategorie: NGHM liest

NGHM liest | 16 | Ulrich Herbert: Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur (2016)

Lässt sich die Geschichte des ›Dritten Reiches‹ auf gut 120 Seiten erzählen, ohne sie zu verkürzen? Ulrich Herbert nennt das Vorhaben im Vorwort seines 2016 bei C.H. Beck erschienenen Bandes selbst „ein Wagnis“. Mit diesem Titel aus dem Themenfeld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung setzt die Reihe NGHM liest ihre Vorstellung der NGHM-Leseliste fort. Der Band zeigt, was eine Überblicksdarstellung leisten kann, wenn ein Historiker sie schreibt, der das Feld über Jahrzehnte mitgeprägt hat.


Als der Band erscheint, blickt Herbert auf ein langes Forscherleben zurück. 1951 in Düsseldorf geboren, promovierte er 1985 an der Universität Essen bei Lutz Niethammer über den ›Fremdarbeiter‹-Einsatz in der Kriegswirtschaft des NS-Staates. Von 1992 bis 1995 leitete er die Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Danach hatte er bis 2019 den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg inne. 2014 legte er seine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert vor, die im selben Jahr den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt. Auf dieses Werk stützt sich der schmale Band nach Herberts eigenem Hinweis „in vielen Teilen“, auch wenn er „zum Teil andere Akzente und Schwerpunkte“ setzt.

Aus dieser Genese erklärt sich der Zugriff. Wer über Zwangsarbeit geforscht, mit der Biographie Werner Bests (1996) die Weltanschauungselite des Reichssicherheitshauptamts ausgeleuchtet und zuletzt ein Panorama des gesamten Jahrhunderts geschrieben hat, verdichtet in einem solchen Band das eigene Wissen zur analytischen Skizze. Herbert begründet diese Form mit dem Stand der Forschung, deren Ergebnisse ein „außerordentlich vielfältiges und kompliziertes Gesamtbild“ ergäben, das sich von der früher üblichen Reduzierung auf wenige Personen und zentrale Ereignisse deutlich unterscheide. Robert Probst hob in der Süddeutschen Zeitung entsprechend hervor, dass Herbert auf Personalisierung und auf den Lesefluss unterbrechende Zitate verzichtet.

Auch die Proportionen des Bandes folgen einer inhaltlichen Entscheidung. Weil nur die Jahre von 1933 bis 1939 spezifisch deutsche Geschichte seien, die Kriegsjahre dagegen „Teil der europäischen und Weltgeschichte“, nimmt die Zeit bis 1939 lediglich etwa zwei Fünftel der Darstellung ein. Ein erster Teil verfolgt die langfristigen Voraussetzungen vom Kaiserreich über die Nachkriegsjahre bis zur Rechten in Weimar, bevor der zweite von der ›Machtergreifung‹ über Verfolgung, Wirtschaft und Gesellschaft, Expansion und Novemberpogrome zum Kriegskurs führt. Den Schwerpunkt bildet der dritte Teil. Seine Kapitel reichen von der „Explosion der Gewalt“ über „Barbarossa“, „Vernichtungspolitik“ und „Krieg und Besatzung“ bis zur „Volksgemeinschaft im Krieg“ und zum Widerstand.

Das Programm fasst Herbert in eine präzise Wendung: Es gehe darum, „Zusammenhänge zu erläutern und Bezüge zu erklären, um die Geschichte des Dritten Reiches nicht in unverbundene Einzelheiten aufzulösen“. Damit reagiert er auf ein Thema, das unter der Materialfülle der Forschung leicht in Detailinseln zerfällt, und antwortet mit Auswahl nach Zusammenhang. Den Preis benennt er selbst. Die Darstellung komme „fast ganz ohne Berücksichtigung der Forschungsentwicklung und Forschungskontroversen“ aus, die an anderer Stelle ausführlich dargelegt seien, weshalb nur die Zitate nachgewiesen werden. Wer die Debatten des Feldes sucht, wird deshalb zu den Einzelstudien in unserer Leseliste greifen müssen.

Die Erstrezeption hat diese Entscheidung überwiegend anerkannt. Gregor Schöllgen sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem „großen Wurf auf kleinem Raum“, Matthias Arning empfahl den Band in der Frankfurter Rundschau als „Standard-Lektüre“. Probst, nach eigenem Bekunden zunächst skeptisch, bescheinigte Herbert Präzision und betonte, hier liege keine bloße Einführung ins Thema vor. Als Schwerpunkt seiner Darstellung stelle Herbert die Beziehung zwischen dem deutschen Volk und der NS-Führung in den Vordergrund.

Von diesem Schwerpunkt her gelesen, verschiebt der Verzicht auf die Kontroversen das Gewicht auf eine Frage, die Herberts Arbeit seit Jahrzehnten begleitet. Das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Regime erscheint weniger als moralische Frage nach Schuld denn als analytische Frage nach Bindungskräften, nach Zustimmung, Duldung und Mitwirkung sowie nach deren Grenzen. Hinter der scheinbar neutralen Chronologie steht damit eine These über die soziale Reichweite einer Diktatur.

Das Vorwort verweist zudem auf die Herkunft des Bandes aus Lehre und Gespräch. Herbert dankt Sybille Steinbacher und Susanne Heim für kritische Lektüre. Die knappe Skizze sei vor allem das Ergebnis von Diskussionen mit Studierenden, Doktoranden sowie Kolleginnen und Kollegen, in denen man sich „mit immer neuen, herausfordernden Fragen“ konfrontiert gesehen habe.

Zu finden in der UB Osnabrück unter der Signatur
LQP 6259-645 5.

Seinen Platz auf der Leseliste hat der Band als Gerüst, das die Einzelstudien des Themenfeldes in einen Zusammenhang stellt. Ein Gegenstück bietet Ian Kershaws Hitler, das in wenigen Wochen in dieser Reihe vorgestellt wird. Kershaw bindet die Person des Diktators an die Struktur charismatischer Herrschaft, während Herbert die Personalisierung zurücknimmt. Nebeneinander gelesen, erhellen beide Zugänge ein Herrschaftssystem, das sich weder auf seinen ›Führer‹ noch auf seine Strukturen reduzieren lässt.

Kürze wird bei Herbert zur Bedingung für einen Zugriff, der die Zusammenhänge sichtbar macht, weil er Einzelheiten weglassen muss. Dazu passt, dass er das eigene Buch ausdrücklich nur als „Zwischenergebnis“ versteht, denn entgegen der verbreiteten Überzeugung, das ›Dritte Reich‹ sei erforscht oder gar „aufgearbeitet“, stehe die Forschung in vielen Punkten „erst am Anfang“.

Osnabrücker Studierende können Das Dritte Reich als Online-Ressource oder als Präsenzbuch über die UB Osnabrück abrufen (OPAC).

Ulrich Herbert, Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur, München: C.H. Beck 2016 (C.H. Beck Wissen).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 15 | Wilkerson: The Warmth of Other Suns (2010)

„Profound, necessary, and a delight to read“: Mit diesem Urteil hat Toni Morrison The Warmth of Other Suns von Isabel Wilkerson begrüßt, den fünfzehnten Titel der NGHM-Leseliste und ein Buch, das im Themenfeld ›Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung‹ ebenso zu Hause ist wie in der historischen Migrationsforschung. Wilkerson erzählt die Great Migration der Jahre zwischen 1915 und 1970 nicht als Wirtschaftsgeschichte, sondern als kollektiven Akt der Selbstbefreiung.


Isabel Wilkerson, geboren 1961, ist Tochter von Eltern, die selbst in der Great Migration nach Washington, D. C. gekommen waren. Sie war die erste Schwarze Frau, die den Pulitzer-Preis im Journalismus erhielt, 1994 als Chicago Bureau Chief der New York Times. Aus dieser doppelten Position (familiäre Zeugenschaft und journalistische Präzision) schreibt sie über eine Bewegung, die rund sechs Millionen Menschen umfasste und die amerikanische Nachkriegsgesellschaft neu ordnete. The Warmth of Other Suns ist das Ergebnis von fünfzehn Jahren Recherche, Interviews mit mehr als zwölfhundert Migrant:innen und einer Entscheidung: nicht die Statistiken zu erzählen, sondern die Menschen.

Isabel Wilkerson (geb. 1961), US-amerikanische Journalistin und Autorin von The Warmth of Other Suns, aufgenommen auf dem Texas Book Festival am 16. Oktober 2010 (Quelle: Larry D. Moore, CC BY 4.0, Wikimedia Commons)

Drei von ihnen tragen das Buch. Ida Mae Brandon Gladney verlässt Mississippi im Spätherbst 1937, George Swanson Starling besteigt am 14. April 1945 in Eustis, Florida, den Silver Meteor nach New York, Robert Joseph Pershing Foster fährt am Ostermontag 1953 die lange Strecke von Monroe, Louisiana, nach Los Angeles. Wilkerson folgt ihren Biografien von der Kindheit im Süden bis zum Lebensende in den Ankunftsstädten. Sie verschränkt diese Einzelschicksale mit einer breiteren historischen und statistischen Kontextualisierung, aber das Gewicht bleibt bei den Menschen.

Genau darin liegt die argumentative Pointe. Die Great Migration war lange als Reaktion gelesen worden: auf die Mechanisierung der Baumwollernte, auf die Nachfrage der Kriegsindustrie nach Arbeitskräften, also im Wesentlichen auf ökonomische Push- und Pull-Faktoren. Wilkerson kehrt die Blickrichtung um. Sie fragt nicht, was die Menschen bewegt hat, sondern was sie bewegt haben. Ihre Protagonist:innen sind keine ökonomischen Reaktionsgrößen, sondern Akteur:innen, die eine Entscheidung getroffen haben — unter Bedingungen des Jim-Crow-Regimes, das Wilkerson mit Genauigkeit in seiner rassistischen Menschenverachtung rekonstruiert. Zugleich zeigt sie, dass diese Entscheidung nicht am Bahnhof im Norden endete. Die zweite Hälfte des Buches folgt den drei Protagonist:innen durch Chicago, Harlem und Los Angeles, durch Enttäuschungen, kleine Aufstiege, familiäre Brüche.

Die Rezeption des Buches fiel außergewöhnlich aus. The Warmth of Other Suns gewann den National Book Critics Circle Award; Tom Brokaw nannte es „an epic for all Americans who want to understand the making of our modern nation“; David Levering Lewis, Jon Meacham, Gay Talese und Cornel West lobten das Werk überschwänglich. David Oshinsky attestierte dem Buch in der New York Times Book Review einen Sonderstatus: „[a] narrative epic rigorous enough to impress all but the crankiest of scholars, yet so immensely readable as to land the author a future place on Oprah’s couch.“ 2024 platzierte die Zeitung das Buch in ihrer Bilanz der ersten fünfundzwanzig Jahre dieses Jahrhunderts auf Rang zwei und damit als bestplatziertes Sachbuch der Liste.

Zu finden in der B-IMIS. Signatur: D5-4b10 4779-194 5.

Die Einwände stehen in derselben Rezension, die dem Buch den Sonderstatus attestiert. Oshinsky räumt ein, Historikerinnen und Historiker könnten Wilkersons Zugang in Frage stellen, weil sie „the migrants’ personal feelings over structural influences like the coming of the mechanical cotton picker“ bevorzuge. Er entkräftet den Einwand im selben Zug: Wilkerson kenne die Push- und Pull-Faktoren genau, sie habe sich lediglich für einen anderen Umgang mit ihnen entschieden. Schwerer wiegt, was Oshinsky ihr selbst vorhält, nämlich dass sie Nicholas Lemanns The Promised Land von 1991 übergeht, jene ungleich düsterere Bilanz der Migration nach Chicago, und dass sie zur nachfolgenden Generation wenig mehr beiträgt als eine freundliche Aufzählung von Politiker:innen, Sportler:innen und Musiker:innen. Der methodische Einwand ist ernst zu nehmen. Er ist zugleich das Spiegelbild dessen, was Wilkerson erreicht hat: eine Geschichte, die die Handlungsmacht ihrer Subjekte nicht in Strukturbedingungen auflöst.

Damit rückt The Warmth of Other Suns in die Nähe einer Frage, die im SFB 1604 „Produktion von Migration“ zentral ist: Wer produziert Migration? Und wie verhält sich diese Produktion zum Handeln der Migrant:innen selbst? Wilkerson gibt darauf eine dezidierte Antwort: Ihre Protagonist:innen sind nicht das Produkt eines Regimes, sondern diejenigen, die es unterlaufen und gar verändern. Diese Frage wird in einigen Wochen aus einer anderen Perspektive wiederkehren, wenn auf dieser Liste Gérard Noiriels The French Melting Pot besprochen wird, ein Text, der stärker auf die staatliche Herstellung von Migrationskategorien blickt.

Zwischen beiden Zugängen liegt eine methodische Differenz, die die Migrationsforschung bis heute strukturiert. Wilkerson zeigt, was eine narrative Geschichtsschreibung leisten kann, wenn sie die Aufmerksamkeit nicht auf Aggregate lenkt, sondern auf Einzelne — und was sie dabei riskiert. Ihr Buch hat die öffentliche Wahrnehmung der Great Migration als eigenständiges historisches Phänomen geprägt und wird bis heute im Schulunterricht und an Universitäten als Einstiegstext breit gelesen.

Ob sich die Migration für die drei Protagonist:innen gelohnt hat, bilanziert Wilkerson am Ende explizit. Sie beantwortet die Frage aber nicht mit einer These, sondern mit drei Lebensläufen. Das Nachdenken über diese Antwort beginnt, wo unser gemeinsames Lesen eines solchen Buches beginnt.


Osnabrücker Studierende finden Wilkersons The Warmth of Other Suns in der Universitätsbibliothek, Standort ‘Alte Münze’ im Bestand B-IMIS unter der Signatur D5-4b10 4779-194 5 (OPAC), dort in der Vintage-Ausgabe von 2011.

Isabel Wilkerson, The Warmth of Other Suns: The Epic Story of America’s Great Migration, New York: Random House 2010.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 14 | Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (2021)

Ein Einführungswerk, das seine eigene Disziplin erzählt, statt sie zu ordnen: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft von Stephan Jordan, hier als vierzehnter Titel unserer Serie besprochen, eröffnet die NGHM-Leseliste und steht dort an der Spitze des Themenfelds Geschichtstheorie und Historiographie. Der Band liegt seit 2021 in fünfter, aktualisierter Auflage vor; ein Buch, dessen Aufbau sich als geglückter didaktischer Kunstgriff erweist.

Auffällig ist zuerst die Kontinuität. Zwischen der ersten und der fünften Auflage liegen zwölf Jahre, in denen die Disziplin erheblich in Bewegung geraten ist, von postkolonialen Perspektiven über digitale Methoden bis hin zu Debatten um Materialität, Umwelt und Gewalt. Der Rahmen des Buches kann diese Bewegung umfassen, ohne dass sein Grundriss dafür verändert werden muss. Dieser Befund verweist auf ein gelungenes Einführungswerk, dessen Anlagen die Aktualisierungen aufnehmen konnte, die ihm vier Neuauflagen zugemutet haben.

Stefan Jordan war bereits zum Zeitpunkt der ersten Auflage ein ausgewiesener Kenner des Feldes. Er hatte 2002 das Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe herausgegeben und 2005 die Einführung in das Geschichtsstudium vorgelegt, beide bei Reclam. Beide Bücher entstanden an der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, an der Jordan seit 1999 arbeitet und der Redaktion der Neuen Deutschen Biographie angehört, die er seit 2024 als Chefredakteur von NDB-online leitet. Lexikographische Arbeit, die einen Sachverhalt oder ein Leben auf den Umfang eines Artikels bringt, verlangt dieselbe Fähigkeit, die auch das Erarbeiten eines Einführungswerks braucht, nämlich eine Verdichtung, die auf Vollständigkeit verzichtet und dabei genau bleibt. Autorschaft und Arbeitszusammenhang lassen sich hier deshalb eng aufeinander beziehen.

Das Programm des Bandes ist klar umrissen. Die theoretischen Wissensbestände des Fachs werden, wie Benjamin Steiner in seiner Besprechung der Erstauflage festhält, in vielen Einführungen stillschweigend vorausgesetzt, während Jordan diesem Mangel an Reflexion über die Grundlagen des eigenen Fachs entgegentritt und Studienanfänger:innen an die Theorie- und Methodendiskussion heranführt. Die Anlage ist dabei historiographisch, nicht systematisch. Theorien und Methoden erscheinen als Geschichte der Auseinandersetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind.

Nach einleitenden Kapiteln zu Funktion und Definition von Geschichte sowie zum Umgang mit ihr datiert Jordan den „Beginn der modernen Geschichtswissenschaft“ ins 19. Jahrhundert, dessen Wurzeln er im Verwissenschaftlichungs- und Verfachlichungsprozess des 18. Jahrhunderts verortet. Es folgen der Historismus mit seiner disziplinären Matrix und der Historische Materialismus, deren Streit Jordan als „zweite Sattelzeit“ (ca. 1870–1920) fasst, danach die Schule der Annales und die Volksgeschichte, bevor die beiden letzten großen Kapitel um die befragten Einschnitte von 1945 und von 1989/90 herum gebaut werden und von der Sozial- und Strukturgeschichte über Alltagsgeschichte und Mikrohistorie bis zur Mentalitätengeschichte und zur Neuen Kulturgeschichte führen, in der Jordan die Diskursgeschichte verortet. Max Weber ist der einzige Theoretiker, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Er erscheint bei Jordan als Schlüsselfigur, weil er nach der Lesart des sozialhistorischen Neuanfangs der 1960er Jahre den Konflikt zwischen historistischer und materialistischer Geschichtsschreibung „löste“ und seines fachübergreifenden Interesses wegen „zum personifizierten Inbegriff der Historischen Sozialwissenschaften“ wurde, „die die disziplinäre Enge überwinden wollten“.

Das Schlusskapitel, überschrieben „Alles fließt – Warum Geschichtswissenschaft Demokratie benötigt und bedingt“, stellt den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit der Einzelnen, der offenen Diskussion innerhalb des Fachs und mit der Gesellschaft heraus. Seine Überschrift behauptet ein Wechselverhältnis, in dem die Geschichtswissenschaft demokratische Verhältnisse ebenso voraussetzt, wie sie zu ihnen beiträgt. Begleitet wird der Text von über dreißig grafisch hervorgehobenen Definitionsboxen, für die das Buch ein eigenes Verzeichnis führt und in denen Begriffe wie Sattelzeit, Historismus oder Oral History erklärt werden, während kapitelweise Literaturhinweise die weiterführende Literatur erschließen. Der Band lässt sich deshalb ebenso gut aufschlagen wie linear lesen.

Zu finden in der UB Osnabrück: die fünfte Auflage als Online-Ressource, gedruckt die vierte Auflage (Bibliothek Alte Münze, Signatur KXQ 6236-841 8) sowie die Erstauflage im Freihandmagazin.

Die Rezeption der Erstauflage fiel überwiegend positiv aus und würdigte insbesondere die didaktische Anlage. Dirk Fleischer nannte die Darstellung in der Theologischen Literaturzeitung klar, eingängig und didaktisch vorbildlich, Winfried Schulze bezeichnete den Band in H-Soz-Kult als „insgesamt klug angelegt und kenntnisreich geschrieben“. Benjamin Steiner indes formulierte in den sehepunkten einen Vorbehalt, der bis heute Bestand hat: Die synthetische Klarheit, mit der Jordan im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Linien der Kontinuität verbinde und die Brüche der Tradition im Zusammenhang vermittle, gerate bei der Darstellung der Geschichtswissenschaft in der „Postmoderne“ zur bloßen Aneinanderreihung. Schulze kam unabhängig davon zum selben Ergebnis, vermisste in diesem Kapitel „den kritisch-einordnenden Blick“ und hätte sich „eine stärkere Systematisierung und historische Verortung gewünscht“. Dass zwei Rezensenten dieselbe Stelle treffen, macht aus dem Einzelurteil einen Befund, der auf ein strukturelles Problem historiographischer Einführungen verweist, denn je näher die Darstellung an die Gegenwart rückt, desto schwerer fällt die kanonische Verdichtung, solange noch offen ist, was Kanon wird.

Was Jordan gegen Ende des Buches formuliert, verdient dennoch Aufmerksamkeit. Sein ethisches Verständnis von Geschichte findet seinen Ausdruck in einer „dreifachen Verantwortung des Historikers“, und zwar „gegenüber den Fachinhalten, gegenüber den Vertretern und Institutionen der eigenen Wissenschaft und gegenüber einer Öffentlichkeit, deren Bildung und Wohl der ganze Einsatz gilt“; Steiner hat dieses Bekenntnis das immer wiederkehrende Muster von Jordans Ausführungen genannt. Die Trias benennt präzise, was in theoretischen Einführungen leicht in den Hintergrund gerät: dass die Geschichtswissenschaft immer auch eine öffentliche Praxis ist. Weil in der NGHM-Leseliste Carrs Frage danach, was Geschichte sei, unmittelbar neben Jordan steht, lassen sich beide nebeneinander lesen, die Frage und eine institutionelle Antwort darauf.

Der bleibende Beitrag des Bandes liegt weniger in einer einzelnen These als in seiner Form. Historiographische Chronologie, Definitionsboxen und kapitelweise Literaturhinweise haben sich über fünf Auflagen hinweg als tragfähig erwiesen. Wer eine Disziplin einführen will, kann ihre Begriffe ordnen oder ihre Geschichte erzählen. Jordan hat sich für das Erzählen entschieden. Die Selbsthistorisierung der Geschichtswissenschaft ist dabei selbst ein methodischer Zugriff, der Studierenden ihr Fach als gewachsene und kontingente Praxis zeigt, deren nächste Wendung in diesem Buch noch nicht stehen kann.

Osnabrücker Studierende können Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft als Online-Ressource über die UB Osnabrück im OPAC abrufen.

Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft (Orientierung Geschichte, UTB 3104), Stuttgart: UTB / Paderborn: Brill Schöningh, 5. aktualisierte Auflage 2021, 230 S. Die Erstauflage erschien 2009 bei Schöningh mit 228 S.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 13 | Scott: Gender and the Politics of History (1988)

„[G]ender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relationships of power.“ Der Satz stammt aus dem Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis von Joan Wallach Scott, erschienen im Jahr 1986, der als zweites Kapitel in Gender and the Politics of History steht. Damit kommen wir zum dreizehnten Titel der NGHM-Leseliste. Mit diesem Buch verschob sich in den 1980er Jahren die Frage, was Geschichtsschreibung eigentlich tut. Gender steht in diesem Beitrag unübersetzt, weil ›Geschlecht‹ die körperliche Differenz und ihre gesellschaftliche Deutung in einem Wort mitführt und die Unterscheidung, an der Scotts Frage ansetzt, verschwinden lässt. Gender ist bei Scott keine weitere Kategorie neben Klasse und ›Rasse‹, denn die Kategorie schreibt um, wie historische Analyse Macht sichtbar macht und koproduziert. Der poststrukturalistisch verortete Band, der die Verfahren der Sozialgeschichte gegen ihre eigenen Voraussetzungen wendet, spaltete die Disziplin sofort.


Joan Wallach Scott, 1941 in Brooklyn, NY, geboren, wuchs als Tochter einer Geschichtslehrerin und eines Geschichtslehrers auf, in einem Haushalt, in dem, wie sie später erzählte, bei Tisch über Geschichte und Politik gesprochen wurde. Ihr Vater, Sam Wallach, von 1945 bis 1948 Präsident der New Yorker Teachers Union, wurde Anfang der 1950er Jahre vom New Yorker Board of Education entlassen, weil er die Zusammenarbeit mit den Gremien verweigerte, die nach ›Kommunisten‹ im Schuldienst fahndeten. Nach dem Studium an der Brandeis University (B.A. 1962) promovierte sie 1969 an der University of Wisconsin–Madison, und ihre frühen Arbeiten bewegten sich im Feld der französischen Sozial- und Arbeitergeschichte, deren Leitkategorie ›Arbeiter‹ sie in diesem Band selbst zum Gegenstand machen sollte. Nach Stationen an der University of Illinois at Chicago (1970 bis 1972), der Northwestern University (1972 bis 1974) und der University of North Carolina at Chapel Hill (1974 bis 1980) ging sie an die Brown University, wo sie das Pembroke Center for Teaching and Research on Women als Gründungsdirektorin aufbaute. 1985 wechselte sie an das Institute for Advanced Study in Princeton, an dessen School of Social Science sie bis 2014 forschte. Ihre wissenschaftlichen Papiere aus den Jahren 1954 bis 2019 liegen heute in der John Hay Library der Brown University; die Sammlung gehört dort zum Feminist Theory Archive des Pembroke Center.

Joan Wallach Scott (geb. 1941), US-amerikanische Historikerin und Autorin von Gender and the Politics of History (Foto: B. Sutherton, 21. März 2007, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0).

Die Erstausgabe von Gender and the Politics of History gliedert sich in vier Teile und umfasst neun Aufsätze. Teil I, Toward a Feminist History, prüft die bisherige Frauengeschichtsschreibung (women’s history) und entwickelt jene Definition von Gender, die den Kern des Buches ausmacht. Teil II, Gender and Class, wendet den Rahmen auf Sprache und Klassenanalyse an und setzt sich in einem eigenen Kapitel mit E. P. Thompsons The Making of the English Working Class auseinander. Teil III, Gender in History, erprobt die Argumentation am Pariser Konfektionsgewerbe von 1848, an der Gewerbestatistik von 1847/48 und am Diskurs der politischen Ökonomie zwischen 1840 und 1860. Teil IV, Equality and Difference, verbindet den Sears-Prozess mit einer Bilanz der amerikanischen Frauengeschichtsschreibung von 1884 bis 1984. Kategorien wie ›Arbeiter‹, ›Klasse‹ oder ›Gleichheit‹ sind, so die Pointe des Buches, bereits vergeschlechtlicht, bevor Historiker:innen sie überhaupt in die Hand nehmen.

Positive und negative Reaktionen erfolgten unmittelbar. Als Scott den Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis im Herbst 1985 in einem Seminar am Institute for Advanced Study vorstellte, waren die eigens erschienenen Princetoner Historiker, wie sie 2008 rückblickend schrieb, „to a man, appalled“. Der Aufsatz wurde gleichwohl rasch zum Bezugspunkt. William H. Sewell Jr. nannte ihn in seiner Rezension des Bandes einen „instant classic“, und laut Zahlen, die die American Historical Association Ende 2007 zusammenstellen ließ, war er damals schon seit fünf Jahren der meistabgerufene Aufsatz der AHR auf JSTOR. Der Widerspruch aber hielt an. Joan Hoff hielt 1994 der poststrukturalistischen Geschlechtergeschichte, und Scott im Besonderen, Nihilismus, Präsentismus, Ahistorizität, Verschleierung, Elitismus, Unterwerfung unter das Patriarchat, Ethnozentrismus, Irrelevanz und möglicherweise Rassismus vor, so referiert Joanne Meyerowitz später die Kritik. Angegriffen war damit der Ansatz selbst, Kategorien zum Gegenstand der Analyse zu machen; Hoff sah gar ›Frau‹ als Analysekategorie ausgelöscht.

Die zweite Kontroverse entfaltete sich vor Gericht. Im Diskriminierungsverfahren der Equal Employment Opportunity Commission gegen Sears, Roebuck and Company traten 1985 Rosalind Rosenberg für das Unternehmen und Alice Kessler-Harris für die Kommission als Sachverständige auf. Die Debatte darüber, die Thomas Haskell und Sanford Levinson 1988 in der Texas Law Review aufnahmen und auf die Kessler-Harris dort antwortete, machte sichtbar, was Scotts Grundfrage sowohl theoretisch als auch praktisch bedeutet: Wenn Historiker:innen vor Gericht aussagen sollen, ob ein Diskriminierungsmuster ›historisch‹ ist, entscheidet schon die Kategorienwahl das Ergebnis mit.

Die Revised Edition von 1999 im Bestand der UB Osnabrück.

Kritisch angemerkt wurde von Anfang an die Abstraktheit der frühen Kapitel, die Leser:innen bis heute mehr abverlangen als die späteren, fallbezogenen Essays, in denen die Argumentation an konkretem Material arbeitet. Der Joan Kelly Memorial Prize der American Historical Association ging gleichwohl bereits 1989 an das Buch, gemeinsam mit Mary Blewetts Men, Women, and Work; die Disziplin zeichnete es also aus, während sie noch heftig über das Buch stritt. 2018 legte Columbia University Press eine Jubiläumsausgabe vor, mit einem eigens für diese Ausgabe geschriebenen Vorwort und dem erstmals in einem Buch abgedruckten Essay The Conundrum of Equality, den Scott 1998 am Institute for Advanced Study vorgetragen und 1999 als Occasional Paper der School of Social Science publiziert hatte.

Scotts Argument berührt Fragen, die in der Reihe wiederkehren werden. E. P. Thompsons The Making of the English Working Class steht ebenfalls auf der Leseliste, und Scotts viertes Kapitel wird dort als Gegenlektüre produktiv sein.

Wer den Text heute liest, findet weniger eine Ergänzung der Sozialgeschichte als vielmehr eine Reflexion ihrer Voraussetzungen. Die Kategorien, mit denen Historiker:innen arbeiten, gehören selbst zu dem, was historische Analyse zu erklären hat. Dieser Befund schließt unmittelbar an unsere Arbeit im Sonderforschungsbereich 1604 an.


Osnabrücker Studierende finden im B-Freihand-Magazin der UB unter der Signatur 6187-725 6 die Revised Edition von 1999 (New York: Columbia University Press 1999, XVI, 267 S.), die gegenüber der Erstausgabe ein Vorwort zur Revised Edition sowie das zusätzliche Kapitel Some More Reflections on Gender and Politics enthält, das in der Jubiläumsausgabe von 2018 nicht mehr enthalten ist (OPAC).

Joan Wallach Scott (geb. 1941), Gender and the Politics of History, New York: Columbia University Press 1988; Revised Edition 1999; Jubiläumsausgabe 2018.

Nachweise: Joan W. Scott, Gender: A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 91 (1986), H. 5, S. 1053–1075, hier S. 1067. Dies., Unanswered Questions, in: The American Historical Review 113 (2008), H. 5, S. 1422–1429, hier S. 1422. Joanne Meyerowitz, A History of „Gender“, in: ebd., S. 1346–1356, hier S. 1346 f. Joan Hoff, Gender as a Postmodern Category of Paralysis, in: Women’s History Review 3 (1994), H. 2, S. 149–168, hier S. 149. William H. Sewell Jr., Rezension zu Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, in: History and Theory 29 (1990), H. 1, S. 71–82, hier S. 71. Thomas Haskell / Sanford Levinson, Academic Freedom and Expert Witnessing: Historians and the Sears Case, in: Texas Law Review 66 (1988), S. 1629–1659. Alice Kessler-Harris, Academic Freedom and Expert Witnessing: A Response to Haskell and Levinson, in: Texas Law Review 67 (1988), S. 429–440.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993)

Lässt sich das nationalsozialistische Konzentrationslager als eigenständige soziale Ordnung beschreiben – und was ändert sich, wenn man es nicht als Bruch mit der Moderne liest, sondern als eines ihrer Ergebnisse? Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors, der zwölfte Titel der NGHM-Leseliste, stellt genau diese Frage an eine Gewaltgeschichte, die sich lange gegen soziologische Zugriffe gesperrt hatte.


Sofskys Buch erscheint 1993 bei S. Fischer und wird im selben Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Es ist die Arbeit eines Soziologen, der sich einem Gegenstand nähert, den die Geschichtswissenschaft längst als ihren beansprucht hatte – und der genau dadurch eine Debatte auslöst, die weit über die eigene Disziplin hinausreicht. Die Jury würdigt das Buch in ausdrücklicher Anknüpfung an Eugen Kogons SS-Staat von 1946: Seither, so die Begründung, habe die Forschung zum NS-Lagersystem nicht aufgehört, doch Versuche zu einer umfassenden Erklärung seines Funktionierens seien selten geblieben. Sofskys Studie schließt genau diese Lücke – und provoziert zugleich einen scharfen, aber produktiven akademischen Streit.

Der argumentative Zugriff des Buches ist strukturanalytisch, nicht chronologisch. Sofsky rekonstruiert das Lager nicht als Institutionengeschichte, sondern als soziales Machtsystem, dessen Ordnungsprinzip er ›absolute Macht‹ nennt. Dabei stützt er sich vor allem auf Häftlingsberichte – eine Quellenwahl, die selbst schon eine Setzung ist. Nicht die Perspektive der Täter organisiert das Buch, sondern das, was sich aus den Aufzeichnungen der Überlebenden über die Funktionsweise des Systems rekonstruieren lässt. Aus diesen Berichten arbeitet Sofsky die Dimensionen heraus, entlang derer sich absolute Macht organisiert: Raum und Zeit, soziale Strukturen – sowohl die des SS-Personals als auch die der Häftlingshierarchien -, Arbeit, schließlich Gewalt und Tod.

Was er beschreibt, ist die systematische Zerstörung einer sozialen Welt. Zugleich zeigt er, dass diese Destruktion nicht chaotisch verläuft, sondern rational organisiert ist: als Verstümmelung der persönlichen Identität, als Veränderung des Raum- und Zeitsinns, als allmähliche Auflösung des Grundvertrauens in den Fortbestand einer sozialen Welt. Erniedrigung und psychische Nötigung sind keine Nebenprodukte, sondern Instrumente. Die Destruktionsmacht der NS-Politik wirkt bis in die verästelte Häftlingsgesellschaft hinein und macht die Opfer selbst zu Trägern eines Systems, das ihre Vernichtung betreibt.

Hier liegt die schmerzliche Pointe des Buches.

Für Sofsky fällt das Konzentrationslager keineswegs aus dem Rahmen moderner Zivilisation heraus, es ist vielmehr ein Bestandteil der Moderne, ein Ergebnis des Vernichtungswillens absoluter Macht und technischer Großorganisation. Diese These ist es, die den Streit auslöst. Sie verschiebt das Lager aus dem Bereich der Anomalie, des Zivilisationsbruchs, des Ausnahmezustands in den Bereich dessen, was moderne Organisationsrationalität hervorbringen kann. Wolfgang Benz nennt das Buch im Spiegel eine Bereicherung der Kenntnis vom Wesen menschlicher Natur, der Organisation von Herrschaft, der Ausübung von Gewalt; Jan Philipp Reemtsma spricht in der Zeit von einem ›unverzichtbaren Standardwerk‹.

Zu finden in der UB UOS. Signatur: 4565-865 3.

Zugleich stößt das Buch früh auf scharfe Kritik. Der Sozialpsychologe Harald Welzer gehört zu den ersten, die Sofskys Zugriff angreifen. Seine Kritik trägt die Debatte über Jahre und wird in einer späteren Relektüre von Maja Suderland in Medaon wieder aufgenommen. Der Streit dreht sich, kurz gesagt, um die Frage, was ein strukturanalytischer Zugriff auf das Lager leisten kann und wo er an seine Grenzen stößt: Reicht die soziologische Perspektive, um das Handeln der Häftlinge und der Täter zu erfassen, oder überschreibt sie es? Es ist eine Frage, die bis heute in der Forschung nachwirkt.

Ein Bezug zwischen Sofsky und unserer Arbeit im Bereich der Konfliktlandschaftsforschung in Osnabrück lässt sich produktiv diskutieren: Wo Sofsky das Lager als soziale Ordnung rekonstruiert, arbeiten archäologische und historische Zugänge an denselben Orten mit ihren materiellen Spuren. Beide Zugänge treffen sich an dem Punkt, an dem Gewalt als organisierter Vollzug lesbar wird – und nicht als Ausnahme dessen, was moderne Institutionen können. Wer Sofsky liest, wird später in dieser Reihe an Snyders Bloodlands denken, das dieselbe Frage nach der Ordnung nationalsozialistischer Gewalt anders, geographisch und komparativ, stellt.

Sofskys Buch zwingt seine Leser:innen dazu, die begriffliche Selbstverständlichkeit aufzugeben, mit der ›das Lager‹ oft als Anderes der Moderne behandelt wird. Was bleibt, ist eine Analyse, die den Preis dieser Verschiebung nicht verschweigt: dass sich absolute Macht als Struktur beschreiben lässt, ohne dass sie dadurch weniger unbegreiflich wird.


Osnabrücker Studierende finden Sofskys Die Ordnung des Terrors im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4565-865 3 (OPAC).

Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main: S. Fischer 1993.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


NGHM liest | 11 | Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken (1980)

Was tut der rassifizierende Blick mit denen, die er trifft — und wie werden aus kolonialen Verhältnissen psychische Strukturen? Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken, der elfte Titel der NGHM-Leseliste, diesmal aus dem Feld postkolonialer Theorie und Kritik, beantwortet diese Fragen mit einem Buch, das Psychiatrie, Philosophie und antikoloniale Analyse in einer Weise verschränkt, die drei Jahrzehnte später zum Gründungstext der Postcolonial Studies wurde.


Zum Zeitpunkt der Niederschrift war Frantz Omar Fanon Ende zwanzig. Geboren 1925 in Fort-de-France auf Martinique, hatte er im Zweiten Weltkrieg in den Forces françaises libres gekämpft, danach in Lyon Medizin und Philosophie studiert und sich 1951 als Psychiater qualifiziert. Das Manuskript, aus dem Peau noire, masques blancs hervorging, war ursprünglich als Dissertation gedacht — die psychiatrische Fakultät wies es als zu politisch und methodisch unorthodox zurück. Für seinen Medizinabschluss reichte Fanon 1951 stattdessen eine engere, neurologische Arbeit ein. 1952 erschien es bei Éditions du Seuil in Paris; 1953 übernahm Fanon eine leitende Position an der psychiatrischen Klinik Blida-Joinville in Algerien, und ab 1956 arbeitete er für die algerische Befreiungsfront FLN, später auch als deren Botschafter in Ghana. Er starb 1961 in den USA an Leukämie, sechsunddreißig Jahre alt.

Frantz Omar Fanon (1925–1961), französischer Psychiater, Politiker, Philosoph und Autor von Schwarze Haut, weiße Masken (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Das Buch entstand also am Übergang: zwischen Ausbildung und antikolonialem Engagement, zwischen Klinik und Manifest.

Fanons Argument setzt bei einer Beobachtung an, die zugleich autoethnographisch und klinisch ist: In der kolonialen Situation sehen sich Schwarze mit einer weißen ›Maske‹ konfrontiert, an der sie sich zwangsläufig zu messen suchen. Rassismus erscheint dabei nicht als Vorurteil oder Nebeneffekt, sondern als konstitutive, komplementär-neurotische Struktur, die Kolonisierte in eine Position der Unterlegenheit und Kolonisatoren in die der Überlegenheit drängt. Diese koloniale Situation gleicht, in Fanons Worten, einer ›Konstellation des Deliriums‹. Ausgehend von Sprache und Anerkennungsverhältnissen — den Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen farbigen Frauen und weißen Männern und umgekehrt — arbeitet er einen ›Minderwertigkeitskomplex‹ heraus, der nicht individualpsychologisch, sondern als Effekt der kolonialen Ordnung selbst zu lesen ist. In seiner theoretischen Auseinandersetzung setzt er Marx, Hegel, Sartre und die Existenzialisten mit Freud, Jung, Adler und Lacan in Beziehung; Lacans Spiegelstadium und Sartres Phänomenologie des Blicks gewinnen dabei besonderes Gewicht.

Im Zentrum steht die berühmte Straßenszene aus dem Kapitel über die ›gelebte Erfahrung des Schwarzen‹: »Sieh mal, ein N_!« […] »Mama, schau doch, der N_ da, ich habe Angst!« In dieser Szene fasst Fanon phänomenologisch, was seine theoretische Analyse strukturell entfaltet: das Moment, in dem der rassifizierende Blick des anderen die eigene Existenz von außen festschreibt. Der Schlussteil wendet sich der Frage von Anerkennung und Befreiung zu — und grenzt sich zugleich von einer als rückwärtsgewandt empfundenen Négritude ab.

Zu finden in der UB UOS. Signatur: 6179-168 8.

Die Rezeption verlief in Wellen. In den 1960er Jahren, im Kontext linker und antikolonialer Bewegungen, wurde Fanon intensiv gelesen; die 1970er Jahre brachten eine Abschwächung, bevor er ab den 1980er Jahren für die entstehenden Postcolonial Studies wiederentdeckt wurde. Als Schlüsseltext dieser Wiederentdeckung gilt Homi K. Bhabhas Vorwort »Remembering Fanon« zur englischen Neuausgabe von 1986, das Schwarze Haut, weiße Masken gleichsam zum Gründungsmanifest der Postcolonial Studies erhob. Stuart Hall, Paul Gilroy und Achille Mbembe rezipieren Fanon weiter; Jean-Paul Sartre hatte ihn schon früh, im Vorwort zu Die Verdammten dieser Erde, breit bekannt gemacht. Kritik kam von unterschiedlichen Seiten: Die damals an der Uni Köln tätige Historikerin Barbara Lüthi argumentierte auf dem Historikertag 2016, Fanon sei »nicht unbedingt hilfreich für eine Analyse konkreter historischer Konstellationen« — könne aber den Blick für die epistemische Dimension kolonialer Gewalt schärfen. Aus liberal-konservativer Perspektive wiederum wird Fanon bis heute als problematischer Bezugspunkt adressiert, etwa mit Blick auf das in Die Verdammten dieser Erde entfaltete Argument, der Nationalsozialismus habe koloniale Gewaltmethoden auf ›Weiße‹ angewandt — ein Gedanke, den bereits Aimé Césaire in Discours sur le colonialisme (1950) formuliert hatte.

Bleibend ist die begriffliche Verschränkung selbst: Rassismus wird als Struktur erfasst, die Subjektbildung tief prägt, nicht als Einstellung, die sich korrigieren ließe. Fanons Kategorien — Maske, Blick, Anerkennung, Manichäismus der kolonialen Welt — sind in der Rassismusforschung, der Migrationsforschung und der kritischen Theorie fest etabliert. Auf dem NGHM-Blog wird Fanon in der Vorstellung der Leseliste ausdrücklich als einer jener Autoren genannt, deren Schriften nur vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Psychiater und antikolonialer Aktivist verstehbar sind, und er wird der postkolonialen Traditionslinie zugeordnet, die unsere Arbeitsgruppe mit Holocaust- und Migrationsforschung in Dialog bringen möchte. Wenn später in dieser Reihe mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgt, die die Frage nach Kategorie und Repräsentation methodisch verschiebt, wird sichtbar werden, worin Fanons Analyse besteht: darin, wie der Blick des anderen zur eigenen inneren Struktur wird — noch bevor die Kategorien, in denen dieser Blick operiert, historisch aufgeschlüsselt sind.

Bemerkenswert bleibt die zeitliche Verschiebung der deutschen Rezeption: Zwischen dem französischen Original und der ersten deutschen Übersetzung durch Eva Moldenhauer (1980) liegen fast drei Jahrzehnte, knapp zwei Jahrzehnte nach Fanons Tod — eine Verspätung, die selbst zum Gegenstand der Rezeptionsgeschichte gehört.


Osnabrücker Studierende finden Fanons Schwarze Haut, weiße Masken in der Bereichsbibliothek Alte Münze unter der Signatur NSF B 6179-168 8 (OPAC).

Frantz Fanon (1925–1961), Schwarze Haut, weiße Masken, Frankfurt am Main: Syndikat 1980.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 10 | Detlev Peukert: Die Weimarer Republik (1987)

War Weimar eine gescheiterte Demokratie, oder der Höhepunkt einer Epoche, die sich selbst delegitimierte? Detlev Peukerts Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne – der zehnte Titel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Deutsche Zeitgeschichte – verschob bei seiner Publikation im Jahr 1987 den Blick auf die erste deutsche Demokratie weg von einer bloßen Deutung als Vorgeschichte des Nationalsozialismus. An ihre Stelle trat die Sozial- und Kulturgeschichte einer Gesellschaft, in der die Modernisierung selbst pathogene Züge entfaltete.

Als das Buch im Suhrkamp-Verlag erschien, war Peukert wissenschaftlicher Assistent an der Universität Essen, wo er seit 1978 bei Lutz Niethammer gearbeitet hatte. 1988 übernahm er die Leitung der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, ein Jahr später wurde er zum Professor in Essen berufen. 1990 verstarb er, noch nicht 40 Jahre alt, an den Folgen von Aids. Promoviert hatte er 1979 bei Hans Mommsen über die KPD im Widerstand, habilitiert hatte er sich 1984 bei Niethammer mit einer Arbeit zur Geschichte der deutschen Jugendfürsorge. Bis 1978 Mitglied der DKP, danach der SPD, gehörte Peukert zu jener Generation westdeutscher Historiker:innen, die das Verhältnis von Wissenschaft und Holocaust als Frage der Moderne selbst zu stellen begann. Aus der Alltagsgeschichte kommend, entwickelte er einen Zugriff, der Sozialdisziplinierung, Sozialstaat und Aussonderung als Seiten desselben Prozesses lesbar machte.

Das Cover des Sammelbandes zum Werk von Detlev Peukert zeigt dessen Portrait – Rüdiger Hachtmann / Sven Reichardt (Hrsg.), Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015).

Peukert liest die Republik nicht als Niedergangsgeschichte, sondern als Höhepunkt und zugleich Krisenphase der ›Klassischen Moderne‹, deren Epochenzuschnitt er bewusst nicht deckungsgleich mit der politischen Periode 1918–1933 setzt: Sie reicht für ihn von der Jahrhundertwende bis um 1930. Die Weimarer Republik steht in dieser Deutung unter dem Vorzeichen einer allgemeinen Krise dieses Umbruchs. Dabei kennzeichnet die Epoche keinen zaghaften, sondern einen beschleunigten Wandel: Sozialstaat, Massenkultur, Geschlechterordnungen und politische Konflikte entfalten sich gleichzeitig und delegitimieren sich gegenseitig. Die Republik wurde, so Peukert, schließlich von bestimmten Kräften zum Scheitern gebracht, ohne dass dieses Scheitern zwingend determiniert gewesen wäre.

Methodisch verbindet Peukert dabei politische Strukturanalyse mit Sozialpolitik-, Alltags- und Kulturgeschichte. Den ›mittleren Jahren‹ der Republik, etwa zwischen 1924 und 1929, gibt er besonderes Gewicht: An ihnen zeigen sich bei Peukert Krisenanfälligkeit und Belastbarkeit des Gemeinwesens zugleich. Eine seiner Charakterisierungen der Weimarer Kultur, die das mondäne und atemlose Durchspielen aller Möglichkeiten der Moderne in einer Bewegung beschreibt, in der die Stilarten erprobt und nahezu gleichzeitig wieder verworfen werden, ist über das Buch hinaus zur Formel geworden: Norbert Lammert hat sie in seinem Festvortrag vor der Shakespeare-Gesellschaft 2009 in Weimar aufgegriffen.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6209-598 5.

Das Buch gilt bis heute als Standardwerk. Helmut Walser Smith würdigt Peukert in einer Rezension des von Rüdiger Hachtmann und Sven Reichardt herausgegebenen Sammelbandes Detlev Peukert und die NS-Forschung (2015) als einen der produktivsten deutschen Nachkriegshistoriker und das Weimar-Buch als verblüffende Synthese. Allerdings setzte auch die Kritik früh ein. Smith und andere Beiträger:innen des Bandes problematisieren den Begriff der ›Klassischen Moderne‹ als zu vage. Ähnlich grundsätzlich kritisiert Frank Bajohr in seinem Beitrag, dass Peukert nahezu ohne internationale, vergleichende Perspektive arbeitete und dass der Bezug zum Antisemitismus und zur konkreten Praxis der NS-Politik in seinem Werk unterbelichtet blieb. Auf einer anderen Ebene setzten Moritz Föllmer und Rüdiger Graf an: Sie befragten die enge Verknüpfung von ›Weimar‹ und ›Krise‹ als historiografisches Narrativ, deren Ergebnisse 2005 in dem Sammelband Die ›Krise‹ der Weimarer Republik erschienen. Christoph Thonfeld ordnet die Studie 2016 in Krisenjahre revisited historiografisch ein: Sie sei rasch stilbildend für einen sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriff auf die Weimarer Republik geworden, habe aber, so seine Bilanz nach rund zwei Jahrzehnten Forschung, letztlich mehr Fragen aufgeworfen als sie beantwortet habe.

Denn die Inkongruenz zwischen Peukerts Epochenzuschnitt der Klassischen Moderne und der politischen Periode 1918–1933 ist kein Webfehler des Buches, sondern sein analytisches Programm. Wer die Republik nicht aus 1933 zurückliest, sondern in einen längeren Bogen ambivalenter, destruktiv-pathogener Modernisierung stellt, gewinnt den Blick auf Konfliktlinien, die in einer Niedergangserzählung verschwinden würden. Peukerts Weimar ist eine Gesellschaft, die mit ihrer eigenen Modernität nicht zurechtkommt, weil sie zu viel davon zugleich erlebt.

Wer in den ersten Beiträgen dieser Reihe Foucaults Argument folgt, dass moderne Macht produktiv wirkt, also Subjekte, Wissen und Kategorien hervorbringt, kann Peukerts Zugriff als eine zeitgeschichtliche Anwendung dieses Arguments verstehen: Sozialstaat und Sozialdisziplinierung, Fürsorge und Aussonderung erscheinen in der Klassischen Moderne dann nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten desselben Prozesses.

Später in dieser Reihe wird mit Ulrich Herberts Das Dritte Reich ein Werk besprochen, das Peukerts Frage nach der Moderne als Bedingung des NS in andere methodische Bahnen lenkt. Zugleich lässt sich eine Nebenspur des Werks so deuten, dass die Frage nach den Schattenseiten der Moderne für Peukert keine ausschließlich deutsche war: Zwischen 1984 und 1987 publizierte er mehrere Arbeiten zur Geschichte Lateinamerikas, darunter 1986 unter der hispanisierten Form seines bürgerlichen Namens, Detlev Julio K. Peukert, im Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas einen spanischsprachigen Beitrag über die wiederholten Annexionsangebote der Dominikanischen Republik an die USA im 19. Jahrhundert.


Osnabrücker Studierende finden Peukerts Die Weimarer Republik in der Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LQO 6209-598 5 (OPAC).

Detlev Peukert (1950–1990), Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 09 | Eric J. Hobsbawm: The Age of Extremes (1994)

Lässt sich ein Jahrhundert, das man selbst durchlebt hat, mit den Mitteln der Geschichtsschreibung fassen, und wenn ja, um welchen Preis? Eric J. Hobsbawms The Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914–1991, der neuteTitel der NGHM-Leseliste aus dem Feld Globalgeschichte und Sozialgeschichte, beantwortet diese Frage mit einer Periodisierung, die Schule gemacht hat, und einer pessimistischen Diagnose, die bis heute Widerspruch hervorruft.

Eric John Ernest Hobsbawm (1917–2012), britischer Historiker und Autor von The Age of Extremes (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als Hobsbawm 1994 bei Michael Joseph in London den Schlussband seiner Tetralogie zur Geschichte des langen 19. und kurzen 20. Jahrhunderts vorlegte, war er Mitte siebzig. 1936 war er als Student in Cambridge der Communist Party of Great Britain beigetreten, 1991, beim Ende der Partei, ließ er die Mitgliedschaft halbherzig erlöschen. Drei Jahre später erschien das Buch, dessen letztes Kapitel die Bilanz des ›Realen Sozialismus‹ enthält. Niall Ferguson, dessen politische Position weit von Hobsbawm entfernt ist, hat die Tetralogie als beste Einführung in die moderne Weltgeschichte in englischer Sprache bezeichnet, eine Würdigung, die zeigt, wie weit die Leserschaft des Werks ihre disziplinären und ideologischen Grenzen längst überschritten hat.

Die Architektur des Buches ist streng. Auf ein einleitendes Überblickskapitel folgen drei Teile: ›The Age of Catastrophe‹ für die Jahre 1914 bis 1950, ›The Golden Age‹ für die Jahre 1950 bis 1973 und ›The Landslide‹ für die Zeit von 1973 bis 1991. Die neunzehn Kapitel sind weitgehend eigenständig komponiert und behandeln den totalen Krieg, die Russische Revolution, die Weltwirtschaftskrise, das Ende des Liberalismus und den Aufstieg der Diktaturen, die Anti-Faschismus-Allianz, die Dekolonisation, das Goldene Zeitalter, die Krise der 1970er Jahre und das Ende des ›Realen Sozialismus‹. Eigene Kapitel zu Kunst, Kultur und Naturwissenschaften erweitern den Zugriff über eine Politik- und Wirtschaftsgeschichte hinaus.

Hobsbawm schreibt keine Ereignisgeschichte. Vielmehr will er drei große Veränderungen seiner Lebenszeit erklären: den Niedergang europäischer Vormacht, die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹ durch die Revolution in Kommunikation und Transport sowie den Zerfall früherer sozialer Beziehungsmuster. Aus dieser Trias entwickelt sich eine globale Erzählung, in der die Krise ab den frühen 1970er Jahren nicht bloß als ökonomisches Phänomen erscheint, sondern als Erschütterung der institutionellen und ideologischen Grundlagen aller Regime. Im Schlusskapitel diagnostiziert Hobsbawm einen Verlust an staatlicher Steuerungsfähigkeit. Damit kündigt er nicht den Triumph des demokratischen Kapitalismus an, den die zeitgenössische Publizistik nach 1989 ausrief, sondern eine drohende Anarchie. In seiner Analyse der Russischen Revolution formuliert er pointiert, dass der Kapitalismus sich an seinen Rändern leichter überwinden ließ als in seinen Stammländern: eine Spannung, in der das ganze Werk seine Position hält, nämlich die Anerkennung der Stabilität des Kapitalismus dort, wo der Marxist Hobsbawm ihn am liebsten überwunden gesehen hätte.

Genau hier setzt die Kontroverse an, die das Buch bis heute begleitet. Lawrence Freedman würdigte in seiner Rezension Hobsbawms umfassende Analyse und seinen weiten Bogen und erklärte den Band zum Maßstab für Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Zugleich hielt er Hobsbawms Sicht auf den Kapitalismus als unbändige und intrinsisch extremistische Kraft sowie seine Sorge vor einer triumphierenden Anarchie für nicht überzeugend. Auch die Etiketten der Periodisierung stießen in der Rezeption auf Vorbehalte: Die Zeit nach 1973 als ›Landslide‹ zu beschreiben, als seien die Dinge seitdem stetig bergab gerollt, erschien mehreren Kritikern kaum überzeugend – Tony Judt überschrieb seine Besprechung nicht zufällig mit ›Downhill All the Way‹. Die durchgängig unsympathische Behandlung der USA führe, so Freedman, zu einem unzureichenden Verständnis der globalen Anziehungskraft des ›American way‹. Eine andere Kritiklinie betrifft die Quellenbasis: Das Buch stützt sich fast ausschließlich auf Sekundärliteratur, deren Grenzen gelegentlich sichtbar werden, und der Raum, den Hobsbawm dem Sozialismus einräumt, lässt eigene Voreingenommenheiten erkennen. Von links wiederum las die Internationalist Communist Review das Buch als Ausdruck einer Wandlung Hobsbawms vom Stalinisten zum Verteidiger ›demokratischer Werte‹: ein Vorwurf aus entgegengesetzter Richtung.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 4595-484 9.

Trotz dieser Vorbehalte ist die zentrale Setzung des Buches in das Vokabular der Globalgeschichte eingegangen. Mit dem ›kurzen 20. Jahrhundert‹, als Pendant zum ›langen 19. Jahrhundert‹, hat Hobsbawm eine bis heute prägende Periodisierung etabliert. Die Dreiteilung in Katastrophe, Goldenes Zeitalter und Landslide strukturiert die Erzählung der Epoche weit über das eigene Werk hinaus. Wer die Geschichte des Westens nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern in den ungleichen Schüben von Kapitalismus und Klassenbildung sowie in der Wucht des Nationalismus erzählen will, kann hinter diesen Zugriff kaum zurück.

An einer Stelle bleibt das Buch dabei eigentümlich blass: Migration. Hobsbawm registriert die Verwandlung der Welt in eine ›einzige operative Einheit‹, ohne die Bewegungen von Menschen, also Vertreibungen, Arbeitsmigrationen, Fluchten, Displaced Persons der Nachkriegszeit, als eigenständigen Strang seiner Erzählung zu führen. Mit Wymans DPs, dem ersten Titel zur Flüchtlingsgeschichte auf unserer Liste, wird sichtbar, was bei Hobsbawm strukturell unterbelichtet bleibt: dass die Produktion von Migrationsregimen kein Nebenphänomen des kurzen 20. Jahrhunderts war, sondern einer seiner Kernprozesse.

Was bleibt, ist eine Periodisierung, die ihr eigenes Datum trägt: 1991 als Endpunkt, geschrieben von einem Historiker, der diesen Endpunkt selbst als Zäsur seiner politischen Biografie erlebt hatte.


Osnabrücker Studierende finden Hobsbawms The Age of Extremes im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4595-484 9 (OPAC).

Eric J. Hobsbawm (1917–2012), The Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1914–1991, London: Michael Joseph 1994.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 08 | Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer (1976)

Was lässt sich aus den Worten eines friaulischen Müllers über die Welt des späten 16. Jahrhunderts lernen, und warum gerade aus seinen? Carlo Ginzburgs Der Käse und die Würmer, der achte Titel der NGHM-Leseliste, ist einer der klassischen Texte der Mikrogeschichte und stellt diese Frage so konsequent, dass das Buch das Profil dieses Forschungsansatzes maßgeblich geprägt hat: der Microstoria.

Carlo Ginzburg, 1939-2026 (CC BY-SA 3.0)

In der Nacht zum 17. Juni 2026 ist Carlo Ginzburg in Bologna gestorben, im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verliert die Geschichtswissenschaft einen ihrer einflussreichsten und international am breitesten gelesenen Vertreter. Dieser Eintrag in unserer Literaturliste liest sich nun anders. Was als Lektürehinweis zu einem methodischen Klassiker gedacht war, wird auch zum Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Forschung: von der ersten Friaul-Studie (1966) bis zu Il vincolo della vergogna, das Ginzburg noch im Februar 2026 in Bologna vorstellte.

Beginnen wir mit einer Szene aus dem Archiv. Im Sommer 1962 stößt ein junger Historiker im Inquisitionsarchiv der erzbischöflichen Kurie in Udine in einem von einem lokalen Inquisitor angelegten Index auf den Namen eines Müllers: Domenico Scandella, genannt Menocchio, geboren 1532 im Friaul, zweimal vor das Heilige Offizium gestellt, schließlich als Häretiker hingerichtet. Der Historiker notiert sich den Fall, lässt ihn liegen, kehrt zu anderen Themen zurück. Erst Jahre später nimmt er die Akten wieder auf. 1976 erscheint bei Einaudi in Turin ein schmales Buch, das die Geschichtswissenschaft verändert. Carlo Ginzburg, geboren 1939 in Turin, ist zu diesem Zeitpunkt Dozent in Bologna. Dort wird er in den Jahren nach 1970 in Debatten über das Verhältnis von Volkskultur und gelehrter Hochkultur hineingezogen: der unmittelbare Kontext der Studie.

Ginzburg studierte an der Scuola Normale Superiore in Pisa, wo er 1961 abschloss, und lehrte ab den 1970er Jahren an der Universität Bologna, bevor er 1988 als Franklin D. Murphy Professor of Italian Renaissance Studies an die UCLA wechselte und 2006 nach Pisa zurückkehrte. Lehrtätigkeiten an amerikanischen Universitäten, unter anderem in Harvard, Yale und Princeton, ergänzten diesen Weg.

Auch die Familienbiographie wirkt in das Werk hinein: Sein Vater Leone Ginzburg, eine Schlüsselfigur des antifaschistischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung Italiens, starb im Februar 1944, in den Händen der Gestapo, an den Folgen der Folter im römischen Gefängnis Regina Coeli. Ginzburgs Mutter, Natalia Ginzburg, wurde zu einer der einflussreichsten italienischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Seine erste Friaul-Studie, I benandanti von 1966, hatte Ginzburg bereits in das Feld frühneuzeitlicher Volksreligiosität geführt. Mit Menocchio fand er einen Fall, der die offene Frage dieses Feldes auf eine eigene Weise bündelte: ob und wie sich die kulturelle Welt der Sprach- und Schriftlosen rekonstruieren lässt, wenn die einzigen Quellen Verhörprotokolle ihrer Verfolger sind.

Das Buch wählt einen ungewöhnlichen Weg. Statt mit einer methodischen Programmatik beginnt Ginzburg mit Brechts Gedicht vom ›lesenden Arbeiter‹, ein Vorzeichen dafür, dass die Studie eine politische Frage ist, bevor sie eine methodische wird: Wer hat in den überlieferten Archiven der Macht eine Stimme, und wer nicht?

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6150-953 7.

Im Zentrum des Buches stehen zwei Inquisitionsverfahren von 1583/84 und 1599 gegen den lesefähigen Müller. Aus den Verhörprotokollen rekonstruiert Ginzburg eine häretische Kosmogonie, derzufolge Welt, Engel und Gott aus einem chaotischen Urstoff spontan entstanden seien, analog zur Würmerbildung im Käse. Diese Kosmogonie ist weniger Menocchios geschlossene Lehre als Ginzburgs Lesart fragmentarischer, im Verhör erpresster Aussagen: Im Protokoll von 1584 erläutert der Müller, alles sei zunächst ein Chaos aus Erde, Luft, Wasser und Feuer gewesen, aus dessen Wirbel eine Masse entstanden sei, vergleichbar der Bildung des Käses aus der Milch, in der wiederum Würmer erschienen seien, und diese seien die Engel gewesen. Ginzburg gleicht diese und andere Aussagen systematisch mit den Büchern ab, die Menocchio nachweislich gelesen hatte, etwa der Bibel in der Volkssprache, Boccaccios Decameron und den Reisen des Sir John Mandeville, und arbeitet aus den Verschiebungen, Fehl- und Überinterpretationen ein eigenständiges bäuerliches Weltbild heraus. Daraus entwickelt er seine vielleicht weitreichendste und zugleich umstrittenste These: die Annahme einer beharrlichen, von der gelehrten Hochkultur weitgehend unabhängigen bäuerlichen Kultur mit materialistischen Zügen, die durch Buchdruck und Reformation Sprache und Resonanzraum erhielt, ohne in den gelehrten Häresien aufzugehen.

Methodisch verschränkt sich das Buch mit der Programmatik der Microstoria: der Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabs und der Aufmerksamkeit für den Einzelfall, der Strukturen sichtbar macht, die im Aggregat unsichtbar bleiben. Die dafür oft bemühte Formel vom ›eccezionale normale‹, der ›normalen Ausnahme‹, geht nicht auf Ginzburg zurück, sondern auf Edoardo Grendi (1977); sie bezeichnet eine Denkfigur der gesamten mikrohistorischen Debatte. Diese Debatte war ein kollektives Unternehmen: Sie verdichtete sich um die Zeitschrift Quaderni storici und um die von Giovanni Levi und Ginzburg betreute Einaudi-Reihe ›Microstorie‹. Die Wirkung war international: Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in einer Reihe mit Le Roy Laduries Montaillou diskutiert. Peter Burke, Natalie Zemon Davis, Roger Chartier und Robert Darnton zählen zu den prominentesten Rezipient:innen.

Allerdings setzte auch die Kritik früh an. Paola Zambelli warf Ginzburg in zwei Aufsätzen, Uno, due, tre, mille Menocchio (1979) und From Menocchio to Piero della Francesca (1985), eine zu weitreichende Generalisierung des Einzelfalls vor: Lasse sich aus einem extrem fragmentierten Universum häretischer und devianter Lehren überhaupt ein repräsentatives Weltbild gewinnen? Brigitta Bernet hat in einer Relektüre für Geschichte der Gegenwart gezeigt, dass das Buch zugleich an die politischen Horizonte des linksintellektuellen Italiens der 1960er und 1970er Jahre rückgebunden werden kann und damit weniger ›unschuldig‹ ist, als seine methodische Selbstbeschreibung nahelegt. 1990 besorgte Andrea del Col mit Domenico Scandella detto Menocchio. I processi dell’Inquisizione (1583–1599) eine kritische Edition der zugrunde liegenden Inquisitionsakten bei den Edizioni Biblioteca dell’Immagine in Pordenone. Seitdem ist Ginzburgs Quellenarbeit erstmals breit überprüfbar.

Wer in den vorherigen Beiträgen dieser Reihe Trouillots Frage gefolgt ist, an welchen Stellen der historiographischen Produktion Schweigen erzeugt wird, findet bei Ginzburg eine andere Antwort auf eine verwandte Frage: Inquisitionsakten sind das Archiv einer Verfolgungsmaschinerie, aber gerade ihre detektivische Lektüre, gegen den Strich, kann Stimmen hörbar machen, die die Apparatur eigentlich zum Schweigen bringen sollte. Methodisch verbindet das Buch sich auch mit dem Forschungsprogramm des Osnabrücker SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und unserem Ansatz ›Negotiating Migration‹. Beide behandeln prozessgenerierte Quellen wie Verwaltungsakten, Verhörprotokolle und Registrierungen als zugleich verzerrende und unverzichtbare Zugänge zu den Stimmen subalterner Akteur:innen.

Dieses Lesen gegen den Strich war bei Ginzburg kein Einzelfall, sondern Methode. Der Käse und die Würmer steht nicht für sich, sondern für ein Erkenntnisverfahren, das Ginzberg 1979 auf den Begriff brachte: das ›paradigma indiziario‹, das Indizienparadigma, demzufolge sich historische Wirklichkeit weniger aus Gesetzmäßigkeiten als aus Spuren, Symptomen und unscheinbaren Details erschließt, die der detektivische Blick zu lesen lernt. Von den ›benandanti‹ (1966) über Menocchio bis zu Storia notturna (1989), seiner viel diskutierten ›Entzifferung‹ des Hexensabbats, blieb dieses Verfahren der rote Faden: das Kleine als Zugang zum Großen, das Anomale als Fenster in die Struktur. In seinen späteren Arbeiten richtete Ginzburg den Blick zunehmend auf die Bedingungen historischer Erkenntnis selbst: auf Distanz und Verfremdung als Erkenntnismittel (Occhiacci di legno, 1998) und auf das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und Fiktion (Il filo e le tracce, 2006), das er bis zuletzt gegen einen bequemen Relativismus und gegen die politischen Indienstnahmen der Geschichte verteidigte. Die internationale Resonanz seines Werks, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt vorliegen und das mit Auszeichnungen vom Aby-Warburg-Preis (1992) bis zum Balzan-Preis (2010) bedacht wurde, gründete dabei stets in derselben unbequemen Überzeugung: dass die Wahrheit existiert, ihre Rekonstruktion aber Arbeit verlangt, gerade an den Rändern der Überlieferung.

Im Sommersemester 2026 wird Ginzburgs Müller auch in der Osnabrücker Lektüreübung von Prof. Dr. Christoph Mauntel zur geschichtswissenschaftlichen Grundlagenliteratur gelesen, was darauf hindeutet, dass dieses Buch weit über die Sozialgeschichte hinaus als methodisches Grundlagenwerk gilt. Später in dieser Reihe wird mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgen, deren Frage nach Repräsentation und analytischer Kategorie das Problem der Stimme noch einmal verschiebt.

Was bleibt, ist eine Verschiebung des Maßstabs: Die Größe einer historischen Frage misst sich bei Ginzburg nicht am Umfang ihres Gegenstandes, sondern an der Genauigkeit, mit der ein Einzelfall die Strukturen seiner Welt lesbar macht.


Osnabrücker Studierende finden Ginzburgs Der Käse und die Würmer im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 6150-953 7 (OPAC).

Carlo Ginzburg (geb. 1939), Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main: Syndikat 1979 (italienische Erstausgabe: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio del ’500, Turin: Einaudi 1976).

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


NGHM liest | 07 | Michel-Rolph Trouillot: Silencing the Past (1995)

Was passiert mit einer Revolution, die das herrschende Denken ihrer Zeit für ›undenkbar‹ hielt? Michel-Rolph Trouillots Silencing the Past. Power and the Production of History, der siebte Titel der NGHM-Leseliste und diesmal dem Feld der postkolonialen Theorie und Kritik zugeordnet, beantwortet diese Frage am Beispiel der Haitianischen Revolution. Dabei entfaltet das Buch ein Modell, das die kritische Geschichts-, Archiv- und Erinnerungsforschung bis heute prägt.

Als das Buch 1995 bei Beacon Press in Boston erschien, lehrte Trouillot an der Johns Hopkins University. Dorthin war er 1988 als Associate Professor gewechselt; später leitete er dort als Krieger/Eisenhower Distinguished Professor of Anthropology das von ihm gegründete Institute for Global Studies in Culture, Power and History. Es war nicht sein erstes Buch, aber das, mit dem er weit über die Karibikforschung hinaus gelesen wurde. Vorausgegangen waren Ti difé boulé sou istwa Ayiti (1977), das erste buchlange Sachbuch in haitianischem Kreol, das er noch als Student verfasste, sowie Peasants and Capital: Dominica in the World Economy (1988) und Haiti: State against Nation (1990). Silencing the Past bündelte, was diese Arbeiten umkreist hatten: eine Frage nach Macht in der Produktion historischen Wissens, gestellt aus einer Position, die ebenso in der haitianischen Intellektuellengeschichte wie in der nordamerikanischen Anthropologie verankert war.

Diese Doppelposition war biografisch grundiert. Trouillot, am 26. November 1949 in Port-au-Prince geboren, stammte aus einer Familie, in der die Produktion historischen Wissens und die Praxis des Archivs zur intellektuellen Sozialisation gehörten: Sein Onkel Hénock Trouillot leitete viele Jahre die Archives Nationales d’Haïti und galt als einer der einflussreichsten Noiriste-Historiker seiner Generation, sein Vater Ernst Trouillot war Anwalt und Lehrer am Lycée und betrieb Geschichtsschreibung nebenberuflich, einschließlich einer Fernsehsendung über haitianische Geschichte. 1968 verließ Trouillot Haiti, um mit einer größeren Gruppe von Studierenden der Repression des Regimes François Duvaliers zu entgehen. Er schloss 1978 am Brooklyn College mit einem B.A. in Caribbean History and Culture ab und promovierte 1985 in Anthropologie an der Johns Hopkins University bei Sidney W. Mintz und Richard Price. Wer von dort aus über die Haitianische Revolution schreibt, schreibt nicht aus der Distanz einer entfernten Forschungsfrage, sondern aus einem Erbe, in dem die Lücken der Archive selbst zur Familiengeschichte gehören. Die Widmung der Beacon-Press-Ausgabe an die Erinnerung des Vaters Ernst Trouillot trägt diese Verknüpfung in den Buchanfang ein.

Im Zentrum des Buches steht ein einfaches, aber konsequenzenreiches Modell. Geschichte hat zwei Bedeutungen: das Geschehene und das, was darüber gesagt wird. Der Übergang zwischen beiden ist keine neutrale Operation. ›Stille‹ tritt, so Trouillots zentrale These im ersten Kapitel The Power in the Story, an vier Stellen in den Prozess historischer Produktion ein: bei der Entstehung von Quellen, beim Aufbau von Archiven, beim Abruf von Tatsachen für Erzählungen und schließlich bei der retrospektiven Bedeutungszuweisung. An jeder dieser Stellen verteilen ungleiche Machtverhältnisse die Spuren ungleichmäßig. ›Stille‹ ist hier kein Mangel an Quellen, sondern ein Ergebnis.

Trouillot zeigt das konkret.

An der Geschichte der Palastanlage Sans Souci und ihres beinahe vergessenen Namensgebers Jean-Baptiste Sans Souci demonstriert er im zweiten Kapitel, wie ein Akteur regelrecht zum Verschwinden gebracht werden kann, ohne dass irgendwer ihn aktiv zu vergessen suchte. Die Haitianische Revolution selbst war, so sein zentrales Argument im dritten Kapitel An Unthinkable History, für das westliche Denken nicht falsch erzählt, sondern undenkbar: Eine erfolgreiche Sklavenrevolution passte in keine der Kategorien, mit denen die zeitgenössischen europäischen Beobachter:innen Politik, Vernunft und Handlungsfähigkeit dachten. Was undenkbar ist, lässt sich auch nachträglich nicht angemessen erzählen: Es bleibt am Rand, in der Fußnote, in der Ausnahme. In den abschließenden Kapiteln verschiebt Trouillot den Blick auf die Gegenwart der Geschichte, auf die Kontroversen um Christopher Columbus und, am Beispiel eines geplanten Disney-Themenparks, auf die öffentliche Produktion von Geschichte. Der Epilog kehrt zur Frage zurück, wie die Analyse von Macht in der Geschichtsschreibung selbst zu einer politischen Praxis werden kann.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 6277-556 4.

Die Wirkung war breit und hält an. Hazel V. Carby skizziert im Vorwort zur 20-Jahr-Jubiläumsausgabe von 2015 den Einfluss des Buches auf Anthropologie, Geschichte sowie African American, Caribbean und postkoloniale Studien und hebt es zugleich als Einführung in historische Analyse für eine neue Lesegeneration hervor. Anerkennende Urteile kamen von Eric R. Wolf, Arjun Appadurai und Kenneth Maxwell. Dass Raoul Peck Jahrzehnte später Silencing the Past zu einer der drei zentralen Referenzen seiner HBO-Doku-Serie Exterminate All the Brutes machte, neben Sven Lindqvist und Roxanne Dunbar-Ortiz, deutet auf eine Reichweite hin, die akademische Diskursgrenzen längst überschritten hat. Die Begriffe ›silencing‹ und ›unthinkable history‹ gehören heute zu einem geteilten Vokabular, mit dem über koloniale Wissensordnungen und Archivkritik gesprochen wird.

Wer in den vorherigen Beiträgen dieser Reihe Carrs Frage gefolgt ist, wer eigentlich entscheidet, was als ›historisches Faktum‹ gilt, und wer mit Foucault gelesen hat, dass Wissensordnungen Produkte von Machtbeziehungen sind, findet bei Trouillot eine spezifische Anwendung beider Fragen auf die Geschichtsschreibung selbst. Allerdings verschiebt Trouillot den Akzent: Es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, an welchen Stellen des Produktionsprozesses bereits gar nichts mehr gesagt werden kann. Später in dieser Reihe wird Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken eine verwandte Frage aus einer anderen Tradition herausstellen und damit zeigen, dass das Nachdenken über koloniale Wissensformationen mehrere Stränge hat, die einander brauchen, um genau zu werden.

Trouillots Modell verschiebt den Ort der Kritik: Nicht erst die Erzählung ist das Problem, sondern die Bedingungen, unter denen sie überhaupt erzählbar wird.


Osnabrücker Studierende finden Trouillots Silencing the Past im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 6277-556 4 (OPAC).

Michel-Rolph Trouillot (1949–2012), Silencing the Past: Power and the Production of History, Boston: Beacon Press 1995.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.


NGHM liest | 06 | Mark Wyman: DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 (1989/1998)

Was geschieht mit Millionen Menschen, deren Leiden unter Verfolgung und gewaltinduzierter Mobilität mit dem Kriegsende 1945 nicht endet, sondern erst in eine eigene, schwer fassbare nächste Phase eintritt? Mark Wymans DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51, der sechste Titel der NGHM-Leseliste und der erste aus dem Feld Displaced Persons und Flüchtlingsgeschichte, beantwortet diese Frage mit einem Buch, das den Begriff der ›Displaced Person‹ für ein englischsprachiges Publikum überhaupt erst als historiografische Untersuchungseinheit etabliert hat.

Eine Beobachtung vorneweg, die für ein Buch über Nachkriegsflüchtlinge mit Erscheinungsjahr 1989 ungewöhnlich ist: Wyman hat für seine Studie etwa achtzig ehemalige DPs sowie Mitarbeitende der mit ihnen befassten Hilfsorganisationen interviewt. Diese Oral-History-Basis liegt einer Darstellung zugrunde, die sonst aus publizierten Primärquellen und Archivmaterial gespeist ist, und sie verschiebt den Tonfall des Buches spürbar weg von einer bloßen Diplomatie- und Verwaltungsgeschichte. Wer die DPs nur durch die Akten der UNRRA, der IRO oder der amerikanischen Militärregierung gelesen hatte, fand bei Wyman erstmals breit hörbar, was die so Verwalteten selbst zu sagen hatten.

Wyman, heute Distinguished Professor Emeritus of History an der Illinois State University, war zur Entstehungszeit des Buches Professor of History ebendort. Sein Weg dorthin führte über ein Studium an der University of Washington, wo er promovierte, sowie eine frühere Tätigkeit als Labor Reporter der Minneapolis Tribune. Seine Dissertation behandelte die Hard-Rock-Bergleute des amerikanischen Westens, und das Werkverzeichnis reicht von transnationalen Studien zu Rückwanderung und Displaced Persons bis zu lokalgeschichtlichen Arbeiten. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 2004 lehrte Wyman an der ISU. Als DPs 1989 zuerst beim Balch Institute Press in Philadelphia erschien und 1998 von Cornell University Press als Paperback neu aufgelegt wurde, übernahm die Cornell-Ausgabe den Text und ergänzte ihn um eine ›Introduction to the Cornell edition‹, in der Wyman den Stoff in die nach 1989 entstandenen post-sowjetischen Kontexte einordnet, etwa in die kroatischen Rückkehrprogramme, in die litauische Staatsangehörigkeitsregelung für Exilfamilien bis in die Enkelgeneration und in die Eigentumsrückgaben in Estland.

Das Buch selbst beginnt 1945 auf einem zerstörten Kontinent.

Von dort führt Wyman durch die Versorgung der Befreiten, das Lagerleben und die Repatriierungspolitik mit ihren Zwangsrückführungen in die Sowjetunion, durch die Frage verschleppter Kinder und die Konsolidierung der Lager zu eigenen Communities. Ein zentraler Abschnitt rückt die jüdischen DPs als ›Surviving Remnant‹ und die nationalen Exilkulturen der baltischen, polnischen und ukrainischen Gruppen in den Blick. Die Schlusskapitel verfolgen die Auswanderungswellen nach Übersee, als sich nach 1948 die ›gates‹ öffneten, und bilanzieren die politischen, kulturellen und diplomatischen ›legacies‹ des DP-Problems. Methodisch verbindet Wyman die genannten Interviews mit publizierten Quellen und Archivmaterial zu einer narrativen Sozial- und Diplomatiegeschichte. Das Buch hat keine programmatische Theoriearchitektur, sondern erzählt aus einem Material heraus, das diese Theorie überhaupt erst herausfordern sollte.

Genau hier liegt der bleibende Beitrag. M. Mark Stolarik bezeichnete DPs als das einzige Werk, das die Lage der Nachkriegsflüchtlinge in Westeuropa umfassend und einfühlsam darstelle. Das Journal of American Ethnic History hob die breite Interview-Basis hervor und kennzeichnete das Buch als wichtigen Überblick, der weitere Forschung anregen sollte. Die International Migration Review nannte es ein faszinierendes und tief bewegendes Buch, Choice würdigte die Verbindung von Diplomatiegeschichte, Geschichte der internationalen Beziehungen und Sozialgeschichte. In der späteren historiografischen Verortung gilt das Buch, neben Wolfgang Jacobmeyers Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985), als Referenzwerk der ›ersten Welle‹ der DP-Forschung, an das jüngere Arbeiten anknüpfen, etwa Gerard Daniel Cohens In War’s Wake (Oxford University Press 2011), Sheila Fitzpatricks Lost Souls (Princeton University Press 2024) und Ruth Balints Destination Elsewhere (Cornell University Press 2021).

Zu finden in der UB UOS. Signatur
4475-707 6
.

Allerdings liegt zwischen diesen Wellen eine Verschiebung, die für die heutige Lektüre wichtig ist. Cohens Studie und verwandte Arbeiten haben den Akzent vom ethnografisch-erzählenden Zugang Wymans hin zum postwar humanitarian regime und seinen internationalen Organisationen verlagert. Was bei Wyman vor allem als Erfahrung erzählt wird, also Lager, Wartezeit, Auswanderung, lesen jüngere Studien als Effekt eines Migrationsregimes, das DPs überhaupt erst als verwaltbare Kategorie herstellt. Wer beide Linien zusammenhält, gewinnt etwas, das keine allein liefert: eine Geschichte, in der die Stimmen der Verwalteten und die Strukturen der Verwaltung sich gegenseitig lesbar machen. Wenn später in dieser Reihe mit Gérard Noiriels The French Melting Pot ein Klassiker zur staatlichen Produktion von Migration folgt, wird sichtbar, an welcher Stelle Wymans Buch heute steht: als unverzichtbarer Ausgangspunkt und als Aufforderung, weiter zu lesen.

Der letzte Satz des Buches gehört dem Verschwinden seines eigenen Gegenstandes: Die Buchstaben DP, schreibt Wyman, würden eines Tages weit weg klingen, und Enkel würden fragen, was eine DP überhaupt sei. Eingetreten ist diese Vorhersage nur zur Hälfte. Der historische Gegenstand entfernt sich, die Nachkriegs-DPs werden zur erklärungsbedürftigen Chiffre, der Begriff aber verschwindet nicht, sondern kehrt zurück: Die jüngere Migrationsforschung nimmt ›displaced persons‹ wieder auf, als breitere, inklusivere Alternative zu ›refugees‹ und damit für andere Sachverhalte als jene, im ursprünglichen historischen Kontext. Nicht der Begriff vergeht also, sondern seine Referenz verschiebt sich: Der Gegenstand verschwindet, während die Kategorie umgedeutet und für die Gegenwart neu in Dienst genommen wird.

Dass ›displaced persons‹ bereits in den 1940er Jahren weniger eine soziale Wirklichkeit beschrieb als eine politische ›category of action‹ herstellte, macht die Differenz zwischen dem, was der Ausdruck einmal benannte, und dem, was er heute benennen soll, zum eigentlichen Gegenstand der historischen Arbeit (Huhn und Rass 2024).

Wie nötig diese Arbeit bleibt und wie wichtig es ist, die Geschichte gewaltinduzierter Mobilität während und nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder neu zu befragen, führte am 4. Juni 2026 ein Abendvortrag in Osnabrück vor Augen: Dr. Samantha Knapton (University of Nottingham) sprach auf Einladung der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung über „Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe“. Knapton richtete den Blick auf jene, die zugleich queer und Displaced Person waren und deren Ausschluss mit dem Kriegsende nicht endete, sondern sich im Wiederaufbau verfestigte: die ›twice displaced‹, verdrängt aus ihren Wohnorten wie aus ihren Lebensentwürfen. Damit verlängerte der Vortrag genau die Frage, die Wymans Buch stellt und die diese Reihe durchzieht, wessen Erfahrung in die Überlieferung gelangt und wer durch die Kategorien der Verwaltung wie der späteren Geschichtsschreibung hindurchfällt.


Osnabrücker Studierende können DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 als Online-Ressource über die UB Osnabrück abrufen (OPAC).


Mark Wyman, DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51, Ithaca: Cornell University Press 1998 (Erstausgabe Philadelphia: Balch Institute Press 1989).


Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 05 | Michel Foucault: Surveiller et punir (1975)

Wie wurde aus dem Spektakel der Marter die stille Routine der Zelle? Michel Foucaults Surveiller et punir, der fünfte Titel der NGHM-Leseliste und ein Beispiel aus dem Bereich der sozialtheoretische Grundlagen, beantwortet diese Frage mit einer Gegenerzählung: die Abschaffung der öffentlichen Folter markiert keinen Fortschritt der Menschlichkeit, sondern den Übergang zu einer neuen, weitreichenderen Form der Macht, einer Macht, die nicht mehr auf den Körper des Verurteilten zielt, sondern auf die Normierung aller Körper.

Michel Foucault (1926-1984), französischer Philosoph und Autor von Surveiller et punir. (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia)

Als das Buch im Februar 1975 bei Gallimard erschien, war Foucault nicht nur Akademiker. Am 8. Februar 1971 hatte er gemeinsam mit Jean-Marie Domenach und Pierre Vidal-Naquet das Groupe d’information sur les prisons (GIP) gegründet, eine Initiative, die Gefangenen eine öffentliche Stimme geben sollte. Seine Vorlesungen am Collège de France, Théories et institutions pénales (1971/72) und La société punitive (1972/73), bereiteten die Thesen des Buches vor. Surveiller et punir entstand also im Schnittpunkt von politischem Aktivismus und akademischer Forschung; der Philosoph, der die Genealogie des Gefängnisses schrieb, organisierte zugleich den Protest gegen die Zustände in französischen Haftanstalten. Foucault selbst formulierte in der Einleitung: „Que les punitions en général et que les prisons relèvent d’une technologie politique du corps, c’est peut-être moins l’histoire qui me l’a enseigné que le présent.”

Der Text eröffnet mit einem Kontrast, der sein gesamtes Argument trägt: die öffentliche Hinrichtung des Königsattentäters Damiens im Jahr 1757, minutiös in ihrer Grausamkeit beschrieben, gegen den nüchternen Tagesablauf der Jugendstrafkolonie Mettray im 19. Jahrhundert. Zwischen beiden liegt keine humanitäre Reform. Was sich ändert, ist die Adresse der Macht.

Foucault entfaltet diese These in vier Teilen. Der erste analysiert die Marter als Ritual souveräner Macht, den Körper des Verurteilten als Schauplatz, auf dem die verletzte Autorität des Königs wiederhergestellt wird. Der zweite liest die aufklärerische Strafrechtsreform nicht als Humanisierung, sondern als Neuordnung: Effizienz statt Spektakel, Kalkül statt Ritual. Im dritten Teil, dem analytischen Zentrum des Buches, entwickelt Foucault die Begriffe, die sein Werk in den Kanon der Sozialtheorie eingeschrieben haben: die ›gelehrigen Körper‹, die durch Dressur und Zeitordnung geformt werden; die hierarchische Überwachung; die normierende Sanktion; und schließlich das Panopticon Jeremy Benthams als architektonisches Modell einer Macht, die sieht, ohne gesehen zu werden. Der vierte Teil argumentiert, dass das Gefängnis trotz seines programmatischen Scheiterns als Institution bestehen bleibt – nicht obwohl, sondern weil es ›Delinquenz‹ als nützliche Kategorie sozialer Kontrolle produziert. Das von Foucault am Schluss skizzierte „carcéral” durchzieht weite Bereiche der Gesellschaft: Schule, Kaserne, Fabrik, Klinik.

Die Rezeption setzte sofort ein. 1977 löste der Historiker Jacques Léonard mit seinem Beitrag „L’historien et le philosophe” (Annales historiques de la Révolution française 228, 1977, S. 163–181) eine Debatte aus, in der die methodischen Differenzen zwischen historischer und philosophischer Arbeit am Gefängnisthema sichtbar wurden. Den Anstoß hatte Maurice Agulhon, damals Präsident der Société d’histoire de la Révolution de 1848, schon 1976 auf der Jahresversammlung der Gesellschaft gegeben, als er vorschlug, einen Vortrag Michelle Perrots durch eine Table ronde mit Foucault zu ergänzen. Diese Table ronde fand am 20. Mai 1978 statt, mit Foucault, Léonard, Agulhon, Perrot, Arlette Farge, Carlo Ginzburg, Jacques Revel und weiteren Beteiligten. Das gesamte Dossier – Léonards Aufsatz, Foucaults Replik „La poussière et le nuage”, Perrots Vortrag, das Protokoll der Table ronde und ein Nachwort Agulhons – erschien 1980 bei Seuil unter dem Titel L’Impossible Prison. Perrot, die Foucaults Gefängnisforschung als „cycle carcéral” einordnete, gehörte zu den produktivsten Vermittlerinnen des Werks. Hayden White rezensierte das Buch im Juni 1977 in der American Historical Review; Clifford Geertz verfasste am 26. Januar 1978 in der New York Review of Books unter dem Titel „Stir Crazy” eine eigene Besprechung. Im angelsächsischen Raum beeinflusste die englische Übersetzung von 1977 (Alan Sheridan, Pantheon/Allen Lane) maßgeblich die Critical Criminology, die Surveillance Studies und die Gouvernementalitätsforschung.

Die Kritik indes blieb ebenfalls substanziell. Peter Gay warf Foucault und der von ihm beeinflussten ›social control‹-Schule in The Cultivation of Hatred (1993) vor, das Motiv politischer Kontrolle zu überschätzen und Faktoren wie demokratische Reformen, authentischen Idealismus sowie die schiere Unsicherheit oder Inkompetenz der Machthaber zu unterschätzen. David Garland fasste die zahlreichen Einwände in Punishment and Modern Society (1990) auf abstrakterer Ebene zusammen: Surveiller et punir biete eine konsistente Erklärung über Macht, oft auch dort, wo andere Historikerinnen und Historiker zusätzliche Faktoren in Rechnung stellen würden. C. Fred Alford wandte ein, Foucault verwechsle den Diskurs über Gefängnisse mit der tatsächlichen Praxis: Die Abbildungen im Buch zeigten Pläne idealer Gefängnisse, die nie gebaut wurden. Aus marxistisch informierter Perspektive wurde moniert, der Fokus auf die Disziplinargesellschaft vernachlässige ökonomische Strukturen; Nancy Fraser fragte in „Foucault on Modern Power” (1981, wiederabgedruckt 1989), ob Foucault nicht stillschweigend liberale Werte wie Freiheit voraussetze, die seine eigene Analyse nicht begründen könne.

Zu finden in der UB UOS. Signatur 4145-385 2

Gerade in dieser Spannung liegt die Produktivität des Buches. Begriffe wie ›Disziplinarmacht‹, ›Panoptismus‹ und ›gelehrige Körper‹ sind zum Standardvokabular weit über die Strafrechtsgeschichte hinaus geworden – in der Bildungsforschung, der Organisationssoziologie und der Architekturtheorie. Die Grundeinsicht, dass Macht nicht nur repressiv wirkt, sondern auch Subjekte, Wissen und Institutionen produktiv hervorbringt, bleibt ein zentrales analytisches Werkzeug. Zugleich warnen Kritikerinnen wie Petra Gehring vor einer vorschnellen Übertragung des Panoptismus-Modells auf die algorithmische Überwachung: Die digitale Kontrollgesellschaft funktioniert nach anderen Prinzipien als Benthams architektonische Utopie.

Wer Carrs Frage aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, wer eigentlich entscheidet, was als ›historisches Faktum‹ gilt, findet bei Foucault eine radikale Weiterführung: Nicht nur die Auswahl der Fakten, sondern auch die Wissensordnungen selbst, die Kategorien, in denen Gesellschaften unterscheiden, klassifizieren und normieren, sind Produkte von Machtbeziehungen. Später in dieser Reihe wird Michel-Rolph Trouillots Silencing the Past diese Frage auf die Geschichtsschreibung selbst anwenden und fragen, an welchen Stellen des historiographischen Prozesses Schweigen produziert wird. Foucaults eigenes Verfahren liest sich im Nachhinein wie eine Anleitung dazu: die Sichtbarmachung der Muster, die im Vertrauten verborgen liegen.

Osnabrücker Studierende finden Foucaults Surveiller et punir im B-Magazin unter der Signatur 4145-385 2 (OPAC).


Michel Foucault (1926–1984), Surveiller et punir: Naissance de la prison, Paris: Gallimard 1975.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 04 | Barbara W. Tuchman: The Guns of August (1962)

Kann ein Geschichtsbuch einen Atomkrieg verhindern? Barbara W. Tuchmans The Guns of August, der vierte Titel der NGHM-Leseliste, gewählt aus dem Feld Historikerinnen und narrative Geschichtsschreibung, erzählt die ersten dreißig Tage des Ersten Weltkriegs als Geschichte von Fehlkalkulationen, institutioneller Trägheit und der Eigendynamik militärischer Pläne. Dass John F. Kennedy das Buch wenige Monate vor der Kubakrise las, macht es zu einem singulären Fall: einem historischen Text, dessen politische Wirkung sich datieren lässt.

Barbara Wertheim Tuchman (1912–1989), US-amerikanische Historikerin und Autorin von The Guns of August (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Mai 1910, London: Die Könige und Staatsoberhäupter Europas versammeln sich zum Begräbnis Eduards VII. Mit dieser Szene eröffnet Tuchman ihr Buch: ein letztes Gruppenbild der alten Ordnung, bevor vier Jahre später ebenjene Bündnisse, die diese Ordnung zusammenhielten, Europa in den Krieg reißen sollten. Von diesem symbolischen Endpunkt aus führt der Text durch die Kriegspläne der Großmächte: den Schlieffen-Plan, den französischen Plan XVII, die russische Mobilmachung, die Entsendung der britischen Expeditionsstreitkräfte. Dann schildert Tuchman den August 1914 selbst, die Kampfhandlungen um Lüttich, die Grenzschlachten, die Zerstörung Löwens, die Verfolgung der Kriegsschiffe Goeben und Breslau im Mittelmeer, Tannenberg an der Ostfront, bis zur Ersten Marneschlacht. Am Ende steht die These, dass diese dreißig Tage den Stellungskrieg und damit den weiteren Verlauf des Jahrhunderts determinierten.

Tuchman kam nicht aus der Universität. Sie kam aus dem Journalismus und einer politisch verflochtenen Familie, die selbst Teil der Geschichte war, die sie beschrieb. Geboren 1912 in eine einflussreiche New Yorker Familie (ihr Großvater Henry Morgenthau Sr. war US-Botschafter im Osmanischen Reich, ihr Vater Maurice Wertheim Bankier und Eigentümer von The Nation), erwarb sie 1933 am Radcliffe College einen Bachelor in History and Literature, arbeitete als Auslandskorrespondentin im Spanischen Bürgerkrieg und während des Zweiten Weltkriegs im Office of War Information. Ein Promotionsstudium schloss sie nie an, was sie später selbst als Befreiung von akademischen Zwängen beschrieb. Stattdessen verfolgte sie bewusst einen literarischen Zugang zur Geschichtsschreibung, recherchierte an der New York Public Library, der Library of Congress, dem British Public Record Office und der Bibliothèque Nationale und bereiste die Schlachtfelder Belgiens und Frankreichs mit einem gemieteten Renault. The Guns of August erschien Ende Januar 1962, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Die politische Wirkung trat wenige Monate später ein. Kennedy, der das Buch vor der Kubakrise gelesen hatte, verwies wiederholt auf Tuchmans Warnung vor der Eskalationsdynamik militärischer Mobilmachung. Zu seinem Bruder Bobby sagte er: „I am not going to follow a course which will allow anyone to write a comparable book about this time [and call it] The Missiles of October.” Auch der britische Premierminister Harold Macmillan, den das Buch nachhaltig beeinflusst hatte, widersetzte sich im Oktober 1962 dem amerikanischen Drängen auf eine sofortige NATO-Alarmbereitschaft. Graham Allison analysierte diesen Einfluss später in Essence of Decision.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 4501-311 7.

Die akademische Rezeption fiel gespalten aus. Das Buch gewann 1963 den Pulitzer Prize for General Nonfiction und wurde zum Bestseller; 1998 nahm die Modern Library es in ihre Liste der 100 Best Nonfiction des 20. Jahrhunderts auf. Allerdings kritisierten mehrere Historiker die Quellengrundlage: Ulrich Trumpener bemängelte im Journal of Modern History die unzureichende Nutzung von Primärquellen und urteilte, „as a scholarly contribution to the history of World War I” sei das Buch „less satisfactory”; Tuchman habe die maßgeblichen diplomatiegeschichtlichen Arbeiten von Sidney Fay, Luigi Albertini, Pierre Renouvin und anderen ignoriert und sich stattdessen auf Generalstabsgeschichten und kontroverse Memoiren gestützt. Michael Gordon (New York Times Book Review, 1963) warf ihr eine antideutsche Voreingenommenheit vor: Das Buch erwecke den Eindruck, der Krieg sei „half the result of the fecklessness of the Kaiser and half the result of the unbelievably vicious character of the German people”. Samuel R. Williamson Jr. vermisste im Sewanee Review eine Analyse von Zivil-Militär-Beziehungen und Allianzstrukturen. Sidney Fay fasste das Spannungsfeld zusammen: Tuchman habe die Geschichte falsch dargestellt, gleichwohl müssten Historiker:innen schreiben wie sie, oder sie seien „out of business”.

In Fays Diktum steckt die produktive Spannung, die das Buch für die Leseliste relevant macht. The Guns of August ist ein idealtypisches Lehrstück über die Spannung zwischen narrativer Eingängigkeit und wissenschaftlicher Komplexität: selektive Quellenverwendung, deterministische Kausalitätsannahmen, nationale Stereotype auf der einen Seite; auf der anderen ein Text, der ein Massenpublikum erreichte, politische Entscheidungen beeinflusste und eine Generation populärer Historikerinnen und Historiker prägte, darunter Margaret MacMillan, die 2014 von Tuchmans Erzählung schrieb, die Lektüre sei gewesen, als ginge Geschichte „from black and white to Technicolor”.

Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Tuchman einen Fall, der Carrs Argument zugleich bestätigt und auf die Probe stellt: Tuchmans Auswahl, der Fokus auf die Westfront, das Fehlen des serbisch-österreichischen Kriegsschauplatzes, die Dramatisierung einzelner Entscheidungsmomente formten nicht nur eine Erzählung, sondern ein politisches Werkzeug. Dass Kennedy aus dieser Erzählung eine Handlungsmaxime für die Kubakrise ableitete, zeigt, dass narrative Geschichtsschreibung politische Relevanz entfalten kann und dass die Frage, welche Vergangenheit erzählt wird, Konsequenzen für die Gegenwart hat, die über akademische Debatten hinausreichen. Später in dieser Reihe wird Eric Hobsbawms The Age of Extremes das ›kurze 20. Jahrhundert‹ analytisch rahmen, das bei Tuchman mit jenen dreißig Augusttagen begann.

Dabei bleibt ein Detail, das Tuchman erst Jahrzehnte nach der Veröffentlichung preisgab, eine Art Fußnote zur eigenen Methode: Als zweijähriges Kind befand sie sich im August 1914 auf einem italienischen Passagierdampfer im Mittelmeer, der die Verfolgung der Goeben und Breslau miterlebte, eine Episode, die sie im Buch beschrieb, ohne sich selbst als Augenzeugin zu erkennen zu geben.

Osnabrücker Studierende finden Tuchmans The Guns of August im B-Magazin unter der Signatur 4501-311 7 (OPAC).


Barbara W. Tuchman (1912–1989), The Guns of August, New York: Macmillan 1962.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 03 | Klaus J. Bade: Europa in Bewegung (2000)

Ist Migration die Ausnahme oder die Regel europäischer Geschichte? Klaus J. Bades Europa in Bewegung, der dritte Titel der NGHM-Leseliste, kommt nun aus dem Feld der Migrationsgeschichte und -theorie und beantwortet diese Frage mit einer umfassenden Synthese, die Wanderungsbewegungen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart als Strukturmerkmal der europäischen Moderne sichtbar macht, nicht als Störung, sondern als Normalfall.

Klaus Jürgen Bade (*1944), deutscher Historiker und Autor von Europa in Bewegung (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Als das Buch 2000 bei C.H. Beck erschien, war Bade Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und Initiator des dort 1991 gegründeten Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Wissenschaft und kritische Politikbegleitung gingen bei ihm Hand in Hand: Der Historiker, der die europäische Migrationsgeschichte schrieb, hatte mit dem von ihm 1993 initiierten Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung und dem 1998 gegründeten Rat für Migration bereits vor Europa in Bewegung die bundesdeutsche Einwanderungsdebatte mitgeprägt. Eberhard Seidel empfahl den Band denn auch in der taz als „Begleitlektüre” für die Arbeit der rot-grünen Bundesregierung an einer neuen Einwanderungsgesetzgebung. Europa in Bewegung erschien in der internationalen Reihe „Europa bauen”, die Jacques Le Goff herausgab und die bei C.H. Beck, Basil Blackwell, Crítica, Laterza und Le Seuil gleichzeitig veröffentlicht wurde, ein Rahmen, der den europäischen Anspruch des Buches programmatisch unterstrich.

Die Kernthese: Migration gehört zur Conditio humana. Der ›Homo migrans‹, so Bades konzeptioneller Zugriff, ist ebenso alt wie der Homo sapiens. Wanderungen sind nüchtern als notwendige Reaktionen auf ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandel zu begreifen, nicht als Anomalie, die es zu regulieren oder zu verhindern gilt.

Von diesem Grundsatz aus entfaltet das Buch eine chronologisch gegliederte Darstellung: Arbeitswanderungen und Wanderhandel im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft; transnationale und transkontinentale Wanderungen einschließlich des Massenexodus in die ›Neue Welt‹ und kolonialer Migration; Flucht, Vertreibung und Zwangsarbeit in den beiden Weltkriegen; Wanderungspolitik im Kalten Krieg, von Displaced Persons über ›Gastarbeiter‹ bis zu Asylwanderungen; schließlich der Einwanderungskontinent Europa am Ende des 20. Jahrhunderts mit Fragen der ›Festung Europa‹, kultureller Vielfalt und illegaler Einwanderung. Durchgängig verbindet Bade den Blick auf den Alltag des Migrationsgeschehens mit der Analyse staatlicher Steuerungsversuche. Das zentrale historische Argument liegt im Kontrast: die relativ ungehinderten proletarischen Massenwanderungen des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite, die politisch reglementierten Wanderungsbewegungen des 20. Jahrhunderts auf der anderen. Europa wandelte sich, in Bades Lesart, vom Aus- zum Einwanderungskontinent. Die Politik hinkte dieser Transformation beständig hinterher.

Die Rezeption fiel breit und überwiegend positiv aus. Dieter Oberndörfer sprach von einem „Standardwerk”. Rolf W. Brednich nannte Bade in einer Besprechung auf H-Soz-Kult den „bedeutendsten deutschsprachigen Migrationshistoriker” und das Buch eine „transnationale Migrationstopographie”. Steve Hochstadt besprach es in der American Historical Review, Ludger Pries in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Karine Rance in der Revue de l’IFHA. Das Buch wurde ins Italienische (Laterza 2001), ins Französische (du Seuil 2002), ins Spanische (Critica 2003), ins Englische (Blackwell 2003) und ins Tschechische (Nakladatelstvi Lidové noviny 2005) übersetzt. Allerdings blieb Kritik nicht aus. Leo Lucassen monierte in der International Review of Social History, Bade greife für die Periode nach 1914 zu sehr auf Bekanntes zurück und lasse systematische Längsschnittanalysen zu zentralen Themenfeldern vermissen; ein stärker thematischer Ansatz hätte noch mehr erbracht. Brednich merkte an, der Sprachstil sei für ein an breite Kreise gerichtetes Buch manchmal zu kompliziert. Jürgen Schmidt kritisierte, die Darstellung nehme sich keine Zeit, auf die Schicksale hinter den ›Wanderungsexistenzen‹ zu blicken: Einzelne Migrationsbiographien fehlten nahezu völlig.

Zu finden in der UB UOS Signatur: 5031-064.

In einer der seltenen persönlichen Passagen schildert Bade das Migrationsschicksal einer Vogelsberger Bauernfamilie, die nach Essen und Paris ging. Eine Fußnote verrät, dass die Ausführungen familiengeschichtlichen Quellen im Besitz des Verfassers entstammen. Der Strukturhistoriker, der sonst konsequent auf Einzelschicksale verzichtet, machte bei seiner eigenen Familie die einzige Ausnahme.

Was das Buch für die Leseliste bedeutet, liegt weniger in den einzelnen Befunden als in der Perspektivverschiebung, die es vollzieht. Bade legte damit die erste epochenübergreifende deutschsprachige Synthese der europäischen Migrationsgeschichte vor; international hatte nur Leslie Page Moch mit Moving Europeans (1992) einen vergleichbaren Anlauf genommen, dort allerdings auf Westeuropa seit 1650 begrenzt. Bade etablierte den Rahmen, in dem Migration als gesamteuropäisches Strukturphänomen analysierbar wurde, nicht als nationales Sonderproblem. Wer Carrs Einsicht aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst genommen hat, dass Historiker:innen nicht Fakten sammeln, sondern auswählen, findet bei Bade ein Anwendungsbeispiel von erheblicher Tragweite: Die Entscheidung, Migration als Normalfall statt als Krisenphänomen zu rahmen, verändert nicht nur die Darstellung, sie verändert, welche Quellen überhaupt als relevant gelten und welche Fragen gestellt werden. Später in dieser Reihe wird Mark Wymans DPs: Europe’s Displaced Persons, 1945–51 einen spezifischen Ausschnitt jener Nachkriegswanderungen behandeln, die bei Bade in den größeren Bogen der europäischen Migrationsgeschichte eingebettet sind.

Osnabrücker Studierende finden Bades Europa in Bewegung in der B Bibliothek Alte Münze unter der Signatur LLN 5031-064 (OPAC).


Klaus J. Bade (1944–), Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck 2000.


Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.

NGHM liest | 02 | Christopher R. Browning: Ordinary Men (1992)

Wer waren die Täter des Holocaust? Christopher R. Brownings Ordinary Men, der zweite Titel der NGHM-Leseliste, diesmal aus dem Feld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung gewählt, gibt eine Antwort, die bis heute irritiert: keine Dämonen, keine Fanatiker, sondern Hamburger Reservepolizisten mittleren Alters: Familienväter aus der Arbeiter- und unteren Mittelschicht, die unter dem Druck von Konformität und Gehorsam zu Massenmördern wurden.

Christopher Robert Browning (*1944), US-amerikanischer Historiker und Autor von Ordinary Men (Quelle: Wikimedia Commons / Wikipedia).

Geboren 1944 in Durham, North Carolina, studierte Browning Geschichte am Oberlin College und promovierte 1975 an der University of Wisconsin–Madison, wo George L. Mosse zu einem wichtigen Mentor für ihn wurde. Als er Ordinary Men 1992 veröffentlichte, lehrte er an der Pacific Lutheran University in Tacoma und hatte sich bereits mit The Final Solution and the German Foreign Office (1978) sowie The Path to Genocide (1992) als Holocaust-Forscher etabliert. Das Material, auf dem das Buch aufbaut, stammt aus einer Quelle, die erst die westdeutsche Justiz erschlossen hatte: Aussagen von Tätern in Vernehmungsprotokollen der Hamburger Staatsanwaltschaft aus den 1960er Jahren, in denen 210 ehemalige Angehörige des Reservepolizeibataillons 101 über ihre Einsätze im besetzten Polen sprachen. Browning las diese Protokolle nicht als Jurist, der nach strafrechtlicher Verantwortung fragte, sondern als Historiker, der verstehen wollte, wie Tötungsbereitschaft entsteht.

Das Buch setzt mit einer Szene ein, die das gesamte Argument trägt. Am 13. Juli 1942 erhielt das Bataillon in Józefów den Befehl, rund 1.500 jüdische Frauen, Kinder und Alte zu erschießen. Der Kommandeur, Major Wilhelm Trapp (von seinen Männern ›Papa Trapp‹ genannt), weinte vor der versammelten Truppe, als er den Befehl verlas. Er bot den älteren Männern an, sie von der Aktion befreien zu lassen. Von rund 500 Männern traten weniger als zwölf hervor. Trapp selbst blieb dem Massaker fern.

Von diesem Ausgangspunkt aus rekonstruiert Browning chronologisch die Einsätze des Bataillons zwischen Juli 1942 und dem ›Erntefest‹-Massaker im November 1943: mindestens 38.000 Jüdinnen und Juden erschossen und 45.000 nach Treblinka deportiert. Dabei identifiziert er drei Gruppen unter den Tätern: eine Kerngruppe eifriger Mörder, eine Mehrheit, die pflichtgemäß, allerdings ohne Initiative, tötete, und eine kleine Minderheit, die sich der Teilnahme entzog. Im abschließenden analytischen Kapitel zieht Browning sozialpsychologische Forschung heran: Milgrams Gehorsamsexperimente erklären den Mechanismus der Autoritätsbindung, und in Zimbardos Stanford-Prison-Experiment erkennt Browning eine ausdrückliche Parallele zu den drei Tätergruppen des Bataillons. Die Schlussfrage verdichtet das Argument: „If the men of Reserve Police Battalion 101 could become killers under such circumstances, what group of men cannot?”*

Die Gegenrede kam schnell, und sie fiel scharf aus. Daniel Jonah Goldhagen kritisierte Brownings Interpretation bereits im Juli 1992 in The New Republic und legte 1996 mit Hitler’s Willing Executioners eine Gegenthese vor: Nicht situative Dynamiken, sondern ein spezifisch deutscher ›eliminatorischer Antisemitismus‹ hätten die Täter angetrieben. Browning habe die Mörder fälschlicherweise als universell austauschbare ›ordinary men‹ dargestellt. Bei einem öffentlichen Symposium am United States Holocaust Memorial Museum im April 1996 trafen beide Positionen direkt aufeinander; die Fachwelt bewertete die Debatte überwiegend zugunsten Brownings. Historiker wie Hans-Ulrich Wehler, Yehuda Bauer und Norbert Frei kritisierten Goldhagens Buch grundlegend. Browning selbst reagierte 1998 mit einem Nachwort in einer Neuauflage.

Zu finden in der UB UOS unter der Signatur 6135-944

Gleichwohl endete die Debatte nicht mit dieser Replik. In seiner Rezension von Richard J. Evans’ Hitler’s People (2024) hatte Neal Ascherson Evans’ Befund über ideologisch geschulte Freiwillige in der Ordnungspolizei auf Brownings Forschungen angewendet und von einer Schwächung von Brownings Schlussfolgerungen gesprochen. Browning antwortete mit einem Leserbrief in der New York Review of Books vom 26. Juni 2025 und stellte klar, dass das Reservepolizeibataillon 101 gerade nicht dem Muster ideologisch vorselektierter Verbände entsprach, sondern aus nachgezogenen Wehrpflichtigen bestand — und damit die Generalisierbarkeit seiner These bestätigte, nicht widerlegte. Doris Bergen kritisierte in der Festschrift Beyond „Ordinary Men” (Thomas Pegelow Kaplan u.a. Hg., Schöningh 2019) die Vernachlässigung von Genderfragen bei der Analyse der Gewaltdynamiken. Allgemeiner wurde eingewandt, Brownings Fokus auf situative Erklärungsfaktoren riskiere, die individuelle Verantwortung der Täter zu relativieren.

Gerade die Einwände kennzeichnen die Produktivität des Textes. Ordinary Men gilt als ein Gründungswerk der modernen Täterforschung und hat die Geschichtsschreibung zum Holocaust grundlegend verschoben: weg von der Dämonisierung einer kleinen NS-Elite hin zur Frage, unter welchen Bedingungen ›ganz normale‹ Menschen töten. Eine internationale Konferenz zu Brownings 75. Geburtstag im Oktober 2019 in Münster würdigte das Buch als Meilenstein der Täterforschung; in der Polizeiausbildung wird es als Lehrmaterial eingesetzt. Wer Carrs These aus dem ersten Beitrag dieser Reihe ernst nimmt, dass Historiker:innen nicht neutrale Sammler:innen von Fakten, sondern aktive Interpret:innen sind, findet bei Browning ein radikales Anwendungsbeispiel: Dieselben Vernehmungsprotokolle, die Browning als Beleg für situative Täterdynamiken las, las Goldhagen als Beleg für kulturellen Antisemitismus. Nicht die Quellen allein machen die Debatte, sondern die Fragen, mit denen Historiker:innen an sie herantreten.

Später in dieser Reihe wird Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors die Frage nach den Mechanismen von Gewalt aus einer soziologischen Perspektive stellen, wobei Brownings historische Rekonstruktion in eine andere analytische Sprache übersetzt wird. Brownings Text bleibt indes ein zentraler Ausgangspunkt, an dem sich die Täterforschung seit mehr als drei Jahrzehnten abarbeitet — nicht, weil seine Antworten unbestritten wären, sondern weil seine Frage so grundlegend ist.

Osnabrücker Studierende finden Brownings Ordinary Men im B-Magazin unter der Signatur 4645-746 8 (OPAC).

Christopher R. Browning (1944–), Ordinary Men: Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York: HarperCollins 1992.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden (Link öffnet in einem neuen Tab).


*Dank geht an Clemens Villinger für die aufmerksame Lektüre & seinen Hinweis zur Präzisierung des Beitrags.