Lässt sich die Geschichte des ›Dritten Reiches‹ auf gut 120 Seiten erzählen, ohne sie zu verkürzen? Ulrich Herbert nennt das Vorhaben im Vorwort seines 2016 bei C.H. Beck erschienenen Bandes selbst „ein Wagnis“. Mit diesem Titel aus dem Themenfeld NS-Geschichte und Holocaust-Forschung setzt die Reihe NGHM liest ihre Vorstellung der NGHM-Leseliste fort. Der Band zeigt, was eine Überblicksdarstellung leisten kann, wenn ein Historiker sie schreibt, der das Feld über Jahrzehnte mitgeprägt hat.
Als der Band erscheint, blickt Herbert auf ein langes Forscherleben zurück. 1951 in Düsseldorf geboren, promovierte er 1985 an der Universität Essen bei Lutz Niethammer über den ›Fremdarbeiter‹-Einsatz in der Kriegswirtschaft des NS-Staates. Von 1992 bis 1995 leitete er die Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Danach hatte er bis 2019 den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg inne. 2014 legte er seine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert vor, die im selben Jahr den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt. Auf dieses Werk stützt sich der schmale Band nach Herberts eigenem Hinweis „in vielen Teilen“, auch wenn er „zum Teil andere Akzente und Schwerpunkte“ setzt.
Aus dieser Genese erklärt sich der Zugriff. Wer über Zwangsarbeit geforscht, mit der Biographie Werner Bests (1996) die Weltanschauungselite des Reichssicherheitshauptamts ausgeleuchtet und zuletzt ein Panorama des gesamten Jahrhunderts geschrieben hat, verdichtet in einem solchen Band das eigene Wissen zur analytischen Skizze. Herbert begründet diese Form mit dem Stand der Forschung, deren Ergebnisse ein „außerordentlich vielfältiges und kompliziertes Gesamtbild“ ergäben, das sich von der früher üblichen Reduzierung auf wenige Personen und zentrale Ereignisse deutlich unterscheide. Robert Probst hob in der Süddeutschen Zeitung entsprechend hervor, dass Herbert auf Personalisierung und auf den Lesefluss unterbrechende Zitate verzichtet.
Auch die Proportionen des Bandes folgen einer inhaltlichen Entscheidung. Weil nur die Jahre von 1933 bis 1939 spezifisch deutsche Geschichte seien, die Kriegsjahre dagegen „Teil der europäischen und Weltgeschichte“, nimmt die Zeit bis 1939 lediglich etwa zwei Fünftel der Darstellung ein. Ein erster Teil verfolgt die langfristigen Voraussetzungen vom Kaiserreich über die Nachkriegsjahre bis zur Rechten in Weimar, bevor der zweite von der ›Machtergreifung‹ über Verfolgung, Wirtschaft und Gesellschaft, Expansion und Novemberpogrome zum Kriegskurs führt. Den Schwerpunkt bildet der dritte Teil. Seine Kapitel reichen von der „Explosion der Gewalt“ über „Barbarossa“, „Vernichtungspolitik“ und „Krieg und Besatzung“ bis zur „Volksgemeinschaft im Krieg“ und zum Widerstand.
Das Programm fasst Herbert in eine präzise Wendung: Es gehe darum, „Zusammenhänge zu erläutern und Bezüge zu erklären, um die Geschichte des Dritten Reiches nicht in unverbundene Einzelheiten aufzulösen“. Damit reagiert er auf ein Thema, das unter der Materialfülle der Forschung leicht in Detailinseln zerfällt, und antwortet mit Auswahl nach Zusammenhang. Den Preis benennt er selbst. Die Darstellung komme „fast ganz ohne Berücksichtigung der Forschungsentwicklung und Forschungskontroversen“ aus, die an anderer Stelle ausführlich dargelegt seien, weshalb nur die Zitate nachgewiesen werden. Wer die Debatten des Feldes sucht, wird deshalb zu den Einzelstudien in unserer Leseliste greifen müssen.
Die Erstrezeption hat diese Entscheidung überwiegend anerkannt. Gregor Schöllgen sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem „großen Wurf auf kleinem Raum“, Matthias Arning empfahl den Band in der Frankfurter Rundschau als „Standard-Lektüre“. Probst, nach eigenem Bekunden zunächst skeptisch, bescheinigte Herbert Präzision und betonte, hier liege keine bloße Einführung ins Thema vor. Als Schwerpunkt seiner Darstellung stelle Herbert die Beziehung zwischen dem deutschen Volk und der NS-Führung in den Vordergrund.
Von diesem Schwerpunkt her gelesen, verschiebt der Verzicht auf die Kontroversen das Gewicht auf eine Frage, die Herberts Arbeit seit Jahrzehnten begleitet. Das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Regime erscheint weniger als moralische Frage nach Schuld denn als analytische Frage nach Bindungskräften, nach Zustimmung, Duldung und Mitwirkung sowie nach deren Grenzen. Hinter der scheinbar neutralen Chronologie steht damit eine These über die soziale Reichweite einer Diktatur.
Das Vorwort verweist zudem auf die Herkunft des Bandes aus Lehre und Gespräch. Herbert dankt Sybille Steinbacher und Susanne Heim für kritische Lektüre. Die knappe Skizze sei vor allem das Ergebnis von Diskussionen mit Studierenden, Doktoranden sowie Kolleginnen und Kollegen, in denen man sich „mit immer neuen, herausfordernden Fragen“ konfrontiert gesehen habe.

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Seinen Platz auf der Leseliste hat der Band als Gerüst, das die Einzelstudien des Themenfeldes in einen Zusammenhang stellt. Ein Gegenstück bietet Ian Kershaws Hitler, das in wenigen Wochen in dieser Reihe vorgestellt wird. Kershaw bindet die Person des Diktators an die Struktur charismatischer Herrschaft, während Herbert die Personalisierung zurücknimmt. Nebeneinander gelesen, erhellen beide Zugänge ein Herrschaftssystem, das sich weder auf seinen ›Führer‹ noch auf seine Strukturen reduzieren lässt.
Kürze wird bei Herbert zur Bedingung für einen Zugriff, der die Zusammenhänge sichtbar macht, weil er Einzelheiten weglassen muss. Dazu passt, dass er das eigene Buch ausdrücklich nur als „Zwischenergebnis“ versteht, denn entgegen der verbreiteten Überzeugung, das ›Dritte Reich‹ sei erforscht oder gar „aufgearbeitet“, stehe die Forschung in vielen Punkten „erst am Anfang“.
Osnabrücker Studierende können Das Dritte Reich als Online-Ressource oder als Präsenzbuch über die UB Osnabrück abrufen (OPAC).
Ulrich Herbert, Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur, München: C.H. Beck 2016 (C.H. Beck Wissen).
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.























