Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück
Von Eduard Usov & Jessica Wehner
Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.
Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.
Einblicke
Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.




Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.

Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein:
Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.
Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.
Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.

Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.


Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.

In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.
Notizen

Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen.

Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.

Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.
Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.
Blogbeiträge im Juli
- Eduard Usov & Jessica Wehner: NGHM-Tracker (7/26), 1. Juli 2026.
- Christoph Rass: Notes from the DHIP-Summer University in Paris | Doing Migration History with Digital Methods, 3. Juli 2026.
- Christoph Rass: NGHM liest | 09 | Eric J. Hobsbawm: The Age of Extremes (1994), 5. Juli 2026.
- Team NGHM: Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes, 6. Juli 2026.
- Christoph Rass: Watching a Register Move | An Animated Card Index and the Production of Migration, 7. Juli 2026.
- Christoph Rass: NGHM liest | 10 | Detlev Peukert: Die Weimarer Republik (1987), 11. Juli 2026.
- Christoph Rass: NGHM liest | 11 | Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken (1980), 19. Juli 2026.
- Annika Heyen & Jessica Wehner: Team NGHM in Tutzing | Conference “From Geneva to Schengen”, 21. Juli 2026.
- Christoph Rass: Fundstücke | »Guests of the Reich«. Eine amerikanische Replik auf das NS-Schlagwort ›Gastarbeiter‹, 1943, 23. Juli 2026.
- Team NGHM: INSIDE.NGHM | Sebastian Musch, 27. Juli 2026.
Ausblick & aktuelle Termine

Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.
Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.
Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei?
Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.
Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden.














