Alle Beiträge von Eduard Usov

NGHM-Tracker (8/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juli brachte auf dem NGHM-Blog eine bemerkenswerte Dichte an Themen zusammen, die bei aller Verschiedenheit immer wieder auf dieselbe Grundfrage stießen – wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen in der Geschichte produziert werden und was es bedeutet, sie kritisch zu lesen. Daneben öffnete der Monat Fenster nach außen: nach Paris, wo digitale Methoden und Migrationsgeschichte zusammengedacht wurden, und nach Tutzing, wo eine internationale Konferenz die Geschichte des europäischen Flüchtlingsregimes von Genf bis Schengen auslotete. Und wer genau hinsah, entdeckte auch Unerwartetes – eine animierte Kartei, die Migration nicht bloß abbildet, und eine Zeitungsnotiz aus dem ländlichen Georgia von 1943, die ein NS-Propagandawort auf verblüffende Weise spiegelte.

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juliausgabe des Newsletters.

Einblicke

Im Juli neigten sich die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters dem Ende zu: Im Proseminar “Aushandlung von Flucht und Migration nach dem Zweiten Weltkrieg”, geleitet von Jessica Wehner, fand am 9. Juli eine Posterpräsentation der Studierenden statt. Gemeinsam mit Mitgliedern von Team NGHM diskutierten die Studierenden ihre Forschungsvorhaben. Das Proseminar thematisierte die Migration in den Nachkriegsjahren: Nachdem die Alliierten im Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beendet hatten, offenbarten sich Herausforderungen eines bis dahin kaum bekannten Ausmaßes. Millionen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zuge des Zweiten Weltkriegs deportiert, inhaftiert, geflohen und teils auch freiwillig migriert waren, befanden sich in Europa außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Flüchtlinge und Displaced Persons (DPs) bildeten dabei eine sehr heterogene Gruppe aus verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, Osteuropäern, die in den letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende vor der Roten Armee geflohen waren, und zum Teil auch Kollaborateuren und Kriegsverbrechern, die sich als DPs ausgaben, um einer Strafverfolgung durch die Alliierten zu entgehen.

Am 1. Juli brachte eine von Sebastian Musch geleitete Exkursion Studierende der UOS nach Neuenhaus (Grafschaft Bentheim) zum dortigen Günter-Frank-Haus. Das Günter-Frank-Haus ist aus einer 2012 entstandenen Initiative zum Gedenken an die Deportation der letzten Neuenhauser Jüdinnen und Juden hervorgegangen. Es erhielt seinen Namen im Andenken an Günter, das einzige jüdische Kind, das in der NS-Zeit in Neuenhaus aufwuchs und 1944 im Alter von 16 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Neuenhauser Juden und Jüdinnen erzählt. Christa Pfeiffer, eine der Mitinitiator:innen des Günter-Frank-Hauses, begleitete uns durch die Ausstellung und im Anschluss zum jüdischen Friedhof Neuenhaus. Für die Studierenden stand natürlich die jüdische Geschichte im Vordergrund, zugleich wurden aber auch die langen und widrigen gesellschaftlichen Aushandlungen und Widerstände diskutiert, die dieser erinnerungskulturellen Initiative lange im Weg standen, und wie daraus letztendlich ein Erfolg werden konnte.

Im Rahmen der Exkursion wurde auch der jüdische Friedhof in Neuenhaus besucht (Foto: Sebastian Musch)

Der wissenschaftliche Austausch nahm im Juli ebenfalls einen hohen Stellenwert ein:
Das sechste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung brachte fünf Beiträge zusammen, die trotz ihrer thematischen Vielfalt eine gemeinsame Frage verfolgten: Wie werden historische Kategorien, Narrative und Zuschreibungen eigentlich hergestellt? Unter der Moderation von Dr. Sebastian Musch reichte das Spektrum von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen. Den Auftakt machte Lennart Blömer mit Befunden aus seiner Bachelorarbeit zur prozessualen Konstruktion von Glaubwürdigkeit in NS-Verfahren. Lea Horstmann und Jannik Singer stellten stellvertretend für eine Studierendengruppe die im April eröffnete digitale Ausstellung vor – ein Projekt aus dem Seminar von Dr. Sebastian Huhn, das das größte europäische „Altersheim” für Displaced Persons in Varel dokumentierte. Dr. David Templin vom SFB 1604, Teilprojekt C1, beleuchtete das 1989 gegründete Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und zeigte, wie kommunale Migrationspolitik zwischen Anerkennungsanspruch und begrenzten Kompetenzen operierte. Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) rekonstruierte anhand von Universitätsquellen rund 460 Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten, und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit sichtbar zu machen. Den vielleicht überraschendsten Befund präsentierte Dr. Sebastian Huhn: Eine bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA gestoppt – das Team entlassen, die Aufgabe neu vergeben. Mit Michel-Rolph Trouillots Konzept des „Silencing of the Past” deutete Huhn diesen Vorgang als gezieltes Verstummen-Machen einer unbequemen Gegenerzählung, die das Gründungsnarrativ des modernen Flüchtlingsregimes bis heute prägt.

Am 8. Juli hat Sebastian Musch im Kolloquium des Cluster A des Sonderforschungsbereichs 1604 „Die Produktion von Migration“ theoretische Überlegungen zur biografischen Verknüpfung von Fluchterfahrung und der Produktion von Migrationskategorien zur Diskussion gestellt, die ursprünglich in seinem im The Historical Journal veröffentlichten Aufsatz Statelessness as a Political-Existential Predicament in the Lives and Writings of Three German-Jewish Intellectuals erschienen sind. Im Mittelpunkt stand dabei das Leben und Denken Hannah Arendts, die mit ihren philosophischen Schriften zu Flucht und Staatenlosigkeit maßgeblich den philosophischen Diskurs zu diesen Themen geprägt hat. Für den SFB sind diese Fragen nicht nur wichtig, weil hier aktuelle Diskussionen historisiert werden können, sondern auch, weil die Möglichkeiten und Chancen einer Genealogie der Produktion von Migration deutlich werden. Ganz konkret lässt sich am Beispiel Arendt darüber diskutieren, wie die Produktion von Figuren der Migration an der Schnittstelle von Erfahrungswissen, politischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion funktioniert, welche Ein- und Ausschlüsse sie erzeugt und was es für die reflexive Forschungspraxis bedeutet, dass die wirkmächtigsten Migrationsfiguren des 20. Jahrhunderts von Autorinnen mithervorgebracht wurden, die sich selbst nicht aus den Kategorisierungsprozessen herauslösen konnten, die sie analysierten.

Am 9. Juli hat Sebastian Musch dann einen Vortrag auf der Konferenz Muslim, Jewish, and Christian Thinkers in 19th- to 21st-Century North Africa an der Katholischen Akademie Berlin gehalten. Der Vortrag „Essi mi appaiono come ebrei del tempio“: Italian-Jewish Philosophical Debates on the Origins of Ethiopian and North African Jewry under Fascist Colonialism von Sebastian Musch thematisierte die Ausweitung des faschistischen Zeitregimes auf die äthiopischen Juden und Jüdinnen (die sogenannten Falaschas), die nach der Kolonialisierung durch Mussolinis Italien unter faschistische Herrschaft gerieten.

Foto: Sebastian Musch

Am 28. Juli waren Christoph Rass und Annika Heyen gemeinsam mit ihrer SFB-Kollegin Leonie Stoll (Projekt A2: Die Produktion der Diskriminierten in antirassistischen Bewegungen) zu Gast bei der 180 Grad Wende sowie im Podcaststudio Sounds Fresh in Köln. Zweck dieses Besuchs waren Aufnahmen mit Gründer und Geschäftsführer des Vereins Mimoun Berrissoun, Projektleiter für das Programm “Azubi Buddy” Alparslan Korkmaz und Berater Samir Abrar für eine gemeinsame Folge für den SFB 1604-Podcast “Production Site” unter dem Titel “Die Place Changer”. Begleitet wurden sie bei den Aufnahmen von Matthias Milberg von der Bielefelder Podcastfabrik. Mit dabei war auch Kim Aaliyah Gerlach vom VirtuOS, die den Tag filmisch begleitete. Die Filmaufnahmen sollen Teil des Dokumentarfilms über die Arbeit des Transferprojekts “Reflexive Migrationsforschung im Museum” unter dem Arbeitstitel „Migration wird gemacht. Ein Reallabor in virtuellen Räumen“ werden.

Am 22./23. Juli hielt Sebastian Musch auf dem Workshop „Refugees, Returnees, Tourists. Migration and Entanglements in Spain and Germany in the Long Postwar Period“ – organisiert von Jenny Augustin (Universität Osnabrück), Ursula Hennigfeld (HHU Düsseldorf) und dem Kooperationspartner Inbal Ofer (Open University of Israel) – einen Vortrag mit dem Titel „Returning to the ‘Land of the Perpetrators’: Reassessing the Consolidation of Jewish Communities in Postwar-Germany“.

Foto: Christoph Rass

In dem Vortrag diskutierte Sebastian Musch, warum das nach 1945 allgemein erwartete Verschwinden der jüdischen Gemeinden in Deutschland – sei es durch Auswanderung oder Überalterung – nicht eintrat. Tatsächlich stabilisierte sich die Mitgliederzahl stattdessen bei rund 17.000 bis 20.000. Die Forschung nennt dies „Konsolidierung“ und übernimmt auf der Suche nach einer Erklärung oft die Selbstdeutung der Zeitzeugen. Sebastian Musch stellte verschiedene theoretische Ansätze vor, die gerade diese Nicht-Migration fassbar machen. Die in der Forschung gängige Konsolidierungsthese kann so als Produktion von Nicht-Migration gelesen werden. Der Vortrag schloss mit dem Blick auf die 1990er-Jahre: Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wurde politisch als Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie gedeutet und jüdisches Leben rhetorisch als „Geschenk“ adressiert. Der Vortrag zeigt, wie eine Minderheit hier über ihre Funktion für die Mehrheitsgesellschaft definiert wird – und wirft die Frage auf, ob die Forschung zur jüdischen Migration nicht genau dieses Muster reproduziert.

Notizen

(Foto: Gero Leege)

Gute Nachrichten erhielt Annika Heyen in diesem Monat: Sie wurde mit ihrem Dissertationsprojekt “Die Bermuda-Konferenz 1943: Verhandlungen zur Rettung jüdischer Flüchtlinge und ihr Scheitern?” als Stipendiatin der Stiftung Zeitlehren angenommen. Neben dem Allgemeinen Förderbetrag ermöglicht das Stipendium den Zugang zu den Netzwerktreffen der Stiftung und dem fachlichen Austausch mit anderen Stipendiat:innen. 

(Foto: Bjarne Groß/ Gero Leege)

Ebenfalls gute Nachrichten erhielt Imke Selle: Sie erhält für die Abschlussphase ihres Dissertationsprojekts “Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der Emslandlager” ein Abschlussstipendium aus dem Pool Frauenförderung der Universität Osnabrück.

(Foto: Bjarne Groß)

Zum 1. Juli begrüßte das Team NGHM Leonie Schwiers als neue studentische Hilfskraft. Leonie studiert im Zwei-Fächer-Bachelor Germanistik und Geschichte und befindet sich ab dem Wintersemester im fünften Semester . Sie unterstützt das Kernteam im Bereich Forschung und Lehre.

Die Reihe Inside.NGHM gab in ihrer fünften Ausgabe Einblick in den Werdegang und die Forschung von Sebastian Musch. Er schilderte einen ungewöhnlichen akademischen Weg: Statt Geschichte studierte er zunächst Jüdische Studien und Philosophie in Heidelberg – eine Entscheidung, die auf ein Freiwilligenjahr in Israel und Hebräischkenntnisse zurückging, die er gemeinsam mit Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran erwarb. Seine Dissertation widmete er der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen, ein Thema, das ihn nach einem Lehraufenthalt in Sri Lanka überraschend einholte. Die Promotionszeit führte ihn nach Haifa, Berlin, Berkeley und Ghent – eine Periode, die er trotz ihrer Prekarität als intellektuell befreiend beschrieb. Nach Osnabrück kam Musch über ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Biografieprojekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria. Seit 2021 forscht er als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle von Migrationsgeschichte und Holocaustforschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Kategorien wie „refugee” oder „displaced person” nicht einfach existierten, sondern in Konsulaten, Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen aktiv hergestellt wurden. Der Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration” biete dafür, so Musch, ein analytisches Vokabular, das Verfolgung und Flucht als Ergebnis von Ordnungsarbeit beschreibbar mache.

Blogbeiträge im Juli

Ausblick & aktuelle Termine

Anfang August geht es für Prof. Dr. Christoph Rass für drei Wochen nach Oregon – nach Eugene, Corvallis, Salem und Portland, mit einem Dokumentenscanner im Gepäck und der festen Absicht, diesen ernsthaft zu strapazieren.

Die Reise gehört zu Teilprojekt A3 des SFB 1604 und schließt unmittelbar an “Inventing the Guestworker” an, das Buch, das Julie Weise und Christoph Rass derzeit in den Druck begleiten. Dort rekonstruieren die beiden Autor_innen, wie die Figur des ›guest worker‹ in den amerikanischen Einwanderungsdiskurs eingewandert ist: als Übersetzung, aus dem Kongress, den Ministerien, dem Vokabular von Kommissionen, Medien und Wissenschaft. Was dabei offen bleibt, ist die andere Hälfte desselben Vorgangs. Denn eine migrantisierende Figur entsteht nicht nur dort, wo sie benannt wird, sondern ebenso dort, wo sie gebraucht, übernommen, bestritten und bewohnt wird – im Arbeitskampf, in der Verwaltungskorrespondenz, in der Fachpresse der Agrarwirtschaft, in den Akten der Beratungsstellen und Selbstorganisationen.

Genau danach sucht Christoph Rass in den Archiven des Willamette Valley, zugespitzt auf die frühen 1980er Jahre: die Jahre des Immigration Reform and Control Act von 1986: in welchen Kategorien ringen die Erzeuger und ihre Fachpresse, die Landesverwaltung, die Gewerkschaften und eine erstarkende Landarbeiterbewegung um die Bedeutung – also für uns um die “Produktion” von Migration – und welche Rolle spielt die damals neu eingeführte Figur des “guest worker” dabei? 

Die Überlieferung dazu liegt verstreut vor: die PCUN Records in Eugene, die Extension-Service-Akten in Corvallis, die Gouverneursakten in Salem, die Unterlagen der Oregon AFL-CIO in Portland.

Ob die Vermutung trägt, dass die Figur vor Ort nicht bloß aufgenommen, sondern auch neu verhandelt wurde und stets umstritten blieb, wird sich in den Funden aus den Archivkisten entscheiden. 

NGHM-Tracker (7/26)

Der monatliche Newsletter der Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück

Von Eduard Usov & Jessica Wehner

Der Juni brachte eine bemerkenswerte thematische Dichte: Displacement, Erinnerung und die Frage, wessen Erfahrungen in der Geschichtsschreibung sichtbar werden – und wessen nicht. Im Zentrum stand der Vortrag von Samantha Knapton über queere Erfahrungen von Vertreibung im Nachkriegseuropa, der zugleich Anlass war, grundsätzlicher über die blinden Flecken klassischer Migrationsgeschichte nachzudenken. Hinzu kamen Einblicke in die Konferenzreisen von Team NGHM. Was die Beiträge und Ereignisse des Monats verband, war eine gemeinsame Frage, die selten so klar hervortrat: Wie entscheiden wir, welche Geschichten erzählt werden – und mit welchen Methoden lassen sie sich überhaupt fassen?

Über die vielseitigen Aktivitäten des Teams berichtet unsere Juniausgabe des Newsletters.

Einblicke

Das NGHM-Team richtete gemeinsam mit IMIS und SFB 1604 am 4. Juni die vierte Alfred-Landecker-Lecture (organisiert von Dr. Sebastian Musch) aus. Samantha Knapton (Nottingham) sprach zu ihrem Konzept “twice displaced”: Queere NS-Verfolgte, die Lager überlebten, erfuhren mit Kriegsende keinen Ausschluss aus einem Territorium mehr, sondern aus Anerkennung und Historiographie – die Nachkriegsjahre bezeichnete Knapton als “straightestes” Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Anhand des Falles Pierre Seels zeigte sie, wie ein Betroffener nie staatliche Anerkennung erhielt und 2005 staatenlos starb.

Sebastian Musch führt in den Vortrag von Samantha Knapton ein (Foto: Jessica Wehner)

Methodisch plädierte Knapton dafür, queere Leerstellen im Archiv nicht als Quellenlücke, sondern als Produkt der Kategorien selbst zu lesen (etwa des fortgeltenden §175). Eine rein empiristische Lektüre der Akten reproduziere epistemische Gewalt. In der Diskussion blieb offen, wo die Grenze zwischen disziplinierter Rekonstruktion und Hineinlesen ins Schweigen verläuft.

Dr. Sebastian Huhn, Jessica Wehner, Prof. Dr. Christoph Rass, Dr. Samantha Knapton und Dr. Sebastian Musch (vlnr) nach dem Talk (Foto: Imke Selle)

Christoph Rass nahm vom 18. bis zum 20. Juni an einer Tagung des Dokumentations- und Lernorts Bückeberg, der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten und der Leibniz Universität Hannover teil, die der Frage “Die NS-Gesellschaft als ‘Volksgemeinschaft’?” nachging. Im Zentrum standen soziale Praktiken statt Begriffsetiketten – am Tagungsort selbst, dem Schauplatz der “Reichserntedankfeste” (1933–1937).

Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)
Das Wesertal als Kulisse der Inszenierung)

Der Workshop präsentierte Ergebnisse aus dem DFG-Projekt “Überwachung. Macht. Ordnung.”, das die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück digital erschlossen hat: Verfolgungswissen stammte demnach stärker aus Verwaltung und Wirtschaft als aus Partei oder Gestapo, private Denunziation spielte eine geringere Rolle. In der Kriegsphase betrafen fast zwei Drittel der Haftereignisse Zwangsarbeiter:innen. “Volksgemeinschaft” erscheint damit als arbeitsteilige gesellschaftliche Praxis, nicht als bloße Stimmung. Eine Exkursion zum Lernort sowie ein Podium mit Elke Gryglewski und Wiebke Hiemesch verbanden diese Befunde mit Fragen der Gedenkstättenarbeit.

Danach ging es für Christoph Rass weiter nach Paris: Dort hielt er die Keynote der Summer School ‘Doing Migration History with Digital Methods’, die vom 22. bis zum 26. Juni am German Historical Institute Paris (DHIP / Institut historique allemand) stattfand und von Prof. Dr. Mareike König gemeinsam mit dem Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH, University of Luxembourg) organisiert wurde. Seine Keynote unter dem Titel “How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes” thematisierte die Möglichkeiten digitaler Methoden in einer reflexiven Migrationsforschung. In Kürze folgt eine gekürzte Version der Keynote als Blogbeitrag.

Prof. Dr. Christoph Rass @ DHIP (CC-BY 4.0 DHIP)

Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2026 nahmen Jessica Wehner und Annika Heyen auf Einladung von Michael Mayer (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Frank Caestecker (Universität Ghent) an der internationalen Tagung „From Geneva to Schengen. Shaping Immigration and Refugee Protection in Western Europe, 1951-1994“ teil. Die Konferenz fand statt in und ausgerichtet von der Akademie für Politische Bildung Tutzing am Ufer des Starnberger Sees – in Partnerschaft mit der Universität Ghent – und bot Wehner und Heyen die Möglichkeit, einem internationalen Publikum Einblicke in ihre Dissertationsprojekte zu geben.

Jessica Wehner und Annika Heyen bei der anschließenden Diskussion des Panels Shaping the Refugee Regime before the Geneva Convention (Foto: Marcel Berlinghoff)

Nicht nur Team NGHM war auf Reisen, sondern auch die Studierenden: Derzeit findet erneut das Willy-Brandt-Seminar statt, das die NGHM jährlich in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin anbietet. Das von Frank Wolff geleitete Seminar mit Exkursion verbindet Forschung und Public History direkt. Zum einen erforschen die Studierenden anhand spannender und selten genutzter Quellen aus dem Nachlass Willy Brandts eigene Forschungsfragen. Zum anderen konzipieren sie sehr konkret, wie diese Inhalte in eine öffentliche Ausstellung übertragen werden können. In diesem Jahr beschäftigen sich die Teilnehmer:innen mit der Frage, welche Europakonzepte im Exil und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus entwickelt wurden, wie sie sich je nach politischer Ausrichtung unterschieden und welche Themen dabei im Vordergrund standen: Wie gelingt Frieden? Welches „Europa“ braucht es dafür? Wie verhindert man Imperialismus? Und wie stärkt und sichert man Rechte?

Seminarteilnehmer:innen in intensiver Diskussion im Forum Willy Brandt, Berlin.

Um dies lebendig zu gestalten, fuhren die Teilnehmerinnen vom 2. bis 5. Juni 2026 nach Berlin. Dort fand der Kernteil des Seminars erneut im eigens dafür für einige Tage reservierten Forum Willy Brandt, der Berliner Dauerausstellung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, statt. So konnten die Studierenden in intensiver Arbeit direkt „vor Ort“ Ideen entwickeln, wie sich Geschichte in die Öffentlichkeit bringen lässt. Komplettiert wurde das Seminar durch Exkursionen zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zum Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, bei denen die Seminarteilnehmerinnen durch besondere kuratorische Führungen Einblicke in das laufende Geschäft und hinter die Kulissen des Ausstellungsmachens erhielten.

Am 22. und 23. Juni 2026 fand unter Leitung von Sebastian Musch eine Exkursion nach Köln statt. Im Zentrum stand dabei die jüdische Geschichte Kölns. Die Domstadt am Rhein kann sich mit der seit dem Jahr 321 n. u. Z. verbürgten Ansiedlung jüdischer Menschen der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen rühmen.

Diese rund 1700 Jahre jüdischen Lebens sind geprägt von Verfolgung und Antisemitismus – vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus, als beinahe die gesamte jüdische Gemeinde der Stadt vertrieben oder ermordet wurde. Daneben ist die jüdische Geschichte Kölns aber auch eine Geschichte von Resilienz, gesellschaftlichem Aufstieg und Wiederaufbau. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte das Kölner Judentum eine Periode der Prosperität und Anerkennung. Auf dem Programm standen ein Besuch des Doms, der Altstadt, der Synagoge, des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, des Lern- und Gedenkortes Jawne und des NS-Dokumentationszentrums. Ein gemeinsamer Exkursionsbericht der Teilnehmer:innen folgt auf diesem Blog.

Am 30.6. moderierte Sebastian Musch eine Podiumsdiskussion zum Thema “Antisemitismus heute” am Nussbaum Museum in Osnabrück. Es diskutierten Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Pastorin Dr. Daniela Koeppler, die Beauftragte f. christl.-jüd. Dialog im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte, Dr. Winfried Verburg von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück e.V. und Du’A Zeitun von der Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land MUJOS e.V. Es wurde eine lebhafte Diskussion, die vor allem die Notwendigkeit deutlich machte, in öffentlichen Räumen einen konstruktiven Rahmen für eben solche Debatten zu bieten. Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung Van den Yoden statt, die noch bis zum 30. August 2026 im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück zu sehen ist.

Am 24. Juni endete nach drei Monaten der Gastaufenthalt von Morten Baarvig Thomsen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und damit im Team NGHM. Morten nutzte die Zeit am Institut für den Austausch mit Kolleg:innen, die Begleitung von Lehrveranstaltungen und die vertiefte Arbeit an seinem Dissertationsprojekt ‘Experiences of the Danish Refugee Care System: Allied Displaced Persons in Denmark 1945-1953′.

History@SFB

Am 1. Juni war Christoph Rass im Rahmen des Transferprojekts des Sonderforschungsbereichs 1604 “Produktion von Migration” zu Gast im ReflexLab. Unter dem Titel “Revisiting Solingen and Hanau. The living memory of racist attack and the (potential) roles of migration researchers” ging er in den Austausch mit Mert Peksen und Emma Brahm mit ihrem ebenfalls am IMIS angesiedelten Projekt “GeRäuMig“. Die Gemeinsamkeit der beiden Projekte? Beide befassen sich unter anderem mit der lokalen Erinnerungskultur an den rassistisch motivierten Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in der Unteren Wernerstraße in Solingen in der Nacht vom 29. Mai 1993. Geleitet von der Frage nach dem Einfluss von Forscher:innen auf die Erinnerungskultur diskutierten sie mit Jens Schneider vom Reflex Lab über ihre Erfahrungen im Feld und die Grenzen dessen, was sie mit ihrer Arbeit erreichen können und sollten. 

Am 16. Juni begaben sich Annika Heyen, Johannes Pufahl und Tim Ott gemeinsam mit unserem Kollegen Marcel Storch von der Arbeitsgruppe für Fernerkundung und Digitale Bildverarbeitung sprichwörtlich “ins Feld”. Marcel Storch digitalisierte mit Unterstützung durch das Team T-Projekt die mit zum Teil kniehohem Gras umgebene “Friedensbaracke” im Osnabrücker Landwehrviertel. Die Baracke wurde 1937 als Teil einer Ausbildungskaserne der Wehrmacht errichtet, diente ab 1940 als Kriegsgefangenenlager – ab 1941 vor allem für serbische Offiziere – sowie nach Kriegsende als Lager für sogenannte “Displaced Persons” und anschließend bis 2009 als Baracke der britischen Streitkräfte in Deutschland. Obwohl bislang vor allem konnotiert mit dem Thema Krieg und Frieden, hat dieser Ort also auch Bezüge zur Migrationsgeschichte, die jedoch auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. 

Bei der Scanaktion fanden zwei verschiedene Methoden Anwendung: Mithilfe einer Drohne wurde eine Reihe von Fotos aufgenommen, aus denen ein sogenanntes fotogrammetrisches Modell der Baracke zusammengesetzt werden kann. Der Terrestrische Laserscanner arbeitet hingegen mit LiDAR (Light Detection and Range), bei dem das Gerät für das menschliche Auge unsichtbare Laserstrahlen aussendet und misst, in welcher Entfernung diese Strahlen auf Widerstand treffen. Dadurch entsteht eine “Punktwolke”, aus der wiederum ein dreidimensionales, digitales Modell erstellt werden kann. Die Scanaktion verfolgte neben der Erstellung eines digitalen Zwillings der Baracke das Ziel, diese beiden Methoden anhand eines Objekts auf ihre Praktikabilität und die Qualität des am Ende generierten digitalen Modells miteinander zu vergleichen.

Notizen

Im Juni verabschiedete sich Team NGHM von Timo Diener. Timo war seit Anfang 2025 studentischer Mitarbeiter im Team und hat das Kernteam bei der Zuarbeit in Forschung und Lehre unterstützt. Ab Juli übernimmt Timo eine Volontariatsstelle und schließt seine Masterarbeit ab. Wir wünschen ihm alles Gute für seine berufliche Zukunft!

Zum 1. Juni begrüßte Team NGHM ein altbekanntes Gesicht: Eduard Usov, der bereits im A3-Team des SFB 1604 Teil der NGHM war und im Bachelor studiert, unterstützt nun die Redaktion des NGHM-Blogs auf Hypotheses. Zu ihm gibt es ein ausführliches Portrait.

Zum 15. Juni durfte das Team Lennart Blömer begrüßen. Lennart hat kürzlich seinen Bachelor mit einer Arbeit zur Konstruktion der Glaubwürdigkeit in frühen NS-Prozessen gegen Justizpersonal abgeschlossen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wird er am 2. Juli auch im sechsten Tiny Desk Kolloquium vorstellen.

Am 30. Juni erschienen die ersten Podcastfolgen des SFB 1604 – Produktion von Migration. Die Reihe beginnt mit einem Porträt des Forschungszentrums und geht anschließend auf dessen Interviews ein. Unter den derzeit verfügbaren Folgen wurden zwei von Christoph Rass konzipiert und mitmoderiert, jeweils mit einer anderen Gesprächspartnerin: die erste mit Catherine S. Ramírez (Santa Cruz), die zweite mit Lale Yildirim (Kiel). Beide gehen von der Frage aus, die das gesamte CRC leitet: Wie entsteht Migration? Nicht als natürliches Ereignis, das einfach geschieht, sondern als etwas, das geschaffen wird: durch Politik, durch Institutionen, durch Kategorien und nicht zuletzt durch die Wissenschaft selbst.

Blogbeiträge im Juni

Ausblick & aktuelle Termine

Am 2. Juli findet das sechste Tiny Desk Kolloquium zum Thema “Aktuelle migrationsgeschichtliche Forschung” statt. Studierende bekommen zuerst die Gelegenheit Abschluss- und Projektarbeiten vorzustellen und im zweiten Teil folgen Kurzvorträge.

Alle Interessierten sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen!
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Invitation: Lecture by Dr Samantha Knapton on Queer Experiences of Displacement, 4 June

On June 4 (6:30 pm), the Working Group on Modern History and Historical Migration Studies warmly invites you to a public evening lecture at 15/130. Samantha Knapton from the University of Nottingham will deliver a lecture in English titled “Twice Displaced: Queer Experiences of Displacement in Post-war Europe.”

Samantha Knapton (Foto: privat)

Samantha Knapton (University of Nottingham) is an Assistant Professor in History specializing in central and east-central Europe, displacement, and humanitarianism. She earned her PhD from Newcastle University (2019) and worked at the University of East Anglia. Her research includes a 2023 monograph on Polish displaced persons in post-war Germany and co-editing a volume on the United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). She has held a fellowship in Warsaw and published widely on displacement, repatriation, and Anglo-Polish-German relations.

Abstract

The Second World War affected queer people in unique ways: from the destruction of social structures to a change in culture resulting in a new wave of discrimination, to criminalisation and persecution. These factors, compounded by the challenges of war, produced decades of queer displacement as planners sought to ‘recivilize’ in the wake of war. For those who were both queer and displaced the end of the war did not end their displacement but rather reinforced their exclusion from the great postwar reconstruction efforts. This paper will contextualise the place of those who were doubly marginalized in allied occupied Europe, and further explore how we can recover histories of those ‘twice displaced’ – from their homes and their lives – through extant sources.

The lecture is open to the public.