Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext.

In der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ hat unter diesem Namen 1944/45 niemand gekämpft. Weder die Einheiten der US-Armee noch die der Wehrmacht kannten die Bezeichnung, als sie zwischen September 1944 und Februar 1945 gegeneinander standen; sie entstand ex post und fasste eine Serie militärischer Operationen in der nachträglichen Erzählung zu einem kohärenten Großereignis zusammen. Seither führen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur die ›Schlacht im Hürtgenwald‹ als feste Größe, und als Slogan hat sie einen Ort emotional aufgeladen, der als ›Verdun der Eifel‹ vermarktet wurde. Band 3 der Reihe „Konfliktlandschaften“ nimmt diesen Prozess der Geschichtsproduktion zum Gegenstand: In den Beiträgen des Buches geht es weniger um Ereignisgeschichte als um die Übersetzung von Gewaltereignissen in Geschichte.

Mit »Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur« liegt nun der dritte Band der Reihe »Konfliktlandschaften« vor, herausgegeben von Christoph Rass. Die Reihe verantworten ab diesem Band Christiane Kunst, Christoph Mauntel, Christoph Rass, Lale Yildirim und Marcus Zagermann für die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften. Der Band umfasst 334 Seiten mit 35 Abbildungen, ist bei V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück erschienen und in der V&R eLibrary vollständig Open Access zugänglich, mit eigener DOI für jeden Beitrag.

Von der Tagung zum Projektabschluss

Der Band geht auf eine internationale Tagung zurück, die im Oktober 2019 unter dem Titel »Konfliktlandschaft Hürtgenwald« in Köln stattfand und die der Landschaftsverband Rheinland gemeinsam mit der Universität Osnabrück ausgerichtet hat. Er dokumentiert zugleich das Forschungsprojekt »Lernort ›Schlachtfeld‹? – Neue Didaktik einer Konfliktlandschaft Hürtgenwald«, das von 2020 bis 2024 an der Universität Osnabrück durchgeführt wurde. Geschichtswissenschaftliche Analyse, geophysikalische Prospektion, archäologische Feldforschung und digitale Vermittlungsformate waren dort miteinander verschränkt; mit diesem Buch schließt das Projekt seine Arbeit ab.

Getragen wurde diese Arbeit über ihre gesamte Laufzeit vom Landschaftsverband Rheinland, der Tagung, Projekt und Drucklegung gefördert hat. Ein Förderer, der ein Vorhaben dieser Art über Jahre hinweg begleitet, ermöglicht mehr als eine Publikation: Er schafft die Voraussetzung dafür, dass in einer Region, in der die Deutung der eigenen Vergangenheit umstritten ist, überhaupt wissenschaftlich fundiert gearbeitet werden kann. Dafür gilt dem LVR unser ausdrücklicher Dank.

Der Projektverlauf selbst gehört zum Befund. Die Pandemie zwang dazu, Feldforschungen und Vernetzungsworkshops abzusagen und den Schwerpunkt auf digitale Erschließung und Vermittlung zu verlagern, was sich als produktive Anpassung erwies. Schwerer wogen die lokalen Widerstände: verweigerte Zugänge zu Untersuchungsgebieten, ausbleibende Kooperationen, teils offene Anfeindung. Diese Widerstände sind ihrerseits Gegenstand des Bandes geworden, weil sie zeigen, mit welcher Beharrungskraft die regionale Geschichtskultur auf ihre Infragestellung reagiert.

Konfliktlandschaft als analytisches Konzept

Konfliktlandschaften sind, so die begriffliche Grundlage, soziokulturell bestimmbare Räume, die durch gewaltsame Auseinandersetzungen überprägt wurden und in denen die Spuren dieser Konflikte materiell wie immateriell fortbestehen, ohne je zur Ruhe zu kommen. Entscheidend ist die Denkfigur dahinter: ›Landschaft‹ und insbesondere das ›Schlachtfeld‹ existieren nicht als gegebene Entität, sondern werden diskursiv koproduziert, durch narrative Konstruktionen, Benennungspraktiken, kommemorative Performanz und die Deutung materieller Spuren. Diese Produktion wirkt auf die Materialität des Ortes zurück. Raubgrabungen von ›Schlachtfeldtouristen‹, Reenactments, touristische Erschließung und nicht zuletzt die wissenschaftliche Prospektion selbst verändern den Ort, den zu lesen sie beanspruchen.

Blick über ein bewaldetes Mittelgebirgstal mit gerodeten Hangflächen
Blick auf den östlichen Hang des Kalltals im ›Hürtgenwald‹ (Foto: IAK).

Die Nordeifel lässt sich so als Palimpsest lesen, in dem sich die vorkriegszeitliche Kulturlandschaft, die Militarisierung durch den ›Westwall‹-Bau ab 1936 unter massivem Einsatz von Zwangsarbeit, die Zerstörungen von 1944/45, die Waldbrände der späten 1940er Jahre, die Rodungen und Aufforstungen der 1950er und 1960er Jahre, die touristische Erschließung seit den 1980er Jahren und schließlich die aktuellen Waldschäden durch Klimawandel und Borkenkäferbefall übereinanderlegen. Jede dieser Schichten wurde diskursiv gerahmt, in das dominante Narrativ der ›Schlacht‹ integriert oder aus ihm herausgehalten. Aus dieser Perspektive will der Band drei Themenfelder voranbringen: die Musealisierung von Krieg und Gewalt, die Auseinandersetzung mit Ereignisgeschichte und Erinnerungskultur im Fall des ›Hürtgenwaldes‹ sowie die Entwicklung einer kritischen Geschichtskultur mit Blick auf die NS-Vergangenheit der Region.

In memoriam:
G. Stephen Lauer und Frank Möller

Der Band ist dem Andenken zweier Autoren gewidmet, die seine Fertigstellung nicht mehr erlebt haben.

G. Stephen Lauer (1952–2020) starb unerwartet am 27. Mai 2020. Nach 26 Jahren als Infanterieoffizier im United States Marine Corps promovierte er 2010 an der Florida State University in Militärgeschichte und lehrte zuletzt als Associate Professor für Militärtheorie und -geschichte an der U.S. Army School of Advanced Military Studies in Fort Leavenworth. Seine hier publizierte Analyse der amerikanischen Operationsführung gehört zu seinen letzten wissenschaftlichen Arbeiten. Sie betrachtet militärische Entscheidungen nicht vom grünen Tisch aus, sondern aus der Perspektive derjenigen, die unter denselben Bedingungen zu entscheiden hatten.

Frank Möller (1954–2025) starb am 23. März 2025 nach langer schwerer Krankheit. Als Historiker, Journalist und Zeitungsverleger verband er Grundlagenforschung mit gesellschaftspolitischem Engagement. Der gemeinsam mit Karola Fings herausgegebene Band »Hürtgenwald – Perspektiven der Erinnerung« (2016) markierte einen Wendepunkt in der kritischen Aufarbeitung der Regionalgeschichte; mit Band 2 dieser Reihe hat er 2022 Standards für die Dekonstruktion revisionistischer Geschichtsproduktion gesetzt. Dass sich der Umgang mit dem ›Hürtgenwaldmarsch‹ gewandelt hat, geht auf seine beharrliche Arbeit zurück und zeigt, wie kontingent solche Aushandlungsprozesse bleiben. Wir haben am 1. April 2025 mit einem Nachruf im NGHM-Blog  von ihm Abschied genommen.

Beide standen, der amerikanische Militärhistoriker mit operationsgeschichtlicher Expertise und der deutsche Journalist und Wissenschaftler mit seinem Blick auf lokale Geschichtspolitik, für jene Multiperspektivität, von der die Konfliktlandschaftsforschung lebt.

Eine Erzählung in vierzehn Beiträgen

Der erste Teil des Bandes behandelt die Musealisierung von Krieg und Gewalt. Heidrun Derks zeichnet den Weg vom Fundplatz zum Museum und Park Kalkriese nach und hält die nach dreißig Jahren noch immer offene Frage, ob Kalkriese ein Ort der Varusschlacht sei, aus musealer Sicht für einen Glücksfall. Christopher Sommer untersucht militärhistorische Dioramen zwischen einer »Ästhetik des Schönen« und einer »Ästhetik des Hässlichen« und findet gerade in ihrer offensichtlichen Künstlichkeit ein reflexives Potenzial, das selten ausgeschöpft wird. Sebastian Weitkamp verfolgt, wie Nachnutzungen als Strafgefangenenlager, Geflüchtetenunterkunft und Bundeswehrdepot das Lagergelände Esterwegen baulich und diskursiv überformten, bis es als Ort nationalsozialistischer Gewalt nahezu unkenntlich wurde. Ralf Raths entwickelt am Deutschen Panzermuseum Munster vier »Balanceakte« und plädiert dafür, »Töten und Getötetwerden als Kern des Krieges« nicht hinter technischer Faszination verschwinden zu lassen. Martin Weber zeigt an den Seelower Höhen, dass konfliktarchäologische Befunde weit über das Gefechtsfeld im engeren Sinne hinausreichen, bis zu Waldlagern der Roten Armee, Versorgungsbauten und nachkriegszeitlichen Erinnerungsorten.

Der zweite Teil gilt Ereignisgeschichte und Erinnerungspolitik. Stefan Wunsch beschreibt die NS-Ordensburg Vogelsang auf ihrem Weg zum Internationalen Platz Vogelsang IP und die Aufgabe, an einem Täterort kritische Bildungsarbeit zu leisten, ohne die Faszination der monumentalen Architektur zu reproduzieren. Frank Möller hat im Fall des Grabes von Walter Model in Vossenack mit der Überlieferung des Volksbundes und des Dürener Stadt- und Kreisarchivs gegen eine Deutung angearbeitet, die sich über Jahrzehnte hinweg als bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber der Aktenlage erwiesen hat. G. Stephen Lauer hat rekonstruiert, wie Waldgelände und Mittelgebirgslage die Überlegenheit der US-Armee neutralisierten, und benennt mit dem Narrativ der »unnötigen Schlacht« eine kritische Perspektive, die in der deutschen Erinnerungskultur fehlt. Robert Sterling Rush zeigt in einer personalstatistischen Mikrostudie zur A-Kompanie des 22. Infanterieregiments, wie ungleich sich die Last der Verluste auf erfahrene Soldaten und neu zugeführten Ersatz verteilte, und stellt damit gängige Annahmen über eine Überlegenheit der Wehrmacht infrage. Ian Spurgeon stellt das Hürtgenwaldprojekt der Defense POW/MIA Accounting Agency vor, das Archivrecherche, GIS, archäologische Feldarbeit und forensische Anthropologie verbindet, um etwa 200 vermisste US-Soldaten zu bergen und zu identifizieren.

Stimmen aus der Region

Der dritte Teil verdankt sich einer editorischen Entscheidung. Neben der in Köln begonnenen internationalen und interdisziplinären Diskussion sollten gezielt jene Akteure ein Forum erhalten und miteinander vernetzt werden, die sich vor Ort seit Jahren gegen die dominanten revisionistischen Narrative stemmen und dabei oft isoliert arbeiten müssen. Franz Albert Heinen führt die Gewalt gegen polnische und sowjetische Zwangsarbeiter:innen in der Nordeifel ebenso vor Augen wie die Verdrängungsleistung, mit der die regionale Nachkriegsgesellschaft darauf reagierte. Dieter Lenzen zeigt am Friedhof in Simmerath-Rurberg, wie irreführende Bezeichnungen, fehlende Kontextualisierung und die räumliche Trennung von den ursprünglichen Gewaltorten NS-Verbrechen verschleiern. Benedikt und Konrad Schöller verfolgen über mehrere Jahrzehnte hinweg den Umgang mit einem Gedenkstein und einer Gräberstätte in Nideggen-Schmidt. Katharina Isabel Franke untersucht Roetgen, die erste Gemeinde auf deutschem Boden, die alliierte Truppen im September 1944 erreichten, und zeigt, wie lokale Geschichtsvereine dort von einer ›Besetzung‹ statt einer ›Befreiung‹ sprechen.

Damit verschiebt sich der Charakter des Bandes. Aus externer akademischer Kritik wird ein Dialog, der die regionalen Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutungen ernst nimmt und veröffentlicht. Er zeigt zugleich, dass eine problematische Erinnerungskultur auch in diesem Fall nicht alternativlos ist.

Die beiden Vorgängerbände

Band 1, »Konfliktlandschaften interdisziplinär lesen«, entwickelt das theoretische und methodische Fundament des Konzepts. Die Beiträge zeigen an Fallbeispielen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, wie Gewalt ihre Schauplätze materiell verändert und wie sich daran geknüpfte Narrative, Diskurse, Ereignisse und Akteure aufeinander beziehen. Behandelt werden kriegerische Kampfplätze ebenso wie militarisierte Grenzen sowie Gewalt- und Vernichtungsorte der Shoah. Die Integration naturwissenschaftlicher, sozial- und kulturwissenschaftlicher Ansätze, für die die IAK steht, macht dabei die Wechselwirkungen zwischen materieller und diskursiver Ebene in einem Prozess fortwährender Transformation fassbar.

Band 2, Frank Möllers Studie »Einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen …?«, analysiert zehn Titel der deutschen Militaria-Literatur zum Kampfgeschehen der Endphase des Zweiten Weltkriegs in der Nordeifel und im ›Hürtgenwald‹. Möller fragt nach Quellen, Intention, Zielgruppen und Unterstützerkreisen dieser Werke und legt offen, wie sie einer revisionistischen Geschichtsauffassung den Weg bereiten und bis in die lokale und regionale Geschichtspolitik hineinwirken. Aus der Analyse leitet er zehn Thesen ab, die zur weiteren Diskussion einladen. Wer verstehen will, wie ein Geschichtsbild von rechts gemacht wird, findet hier die Werkstatt.

Band 3 führt beide Linien zusammen, das konzeptionelle Programm des ersten und die ideologiekritische Präzision des zweiten, und ergänzt sie um die gegenwärtigen Herausforderungen kritischer Erinnerungsarbeit.

Konfliktlandschaftsforschung an der UOS

Der Abschluss des Hürtgenwald-Projekts fällt in eine Phase, in der die Konfliktlandschaftsforschung an der Professur in zwei Richtungen weiterläuft.

Am 24. und 25. September 2026 findet in Osnabrück die Abschlusstagung des Projekts »Die ›Emslandlager‹ als Konfliktlandschaft in Transformation« statt, das die NGHM gemeinsam mit der Professur für Didaktik der Geschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführt hat. Wo der Hürtgenwald-Band fragt, wie ein Raum zum ›Schlachtfeld‹ gemacht wird, fragt dieses Projekt, wie sich weit verstreute Lagerstandorte mit sehr unterschiedlichen Graden von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit digital dokumentieren, repräsentieren und vermitteln lassen. Die Tagung stellt die entstandenen digitalen Angebote vor, dazu die Dissertation von Imke Sofie Selle über »Praktiken der digitalen Produktion von Geschichtskultur am Beispiel der ›Emslandlager‹«; am zweiten Tag führt sie zum Erinnerungsort Lager Dalum.

Im Oktober 2026 beginnt das neu bewilligte Kooperationsprojekt »Moorlandschaften als Interventionsräume« mit dem Emsland Moormuseum in Geeste, gefördert aus dem Programm Pro*Niedersachsen. Es untersucht die sozio-ökologische Transformation des Bourtanger Moores zwischen 1945 und 2025 und überträgt die Analytik auf einen Fall, in dem die Überformung einer Landschaft nicht aus Krieg, sondern aus Planung hervorgeht. Die Verbindung zum Emsland-Komplex ist dabei keine bloß geografische: Weil die Kultivierung der Moore zwischen 1933 und 1945 an die Emslandlager gebunden war, in denen der Zwang zur Arbeit im Moor zum Strafmittel wurde, liegt auch in dieser Landschaft eine Gewaltgeschichte.

Aus diesen beiden Projekten werden die Bände vier und fünf unserer Reihe hervorgehen.

Alle drei Vorhaben teilen eine Frage, die der Hürtgenwald-Band in besonderer Schärfe stellt: unter welchen Bedingungen eine Gesellschaft eine Deutung revidiert, in der sie sich über Jahrzehnte eingerichtet hat. Der Fall Nordeifel gibt darauf eine unbequeme Antwort. Er ist nicht deshalb aufschlussreich, weil dort besonders viele Menschen starben oder die Kämpfe besonders bedeutsam gewesen wären, sondern weil sich an ihm beobachten lässt, wie schwer eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fällt und wie viel beharrliche Arbeit nötig ist, bis sich daran etwas ändert.


Christoph Rass (Hg.): Der ›Hürtgenwald‹ im Kontext. Ereignishorizont, Erinnerungspolitik und Geschichtskultur (= Konfliktlandschaften, Bd. 3). Göttingen: V&R unipress / Universitätsverlag Osnabrück 2026. 334 S., 35 Abb. ISBN 978-3-8471-1990-6 (Print), ISBN 978-3-7370-1990-3 (PDF). Open Access: https://doi.org/10.14220/9783737019903


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
TEAM NGHM (14. September 2026). Out Now | Konfliktlandschaften Band 3: Der Hürtgenwald im Kontext. NGHM@UOS. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16rs0


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