
Die zweite Woche meiner Reise führte nach Corvallis. Im Special Collections and Archives Research Center der Oregon State University liegen die Akten des Extension Service, jenes landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, der das Bracero-Programm in Oregon verantwortet hat. Zwischen 1942 und 1947 kamen über dieses Programm 15.136 Männer aus Mexiko in den Bundesstaat, während die Anwerbung bundesweit bis Ende 1964 lief. Der amerikanische ›guest worker‹ ist eine Übersetzung des deutschen ›Gastarbeiter‹, und geläufig wurde der Ausdruck in den Vereinigten Staaten erst um 1980, als er gebraucht wurde, um zugewanderte Menschen aus Mexiko neu zu kategorisieren, nämlich als Arbeitskräfte auf Zeit, die keine Einwanderer sein sollten. Diese neue Figur der Migration wurde dabei in zwei Richtungen in Stellung gebracht: für die Programme, über die in den 1980er Jahren gestritten wurde, und zugleich rückwirkend als Projektion auf das Bracero-Programm, das nun ›guest worker program‹ heißen sollte. Für den Sonderforschungsbereich 1604 in Osnabrück arbeite ich an diesem Verhältnis zwischen der Sache und ihren Benennungen, die die soziale Wirklichkeit der Migration stets koproduzieren, und in Corvallis liegen die Akten aus der Zeit, in der um ebendiese Wirklichkeit schon gerungen wurde, nur unter anderen Namen.
Der Bestand

Meinen Besuch an der OSU hat Natalia Fernández vorbereitet, die am Special Collections and Archives Research Center die Oregon Multicultural Archives kuratiert. Am 24. Juni schrieb sie mir den Satz, mit dem die Arbeitshypothese für die Woche gesetzt war: In Oregon habe der Extension Service das Programm verwaltet, »however, Bracero Program related materials were not labeled as such, and this collection is quite large (137 cubic feet)«. Das sind, einen Archivkarton je Kubikfuß gerechnet, gut vierzig laufende Meter Regal, in denen der Gegenstand nicht ausgewiesen ist. Wer ihn sucht, muss also lesen, was die Behörde stattdessen geschrieben hat.
Vor der Anreise konnten mir die Archivar:innen schon zwei Bände des Hop Press digital zugänglich machen, eines Newsletters für Hopfenfarmer, den der Extension Service »for the convenience of County Agents« zusammenstellte, also für die Beratungsstellen in den Counties, über die er die Betriebe erreichte.
1951: Mexican nationals
Die Ausgabe vom 3. Juli 1951 warnt unter der Überschrift »FOOLING WITH FIRE« davor, sich auf Arbeitskräfte ohne Vertrag einzulassen, und erinnert an die geregelte Anwerbung der Kriegsjahre:
»Mexican nationals, some years ago, rendered admirable assistance to hop growers in Oregon and elsewhere. It should be remembered, however, that they were recruited under inter-governmental pacts insuring ›prevailing wage,‹ housing, insurance, and other emoluments.«
Für die Menschen, die auf diese Weise ins Land kamen, hat dieser Artikel eine einzige Bezeichnung: Mexican nationals, also ihre Staatsangehörigkeit. Der Artikel stellt dieser Bezeichnung die ungeregelte Anwerbung seiner Gegenwart gegenüber, nachdem die staatlich organisierte Vermittlung nach Oregon 1947 zunächst ausgelaufen war (Garcia 2023):
»Proponents of the peons say they do not argue, agitate, or complain and labor long for as low as 20 cents an hour.«
Peons heißen hier die Landarbeiter:innen aus Mexiko, die ohne Vertrag eingereist sind, und die Stelle lässt sich so lesen, dass die versprochene Fügsamkeit durch ihren unsicheren, oft illegalisierten Rechtsstatus bedingt ist. Ein weiterer Beitrag desselben Jahrgangs zitiert die Corvallis Gazette-Times vom 22. Juni 1951: »300 ›Wetbacks‹ Get Boot From Northwest.« ›Wetback‹ ist in dieser Zeit das gängige, rassistisch konnotierte Schimpfwort für illegalisierte Arbeitskräfte aus Mexiko. Herkunft und Arbeit sind dieselben wie bei den zuvor Angeworbenen; der veränderte Rechtsstatus ermöglicht Ausbeutung und rassistisches Labeling.

Fünf Merkmale liegen damit 1951 beisammen, die drei Jahrzehnte später den ›guest worker‹ ausmachen werden: zwischenstaatliche Anwerbung, garantierter Lohn, gesicherte Unterkunft, Versicherung, dazu die Trennung der Vertragsarbeit von der illegalisierten Arbeit. Ein Wort dafür gibt es im amerikanischen Sprachgebrauch zu diesem Zeitpunkt nicht. Auf die Arbeitsmigration ins eigene Land wird ›guest worker‹ erst seit den späten 1970er Jahren angewendet, und in die amtliche Sprache kommt der Ausdruck 1980, als ein Regierungsbericht ihn als »a literal translation of the German word Gastarbeiter« einführt (Rass 2023: 18 und 39). 1951 ist die Sache präsent, nicht aber schon die Bezeichnung; die Figur hat noch andere Benennungen.
1953: Mexican help
Die Ausgabe vom 20. Mai 1953 allerdings gibt eine Meldung des Hermiston Herald weiter, aus dem Osten des Bundesstaates, denn das Rundschreiben bediente die Hopfenbetriebe in ganz Oregon. Fünfunddreißig Männer sind mit dem Bus in Hermiston angekommen, abgeholt am 1. April in Mexicali, angeworben für die Hopfengärten; die Zeitung nennt sie »swarthy«, dunkelhäutig. Das Verfahren wird wieder in allen Einzelheiten beschrieben: ein Vertrag zwischen der amerikanischen und der mexikanischen Regierung, ein Stundenlohn von etwa neunzig Cent einschließlich aller Leistungen, eine staatlich vorgeschriebene Versicherung, dazu die Begründung, kurzfristig seien keine Arbeitskräfte zu bekommen gewesen. Für die Männer selbst hält die Meldung drei Ausdrücke bereit, Mexican Nationals in der Schlagzeile, dazu Mexican laborers und Mexican help, und ein Verb: Die Farm habe »imported Mexican help«. Benannt werden die Neuankömmlinge über Herkunft, sozialen Stand und, erneut rassifizierend, über die Hautfarbe.
Das Findbuch
Das vorläufige Findbuch der Extension Service Records, das rund 2.500 Mappentitel für die Jahre 1903 bis 2011 verzeichnet, führt die Nomenklatur dieser Verwaltung vor. Die Arbeit benennt sie über Jahrzehnte hinweg: ›Farm Labor‹ für 1943, ›Farm labor emergency: General‹ für die Jahre 1943 bis 1947, ›Annual Report, Extension Farm Labor‹ für 1944, ›Agricultural labor‹ für 1966 bis 1973. In keinem dieser Titel steht, woher die Menschen kamen, die diese Arbeit verrichtet haben, denn Mexican, bracero, Hispanic, Latino und immigrant kommen unter den Mappentiteln des Findbuchs überhaupt nicht vor.
Die Arbeitenden erscheinen als Gruppe in genau sechs Titeln, die alle zwischen 1965 und 1975 liegen: ›Rural Areas Poverty Programs: Migrant Programs‹ von 1965, ›Valley Migrant League‹ für 1965 bis 1968, ›Chicano-Indian Study Center of Oregon‹ für 1971 und 1972, ›Migrant labor (housing)‹ von 1972, dazu ›Migrant programs‹ und ›Minorities‹, beide von 1975. Drei davon nennen ein Programm oder eine Einrichtung beim Namen, die Armutsprogramme für ländliche Räume, die Valley Migrant League und das Chicano-Indian Study Center. Eine eigene Mappe bekommen diese Menschen also dann, wenn ein Bundesprogramm sich an sie richtet und Rechenschaft verlangt. Ohne einen solchen Anlass führt der Dienst sie nicht als eigene Größe. Nach 1975 kommt kein solcher Titel mehr.
Einschlägige Sachakten laufen weiter, bis 1998, unter ›Civil Rights Act of 1964, Counties‹ und unter einem ›Cooperative Extension System National Center for Diversity‹. Im Inneren der Mappen kommen die Menschen weiterhin vor, in Berichten und in Statistiken, als Betreff verschwinden sie. Ein ›Civil Rights and Equal Employment Opportunity Data Form‹ vom August 1974 zeigt, in welcher Gestalt dabei Rechte erscheinen: als Nachweispflicht gegenüber einer vorgesetzten Stelle, als auszufüllende Erhebung und nicht als Anspruch, den jemand erhebt. Das ist zunächst ein Befund über die Ablage einer Behörde und nicht über das Archiv, denn die Titel eines Behördenbestands stammen in der Regel aus dessen eigener Registratur. Wie viel davon in Corvallis später hinzugesetzt wurde, gehört zu den Fragen, die ich mitnehme.
Eine Fotosammlung
Bilder dieser Männer gibt es dennoch, und sie stammen aus dem Extension Service selbst. Wer heute nach Aufnahmen von ›braceros‹ in Oregon sucht, findet eine Online-Sammlung der Universität, seit Oktober 2002 im Netz. Lawrence Landis, der die Digitalisierung vorgeschlagen hat, und Natalia Fernández beschreiben sie zehn Jahre später so: »The Braceros in Oregon Photograph Collection is an artificial collection«, damals mindestens 102 identifizierte Aufnahmen, für die Digitalisierung aus fünf Fotobeständen herausgesucht (Landis/Fernández 2012: 22 f.). Als Bestand hat es diese Sammlung nie gegeben.
Derselbe Aufsatz nennt die Herkunft der Bilder. Um das Programm durchzusetzen und Befürchtungen in der Bevölkerung zu zerstreuen, habe der Extension Service Werbematerial und sogar Radiosendungen produziert, woran Landis und Fernández den Satz knüpfen: »It was in part due to these efforts that we now have a printed and photographic record of Braceros in Oregon« (ebd.: 22).
Damit ist diese Überlieferung zweimal hergestellt worden, in den 1940er Jahren als Werbung für das Programm und sechs Jahrzehnte später als digitale Sammlung. Was von diesen Männern heute am leichtesten zu sehen ist, verdankt sich zum Teil der Kampagne für das Programm, das sie geholt hat.
Natalia Fernández
Am Nachmittag des 12. August habe ich mit Natalia Fernández über diese Sammlung gesprochen. Sie betreut die Oregon Multicultural Archives seit Ende 2010, ein Archiv, das 2005 eingerichtet wurde und nach seiner Selbstbeschreibung die Geschichten der »African American, Asian American, Latino/a, and Native American communities« Oregons dokumentieren soll.
Sie nennt die Fotosammlung eine kuratorische Entscheidung und verweist darauf, dass im Findmittel vermerkt werde, wenn eine Sammlung künstlich zusammengestellt worden ist. Zwischen passivem und aktivem Sammeln unterscheide sie ausdrücklich, denn ein Archiv wie die Oregon Multicultural Archives einzurichten heiße, künftig Überlieferung herzustellen. Sie bezieht die eigene Position ein: Archivar:innen verfügten über erhebliche Macht, und wäre die Stelle anders besetzt, sähen die Bestände anders aus.
Was sie über das Sammeln sagt, reicht bis in die Verzeichnung: Auch die Betreffe, unter denen die Behörde ihre Akten ablegte, hat jemand vergeben, und nach welchen Kriterien, ist nirgends vermerkt. Zuletzt trifft es meine eigene Arbeit. Bestellt habe ich die Kartons mit den Suchwörtern meines Fachs, ›bracero‹, ›Mexican‹, ›immigrant‹; gefunden habe ich das Material erst, als ich stattdessen mit den Wörtern der Behörde gesucht habe, mit ›farm labor‹ und seinen Verwandten. Dass die Begriffe der Migrationsforschung an diesem Bestand ins Leere laufen, ist deshalb kein Rechercheproblem, sondern ein Ergebnis: Die Sprache, in der wir heute nach diesen Menschen fragen, ist nicht die Sprache, in der die Verwaltung sie geführt hat, und eben dieser Abstand ist auch ein Gegenstand meines Projekts.
Fehlanzeigen
Auf 632 Seiten Hop Press steht weder ›bracero‹ noch ›guest worker‹. Bei ›guest worker‹ ist das erwartbar, bei ›bracero‹ nicht, denn mit diesem Wort, das vom spanischen brazo für Arm kommt, wurden die angeworbenen Arbeiter schon während des Programms bezeichnet (Garcia 2023), und bis heute ist es der Schlüsselbegriff der Erinnerung an sie; die digitale Sammlung der Universität trägt es im Namen. Die Erinnerung führt also ein Wort, das die Registratur nicht kennt. Wer von der Sammlung zu den Akten wechselt, muss das Vokabular wechseln, und diese Lücke gehört zum Befund über eine Behörde, die das Wort für die Menschen nicht führte, deren Arbeit sie organisierte. Die Auszählung folgt demselben Verfahren, mit dem wir im Sonderforschungsbereich die zwischen 1960 und 2010 erschienene deutschsprachige Fachliteratur zu Migration, Diversität und Bildung erschließen: Texterkennung, eine Matrix der einschlägigen Begriffe, Konkordanzen.

Zwei weitere Bestellungen haben wenig erbracht. RG 128, die Akten des Departments für Agrar- und Ressourcenökonomie, hatte ich wegen der Berichte zum ländlichen Strukturwandel ausgehoben, und zur Fragestellung enthalten sie bislang nichts. Die Sammlung des Colegio César Chávez, der ersten akkreditierten vierjährigen Hochschule unter Leitung von Chicanos in den Vereinigten Staaten, die von 1973 bis 1983 in Mount Angel bestand (Knutson/Hyatt-Evenson 2024), lieferte ein einziges einschlägiges Stück, einen Zeitungsartikel über eine Champignonfabrik, in dem viermal ›illegal alien‹ steht. Auch dort, wo die Presse spricht, sortiert also der Rechtsstatus.
Die Gegenprobe
Die Gegenprobe lag in der Woche davor auf dem Tisch, denn in den Akten der Landarbeiter:innen-Gewerkschaft PCUN in Eugene geht es um dieselbe Arbeit in der gleichen Region, nur stehen dort die Wörter, die im Rundschreiben der Hopfenberatung fehlen. Ein Analysepapier der Oregon Coalition Against the Reagan Immigration and Refugee Plan überträgt 1981 den Ausdruck ›guest worker‹ rückwirkend auf das Bracero-Programm, und sechzehn Jahre später stehen auf Pappschildern in Medford »NO BRACERO Program HR 2377 IS RACIST« und »GUEST Worker IS Legalized Slavery«. Rassismus und Ausbeutung werden in diesen Quellen klar benannt, und das ist kein Zufall der Überlieferung: Die Begriffe stehen dort, wo gestritten wird, denn der Streit um Benennungen setzt voraus, dass die Bezeichneten und ihre Verbündeten widersprechen können, und genau dafür ist eine Gewerkschaft da. Das Verfahren des Beratungsdienstes hält für einen Interessengegensatz dagegen keine Form bereit; wo Rechte bei ihm erscheinen, erscheinen sie als Formular, wie in jenem Data Form von 1974.
Dass die eine Seite Konfliktakten hinterlässt und die andere Jahresberichte, ist deshalb keine Störgröße. Die Aufzeichnungspraxis der Institution ist ausschlaggebend: Eine Gewerkschaft, die Ansprüche durchsetzen will, sammelt Verstöße, ein Dienst, der Betriebe berät, dokumentiert Fortschritte. Vergleichen lässt sich die Konstruktion des Gegenstands gerade deshalb, etwa am Beispiel der Unterkünfte für Landarbeiter:innen, über die der eine Bestand ebenso häufig schreibt wie der andere. In den Gewerkschaftsakten ist dieselbe elende Baracke ein Zustand, der eine Norm verletzt und deshalb einklagbar ist, beim Beratungsdienst eine Praxis, die sich verbessern lässt und deshalb beratungsfähig ist. Entsprechend stehen nach einem ersten Durchgang in den Akten in Eugene Mangel und Beschwerde um ein Mehrfaches häufiger neben der Baracke, während in den Dokumenten in Corvallis Hilfe und Schulung überwiegen.

Auch die Grammatik der Bestände unterscheidet sich. In Eugene stehen farmworkers, wirkliche Personen, häufiger als der abstraktere Begriff farm labor, in Corvallis liegt das Verhältnis andersherum. Auch dieser Unterschied passt zu den Institutionen: Wer die ländliche Welt als Feld erziehbarer Praxis führt, rechnet in Betrieben, und Arbeit ist darin ein Faktor, der knapp werden, aber nicht streiken kann; wer sie als Feld durchsetzbarer Ansprüche führt, rechnet in Personen, weil Ansprüche einzeln zustehen und Individuen Missbrauch und Diskriminierung erfahren. Welche Wirkung solche Kategorien entfalten, sobald sie in Umlauf sind, gehört zu den Fragen, an denen wir im SFB 1604 auch theoretisch arbeiten (Rass/Holst, in Vorbereitung).
Mein erster Eindruck
Corvallis zeigt eine Verwaltung, die das Verfahren benennt und die Menschen nicht, denn die Arbeit hat über drei Jahrzehnte hinweg einen Betreff. Damit aber werden die zugewanderten Menschen und ihre Lebensverhältnisse geradezu unsichtbar, und Missstände, wie die Gewerkschaftsüberlieferung sie später dokumentiert, bleiben in diesen Akten weitgehend außer Sicht.
Auf der deutschen Seite verläuft die Geschichte auf verblüffende Weise parallel, nur mit einem schon vorhandenen Wort. ›Gastarbeiter‹ ist seit Max Weber belegt (Weber 1921: 12 und 126 f.), die NS-Propaganda macht es ab 1941 groß (dazu der Long Essay vom 24. März 2025), und nach 1945 verliert es für gut anderthalb Jahrzehnte seine Konjunktur, ohne ganz zu verschwinden. Dann regelt das Abkommen, das die Bundesregierung im Dezember 1955 mit Italien schließt, die Anwerbung und Vermittlung italienischer ›Arbeitskräfte‹, ohne ein Kompositum mit ›Gast‹ zu verwenden. Aber wenige Jahre darauf überschreitet die Figur wieder die Wirksamkeitsschwelle und wird populär, als im Juni 1961 Ludwig Kroeber-Keneth in der Frankfurter Allgemeinen und Werner Höfer in der Neuen Illustrierten den ›Gastarbeiter‹ wieder aufrufen und in Umlauf bringen, und den Zugewanderten damit einen temporären, segregierten und prinzipiell ausgeschlossenen Ort in der sozialen Wirklichkeit zuweisen (Rass 2023: 18–20 und die Fundstücke vom 1. März 2025).
Beide Verwaltungen leisten damit dasselbe: In Oregon fehlt das Wort 1951 noch, in Bonn wird es 1955 nicht gebraucht, und in beiden Fällen ist die Produktion der Figur schon angelegt, bevor sie ihre Benennung erfährt. Die Figur entsteht jeweils außerhalb der Verwaltung, in der Bundesrepublik in der Publizistik, in den Vereinigten Staaten im politischen Streit, in dem auch die Bezeichneten sprechen, und sobald sie in der Welt ist, gehört sie zur Sache selbst, denn Regeln, Kritisieren und Erinnern laufen fortan in ihren Begriffen. Genau in diesem Sinn sprechen wir im Sonderforschungsbereich von der ›Produktion von Migration‹: Kategorien bilden Migration nicht einfach ab, sie stellen sie mit her.
Salem und Portland
In der kommenden Woche folgt nun Archivarbeit in Salem und Portland, im Staatsarchiv von Oregon und in der Oregon Historical Society, und damit der Übergang von der ausführenden Behörde zu denen, die über ihre Aufträge entschieden haben, von der Frage also, wie eine Kategorie entsteht, zu der Frage, was sie bewirkt.
Literatur
- Gamboa, Erasmo: Mexican Labor and World War II. Braceros in the Pacific Northwest, 1942–1947, Austin 1990 (Neuausgabe Seattle 2000; die Standarddarstellung zum Programm im Nordwesten).
- Garcia, Jerry: Bracero Program, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 8. November 2023 (dort die Zahl der nach Oregon angeworbenen Männer und das Ende der Anwerbung im Bundesstaat 1947).
- Knutson, Ana / Hyatt-Evenson, Tania: Colegio César Chávez, in: The Oregon Encyclopedia, Stand 12. Dezember 2024.
- Landis, Lawrence A. / Fernández, Natalia: Documenting Oregon’s Latino Heritage. The Braceros in Oregon Photograph Collection, in: OLA Quarterly 18 (2012), H. 3, S. 21–27.
- Rass, Christoph / Holst, Hajo: When Categories Come Alive. Theorizing Generative Dynamics in ›Figures of Migration‹, Manuskript, in Vorbereitung.
- Rass, Christoph: ›Gastarbeiter‹ – ›Guest Worker‹. Translating a Keyword in Migration Politics, IMIS Working Paper 17, Osnabrück 2023.
- Rass, Christoph: Fundstücke | ›Gastarbeiter‹ – ›Gastarbeitnehmer‹. Ein Moment der Kopräsenz, in: NGHM@UOS, 1. März 2025, DOI 10.58079/13emy.
- Rass, Christoph: Long Essay | ›Gastarbeiter‹ in der NS-Presse. Formative Jahre eines migrationspolitischen Schlüsselbegriffs, in: NGHM@UOS, 24. März 2025, DOI 10.58079/13k66.
- Rass, Christoph: Willamette Depesche #1 | Die Ankunft einer Figur. ›Guest worker‹ und ›bracero‹ in den PCUN Records, 1981 bis 1997, in: NGHM@UOS, 7. August 2026, DOI 10.58079/16nn9.
- Weber, Max: Hinduismus und Buddhismus (= Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 2), Tübingen 1921.
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Christoph Rass (15. August 2026). Willamette Depesche #2 | Zweite Woche in den Extension Service Records, Corvallis. NGHM@UOS. Abgerufen am 12. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ny4