„[G]ender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relationships of power.“ Der Satz stammt aus dem Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis von Joan Wallach Scott, erschienen im Jahr 1986, der als zweites Kapitel in Gender and the Politics of History steht. Damit kommen wir zum dreizehnten Titel der NGHM-Leseliste. Mit diesem Buch verschob sich in den 1980er Jahren die Frage, was Geschichtsschreibung eigentlich tut. Gender steht in diesem Beitrag unübersetzt, weil ›Geschlecht‹ die körperliche Differenz und ihre gesellschaftliche Deutung in einem Wort mitführt und die Unterscheidung, an der Scotts Frage ansetzt, verschwinden lässt. Gender ist bei Scott keine weitere Kategorie neben Klasse und ›Rasse‹, denn die Kategorie schreibt um, wie historische Analyse Macht sichtbar macht und koproduziert. Der poststrukturalistisch verortete Band, der die Verfahren der Sozialgeschichte gegen ihre eigenen Voraussetzungen wendet, spaltete die Disziplin sofort.
Joan Wallach Scott, 1941 in Brooklyn, NY, geboren, wuchs als Tochter einer Geschichtslehrerin und eines Geschichtslehrers auf, in einem Haushalt, in dem, wie sie später erzählte, bei Tisch über Geschichte und Politik gesprochen wurde. Ihr Vater, Sam Wallach, von 1945 bis 1948 Präsident der New Yorker Teachers Union, wurde Anfang der 1950er Jahre vom New Yorker Board of Education entlassen, weil er die Zusammenarbeit mit den Gremien verweigerte, die nach ›Kommunisten‹ im Schuldienst fahndeten. Nach dem Studium an der Brandeis University (B.A. 1962) promovierte sie 1969 an der University of Wisconsin–Madison, und ihre frühen Arbeiten bewegten sich im Feld der französischen Sozial- und Arbeitergeschichte, deren Leitkategorie ›Arbeiter‹ sie in diesem Band selbst zum Gegenstand machen sollte. Nach Stationen an der University of Illinois at Chicago (1970 bis 1972), der Northwestern University (1972 bis 1974) und der University of North Carolina at Chapel Hill (1974 bis 1980) ging sie an die Brown University, wo sie das Pembroke Center for Teaching and Research on Women als Gründungsdirektorin aufbaute. 1985 wechselte sie an das Institute for Advanced Study in Princeton, an dessen School of Social Science sie bis 2014 forschte. Ihre wissenschaftlichen Papiere aus den Jahren 1954 bis 2019 liegen heute in der John Hay Library der Brown University; die Sammlung gehört dort zum Feminist Theory Archive des Pembroke Center.

Die Erstausgabe von Gender and the Politics of History gliedert sich in vier Teile und umfasst neun Aufsätze. Teil I, Toward a Feminist History, prüft die bisherige Frauengeschichtsschreibung (women’s history) und entwickelt jene Definition von Gender, die den Kern des Buches ausmacht. Teil II, Gender and Class, wendet den Rahmen auf Sprache und Klassenanalyse an und setzt sich in einem eigenen Kapitel mit E. P. Thompsons The Making of the English Working Class auseinander. Teil III, Gender in History, erprobt die Argumentation am Pariser Konfektionsgewerbe von 1848, an der Gewerbestatistik von 1847/48 und am Diskurs der politischen Ökonomie zwischen 1840 und 1860. Teil IV, Equality and Difference, verbindet den Sears-Prozess mit einer Bilanz der amerikanischen Frauengeschichtsschreibung von 1884 bis 1984. Kategorien wie ›Arbeiter‹, ›Klasse‹ oder ›Gleichheit‹ sind, so die Pointe des Buches, bereits vergeschlechtlicht, bevor Historiker:innen sie überhaupt in die Hand nehmen.
Positive und negative Reaktionen erfolgten unmittelbar. Als Scott den Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis im Herbst 1985 in einem Seminar am Institute for Advanced Study vorstellte, waren die eigens erschienenen Princetoner Historiker, wie sie 2008 rückblickend schrieb, „to a man, appalled“. Der Aufsatz wurde gleichwohl rasch zum Bezugspunkt. William H. Sewell Jr. nannte ihn in seiner Rezension des Bandes einen „instant classic“, und laut Zahlen, die die American Historical Association Ende 2007 zusammenstellen ließ, war er damals schon seit fünf Jahren der meistabgerufene Aufsatz der AHR auf JSTOR. Der Widerspruch aber hielt an. Joan Hoff hielt 1994 der poststrukturalistischen Geschlechtergeschichte, und Scott im Besonderen, Nihilismus, Präsentismus, Ahistorizität, Verschleierung, Elitismus, Unterwerfung unter das Patriarchat, Ethnozentrismus, Irrelevanz und möglicherweise Rassismus vor, so referiert Joanne Meyerowitz später die Kritik. Angegriffen war damit der Ansatz selbst, Kategorien zum Gegenstand der Analyse zu machen; Hoff sah gar ›Frau‹ als Analysekategorie ausgelöscht.
Die zweite Kontroverse entfaltete sich vor Gericht. Im Diskriminierungsverfahren der Equal Employment Opportunity Commission gegen Sears, Roebuck and Company traten 1985 Rosalind Rosenberg für das Unternehmen und Alice Kessler-Harris für die Kommission als Sachverständige auf. Die Debatte darüber, die Thomas Haskell und Sanford Levinson 1988 in der Texas Law Review aufnahmen und auf die Kessler-Harris dort antwortete, machte sichtbar, was Scotts Grundfrage sowohl theoretisch als auch praktisch bedeutet: Wenn Historiker:innen vor Gericht aussagen sollen, ob ein Diskriminierungsmuster ›historisch‹ ist, entscheidet schon die Kategorienwahl das Ergebnis mit.

Kritisch angemerkt wurde von Anfang an die Abstraktheit der frühen Kapitel, die Leser:innen bis heute mehr abverlangen als die späteren, fallbezogenen Essays, in denen die Argumentation an konkretem Material arbeitet. Der Joan Kelly Memorial Prize der American Historical Association ging gleichwohl bereits 1989 an das Buch, gemeinsam mit Mary Blewetts Men, Women, and Work; die Disziplin zeichnete es also aus, während sie noch heftig über das Buch stritt. 2018 legte Columbia University Press eine Jubiläumsausgabe vor, mit einem eigens für diese Ausgabe geschriebenen Vorwort und dem erstmals in einem Buch abgedruckten Essay The Conundrum of Equality, den Scott 1998 am Institute for Advanced Study vorgetragen und 1999 als Occasional Paper der School of Social Science publiziert hatte.
Scotts Argument berührt Fragen, die in der Reihe wiederkehren werden. E. P. Thompsons The Making of the English Working Class steht ebenfalls auf der Leseliste, und Scotts viertes Kapitel wird dort als Gegenlektüre produktiv sein.
Wer den Text heute liest, findet weniger eine Ergänzung der Sozialgeschichte als vielmehr eine Reflexion ihrer Voraussetzungen. Die Kategorien, mit denen Historiker:innen arbeiten, gehören selbst zu dem, was historische Analyse zu erklären hat. Dieser Befund schließt unmittelbar an unsere Arbeit im Sonderforschungsbereich 1604 an.
Osnabrücker Studierende finden im B-Freihand-Magazin der UB unter der Signatur 6187-725 6 die Revised Edition von 1999 (New York: Columbia University Press 1999, XVI, 267 S.), die gegenüber der Erstausgabe ein Vorwort zur Revised Edition sowie das zusätzliche Kapitel Some More Reflections on Gender and Politics enthält, das in der Jubiläumsausgabe von 2018 nicht mehr enthalten ist (OPAC).
Joan Wallach Scott (geb. 1941), Gender and the Politics of History, New York: Columbia University Press 1988; Revised Edition 1999; Jubiläumsausgabe 2018.
Nachweise: Joan W. Scott, Gender: A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 91 (1986), H. 5, S. 1053–1075, hier S. 1067. Dies., Unanswered Questions, in: The American Historical Review 113 (2008), H. 5, S. 1422–1429, hier S. 1422. Joanne Meyerowitz, A History of „Gender“, in: ebd., S. 1346–1356, hier S. 1346 f. Joan Hoff, Gender as a Postmodern Category of Paralysis, in: Women’s History Review 3 (1994), H. 2, S. 149–168, hier S. 149. William H. Sewell Jr., Rezension zu Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, in: History and Theory 29 (1990), H. 1, S. 71–82, hier S. 71. Thomas Haskell / Sanford Levinson, Academic Freedom and Expert Witnessing: Historians and the Sears Case, in: Texas Law Review 66 (1988), S. 1629–1659. Alice Kessler-Harris, Academic Freedom and Expert Witnessing: A Response to Haskell and Levinson, in: Texas Law Review 67 (1988), S. 429–440.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Christoph Rass (27. August 2026). NGHM liest | 13 | Scott: Gender and the Politics of History (1988). NGHM@UOS. Abgerufen am 11. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16p1t