NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993)

Lässt sich das nationalsozialistische Konzentrationslager als eigenständige soziale Ordnung beschreiben – und was ändert sich, wenn man es nicht als Bruch mit der Moderne liest, sondern als eines ihrer Ergebnisse? Wolfgang Sofskys Die Ordnung des Terrors, der zwölfte Titel der NGHM-Leseliste, stellt genau diese Frage an eine Gewaltgeschichte, die sich lange gegen soziologische Zugriffe gesperrt hatte.


Sofskys Buch erscheint 1993 bei S. Fischer und wird im selben Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Es ist die Arbeit eines Soziologen, der sich einem Gegenstand nähert, den die Geschichtswissenschaft längst als ihren beansprucht hatte – und der genau dadurch eine Debatte auslöst, die weit über die eigene Disziplin hinausreicht. Die Jury würdigt das Buch in ausdrücklicher Anknüpfung an Eugen Kogons SS-Staat von 1946: Seither, so die Begründung, habe die Forschung zum NS-Lagersystem nicht aufgehört, doch Versuche zu einer umfassenden Erklärung seines Funktionierens seien selten geblieben. Sofskys Studie schließt genau diese Lücke – und provoziert zugleich einen scharfen, aber produktiven akademischen Streit.

Der argumentative Zugriff des Buches ist strukturanalytisch, nicht chronologisch. Sofsky rekonstruiert das Lager nicht als Institutionengeschichte, sondern als soziales Machtsystem, dessen Ordnungsprinzip er ›absolute Macht‹ nennt. Dabei stützt er sich vor allem auf Häftlingsberichte – eine Quellenwahl, die selbst schon eine Setzung ist. Nicht die Perspektive der Täter organisiert das Buch, sondern das, was sich aus den Aufzeichnungen der Überlebenden über die Funktionsweise des Systems rekonstruieren lässt. Aus diesen Berichten arbeitet Sofsky die Dimensionen heraus, entlang derer sich absolute Macht organisiert: Raum und Zeit, soziale Strukturen – sowohl die des SS-Personals als auch die der Häftlingshierarchien -, Arbeit, schließlich Gewalt und Tod.

Was er beschreibt, ist die systematische Zerstörung einer sozialen Welt. Zugleich zeigt er, dass diese Destruktion nicht chaotisch verläuft, sondern rational organisiert ist: als Verstümmelung der persönlichen Identität, als Veränderung des Raum- und Zeitsinns, als allmähliche Auflösung des Grundvertrauens in den Fortbestand einer sozialen Welt. Erniedrigung und psychische Nötigung sind keine Nebenprodukte, sondern Instrumente. Die Destruktionsmacht der NS-Politik wirkt bis in die verästelte Häftlingsgesellschaft hinein und macht die Opfer selbst zu Trägern eines Systems, das ihre Vernichtung betreibt.

Hier liegt die schmerzliche Pointe des Buches.

Für Sofsky fällt das Konzentrationslager keineswegs aus dem Rahmen moderner Zivilisation heraus, es ist vielmehr ein Bestandteil der Moderne, ein Ergebnis des Vernichtungswillens absoluter Macht und technischer Großorganisation. Diese These ist es, die den Streit auslöst. Sie verschiebt das Lager aus dem Bereich der Anomalie, des Zivilisationsbruchs, des Ausnahmezustands in den Bereich dessen, was moderne Organisationsrationalität hervorbringen kann. Wolfgang Benz nennt das Buch im Spiegel eine Bereicherung der Kenntnis vom Wesen menschlicher Natur, der Organisation von Herrschaft, der Ausübung von Gewalt; Jan Philipp Reemtsma spricht in der Zeit von einem ›unverzichtbaren Standardwerk‹.

Zu finden in der UB UOS. Signatur: 4565-865 3.

Zugleich stößt das Buch früh auf scharfe Kritik. Der Sozialpsychologe Harald Welzer gehört zu den ersten, die Sofskys Zugriff angreifen. Seine Kritik trägt die Debatte über Jahre und wird in einer späteren Relektüre von Maja Suderland in Medaon wieder aufgenommen. Der Streit dreht sich, kurz gesagt, um die Frage, was ein strukturanalytischer Zugriff auf das Lager leisten kann und wo er an seine Grenzen stößt: Reicht die soziologische Perspektive, um das Handeln der Häftlinge und der Täter zu erfassen, oder überschreibt sie es? Es ist eine Frage, die bis heute in der Forschung nachwirkt.

Ein Bezug zwischen Sofsky und unserer Arbeit im Bereich der Konfliktlandschaftsforschung in Osnabrück lässt sich produktiv diskutieren: Wo Sofsky das Lager als soziale Ordnung rekonstruiert, arbeiten archäologische und historische Zugänge an denselben Orten mit ihren materiellen Spuren. Beide Zugänge treffen sich an dem Punkt, an dem Gewalt als organisierter Vollzug lesbar wird – und nicht als Ausnahme dessen, was moderne Institutionen können. Wer Sofsky liest, wird später in dieser Reihe an Snyders Bloodlands denken, das dieselbe Frage nach der Ordnung nationalsozialistischer Gewalt anders, geographisch und komparativ, stellt.

Sofskys Buch zwingt seine Leser:innen dazu, die begriffliche Selbstverständlichkeit aufzugeben, mit der ›das Lager‹ oft als Anderes der Moderne behandelt wird. Was bleibt, ist eine Analyse, die den Preis dieser Verschiebung nicht verschweigt: dass sich absolute Macht als Struktur beschreiben lässt, ohne dass sie dadurch weniger unbegreiflich wird.


Osnabrücker Studierende finden Sofskys Die Ordnung des Terrors im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 4565-865 3 (OPAC).

Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main: S. Fischer 1993.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.



OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Christoph Rass (10. August 2026). NGHM liest | 12 | Sofsky: Die Ordnung des Terrors (1993). NGHM@UOS. Abgerufen am 11. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16nr4


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