Mit der neuen Reihe Inside.NGHM geben wir regelmäßig Einblicke in Forschung und Lehre an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück, stellen aber vor allem die Wissenschaftler:innen vor, die dahinter stehen.
In der fünften Ausgabe berichtet Sebastian Musch über seine Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UOS.

Sebastian Musch ist seit 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung tätig sowie Mitglied des Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und des Sonderforschungsbereichs 1604 “Die Produktion von Migration.” Seit 2021 ist er zudem Alfred Landecker Lecturer und forscht in dem Projekt “The Holocaust Migration Regime.” Im Sommersemester 2026 vertritt er die Professur.
Lieber Sebastian, in diesem Semester vertrittst du die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Wie bist du eigentlich Historiker geworden?
Tja, wie so oft im Leben war das eine Mischung aus Plänen, die man so schmiedet, Chancen, die sich daraus ergeben, und auch einer Prise Zufall. Ich habe ja eigentlich gar nicht Geschichte studiert, sondern in Heidelberg mit der Fächerkombination Jüdische Studien und Semitistik angefangen, habe dann aber schnell die Semitistik durch Philosophie ersetzt.
Auf die Idee, mich mit Jüdischen Studien zu beschäftigen, bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich nach dem Abitur als Ersatzdienst ein Jahr lang mit autistischen Kindern in Ra’anana, einem Vorort von Tel Aviv, gearbeitet habe. Ich bin dort fleißig jeden Tag zum Hebräisch-Unterricht gelaufen, zusammen mit vor allem Neueinwanderern aus Russland, Frankreich und dem Iran. Nach einem Jahr konnte ich ziemlich gut Hebräisch – eine zugegebenermaßen doch nur in wenigen Bereichen sinnvoll einsetzbare Fähigkeit –, sodass ich bei meiner Studienwahl letztendlich bei den Jüdischen Studien gelandet bin. Eine Entscheidung, die ich bis heute nie bereut habe.

In Heidelberg habe ich dann, wie gesagt, Jüdische Studien an der Hochschule für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Heidelberg studiert. Zwischendurch war ich noch als Austauschstudent ein Jahr in Mailand, habe dort Philosophie studiert und Italienisch gelernt und mich schon bei meiner Magisterarbeit auf jüdische Ideengeschichte fokussiert. Danach wurde mir angeboten zu promovieren, ebenfalls mit dem Schwerpunkt Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkerinnen beschäftigt – auch ein Thema, auf das ich eher zufällig gestoßen bin. Über mehrere Ecken bin ich nach meinem M.A.-Abschluss in Sri Lanka gelandet und habe dort an der Uva Wellassa Universität Deutsch als Fremdsprache und Deutsche Geschichte unterrichtet. Da Sri Lanka eine buddhistisch geprägte Insel ist, habe ich mich gefragt, wie eigentlich deutsch-jüdische Denkerinnen und Philosophen auf den Buddhismus blicken, und bin so bei meinem Dissertationsthema gelandet. Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber trotzdem beschäftigt mich das Thema immer noch: 2022 hatten wir dazu ein Projekt an der University of Oxford gestartet und erst vor Kurzem habe ich einen Überblicksartikel zum Thema geschrieben: https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-51
Ich habe meine Promotionszeit als eine Periode großer Freiheit in Erinnerung. Ich hatte keine Stelle an der Universität, sondern habe mich mit Stipendien und Nebenjobs durchgeschlagen. Das war natürlich einigermaßen prekär und ich habe viel Zeit mit Bewerbungen verloren. Der Vorteil war aber: So konnte ich die fünf Jahre, die ich letztlich gebraucht habe, an ganz unterschiedlichen Orten verbringen: erst in Heidelberg, dann ein Jahr in Haifa, ein Jahr in Berlin und ein Jahr in Berkeley (USA) und anschließend, nach einer Station am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, in Gent (Belgien). Währenddessen habe ich meine Dissertation geschrieben; das war eigentlich eine sehr tolle Zeit.

Kurz bevor ich fertig war, bekam ich die Chance, nach Osnabrück zu kommen, um in einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekt an einer Biografie über Hermann Helfgott/Zvi Asaria zu arbeiten. So bin ich hier gelandet. Jetzt bin ich schon einige Jahre am Osnabrücker Historischen Seminar und kann mich mittlerweile mit Fug und Recht als Historiker bezeichnen. Nach dem Projekt zu Hermann Helfgott/Zvi Asaria bin ich seit 2021 als Alfred Landecker Lecturer an der Schnittstelle zwischen Migrationsgeschichte und Holocaustforschung tätig. Ich bin nach all den Jahren immer noch voll zufrieden, in einem so dynamischen und spannenden Umfeld arbeiten zu dürfen.
Wozu forschst Du gerade?

Ich forsche vorrangig zur jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zurzeit beschäftige ich mich intensiv mit jüdischer Migrationsgeschichte, besonders an der Schnittstelle von Holocaust- und Migrationsforschung. Meines Erachtens rückt ein migrationsgeschichtlicher Blick auf das 20. Jahrhundert – sowohl für die Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung als auch für die Nachkriegszeit – Aspekte in den Fokus, die bislang in der Forschung unterrepräsentiert sind. Gerade Migrationskonferenzen rücken hier in den Fokus. Wir forschen seit einigen Jahren ja zu Konferenzen, z.B. der Bermuda Konferenz im April 1943, als Ort an denen zentrale Kategorien des damaligen und auch heutigen Verständnisses von Migration gebildet werden. Seit 2024 gibt es ja in Osnabrück den Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration”, der Migration nicht als gegebenes Phänomen behandelt, sondern fragt, wie sie überhaupt hergestellt wird. Genau an dieser Stelle werden jüdische Geschichte und Holocaustforschung anschlussfähig. Wer zwischen 1933 und 1945 als ›refugee‹, als ›Staatenloser‹ oder nach 1945 als ›displaced person‹ galt, für den stand keine Verwaltungsformalie zur Debatte, sondern der Zugang zu Visa, Quotenplätzen, Unterstützungsleistungen und im Extremfall die Frage des Überlebens. Diese Figuren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden in Konsulaten, in Hilfsorganisationen und auf internationalen Konferenzen hergestellt. Der SFB spricht von ›Figuren‹ und von ›Infrastrukturen‹, und diese Begriffe passen erstaunlich genau auf mein Material.
Die Chance liegt für mich in beiden Richtungen. Die Holocaustforschung gewinnt ein analytisches Vokabular, mit dem sich Verfolgung und Flucht nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Produkt von Ordnungsarbeit beschreiben lassen. Der Verbund wiederum gewinnt historische Tiefe: Die Kategorien, mit denen heute über Migration entschieden wird, haben eine Vorgeschichte in den 1930er und 1940er Jahren und in der Nachkriegsordnung, die daraus hervorgegangen ist. Dass sich das hier nicht im Alleingang, sondern mit Geograph:innen, Soziolog:innen und Rechtswissenschaftler:innen an einem Tisch diskutieren lässt, ist ein Luxus, den es an vielen anderen Orten nicht gibt.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt seit einigen Jahren auf der Erforschung von Flucht und Fluchtnetzwerken während des Zweiten Weltkriegs, einerseits nach Süd- und Ostasien, und andererseits unter Einbeziehung humanitärer Fragestellungen. 2024 habe ich am United States Holocaust Memorial Museum in Washington einen zweiwöchigen Workshop zu diesem Thema mitorganisiert ; dieses Jahr bin ich Teil eines Teams, das eine internationale Tagung zu dem Thema The Age of Humanitarianism. Jewish and Other Global Migrations Between Empire and Decolonisation organisiert.
Warum bist Du gerne Historiker?

Ich glaube, es ist ein extremes Privileg, dass man – trotz der Gehetztheit des universitären Betriebs mit all seinen Macken – immer noch Raum findet, interessengeleitet zu forschen. Das Tollste an meinem Job ist eigentlich, dass ich sagen kann: Das interessiert mich, da möchte ich mal ein Buch drüber lesen und etwas drüber schreiben. Dass man sich immer wieder neue Wissensgebiete erschließen kann und sich durch Lektüre und Nachdenken selbst in dem gesammelten Wissen zu einem Gebiet positionieren kann, sich argumentativ eindenken kann und muss, ja, sich eigentlich in einen Diskurs einschreibt, all das mag ich sehr. Letztendlich ist das ja ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Es gibt, immer mehr zu erlesen, zu erlernen und zu erdenken.
Gleichzeitig mag ich, dass es eben nicht nur eine Vita contemplativa, sondern auch eine Vita activa mit immer neuen Herausforderungen ist. Natürlich sitze ich viel am Computer und beantworte E-Mails oder schreibe, aber trotzdem gibt es viel Abwechslung. Wenn dann noch die Lehre und die Organisation von Veranstaltungen dazukommen, dann stimmt das Bild vom Gelehrten in seinem stillen Kämmerchen, das man so oft mit den Geisteswissenschaften verbindet, nicht mehr. Und ständig muss ich Dinge zum ersten Mal machen, wie jetzt etwa eine semesterlange Vorlesung zur Geschichte der jüdischen Migration halten – also irgendetwas tun, was ich vorher noch nicht gemacht habe. Das ist auch immer wieder herausfordernd, aber dadurch auch nie eintönig. Ständig lerne ich neue Menschen kennen, erhalte neue Aufgaben und kann an neue Orte reisen. Deswegen: Augen auf bei der Wahl des Forschungsschwerpunkts! Durch meinen Schwerpunkt zum Buddhismus bin ich viel in Süd- und Ostasien unterwegs gewesen, durch meinen Fokus auf jüdische Geschichte oft in den USA und in Israel. Bis jetzt ist mir in all den Jahren als Historiker in Osnabrück oder anderswo noch nie langweilig geworden.
Welche Ratschläge würdest du Studierenden geben, die Historiker:innen werden wollen?

Lernt Sprachen, geht ins Ausland und lest Bücher – und damit meine ich nicht unbedingt nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch Belletristik. Warum ich Sprachen sage, ist klar: Als Historiker:in ist die Sprache das Instrument, mit dem wir uns ausdrücken müssen, und gleichzeitig auch unsere Grenze. Wofür wir keine Sprache haben, können wir Dinge nur schwer ausdrücken; gleichzeitig müssen wir auch Quellen und Texte lesen können, die nicht auf Deutsch sind. Und heutzutage müssen wir in der Wissenschaft sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch auf wissenschaftlichem Niveau argumentieren und publizieren können. Jede weitere Sprachkenntnis erweitert den Rahmen dessen, was wir verstehen können, erheblich.

Das Gleiche gilt für meinen zweiten Rat: Geht ins Ausland! Es geht nicht nur darum, dort idealerweise eine Fremdsprache zu lernen – darum natürlich auch –, sondern auch ein anderes universitäres System kennenzulernen und zu merken, dass es woanders anders läuft als in Deutschland. Ich denke, dass man sich dabei selbst besser kennenlernt, daran wächst und den eigenen Horizont erweitert – alles Dinge, die eine:n gute:n Historiker:in ausmachen. Wissenschaft ist heute global, deswegen müssen Wissenschaftler:innen bis zu einem gewissen Grad auch Weltbürger:innen sein.
Mein dritter Ratschlag: Bücher lesen. Klar, wissenschaftliche Bücher und Aufsätze, so viel wie möglich neben all den anderen Anforderungen des Alltags. Aber unbedingt auch schöne Literatur! Als Historiker:innen beschäftigen wir uns mit der Wirklichkeit. Aber, um es mit Robert Musil zu sagen: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Ich glaube, dass Literatur uns befähigt, diesen Möglichkeitssinn zu entwickeln und ein Gespür für die Kontingenz historischer Abläufe zu bekommen. Deswegen: unbedingt die Klassiker lesen, aber auch Gegenwartsliteratur.
Welche Interessen und Hobbys hast du außerhalb deiner Arbeit an der Universität?
Die Arbeit als Wissenschaftler:in ist schon zeitlich fordernd und man muss da schon mit Leib und Seele dabei sein. Meine Frau ist auch Wissenschaftlerin und wir haben zwei kleine Kinder (6 und 3 Jahre alt), da bleibt nicht mehr so viel Zeit für Anderes. Deswegen gilt: Freizeit ist bei mir Familienzeit. Ansonsten lese ich natürlich gerne – wenig überraschend –, koche auch viel und oftmals auch etwas aufwendiger. Sehr zur Enttäuschung meiner Kinder, die am liebsten immer nur Nudeln mit Tomatensoße essen wollen.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
TEAM NGHM (27. Juli 2026). INSIDE.NGHM | Sebastian Musch. NGHM@UOS. Abgerufen am 11. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16mfq