Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes

(Foto: Jessica Wehner)

Das jüngste Tiny-Desk-Kolloquium der Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung versammelte unter Leitung von Dr. Sebastian Musch fünf Beiträge, die von der westdeutschen Nachkriegsjustiz über die digitale Public History bis zur Geschichtspolitik internationaler Organisationen reichten. Trotz ihrer thematischen Heterogenität teilten die Beiträge ein gemeinsames Interesse: die Frage, wie Kategorien, Narrative und Zuschreibungen historisch hergestellt werden.


Einmal in jedem Semester bietet die Professur für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung mit diesem Format die Gelegenheit, Abschlussarbeiten, Forschungsperspektiven und Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Das TDK-Format führt dabei fünf bis sechs Referent:innen zu 15-minütigen Kurzvorträgen mit knapper Fragerunde zusammen, die ganze Veranstaltung dauert weniger als drei Stunden.



Glaubwürdigkeit und die Kategorie »kriminell« in NS-Prozessen

(Foto: Jessica Wehner)

Im ersten Vortrag stellte Lennart Blömer Befunde aus seiner Bachelorarbeit vor, in der er ein Verfahren der westdeutschen Nachkriegsjustiz zum Strafvollzug im Nationalsozialismus untersuchte. Dabei rückte er die prozessuale Konstruktion von Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit, so der Befund, wurde systematisch demjenigen zugeschrieben, dessen Aussage das gewünschte Narrativ stützte. Der Fall fügt sich in das strukturelle Problem der »wilden Urteile« der frühen Bundesrepublik ein, ohne dass sich daraus eine generelle Aussage über den strategischen Einsatz von Zeugenaussagen in NS-Prozessen ableiten ließe. Die Untersuchung arbeitete zugleich heraus, wie stark die Zuschreibung »kriminell« von unterschiedlichen rechtlichen und zeitlichen Kontexten abhing, etwa der Kategorie des »Berufsverbrechers« nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz von 1934, und verwies auf weitere Verfahren zur Strafanstalt Celle als Anschlussperspektive.

In der Diskussion wurde die Ausdifferenzierung des Kriminalitätsbegriffs vertieft, ebenso die Frage nach Klasse und sozialer Stigmatisierung; deutlich wurde dabei, dass die nach dem Gewohnheitsverbrechergesetz Inhaftierten bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt sind.

Die digitale Ausstellung zum Vareler »Altersheim« für Displaced Persons

(Foto: Jessica Wehner)

Stellvertretend für eine Gruppe von Studierenden der Universität Osnabrück stellten im Anschluss Lea Horstmann und Jannik Singer die im April eröffnete digitale Ausstellung zum größten europäischen »Altersheim« für Displaced Persons vor, das zwischen 1950 und 1959 auf einem ehemaligen Kasernengelände in Varel bestand und aus einem über mehrere Semester angelegten Projektseminar von Dr. Sebastian Huhn in Kooperation mit dem Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel hervorging. Im Zentrum standen weniger der Inhalt der Ausstellung als das »Making of«: die systematische Digitalisierung und Auswertung der im Archiv des Heimatvereins verwahrten Meldekartei mit über 1.450 Personen, die redaktionelle Zusammenführung sehr heterogener Texte von Studierenden und Schüler:innen sowie die Möglichkeiten, die das digitale Format gegenüber einer klassischen Ausstellung eröffnet: geringe Kosten, permanente Korrigierbarkeit und Erweiterbarkeit. Vorgestellt wurde auch eine im Kontext einer Digital-History-Übung entstandene WebApp, die die Geburtsorte und Migrationswege der Bewohner:innen auf einer animierten Karte visualisiert und so die Datengrundlage zugänglich macht.

Die erarbeitete Ausstellung im Rahmen des Projektes ist seit April unter displacedpersonsvarel.nghm-uos.de besuchbar.

Die Diskussion kreiste um den schmalen Grat zwischen quellengetreuer Genauigkeit und ansprechender Vermittlung, insbesondere bei der Kartendarstellung, die Zwischenstationen der Verfolgung notwendig vereinfacht, sowie um Fragen des Datenschutzes, die durch die Publikation der Namen in den Arolsen Archives teilweise vorentschieden waren.

Displaced Persons als Studierende an der Universität Göttingen

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Maria Rhode (Universität Göttingen) präsentierte im ersten wissenschaftlichen Vortrag unter dem Titel »Unter besonderen Bedingungen« Ergebnisse eines Ausstellungsprojekts zu Displaced Persons, die ab 1945 in Göttingen studierten. Die besondere Quellengrundlage bildet die Questur der Universität, die die DP-Studierenden ab dem Sommersemester 1946 gesondert verzeichnete, sodass sich rund 460 Studierende mit DP-Status rekonstruieren lassen, deren nationale Zusammensetzung, Fächerwahl und Wohnsituation Rode differenziert nachzeichnete. Sie betonte die semantische Trennung zwischen der empathisch besetzten deutschen »Vertreibungsgeschichte« und der lange marginalisierten DP-Geschichte und plädierte dafür, Überlieferungslücken explizit zu machen, statt sie zu übergehen.

In der Diskussion wurde auf die Übereinstimmung der nationalen Verteilung mit den von Henning Borggräfe für die IRO nachgewiesenen Mustern hingewiesen sowie auf ergänzende Bestände wie die Review-Board-Files, die Personen an den Rändern des DP-Status sichtbar machen.

Das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. David Templin (SFB 1604, Teilprojekt C1) verschob den Fokus ins späte 20. Jahrhundert und stellte eine Fallstudie zum 1989 gegründeten Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMkA) vor, verortet in der Frage nach der Bedeutung der kommunalen Ebene für die Entwicklung lokaler Migrations- und Integrationspolitiken. Templin skizzierte die »eigentümlich breite Koalition« der Multikulturalismus-Debatte, ordnete das AMkA zwischen Anerkennungspolitik, Kulturalisierung und Symbolpolitik ein und zeigte anhand des Quellenmaterials, wie das Amt über bilaterale Kontakte, bundesweite Vernetzung mit Ausländerbeauftragten und eine europäische Konferenz von 1991 versuchte, ein Gegengewicht zur restriktiven Bundespolitik zu bilden, während sich seine Kompetenzen in der kommunalen Praxis als begrenzt erwiesen.

Die Diskussion fragte nach der Semantik der Benennung als »Amt« im Unterschied zum »Zentrum«, nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus in der Begriffsprägung sowie nach der linken Kritik am Multikulturalismus, die vor allem dessen kulturalisierende Ausblendung struktureller Ungleichheit ins Visier nahm.

Das »gefährliche Archiv«: die verhinderte Geschichte der IRO

(Foto: Jessica Wehner)

Dr. Sebastian Huhn stellte abschließend eine gemeinsam mit Christoph Rass entwickelte Projektskizze zum Gründungsnarrativ des modernen internationalen Flüchtlingsregimes vor. Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Befund aus den IRO-Beständen der Archives nationales in Paris: Die zunächst von der History Unit erarbeitete offizielle, bereits bei Oxford University Press zugesagte dreibändige Geschichte der IRO wurde 1953 auf Einspruch der USA hin gestoppt, das Team entlassen und die Aufgabe an Louise Holborn übertragen, deren 1956 erschienenes Werk seither als unhinterfragtes Referenzwerk fungiert. Mit Michel-Rolph Trouillot deutete Huhn diesen Vorgang als »Silencing of the Past« in Reinform und hob hervor, dass mit dem unveröffentlichten Hacking-Manuskript eine verhinderte Gegenerzählung für einen quellenkritischen Vergleich vorliegt.

Die Diskussion verband dies mit korpuslinguistischen Verfahren des Textvergleichs, mit denen sich Fortschreibungen, Umdeutungen und Auslassungen zwischen den Versionen systematisch nachweisen lassen, und richtete den Blick auf die noch offene Frage nach Warrens eigentlichen Motiven sowie auf die auffällige Semantik der Buchtitel zwischen geschichtswissenschaftlichem Anspruch und Rechenschaftsbericht.

Die Organisator:innen und Referent:innen des sechsten Tiny Desk Kolloquiums (v.l.n.r.: Lennart Blömer, Christoph Rass & Jessica Wehner (Organisation), David Templin, Maria Rhode, Sebastian Musch (Moderation) und Sebastian Huhn, es fehlen Lea Horstmann und Jannik Singer) (Foto: Annika Heyen)

Zur nächsten Ausgabe des Tiny Desk Kolloquiums laden wir Ende des Wintersemesters 2026/2027 ein!


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
TEAM NGHM (6. Juli 2026). Bericht | Sechstes Tiny Desk Kolloquium: Displaced Persons, städtische Migrationspolitik und die Historiographie des Flüchtlingsregimes. NGHM@UOS. Abgerufen am 12. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16imf


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