4. Alfred-Landecker-Lecture mit Samantha K. Knapton (University of Nottingham)
Als Pierre Seel, nach Lager und Wehrmacht 1945 ins Elsass zurückgekehrt, Jahrzehnte später über seine Befreiung schrieb, formulierte er einen ernüchternden Befund: Die wahre Befreiung habe nur den anderen gegolten, nicht ihm. Seel war als homosexueller Mann denunziert, verfolgt, interniert und zum Schweigen gebracht worden. Seine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung blieb zu Lebzeiten aus. Genau an diesem Bruch zwischen einem Kriegsende, das Befreiung verspricht, und einer Nachkriegsordnung, die fortgesetzte Verfolgung organisiert, setzt der Vortrag von Samantha Knapton an.
In der von Sebastian Musch eröffneten und gemeinsam mit dem IMIS und dem SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ ausgerichteten vierten Alfred-Landecker-Lecture entwickelte die Historikerin aus Nottingham, deren erste Monographie den polnischen ›Displaced Persons‹ im britisch besetzten Deutschland gilt (Knapton 2023), ein analytisches Konzept, das sie ›twice displaced‹ nennt. Der Vortrag entfaltete es in drei Bewegungen: einer begriffskritischen Bestimmung des doppelten ›Displacement‹, einer methodischen Reflexion über die Lesbarkeit queerer Geschichte im Archiv und einer mikrohistorischen Vertiefung am Fall Seel.

Die erste These ist zugleich eine Leerstelle: Eine Geschichte des queeren ›Displacement‹ in der unmittelbaren europäischen Nachkriegszeit existiert bislang kaum. Knapton füllt diese Lücke nicht nur durch das Auffinden bislang ungelesener Quellen, sondern durch eine begriffliche Operation. ›Twice displaced‹ meint, dass jene, die zugleich queer und von ›Displacement‹ betroffen waren, mit dem Kriegsende keineswegs an ein Ende ihres ›Displacement‹ gelangten. Die Rekonstruktionsordnung der späten 1940er und 1950er Jahre, von Zeitgenossen als Projekt einer ›Re-Zivilisierung‹ der Gesellschaft gerahmt, schloss sie ein zweites Mal aus: diesmal nicht aus einem Territorium, sondern aus der Anerkennung und aus dem eigenen Leben. Die 1950er Jahre, das ›straighteste‹ Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, errichteten eine Normalität, in der für queere Überlebende kein Ort vorgesehen war. Ihr ›Displacement‹ war also nicht allein physischer Natur, sondern verstetigte sich als dauerhafter Ausschluss aus den früheren Biografien.
Die zweite These betrifft das Archiv und trifft den Kern unserer eigenen methodischen Debatten in der historischen Migrationsforschung. Geschichten queeren ›Displacement‹ sind, so Knapton, nicht abwesend, sondern unlesbar: nicht, weil die Quellen fehlen, sondern weil die übliche empiristische Lektüre an ihnen scheitert. In den Akten erscheinen die Betroffenen als Kategorie der Repression: als ›asozial‹ oder ›politisch‹ in den Verzeichnissen der Konzentrationslager, als Devianz in medizinisch-psychologischen Gutachten, als Kuriosum oder Straftatbestand in den Unterlagen humanitärer Organisationen, alliierter Besatzungsbehörden und arbeitsmarktpolitischer Programme. Eine Bergung dieser Geschichten verlangt daher dreierlei: die ›Stimmen in der Mitte‹ (Fürsorgepersonal, Verbindungsoffiziere), die Rekonstruktion physischer Trajektorien und eine kulturhistorische Relektüre fast jeder Quelle. Wer diese Akten allein nach dem Maßstab klassischer Empirie behandelt, übt nach Knapton eine Form ›epistemischer Gewalt‹. Vielmehr gelte es, eine fragmentarische, lückenhafte und frustrierende Geschichte auszuhalten, eine Haltung, die sie mit Žižek als ›enthusiastische Resignation‹ beschreibt: Wir werden keine lineare Erzählung gewinnen, dürfen uns aber gleichwohl nicht aus dem Archiv zurückziehen.
Besonders prägnant wird die These dort, wo sie die Produktion administrativer Kategorien sichtbar macht. Der Status ›Displaced Person‹ war ein Eligibilitätsartefakt: kriegsbedingt displaced, nicht aus ehemaligem Feindgebiet stammend, anspruchsberechtigt gegenüber der internationalen Hilfe. Viele queere Verfolgte erreichten die Lager gar nicht erst, weil der nicht aufgehobene §175 sie weiter in Haft hielt. Die Alliierten setzten diesen Paragraphen nach 1945 nicht außer Kraft, sondern lasen ihn als Kontinuität des deutschen Strafrechts und verfolgten weiter auf dieser Grundlage bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, die den staus quo ebenfalls fortschrieben. Deutlich wird damit: Das Ausbleiben queerer Verfolgter in den ›DP‹-Lagern ist keine empirische Lücke, sondern ein Produkt der Kategorie selbst.

Am dichtesten verdichtet Knapton ihr Argument im Fall Pierre Seels. Als Sechzehnjähriger meldet Seel den Diebstahl einer Taschenuhr und gerät, weil der Tatort als queerer Treffpunkt bekannt ist, auf eine polizeiliche Liste. Nach der Annexion des Elsass und der Anwendung des §175 wird er 1941 von der SS verhaftet, gefoltert und im Lager Schirmeck interniert; dort wird sein Geliebter Jo vor seinen Augen ermordet, ein Ereignis, das sein Erinnern fortan organisiert. Seine Freilassung bindet das Regime an zwei Bedingungen: Schweigen und deutsche Staatsangehörigkeit. Als zwangsweise Eingebürgerter wird Seel in die Wehrmacht gezogen, ein ›Malgré-nous‹, dessen Erinnerungslücken an der Ostfront bis heute Fragen nach Täterschaft offenhalten. Erst in den frühen 1980er Jahren, angestoßen durch Heinz Hegers ›Die Männer mit dem rosa Winkel‹, bricht er sein Schweigen. Anerkennung durch den französischen Staat als wegen seiner Homosexualität Deportierter erhält er nie. Seel stirbt 2005, nach eigenem Verständnis staatenlos.
Knapton rahmt diesen Fall mit zwei Bezugspunkten, die auch unsere Diskussion trugen. Joanna Ostrowska zeigt für den polnischen Kontext, wie ›Zahl, Nationalität und Gewalt‹ mobilisiert werden, um queere Geschichten als nicht erzählenswert zu markieren, bis hin zur Umetikettierung ihrer eigenen Forschung als Soziologie oder Anthropologie, die der queeren Vergangenheit gerade die historische Existenz abspricht. Anna Hájková wiederum macht mit ihrem Konzept der ›historical citizenship‹ die Zeugenschaft zum konstitutiven Akt: Wer bezeugt, wird Bürger:in der Geschichte. Beide Perspektiven verschieben die Frage von der Quellenlage zur Lektüre, und beide treffen damit ein Anliegen, das die NGHM, das IMIS und der SFB 1604 teilen: die langfristigen, oft transgenerationalen Folgen erzwungener Mobilität gerade für marginalisierte Gruppen ernst zu nehmen.
Was Knapton vorführt, ist weniger ein abgeschlossener Befund als ein Programm. Ob ›Displacement‹ für beide Bewegungen, die kriegsbedingte Deportation und die nachkriegszeitliche soziale Schließung, denselben analytischen Dienst leistet, bleibt produktiv offen, ebenso wie die Frage, welches Kriterium eine disziplinierte Rekonstruktion vom Hineinlesen ins Schweigen scheidet. Gerade Seels Fall, Opfer und mögliches Werkzeug zugleich, ist die härteste Probe auf diese Methode. Wer solche Akten liest, als verlangten sie nichts als empirische Gewissheit, vergisst die Verfolgten ein zweites Mal.

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Christoph Rass (9. Juni 2026). ›Twice Displaced‹: Queeres ›Displacement‹ im Europa der Nachkriegszeit, Vortrag vom 4. Juni. NGHM@UOS. Abgerufen am 12. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16d5m
