Was lässt sich aus den Worten eines friaulischen Müllers über die Welt des späten 16. Jahrhunderts lernen, und warum gerade aus seinen? Carlo Ginzburgs Der Käse und die Würmer, der achte Titel der NGHM-Leseliste, ist einer der klassischen Texte der Mikrogeschichte und stellt diese Frage so konsequent, dass das Buch das Profil dieses Forschungsansatzes maßgeblich geprägt hat: der Microstoria.

In der Nacht zum 17. Juni 2026 ist Carlo Ginzburg in Bologna gestorben, im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verliert die Geschichtswissenschaft einen ihrer einflussreichsten und international am breitesten gelesenen Vertreter. Dieser Eintrag in unserer Literaturliste liest sich nun anders. Was als Lektürehinweis zu einem methodischen Klassiker gedacht war, wird auch zum Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Forschung: von der ersten Friaul-Studie (1966) bis zu Il vincolo della vergogna, das Ginzburg noch im Februar 2026 in Bologna vorstellte.
Beginnen wir mit einer Szene aus dem Archiv. Im Sommer 1962 stößt ein junger Historiker im Inquisitionsarchiv der erzbischöflichen Kurie in Udine in einem von einem lokalen Inquisitor angelegten Index auf den Namen eines Müllers: Domenico Scandella, genannt Menocchio, geboren 1532 im Friaul, zweimal vor das Heilige Offizium gestellt, schließlich als Häretiker hingerichtet. Der Historiker notiert sich den Fall, lässt ihn liegen, kehrt zu anderen Themen zurück. Erst Jahre später nimmt er die Akten wieder auf. 1976 erscheint bei Einaudi in Turin ein schmales Buch, das die Geschichtswissenschaft verändert. Carlo Ginzburg, geboren 1939 in Turin, ist zu diesem Zeitpunkt Dozent in Bologna. Dort wird er in den Jahren nach 1970 in Debatten über das Verhältnis von Volkskultur und gelehrter Hochkultur hineingezogen: der unmittelbare Kontext der Studie.
Ginzburg studierte an der Scuola Normale Superiore in Pisa, wo er 1961 abschloss, und lehrte ab den 1970er Jahren an der Universität Bologna, bevor er 1988 als Franklin D. Murphy Professor of Italian Renaissance Studies an die UCLA wechselte und 2006 nach Pisa zurückkehrte. Lehrtätigkeiten an amerikanischen Universitäten, unter anderem in Harvard, Yale und Princeton, ergänzten diesen Weg.
Auch die Familienbiographie wirkt in das Werk hinein: Sein Vater Leone Ginzburg, eine Schlüsselfigur des antifaschistischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung Italiens, starb im Februar 1944, in den Händen der Gestapo, an den Folgen der Folter im römischen Gefängnis Regina Coeli. Ginzburgs Mutter, Natalia Ginzburg, wurde zu einer der einflussreichsten italienischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Seine erste Friaul-Studie, I benandanti von 1966, hatte Ginzburg bereits in das Feld frühneuzeitlicher Volksreligiosität geführt. Mit Menocchio fand er einen Fall, der die offene Frage dieses Feldes auf eine eigene Weise bündelte: ob und wie sich die kulturelle Welt der Sprach- und Schriftlosen rekonstruieren lässt, wenn die einzigen Quellen Verhörprotokolle ihrer Verfolger sind.
Das Buch wählt einen ungewöhnlichen Weg. Statt mit einer methodischen Programmatik beginnt Ginzburg mit Brechts Gedicht vom ›lesenden Arbeiter‹, ein Vorzeichen dafür, dass die Studie eine politische Frage ist, bevor sie eine methodische wird: Wer hat in den überlieferten Archiven der Macht eine Stimme, und wer nicht?

Im Zentrum des Buches stehen zwei Inquisitionsverfahren von 1583/84 und 1599 gegen den lesefähigen Müller. Aus den Verhörprotokollen rekonstruiert Ginzburg eine häretische Kosmogonie, derzufolge Welt, Engel und Gott aus einem chaotischen Urstoff spontan entstanden seien, analog zur Würmerbildung im Käse. Diese Kosmogonie ist weniger Menocchios geschlossene Lehre als Ginzburgs Lesart fragmentarischer, im Verhör erpresster Aussagen: Im Protokoll von 1584 erläutert der Müller, alles sei zunächst ein Chaos aus Erde, Luft, Wasser und Feuer gewesen, aus dessen Wirbel eine Masse entstanden sei, vergleichbar der Bildung des Käses aus der Milch, in der wiederum Würmer erschienen seien, und diese seien die Engel gewesen. Ginzburg gleicht diese und andere Aussagen systematisch mit den Büchern ab, die Menocchio nachweislich gelesen hatte, etwa der Bibel in der Volkssprache, Boccaccios Decameron und den Reisen des Sir John Mandeville, und arbeitet aus den Verschiebungen, Fehl- und Überinterpretationen ein eigenständiges bäuerliches Weltbild heraus. Daraus entwickelt er seine vielleicht weitreichendste und zugleich umstrittenste These: die Annahme einer beharrlichen, von der gelehrten Hochkultur weitgehend unabhängigen bäuerlichen Kultur mit materialistischen Zügen, die durch Buchdruck und Reformation Sprache und Resonanzraum erhielt, ohne in den gelehrten Häresien aufzugehen.
Methodisch verschränkt sich das Buch mit der Programmatik der Microstoria: der Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabs und der Aufmerksamkeit für den Einzelfall, der Strukturen sichtbar macht, die im Aggregat unsichtbar bleiben. Die dafür oft bemühte Formel vom ›eccezionale normale‹, der ›normalen Ausnahme‹, geht nicht auf Ginzburg zurück, sondern auf Edoardo Grendi (1977); sie bezeichnet eine Denkfigur der gesamten mikrohistorischen Debatte. Diese Debatte war ein kollektives Unternehmen: Sie verdichtete sich um die Zeitschrift Quaderni storici und um die von Giovanni Levi und Ginzburg betreute Einaudi-Reihe ›Microstorie‹. Die Wirkung war international: Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in einer Reihe mit Le Roy Laduries Montaillou diskutiert. Peter Burke, Natalie Zemon Davis, Roger Chartier und Robert Darnton zählen zu den prominentesten Rezipient:innen.
Allerdings setzte auch die Kritik früh an. Paola Zambelli warf Ginzburg in zwei Aufsätzen, Uno, due, tre, mille Menocchio (1979) und From Menocchio to Piero della Francesca (1985), eine zu weitreichende Generalisierung des Einzelfalls vor: Lasse sich aus einem extrem fragmentierten Universum häretischer und devianter Lehren überhaupt ein repräsentatives Weltbild gewinnen? Brigitta Bernet hat in einer Relektüre für Geschichte der Gegenwart gezeigt, dass das Buch zugleich an die politischen Horizonte des linksintellektuellen Italiens der 1960er und 1970er Jahre rückgebunden werden kann und damit weniger ›unschuldig‹ ist, als seine methodische Selbstbeschreibung nahelegt. 1990 besorgte Andrea del Col mit Domenico Scandella detto Menocchio. I processi dell’Inquisizione (1583–1599) eine kritische Edition der zugrunde liegenden Inquisitionsakten bei den Edizioni Biblioteca dell’Immagine in Pordenone. Seitdem ist Ginzburgs Quellenarbeit erstmals breit überprüfbar.
Wer in den vorherigen Beiträgen dieser Reihe Trouillots Frage gefolgt ist, an welchen Stellen der historiographischen Produktion Schweigen erzeugt wird, findet bei Ginzburg eine andere Antwort auf eine verwandte Frage: Inquisitionsakten sind das Archiv einer Verfolgungsmaschinerie, aber gerade ihre detektivische Lektüre, gegen den Strich, kann Stimmen hörbar machen, die die Apparatur eigentlich zum Schweigen bringen sollte. Methodisch verbindet das Buch sich auch mit dem Forschungsprogramm des Osnabrücker SFB 1604 ›Produktion von Migration‹ und unserem Ansatz ›Negotiating Migration‹. Beide behandeln prozessgenerierte Quellen wie Verwaltungsakten, Verhörprotokolle und Registrierungen als zugleich verzerrende und unverzichtbare Zugänge zu den Stimmen subalterner Akteur:innen.
Dieses Lesen gegen den Strich war bei Ginzburg kein Einzelfall, sondern Methode. Der Käse und die Würmer steht nicht für sich, sondern für ein Erkenntnisverfahren, das Ginzberg 1979 auf den Begriff brachte: das ›paradigma indiziario‹, das Indizienparadigma, demzufolge sich historische Wirklichkeit weniger aus Gesetzmäßigkeiten als aus Spuren, Symptomen und unscheinbaren Details erschließt, die der detektivische Blick zu lesen lernt. Von den ›benandanti‹ (1966) über Menocchio bis zu Storia notturna (1989), seiner viel diskutierten ›Entzifferung‹ des Hexensabbats, blieb dieses Verfahren der rote Faden: das Kleine als Zugang zum Großen, das Anomale als Fenster in die Struktur. In seinen späteren Arbeiten richtete Ginzburg den Blick zunehmend auf die Bedingungen historischer Erkenntnis selbst: auf Distanz und Verfremdung als Erkenntnismittel (Occhiacci di legno, 1998) und auf das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und Fiktion (Il filo e le tracce, 2006), das er bis zuletzt gegen einen bequemen Relativismus und gegen die politischen Indienstnahmen der Geschichte verteidigte. Die internationale Resonanz seines Werks, dessen Bücher in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt vorliegen und das mit Auszeichnungen vom Aby-Warburg-Preis (1992) bis zum Balzan-Preis (2010) bedacht wurde, gründete dabei stets in derselben unbequemen Überzeugung: dass die Wahrheit existiert, ihre Rekonstruktion aber Arbeit verlangt, gerade an den Rändern der Überlieferung.
Im Sommersemester 2026 wird Ginzburgs Müller auch in der Osnabrücker Lektüreübung von Prof. Dr. Christoph Mauntel zur geschichtswissenschaftlichen Grundlagenliteratur gelesen, was darauf hindeutet, dass dieses Buch weit über die Sozialgeschichte hinaus als methodisches Grundlagenwerk gilt. Später in dieser Reihe wird mit Joan Wallach Scott eine Autorin folgen, deren Frage nach Repräsentation und analytischer Kategorie das Problem der Stimme noch einmal verschiebt.
Was bleibt, ist eine Verschiebung des Maßstabs: Die Größe einer historischen Frage misst sich bei Ginzburg nicht am Umfang ihres Gegenstandes, sondern an der Genauigkeit, mit der ein Einzelfall die Strukturen seiner Welt lesbar macht.
Osnabrücker Studierende finden Ginzburgs Der Käse und die Würmer im B-Freihand-Magazin unter der Signatur 6150-953 7 (OPAC).
Carlo Ginzburg (geb. 1939), Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Frankfurt am Main: Syndikat 1979 (italienische Erstausgabe: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio del ’500, Turin: Einaudi 1976).
Dieser Beitrag gehört zur Reihe NGHM liest, in der die 65 Titel der NGHM-Leseliste vorgestellt werden. Die Liste kann als Wissensgraph erkundet werden.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Christoph Rass (22. Juni 2026). NGHM liest | 08 | Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer (1976). NGHM@UOS. Abgerufen am 13. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16fug